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Best of Outdoor: Scala für Wanderer

Thomas Widmer am Freitag, den 1. August 2014

Liebe Leserinnen und Leser, in den Sommerferien erlauben wir uns einen Blick zurück und präsentieren Ihnen einige unserer Highlights aus dem vergangenen Jahr. Viel Vergnügen! Die Redaktion.

Folgender Beitrag, eine Wanderung zum Fil de Cassons über Flims GR, ist von Thomas Widmer, Erstpublikation: 23. August 2013.

Wir sind dem Flimserstein dankbar, dass er vor mehr als 10'000 Jahren einen Teil seiner selbst preisgab. Es war ein Riesenbergsturz. Der Vorderrhein wurde zugeschüttet, musste sich freikämpfen und schuf dabei die Ruinaulta-Schlucht – wer mit der Bahn von Chur nach Ilanz reist, freut sich jedesmal über das Schauspiel mürben Kalks, die Pfeilerchen in den Erosionshängen, den Schlängelfluss mit den Kanuten.

Der Bergsturz vom Flimserstein

Der Flimserstein selber ist auch ein grosses Wanderziel. Wie eine gestauchte Schachtel hockt er im Gelände, die Oberfläche schräg abfallend und auf allen Seiten begrenzt durch jähe Wände. Zuoberst gibt es den Grat Fil de Cassons und auf diesem eine Seilbahn. Ihr strebte ich eines schönen Tages zu.

Die Sache begann mit einer Busfahrt: von Flims Post hinauf nach Bargis. Zum Weilerchen Fidaz, das wir passierten, ist eine traurige Begebenheit am Ostermontag 1939 zu nennen. Damals ereignet sich auch ein Bergsturz vom Flimserstein her; ein Kinderheim wurde verschüttet, 13 Kinder und fünf Erwachsene starben.

In «Fidaz, Pinut» stiegen junge, alpin gerüstete Leute aus. «Pinut» heisst eine Terrasse in der Flanke des Flimsersteins samt dem zugehörigen alten Klettersteig. Unsereins blieb sitzen und freute sich, als Bargis erreicht war. Vom Berghaus gleichen Namens erstreckt sich ein Hochtal weit und paradiesisch.

Wo der Abgrund lauert

Ich sah gleich sofort, was mich erwartete: Eine lange Linie zog sich vor meinen Augen durch die abweisende Wand des Flimsersteins. Die Einheimischen nennen es «scala», Treppe. Aus der Nähe erwies sich der Weg als breiter, mit Steinen ausgepflasterter Komfortsteig. Rechterhand lauerte zwar der Abgrund, doch machten ihn Büsche grossteils unsichtbar, auch war ein Drahthag angebracht. Nein, Angst muss man auf der Scala nicht haben und kann den Blick ins immer tiefer zurückbleibende Bargis-Tal geniessen. Irgendwann sah ich auch den Ringelspitz, den höchsten St. Galler.

Auf Tegia Gronda wechselte das Szenario: Alpweiden statt Fels. Ich passierte die Milchseilbahn, die demnächst hundert Jahre alt wird und, wie ihr Name es sagt, für die Abfuhr der Alpmilch eingerichtet wurde. Vor mir hatte ich nun die schräge Ebene zum Cassonsgrat. Irgendwann musste ich entscheiden: via Mutta Bella hinauf zur Seilbahn oder in der Direttissima? Ich entschied mich für die Direktvariante, gewann genüsslich Höhe, querte Schneefelder, grinste über die paranoiden Murmelipfiffe, kam an eine Kante, hatte direkt zu meinen Füssen die Alpen von und um Naraus. Und die kleine rote Seilbahn schwebte vorbei.

Dann war ich oben. Freilich ist oben in diesem Fall nicht oben. Von der Seilbahn-Bergstation muss man unbedingt zehn Minuten weitergehen. Ich kam auf einen flachen Rücken von schütterem Gras und Geröll, spazierte auf der alpinen Promenade vorwärts und hatte nun eine gewaltige Sicht. Die Gipfel der Surselva drängelten am Horizont um einen Platz für die Ewigkeit. Besonderen Eindruck machten ganz nah die Tschingelhörner, die ich in dieser Kolumne schon mit Hexenhüten verglich. Ich verharrte, schaute, fotografierte. Endlich ging ich doch zurück zur Seilbahn, gondelte hinab nach Naraus, ass ein Cordonbleu der Sonderklasse und fuhr mit der Sesselbahn weiter via Foppa nach Flims. Dessen Stein muss man bestiegen haben. Und die Scala ist eine unvergessliche Sache.

***

Route: Berghaus Bargis (Bus ab Flims Post) - Scala - Tegia Gronda - Abzweiger mit zwei Varianten: zur Cassons-Bergbahn via Mutta Bella oder direkt - Cassons-Bergbahn/Fil de Cassons.

Gehzeit: 3 1/2 Stunden. Plus circa 20 Minuten für den Abstecher von der Bergbahn zum höchsten Punkt und retour mit grosser Aussicht.

Höhendifferenz: 1100 Meter aufwärts.

Wanderkarte: 247 T «Sardona», 1: 50 000.

Charakter: Zweigeteilt. Von Bargis Aufstieg durch die Scala auf einem breiten Steig, einem alten Kulturpfad. Er ist gut gesichert, man hat aber Tiefblick auf das Tal von Bargis. Hernach ab Tegia Gronda eine leichte Bergwanderung über Alpböden zum Fil de Cassons.

Höhepunkte: Das Hochtal von Bargis. Die grandiose Scala durch die Steilwand. Der Rundblick von der Promenade oberhalb der Cassons-Seilbahn. Die skurrilen Tschingelhörner.

Kinder: Machbar, da nicht zu lang. Auf der Scala muss man die Kinder beaufsichtigen.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: Auf dem Cassonsgrat gibt es ein einfaches Restaurant. Mehr Auswahl hat man eine Ebene tiefer auf Naraus, wo man von der Seilbahn auf den Sessellift wechselt.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

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Best of Outdoor: Ein Leben in Schwarz und Weiss

Jürg Buschor am Donnerstag, den 31. Juli 2014

Liebe Leserinnen und Leser, in den Sommerferien erlauben wir uns einen Blick zurück und präsentieren Ihnen einige unserer Highlights aus dem vergangenen Jahr. Viel Vergnügen! Die Redaktion.

Folgender Beitrag ist von Jürg Buschor, Erstpublikation: 5. Dezember 2013.

BIKEN, MOUNTAINBIKE, RIGI, HERBST, HERBSTWETTER, VORALPEN, ALPEN, INNERSCHWEIZ,

Für gewisse Wanderer das Feindbild schlechthin: Mountainbiker am Berg, hier auf der Rigi. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone).

Walter und seine Frau sind nicht bekannt für eine differenzierte Betrachtung ihrer Umwelt. Sie sehen die Welt in Schwarz und Weiss. Für sie ist klar – wer Grautöne beschreibt, dem fehlt ganz einfach der Mut für einen klaren Stellungsbezug. Ihre Ansage liess deshalb keinen Zweifel – als Fussgänger bräuchten sie auf dem Fussweg keinen Platz zu machen für Mountainbiker. Egal wie freundlich diese auch grüssen mochten. Sie erklärten mir das in einer Ernsthaftigkeit, die mich daran zweifeln liess, dass sie sich bewusst waren, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Entweder sie ignorierten meine Tätigkeit als Mountainbike-Publizist oder sahen mit einer gewissen Grosszügigkeit darüber hinweg, weil wir gerade bei einem Glas Wein zusammensassen und zuvor über Gott, die laufende Pilzsaison und Fliegenfischen lamentiert hatten.

Ich nahm mehrheitlich die Rolle des Zuhörers ein, weil mir neben dem Mountainbiken höchstens noch Zeit für den Verzehr von Pilzen und Fischen blieb, nicht jedoch, um sie zu suchen oder zu fangen. Einen Moment lang zögerte ich. Sollte ich den beiden wirklich zu erklären versuchen, dass nicht alle Mountainbiker gleich sind? Dafür kannte ich sie schon zu lange. Ich liess es sein und schenkte noch etwas Wein nach. Mit 65 würden Walter und seine Frau ihre vorgefassten Meinungen voraussichtlich nicht mehr ändern. Schwarz und weiss.

Mountainbiker auf Wanderwegen

Das Thema Mountainbike hatten sie selber angeschnitten, weil sie gerade ein paar Tage in ihrer Ferienwohnung auf der Lenzerheide verbracht hatten. Sie hatten sich darüber aufgeregt, dass Mountainbiker sich erdreistet hatten, auf Wanderwegen zu fahren. «Jetzt haben sie denen doch extra Mountainbikepisten gebaut von der Station Scharmoin, und trotzdem fahren die Deppen auch am Piz Scalottas auf all den Wanderwegen herum», echauffierte sich Walter und trank noch einen Schluck Wein. Zu differenzieren lag ihm fern. Entweder man war zu Fuss oder mit dem Mountainbike unterwegs. Schwarz oder weiss.

Dass die Unterschiede zwischen einem Downhill-Mountainbiker und einem Touren-Mountainbiker in etwa so gross sind wie zwischen einem Fliegen- und einem Steinpilz, das war ihm natürlich entgangen. Er hatte eine gewisse Routine darin, seine Meinung auch in Unkenntnis der Materie zu bilden. Am liebsten hätte er alle Biker auf den Abfahrtpisten am Fuss des Rothorns zusammengepfercht, und damit wäre für ihn das Problem ein für alle Mal gelöst gewesen. Warum sollte gerade er sich damit beschäftigen, dass ein Gravity-Biker komplett andere Bedürfnisse hat als ein erlebnisorientierter Tourenbiker?

Grautöne

Nachdem er seinen Unmut umfassend und detailreich kundgetan hatte, war mir als schweigender Zuhörer dann auch klar, was für ihn das Fass letztlich zum Überlaufen gebracht hatte – ein Mountainbiker hatte sich erdreistet, Walter zu erklären, dass im Kanton Graubünden alle Wanderwege auch von Mountainbikern befahren werden können, wenn dies nicht explizit verboten ist.

Korrekt in der Sache, aber offensichtlich im Ton vergriffen, hatte er die Kampflust des Erholung suchenden Unterländers erst recht geweckt. Was ich aus dem Gespräch für mich persönlich mitnahm? Ich überhole in den touristischen Hotspots noch vorsichtiger, halte im Zweifelsfall noch öfter an und grüsse noch freundlicher, als ich das ohnehin schon mache. All das in der Hoffnung, dass das Weltbild von Menschen wie Walter und seiner Frau plötzlich doch noch Grautöne erhalten möge.

Erfahren Sie als Mountainbiker(in) genügend Respekt, und wie halten Sie es selber im Umgang mit anderen Trail-Nutzern? Wie nehmen Sie einem unfreundlichen Gegenüber den Wind aus den Segeln?

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Das Marathon-Drama

Pia Wertheimer am Mittwoch, den 30. Juli 2014

An den Commonwealth-Spielen in Glasgow hat sich eine herzzerreissende Szene abgespielt: Alles scheint noch in Ordnung zu sein, als die Marathonläuferin Beata Naigambo als elfte Läuferin auf die Ziellinie einbiegt. Die Namibierin ist eine arrivierte Marathonfrau und hat die Olympischen Spiele in Peking und London bestritten. Dass die 34-Jährige ein wenig torkelt, beunruhigt niemanden wirklich – schliesslich verlangt die Königsdisziplin den Läufern das Äusserste ab. Erst als sie sich kaum mehr aufrecht halten kann und schliesslich seitlich gegen die Bande prallt, verstummen einige der Zuschauer. Halten beim Klatschen inne. Die Athletin geht vor den Augen der Zuschauer zu Boden. Rappelt sich kurz darauf wieder auf und taumelt die letzten Meter durchs Ziel, wo sie von einer Sanitäterin empfangen wird.

Ist es unmenschlich, ihr nicht vorher zu Hilfe zu eilen? Ich finde nicht. Ja, es hat auch mir fast das Herz zerrissen, als Naigambo niederging. Innerlich schrie auch ich «tut doch was»! Die Sanitäter taten aber gut daran, jenseits der Ziellinie auf die Sportlerin zu warten. Sie hat 42 Kilometer lang durchgebissen, ist an ihre Grenze gegangen – und offensichtlich darüber hinaus. Um einige Hundert Meter vor dem Ziel von helfenden Händen disqualifiziert zu werden? Genau das wäre nämlich geschehen, wären ihr die Sanitäter zu Hilfe geeilt. Dafür hatte sie nicht wie eine Löwin gekämpft.

Der Fall erinnert an die Schweizerin Gabriela Andersen-Schiess bei der Olympia-Premiere des Frauenmarathons 1984 in Los Angeles. Die damals 39-Jährige erreichte dehydriert das Stadion und torkelte entkräftet auf der letzten Runde. Für die 500 Meter im Coliseum benötigte sie fast sieben Minuten, lehnte aber jede ärztliche Hilfe ab:

Naigambo of Namibia collapses during women's Marathon at Commonwealth Games in Melbourne

Beata Naigambo kollabierte bereits bei den Commonwealth Games in Melbourne (19. März 2006). Foto: Robert Cianflone (Pool, Reuters)

 

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Best of Outdoor: Die unvergessliche Schlüsselstelle

Natascha Knecht am Mittwoch, den 30. Juli 2014

Liebe Leserinnen und Leser, in den Sommerferien erlauben wir uns einen Blick zurück und präsentieren Ihnen in den nächsten Tagen einige unserer Highlights aus dem vergangenen Jahr. Viel Vergnügen! Die Redaktion.

Folgender Beitrag ist von Natascha Knecht, Erstpublikation: 19. Juni 2013.

Mönch Lauperroute

Prächtige Aussicht aus dem Felsdach in der Mönch-Nordwand, unter anderem direkt auf den Nachbar Eiger.

Beim Bergsteigen oder Klettern gibt es Schlüsselstellen, die bleiben auf ewig in Erinnerung. Oft sind das nicht unbedingt jene, die technisch abartig schwierig waren, oder psychisch besonders herausforderten. Sondern jene, die richtig speziell sind. Einer solchen begegnete ich vergangene Woche entlang der Lauper-Route am Mönch. Nach einigen hundert Höhenmetern Stapferei durch den Schnee und einer kurzen Kletterei durch einen Felsriss kamen wir zum berühmten Felsdach. Als ich am Abend die Bilder auf meinen Computer geladen hatte, musste ich lachen. Es war eine ernsthafte Tour, aber so lustige Fotos brachte ich noch nie nach Hause:

Mönch Lauperroute

Der Berg zeigt mir mal wieder deutlich, wer grösser ist. Wie um Himmels Willen soll ich über dieses Felsdach kommen, mehr als ein Kopf höher als ich? Im Tourenführer wird ein Schulterstand empfohlen. Wie ein solcher mit Steigeisen gehen sollte, ist mir ein Rätsel. Zum Glück hängt eine Schlinge. Ich befestige meine Eisgeräte am Gurt und versuche, meine Bedenken zu ignorieren.

Mönch Lauperroute

Hände hoch und die Frontzacken der Steigeisen in die Schlinge stecken. Hoffentlich hält sie, hoffentlich rutsche ich mit den Handschuhen nicht ab.

Mönch Lauperroute

Andere machen es sicher besser und eleganter. Ich versuche es mit Hauruck: Mit dem rechten Bein das Körpergewicht hochdrücken, gleichzeitig mit den Händen Halt suchen und mit Körperspannung irgendwie das Gleichgewicht kontrollieren.

Mönch Lauperroute

Der Oberkörper ist schon mal drüber, jetzt gehts nur noch um die Beine. Ich nehme sofort ein Eisgerät vom Gurt, um mich zu damit halten zu können. Oben auf dem Fels klebt Wassereis. Hätte ich weniger Schnee an den Schuhen, wäre ich wahrscheinlich ein gefühltes Kilo leichter. Aber das sehe ich erst später auf dem Foto.

Mönch Lauperroute

Mit dem Knie abzustützen bringt hier nichts, das Goretex würde auf dem Eis abschlipfen. Ich muss das Steigeisen raufbringen. Das schaffe ich mit Krafteinsatz kombiniert mit einem ordentlichen Schwung. Ich bieste und schnaufe. Huch! Dann ist der Spuk vorbei. Ich stehe auf dem Dach und kann es kaum fassen.

Mönch LauperrouteAnsonsten ist die Lauperroute am Mönch durchgehend steil, oder sehr steil. Erstbegangen wurde sie im Juli 1921 von Hans Lauper und Max Liniger. Im Bild: Die Seilschaft hinter uns, gleich unterhalb des Felsdachs. Wir sind an diesem Tag die einzigen in dieser Route.

Mönch LauperrouteKein Zickzack, immer Direttissima. Ich mag das. Die Hangneigung beträgt plus/minus 50 Grad. Hier, im oberen Teil des Bergs, ist der Schnee an diesem Tag kompakter als unten, also weniger anstrengend. Streng bleibts dennoch unentwegt, aber immerhin angenehm kühl.

Mönch LauperrouteDen Grat und die Sonne erreicht, gefolgt von der anderen Seilschaft (siehe Aufstiegsspur in der Bildmitte). Unten markant sichtbar: Der Schatten der steilen Mönch-Nordwand. Jetzt Brille montieren und Gesicht mit Faktor 50 eincremen. Von mir aus könnte der Gipfel hier sein, aber vor uns haben wir noch 150 Höhenmeter. Ich merke die dünne Luft, das letzte Mal war ich vor fünf Wochen in solcher Höhe, bin also schlecht akklimatisiert. Der Schneegrat zum Gipfel ist von der Sonne aufgeweicht, ich sinke mehr als ein Mal bis zu den Oberschenkeln ein, spule an Ort und Stelle, frage mich zeitweilig, was ich hier eigentlich mache – und das noch freiwillig. Zum Glück schwächelt mein ekelhafter innerer Schweinehund mehr als meine Beine. Und mein Kopf bleibt stark wie der eines Berner Oberländer Muni.

Mönch LauperrouteSieben Stunden nachdem wir von der Guggihütte aufgebrochen waren, stehen wir auf dem Mönch-Gipfel (4107 m.ü.M.). Die Anstrengung ist wie auf Knopfdruck vergessen. Hier die letzten Meter unseres Aufstiegs.

Mönch LauperrouteMein Grinsen ist so breit, dass es rundum ginge, hätte ich keine Ohren. Darum zeige ich lieber die fantastische Aussicht. Unten der Jungfraufirn und der Konkordiaplatz. Der grosse weisse Berg vorne rechts ist das Aletschhorn.

Mönch LauperrouteGuten Tag, schöne Jungfrau! Rechts unten das Jungfraujoch und die Sphinx.

Mönch LauperrouteDen Abstieg nehmen wir über den Normalweg. Vorne sehen wir drei Personen mit Ski auf dem dem Buckel aufsteigen. Als wir sie später kreuzen erfahren wir, dass sie über den Nollen abfahren wollen. Die Verhältnisse könnten kaum besser sein – es ist der 13. Juni 2013!

Mönch LauperrouteZurück bei der Station Eigergletscher, wo wir unser Abenteuer am Vortag gestartet haben. Blick auf den Mönch (links) und unsere Route über die Nordwandrippe. Danke an Dres Abegglen, Bergführer aus Grindelwald, dass er mir diese Tour vorgeschlagen hat. Ohne seine Lockerheit, Kollegialität und vor allem Zuversicht, dass ich genug «Reserve» mitbringe, hätte ich mich nie im Leben getraut. Ausserdem: Respekt an den SAC Interlaken, der die unbewartete Guggihütte so gepflegt hält.

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Best of Outdoor: Stinkbomben am Start

Pia Wertheimer am Dienstag, den 29. Juli 2014

Liebe Leserinnen und Leser, in den Sommerferien erlauben wir uns einen Blick zurück und präsentieren Ihnen in den nächsten Tagen einige unserer Highlights aus dem vergangenen Jahr. Viel Vergnügen! Die Redaktion.

Folgender Beitrag ist von Pia Wertheimer, Erstpublikation: 10. März 2014.

outSimon A. Thalman

Schwitzen ist normal, stinken muss nicht sein: Teilnehmerin des Borgess-Halbmarathons in den USA. (Flickr/Simon Thalman)

Die Startlinie des Reusslaufs liegt nur einige hundert Meter zurück. Doch die kühle Frühjahrsluft ist bereits jetzt eine Wohltat. Wie Schwerarbeiter ziehen die Lungen Luft in meinen Körper. Der Läuferpulk ist kompakt – so wie er es die ersten Kilometer immer ist, bevor sich das Feld mit zunehmender Distanz in die Länge zieht. Ein muskulöser Mann überholt. Es haut mich schier um. Nicht weil er schneller ist, während ich mich abrackere. Nicht weil sein definierter Körper meine Aufmerksamkeit weckt. Nein – der Unbekannte ist eine Stinkbombe.

Eine Bestie im Bett, mag sexy sein; eine Bestie auf der Laufstrecke ebenfalls. Aber ein bestialisch stinkender Mann ist einfach nur widerlich – ganz egal, wie attraktiv sein Adoniskörper ist. Selbstverständlich schwitzen Sportler. An einem Wettkampf tut die Nervosität das ihrige dazu. Ich habe vollstes Verständnis, wenn Mann oder auch Frau schweissüberströmt die Ziellinie quert – kombiniert mit den oft strahlenden Augen und dem glücklichen Gesichtsausdruck ist dies sogar eine ganz spezielle Art von Schönheit. Für diese Stinkbomben habe ich aber absolut kein Verständnis. Sie sind Ignoranten, die sich einen Teufel um ihre Umwelt scheren. Sie machen anderen Läufern das Leben zur Hölle. Wenn die Lungen nach Sauerstoff lechzen, ist es eine Qual, Luft einzuziehen, die wie die Pest stinkt.

Was tun?

Severin Läuchli, Oberarzt in der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich, warnt davor, alle übel riechenden Menschen in denselben Topf zu stecken. Nicht alle sind hygienische Sünder. «Der ‹stinkende› Schweiss entsteht vor allem durch eine genetisch bedingte starke Aktivität eines Teils der Schweissdrüsen, deren Sekret bakteriell zersetzt wird», sagt der Arzt. Bestimmte Fettsäuren und Ammoniak in den Stoffwechselprodukten des Schweisses seien für den Geruch verantwortlich.

Nach aussen sind Betroffene aber nicht unbedingt erkennbar, denn «diese Menschen schwitzen nicht unbedingt vermehrt und sind deshalb nicht schweissgebadet». Starkes Schwitzen führe zudem eher zu einem Rückgang des Geruchs, solange der Schweiss frisch sei. Erst nach einer Weile fängt auch dieser Schweiss durch die bakterielle Zersetzung an zu riechen.

Für übel riechende Ausdünstungen kann laut Läuchli auch der Genuss bestimmter Nahrungsmittel wie Knoblauch verantwortlich sein. Er rät Betroffenen deshalb regelmässiges Waschen mit antibakteriell wirksamen Seifen oder Waschlotionen und das Rasieren der Achselhaare. Bei dem Griff ins Deoregal sollen sie handelsübliche Produkte wählen, welche die bakterielle Flora reduzieren und teilweise auch die Funktion der betreffenden Schweissdrüsen vermindern. Zudem schaffen aluminiumhydroxidhaltige Lösungen oder Deos Abhilfe.

Ich warne aber davor, sich hinter der medizinischen Erklärung zu verstecken. Ich bin überzeugt, einige der Stinkbomben nehmen es mit der Hygiene und dem Waschen ihrer Funktionskleider nicht so genau. Schön für sie, wenn sie es selbst nicht merken!

Übrigens: Das Video unten illustriert sehr schön, wie stinkender Schweiss auf die Umwelt wirkt:

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Best of Outdoor: Müssen sich Sportler grüssen?

Outdoor-Redaktion am Montag, den 28. Juli 2014

Liebe Leserinnen und Leser, in den Sommerferien erlauben wir uns einen Blick zurück und präsentieren Ihnen in den nächsten Tagen einige unserer Highlights aus dem vergangenen Jahr. Viel Vergnügen! Die Redaktion.

Folgender Beitrag ist von Natascha Knecht, Erstpublikation: 18. März 2013.

Eine freundliche Joggerin. (Foto: Flickr/M. Creedon)

Viele Läufer scheinen einen Tunnelblick zu haben: Eine freundliche Joggerin. (Foto: Flickr/M. Creedon)

Wenn ich im Hochgebirge anderen Bergsteigern begegne, wird gegenseitig gegrüsst. Keine Frage. Aber wenn ich – insbesondere hier in Zürich – beim Sport andere Sportler kreuze, dann scheint das komplizierter. Manche grüssen zurück, manche nicht. Weshalb ist das so? Seit Jahren versuche ich zu analysieren, welcher Typ Sportler ein «Hoi» über die Lippen bringt und wer sich stumm stellt. Zu einem abschliessenden Fazit bin ich bis heute nicht gekommen, aber ich habe folgende Erfahrungen gemacht:

Fitnesscenter: Ein Hort von Nicht-Grüssern. Die Leute schauen sich lieber auf die Turnschuhe als in die Augen. Nach Jahren im selben Studio sind es nur einzelne, die mir «Hallo» sagen oder gar mit mir schwatzen. Fast nur solche, denen ich auch ausserhalb des Fitnesscenters ab und zu begegne, die in der gleichen Nachbarschaft oder gar im selben Haus leben. Speziell befremdend finde ich das Nicht-Grüssen in der Garderobe. Wir Frauen ziehen uns nebeneinander bis auf die Unterhosen aus, oder wir stehen Duschkopf an Duschkopf nackt unter dem Wasserstrahl. Aber grüssen? Nein, das ist den meisten dann doch zu intim. Und wehe, ich sage spontan «Hoi», dann kommt oft ein gereizter Blick zurück. Oder noch schlimmer: ein «Grüezi». Natürlich habe ich auch in der Fitnesscenter-Garderobe schon kommunikative Mitsportlerinnen getroffen, aber selten.

Kletterhalle: Dort verhält es sich in der Damengarderobe ähnlich wie im Fitnesscenter. In der Halle selber grüssen sich die Sportkletterer auch selten, wenn sie sich nicht persönlich kennen. Selbst dann nicht, wenn man sich schon hundertmal in der Halle gesehen hat. Das Maximum, das da mit einer anderen Seilschaft kommuniziert wird, lautet etwa so: «Seid ihr fertig in der grünen Route?» Das bedeutet: «Können wir endlich in die grüne Route?» Gemeint ist: «Haut endlich ab aus der grünen Route.» Vielleicht ist das nur ein Züri-Ding? Bin ich im Berner Oberland, plaudern die Leute freundlich miteinander, selbst wenn man sich vorher nicht gekannt hat.

Joggen: Zu den Nicht-Grüssern gehören – sorry – die Anfänger. Entweder ist es ihnen peinlich, durch den Wald zu schnaufen und zu keuchen, oder sie können vor lauter Schnaufen und Keuchen keinen Ton mehr von sich geben, selbst für einen freundlichen Blick reicht ihre Kraft nicht mehr. Zu den Nicht-Grüssern unter den Joggern zähle ich aber auch die Verbissenen. Solche, die wahrscheinlich für einen Ultra-Mega-Marathon trainieren und im Usain-Bolt-Tempo durch den Wald sprinten. Sie sehen nichts und niemanden. Röhrenblick! Ich selber laufe vor allem am Uetliberg und beobachte dort: Die einzigen, die grüssen, sind gut trainierte Läuferinnen und Läufer, die aber eindeutig noch Spass am Sport haben. Besonders an regnerischen oder kalten Tagen zeigt sich, wer wirklich gerne läuft und nicht aus einem Fettverbrennungszwang unterwegs ist. Bei schlechter Witterung hat es an Zürichs beliebtestem Ausflugsberg kaum Leute, und die wenigen, die rauf- und runterjoggen, haben ein glückliches Gesicht, grüssen ganz selbstverständlich mit einem freundlichen Lächeln, manche heben zum Gruss sogar die Hand oder den Daumen. An solchen Tagen fühle ich mich unter Gleichgesinnten – und wohl.

Ob man sich beim Sport grüssen soll, weiss ich nicht. Ich tue es jedenfalls gerne und finde es extrem motivierend, wenn ein «Hallo» zurückkommt. Und Sie?

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Das «Bergli» entpuppt sich als Mordshang

Thomas Widmer am Freitag, den 25. Juli 2014

Diese Woche Gandfurggele und Berglimattsee (GL)

Es braucht schon die abgebrühten, in der Steilheit aufgewachsenen Glarner, um einen derart krassen Hang «Bergli» zu nennen. Wir keuchen und hecheln, während wir von Matt über 800 Höhenmeter nach Ober Stafel aufsteigen. Es ist ein Sommertag und noch früh, Mähmaschinen fressen sich allenthalben durch das taunasse Glitzergrass.

Um nun zum Anfang der Wanderung zurückzublenden: Matt liegt an der Strasse von Schwanden nach Elm. Die Haltestelle, bei der wir aussteigen, klingt aber nach Eisenbahn: «Matt, Station». Tatsächlich erschloss bis 1969 eine Schmalspurbahn das Sernftal.

Der Sennen-Impresario

Sernf? Der Talfluss ist eines jener deutschen Wörter mit fünf Buchstaben, von denen vier Konsonanten sind. Andere Beispiele wären Horst, First, Durst. Doch ich schweife ab. Und meine mentale Verspieltheit ist ohnehin schell weg, nachdem die kurze Schlenderei flussabwärts beendet ist. Der Weg, der Hang, der Fels und unser Leiden, Schnaufen, Schwitzen: Etwas anderes gibt es in den nächsten zwei Stunden nicht.

Nach Ober Stafel kann man in der Direttissima via Unter Stafel, auch Loch genannt, gelangen. Das war uns aber zu brutal. Wir gönnen uns den Umweg via Riedboden und finden einen schlau angelegten Wiesen-und-Wald-Weg vor. Beim Riedboden beschauen wir uns den Zuber vor der Hütte samt Zugangstrepplein. Zwei, drei Meter entfernt zeugt ein übriggebliebener Korken davon, dass in dem Behälter Leute bei grandiosem Blick auf die Bergwelt Prosecco oder Sekt oder Champagner schlürften.

Unter Stafel, Riedboden und Ober Stafel bilden unter dem Namen «Berglialp» das Reich des Heinrich Marti, den ich respektvoll als «Sennen-Impresario» bezeichnen möchte. Er ist der zum Unternehmer avancierte Bergler. Man kehrt bei ihm ein, übernachtet, badet in dem mit Molke oder Biomilchwasser gefüllten Lärchenholz-Hot-Pot. Der Riedboden ist gerade unbemenscht, als wir ihn passieren. Weiter oben aber kommt uns Marti mit seinem Sohn entgegen, wir gsprächlen kurz. Als wir einige Zeit später bei Ober Stafel ankommen, ist dort geöffnet. Wir trinken etwas, essen Alpkäse, entspannen uns.

Hernach gehen wir unser zweites Ziel an, den Übergang Gandfurggele auf 2154 Metern. Kurz verlieren wir den Weg, der in einer Linksschleife durch die Schafplanggen zieht. Anstrengend ist auch diese zweite Etappe. Endlich sind wir auf der Furggele. Ganz nah liegt der Berglimattsee samt Nebenpfützchen. Ebenso herrlich ist der Stausee Garichti tief unten anzuschauen.

Die Schneeballschlacht

Wir verweilen und begutachten das Panorama. Junge Leute aller Hautfarben, die Englisch sprechen und sich als ETH-Studenten auf Berg-Kennenlern-Tour entpuppen, liefern sich auf einem Schneeflecken eine Schneeballschlacht. Als wir dann aufbrechen, ist alles leicht, denn es geht abwärts. Der Kreislauf jubelt. Beim Klettergarten von Widerstein nehmen sich ein paar Helmträger gerade einen haushohen Quarzporphyr-Brocken vor.

Bei der Garichti endet die Unternehmung. Im Berghaus Mettmenalp neben der Seilbahn-Bergstation essen wir und sind uns einig, dass das eine besonders gute Wanderung war. Sie verlangt allerdings viel Fitness. Wer sie sich nicht zutraut, für den habe ich einen Trost. Von der Garichti braucht man für die je 580 Höhenmeter zum Berglimattsee und retour knapp drei Stunden. Diese Leichtvariante ist ETH-erprobt.

++

Route: Matt GL - Riedboden - Ober Stafel - Gandfurggele - Berglimattsee - Widerstein - Stausee Garichti/Mettmen, Bergstation Seilbahn.

Wanderzeit: 5 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 1360 Meter auf-, 600 abwärts.

Wanderkarte: 247 T Sardona, 1:50'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Seilbahn Mettmenalp - Kies. Vom Kies mit dem Bus nach Schwanden. Fahrplan studieren, nicht allzu viele Kurse.

Charakter: Klassische Bergwanderung, Fitness nötig. Vor allem der Aufstieg ist hart. Aussichtsreich, speziell reiche Bergflora. Keine ausgesetzten Stellen.

Höhepunkte: Die Einkehr auf Ober Stafel. Der Berglimattsee in seiner alpinen Mulde. Der Tiefblick zur Garichti. Die Kletterer im Klettergarten Widerstein.

Kinder: Anstrengend, aber nicht speziell gefährlich.

Hund: Keine Probleme, bloss anstrengend.

Einkehr: Riedboden, Unter Stafel (nicht am Weg), Ober Stafel fungieren gemeinsam unter dem Namen Berglialp. Nachtlager, Molkenbäder, Outdoor-Zuber. Ober Stafel liegt ideal für eine kurze Einkehr. - Am Schluss der Wanderung im Berggasthaus Mettmenalp gleich bei der Seilbahn.

Kurzvariante: Mit dem Bus von Schwanden zum Kies (vorgängig Fahrplan studieren!). Von dort mit der Seilbahn hinauf zur Mettmenalp/Garichti. Von dort in 3 Stunden zum Berglimattsee und retour. Je 580 Meter auf und ab.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

Outdoor

An der Tour de Freaks

Anette Michel am Donnerstag, den 24. Juli 2014

Ein wenig absurd ist die Situation schon. Im prasselnden Regen radeln wir mitten auf der Strasse, fast allein. Durch den dichten Nebel sehen wir knapp bis an den Strassenrand, und dort stehen und sitzen unzählige Menschen. Alle tragen Pelerinen und sitzen unter Regenschirmen auf kleinen Campingstühlen fast am Boden, manche halten sich eine Plastikplane, Liegematte, irgendwas über den Kopf. Sie warten hier, an einer kleinen Passstrasse in den Vogesen. Stundenlang. «Freaks, diese Franzosen», denken wir im Vorbeiradeln amüsiert. «Ils sont fous, ces cyclistes», werden die sich ihrerseits gedacht haben, als sie uns im strömenden Regen dem Col des Chevrères entgegen pedalen sahen. Das alles kann nur eines bedeuten: Es ist Tour de France!

Die zehnte Etappe der diesjährigen Tour (hier die offizielle Zusammenfassung als Video) führt unweit der Schweizer Grenze entlang. Für uns Grund genug, am Vortag ab Basel hinzuradeln, um uns das Spektakel anzusehen. Mit sieben Pässen ist die Etappe gespickt. Es ist ein grosser Tag für die französischen Fans: Es ist Nationalfeiertag, und ein Landsmann fährt die Etappe im Gelben Trikot des Leaders.

Zwei Stunden vor den Profis

Wir fahren von Thann über den Ballon d’Alsace an und biegen bei Le Thillot für die letzten drei Pässe in die Route der Tour ein, etwa zwei Stunden vor den Profis. Ab hier wird die Ruhe durch Rummel abgelöst. Wo die Fans mit Fahrzeugen parkieren dürfen, stehen Autos und Camper dicht an dicht am Strassenrand. Die Radsportfans sitzen in ihren Campern oder an mitgebrachten Campingtischen, viele sind am Picknicken: du pain, du fromage, du vin rouge. Man weiss zu leben hier – es ist schliesslich nicht irgendeine Tour, sondern die Tour de France! An der offen stehenden Tür eines Campers sehe ich ein grosses Plakat mit den Umrissen Frankreichs und der gesamten Route der diesjährigen Rundfahrt. Ob es Fans gibt, die dem Tour-Tross während dreier Wochen durch ganz Frankreich nachreisen und einen Grossteil ihrer Ferien für die Tour opfern?

Ich halte nicht an, um nachzufragen, denn am Fuss des zweitletzten Passes beginnt es monsunartig zu regnen. Doch das Velofahren am Col des Chevrères gibt warm: Der happigste Kilometer hat im Durchschnitt eine Steigung von 15 Prozent, mit Stellen bis zu 18 Prozent. Das ist verdammt viel, wenn man mittendrin ist. Später bin ich enttäuscht, dass im Fernsehen gar nicht zu erkennen ist, wie wahnsinnig steil es ist. Das hat auch damit zu tun, dass die Profis mehr oder weniger leichtfüssig hinauftänzeln, während wir uns im Zickzack mühsam eine Pedalumdrehung nach der anderen abwürgen.

Keuchen unter dem Jubel der Fans

Bevor wir uns vor den Fernseher setzen können, blüht uns noch die Planche des Belles Filles. Nochmals eine stotzige Sache! Die Fans stehen und sitzen hier bereits dicht nebeneinander. Wortfetzen aus den mitgebrachten Radios dringen an meine Ohren: «...Tony Gallopin dans le maillot jaune...», «Thomas Voeckler, il fait cet effort...». Hier sind wir nicht mehr die Einzigen: Hunderte andere Velofahrer nehmen die Strecke vor den Profis unter die Räder. Sie alle keuchen unter dem Jubel der Fans die steile Rampe hoch. Viele schieben ihr Velo, ihr Kind oder ihre Freundin den Berg rauf. Vor mir radelt einer mit einem künstlichen Bein. Am Strassenrand wird grilliert, Ball gespielt, gelesen und geschlafen. Normalerweise ist hier keiner, heute sind es Tausende.

Wenig später, wir sind zurück am Fuss der letzten Steigung, sausen die Radprofis in Gruppen an uns vorbei (Dieses Video des Teams Garmin-Sharp-Barracuda zeigt, wie so etwas aus Sicht der Fahrer aussieht). Im Café beobachten wir danach am Fernseher, wie die Fans an der Planche des Belles ihre Idole anfeuern, welche die letzte Steigung des Tages hochpedalen, wie immer in einem unglaublichen Tempo. Vincenzo Nibali holt sich den Etappensieg und das Maillot jaune von Tony Gallopin zurück. Peter Sagan legt die letzten Meter auf den Hinterrad zurück – freihändig. Von allen anwesenden «Fous» sind die Radprofis wohl doch die verrücktesten.

Und jetzt die Frauen

Die Tour de France dauert noch bis am 27. Juli. An diesem Tag sprinten in Paris nicht nur männliche Radprofis um den Sieg: Wenige Stunden vor den Männern findet auf den Champs-Elysées ein prestigeträchtiges Rennen für die Rad-Elite der Damen statt. «La Course» könnte dem Damenradsport einen wichtigen Impuls geben. Die weiblichen Radsportlerinnen träumen davon, ebenfalls an der Tour dabei sein zu können. Womit die Tour dann auch eine «Tour des Folles» würde.

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Überfunktion und Super-Performance

Natascha Knecht am Mittwoch, den 23. Juli 2014
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Kann der Mensch mit der Technik noch mithalten? Eine Messeteilnehmerin posiert an der «Outdoor»-Messe in Friedrichshafen mit ihrem Ausstellungsobjekt. Alle Fotos: www.outdoor-show.de

Man stelle sich das vor: Im Moment beträgt der Umsatz der Outdoor-Industrie alleine in Europa zehn Milliarden Euro. Die Branche hat vorige Woche kommuniziert, der Markt boome und wirtschaftlich würden ihr weiterhin «schöne Aussichten» winken. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Das Umsatzwachstum bewegt sich nicht mehr im zweistelligen Bereich wie noch vor wenigen Jahren – 2013 betrug es «lediglich» 3,1 Prozent. Darum wollen die Unternehmen nun raschestmöglich neue Wege angehen, um die Millionen Gegenstände für jede Art von Freiluftabenteuer an die Kundschaft zu bringen. Soeben fand in Friedrichshafen die «Outdoor» statt, die grösste Fachmesse der Branche auf dem Kontinent. Präsentiert wurde wie immer das Neuste, Beste, Schrillste, Nützlichste, Innovativste, Revolutionärste.

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Marketing-Kauderwelsch: Ein «Approach-Schuh für anspruchsvolle Aktivitäten», er hat «separate Stretchliner» und ist «in Low- und warmer Midversion erhältlich».

Die Outdoor-Industrie forscht natürlich auch intensiv, wie sie ihrer wirtschaftlichen Stagnation entgegenwirken kann. Für uns sogenannte «Endverbraucher» sind einige Strategien positiv, andere weniger. Genannt wird zum Beispiel:

Aus einem Trend einen «Megatrend» machen, und noch mehr Leute für ein Outdoor-Hobby gewinnen: Uns aktiven «Endverbrauchern» graut es, wenn wir daran denken, dass sich bald noch mehr Volk in den Rückzugsgebieten tummelt. Aber ich glaube, so weit wird es nicht kommen. Besitzt ein potenzieller «Endverbraucher» heute im «Zurück zur Natur»-Zeitalter noch keine Grundausrüstung, wird aus ihm wahrscheinlich nie ein leidenschaftlicher Outdoorer, ergo wird er auch nicht oft draussen sein – und wenig Ausrüstung kaufen. Gut für uns und die Natur, schlecht für die Wirtschaft. In Europa ist der Outdoor-Markt zudem schon ziemlich gesättigt. In zu vielen Garderoben hängen Goretex-Jacken, die für teures Geld angeschafft und selten getragen wurden. Anders in Ländern wie Japan, Russland oder in Osteuropa. Dort kommt der Outdoor-Boom erst auf und lässt die Branche auf ein «kräftiges Wachstum» hoffen.

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Eines sieht aus wie das andere: Besucherin an der «Outdoor»-Messe.

Konkurrenz fördert das Geschäft: Als «Endverbraucher» haben wir nicht selten den Eindruck, es spiele gar keine Rolle, ob wir eine Hose nun von dieser oder jener Marke wählen. Die meisten sind ziemlich ebenbürtig, zudem auch ähnlich in Design und Farbe. Eine Saison ist alles grün und gelb, in der nächsten orange und blau. Beim Kauf entscheidet vielleicht, wie nachhaltig ein Produkt hergestellt wurde, aber am wichtigsten bleibt meistens der Preis.

Überfunktion und Super-Performance: Mein Bedürfnis als «Endverbraucherin» wäre im Prinzip klar. Ich will warm, atmungsaktiv, robust, leicht, langlebig etc., und alles am liebsten unkompliziert in der Anwendung. Aber die ständig neu kreierten technischen Kraftausdrücke, mit denen die Produkte heute behaftet werden, machen mir die Outdoor-Welt zuweilen unverständlich. Was bedeutet «progressives Design», oder «spritzwasserfester YKK-RV»? Sind «Hybrid Shell» und «Rolling Concept» in der Wildnis überlebenswichtig? Und erst die Wassersäulen! Sie variieren zwischen 800 und 30'000 mm. Schön für sie! Aber was heisst das für mich? Wie viel Funktionalität und Super-Performance ist in unseren Breitengraden nötig?

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Warum ich den Sommer hasse

Natascha Knecht am Montag, den 21. Juli 2014
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Dafür ist der menschliche Körper nicht gemacht: Jogger mühen sich an der Sommersonne ab. Foto: Chris Hunkeler/Flickr

Ein heisser Sommertag, ich sitze am Zürichsee, esse Zmittag und beobachte, wie reihenweise Frauen und Männer vorbeijoggen. Wahrscheinlich Investmentbanker, Sekretärinnen, Journalisten, Hipster, Ultramarathon-Läufer, Immobilienmakler, Porsche-Fahrer. Die meisten von ihnen laufen keineswegs frisch-fröhlich daher, sondern mit errötetem Kopf, leidendem Gesichtsausdruck und auffällig schwitzend. Ich bewundere diese Sportler. Sie können, was ich nicht kann: in der prallen Sonne trainieren.

Temperaturen über 25 Grad Celsius machen mich kaputt, noch bevor ich die Schuhe geschnürt habe. Zum Glück dauert unser Sommer nur ein paar Wochen. Dennoch muss ich sogar in dieser kurzen Zeitspanne jeweils schauen, meinen gewohnten Laufrhythmus nicht zu verlieren.

Logischerweise wäre es das Klügste, frühmorgens zu laufen, wenn die Temperatur am angenehmsten ist. Aber dafür muss man noch früher aufstehen als sowieso schon. Wegen eines 40-Minuten-Intervalltrainings um
5.30 Uhr aus dem Bett zu kriechen, das ist für mich schier ein Ding der Unmöglichkeit. Deshalb tue ich das fast nie. Ehrlich gesagt: nie. Mir fehlt die Kraft (im Kopf). Mein Frühaufsteher-Kontingent decke ich mit Alpintouren ab, mein Wecker piepst oft genug um 3 Uhr. Berghütten haben im Sommer viele motivierende Vorteile gegenüber dem heimeligen Daheim: Zum Beispiel herrschen dort draussen Temperaturen unter null, mein Wohlfühlklima.

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Diese Frische! Bergsteiger klettern einen Berg empor. Foto: Mitch Barrie/Flickr

Mittags im Flachland, wenn die Strassen in der Hitze flimmern, ist es mir selbst im markant kühleren Wald zu warm. Ausserdem kann ich mir nicht vorstellen, dass es gesund sein soll, in der Mittagshitze im oberen Pulsbereich Gas zu geben. Und einfach nur langsam und gemütlich zu joggen, wird schon nach dem dritten Tag langweilig. Bürokollegen sagen zwar, das stimme nicht, und es sei «im Fall» gar nicht so schlimm. Wer glaubt das?

Also wären wir schon beim Abend. Manchmal ist es genau gleich heiss wie am Mittag. Aber ich kann das Training auf keinen späteren Zeitpunkt verschieben. Der nächstmögliche wäre wieder der frühe Morgen, und dasselbe Spiel ginge wieder von vorne los. Endlos. Und dann ist man irgendwann derart aus der gewohnten Fitness und Routine raus, dass es einen sogenannt «monumentalen Effort» braucht, um wieder reinzukommen. Aus meiner Erfahrung ist dieser monumentale Effort noch anstrengender, als über die Sommerwochen trotz Hitze nach Feierabend regelmässig eine Runde im Wald zu drehen. Motto: Der gestaffelte Schweinehund.

So viel zu meiner Taktik im Sommer. Jeder Sportler funktioniert anders und entwickelt seine eigene Strategie. Nichtsportler fragen sich vielleicht, wozu wir das überhaupt machen. Ja, wozu? Für meinen Part kann ich antworten: Weil ich mich schon jetzt Mitte Juli ganz fest auf den Winter freue, und wenn er endlich kommt, will ich sportlich parat sein. Das ist mein Ziel. Ein bescheidenes, aber es ist ein Ziel, und ich kann am Mittag weiterhin am See unter einem Sonnenschirm sitzen und die Jogger bewundern.

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