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Überflieger mit höheren Zielen

Jost Fetzer am Mittwoch, den 1. Juli 2015

Rund 1000 Kilometer Weg trennen Salzburg in Österreich und das Fürstentum Monaco, was gemäss Routenplaner einer Wanderung von mindestens sieben Tagen entspricht – ohne Pause versteht sich. Doch wer will sich diesen langweiligen Gewaltmarsch durch die Poebene antun, wenn es eine viel spannendere Strecke durch sechs Länder und über den höchsten Gipfel der Alpen, den Mont Blanc, gibt? Dass diese Route um einiges länger und anstrengender ist, versteht sich ganz von selbst. Und dennoch will sich der Berner Oberländer Christian Maurer am 5. Juli zum vierten Mal dem Abenteuer stellen, das alle zwei Jahre unter dem Namen Red Bull X-Alps stattfindet.

Seine Söhne lässt er wie Drachen steigen: Chrigel Maurer, Gleitschirm-Genie aus Adelboden. Foto: Red Bull

Seine Söhne lässt er wie Drachen steigen: Chrigel Maurer, Gleitschirm-Genie aus Adelboden. Foto: Red Bull

Laufen sei nicht seine Stärke, wird Chrigel später im Gespräch sagen – und wirklich, nach vier Schritten sind wir bereits in der Luft hoch über dem Thunersee. Denn die wahre Stärke von Chrigel ist das Fliegen. Mit drei Siegen in Folge gilt Chrigel als Favorit für das X-Alps 2015, das eigentlich nur eine Regel kennt: Wer als Erster den Alpenbogen von Ost nach West überquert und dabei nur zu Fuss geht oder aber mit dem Gleitschirm fliegt, gewinnt.

Ganz so einfach ist das X-Alps, das als inoffizielle Weltmeisterschaft der Gleitschirmpiloten gilt, aber doch nicht. Zehn Wendepunkte müssen von den Piloten zwingend angepeilt werden: Unter anderem muss die Zugspitze überquert werden, von dort geht es einmal quer über die Alpen zur Cima Tosa in Italien, weiter durchs Engadin und im Halbkreis um das Matterhorn, über den Mont Blanc und Richtung Mittelmeer. Ob fliegend oder laufend, ist weitgehend den Athleten überlassen oder aber vom Wetter abhängig.


Begleiten Sie Chrigel Maurer bei seinem dritten Streich am X-Alps 2013. Video: Go Pro

Während ich mich am Tandemschirm auf meine Fragen konzentriere, steuert Chrigel die Thermik an, fliegt uns immer höher über den Startplatz auf dem Beatenberg und beantwortet seelenruhig meine Fragen. Aufgewachsen in Adelboden, hing Chrigel bereits mit 9 Jahren am Gleitschirm seines Vaters. Mit 16 durfte er endlich das Brevet absolvieren, und mit 17 folgten die ersten Wettkämpfe. Ab da gewann Chrigel alles, was man mit Fliegen gewinnen kann: Schweizer Meister im Deltafliegen, Europameister im Akrobatikfliegen, Weltmeister im Streckenfliegen und zur Abwechslung Rekordhalter im Infinity Tumbling mit 210 Drehungen am Stück. Mir wird bereits vom Zuhören mulmig.

Und nun will der «Adler von Adelboden» zum vierten Mal das härteste Gleitschirmrennen der Welt gewinnen. Chrigel winkt ab. Gewinnen müsse er nicht mehr, er könne ohne Druck an den Start gehen. Er wolle vielmehr «clean and clever», sprich möglichst ressourceneffizient von Salzburg nach Monaco kommen. Es gehe nicht an, dass er fliegend und zu Fuss die Strecke meistere, sein Betreuer am Boden aber fossilen Brennstoff verbrauche. Deswegen werde sein Teamkollege Thomas Theurillat, der zeitgleich sein Meteorologe, Psychologe und Bergführer ist, dieses Jahr mit einem Elektroauto unterwegs sein. Die Alpen ressourcenschonend zu überqueren und dennoch konkurrenzfähig zu bleiben, das müsse das Ziel sein.


Salzburg–Monaco «einfach»: Die Route des Red Bull X-Alps 2015. Video: Red Bull

Trotzdem, Chrigel gilt als klarer Favorit für das Rennen. Denn auch bei den letzten drei Austragungen schonte er Ressourcen: Während seine Konkurrenten bei schlechtem Wetter jeweils bis zu 76 Prozent der Strecke zu Fuss zurücklegen, wartet Chrigel lieber einmal an einem guten Startplatz auf Flugwetter, um dann die Läufer in der Luft wieder zu überholen. Mit dieser Strategie gewann er das letzte X-Alps in der Rekordzeit von 6 Tagen und 23 Stunden und einem Vorsprung von 40 Stunden auf den Zweitplatzierten. Er sei eben Flieger, nicht Läufer, lautet seine Erklärung. Aber so richtig Glauben schenken mag ich dem durchtrainierten Alpinisten nicht, der erst gerade mit seinem Projekt, alle 152 SAC-Hütten in 12 Monaten zu erklimmen, auf sich aufmerksam gemacht hat.

Wir landen nach 20 Minuten punktgenau am Thunersee. Chrigel muss gleich weiter, seine Ressourcen optimal einsetzen: Zu Hause wartet die Familie. Ob seine zwei Buben auch fliegen wollen? Aber sicher. An einer Leine lasse er diese wie einen Drachen in die Luft steigen.

Das Rennen und die Athleten können ab dem 5. Juli hier live mitverfolgt werden.


Am Sonntag gehts los: Trailer zum X-Alps 2015. Video: Red Bull

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Raucher, pafft woanders!

Pia Wertheimer am Montag, den 29. Juni 2015

Vor dem Nikotinqualm von Rauchern können diese Läufer nicht wegrennen. (Bild: Keystone)

Es ist wissenschaftlich bewiesen und zweifellos hat es jeder Sportler bereits am eigenen Leib erfahren: Das Publikum ist ein wertvoller Reservetank. Jubel, Applaus, aufmunternde Zurufe beflügeln – sogar in der grössten Not. Eines der besten Beispiele dafür ist der New York City Marathon. Laut «New York Times» säumen jährlich rund 1,5 Millionen Menschen die 42,195 Kilometer lange Strecke und feuern ihre Liebsten und völlig Unbekannte an. Wenige Kilometer vor dem Ziel, im Central Park, entgeht ihnen keiner. Kneifen ist dort ein Ding der Unmöglichkeit, die Zuschauer lassen das nicht zu. Sie feuern Erschöpfte an, die kaum mehr rennen können, und lassen sie wissen: Wir glauben an dich. Sie jubeln Turbos zu, die dort noch den Nachbrenner zünden und zollen ihnen damit Respekt. Sie machen kaum einen Unterschied zwischen Elite und Normalsterblichen – der Jubelpegel bleibt auch nach fünf Stunden gleich hoch. Diesen Reservetank findet der Läufer aber auch auf kürzeren Distanzen etwa beim Grand-Prix von Bern, dem Silvesterlauf in Zürich oder dem Wiener Frauenlauf.

Das Bad in der Menge ist ein Genuss, kann aber zur Höllenfahrt mutieren. Es braucht nur einen einzigen Menschen, um das läuferische Schicksal etlicher Läufer zu besiegeln – wenn er an der Strecke einen Glimmstengel zwischen den Fingern hält. Das ist der Gipfel der Respektlosigkeit. Ich will an dieser Stelle weder eine Debatte über Gesundheit und Sucht vom Zaum reissen, noch mit dem Finger auf Personen zeigen, die sich an all den Läufern ein Vorbild nehmen könnten. Nichtraucher sind keineswegs die besseren Zuschauer. Raucher, die ihre Sargnägel stecken lassen, hingegen schon. Zweifelsohne ist es toll, stehen auch sie an den Laufstrecken, denn jedes einzelne Paar applaudierende Hände ist für die Teilnehmer Gold wert. Sofern die Zuschauer dabei die richtigen Prioritäten setzen.

Wie egozentrisch sind Menschen, die ihren Rauch den nach Luft ringenden Sportlern aufzwingen – und zwar meist in Momenten, in denen jeder Zug Sauerstoff den Läufer seinem Ziel ein kleines Stückchen näher bringt. Die Krux ist, dass die Sportler keine Chance haben, dem Qualm zu entgehen. Sie nehmen ihn zum einen erst wahr, wenn er bereits auf dem Weg in ihre Lungen ist. Zum anderen erlaubt es ihnen die Situation nicht, dem Übel aus dem Weg zu gehen – schliesslich ist die Strecke festgelegt. Ausweichen geht nicht. Sie tanken in der Menschenmenge statt Energie zwingenderweise Nikotin. Das hat keiner verdient, weder ein Eliteläufer noch ein Normalsterblicher.
Also, liebe Raucher, lasst die Glimmstengel an Laufveranstaltungen künftig in der Tasche! Mit freien Händen klatscht es sich ohnehin besser!

Aufruf:
Sieger wanted! Im Rahmen der SRF-Bewegt-Aktion haben Leser in der Gruppe Outdoorblog tatkräftig Kilometer gesammelt. Dabei war eine Sportlerin mit dem Nickname Chin aus dem Kanton Schwyz mit Abstand am fleissigsten. Bitte melde dich unter pia.wertheimer@tages-anzeiger.ch!

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Augenschmaus von A bis Z

Thomas Widmer am Freitag, den 26. Juni 2015

Diese Woche von Kaiserstuhl via Sanzenberg und Stadlerberg nach Steinmaur (AG/ZH)

Kaiserstuhl ist zu schön, es zu ignorieren. Leisten wir uns daher vor der Wanderung einen Schlender-Abstecher in den Ort hinein. Vom Bahnhof halten wir hinüber zum massiven Wehrturm. Von ihm als Scheitelpunkt weitet sich die winzige Stadt die steile Halde hinab zu einem Dreieck.

Was wir sehen, während wir abwärtsgehen, ist begeisternd: mittelalterliche Gassen, weitgehend unbebaute Rheinufer und Schloss Rötteln auf der deutschen Seite. Das deutsche Hoheitsgebiet wird auf der Rheinbrücke angezeigt durch das Bundeswappen mit dem Adler, den schon Friedrich Barbarossa im 12. Jahrhundert verwendete.

Das Einzige, das nervt: die Autofahrer und ihr Gekarre. Viele sind Schweizer auf Shoppingtour in Deutschland. Die beste Medizin gegen aufkeimende Aggression ist eine Einkehr in der Fischbeiz direkt am Rhein. Man isst hier nicht billig, aber es lohnt sich: Was für schöne Teller serviert werden! Obwohl der Tropfen eigentlich zu stark ist für den Fisch, sei zum Essen trotzdem der «Edelblut» empfohlen, ein Pinot noir aus dem Barrique vom Weingut Baumgartner in Tegerfelden, unglaublich würzig.

Zur Helvetierschanze

Nach dem Abstecher halten wir vom Bahnhof über die Ebene nach Fisibach. Dieser Abschnitt, der eine Viertelstunde dauert, ist der einzige unstimmige der Route, wir gehen auf dem Trottoir der viel befahrenen Strasse. Bald ist das aber vorbei. Auf mässig steilen Wegen erobern wir uns den Sanzenberg, einen wuchtigen Waldhöhenzug. Bei der Spitzfluh treten wir an die Kante und geniessen den Tiefblick, uns zu Füssen liegt das Bachsertal samt dem Fisibach.

Meist im Wald, ziehen wir vorwärts zum Stadlerberg. Wir erreichen ihn in einer exaltierten Linkskurve via Müliboden und Haggenberg und gehen dabei kurz abwärts, dann wieder aufwärts. Nicht verpassen sollten wir die Tafel zur «Helvetierschanze». Einst legten Menschen auf dem Stadlerberg eine Fluchtburg oder Höhensiedlung an. Sie ist offenbar noch nicht richtig untersucht. Gut sichtbar sind die Wälle und Gräben. Vergleichbare Erdwerke der Region entstammten der späten Bronzezeit oder gar der Jungsteinzeit, sagt die Tafel.

Der Holzturm auf dem Stadlerberg, 25 Meter hoch, ist garantiert Neuzeit. Auf ihm bietet sich ein Panorama. Vor allem aber sind da die anfliegenden Flugzeuge, die wir schon in Kaiserstuhl gehört haben. Über unseren Köpfen halten sie Richtung Kloten und den Flughafen Zürich, die befeuerte Landepiste ist in einiger Distanz zu sehen.

Nette Schlusspartie

Wir sind noch lange nicht am Ende. Bachs am Fusse des Bergs ist das nächste Ziel, auf dem Wegweiser nahe dem Turm ist es nicht angeschrieben – Karte studieren! Im Südteil des Dorfes können wir im Neuhof im Garten essen und trinken, wenn wir nicht schon in Kaiserstuhl zugeschlagen haben. Es folgt ein letzter, weniger hoher Waldhügel. Und eine nette Schlusspartie von der Egg hinab zur Station Steinmaur. Direkt vor Augen haben wir den langen Grat der Lägern mit dem kugelförmigen Radom und auf ihrem linken Ausläufer gegen Dielsdorf das Adelsstädtchen Regensberg. Doch, diese Wanderung erfreut das Auge von Anfang bis Ende.

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Route: Kaiserstuhl. Vor der eigentlichen Wanderung macht man einen Abstecher von Kaiserstuhl Bahnhof (hierher mit dem Zug oder Bus) ins alte Städtchen. Danach: Kaiserstuhl – Fisibach – Sanzenberg – Haggen – Stadlerberg – Bachs – Hochrüti – Stockacher – Egg – Steinmaur, Station.

Wanderzeit: 41/2 Stunden ohne den Abstecher am Anfang.

Höhendifferenz: 420 Meter auf-, 336 abwärts.

Wanderkarte: 215 T Baden, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von der Station Steinmaur mit der S-Bahn nach Oerlikon und Zürich.

Charakter: Das Land als Garten. Nicht allzu schlimme Steigungen. Herrlicher Rhein am Anfang. Hernach viel Aussicht von der Spitzfluh auf dem Sanzenberg und vom Stadlerberg-Turm.

Höhepunkte: Der Rhein in Kaiserstuhl mit weitgehend unbebauten Ufern. Die Sicht von der Spitzfluh auf das Bachsertal. Flugzeugschauen und Panoramagenuss vom Turm auf dem Stadlerberg.

Kinder: Vorsicht auf der Spitzfluh!

Hund: Perfekt.

Einkehr: Ganz zu Beginn die Fischbeiz in Kaiserstuhl (Di/Mi geschlossen, am Sonntag durchgehend warme Küche). Oder nach zwei Dritteln der Neuhof in Bachs (kein Ruhetag, aber aussergewöhnliche Öffnungszeiten).

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Vertraute Heimat neu entdeckt

Mario Angst am Donnerstag, den 25. Juni 2015

Ich sitze auf der Aussichtsplattform der Lägern und lasse den frisch aufgebrühten Tee langsam kalt werden. Um mich herum verschwinden die Konturen der Hügelzüge entlang des Limmattals langsam in der Dunkelheit. Ein Meer voller Lichter ersetzt sie. Kaum zu glauben, dass ich noch nie hier oben war.

Hügelketten und Lichtermeer.

Hügelketten und Lichtermeer: Aussicht auf die Stadt Zürich. Fotos: Mario Angst

Der Blick Richtung Uetliberg und zum Seebecken macht die Karte von Zürich und seiner Umgebung in meinem Kopf wieder etwas plastischer. Das ist also meine Stadt, meine Region. Ein neues, kleines Mosaiksteinchen, welches zu meiner Verwurzelung an diesem Flecken auf dem Erdball beiträgt. Ich fühle mich privilegiert, der einzige Mensch zu sein, der heute Abend hier oben ist.

Als wir letztes Jahr mit den Bikes die amerikanische Westküste entlang von Vancouver nach Los Angeles gefahren sind, hatte ich auf der Olympic Peninsula ein Aha-Erlebnis, an welches ich nun zurückdenken muss. Oftmals kannten wir aufgrund unserer detaillierten GPS-Tracks mehr Trails als die Leute vor Ort. Doch der hilfsbereite und erfahrene Wanderer, den wir vor dem Einkaufszentrum trafen, kannte Schleichwege im angrenzenden Park, die wir nie gefunden hätten. Und vor allem schien er zu jedem einzelnen eine Geschichte erzählen zu können.

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Auf der Lägern liegen: Das Himmelbett eines Vorstadtabenteurers.

«Sense of place» nannte er diese Art der Vertrautheit mit der Umgebung, die viel tiefer geht als blosse geografische Detailkenntnisse eines Ortes. Geschichte, typische Wetterkapriolen, persönliche Erlebnisse und Stimmungen an einem Ort zu verschiedenen Jahres- und Tageszeiten – all dies gehört ebenfalls dazu.

Mit diesen Gedanken im Kopf sitze ich da und höre die Flugzeuge über mir, die von der hell beleuchteten Landebahn des Flughafens Zürich abheben, um in ferne Länder zu fliegen. Es fällt mir auf, dass gerade dieser «sense of place» etwas ist, was diametral zu unserer schnelllebigen und globalisierten Welt steht. Es braucht Zeit und Arbeit, um eine tiefere Beziehung zu einem Ort aufzubauen. Es ist gut möglich, über die News aus der halben Welt Bescheid zu wissen und seine Tage in digitalen Traumwelten zu verbringen, aber nicht zu wissen, wie ein Abend um 22 Uhr auf dem eigenen Hausberg aussieht.

Hoch die Tassen auf den «sense of place»!

Regelmässige kleine Abenteuer in der Umgebung des Wohnorts hingegen geben einer Umgebung über die Zeit hinweg diese Tiefe. Dies wird mir an diesem Abend erst richtig bewusst, genau wie mir bewusst wird, dass mein Tee langsam kalt wird. Zeit für den Schlafsack. Ich nehme mir vor, in 40 Jahren auch einmal zwei grüne Jungs aus Übersee mit meinen Ortskenntnissen zu beeindrucken. Wer weiss, vielleicht erzähle ich ihnen dann, dass ich tatsächlich einmal mitten auf der Aussichtsplattform der Lägern geschlafen habe …

mario-angstZwischen Feierabend und Morgen hat ein ganzes Abenteuer Platz. In einer kleinen Sommerserie berichtet Mario Angst hier über seinen Sommer voller #microadventures.

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Was sind Extremsportarten?

Natascha Knecht am Mittwoch, den 24. Juni 2015
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Auf der Kante: Ein Junge übt sich an einem Trick mit dem Skateboard. Foto: Flickr.com/Luiz Oliveiraa

Ist es falsch, wenn Eltern ihrem Kind erlauben, Extremsport zu treiben? – Als ich diese Überschrift im «New York Times Magazine» las, dachte ich an kleine Knirpse, die basejumpen oder wie Wettkampf-Bodybuilder ihre Muskeln pumpen. Erstaunt haben mich dann zwei Dinge: Im Artikel ging es um Mädchen und Buben, die snowboarden, klettern oder Rollbrett fahren. Und: Massenhaft viele Väter und Mütter kommentierten, dass sie ihren Nachwuchs keine derartigen Risikosportarten ausüben lassen. Mit anderen Worten: Ein Kind darf nicht snowboarden, weil seine Eltern glauben, das sei zu gefährlich?

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Flugversuche bitte nur mit entsprechender Schutzkleidung: Kind im elterlichen Garten. Foto: Flickr.com/Nolan Williamson

Im Artikel porträtiert wurden Kids, die ihrem Hobby in extremis nachgehen und bereits als Teenager von Sponsoren leben. Wie etwa der 13-jährige Skateboarder Jett, der sich bei Stürzen auf den Rampen schon mehrere Hirnerschütterungen und Knochenbrüche geholt hat. Sein Vater sagt, er würde dem Junior die gewagten Aerials nie verbieten: «I’ll never tell him no.» Oder der 12-jährige Luke, der mit dem Skateboard verunfallte, im Rollstuhl sitzt und jetzt ein Chair-Skater ist.

Klar, ein Tag auf dem Snow- oder Skateboard kann schmerzhaft enden, wenn man ungeübt ist, aber Iouri Podladtchikov nachmachen will. Auch Klettern will gelernt sein. Aber würden wir – wie die Amerikaner – solche Sportarten generell als «Extremsport» einstufen? In der Kletterhalle sehe ich immer wieder Kinder. 12-Jährige, die unheimlich stark klettern, überhängend im Vorstieg. Am Seil gesichert werden sie von einer Freundin oder einem Freund im gleichen Alter. Ihre Eltern haben genau das Richtige gemacht: sie in Kletterkurse geschickt und ausbilden lassen.

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Zu Hause lauern jede Menge Gefahren. Ob Dauerhelmtragen die richtige Lösung ist? Foto: Flickr.com/Kel Noguchi

Man müsse Kindern bloss zeigen, wie sie mit Risiko umgehen können, sagt auch der Schweizer Risiko- und Lawinenforscher Werner Munter (73). Darum fordert er ein Schulfach «Risikokunde». Damit Kinder lernen, dass das Leben aus lauter Risiken besteht – nicht nur im «Extremsport». Statt ihnen zu verbieten, auf einer Leiter hochzuklettern, solle man ihnen erklären, wie das geht, wie sie die Leiter festbinden können, damit sie nicht umkippt.

Munter sagt, dass manchen Jugendlichen das Gespür für Grenzen fehle. «Das liegt an der Erziehung.» Kürzlich habe er im Fernsehen eine Mutter gesehen, die ihrem Kind noch nie Nein gesagt habe. «Sie war sogar stolz darauf! Kannst du dir vorstellen, wie unfähig dieses Kind ist, in unserer Gesellschaft zu leben? Wenn ein solches Kind eine Lehre beginnt, stösst es schon am ersten Tag an.»

Lawinenguru Werner Munter am 16.4.2013 auf einer Schneeschuhwanderung zum Weiler Pra Gra oberhalb von Arolla (VS). Foto: Bernard van Dierendonck.

«Gottlob gibt es keine hundertprozentige Sicherheit»: Risikoforscher Werner Munter. Foto: Bernard van Dierendonck.

So wenig wie den antiautoritären Erziehungsstil kann Munter die Überbehütung der Kinder verstehen: «Ich sah ein Kind im Sandkasten spielen, das einen Helm tragen musste. Ich war entsetzt! Die Mutter will nicht, dass das Kind den Kopf anschlägt. Es würde ihm wehtun, aber es wäre ja genau eine Erfahrung fürs Leben.»

«Wir leben in einer Sicherheitsgesellschaft, wo die Leute hundertprozentige Sicherheit wollen, die es gottlob nicht gibt», so Munter. Der Mensch brauche «gutes Risiko», um seine Fähigkeiten entfalten zu können. Es geht einfach darum, die individuelle Grenze zu definieren. Auch bei Kindern.

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Guter Sport, schlechter Sport

Natascha Knecht am Montag, den 22. Juni 2015
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Ist das noch gesund? Teilnehmerinnen des Frauen-Triathlons an den Europaspielen in Baku. Foto: Vassil Donev (EPA)

Was geschieht, wenn zwei völlig unterschiedlich gesinnte Gruppierungen aufeinandertreffen? Zum Beispiel die Sportsüchtigen und die Sportverächter? Dann steht man am Ende da – und ist ziemlich ratlos. Eigentlich müsste ich sogar schockiert sein. Ohne Schlimmes zu erwarten, machte ich den von «SRF bewegt» propagierten wissenschaftlich entwickelten Test «Hast du noch Freude am Sport oder bist du schon süchtig?». Würde ich dem Resultat Glauben schenken, wäre ich derart sportsüchtig, dass man mich zwangsmässig in eine geschlossene Entzugsklinik einliefern müsste.

Doch so einfach und generell ist die Sache natürlich nicht. Nehmen wir die erste Frage mit den drei möglichen Antworten:

Wenn ich zwei Tage nicht trainieren kann, fühle ich mich unwohl.
–    Nein
–    Trifft etwas zu
–    Ja

Was soll ich da ankreuzen? Alle drei Antworten treffen auf mich zu – je nachdem. Denn ich trainiere projektbezogen. Plane ich etwa die Besteigung eines Bergs über eine lange, steile Route, dann will ich physisch vorbereitet sein, muss an meiner Ausdauer feilen. Alle zwei Tage eine Laufrunde ist da sicher nicht übertrieben. Schaffe ich das aus zeitlichen Gründen nicht, fühle ich mich vielleicht tatsächlich «unwohl». Aber nicht im Moment, sondern am Tag X am Berg, wenn ich zu unfit bin.

«Genügend Kraft ist ein Zustand, den es gar nicht gibt»

Die Crux ist doch folgende: Auch die Nicht-Süchtigen – also all jene, die «noch Freude am Sport» haben – brauchen Motivation. Am leichtesten kann man sich zu einem Training aufraffen, wenn man sich für die nahe Zukunft ein realistisches Ziel setzt. Um dieses zu erreichen – sei es für Laufanfänger ein 10-Kilometer-Volkslauf oder für fortgeschrittene Velofahrer das Alpen-Brevet – muss man nun einmal etwas dafür tun. Von nichts kommt nichts. «Wer nicht weiss, wo er hin will, darf sich nicht wundern, wenn er woanders ankommt», schrieb schon Mark Twain.

Für mich ist jemand, der drei oder vier Trainingseinheiten pro Woche absolviert, um ein Ziel zu erreichen, nicht sportsüchtig. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er sich stets verbessern will. «Genügend Kraft ist ein Zustand, den es gar nicht gibt», sagte Wolfgang Güllich. Dasselbe gilt übrigens auch für die Ausdauer.

Jeder glaubt: Was ich mache, ist das Richtige

Wo liegt aber die Grenze? Was ist noch gesund, was nicht? Da gehen die Meinungen gewaltig auseinander: Ein Sofa-Liebhaber findet einen Marathon schlecht für die Hüfte, schlecht für die Knie, schlecht für ein genussvolles Lebenskonzept. Ein Marathonläufer stuft eine Matterhornbesteigung als «extrem» ein. Ein Matterhornbesteiger sieht die Ironman-Kämpfer als «Freaks».

Lustig ist einfach, dass jeder glaubt, dass genau das, was er macht, das Richtige sei. Hauptsache der Sofafreund kann über den ausgemergelten Ultramarathonisten lästern und der Ultramarathonist über den übergewichtigen Sofafreund. Mit meinen sportlichen Ambitionen ordne ich mich selber etwa in der Mitte dieser beiden Extreme ein. Selbstverständlich erachte ich das als ideal – und alles andere als schlecht.

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Wo ist hier bitte die Passhöhe?

Thomas Widmer am Freitag, den 19. Juni 2015

Diese Woche von Peist via Faninpass und Arflinafurgga nach Fideris GR


Peist empfängt uns kühl: wildes Wolkentreiben, keine Sonne. Der Optimist im Widmer dreht die Sache ins Positive und findet das gut. Wir werden weniger schwitzen auf den vielen Höhenmetern hinauf zum Faninpass und der Arflinafurgga.

Der Baum in der Ecke des Bahnhofplatzes wirkt ein wenig verschupft. Ein Schild kennzeichnet ihn als «Esche, Baum-Riese». Die Peister Esche ist berühmt, sie besitzt auch einen Wikipedia-Eintrag. Um 1660 wurde sie gepflanzt, hat an der dicksten Stelle einen Umfang von etwas mehr als neun Metern und soll «europaweit die älteste ihrer Art» sein. Skepsis ist allerdings bei Superlativen angebracht. Wer weiss, ob nicht irgendwo in Siebenbürgen oder so eine noch ältere Esche steht, die keinen Wikipedia-Gönner hat. Aber eindrücklich ist der Baum von Peist auf jeden Fall.

Wir gehen hinauf ins Dorf, queren die gefährliche Strasse von Chur nach Langwies und Arosa, spuren ein Richtung Pass. Schön die Poesie der Flurnamen am Hang: Chegelboden, Nigg, Tarnatel. Und Maselfa, was klingt, wie wenn ein amerikanischer Ghetto-Hip-Hopper das Wort «myself» daherrappt.

Eine Zeit lang gehen wir auf einer Alpstrasse. Dann wieder Naturboden, moorig, braunrot, federnd, ein Gelenkfest. Endlich der Faninpass. Er ist oben flach, also Antidrama, der Wanderer denkt nicht «Juhee, ich bin oben!», sondern eher «Wo ist hier bitte die Passhöhe?». Kurz darauf sind wir bei der leicht höheren Arflinafurgga, Scheitelpunkt der Route vom Schanfigg ins Prättigau.

Bei der Furgga sitzt Ronja in ihrer hellgelben Regenjacke am Weg und liest in einem Wirtschaftsbuch. Sie hat auf uns gewartet, lächelt uns zu, steht auf, schliesst sich wieder an. Sie ist einfach schneller unterwegs als der Rest von uns. Eine unerklärliche Fitness wohnt in ihr.

Grossartig das Wetter nicht erst auf dem Kamm. Den ganzen Aufstieg über nebelte es immer wieder aus den Tiefen der Täler und Tobel. Die tieferen Berge vermochten sich nicht zu wehren und sind im Grau ertrunken. Höhere aber wie das nahe Mattjisch-Horn schauen stolz aus dem Dunst.

Wir steigen ab zu den Fideriser Heubergen, freuen uns an den Seelein direkt unter uns. Die warme Jahreszeit ist nicht die vorteilhafteste dieses weiten Kessels: Skiliftmasten, Chalets und weiteres Menschenwerk der groben Art und kein veredelnder Schnee. Das Berghaus Arflina ist auch keine Schönheit. Und doch freuen wir uns, dass es da ist und offen hat. Wir kehren ein. Mein Hamburger ist grässlich verbrannt, ich retourniere, er kommt besser zurück, okay, danke!

Nun geht es abwärts, zuerst auf dem Hartbelag des Strässchens, das im Winter als Schlittelpiste dient, später durch Wald und Wiese. Geradeaus haben wir am Gegenhang Pany und weiter hinten St. Antönien, gute Wandererinnerungen steigen auf. Zu unserer Rechten klafft bös ein Tobel mit erodiert-kahlen Wänden. Ein Mann vor einem Haus, mit dem wir ins Gespräch kommen, erzählt uns, dass er ab und zu hinabsteigt, als Pilzler und Jäger. Der hat Mumm!

Fideris, Wanderschluss. Bis der Bus kommt und uns hinab zum Bahnhof Schiers trägt, sehen wir uns um. Schön geschlossen ist das Dorf mit seinen uralten Häusern. Im frühen Mittelalter sprach man Rätoromanisch. Dann kamen die Walser, Siedler deutscher Zunge. Der Ort germanisierte sich und hatte seine Latinität schon zur Zeit der Reformation verloren. Fadrein hiess er einst.

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Route: Peist, Station – Peist – Unter Maiensäss – Chegelboden – Nigg – Tarnatel – Maselfa – Faninpass – Arflinafurgga – Fideriser Heuberge/Berghaus Arflina – Tschess – Val Maladersch – Valsigg – Caschnaus – Almeindli – Fideris.

Wanderzeit: 6 Stunden.

Höhendifferenz: 1000 Meter auf-, 1350 abwärts.

Wanderkarte: 248 T Prättigau, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus von Fideris nach Schiers Bahnhof.

Charakter: Einfache Bergwanderung, keine gefährlichen oder ausgesetzten Stellen. Viel Aussicht. Auf beiden Seiten gibt es Teilstücke auf Asphalt.

Höhepunkte: Der Rückblick auf das herzige Hangdorf Peist. Der federnde Moorboden im Aufstieg zur Arflinafurgga. Der Blick von der Furgga zum dominanten Mattjisch-Horn. Das schöne Dorf Fideris am Ende.

Kinder: Keine Probleme.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Berghaus Arflina, durchgehend offen.

Rückkehr zum Ausgangspunkt: Fideris bis Bahnhof Schiers per Bus. Dann per Zug nach Landquart, Chur, Peist Station.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Neue Standards braucht das Land

Jürg Buschor am Donnerstag, den 18. Juni 2015

Steifere Laufräder, verbesserter Fahrkomfort, effizienteres Pedalieren und in letzter Konsequenz mehr Spass – das kann man als Mountainbiker nur uneingeschränkt bejahen, oder? Die Kadenz, mit der die Bikeindustrie in letzter Zeit echte und vermeintliche Innovationen in den Markt drückt, hat aber auch eine Kehrseite. Wer soll da noch den Überblick behalten? Und vor allem – wer kann es sich leisten, in immer kürzeren Abständen ein neues Mountainbike anzuschaffen, weil es fürs «alte» immer schwieriger wird, Ersatzteile zu bekommen oder auf neue Technologien umzurüsten?

Die Laufradgrösse 27,5” hat innerhalb von zwei Jahren 26” fast komplett ersetzt und 29” einige Marktanteile abgenommen. Doch auch das neue 27,5-Zoll-Mountainbike droht bereits im kommenden Jahr schon durch die nächste «Revolution» bedrängt zu werden, wenn die Mountainbikes mit Plusgrössen auf Ladenflächen der Fachhändler rollen.

Was wäre so schlimm an diesem Zwischending aus Bike und Fatbike, wenn ich die Vorteile durch einen simplen Reifenwechsel generieren könnte? Schön wärs! Die neuen Masse ziehen einen Rattenschwanz an Neuerungen hinter sich her. So gibt es aktuell über zehn gängige Achsstandards auf dem Bikemarkt – allein fürs Hinterrad. Bei einem Defekt schnell auf das Laufrad des Zweitrades zurückzugreifen, wird da fast zum Ding der Unmöglichkeit. Ebenfalls durch die neuen Laufraddimensionen angestossen wurden neue Einbaumasse am Innenlager. Einen simplen Umwerfer bietet der Komponentenhersteller Sram mitunter in über 50 verschiedenen Ausführungen an. Der Normenwahnsinn wird fast immer mit demselben Argument erklärt: bessere Funktionalität. Klar doch – wer könnte da etwas einzuwenden haben?!

Am Beispiel der Achsstandards lässt sich das passend dokumentieren. Der Ausgangspunkt: 29-Zoll-Laufräder etablieren sich am Markt. Ihr Nachteil: geringere Steife. Um dieses Problem zu lösen, werden breitere Naben konstruiert. «Boost» heisst das neue Mass der Dinge. Am Hinterrad wächst die Breite von 142 auf 148 Millimeter, am Vorderrad von 100 auf 110 Millimeter. Laut US-Komponentenriese Sram sollen diese sechs Millimeter am Hinterrad den Verlust der Steife eines 29ers im Vergleich zum 27,5er mit 142er-Achse ausgleichen. Die zehn Millimeter am Vorderrad bringen sogar die gleiche Steife wie alte 26-Zoll-Räder. So weit, so gut. Oder doch nicht? Durch Boost verschiebt sich die Position von Kassette und Bremsscheibe. Für die Montage werden also neue Federgabeln, Rahmen und Kurbeln nötig. Ob Gabelschaft, Scheibenbremsaufnahme oder Lenkerdurchmesser – die Liste der wechselnden Standards lässt sich beliebig fortsetzen.

Wirklich glücklich ist mit diesem Normenwahnsinn angeblich niemand. Denn auch für die Hersteller ist die andauernde Veränderung ein Geldvernichter. Sie müssen enorm in Entwicklung und Produktion investieren, während der Einzelhandel damit zu kämpfen hat, immer die passenden Produkte auf Lager zu haben, ohne auf Produkten sitzen zu bleiben, die in immer kürzeren Abständen «veralten».

Für uns Biker bedeuten neue Standards Probleme mit der Kompatibilität, Verwirrung und Kosten. Aber sie bringen oftmals auch echten Fortschritt und damit mehr Fahrspass und -sicherheit. So wird sich heute kaum ein Biker die guten alten Felgenbremsen zurückwünschen – auch wenn Scheibenbremsen bei ihrer Einführung neue Naben, Gabeln und Rahmen erforderlich gemacht haben. Trotzdem ist es manchmal beunruhigend, in welcher Kadenz immer neue Normen definiert werden. Die Industrie steht genauso unter Druck – niemand will irgendwelche Trends verschlafen. Ob man aufs richtige Pferd gesetzt hat, merkt man oft erst hinterher. Zumindest da sitzen Hersteller, Händler und Kunden in demselben Boot.

Zwischen echtem Fortschritt und Marketinginnovationen – wie stehen Sie zu ständigen Veränderungen in der Bikebranche? Welche neuen Normen machen Ihrer Meinung nach Sinn, welche nicht? Volle Kompatibilität durch einheitliche Standards: Ist das heute noch realistisch?

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Möbel auf dem Vrenelisgärtli

Outdoor-Redaktion am Mittwoch, den 17. Juni 2015

Ein Beitrag von Emil Zopfi*:

Wir hoffen, wie jeden Sommer, dass uns doch das Schneefeld auf dem Vrenelisgärtli erhalten bleibe, das sagenumwobene. Das im Hitzesommer 2003 verschwand, weggeschmolzen, und seither noch zwei weitere Male. Was ist denn der Glärnisch ohne die weisse Krone des «Vreneli»? Ein graues Mahnmal des Klimawandels.

Die Geschichte der jungen Frau, die auszog, das Unmögliche zu wagen, im ewigen Eis einen Garten zu pflanzen, ist gewiss eine der stärksten Alpensagen. Ihr Ursprung ist kompliziert, eine Spur führt zu Leuca, einer keltischen Schneegöttin, eine andere in die Verenaschlucht bei Solothurn. Vom Teufel vertrieben, fuhr die Einsiedlerin Verena auf einem Mühlestein – altes Sexsymbol – auf der Aare hinab und den Rhein hinauf nach Zurzach, das zum Hauptort des Verenakultes wurde. «S isch äbe e Mönsch uf Ärde», singt Stefan Eicher, auch das Vreneli ab em Guggisbärg gehört in den Verena-Komplex. Stäfa am Zürichsee trägt Verena im Wappen mit Wasserkrug und Läusekamm: Heilerin und Wassergöttin.

Wenn bloss nicht das ganze Schneefeld zu Wasser wird in der Sommerhitze. Ich werde zwar ohnehin nicht hinaufsteigen, nicht mehr. Es dauerte lange, bis ich einmal oben war, allein vom Tal auf den Gipfel wie die sagenhafte Verena. Zum Glück kein Schneesturm wie einst, als drei Burschen aus Schwanden mitten im Sommer dort oben erfroren. Kein Kreuz war da, nur ein Schuttgrat, auf der Nordseite das viereckige Schneefeld, die Aussicht atemberaubend, ein ergreifender Augenblick. Ich hatte den Berg gemieden, weil ich als Jugendlicher kurz unter dem Gipfel Augenzeuge eines tödlichen Unglücks geworden war. Der Glärnisch ist ein gefährlicher Berg, dem Wetter ausgesetzt und lockeres Gestein.

UBS sponsert Steinbank auf dem Gipfel

Aber nun meide ich ihn aus anderen Gründen. Inzwischen ist der Gipfel des Vrenelisgärtli «möbliert» worden, ein massives Gipfelkreuz musste her, samt Blitzableiter. Eine Büchse mit Gipfelbuch daran geschraubt, dekoriert mit einem fünfzackigen Stern. Seltsame Symbolik. Dazu hängt ein Glöcklein am Kreuz, ein Kübel ist obendrauf gestülpt. Wohl weil das Vreneli in der Sage ein Käsekessi über den Kopf hielt, als es zu schneien begann. Vielleicht als Beschwörung, dass es doch wieder mal genügend Schnee gebe dort oben? Übrigens ist auch Frau Holle irgendwie verwandt mit der sagenhaften Verena.

Wo der Kitsch hinfällt, bleibt er bekanntlich nicht lange allein. Glarner Touristiker liessen im Juni 2010 eine tonnenschwere Steinbank per Heli auf den Gipfel fliegen, gesponsert von der Grossbank UBS. «Geschenk von Glarus Süd an Zürich», also von meiner Heimat- an meine Wohngemeinde. Darüber hinaus schenkten die Glarner den Zürchern grosszügig auch noch einen Quadratmeter schotterigen Heimatboden. Ein Blumengärtlein wächst da bestimmt nicht. Zur Einweihung stiegen Zürichs Stadtpräsidentin und eine Glarner Regierungsrätin mit Bergführern und einem Tross von Glarner und Zürcher Politkern und Politikerinnen und weiteren Notabeln auf den Gipfel. Freude herrschte.

Bei mir hält sie sich in Grenzen. Ich kann mich mit dem Klimbim auf dem sagenhaften Gipfel nicht befreunden, muss ich ja auch nicht. Mir genügt der Blick vom Zürichberg zum Glärnisch. Wenn nur der Schnee dort oben nicht schmilzt, diesen Sommer.

Ihre Meinung interessiert uns. Wie denken Sie über die Möblierung des sagenhaften Gipfels?

SCHRIFTSTELLER, AUTOR, *Emil Zopfi ist Rentner, Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer, www.zopfi.ch.

Outdoor

Acht Gründe fürs Joggen im Sommer

Pia Wertheimer am Montag, den 15. Juni 2015
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Im Sommer braucht man weniger Kleider: Läufer in New York. Foto: flickr/Istolethetv

An dieser Stelle hat meine Kollegin Natascha Knecht den Sommer wiederholt auf die Anklagebank gesetzt. Überflüssig nannte sie jene Jahreszeit, ohne die ich keinen Winter überleben würde. Einspruch! Wegen Befangenheit! Logisch, könnte die Stürmerin verschneiter Gipfel auf die heissen Temperaturen verzichten. Aber die kalten Monate sind für viele Läufer qualvoller als jeder Marathon. Der Sommer ist die Verpflegungsstation, bei der wir zu Kräften kommen und unsere Reserven auffüllen, um die frühdunklen Tage und eisigen Temperaturen zu überdauern. Mein Plädoyer mit acht Gründen, weshalb der Sommer alles andere als überflüssig ist:

  1. In keiner Jahreszeit ist die Kleiderwahl beim Sport so einfach! Das Rezept heisst Short-Short (kurz-kurz). Es steht für kurze Hosen und T-Shirt oder gar Tanktop und funktioniert im Sommer zu jeder Tageszeit – auch bei Regen, denn anders als im Winter fallen die Tropfen bei und mit wohltuender Temperatur vom Himmel.
  2. Im Sommer ist die Waschmaschine nur halb so voll! Logisch, oder? Schliesslich brauchen Langarm-Shirts und lange Hosen viel mehr Platz in der Trommel. Wir schonen dann also die Umwelt. Und nein, ich lasse das Argument nicht gelten, dass der Sportler im Sommer mehr schwitzt und damit mehr Wäsche verschleisst. Im Winter ist Sport nicht weniger anstrengend, und wer sein Laufshirt nicht nach einmaligem Tragen wäscht, wird leicht zu einer Stinkbombe.
  3. Der Sommer macht sexy! Die Sonne zaubert auch auf gut geschützte Haut eine sexy Farbe. Die Sommersportler sehen dabei nicht nur gesünder aus als die Winterbleichen, sie sind es auch. Da sind sich Forscher und das Bundesamt für Gesundheit einig. Würde auf den Sommer verzichtet, hätte dies wegen des mangelnden Vitamin D beispielsweise verheerende Konsequenzen für unsere Knochen und unser Immunsystem. Die Menschen treibt es zudem im Sommer mehr nach draussen, sie sind aktiver, ihre Muskeln straffer – ergo attraktiver.
  4. Das Sommerlicht sorgt für gute Laune! Die Sonnenstrahlen heben auch die Stimmung. Wer sowohl in der kalten als auch in der warmen Jahreszeit rennt, kennt den Unterschied: Während an Wintertagen die Begrüssungen unter vermummten Sportlern genauso karg ausfallen wie unter gestressten Bankern an der Bahnhofstrasse, bezaubert der Sommer mit etlichen Läuferlächeln.
  5. Nur im Sommer ist es so einfach, im Büro allen Kollegen eine Runde voraus zu sein! Genau dieses Gefühl geniesst nämlich jeder, der vor der Arbeit die Laufschuhe schnürt, um so mit bereits hellwachem Geist die ersten Sitzungen bestreitet. Während der Kampf, aus dem Bett zu kommen, in der kalten Dunkelheit unendlich schwierig ist, lockt die Dämmerung im Sommer geradezu nach draussen.
  6. Einzig im Sommer hat Morgenstund wirklich Gold im Mund! Die Momente für sich alleine im sommerlichen Morgengrauen kann keine Jahres- oder Uhrzeit übertreffen. Die noch schlummernde Welt, das Frühkonzert der Vögel, die Frische des anbrechenden Tages, die ersten, warmen Sonnenstrahlen – sie wappnen jeden Geist und jedes Herz für sämtliche Herausforderungen.
  7. Romantische Nachtläufe ohne zu erfrieren sind nur im Sommer möglich! Es macht nur im Sommer wirklich Spass, bei Vollmond in die Nacht zu laufen – im Winter würde der Erfrierungstod drohen. Es ist romantisch, durch die Stille zu laufen, von noch lauer Luft umgeben. Das fahle Mondlicht wirkt beruhigend, die Nachtluft kühlend. Das perfekte Cool-down nach einem gestressten Tag.
  8. Ungeahntes Tempo macht die Sommernacht möglich! Wer es tempotechnisch der Romantik zum Trotz wissen will, tut ebenfalls gut daran, in einer Sommernacht zu laufen: Da in der Dunkelheit das Gefühl für Geschwindigkeit fehlt, legt ein Läufer dann oft ganz unerwartet beachtliche Trainingszeiten hin. Allerdings ist bei der Wahl der Unterlage Vorsicht geboten – die Wurzeln lassen grüssen.
Auf welche Saison(s) können Sie als Sportler gerne verzichten?

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