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Gesprächstherapie an der Bahnkasse

Thomas Widmer am Freitag, den 31. Juli 2015

Diese Woche vom Stoos via Wannentritt nach Riemenstalden und Sisikon (SZ/UR)

Talstation der Stoosbahn, noch fünf Minuten bis zur Abfahrt, eine Schlange vor der Kasse. Vor uns zwei jüngere Frauen, die weder eine Ahnung von der Gegend haben noch eine Karte. Sie konsultieren die Kassenfrau und beraten sich untereinander und kommen nicht zu einem Entschluss, was für ein Billett sie brauchen, «wir könnten aber auch zuerst auf den Klingenstock und dann erst… murmel, murmel».

«He, macht ihr da vorne eine Gesprächstherapie?», rufe ich.

Blenden wir den folgenden Wortwechsel aus und machen wir einen Zeitsprung fünf Minuten nach vorn. Wir haben es knapp auf die Bahn geschafft, die zwei Frauen auch. Während es aufwärtsgeht, plaudere ich mit Josephine von meinem Grüppli über die Bahn, die nächstes Jahr die jetzige ersetzen soll. Das neue Modell wird, sagen die Betreiber, mit einer Steigung von bis zu 110 Prozent die steilste Standseilbahn der Welt sein.

Ausgesetzt ist hier gar nichts

Stoos, das Schwyzer Feriendorf auf 1300 Metern: immer gut für einen Ausflug. Wir starten, halten unserem ersten Ziel zu, dem Wannentritt. Warme Luft umschmeichelt uns, zur Linken haben wir den Grossen Mythen, zur Rechten ganz nah den Klingenstock, den wir quasi umrunden wollen. Bis Geissbützen sind zwei Routen möglich, wir nehmen die untere.

Beim Laubgarten ein Aussichtspunkt, wir setzen uns, trinken, schauen. Bald danach der Wannentritt. Meist sind Punkte, die Tritt heissen, Halsbrecherpassagen. Dieser Tritt ist nett. Auf der Südseite meistern breite, per Holzzaun gesicherte Kehren den kurzen Steilabschnitt. Gute Nachricht an alle Schwindelgeplagten: Ausgesetzt ist hier gar nichts. Eine neue Bergkette, die mit dem Kaiserstock, wird uns an dieser Stelle zuteil. Und ein neues Tal, das von Riemenstalden.

Wenig später eine Überraschung. Bei der Höchi wird gewirtet von der Familie, die die Alp Goldplangg bebauert. Wir setzen uns, Kaffeehalt. Josephine hat Knieweh, sie hinkt, als wir weiterwandern. Mal auf Kies, mal auf Gras, mal durch den Wald geht es hinab nach Riemenstalden. Links am Weg präsentieren sich Kalkschratten, die länglichen Rillen wirken, als habe ein Riese sie mit einem Messer eingeschnitten.

Vor der Talstation der Lidernen-Seilbahn eine gewaltige Menge Autos, ich werde schon wieder hässig. Nur zwei öffentliche Buskurse pro Tag, beide reservationspflichtig, erschliessen das Tal und die Talstation der Bahn, einer morgens, einer am Nachmittag. Das ist jämmerlich. Warum schaffen es die hier nicht, einen anständigen öffentlichen Zubringer auf die Beine zu stellen, haben die lieber Autogekarre von früh bis spät?

Fulminantes Schlussbouquet

Immerhin, Josephine profitiert, sie macht Autostopp. Wir anderen wandern weiter talauswärts und kommen ins Dörflein von Riemenstalden. Eine tolle Beiz haben die! Das Restaurant Kaiserstock ist weitum bekannt für eine feine Küche. Wir finden, halleluja, Platz, zwar nicht draussen, aber immerhin drinnen.

Mit glücklichem Bauch laufen wir auf der Strasse abwärts, verfluchen jeden Offroader einzeln, folgen später dem Riemenstaldner Bach, erreichen Rietberg, sind plötzlich im Kanton Uri. Der beschert uns zum Schluss einen fulminant schmalen und abschüssigen Tobelsteig. Unten in Sisikon sind wir alle geschafft und verschwitzt, die einen gehen zum See, um sich abzukühlen, die anderen setzen auf die Biermethode.

Ich wähle die Gartenbeiz und muss wieder an die zwei Frauen vom Morgen denken: Wo die wohl durch sind?

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Route: Stoos, Bergstation – Nühusweidli – Rinderchruteren – Laubgarten – Wannentritt – Höchi – Stafel – Chäppeliberg – Riemenstalden, Kirche – Riedberg – Sisikon, Bahnhof.

Wanderzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 415 Meter auf-, 1240 abwärts.

Wanderkarte: 246 T Klausenpass, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Kürzer: Es gibt einen einzigen, reservationspflichtigen Nachmittags-Buskurs von Riemenstalden, Chäppeliberg nach Sisikon. Die Wanderung wird, wenn man den Bus nimmt, zwei Stunden kürzer.

Charakter: Berge rundum. Die Strapaze aufwärts hält sich in Grenzen. Abwechslungsreich. Grandiose Route!

Höhepunkte: Die Bergfahrt von «Schwyz, Stoosbahn» (so der Fahrplanname der Talstation an der Buslinie Schwyz, Bahnhof–Muotathal) auf den Stoos. Das schöne Stoos-Plateau mit den Mythen zur Linken. Der wegtechnisch perfekt gemeisterte Wannentritt. Die Einkehr auf der Höchi. Das kleine, aber feine Dörfli von Riemenstalden. Die Abenteuerpassage nach Riedberg.

Kinder: Vor allem nach Riedberg muss man sie beaufsichtigen. Steile Abwärtspassage im Wald.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Stoos. Höchi, Alp Goldplangg, Öffnungszeiten je nach Witterung. Restaurant Kaiserstock in Riemenstalden, sehr gute, weitum bekannte Küche, Ruhetage Mo, Di. Sisikon.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Der Preis, ganz ohne Schweiss

Jürg Buschor am Donnerstag, den 30. Juli 2015

Bequem nach oben und dann ausgeruht rasant nach unten: Biketransport in Kandersteg. Quelle: baguslife.com

Seit einer Stunde läuft die Pumpe auf Anschlag, der Schweiss dringt aus allen Poren. Die Gesichtsfarbe passt sich von Minute zu Minute immer mehr derjenigen des roten Fahrrad-Trikots an. Noch ist das Ziel längst nicht erreicht, da reisst ein aufheulender Motor den Mountainbiker aus dem fast schon meditativen Tret-Rhythmus. Ohne auch nur ansatzweise den Fuss vom Gaspedal zu nehmen, setzt der Fahrer des Transporters auf der schmalen Forststrasse zum Überholen an. Ein kurzer Blick zur Seite zeigt zuerst ein paar grinsende Gesichter hinter der Fahrzeugscheibe, Sekundenbruchteile später einen Anhänger mit einem halben Dutzend Mountainbikes.

Bis zum Startpunkt der geplanten Abfahrt fehlen noch 800 Höhenmeter. Weit genug, dass sich das Schauspiel noch zwei weitere Male wiederholt. Auch wenn der Anstieg und die damit verbundene Anstrengung für den Tourenfahrer integraler Bestandteil des Tourenerlebnisses sind – ein klein wenig ärgert er sich trotzdem darüber, dass der Mountainbike-Shuttle dreimal eine grosse Staubwolke hinterlässt. Und ja, der Gedanke nervt, dass die paar Freerider den Lieblingstrail ganz ohne Anstrengung schon dreimal abgefahren sein werden, bis dass man den höchsten Punkt mit Muskelkraft erreicht hat. Den Preis gibt es immer öfter auch ohne Schweiss.

Abfahrtsorientierte Mountainbikes

Spätestens seit bessere Fahrwerke und mehr Federweg der breiten Masse sorgenfreien Trailspass bereiten, sind abfahrtsorientierte Mountainbiker mehr Regel als Ausnahme. Aufstiegshilfen sind längst salonfähig. Ob Gondelbahn, Sessellift, Autoshuttle oder gar Helikopter – die Limiten der gefahrenen Tageshöhenmeter werden längst nicht mehr durch Lungenvolumen und Muskelkraft definiert und limitiert. Aus Sicht der Tourismusverbände und Bergbahnbetreiber ist die Sache klar: Der Biketourismus sorgt als sommerliches Pendant zum Skitourismus für eine bessere Auslastung und stopft Umsatzlöcher. Zwar erst kleinere – aber immerhin.

Denn allein durch Wanderer sind die Bahnen längst nicht ausgelastet. Die Idee, die ohnehin durch Skipisten und Liftpfeiler verschandelte Landschaft für Freerider und Downhiller herzurichten, schreckt auch Umweltaktivisten immer seltener auf. Allerdings geht der Trend weg von künstlich angelegten Bikeparks hin zu natürlichen alpinen Trails, bei denen Mountainbikern der Anstieg zumindest teilweise durch Aufstiegshilfen erleichtert wird. Lifte nutzen längst nicht mehr nur reine Downhill-Biker. 1000 Höhenmeter mit der Bahn, 1000 Höhenmeter selber hochkurbeln, um danach 2000 Höhenmeter abzufahren – so oder so ähnlich lauten mittlerweile für viele die «Idealmasse» einer Mountainbike-Tour.

Prättigau

Ein gewohntes Bild: Das Postauto bringt die Biker in die schöne Landschaft, und irgendwann gehts mit eigener Muskelkraft weiter. Foto: praettigau.info

Das belegen übrigens auch die Zahlen von Postauto: Im Sommer 2014 wurden im Schnitt 170 Velos pro Tag transportiert – davon waren 88 Prozent Mountainbikes. In den Monaten Juni bis Oktober waren es insgesamt 22’815 Bikes. Kritisch wird es, wenn der Druck auf alpine Regionen zu gross wird. Denn klar ist: Wo Biker Liftunterstützung finden, werden Trails stärker frequentiert. Das kann zu Konflikten mit anderen Wegnutzern führen – und auch innerhalb der eigenen Spezies für Protest sorgen. Verständlich, dass fleissige Pedalritter, die nach wie vor ausschliesslich auf Muskelkraft setzen, lieber ihre wohlverdiente Ruhe haben. Liftunterstützt Biken sorgt immer noch für Kopfschütteln.

Wenn Liftfahren zum Standard wird

Interessant ist hier ein Seitenblick zum Wintersport. Das alpine Skifahren erntet maximal unter ultraorthodoxen Bergsportlern oder Umweltschützern Kritik. In der Gesellschaft gilt das liftunterstützte Skifahren als Normalfall, das Skitourengehen als Spielart einiger weniger. Objektiv betrachtet ist das beim Biken nichts anderes. Beide Sportarten stellen hohe Anforderungen an die technischen Fähigkeiten der Athleten und begeistern durch Geschwindigkeit, Dynamik und Fahrfluss. Dennoch ernten Mountainbiker an Liftstationen und in Gondeln misstrauische Blicke – von «echten» Bikern, genauso wie vom Fussvolk. Wie lange noch?

Nutzen Sie beim Mountainbiken Aufstiegshilfen? Wo sehen Sie Probleme und Chancen für den Mountainbike-Sport?

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Jenseits gesunden Menschenverstandes

Natascha Knecht am Mittwoch, den 29. Juli 2015
Unverhoffte Hauptrolle eines Umweltskandals: Scott Jurek cremt beim a.  (John Roark/ AP)

Unverhoffte Hauptrolle eines Umweltskandals: Scott Jurek beim Appalachian-Trail. (AP/John Roark)

In der Schweiz müsste sich eigentlich jeder den Namen Scott Jurek merken. Denn seine unglaubliche Umweltverschmutzungsgeschichte könnte uns die Augen öffnen in der Diskussion um das Littering im öffentlichen Raum:

Scott Jurek (43) gehört zu Amerikas stärksten und bekanntesten Ultramarathonläufern. Seit 1999 lebt er vegan, und sein Buch «Eat and Run» verkauft sich wie heisse Weggli. Aber seit einigen Tagen hat das Idol ein «Alkoholproblem». Jurek stellte auf dem Appalachian-Trail einen neuen Zeitrekord auf. Es ist einer der ältesten Weitwanderwege der USA, führt von Georgia durch vierzehn Bundesstaaten bis hinauf nach Maine. 3500 Kilometer. Diese bewältigte Jurek in 46 Tagen, acht Stunden und sieben Minuten. Im Schnitt legte er pro Tag 80 Kilometer zurück, manchmal bei 40 Grad Celsius, manchmal bei starkem Regen.

Der Skandal ereignete sich dann am Ziel auf dem 1606 Meter hohen Mount Katahdin im streng regulierten Naturschutzgebiet Baxter State Park. Jurek und sein Team feierten den Erfolg mit einer Flasche Champagner. Man stelle sich das vor! Sie liessen den Korken knallen, und dummerweise sprudelten ein paar Tropfen auf den Boden. Ein Ranger stürmte an – nicht, um mit ihm anzustossen, sondern um ihm gleich drei Anzeigen auszuhändigen. 1. Weil im Park nur Gruppen bis zwölf Personen erlaubt sind. Um Jurek waren aber ungefähr 35 Personen versammelt. 2. Weil im Park ein Alkoholverbot herrscht, und Jurek hatte mutwillig Champagner getrunken. 3. Wegen Littering, da eben einige Tropfen aus der Flasche auf den Boden gespritzt sind. Der Ranger begründete, man wolle nicht, dass es im Park rieche wie in einer Bar.

Kaum zu glauben, oder? Typische lächerliche amerikanische Verhältnisse, könnte man sagen. Aber bei uns wird derzeit auch ernsthaft darüber diskutiert, ob das achtlose Wegwerfen eines Zigarettenstummels «fern jeden Anstands und einer rechten Erziehung» mit einer Busse «von nicht unter hundert Franken» bestraft werden soll. Weshalb soll eine Geldstrafe für einen verspritzten Tropfen Champagner absurd sein, aber für einen Zigarettenstummel die richtige Erziehungsmassnahme? Wo führt das hin? In ein Outdoor-Gefängnis? Wollen wir das? Wo bleibt der gesunde Menschenverstand?

Was ist Ihre Meinung?

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Läufer haben mehr Sex

Pia Wertheimer am Montag, den 27. Juli 2015
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Gemeinsames Joggen fördert die körperliche Aktivität zu Hause: Paar beim gemeinsamen Lauf. Foto: Flickr.com/Chris Hunkeler

Laufsport fördert nicht nur den menschlichen Herzkreislauf, sondern auch den Lauf der Dinge im Bett. Das hat eine Studie des amerikanischen Sportartikelherstellers Brooks gezeigt. In seinem Auftrag hat das Institut Wakefield Research in den Vereinigten Staaten rund 1000 Läufer befragt, die 18 Jahre und älter sind und mindestens einmal wöchentlich die Schuhe schnüren.

66 Prozent der Teilnehmer glauben, dass sie mehr Sex haben, wenn sie gemeinsam mit ihrer besseren Hälfte laufen – wobei diese Ansicht bei den Männern (71 Prozent) verbreiteter ist als bei den Frauen (62 Prozent). Eine Rolle spielt aber auch das Alter, denn 72 Prozent der Befragten zwischen 18 und 39 Jahren sind überzeugt, dass ein gemeinsamer Lauf die Lust fördert, während nur 59 Prozent der Teilnehmer über 40 Jahren dieser Ansicht ist.

Bei den Läufern heisst es zudem nicht (nur) «size matters» (auf die Grösse kommt es an), sondern auch «distance matters» (auf die Distanz kommt es an): Rund die Hälfte der Befragten, die sechs oder mehr Meilen gemeinsam rennen, ist der Ansicht, dass sich das auf ihr Liebesleben auswirkt.

Laufen als Psychohygiene

Allerdings sind Bettgeschichten lediglich bei 21 Prozent der Läuferinnen und Läufer ein Thema, wenn sie mit einer Freundin oder einem Freund unterwegs sind. Bei den Männern drehen sich die Gesprächsthemen vielmehr um die Siege ihrer Sportmannschaften (51 Prozent) und ihre neuen Gadgets (34 Prozent).

Bei Frauen hat eine Runde mit Freundinnen offenbar eher einen therapeutischen Zweck. 47 Prozent geben an, sich über ihre Beziehungen oder die neusten Flirts auszutauschen – dabei halten sich die Erzählungen über positive und negative Erfahrungen etwa die Waage. Ein weiteres beliebtes Thema bei Läuferinnen sind die Kinder und alles, was mit dem Nachwuchs zusammenhängt.

Nackte Tatsachen

Eine weitere Umfrage unter 1000 Läufern, an welcher auch Kanadier und Deutsche teilnahmen, fördert zudem an den Tag, dass 35 Prozent der Befragten vor einem Wettkampf nicht auf ihre Bettgeschichten verzichten. Sie sind nämlich der Meinung, dass Sex vor einem Rennen Höhepunkte in ihrer Läuferkarriere zur Folge hat.

Eine bei Velofahrerinnen wohl gängige, nackte Tatsache fördert diese Studie an den Tag: 72 Prozent der deutschen Läuferinnen, 11 Prozent der Kanadierinnen und 8 Prozent der Amerikanerinnen sind auf ihrer Joggingrunde jeweils ohne Unterhosen unterwegs.

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Verschossen in zwei Wasserfälle

Thomas Widmer am Freitag, den 24. Juli 2015

Diese Woche vom Lauenensee zur Geltenhütte (BE)
Caspar Wolf, 1735 bis 1783, Schreinersohn aus dem aargauischen Muri, Pionier der Hochgebirgsmalerei. Ich musste an ihn denken, als das Postauto von Gstaad zum Lauenensee die Haltestelle «Under Tungel» passierte. Plötzlich sah ich nicht nur den Tungelschuss, sondern weiter rechts auch den Geltenschuss – Wolfs berühmtes Sujet, das er mal in hellen Farben, mal als düsteres Schauspiel verewigte.

Für Nichtkenner der Gegend: Tungelschuss und Geltenschuss sind zwei Wasserfälle.

Endstation, das Postauto wendete, eine Handvoll Wanderer stieg aus. Zwei welsche Frauen schauten sich verwirrt um, wo war denn nun der berühmte Lauenensee? Knappe zehn Gehminuten entfernt, wusste ich von der Karte.

Das brüllende Tier

Der Weg zur Geltenhütte, meinem Tagesziel, wurde schnell stotzig, nachdem ich nass-feuchte Blackenfelder durchzogen hatte. Durch den Wald keuchte ich mich aufwärts und schätzte die Gepflegtheit des Weges, etwa die Querhölzer, die besonders abrupte Tritte befestigten. Vom nahen Tungelschuss sah ich nichts, hörte nur sein Brausen oder vielmehr Brüllen. Wasserfälle sind, wenn man nicht Distanz hält, weniger romantisch als unheimlich. Wilde Tiere sind sie.

Endlich die Alp Chüetungel: flacher Boden. Blumenwiesen. Durchatmen – aber nur kurz. Bald erreichte ich die Schlüsselstelle des Tages, die mit einem Trepplein begann. Ich geriet nun in die Flanke des Follhorns, die es 300 Meter über dem Talboden des Geltenbaches zu queren galt. Besonders ausgesetzt fand ich den Pfad nicht, war aber froh um das Seil zu meiner Linken und ging vorsichtig.

Hernach wurde mir leicht ums Herz. Ich sah so viel. Da war tief unten der Lauenensee, der aus einem kleinen und einem grossen Teil besteht. Das Dorf Lauenen, durch das ich mit dem Bus gekommen war. Der Geltenschuss. Und der Talabschluss zum Wallis hin, eine Kette von Gipfeln mit dem Wildhorn als König. Wieder dachte ich an Wolf, an die Mischung von Frohlocken und Beklemmung in seinen Gemälden ob der gewaltigen Gebirgsszenerien.

Bei der Alp Usseri Gelten bucklige, irgendwie schalkhafte Urviecher mit riesigen, perfekt gebogenen Hörnern. Yaks, wie ich eine halbe Stunde später in der Geltenhütte erfuhr. Schwer, nicht aus dem Schwärmen zu kommen in dieser Kolumne: Auch diese Geltenhütte war ein Anblick für Maler, wie sie geborgen in ihrer Senke lag mit zwei, drei Miniwasserfällen in der Nähe und Kiesflächen, über die Glitzerwasser strömte.

Die defekte Duschbrause

Ich kehrte ein, mochte das helle Holz des Raumes, ass eine Rösti mit Spiegelei. Sie gab mir Kraft für den folgenden Abstieg am Geltenbach entlang, der sich über die Kante ins Nichts warf, diesen Todesmut auf immer und ewig repetierend. Mein Zickzackweglein hatte ich schon von Usseri Gelten gesehen; immer wieder beeindruckend, wie Bergwege noch die abweisendsten Geländepartien in Eleganz meistern, als seien sie auf gute Stilnoten aus. An einer Stelle ging ich unter einem überhängenden Felsen, über den ein Bach stürzte. Es spritzte auf mich wie aus einer defekten Duschbrause.

Auf dem Boden des Unteren Feissenbergs, einige Zeit noch entfernt vom Lauenensee, wo die Wanderung schliessen würde, hielt ich an. Ich drehte mich um, der schroffen Felsbastion zu, die ich glücklich überstanden hatte. Nun hatte ich ihn unverstellt vor mir, den Geltenschuss, den die Schneeschmelze noch mächtiger machte. Sein Bild ist fortan Teil meines Lebens und wird es bis zum Ende bereichern.

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Route: Lauenensee, Legerlibrügg (Endstation des Postautos von Gstaad) – Alp Chüetungel – Usseri Gelten – Geltenhütte – Unter Feissenberg – Lauenensee – Lauenensee, Legerlibrügg.

Wanderzeit: 3 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 705 Meter auf- und wieder abwärts.

Wanderkarte: 5025 T Saanenland-Simmental, 1:5000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Mit dem Postauto retour von Lauenensee, Legerlibrügg retour nach Gstaad.

Charakter: Wanderung mittlerer Länge, relativ anstrengend wegen der ausgesprochen steilen Partien hinauf nach Chüetungel am Anfang und nach der Geltenhütte. Eine leicht ausgesetzte Partie zwischen Chüetungel und Usseri Gelten ist mit einem Seil gesichert. Bei Nässe meiden!

Höhepunkte: Die wässerigen drei: Lauenensee, Tungelschuss und vor allem Geltenschuss. Der wunderschöne Talabschluss hinter der Geltenalp. Die Einkehr in der Geltenhütte.

Kinder: Vorsicht in der ausgesetzten Passage.

Hund: Keine besonderen Probleme.

Einkehr: Restaurant am Lauenensee mit schönem Bergblick und Sicht auf den Tungelschuss. Derzeit durchgehend offen. Geltenhütte, derzeit durchgehend offen.

Lied zur Wanderung: Louenesee von der Gruppe Span.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Nach Feierabend

Mario Angst am Donnerstag, den 23. Juli 2015
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Schaffen wir es bis Einsiedeln?

Ich hole Pino um fünf Uhr vor seinem Büro in Rüschlikon ab. Unser Weg soll uns per Velo in unbekannte Gefilde führen, auf holprigen Wegen und einsamen Strassen entlang der Sihl, des raubeinigeren der beiden Zürcher Flüsse.

Ich mag die Sihl. Ich schätze das verschlammte Wasser, das sie ins gepützelte Zürich bringt, aus den tiefen Einschnitten, die sie in den Kanton Schwyz gefräst hat. Pino hingegen kennt die Sihl kaum. Er verbindet den Fluss unglücklicherweise nur mit einer alten SF-Dokumentation über einen Serienmörder im Sihltal. Ausserdem war er noch nie in Einsiedeln, das er sich als kleines Bergdorf vorstellt.

Doch dafür bringt Pino andere perfekte Voraussetzungen für ein Mikroabenteuer mit. Ich würde es einmal mit Genussfähigkeit umschreiben. Eine kleine Badepause, ein Feierabendbier, ein Kaffee am See – mit ihm gehen diese Dinge sicher nicht vergessen.

Wir kaufen also einmal das Weissbier für das Abendbiwak ein, klettern Richtung Adliswil und treffen bald auf die Sihl, die sich im Abendlicht von ihrer besten Seite zeigt. Da Teerstrassen langweilig sind und wir etwas Zeit haben, quälen wir unsere Velos bis zur ersten Beiz lieber über Stock und Stein entlang des Sihluferwegs.

Gedruckte Karten, zwei Velos und ein lauer Sommerabend sind drei Dinge, die uns das Zürcher Hinterland auf eine perfekte Art erschliessen lassen. Anders als Internetkartendienste öffnen gedruckte Karten den Blick fürs grosse Ganze. Der Ägerisee wäre tatsächlich auch nicht so weit weg. Wo genau ist Biberbrugg? Welche dieser Strassen sieht vielversprechend abgelegen aus? So entstehen all die kleinen Erinnerungen, Assoziationen und ausgefüllte Wissenslücken, die uns mit der Landschaft, in der wir leben, verbinden. Um weisse Flecken auf der inneren Landkarte zu füllen, braucht es auf jeden Fall keinen Interkontinentalflug.

Schliesslich finden wir unseren Weg nach Einsiedeln. Die Fassade des Klosters im Abendlicht vermag Pinos anfängliche Enttäuschung über die unschöne Ladenmeile eingangs des Dorfes schnell zu überdecken. Unser Biwakplatz am Sihlsee mit im See gekühltem Feierabendbier ist das Tüpfelchen auf dem i.

 

Am nächsten Morgen wachen wir mit der Sonne auf und «verirren» uns gleich fast bis hinauf auf den Etzel. Die frühmorgendliche Abfahrt zum Zürichsee wird danach richtig spektakulär. Was für ein Weg, in den Arbeitstag zu starten.

Nach einem Migrolino-Espresso am See reicht die Zeit sogar noch für einen morgendlichen Schwumm im Badezimmerwasser-warmen Zürichsee. Trotzdem ist Pino noch vor neun zurück im Büro. Wir stellen uns vor, was wohl seine Bürokollegen gestern Abend gemacht haben und was wir alles in dieser kurzen Zeit zwischen dem gestrigen Schritt hinaus in den Feierabend und dem ersten Morgenkaffee erlebt haben. Nicht schlecht.

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Noch ein kurzer Sprung in den See vor Arbeitsbeginn.

mario-angstZwischen Feierabend und Morgen hat ein ganzes Abenteuer Platz. In einer kleinen Sommerserie berichtet Mario Angst hier über seinen Sommer voller #microadventures.

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10 Gründe, warum man das Gebirge derzeit meiden sollte

Natascha Knecht am Mittwoch, den 22. Juli 2015

1. Es ist schrecklich, die überwältigende Schönheit der Hochalpen zu ertragen. Leidenswille und Schmerztoleranz müssen deshalb extrem hoch sein.

Aussicht vom Wetterhorn im Berner Oberland auf Jungfrau, Mönch und Eiger.

Aussicht vom Wetterhorn im Berner Oberland auf Jungfrau, Mönch und Eiger.

2. Um auf einen hohen Gipfel zu steigen, muss man nicht nur in der Nacht aufstehen. Man wird dafür auch noch mit dem Drama eines Sonnenaufgangs bestraft. Fürchterlich!

Der Mont Blanc im ersten Sonnenlicht. Gesehen vom Rochefortgrat.

Der Mont Blanc im ersten Sonnenlicht. Gesehen vom Rochefortgrat.

3. Unter dem Wolkenmeer wäre man nicht der direkten Sonne ausgesetzt. Man könnte sich das Geld für die teuren Cremen sparen.

Das Mattertal vom Zmuttgrat am Matterhorn gesehen.

Das Mattertal vom Zmuttgrat am Matterhorn gesehen.

4. Statt in der Badi die Seele baumeln zu lassen, muss man sich im Gebirge unentwegt konzentrieren. Man darf nicht einmal stolpern.

Eine Seilschaft beim Abstieg vom Bietschhorn, Wallis.

Eine Seilschaft beim Abstieg vom Bietschhorn, Wallis.

5. In den Hütten ist die Freiheit auch nicht mehr wie früher. Schnarchen ist heutzutage unerwünscht.

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Nicht schnarcheln: Schild in einer Hütte.

6. Grosses Pech, wenn man als Seilschaft ganz allein auf einem Viertausender steht. Wie langweilig!

Auf dem Matterhorngipfel.

Auf dem Matterhorngipfel.

7. Mühsam, wenn eine Route keine Bohrhaken oder Fixseile hat. Alles muss man selber machen! Selbstsicherung legen – und diese dann auch noch entfernen.

Keil und Friend.

Keil und Friend.

8. Eis, Schnee und kalte Finger auch im Hochsommer.

Am Younggrat zum Breithornzwilling, Wallis.

Am Younggrat zum Breithornzwilling, Wallis.

9. Ärgerliche Regeln in den Hütten und Biwakschachteln, die man einhalten sollte. Betonung auf «sollte».

Eine grossgeschriebe Bitte im Arben-Biwak.

Eine grossgeschriebe Bitte im Arben-Biwak.

10. Die Probleme beginnen hier oben, schon bevor der Tag anbricht. Kaum ist eines gelöst, stellt sich das nächste. Es hört nicht auf, bis man endlich wieder zu Hause ist.

Am Rotgrat auf den Alphubel, Wallis.

Am Rotgrat auf den Alphubel, Wallis. Bilder: © Archiv Natascha Knecht

Weshalb meiden Sie das Hochgebirge im Sommer?

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Und wenn die Erde doch eine Scheibe ist?

Blog-Redaktion am Montag, den 20. Juli 2015

Ein Gastbeitrag von Thomas Hürzeler*


Ist der Grund für das gerissene Seil bei der Erstbesteigung so wahnsinnig wichtig? «Tatort Matterhorn» in der 90-Minuten-Version. Video: SRF

Wann immer grosse Ereignisse die Menschheit bewegen, sind Verschwörungstheorien nicht weit: Die Mondlandung wurde in einem Filmstudio gedreht, weil auf dem Mond die US-Fahne nicht im Wind flattern konnte. 9/11 geht auf das Konto der CIA. Prinzessin Diana donnerte mit Zutun des britischen Geheimdienstes in die Tunnelwand und die Herren in Bern machen sowieso, was sie wollen.

Und jetzt ist also das Matterhorn an der Reihe. Rechtzeitig zum 150-Jahr-Jubiläum der tragischen Erstbesteigung. SRF ging in der Pseudo-Dokumentation «Tatort Matterhorn» der weltbewegenden Frage nach, ob das berühmteste Seil der Alpingeschichte gerissen ist oder durchgeschnitten wurde. Den zweiten Platz belegt übrigens das Hanfseil des Toni Kurz in der Eigernordwand, das er wegen Kuhnagels in den Fingern nicht aufknüpfen konnte. Bloss ist dazu meines Wissens noch keine Verschwörungstheorie aufgetaucht.

Vorsicht, Verschwörungstheorie! Der Abstieg in «TatortMatterhorn». Screenshot: SRF

Vorsicht, Verschwörungstheorie! Der Abstieg in «Tatort Matterhorn». Screenshots: SRF

Im besagten Film von SRF also war in gefühlten zwanzig Wiederholungen zu sehen, wie das Seil über einer scharfen Felskante zerriss. Darauf erklärte ein Forensiker im dramatischen Gegenlicht am Mikroskop, das Seil sei zweifelsfrei zerschnitten worden. Ganz im Stil der unsäglichen US-Reality-Soaps, in denen Officer Bruce Willis aus Milwaukee im Brustton des aufopfernden Gesetzeshüters erklärt, wie er den Schurken beim Pinkeln am Strassenrand erwischte. Täglich auch zu sehen in den unzähligen CSI-Folgen, in denen ein Kriminaltechniker aus einem Blutstropfen im UV-Licht einen ganzen Tathergang zurück bis ins 18. Jahrhundert rekonstruiert. Zudem wurde in Empa-Tests die Bruchfestigkeit der damaligen dünnen und dicken Seile ermittelt. Alles wahnsinnig interessant.

Hinterlistig oder lebensrettend durchgeschnitten: Das Seil, um das sich Legenden drehen. Screenshot: SRF

Hinterlistig oder lebensrettend durchgeschnitten? Das Seil, um das sich Legenden drehen.

In der Folge dieser Erstbesteigung, und bis heute, wird hitzig diskutiert, ob das Seil tatsächlich riss oder von Bergführer Taugwalder, je nach persönlichem Standpunkt hinterlistig oder lebensrettend, durchgeschnitten wurde.

Eine absolut sinnlose Diskussion, die letztlich nicht nur Taugwalders, sondern auch Whympers Leben ruinierte. Das gerissene oder zerschnittene Seilstück – ausgestellt als Devotionalie im Zermatter Bergsteigermuseum – gelangte gemäss SRF-Dok zuerst nach London zum British Alpine Club und von dort wieder zurück nach Zermatt. Ob es sich dabei tatsächlich um das Originalseil oder um einen Kalberstrick aus einem Walliser oder britischen Bauernhof handelt, scheint bis heute ungeklärt.

Ein paar Fotos aus dem Weltall, die unsere Erde als Kugel zeigen, können doch nicht wirklich als Beweis dafür gelten, dass die Erde keine Scheibe ist – Photoshop machts möglich. Und es wird nie jemand nachweisen können, was mit diesem Seil am Matterhorn passierte. Ob unser aller Ueli tatsächlich auf der Annapurna und Toni Egger auf dem Torre Egger war, ob das berühmte Seil riss oder zerschnitten wurde: Ist das so wahnsinnig wichtig?

Daher mein Vorschlag: Jede und jeder soll sich diejenige Version aussuchen, die ihm am besten zusagt, und damit die unsäglichen Diskussionen beenden. Die Berge sind doch zum Besteigen, Bewandern, Bewundern, Fotografieren da. Ganz sicher nicht, um intellektuelle Verschwörungstheorien und abstruse Legenden daraus zu basteln.

*Thomas Hürzeler ist Autor, Fotograf, Musiker, Gleitschirmpilot und Unternehmer mit der ersten klimaneutralen Druckerei der Schweiz. 2003 gelang ihm die Erstbesteigung des Uetlibergs MIT Sauerstoff.

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Das Glarnerland ist immer gut

Thomas Widmer am Freitag, den 17. Juli 2015

Diese Woche von der Richisau via Längeneggpass und Obersee nach Näfels GL

Prachtwetter im Glarnerland, die Fahrt zum Klöntalersee hinauf und entlang desselben war ein Traum. 250 Meter höher die Richisau, Endstation. Wir stiegen aus, setzten uns auf die Terrasse des Gasthauses, entspannten uns – durchatmen vor der Bergstrapaze. Im Vorgängerbau, der längst abgebrochen ist, kehrten einst C. F. Meyer ein, Arnold Böcklin, Richard Wagner. Wir tranken unseren Kaffee also sozusagen in langer Tradition.

Auf der Strasse gingen wir etwas retour, bogen links in den Hang, gerieten bald in die Sonne, begannen zu schwitzen. Die ersten Biker ratterten uns entgegen, diese Seite des Längeneggpasses ist durchgehend befahrbar, Asphalt, Schotter, Kies. Von weiter oben sahen wir am Glärnischmassiv gegenüber das Vrenelisgärtli. Peider, der Alpinist im Grüpplein, zeigte mir den Schwander Grat, ebenfalls Glärnisch, und erzählte von seinen Erlebnissen dort oben. Dann schauten wir wieder. Eine Folge schwarzer Pünktchen im Schnee stellte sich als Bergsteigerkolonne heraus. Wacker Betrieb da oben.

Die Schönheit ist ein wenig brutal

Auf dem Längeneggpass, der tiefsten Einkerbung des Lachengrats, erreichten wir den höchsten Punkt unseres Tages. Wir warfen uns ins Gras, genossen das Panorama, das sich auf einen Schlag verdoppelt hatte, assen getrocknete Früchte, Schoggiriegel und dergleichen leichte Ware. Nun hatten wir auch das Programm der nächsten Stunden vor uns, das Oberseetal, eine unendlich lange Rille zwischen den herrlichsten Bergen. Während wir noch über die Bergkulisse fachsimpelten, erhob sich Roland. Er ging mal kurz den Lachengrat erkunden.

Via die obere und die untere Lachenalp ging es abwärts, der Boden war zwischenzeitlich moorig. Beim Nassberg wanderten wir kurz im Bett des Sulzbaches, Wahnsinn, dieses Geschiebe; in den Alpen ist die Schönheit stets ein wenig brutal. Weiter unten passierten wir eine Ballung von Ferienhäuschen, den Sulzboden. Drei junge Frauen überholten uns. Deutsche. Wir tauschten Eindrücke aus, schwärmten von der Gegend, Wandern verbindet die Völker.

Wir erreichten das Plateau des Obersees. Er ist ein perfekter Spiegel, der die umstehenden Gipfel wie den Brünnelistock reflektiert, sodass man nie den Kopf zu heben braucht, um Berge zu sehen. Im Restaurant über dem östlichen Seeende war viel Volk, die Terrasse praktisch voll. Dank Roland, dem Vorauseiler, der einen Tisch besetzt hatte, wurde uns doch Platz zuteil; Roland hatte sich allerdings mit dem Service angelegt, indem er die beschuhten Füsse auf den Stuhl nahm und zusammengekauert sass wie ein Kind. Die Situation hatte sich inzwischen wieder entspannt. Wir bestellten Mineral, Bier, Salat, Schnitzelteller und Poulet im Chörbli.

Abstieg als Challenge

Als wir wieder aufbrachen, war es später Nachmittag. Die Idee, den Obersee-Rufbus zu ordern, verwarfen wir, der Tag war so strahlend gewesen, dass keiner schnell heim wollte. Und also setzten wir zu Fuss fort, kamen in den Wald, passierten die Anhöhe über dem Haslenseeli, erreichten das Brandhüttli. Der alte Saumweg die steile Flanke hinab nach Näfels war die letzte Herausforderung des Tages, der Stein feucht und rutschig. Dann waren wir unten, verschwitzt und sehr zufrieden. Das Glarnerland ist immer für eine tolle Route gut.

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Route: Richisau (direkter Bus vom Bahnhof Glarus) – Ralli – Ratlis – Chängel – Ober Längenegg – Längeneggpass – Ober Lachenalp – Unter Lachenalp – Sulz – Obertal – Sulzboden – Chaltenbrünnen – Oberseestafel – Obersee, südseitiger Weg – Obersee, Restaurant – Restaurant Aeschen – Brandhüttli – Näfels, Dorf – Bahnhof Näfels-Mollis.

Wanderzeit: 6 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 760 Meter auf-, 1425 abwärts.

Wanderkarte: 237 T Walenstadt, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Mit dem Zug vom Bahnhof Näfels nach Ziegelbrücke. Allenfalls kann man vom Dorf Näfels auch den Bus nach Ziegelbrücke nehmen.

Kürzer: Am Obersee aufhören und mit dem Obersee-Taxi (Rufbus, privates Unternehmen) hinab nach Näfels. So spart man 1 1/2 Stunden Gehzeit und 550 Höhenmeter abwärts.

Charakter: Technisch einfache, aber lange Wanderung mit herrlichen Bergblicken. Keine ausgesetzten Stellen.

Höhepunkte: Die Anfahrt entlang des Klöntalersees. Der Blick auf das Vrenelisgärtli vom Längeneggpass. Der Spiegel des Obersees. Der schön gemachte Steilpfad hinab nach Näfels.

Kinder: Lang, aber keine besonderen Probleme. Vorsicht im Abstieg nach Näfels, steile Bergflanke.

Hund: Keine Probleme. Dafür Freuden wie das Bad im Obersee.

Einkehr: Die Richisau am Anfang, täglich geöffnet. Restaurant Obersee, bis 23. August täglich geöffnet, dann bis 25. Oktober (Saisonende) am Montag geschlossen. Restaurant Aeschen gut eine halbe Stunde nach dem Obersee, bis 9. August Mi/Do Ruhetag, dann Mi.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Outdoor

Wie Direktzahlungen indirekt den Bikern zugutekommen

Blog-Redaktion am Donnerstag, den 16. Juli 2015
Eine Kuh liegt mitten auf einem Wanderweg auf der Alp Valpun oberhalb Pany im Praettigau am Sonntag, 20. Juli 2014. (KEYSTONE/Arno Balzarini)

Die Kuh auf dem Wanderweg ist nicht das Problem. Manchmal jedoch ihr Besitzer. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Diese Schlagzeile im «Tages-Anzeiger» geniesst sofort meine ungeteilte Aufmerksamkeit: «Thür will Direktzahlungen veröffentlichen». Dafür gibt es zwei Gründe:

Erstens ist der eidgenössische Datenschützer Hanspeter Thür nicht bekannt dafür, dass er für mehr Transparenz plädiert. Muss er auch nicht – seine Kernaufgabe ist ja in der Funktionsbezeichnung präzise umschrieben.

Zweitens habe ich beim Lesen des Artikels sofort eine Geschäftsidee, die ich mangels Zeit aber zur Realisierung gerne einer Leserin oder einem Leser dieses Blogs überlasse. Mehr dazu später…

Die EU machts vor

Aber was zum Kuckuck hat das jetzt mit uns Mountainbikern zu tun, mögen Sie sich fragen? Hat es, aber lesen Sie weiter! In erwähntem Artikel fordert also der Datenschützer den Bund auf, die Publikation von Subventionen an Bauern zu prüfen. Es bestehe ein öffentliches Interesse an der Bekanntgabe der Direktzahlungsbeiträge. Der «Tages-Anzeiger» schreibt: «Die Transparenz würde die Kontrolle über die ausgerichteten Gelder stärken, schreibt Thür in einer Empfehlung, über welche die Geschäftsstelle Öffentlichkeitsgesetz.ch heute berichtet. Thür äusserte sich im Rahmen eines Schlichtungsverfahrens zu dem Thema. Das Bundesamt für Landwirtschaft hatte einem Journalisten die Einsicht verweigert, weil es geltend gemacht hatte, dass das Interesse des Direktzahlungsempfängers an der Geheimhaltung höher zu gewichten sei als das Interesse der Öffentlichkeit an der Verwendung von Steuergeldern.»

Das sieht man in der Europäischen Union (EU) übrigens anders. Im Rahmen der europäischen Transparenzinitiative sind die EU-Mitgliedsstaaten bereits jetzt verpflichtet, Informationen über die Empfänger der Gemeinschaftsmittel aus den EU-Agrarfonds zu veröffentlichen. Auf der Website agrar-fischerei-zahlungen.de kann man schon jetzt prüfen, welcher Agrarbetrieb wie viele Mittel aus dem EU-Agrarfonds bezieht. Sicher ist, dass mehr Transparenz einen sorgsameren Umgang mit den öffentlichen Mitteln zur Folge hat. Schliesslich geht es auch in der Schweiz um viel Geld. Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) weist in seinem Bericht über Direktzahlungen an die Landwirtschaft für die Zeit von 2014 bis 2017 insgesamt 11,26 Milliarden Franken aus. Bei rund 50’000 Bezügern entspricht das durchschnittlich über 56’000 Franken pro Betrieb und Jahr.

Die App für Mountainbiker

Wer wie viel einsteckt – genau das würde mich manchmal auch interessieren. Zum Beispiel dann, wenn ein Landwirt mich wieder mal mit einer Schimpftirade eindeckt, weil ich auf einem offiziellen Wanderweg über sein Land fahre. Notabene, ohne dass ich sein Vieh aufscheuche, durch tiefes Gras fahre oder Weidezäune offen lasse. Genau für solche Momente gehört die Smartphone-App entwickelt, die mir idealerweise auf einer digitalen Karte zeigt, wer der Grundbesitzer ist und wie viele Direktzahlungen fliessen. Oder zumindest im Rahmen einer Suchfunktion die gewünschten Zahlen liefert. Natürlich habe ich mir schon vorgestellt, wie zukünftig eine Begegnung ablaufen könnte. Zum Beispiel so:

Bauer deckt Mountainbiker mit Kraftausdrücken ein.

Mountainbiker: «Grüezi, tut mir leid, dass ich Ihren Unmut geweckt habe. Gehört das Land Ihnen, über das dieser offizielle Weg führt?»
Bauer: «Ja, ist es, und ich will nicht, dass hier irgendwelche Mountainbiker durchfahren.»
Mountainbiker: «Das mögen Sie nicht, Herr…ähem… entschuldigen Sie – wie heissen sie überhaupt? Wir kennen uns ja noch nicht.»
Bauer: «Müller Peter.»
Mountainbiker greift zum Smartphone und tippt ein: «Ah, freut mich. Also DER Herr Peter Müller aus Musterlingen der jährlich 98’455 Franken an Direktzahlungen erhält?»
Bauer (leicht verlegen): «Oh, ääh, ja genau…»
Mountainbiker: «Oh, das freut mich, Sie kennen zu lernen. Darf ich mich auch kurz vorstellen. Ich heisse Roland Meier und komme aus Zürich. Ich zahle mit meinen Steuergeldern 25’728 Franken an die rund 2,8 Milliarden Franken, mit denen der Bund Ihre Direktzahlungen finanziert.»

Also, wer programmiert die App?

PS: Nur dass kein falscher Eindruck entsteht: Ich mache nur selten schlechte Erfahrungen mit Bauern. Aber Thürs Vorstoss für mehr Transparenz unterstütze ich zu 100%.

Welche Erfahrungen haben Sie schon gemacht mit Landwirten? Was halten Sie von Hanspeter Thürs Vorschlag, die Direktzahlungen zu publizieren? Für wie nützlich halten Sie eine App, mit der Sie unterwegs die Informationen schnell und einfach abrufen könnten?

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