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Das «Bergli» entpuppt sich als Mordshang

Thomas Widmer am Freitag, den 25. Juli 2014

Diese Woche Gandfurggele und Berglimattsee (GL)

Es braucht schon die abgebrühten, in der Steilheit aufgewachsenen Glarner, um einen derart krassen Hang «Bergli» zu nennen. Wir keuchen und hecheln, während wir von Matt über 800 Höhenmeter nach Ober Stafel aufsteigen. Es ist ein Sommertag und noch früh, Mähmaschinen fressen sich allenthalben durch das taunasse Glitzergrass.

Um nun zum Anfang der Wanderung zurückzublenden: Matt liegt an der Strasse von Schwanden nach Elm. Die Haltestelle, bei der wir aussteigen, klingt aber nach Eisenbahn: «Matt, Station». Tatsächlich erschloss bis 1969 eine Schmalspurbahn das Sernftal.

Der Sennen-Impresario

Sernf? Der Talfluss ist eines jener deutschen Wörter mit fünf Buchstaben, von denen vier Konsonanten sind. Andere Beispiele wären Horst, First, Durst. Doch ich schweife ab. Und meine mentale Verspieltheit ist ohnehin schell weg, nachdem die kurze Schlenderei flussabwärts beendet ist. Der Weg, der Hang, der Fels und unser Leiden, Schnaufen, Schwitzen: Etwas anderes gibt es in den nächsten zwei Stunden nicht.

Nach Ober Stafel kann man in der Direttissima via Unter Stafel, auch Loch genannt, gelangen. Das war uns aber zu brutal. Wir gönnen uns den Umweg via Riedboden und finden einen schlau angelegten Wiesen-und-Wald-Weg vor. Beim Riedboden beschauen wir uns den Zuber vor der Hütte samt Zugangstrepplein. Zwei, drei Meter entfernt zeugt ein übriggebliebener Korken davon, dass in dem Behälter Leute bei grandiosem Blick auf die Bergwelt Prosecco oder Sekt oder Champagner schlürften.

Unter Stafel, Riedboden und Ober Stafel bilden unter dem Namen «Berglialp» das Reich des Heinrich Marti, den ich respektvoll als «Sennen-Impresario» bezeichnen möchte. Er ist der zum Unternehmer avancierte Bergler. Man kehrt bei ihm ein, übernachtet, badet in dem mit Molke oder Biomilchwasser gefüllten Lärchenholz-Hot-Pot. Der Riedboden ist gerade unbemenscht, als wir ihn passieren. Weiter oben aber kommt uns Marti mit seinem Sohn entgegen, wir gsprächlen kurz. Als wir einige Zeit später bei Ober Stafel ankommen, ist dort geöffnet. Wir trinken etwas, essen Alpkäse, entspannen uns.

Hernach gehen wir unser zweites Ziel an, den Übergang Gandfurggele auf 2154 Metern. Kurz verlieren wir den Weg, der in einer Linksschleife durch die Schafplanggen zieht. Anstrengend ist auch diese zweite Etappe. Endlich sind wir auf der Furggele. Ganz nah liegt der Berglimattsee samt Nebenpfützchen. Ebenso herrlich ist der Stausee Garichti tief unten anzuschauen.

Die Schneeballschlacht

Wir verweilen und begutachten das Panorama. Junge Leute aller Hautfarben, die Englisch sprechen und sich als ETH-Studenten auf Berg-Kennenlern-Tour entpuppen, liefern sich auf einem Schneeflecken eine Schneeballschlacht. Als wir dann aufbrechen, ist alles leicht, denn es geht abwärts. Der Kreislauf jubelt. Beim Klettergarten von Widerstein nehmen sich ein paar Helmträger gerade einen haushohen Quarzporphyr-Brocken vor.

Bei der Garichti endet die Unternehmung. Im Berghaus Mettmenalp neben der Seilbahn-Bergstation essen wir und sind uns einig, dass das eine besonders gute Wanderung war. Sie verlangt allerdings viel Fitness. Wer sie sich nicht zutraut, für den habe ich einen Trost. Von der Garichti braucht man für die je 580 Höhenmeter zum Berglimattsee und retour knapp drei Stunden. Diese Leichtvariante ist ETH-erprobt.

++

Route: Matt GL - Riedboden - Ober Stafel - Gandfurggele - Berglimattsee - Widerstein - Stausee Garichti/Mettmen, Bergstation Seilbahn.

Wanderzeit: 5 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 1360 Meter auf-, 600 abwärts.

Wanderkarte: 247 T Sardona, 1:50'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Seilbahn Mettmenalp - Kies. Vom Kies mit dem Bus nach Schwanden. Fahrplan studieren, nicht allzu viele Kurse.

Charakter: Klassische Bergwanderung, Fitness nötig. Vor allem der Aufstieg ist hart. Aussichtsreich, speziell reiche Bergflora. Keine ausgesetzten Stellen.

Höhepunkte: Die Einkehr auf Ober Stafel. Der Berglimattsee in seiner alpinen Mulde. Der Tiefblick zur Garichti. Die Kletterer im Klettergarten Widerstein.

Kinder: Anstrengend, aber nicht speziell gefährlich.

Hund: Keine Probleme, bloss anstrengend.

Einkehr: Riedboden, Unter Stafel (nicht am Weg), Ober Stafel fungieren gemeinsam unter dem Namen Berglialp. Nachtlager, Molkenbäder, Outdoor-Zuber. Ober Stafel liegt ideal für eine kurze Einkehr. - Am Schluss der Wanderung im Berggasthaus Mettmenalp gleich bei der Seilbahn.

Kurzvariante: Mit dem Bus von Schwanden zum Kies (vorgängig Fahrplan studieren!). Von dort mit der Seilbahn hinauf zur Mettmenalp/Garichti. Von dort in 3 Stunden zum Berglimattsee und retour. Je 580 Meter auf und ab.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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An der Tour de Freaks

Anette Michel am Donnerstag, den 24. Juli 2014

Ein wenig absurd ist die Situation schon. Im prasselnden Regen radeln wir mitten auf der Strasse, fast allein. Durch den dichten Nebel sehen wir knapp bis an den Strassenrand, und dort stehen und sitzen unzählige Menschen. Alle tragen Pelerinen und sitzen unter Regenschirmen auf kleinen Campingstühlen fast am Boden, manche halten sich eine Plastikplane, Liegematte, irgendwas über den Kopf. Sie warten hier, an einer kleinen Passstrasse in den Vogesen. Stundenlang. «Freaks, diese Franzosen», denken wir im Vorbeiradeln amüsiert. «Ils sont fous, ces cyclistes», werden die sich ihrerseits gedacht haben, als sie uns im strömenden Regen dem Col des Chevrères entgegen pedalen sahen. Das alles kann nur eines bedeuten: Es ist Tour de France!

Die zehnte Etappe der diesjährigen Tour (hier die offizielle Zusammenfassung als Video) führt unweit der Schweizer Grenze entlang. Für uns Grund genug, am Vortag ab Basel hinzuradeln, um uns das Spektakel anzusehen. Mit sieben Pässen ist die Etappe gespickt. Es ist ein grosser Tag für die französischen Fans: Es ist Nationalfeiertag, und ein Landsmann fährt die Etappe im Gelben Trikot des Leaders.

Zwei Stunden vor den Profis

Wir fahren von Thann über den Ballon d’Alsace an und biegen bei Le Thillot für die letzten drei Pässe in die Route der Tour ein, etwa zwei Stunden vor den Profis. Ab hier wird die Ruhe durch Rummel abgelöst. Wo die Fans mit Fahrzeugen parkieren dürfen, stehen Autos und Camper dicht an dicht am Strassenrand. Die Radsportfans sitzen in ihren Campern oder an mitgebrachten Campingtischen, viele sind am Picknicken: du pain, du fromage, du vin rouge. Man weiss zu leben hier – es ist schliesslich nicht irgendeine Tour, sondern die Tour de France! An der offen stehenden Tür eines Campers sehe ich ein grosses Plakat mit den Umrissen Frankreichs und der gesamten Route der diesjährigen Rundfahrt. Ob es Fans gibt, die dem Tour-Tross während dreier Wochen durch ganz Frankreich nachreisen und einen Grossteil ihrer Ferien für die Tour opfern?

Ich halte nicht an, um nachzufragen, denn am Fuss des zweitletzten Passes beginnt es monsunartig zu regnen. Doch das Velofahren am Col des Chevrères gibt warm: Der happigste Kilometer hat im Durchschnitt eine Steigung von 15 Prozent, mit Stellen bis zu 18 Prozent. Das ist verdammt viel, wenn man mittendrin ist. Später bin ich enttäuscht, dass im Fernsehen gar nicht zu erkennen ist, wie wahnsinnig steil es ist. Das hat auch damit zu tun, dass die Profis mehr oder weniger leichtfüssig hinauftänzeln, während wir uns im Zickzack mühsam eine Pedalumdrehung nach der anderen abwürgen.

Keuchen unter dem Jubel der Fans

Bevor wir uns vor den Fernseher setzen können, blüht uns noch die Planche des Belles Filles. Nochmals eine stotzige Sache! Die Fans stehen und sitzen hier bereits dicht nebeneinander. Wortfetzen aus den mitgebrachten Radios dringen an meine Ohren: «...Tony Gallopin dans le maillot jaune...», «Thomas Voeckler, il fait cet effort...». Hier sind wir nicht mehr die Einzigen: Hunderte andere Velofahrer nehmen die Strecke vor den Profis unter die Räder. Sie alle keuchen unter dem Jubel der Fans die steile Rampe hoch. Viele schieben ihr Velo, ihr Kind oder ihre Freundin den Berg rauf. Vor mir radelt einer mit einem künstlichen Bein. Am Strassenrand wird grilliert, Ball gespielt, gelesen und geschlafen. Normalerweise ist hier keiner, heute sind es Tausende.

Wenig später, wir sind zurück am Fuss der letzten Steigung, sausen die Radprofis in Gruppen an uns vorbei (Dieses Video des Teams Garmin-Sharp-Barracuda zeigt, wie so etwas aus Sicht der Fahrer aussieht). Im Café beobachten wir danach am Fernseher, wie die Fans an der Planche des Belles ihre Idole anfeuern, welche die letzte Steigung des Tages hochpedalen, wie immer in einem unglaublichen Tempo. Vincenzo Nibali holt sich den Etappensieg und das Maillot jaune von Tony Gallopin zurück. Peter Sagan legt die letzten Meter auf den Hinterrad zurück – freihändig. Von allen anwesenden «Fous» sind die Radprofis wohl doch die verrücktesten.

Und jetzt die Frauen

Die Tour de France dauert noch bis am 27. Juli. An diesem Tag sprinten in Paris nicht nur männliche Radprofis um den Sieg: Wenige Stunden vor den Männern findet auf den Champs-Elysées ein prestigeträchtiges Rennen für die Rad-Elite der Damen statt. «La Course» könnte dem Damenradsport einen wichtigen Impuls geben. Die weiblichen Radsportlerinnen träumen davon, ebenfalls an der Tour dabei sein zu können. Womit die Tour dann auch eine «Tour des Folles» würde.

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Überfunktion und Super-Performance

Natascha Knecht am Mittwoch, den 23. Juli 2014
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Kann der Mensch mit der Technik noch mithalten? Eine Messeteilnehmerin posiert an der «Outdoor»-Messe in Friedrichshafen mit ihrem Ausstellungsobjekt. Alle Fotos: www.outdoor-show.de

Man stelle sich das vor: Im Moment beträgt der Umsatz der Outdoor-Industrie alleine in Europa zehn Milliarden Euro. Die Branche hat vorige Woche kommuniziert, der Markt boome und wirtschaftlich würden ihr weiterhin «schöne Aussichten» winken. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Das Umsatzwachstum bewegt sich nicht mehr im zweistelligen Bereich wie noch vor wenigen Jahren – 2013 betrug es «lediglich» 3,1 Prozent. Darum wollen die Unternehmen nun raschestmöglich neue Wege angehen, um die Millionen Gegenstände für jede Art von Freiluftabenteuer an die Kundschaft zu bringen. Soeben fand in Friedrichshafen die «Outdoor» statt, die grösste Fachmesse der Branche auf dem Kontinent. Präsentiert wurde wie immer das Neuste, Beste, Schrillste, Nützlichste, Innovativste, Revolutionärste.

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Marketing-Kauderwelsch: Ein «Approach-Schuh für anspruchsvolle Aktivitäten», er hat «separate Stretchliner» und ist «in Low- und warmer Midversion erhältlich».

Die Outdoor-Industrie forscht natürlich auch intensiv, wie sie ihrer wirtschaftlichen Stagnation entgegenwirken kann. Für uns sogenannte «Endverbraucher» sind einige Strategien positiv, andere weniger. Genannt wird zum Beispiel:

Aus einem Trend einen «Megatrend» machen, und noch mehr Leute für ein Outdoor-Hobby gewinnen: Uns aktiven «Endverbrauchern» graut es, wenn wir daran denken, dass sich bald noch mehr Volk in den Rückzugsgebieten tummelt. Aber ich glaube, so weit wird es nicht kommen. Besitzt ein potenzieller «Endverbraucher» heute im «Zurück zur Natur»-Zeitalter noch keine Grundausrüstung, wird aus ihm wahrscheinlich nie ein leidenschaftlicher Outdoorer, ergo wird er auch nicht oft draussen sein – und wenig Ausrüstung kaufen. Gut für uns und die Natur, schlecht für die Wirtschaft. In Europa ist der Outdoor-Markt zudem schon ziemlich gesättigt. In zu vielen Garderoben hängen Goretex-Jacken, die für teures Geld angeschafft und selten getragen wurden. Anders in Ländern wie Japan, Russland oder in Osteuropa. Dort kommt der Outdoor-Boom erst auf und lässt die Branche auf ein «kräftiges Wachstum» hoffen.

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Eines sieht aus wie das andere: Besucherin an der «Outdoor»-Messe.

Konkurrenz fördert das Geschäft: Als «Endverbraucher» haben wir nicht selten den Eindruck, es spiele gar keine Rolle, ob wir eine Hose nun von dieser oder jener Marke wählen. Die meisten sind ziemlich ebenbürtig, zudem auch ähnlich in Design und Farbe. Eine Saison ist alles grün und gelb, in der nächsten orange und blau. Beim Kauf entscheidet vielleicht, wie nachhaltig ein Produkt hergestellt wurde, aber am wichtigsten bleibt meistens der Preis.

Überfunktion und Super-Performance: Mein Bedürfnis als «Endverbraucherin» wäre im Prinzip klar. Ich will warm, atmungsaktiv, robust, leicht, langlebig etc., und alles am liebsten unkompliziert in der Anwendung. Aber die ständig neu kreierten technischen Kraftausdrücke, mit denen die Produkte heute behaftet werden, machen mir die Outdoor-Welt zuweilen unverständlich. Was bedeutet «progressives Design», oder «spritzwasserfester YKK-RV»? Sind «Hybrid Shell» und «Rolling Concept» in der Wildnis überlebenswichtig? Und erst die Wassersäulen! Sie variieren zwischen 800 und 30'000 mm. Schön für sie! Aber was heisst das für mich? Wie viel Funktionalität und Super-Performance ist in unseren Breitengraden nötig?

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Warum ich den Sommer hasse

Natascha Knecht am Montag, den 21. Juli 2014
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Dafür ist der menschliche Körper nicht gemacht: Jogger mühen sich an der Sommersonne ab. Foto: Chris Hunkeler/Flickr

Ein heisser Sommertag, ich sitze am Zürichsee, esse Zmittag und beobachte, wie reihenweise Frauen und Männer vorbeijoggen. Wahrscheinlich Investmentbanker, Sekretärinnen, Journalisten, Hipster, Ultramarathon-Läufer, Immobilienmakler, Porsche-Fahrer. Die meisten von ihnen laufen keineswegs frisch-fröhlich daher, sondern mit errötetem Kopf, leidendem Gesichtsausdruck und auffällig schwitzend. Ich bewundere diese Sportler. Sie können, was ich nicht kann: in der prallen Sonne trainieren.

Temperaturen über 25 Grad Celsius machen mich kaputt, noch bevor ich die Schuhe geschnürt habe. Zum Glück dauert unser Sommer nur ein paar Wochen. Dennoch muss ich sogar in dieser kurzen Zeitspanne jeweils schauen, meinen gewohnten Laufrhythmus nicht zu verlieren.

Logischerweise wäre es das Klügste, frühmorgens zu laufen, wenn die Temperatur am angenehmsten ist. Aber dafür muss man noch früher aufstehen als sowieso schon. Wegen eines 40-Minuten-Intervalltrainings um
5.30 Uhr aus dem Bett zu kriechen, das ist für mich schier ein Ding der Unmöglichkeit. Deshalb tue ich das fast nie. Ehrlich gesagt: nie. Mir fehlt die Kraft (im Kopf). Mein Frühaufsteher-Kontingent decke ich mit Alpintouren ab, mein Wecker piepst oft genug um 3 Uhr. Berghütten haben im Sommer viele motivierende Vorteile gegenüber dem heimeligen Daheim: Zum Beispiel herrschen dort draussen Temperaturen unter null, mein Wohlfühlklima.

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Diese Frische! Bergsteiger klettern einen Berg empor. Foto: Mitch Barrie/Flickr

Mittags im Flachland, wenn die Strassen in der Hitze flimmern, ist es mir selbst im markant kühleren Wald zu warm. Ausserdem kann ich mir nicht vorstellen, dass es gesund sein soll, in der Mittagshitze im oberen Pulsbereich Gas zu geben. Und einfach nur langsam und gemütlich zu joggen, wird schon nach dem dritten Tag langweilig. Bürokollegen sagen zwar, das stimme nicht, und es sei «im Fall» gar nicht so schlimm. Wer glaubt das?

Also wären wir schon beim Abend. Manchmal ist es genau gleich heiss wie am Mittag. Aber ich kann das Training auf keinen späteren Zeitpunkt verschieben. Der nächstmögliche wäre wieder der frühe Morgen, und dasselbe Spiel ginge wieder von vorne los. Endlos. Und dann ist man irgendwann derart aus der gewohnten Fitness und Routine raus, dass es einen sogenannt «monumentalen Effort» braucht, um wieder reinzukommen. Aus meiner Erfahrung ist dieser monumentale Effort noch anstrengender, als über die Sommerwochen trotz Hitze nach Feierabend regelmässig eine Runde im Wald zu drehen. Motto: Der gestaffelte Schweinehund.

So viel zu meiner Taktik im Sommer. Jeder Sportler funktioniert anders und entwickelt seine eigene Strategie. Nichtsportler fragen sich vielleicht, wozu wir das überhaupt machen. Ja, wozu? Für meinen Part kann ich antworten: Weil ich mich schon jetzt Mitte Juli ganz fest auf den Winter freue, und wenn er endlich kommt, will ich sportlich parat sein. Das ist mein Ziel. Ein bescheidenes, aber es ist ein Ziel, und ich kann am Mittag weiterhin am See unter einem Sonnenschirm sitzen und die Jogger bewundern.

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«Wie gross sind Sie?», fragte mich die Frau vom Hotel

Thomas Widmer am Freitag, den 18. Juli 2014

Diese Woche von Pesciüm in zwei Tagen nach Fusio (TI)

In mancher Hinsicht ist die Route von Pesciüm nach Fusio der ideale Tessin-Zweitäger. Sie ist abwechslungsreich: einmal Höhenweg, einmal Passwanderung. Sie überfordert nicht, man braucht am ersten Tag viereinhalb Stunden und am zweiten eine Stunde weniger. Zudem muss man nirgendwo, wie so oft in dem mediterranen Gebirgskanton, gefährliche Stellen passieren. Und am Tremorgiosee gibt es am Ende der ersten Etappe eine Seilbahn – Talflucht möglich für Hüttenverächter wie mich.

Ich fuhr nach Airolo, wechselte auf das Büslein ins Bedrettotal, stieg bei der Haltestelle Funivia gleich wieder aus. Die riesige Seilbahnkabine hinauf nach Pesciüm war halb leer. Gebannt verfolgte ich, wie Airolo samt Autobahn und Staubecken unten zurückblieb.

Ravioli mit Forellenfüllung

Oben stellte ich eine allgemeine Hässlichkeit fest wie überall, wo skigefahren wird: schüttere Wiesen und Masten noch und noch. Ich zog los und war binnen kurzem in der wild wuchernden, dschungelhaft grünen Natur. Der Höhenweg zum Tremorgiosee heisst zu Anfang auch Sentiero del Mirtillo, Heidelbeerweg. Die Alpe di Ravina: leider noch einmal Skiliftmasten. Das Stück hernach bis Zemblasca dann wieder Moosboden, Waldboden, Wiesenboden, ich atmete auf und atmete durch. Linkerhand hatte ich an der anderen Leventinaflanke die Ritom-Standseilbahn.

Der Tremorgiosee war nicht mehr weit, stellte ich bei Zemblasca anhand der Karte fest. Doch oh weh! Ich musste fast 300 Meter absteigen nach Ri Secco. Und dann wieder aufsteigen nach Cassina und Pian Mott. Hernach eine krasse Steilheit, der Weg verengte sich zudem drastisch, ausgesetzt würde ich das aber knapp noch nicht nennen. Endlich der schönste Moment meines ersten Tages. Von einer Krete sah ich tief unten den südseeblauen Tremorgiosee.

Als ich vor der Capanna Tremorgio über dem Seeufer sass, vor mir eine Gazosa-Limonade, fand ich: Doch, in dieser Hütte würde ich es vermutlich aushalten. Freilich hatte ich unten in Rodi ein Zimmer im Dazio Grande gebucht, einem wuchtigen Zollgebäude aus dem Ancien Régime. Ich fuhr mit der Seilbahn nieder, bezog mein Zimmer, machte einen Spaziergang, ass im Hotel Baldi Ravioli mit Forellenfüllung.

Am nächsten Morgen fuhr ich wieder hinauf zum See. Mässig anstrengend der Pfad durch die Farnwedel hinauf zur Alpe Campolungo mit ihrem anarchisch mäandrierenden Bach. Ein Zacken am Horizont gleich links meines Zieles, des Campolungo-Passes auf 2318 Metern, war der Pizzo del Prévat. So sagte es ein Bergsteiger, der mir entgegenkam.

Ich bin in den Abruzzen

Die Weitsicht vom Pass auf immer neue Bergketten Richtung Westen war beeindruckend, ich kannte kaum einen der Gipfel. Die Strommasten am Pass ignorierte ich, ass bei der windschiefen Hütte mit den Kabelrollen meine neuste Wanderspeise, getrocknete Mangoschnitze. Danach der Abstieg via Alpe Pianascio nach Fusio an der jungen Maggia. Fusio war ein allerliebstes Hangnest, und ich dachte: Das ist nicht Schweiz, ich bin in den Abruzzen.

Problemlos hätte ich nun heimkehren können, es war erst früher Nachmittag. Doch ich hatte ein Zimmer in der Antica Osteria Dazio reserviert. Ein Doppelzimmer – das kam so: Als ich am Vortag angerufen hatte, hatte ich nach einem Einzelzimmer gefragt. Die Frau, die Schweizerdeutsch sprach, sagte: «Ich habe nur noch ein Einzelzimmer frei, eines mit einem sehr kurzen Bett. Wie gross sind Sie?»

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Route Tag eins: Pesciüm (Seilbahn-Bergstation). Auf dem Tremorgio-Höhenweg via Alpe di Ravina, Zemblasca, Pian Taiöi, Ri Secco, Cassin, Pian Mott, Brusada zum Tremorgiosee (Seilbahn-Bergstation, Grotto).

Wanderzeit Tag eins: 4 1/2 Stunden.

Höhendifferenz Tag eins: 720 Meter aufwärts, 620 Meter abwärts.

Wanderkarte Tag eins: 265 T Nufenenpass und 266 T Valle Leventina 1:50'000.

GPX-Datei Tag eins: Hier downloaden.

Route Tag zwei: Tremorgiosee - Alpe Campolungo - Campolungopass - Alpe Pianascio - Fusio im Lavizzaratal (Bus Richtung Bignasco, dort umsteigen, Bus nach Locarno).

Wanderzeit Tag zwei: 3 1/2 Stunden.

Höhendifferenz Tag zwei: 475 Meter aufwärts, 1045 Meter abwärts.

Wanderkarte Tag zwei: 266 T Valle Leventina 1:50'000.

GPX-Datei Tag zwei: Hier downloaden.

Anreise: Mit dem Zug nach Airolo. Mit dem Bus ins Bedrettotal in sechs Minuten zur Seilbahn, Haltestelle Funivia. Zu Fuss braucht man dafür 20 Minuten. In der Seilbahn hinauf nach Pesciüm.

Übernachten: Dank der Tremorgio-Seilbahn kann man Tag eins und zwei auch einzeln wandern; mit der Seilbahn vom See hinab nach Rodi, Bus nach Airolo. Wer den Zweitäger macht, übernachtet entweder im Tremorgio-Grotto (Capanna Tremorgio). Oder er nutzt besagte Seilbahn, fährt am Abend hinab nach Rodi und am Morgen wieder hinauf. Hotel Baldi oder Dazio Grande, historisches Zollgebäude, schön renoviert.

Charakter: Zweimal mittlere Anstrengung. Höhenweg über der oberen Leventina am ersten, Passwanderung am zweiten Tag. Etwas ruppig ist am ersten Tag die Passage zwischen Pian Mott und der Höhe über dem Tremorgiosee.

Höhepunkte: Die Fahrt nach Pesciüm hinauf. Die grüne Wildnis Richtung Alpe Ravina. Der kreisrunde Tremorgiosee von oben, die Einkehr im schönen Seegrotto. Am zweiten Tag der morgendliche Tremorgiosee. Die weite Ebene der Alpe Campolungo. Fusio, ein Hangnest im hintersten Lavizzaratal.

Kinder: Keine Probleme. Sie gehören auf beiden Etappen dennoch beaufsichtigt, Bergweg.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Dreh- und Angelpunkt ist die Hütte am Tremorgiosee. Nette Leute, Tessiner Spezialitäten.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Nervenkitzel auf Walliser Wasserwegen

Jürg Buschor am Donnerstag, den 17. Juli 2014


Das Wallis ist ein niederschlagsarmer Flecken. Entsprechend wertvoll war den einheimischen Bauern seit jeher die Ressource Wasser. Mangel herrscht selten, denn schmelzender Schnee und Gletscher speisen die zahlreichen Bergbäche mit grosser Zuverlässigkeit. Die Herausforderung bestand und besteht darin, das Wasser von Orten des Überflusses zu Orten der Knappheit zu führen. Hierfür haben die Walliser allerorten Wasserleitungen gegraben und gezimmert. Wasserfuhre, Bisse, Suone, Bineri – Namen gibt es dafür im Walliser Dialekt und im Französischen viele.

Auszumachen sind sie in den topografischen Karten einfach, denn sie verlaufen fast ausnahmslos entlang der Höhenlinien, damit auf dem Weg zu den entfernten Bestimmungsorten möglichst wenig Höhe verloren geht. Weshalb das für Mountainbiker von Belang ist? Ganz einfach – wo eine Bisse ist, findet man mit allergrösster Wahrscheinlichkeit auch immer einen perfekt angelegten Singletrail, denn entlang der Wasserleitungen ist für den Unterhalt fast ausnahmslos ein Weg angelegt. Die Ausnahme bestätigt die Regel: Die Fuhren sind teilweise auch sehr spektakulär in senkrechten Wänden angelegt, die schlichtweg unfahrbar sind. Wie ein Sechser im Lotto ist es, wenn gleich mehrere solche Leitungen aufeinander folgen.

Ein solcher Glücksfall sind die Sept Bisses zwischen Varen und Sion: Grossi Wasserleitu, Bisse Neuf, Grand Bisse de Lens, Bisse de Clavaux, Bisse de Clavau, Bisse de Lentine und Bisse de Mont d’Orge. Schade nur, dass die Strecke mittlerweile mehrheitlich verboten ist für Mountainbiker.

Die Doppel-Bisse von Anzère

Aber es gibt im Wallis zum Glück zahlreiche Alternativen, die von Wanderern weniger oft begangen werden. Zum Beispiel in der Nähe des Stausees von Tseuzier, der mit einer Kronenlänge von 256 Metern und einer Höhe von 156 Metern rund 51 Millionen Kubikmeter Wasser zurückstaut. Die Dimensionen der teilweise zugeschütteten Staumauer sind nicht sonderlich beeindruckend. Umso mehr jedoch die landschaftliche Schönheit des Sees und der zahlreichen Felszacken, die ihm einen würdigen Rahmen verleihen. Den nahen Rawilpass hat schon mancher Biker vom Simmental herkommend gemeistert.

Der ganz grosse Fahrspass beginnt allerdings erst nach der Staumauer. Über die Alp Pro du Sex führt ein Trail auf direktem Weg in die vertikale Felswand unterhalb von Les Rousses. Beim ersten Anblick liegt die Vermutung nahe, dass man sich verfahren hat. Ein Durchkommen durch die Wand – jedenfalls ohne Seil und Kletterausrüstung – scheint unmöglich. Je näher man jedoch kommt, desto mehr beruhigen sich auch die Nerven. Entlang einer nicht mehr genutzten Suone führt der Trail rund 500 Meter durch die Wand. Und dies erst noch relativ entspannt – erst die letzten Meter, bevor es wieder in den Wald hineingeht, sind stark exponiert.

Danach gibt die Bisse d’Ayent den Weg vor. Und was für ein Weg! Über neun Kilometer führt der bestens unterhaltene Weg zurück zum Ausgangspunkt. Mehrheitlich relativ einfach lassen sich die letzten anspruchsvolleren Meter umfahren. Was die Tour aber ganz besonders macht, ist die Tatsache, dass auch der Aufstieg entlang einer Suone (Bisse de Sion) erfolgt. Insgesamt 22,6 Kilometer und 580 Höhenmeter werden zurückgelegt. Und dies ist die Wegbeschreibung, um dieses Trail-Highlight zu finden:

Parkplatz Restaurant au Lac in Mayens-d’Arbaz (1320 m) – Asphaltstrasse hochfahren – km 0,8 links Singletrail steil hochfahren – km 1,3 kurz auf Asphaltstrasse weiterfahren, kurz danach links auf Singletrail entlang der Bisse immer dem Wanderwegweiser «Bisse de Sion» folgen – km 4,1 links steile Schotterstrasse hochfahren – km 4,9 Grillès (1721 m) – km 6,4 Ravouéné (1747 m) – Wanderwegweiser «Tseuzier Barrage» – km 7,1 Six du Samarin rechts dem Wanderwegweiser folgen – km 9,9 Les Rousses (1767 m) – auf Asphaltstrasse durch die Tunnel – km 11,3 Stausee von Tseuzier (1778 m) – immer Wanderwegweiser «Bisse d’Ayent» folgen. Kartenmaterial: Supertrail Map, Kartenblatt «Valais Central», 1:50'000, www.supertrail-map.com

Teilen Sie meine Begeisterung für die Suonen-Trails? Welches ist Ihr persönlicher Lieblingstrail, den Sie sich für diesen Sommer vorgenommen haben?

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Schreckliche Erinnerung ans Matterhorn

Outdoor-Redaktion am Mittwoch, den 16. Juli 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*

GEOGRAFIE, ALPEN, NATIONALES, SYMBOL, WOLKE, WALD, BERG, WAHRZEICHEN

In einer Sekunde kann sich Glück in Unglück wandeln: Vor fünfzig Jahren kam am Matterhorn der Bergführer Anselm Biffiger ums Leben. (Foto: Keystone)

Es ist der 19. Juli 1964. Schon früh weckt uns das Poltern, Klirren und Murmeln der Bergsteiger, die zum Matterhorn wollen. Das Wettrennen um die ersten Plätze am Hörnligrat beginnt bereits im Massenlager, setzt sich fort an den Tischen, um die man dicht gedrängt und verschlafen das Frühstück in sich hineinstopft. Die ersten Seilschaften brechen auf, Lichtpunkte in der Nacht. Wir nehmen es gelassener, wollen zum Zmuttgrat, müssen uns nicht in die Karawane der Führerpartien einreihen. Vor uns eine einzige Seilschaft, der Bergführer Anselm Biffiger mit seiner Verlobten. In drei Wochen soll Hochzeit sein, haben wir in der Hütte gehört.

Schon in der Seilbahn zum Schwarzsee ist mir das Paar aufgefallen. Der kräftige, braun gebrannte Bergführer mit der schönen jungen Begleiterin auf den Knien. Sie unterhalten sich auf Französisch, aber wir verstehen: Arête de Zmutt. Ich beneide die beiden ein bisschen, wie gern wäre ich mit einer Freundin auf Berge gestiegen. Aber ich bin im Militärdienst in Bern, und meine Begleiter, drei Berner, kenne ich kaum.

Anselm3

Anselm Biffiger war 34 Jahre alt, als er verunglückte.

Bei den Felsstufen am Fuss des Eisfeldes, das auf den Gletscherbalkon unter der Nordflanke führt, überholen wir den Bergführer und seine Begleiterin. Sie haben Probleme mit einem Steigeisen, doch dann schliessen sie rasch auf. Anselm steht ein paar Meter unter mir, als es hoch über uns in den Felsen kracht. Vom Hörnligrat stürzt ein Felsbrocken auf uns zu, wohl ausgelöst von einer Seilschaft, die sich verstiegen hat, er reisst eine Steinlawine mit sich. Ich stehe in einer Rinne, kralle mich an den Pickel, höre Schreie, spüre Steine auf Schultern und Arme prasseln. Sekunden wie Stunden, ich fühle mich in einer andern Welt, entrückt und schwerelos. Kein Schmerz, nichts. Fast ein Traum, ein Albtraum.

Eine seltsame bleischwere Stille macht sich breit. Ich schaue hinab, sehe am Fuss der Wand zwei Körper langsam, wie in Zeitlupe, durch den Schnee rutschen. Sie bleiben liegen. Verbunden durch das Seil. Jenseits des Tals fällt das erste Licht auf die Gipfel der Dent Blanche und des Zinalrothorns.

Anselm hatte keine Chance

Blick nach oben. Mein Seilpartner hängt kopfüber im Eishang, klammert sich mit einer Hand an einen Riss, den er im Rutschen fassen konnte. Der Felsblock hat seinen Rucksack aufgerissen. Wir haben überlebt, auch unsere zwei Gefährten, die hinter Anselm eingestiegen sind.

Überlebt hat auch die junge Frau, schwer verletzt liegt sie im Schnee, wir schützen sie mit Tüchern vor der Sonne. Anselm, vom Felsblock direkt getroffen, hatte keine Chance. Warten, warten, ein strahlender Tag, gleissendes Licht. Nach sechs Stunden landet auf dem kleinen Feld, das wir gestampft haben, ein Helikopter, gesteuert vom Gletscherpiloten Hermann Geiger. Es ist nicht die erste Rettung an diesem Morgen.

Ein hervorragender Bergsteiger

Warum ich das erzähle? Weil es genau fünfzig Jahre her ist vielleicht und mich die Bilder jener Sekunden und Stunden nie mehr losgelassen haben. Weil ich nach Jahren, durch einen Zufall, mit einem Neffen von Anselm in Kontakt kam. So erfuhr ich einiges über sein Leben.

Anselm4

Jede freie Minute verbrachte Biffiger am Berg.

Anselm Biffiger war 34 Jahre alt, stammte aus St. Niklaus im Mattertal. Er war Mitglied im lokalen Bergführerverein, im Hauptberuf Mechaniker beim Cern. Mit Freunden vom Kletterclub Amis Montagnards kletterte er jede freie Minute an der Salève bei Genf. Ein Foto zeigt ihn in einem Überhang, in Strickleitern stehend, wie damals üblich. Ein anderes auf dem Gipfel der Aiguille Verte nach der Nordwand. Und kürzlich habe ich, seltsamerweise auf einer österreichischen Website, gelesen, dass ihm 1962 die 31. Begehung der klassischen Nordwandroute am Matterhorn glückte. Ein hervorragender Bergsteiger also, in den besten Jahren, wie man sagt, und am Beginn seines Lebens als Ehemann, als Vater vielleicht.

Ich frage nicht nach dem Warum, weil es doch keine Antwort gibt. Erfahren habe ich damals, wie sich Glück in einer Sekunde in Unglück wandeln kann. Vor allem auch in unseren geliebten Bergen.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,* Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer.

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Die Froschmenschen erobern den Berg

Pia Wertheimer am Montag, den 14. Juli 2014

Die spinnen, die Sportler! Das dachten sich Touristen und Einheimische, als am vergangenen Samstag Björn Englund und Paul Korchak durch Sils liefen. Manch einer kehrte sich ungläubig nach den Amphibienmännern um. Der Schwede und der Kanadier trugen Neoprenanzug, Laufschuhe, am Oberschenkel eine Pullbuoy festgezurrt, in der einen Hand Schwimmpaddel, in der anderen die Schwimmmütze, ums Handgelenk die Schwimmbrille.

Die beiden dominierten deutlich am ersten Engadin Swimrun (6:28.10 Stunden und damit eine gute halbe Stunde vor den Zweitplatzierten). Ihr Rennen startete in Maloja und endete in Silvaplana. Dazwischen legten die Sportler 46 Kilometer auf den Engadiner Pfaden und 6,5 Kilometer in Bergseen zurück. Anders als beim Triathlon sind bei diesem Abenteuerrennen Schwimmhilfen wie Pullbuoys oder Paddel erlaubt – sofern die Sportler sie auch zu Land mittragen. Die Teampartner durften dabei im Wasser nicht weiter als 5 und zu Land maximal 100 Meter voneinander entfernt sein.

«Kurz vor der Scheidung»

17-mal wechselten die 100 Zweierteams zwischen den Disziplinen Laufen und Schwimmen hin und her. Der Wechsel zwischen dem knapp 10 Grad Celsius warmen Wasser und dem bergsommerlich warmen Gelände forderte den Athleten alles ab. «Man muss bei diesem Rennen einfach in jedem Element gut zurechtkommen», resümierte Englund im Ziel. Aber nicht nur die Temperaturunterschiede zehrten an den Energieressourcen der Sportler: «Wir sind es nicht gewohnt, auf so steilen Wegen zu laufen. Daher haben wir versucht, uns bergauf nicht zu überanstrengen. Aber es war bergauf und bergab wirklich hart.»

Der Engadiner Swimrun ist der erste seiner Art, der nicht im hohen Norden stattfindet, wo dieser andere Duathlon bereits eine beliebte Wettkampfreihe ist. Was die Zuschauer nicht sahen: Die Teilnehmer sind nicht einfach nur Spinner. Die meisten von ihnen sind in anderen Disziplinen erfolgreiche Sportler. Björn Englund etwa ist ein Langdistanz-Triathlet, der mit seiner persönlichen Bestzeit aus dem Jahr 2012 von 8:31.06 am Ironman in Zürich 2013 zuoberst aufs Treppchen gestiegen wäre. Gemeinsam mit Korchak trägt er den Swimrun-Weltmeistertitel. Er geniesse es, im Unterschied zu seinen Ironman-Zeiten im Team an den Start zu gehen, sagte der Schwede. «Auch wenn es wie in der Ehe ist – und auch wir standen bereits kurz vor der Scheidung.»

 

Outdoor

Die Softeis-Alp

Thomas Widmer am Freitag, den 11. Juli 2014

Diese Woche auf einen der Churfirsten, den Brisi (SG)

Eines Sommertages gondeln wir von Alt St. Johann hinauf zur Alp Sellamatt. Unterwegs rufen wir uns die Namen der sieben Churfirsten in Erinnerung, von denen gleich vier zackig über die Tannen vor uns ragen. Selun, Frümsel, Brisi, Zuestoll, Schibenstoll, Hinderrugg, Chäserrugg!

Den Brisi haben wir uns diesmal vorgenommen. Er hat an mir in den letzten Jahren auf eigenartige Weise gezupft und gezogen. «Komm zu mir», schien er mir jedes Mal zu sagen, wenn ich ihn auf irgendeiner Toggenburgtour von weitem sah. «Komm endlich zu mir!»

Was für eine Rampe! Das wird hart.

Heute muss, heute soll es sein. Auch wenn es eigentlich zu heiss zum Wandern ist. Das Bergrestaurant auf Sellamatt ignorieren wir; wir wollen vorwärtsmachen. In dem angenehmen, mässig coupierten Alpgelände kommen wir gut voran, sind bald bei der Lochhütte. Der Brisi, 2279 Meter hoch, rückt näher und schockiert immer mehr: Was für ein Klotz! Was für eine Rampe! Das wird hart.

Dann das Brisizimmer. Ich bin enttäuscht. Ich weiss gar nicht, was ich mir vorgestellt habe – irgendwie, dass das Gelände ein Zimmer bildet. Also eine Kammer. Da sind aber nur ein Wegweiser und ein paar Alphütten.

Nun beginnt der Aufstieg. Teil eins führt durch eigenartig verkrautetes Gelände, die Wedel und Farne und Nesseln stehen hüfthoch und verdecken die Löcher im Kalkboden, dies ist Karstgelände, man muss auf seine Tritte achten. Ein Gatter führt durch ein Felsband auf das schräg gestellte Pultdach des Brisi. Teil zwei, nun ja, ist zwar kaum noch verkrautet. Aber der Karst macht sich umso brutaler bemerkbar. Die Stufen sind hoch, bröckelig, unregelmässig.

Oben sind wir erschöpft. Doch das Panorama entschädigt für alle Leiden. Auf der einen Seite haben wir die Säntiskette, auf der anderen die Gipfel über dem Flumserberg wie den Spitzmeilen. Und die Glarner Alpen. Durch eine Lücke im Fels sehen wir auf einen blauen Fleck zu unseren Füssen: die Ostspitze des Walensees.

Ah ja, unbedingt muss ich an dieser Stelle eine Warnung absetzen: Die Wanderung auf den Brisi ist mühsam, aber so weit ungefährlich, wenn man trittsicher ist. Nie geht man ausgesetzt. Aber oben die Kante – die hat es in sich. An sie zu treten, ist freiwillig; doch wer es tut, ist konfrontiert mit dem Nichts: Mehr als 1800 Meter stürzt das Gelände zum Walensee ab.

Die australische Hitze

Endlich reissen wir uns doch los. Wir halten hinab und schwitzen noch mehr als im Aufstieg: kontrolliert gehen und bremsen ist enorm streng. Nach dem Brisizimmer wird alles wieder leicht. Wir sind nun wieder auf dem erwähnten Alpboden, halten Richtung Westen, kommen zu einem Schild, das das Wildmannlisloch anzeigt. Die Höhle ist bekannt, ich wollte sie schon lange einmal besuchen, doch nicht heute! Wir sind müde. Ausgedörrt von der australischen Hitze.

Beim Alprestaurant Wildmannli auf dem Strichboden lassen wir uns auf den Bänken nieder und saufen wie die Kamele. Hunger haben wir kaum, was schade ist, denn es gibt Angusrind-Bratwürste. Eindruck macht uns der Glaceautomat an der Hauswand. Softeis auf der Alp, das sah ich noch nie; und tatsächlich zapft ein Sennenbub sich eine Glace. Mit diesem Bild im Kopf brechen wir auf zur nahen Selun-Seilbahn hinab nach Starkenbach. Selun? Ich glaube, das wird mein nächster Churfirsten sein.

++

Route: Alp Sellamatt Bergstation (Seilbahn mit Sesseln und Gondeln im Mix ab Alp St. Johann) – Lochhütte – Brisizimmer – Brisi – Brisizimmer – Breitenalp – Strichboden/Alprest. Wildmannli – Bergstation Selunbahn (die Talstation Starkenbach liegt unweit der Postautolinie Wildhaus–Bahnhof Nesslau/Neu St. Johann).

Wanderzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 1020 Meter aufwärts, 825 abwärts.

Wanderkarte: 237 T Walenstadt 1:50'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Anreise: Mit der Bahn nach Nesslau/Neu St. Johann. Von dort Bus nach Alt St. Johann zur Sellamatt-Seilbahn.

Charakter: Anstrengende Wanderung durch steiles und ruppiges Gelände: hohe Tritte, überwachsener Weg, Löcher im Boden. Oben auf dem Gipfel Vorsicht vor der Kante zum Walensee! Sehr aussichtsreich.

Höhepunkte: Das Ebenmass der Churfirsten von der Sellamatt aus. Der Rundblick vom Brisi. Der Softeis-Automat der Alpwirtschaft Wildmannli.

Kinder: Auf dem Brisi-Gipfel Vorsicht wegen der Kante!

Hund: Beschwerlich wegen der hohen Tritte.

Einkehr: Alp Strichboden, Restaurant Wildmannli. Bis Ende August durchgehend offen.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

Outdoor

Eine Politikerin verrennt sich beim Frauenlauf

Pia Wertheimer am Donnerstag, den 10. Juli 2014
An den Männern vorbei: Läuferinnen vor dem Bundeshaus beim 28. Schweizer Frauenlauf Bern am 15. Juni 2014. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

An den Männern vorbei: Läuferinnen vor dem Bundeshaus in Bern beim 28. Schweizer Frauenlauf. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Die Berner SVP-Stadträtin Nathalie D'Addezio wagt sich mit einem ihrer jüngsten politischen Vorstösse in ein ihr wohl unbekanntes Gefilde. Die 35-Jährige hätte das Postulat, in dem sie den Schweizer Frauenlauf Bern als diskriminierend anprangert, sonst kaum verfasst. Sie schreibt darin, dass die Gleichstellung der Geschlechter auf dem Prüfstand stehe, weil «ein solcher Ausschluss der Männer nicht zeitgemäss» sei.

«Weshalb wird das Büro für Gleichstellungsfragen hier nicht aktiv?», fragt sich die SVP-Frau. Es geht ihr nicht darum, den Frauenlauf abzuschaffen, sie macht sich für einen Männerlauf stark – und hat damit offensichtlich den grundlegenden Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Sportlern nicht verstanden. D'Addezio begeht damit eine politische Peinlichkeit.

Nathalie D'Addezio

Nathalie D'Addezio.

Ja, es sind keine Männer an den weltweit verbreiteten Frauenläufen zugelassen. Für einmal sind die Männer bei einem Sportanlass nur Statisten – sie stehen am Strassenrand und feuern mit Dreikäsehochs an der Hand ihre Liebsten an. Die Männer funktionieren als Sportler aber anders, liebe Frau D'Addezio!

Wer Sport treibt, erkennt das im Training genauso wie an Wettkämpfen. Oft besitzen Frauen nicht dasselbe Selbstbewusstsein wie ihre männlichen Kollegen – das gilt auch im Laufsport. Ich erlebe häufig, dass sich Frauen in geschlechtlich gemischten Sportgruppen nicht gleich wohl fühlen, wie wenn es «ladies only» heisst. Sie fürchten sich davor, neben dem starken Geschlecht nicht zu bestehen, sich zu blamieren oder ganz einfach in den Boden gerannt zu werden.

Nicht umsonst verzeichnet der Schweizer Frauenlauf in Bern eine grosse Anzahl an Läuferinnen, die zum ersten Mal überhaupt am Start stehen und sich dafür just diesen Anlass ausgewählt haben. Sie zeigen Mut mit diesem Schritt und fühlen sich unter ihresgleichen wohler. Im Gegensatz zu gemischten Laufanlässen stehen mit Ausnahme der vorderen Startblöcke nämlich an Frauenläufen Ambitionen und Kräftemessen nicht unbedingt an erster Stelle. Um die traditionellen Klischees zu bedienen, welche die SVP üblicherweise vertritt: Das sind typisch männliche Merkmale.

Liebe Frau D'Addezio, quer über den Erdball dominieren in den Startblöcken meist die Herren, und sie drücken damit der Veranstaltung auch hinsichtlich der Atmosphäre ihren Stempel auf. Mir ist zudem – im Gegensatz zu den Frauen – noch kein einziger Mann begegnet, der sich bei einem Lauf von der Anwesenheit der weiblichen Teilnehmer gestört gefühlt hätte. Entweder lassen die Herren die Damen nämlich weit hinter sich, oder sie lassen sich von ihnen motivieren: Sei es, weil das männliche Ego leidet, wenn eine Frau vorbeizieht, oder weil es für manche Herren eine Augenweide ist, hinter einer durchtrainierten Sportlerin zu laufen.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich doch, dass bei den boomenden Frauenläufen die Männer zwar ausgeschlossen sind, der Grund aber ein Gegenrecht der Herren obsolet macht. Oder?

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