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In der Schatzkammer Surselva

Thomas Widmer am Freitag, den 30. Januar 2015

Diese Woche von Falera nach Ladir und Ruschein GR

Bei dieser Winterwanderung stimmte letzte Woche alles. Schon die Anreise – der Zug nach Chur war fast leer. Was für ein Komfort, in Ruhe den Walensee betrachten und Kaffee schlürfen zu dürfen.

Schön auch die Busfahrt von Chur nach Flims, Laax, Falera. Das Unterland schien im Nebel gefangen. Im Bündner Oberland behauptete sich die Sonne den ganzen Tag gegen den Ansturm massiver Wolken.

Der Fund des Försters

Erfreulich schliesslich die Ankunft in Falera. Der Bus hielt, ich stieg aus und stand vor dem Informationsbüro. Und es war offen. Die Frau am Schalter sagte mir, wie ich den Winterwanderweg nach Ladir finden würde. Auch konnte ich eine Broschüre mit Informationen zum Parc La Mutta kaufen.

Mutta heisst Hügel. Beim Ortseingang hatten wir ihn passiert samt der alten Kirche. Ich unternahm nun eine Kurzexkursion. St. Remigius stammt aus der Spätgotik, sein Turm gar aus der Romantik. Vom Kirchhof sah ich die Berge rundum, denen der Schnee jede Bedrohlichkeit nahm; sanft und weich und überirdisch hell standen sie im Morgen.

Die Infotafel brachte mir bei, dass die Remigiuskirche eines von drei verknüpften Wundern ist. Ein zweites Wunder entdeckte 1935 der Kantonsförster im Grund. Der Muttahügel ist bronzezeitliches Siedlungsgebiet. Einst stand auf ihm ein Minidorf mit Rundhütten aus Holz; ein zwei Meter hoher Wall schützte die Bewohner gegen Angriffe und den Wind.

Das dritte Wunder waren die Megalithen auf der Wiese Planezzas neben der Kirche: drei Dutzend Menhire, zu Kultzwecken aufgerichtete Steine, von denen einige keck aus dem Schnee schauten. In meiner Broschüre hatte ich gelesen, dass manche Steinreihen astronomische Phänomene anpeilen und etwa anzeigen, wann zu den Tagundnachtgleichen die Sonne aufgeht. Die frühen Menschen der Gegend waren Himmelsexperten.

Ich ging wieder zu meinem Startpunkt, folgte der grossen Strasse durchs Dorf Richtung Westen, ignorierte den Abzweiger zum Curnius-Skilift. Kurz darauf fand ich beim Volg das Winterwanderschild nach Ladir und war eingespurt. Ein Tipp für alle, die es noch einfacher haben möchten: Die gewalzte, breite Winterroute vom einen Dorf zum anderen ist identisch mit dem Sommerweg.

Bald war ich im Wald. Gut, dass die Bäume nicht dicht standen und es mancherorts Lichtungen gab, so kam ich zu meiner Sonne. Das Gehen war mühelos, nirgendwo ging es steil aufwärts oder abwärts, während ich drei Bergbäche querte. Vor allem aber servierte mir der Weg das grösste Luxusgut der Neuzeit: Stille.

Schnitzeleuphorie bricht aus

Kurz vor Ladir teilte sich der Weg in zwei Varianten. Ich wählte die linke, umkreiste den Hügel Bual, erreichte die Strasse und war fünf Minuten später in Ladir. Wanderende! Wanderende? Ich beschloss: Verlängerung. Auf einer Nebenstrasse spazierte ich in 20 Minuten ins nahe, tiefer gelegene Nachbardorf Ruschein. Eine gute Entscheidung – wieder ein stimmungsvolles Dorf. Bei seiner erhaben gelegenen Kirche las ich, dass es auch um sie herum prähistorische Steine gibt.

Hernach fand ich Gefallen am Kapellchen Nussadonna gleich bei der Bushaltestelle. Die Surselva ist eine Schatzkammer der Kirchen. Auf dem Mäuerchen liess ich mich von der Sonne wärmen. Das panierte Schnitzel mit Nüdeli im Hotel Alpina gleich gegenüber war dann ausgezeichnet und schmeckte mir besser als manches ausgeklügelte und teure Menü der letzten Wochen. Ein stimmiger Tag eben.
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Route: Start in Falera, Post (Bushaltestelle, Infobüro mit Prospekten, Dorfkirche). Für die Exkursion zum fünf Gehminuten entfernten Remigiuskirchlein und retour samt Besichtigung von Kirchlein und Menhiren braucht man 30 Minuten bis eine Stunde. Hernach von Falera, Post in Westrichtung auf der Strasse zum Volg. Dort steht das erste Winterwanderschild in Pink nach Ladir. Der Weg bis Ladir ist identisch mit dem Sommerwanderweg; er ist ein offizieller Winterwanderweg, wird gepfadet und ist leicht zu begehen. Das Stück Ladir–Ruschein verläuft hernach auf einer asphaltierten Nebenstrasse.

Wanderzeit: Falera–Ladir 1.40 Std. Ladir–Ruschein 0.20 Std.

Höhendifferenz: 230 Meter auf-, 290 abwärts von Falera bis Ruschein.

Wanderkarte: 247 T Sardona, 1:50'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Mit dem Bus von Ruschein zum Bahnhof Ilanz.

Charakter: Zuerst ein Ausflug in die Prähistorie. Dann eine komfortable Winterwanderung auf gewalzter Piste. Viel Stille, viel Aussicht bei abnehmender Vertouristisierung; Falera ist einigermassen, Ladir und Ruschein sehr ruhig. Viel Kirchenkunst.

Höhepunkte: Der Weitblick vom Remigiuskirchlein in Falera, die Menhire im Schnee. Der Anblick des Kirchturms samt dem Piz Mundaun kurz vor Ladir. Die stimmungsvolle Nussadonna-Kapelle in Ruschein und das Essen im Alpina daselbst.

Kinder: Perfekt, weil kurz; um die Menhire lässt sich viel erzählen.

Hund: Problemlos.

Einkehr: Alpina in Ruschein. So ab 16 Uhr und ganzer Mo geschlossen.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.
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Der perfekte Skischuh

Outdoor-Redaktion am Donnerstag, den 29. Januar 2015

Ein Gastbeitrag von Christian Penning*

Er schlägt noch mal richtig zu, der Winter. Dick Neuschnee – und ab in die Berge. Das weiche Weiss in vollen Zügen geniessen. Wären da nicht diese klobigen Plastikdinger. Skischuhe. Teufelszeug. Aber ohne sie lassen sich die Bretter nun mal schlecht an die Füsse schnallen. Angeblich werden sie von Saison zu Saison komfortabler. Mag sein. Dann werden wir Freizeitbrettathleten in unserem Schmerzempfinden wohl jedes Jahr sensibler. Mal sind die Hightechboots zu gross, zu weit, zu weich, und man hat das Gefühl, in Booten zu stehen, die sich nur wenig besser manövrieren lassen als ein Supertanker. Mal sind sie zu klein, zu eng, zu hart, und sie entpuppen sich als sportives Folterwerkzeug für Zehen, Knöchel und Schienbeinansatz. Es zwickt, es zwackt. Nur selten passen die Skischuhe perfekt. Mancher Hobbyskiläufer hat deshalb seine Skikarriere schon beendet.

«Einmal passend machen, bitte!»

Zugegeben, es gab eine Zeit, da spielte ich hin und wieder mit ähnlichen Gedanken – die ich allerdings Zähne zusammenbeissend spätestens mit Anrollen der nächsten Schneefront wieder verwarf. So ging das jahrelang, bis ich eines Tages einen Teil meines Kontos plünderte und bei einem Skischuhexperten aufschlug. Bitte: Einmal passend machen, koste es, was es wolle. Ich gönnte mir das volle Programm: schäumen, Schale fräsen, eine Innensohle nach Mass. Am Ende der Behandlung sah der Schuh aus wie Michael Jackson nach dem x-ten Lifting, an das Original erinnerte er nur noch entfernt – zum Glück auch, was Passform und Komfort betraf. Der nächste Skitag war ... eine Offenbarung!

Um die teils konträren Anforderungen an Komfort und Leistung auch nur annähernd zu erfüllen, ist es nötig, den Fuss «gleichermassen fest wie komfortabel zu umschliessen», erläutert der Berner Orthopädietechniker und Skischuhexperte Chris Kohler. «Das ist aber nur möglich, wenn man den Schuh möglichst perfekt der individuellen Fussform anpasst.» Häufig kauften Skifahrer ihre Schuhe, die genau wie Ski und Bindung Teil des Sportgeräts seien, zu gross. Die Folge: Der Fuss verkrampft beim Versuch, Halt im Schuh zu finden. Also werden die Schnallen fester gezogen. Nicht selten resultieren daraus schmerzhafte Druckstellen und kalte Füsse, weil die Durchblutung behindert wird.

Fast vergessenes Schweizer Handwerk

Ähnlich wie beim Autokauf bieten Kohler und andere Skischuhexperten komfortable Sonderausstattungen für Skischuhe gegen Aufpreis. Klingt sehr progressiv, ist eigentlich aber nichts Neues. Skischuhanpassung ist eine Schweizer Domäne mit Tradition. Der älteste noch aktive Skischuhbauer der Welt kommt aus Davos. Vor fast 130 Jahren schusterte Franz Heierling nach norwegischem Muster seine ersten Skischuhe – nach Mass.

Lohnt sich der Aufwand? «Ein gut angepasster Skischuh ist doch die Grundvoraussetzung, um überhaupt ein sehr guter Skifahrer werden zu können», meint Chris Kohler. Und dann nennt er fünf entscheidende Vorteile einer Anpassung nach Mass: «Erstens: wärmere Füsse – die Blutzirkulation wird erhöht. Zweitens: bequemerer Sitz – der Tragekomfort steigt. Drittens: feinfühligere Steuerung – durch ein sensibleres Gespür für Ski und Untergrund. Viertens: mehr Leistungsfähigkeit – besseres Aufkanten und Gleiten. Fünftens: eine spürbare Kraftersparnis – die Bewegungsabläufe werden harmonischer.»

Eine Investition, die sich lohnt – Saison für Saison

Neuartige thermoverformbare Materialien ermöglichen es mittlerweile, nicht nur die Innenschuhe, sondern auch die Schale individuell an die Fussform anzupassen. Ein Meilenstein in puncto problemloser, individueller Passform.

Welche Massnahmen Sinn machen, klären Skischuhexperten in einem ausführlichen Beratungsgespräch.

Für einen perfekt angepassten Skischuh mit geschäumtem Innenschuh und angepasster Schale muss man komplett mit rund 1200 Schweizer Franken rechnen. Das ist nicht wenig. Dabei sollte man aber bedenken, dass ein geschäumter Innenschuh deutlich länger hält als ein konventioneller Innenschuh von der Stange. Und so amortisiert sich die Investition mit jeder Skisaison. Kleinere Tuning-Massnahmen sind freilich schon deutlich günstiger zu bekommen.

Skischuhexperten in der Schweiz

Eine kleine Auswahl von Experten, die für optimalen Sitz sorgen:

Zwischen Genuss und Trauma – wie nehmen Sie dem Skischuh den Schrecken? Ist eine professionelle Anpassung das Geld wert?

Outdoor Christian Penning* Christian Penning steht seit seinem dritten Lebensjahr mit Begeisterung auf Ski – egal ob Ski alpin, Skitour, Freeriden oder Langlauf. Der ehemalige Chefredaktor verschiedener Skimagazine arbeitet heute als freier Journalist und Fotograf und ist beruflich wie privat, sooft es geht, in den Bergen unterwegs. 

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Alles halb so Wild

Outdoor-Redaktion am Mittwoch, den 28. Januar 2015

Ein Gastbeitrag von Dominik Osswald*

greg westfall

Sieht ein Skifahrer ein Tier in Not, sollte er helfen. Foto: Greg Westfall, Flickr.

Meine Skitour am Uetliberg hat hohe Wellen geworfen. Viele Leute hatten den Eindruck, dass mein Bruder und ich der Tierwelt Schaden zugefügt hätten, als wir mit Ski durch den Wald fuhren. Geschätzte zwanzig Mal wurde ich angesprochen auf das «arme Wild». Wildfremde Leute und sogar der «Blick am Abend» zeigten sich besorgt.

Nun, wir sind ja nicht durch die Masoalahalle gefahren, und so haben wir denn auch all das Wild nicht gesehen, das nun postuliert wird. Aber natürlich, ich weiss: Es geht ums Prinzip. Dieses in Ehren – man könnte die Diskussion in alle Himmelsrichtungen führen und keiner hätte am Ende recht:

Sind denn die Jäger besser?
Aha, sie regulieren den Bestand, klar, das geht natürlich in Ordnung.
Und die Hundebesitzer, die im Wald spazieren?
Aha, die hats schon immer gegeben, geht auch in Ordnung.
Die Skigebiete?
Aha, die Wirtschaft, na das ist natürlich ein Argument!

Ein guter Eingriff

Ich will aber eigentlich gar nicht diskutieren, denn da dreht man sich schnell im Kreis. Ich will lieber eine Geschichte erzählen, die auch etwas mit Kreisen zu tun hat:

Es war an Weihnachten 2012 und wie jedes Jahr waren wir auf Weihnachtsskitour. Vor mir geht Michel, ich kann die Weissweinflaschen in seinem Rucksack klimpern hören, noch weiter vorne Andres, er hat seine Peugeot-Pfeffermühle dabei, denn so schmecke sein Steinpilzrisotto am besten. Ich stell jetzt aber nicht alle vor, die dabei waren, denn darum gehts nicht. Einen noch: Zuvorderst geht Jonas und singt in den hellsten Tönen «Maria durch den Dornwald ging».

Doch plötzlich verstummt sein Gesang. Wir sind schon weit oberhalb der Waldgrenze. Da ist eine kleine Mulde, hüfthoher Schnee … eine Gämse! Sie hat einen irren Blick, starre Augen, sie keucht, denn sie rennt – im Kreis! Wir schauen verdutzt zu, wie sie Runde um Runde dreht, ohne uns wahrzunehmen, und dabei durch den gnadenlosen Schnee immer mehr an Kräften verliert. Es ist ein trauriges Naturschauspiel, denn sie wird an Ort und Stelle aus Erschöpfung verenden, dessen sind wir uns sicher.

Aber wir sind ja keine Tierfilmer. Also greifen wir ein. Wir müssen die Gämse zurück in den Wald lotsen. Sonst hat sie keine Überlebenschance. Wir reden ihr gut zu und treiben sie, nur wenns nicht anders geht, mit unseren Skistöcken in die richtige Richtung. Wir singen ihr auch mal ein Weihnachtslied und wir freuen uns über jeden Meter, den wir zum Wald hin schaffen.

Wir haben davon nichts dokumentiert. Hier aber ein ähnlicher Fall von anderen bösen Offpiste-Rowdys (Video: The Telegraph):

Ich weiss nicht, was aus unserer Gämse geworden ist. Ich habe sie nie mehr getroffen, obschon ich mich seither viel im Wald aufhielt. Am Uetliberg war sie auch nicht.

Der Wildhüter dankte uns damals aber für unseren Einsatz, sie sei wohl an Gamsblindheit erkrankt gewesen, was sie aber überleben kann, solange sie Schutz findet.

RespekTIERE deine Grenzen

Ich respektiere meine Grenzen, so wie es der Bund von mir verlangt. Wenn ich einem Tier ausweichen soll, dann tu ich es, und wenn ich einem helfen kann, tu ich es auch. Dass man sich dazu in die Natur begeben muss, versteht sich von selbst. Der Uetliberg fällt nicht in eine Schutzzone, wir achteten trotzdem darauf, so wenig wie möglich im Wald (abseits eines Weges) zu fahren.

Ich bin überzeugt davon, dass das Tun eines Skitourengängers nicht schädlicher ist als das irgendeines anderen Wintersportlers. Dass Skitourengänger einen weit sensibleren Umgang mit der Natur pflegen als jedes Skigebiet, das Schneisen schlägt und Rohre für künstliche Beschneiung durch den Berg zieht. Dass alle je unternommenen Skitouren vielleicht einen Bruchteil jenes Trubels verursachen, den etwa ein Skirennen macht, das schon nur als Vorprogramm Kampfjets und einen Passagierflieger durch die Berge jagt.

Wieso sorgt sich keiner um das arme Wild dort, wo die Sorge angebracht wäre?

Dominik Osswald*Dominik Osswald ist freischaffender Journalist und Alpinist. Er lebt in Basel.

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Babys machen den Bolt

Pia Wertheimer am Montag, den 26. Januar 2015

Er ist ein Superstar: Sechsfacher Olympionike; erster Mensch, der die 100-Meter-Sprintdistanz in weniger als 9,6 Sekunden zurücklegt; sammelte etliche Medaillen; brach einige Rekorde. Der Jamaikaner Usain Bolt ist aber auch ein Showman. Seine «Bogenschützen-Pose» – oder «To Di World», wie er sie nennt – ging nach seinem Exploit an den Olympischen Spielen 2008 in Peking um die Welt, obschon er dafür verschiedentlich getadelt wurde.

Sein Gehabe befanden seine Kritiker als unsportlich und arrogant. Der Sprintstar liess sich dadurch nicht beirren und deutete nach jedem Sieg und Rekord munter weiter in den Himmel. Spätestens nach den Olympischen Spielen von 2012 in London, an welchen Bolt wieder Gold nach Jamaika holte, ging die Siegespose in die Sportgeschichte ein. Sie fand sogar in einem Museum Eingang: Der Leichtathlet steht im Madame-Tussauds-Wachsmuseum in London – in der unverkennbaren Stellung, wo sich die Besucher fleissig in derselben Pose ablichten lassen.

Auch Berühmtheiten wie Prinz Harry oder Virgin-Chef Sir Richard Branson haben sich im «Bolting» versucht – mit mehr oder weniger Erfolg. Aufsehen mit der Siegespose von Usain Bolt erregten kürzlich indes nicht etwa Reiche und Schöne – sondern ganz kleine. Der Sprintstar zeigte auf seinem Twitteraccount eine Reihe Babybilder, auf welchen sich Knirpse mehr oder weniger erfolgreich in Bolt-Manier ablichten liessen. Ob sie wie ihr Vorbild dereinst als Sportstars in die Geschichte eingehen werden oder nicht, ist völlig egal – sie sind zum Knuddeln.

Liebe Leser, falls auch bei Ihnen ein kleiner Usain posiert, schicken Sie uns Ihr Bild an blogs@tages-anzeiger.ch. Die besten Bilder werden an dieser Stelle publiziert.

*Liebe Mobile-User, die Bildstrecke kann auf dem Smartphone leider nicht angezeigt werden.

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Im Swarovski-Schnee

Thomas Widmer am Freitag, den 23. Januar 2015

Diese Woche auf offiziellen Winterwanderwegen über die Marbachegg (LU/BE)

Bevor ich die Überschreitung der Marbachegg als eine der schönsten Winterwanderungen im Land preise, muss ich nüchtern etwas anmahnen: Man nehme die Wanderkarte 1:50'000 Escholzmatt mit. Marbachs Touristiker gehen irgendwie davon aus, dass man die Gegend und ihre Wege kennt. Zum Beispiel fanden wir in Marbach keinen Winterwander-Startwegweiser. Die Karte hilft.

So, geschafft, der Rest der Kolumne darf jubilieren. Am Neujahrstag fuhren wir von Escholzmatt nach Marbach Post. Wir stiegen aus, hielten auf die Kirche zu, bogen vor ihr links ab Richtung Lourdesgrotte und Nesslenboden – und jetzt die einfache Regel: Bis vor dem Gipfel auf dem Strässchen bleiben! Und auf Schlittler achten!

Psychodrama im Entlebuch

Wandern ist Psychodrama, immer wieder. Wir mussten uns die Sonne erobern, die den Gegenhang hinter uns bereits vergoldete. Die erste Stunde gingen wir im Schatten, es war um die zehn Grad minus, wir schlotterten. Herrlich, wie uns endlich, nachdem wir der Enge des Steiglenbach-Einschnittes entronnen waren, die ersten Strahlen wärmten.

Und dann eine gleissende Winterlandschaft, die Dächer der Hütten und Ställe wattiert mit Schnee, die Eiszapfen glitzernd und tropfend, das ganze Hochland ein einziges Funkeln. Und ganz nah ein Bergmassiv, das um ein Vielfaches mehr beeindruckt als die Eiger-Mönch-Jungfrau-Trilogie. Die Schrattenfluh ist ein Massiv wie aus einem Western. Urzeitlich, runsendurchfurcht, Arizona im Entlebuch.

Ungefähr bei Wittenfären hatten wir die Marbachegg direkt vor uns. Doch wie hoch sie noch über uns hockte! Gleich darauf sahen wir zur Linken den Abzweiger hinab nach Bumbach, den wir im Abstieg nehmen würden. Wir hielten weiter auf unsere Egg zu, passierten ein Speicherseelein und bogen endlich rechts ein in den steilen Skihang; am Rand der Piste machten wir die letzten gut 60 Höhenmeter der ersten Etappe.

Oben etwas Rummel, man kann ja auch mit der Gondel auf die Marbachegg. Wir tranken etwas im Berggasthaus Eigerblick, das besser Schrattenfluhblick hiesse. Hernach liefen wir auf der Krete vorwärts zum Stein auf der Grenze von Luzern und Bern, fast schwerelos wandelten wir im Licht. Und als wir auf demselben Weg zurückkamen, eroberten wir uns den Aussichtspunkt gleich oberhalb der Bergstation der Gondel. Ein Deltasegler stürzte sich gerade ins Leere. Der Weissenstein und der Chasseral fesselten uns.

Der Mond ist aufgegangen

So weit Wanderetappe zwei, unser Glück angesichts der Sonne, der Gipfel und Fluhen rundum, den Swarovski-Schnees denke sich der Leser bitte hinzu. Etappe drei wurde nicht minder schön. Wir stiegen von der Bergstation wieder ab zu besagtem Abzweiger nach Bumbach. Die Regel auch für den folgenden Abschnitt: Bis ganz hinab auf dem Strässchen gehen, das als offizieller Winterwanderweg gepfadet wird.

In Bumbach endeten wir im Schatten. Gross war der Hunger. Gerade wollten wir die Alpenrose betreten, als ein Postauto direkt vor uns anhielt. Wir stiegen ein, einfach so, und fuhren vier Kilometer ins Tal der jungen Emme hinein. Hinten, wussten wir, gab es das Hotel Kemmeriboden-Bad. Mit Schweinsbratwurst, Rotwein, Meringue schloss dort die Wanderung. Als wir am späten Nachmittag heimfuhren, war über der Schrattenfluh bereits der Mond aufgegangen.

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Vorbemerkung: Es handelt sich um offizielle Winterwanderwege, die unterhalten werden. Zum Grossteil geht man auf verschneiten Strässchen, selten kommt ein Auto, mit Schlittlern ist zu rechnen. Über vereiste Stellen helfen Schuhkrallen. Für das steile Stück vor der Marbachegg am Rand der Skipiste helfen Stöcke.

Etappe 1: Marbach Post (Bus) – vor der Kirche links Richtung Lourdesgrotte und Nesslenboden (auf diesem Strässchen bleiben bis praktisch zur Marbachegg) – Nesslenboden – Wittenfären – Abzweiger Bumbach – Ober Lochsitli – letzte 100 Meter vor der Marbachegg auf dem gewalzten Rand der Skipiste – Marbachegg Bergstation/ Restaurant Eigerblick.

Etappe 2: Bergstation Marbachegg – Stein auf der Kantonsgrenze – retour. Nicht verpassen sollte man den Zwei-Minuten-Abstecher gleich bei der Bergstation 20 Meter hinauf zum Aussichtspunkt (Plattform für Hängegleiter, Tiefblick nach Marbach und Blick zum Napf, Weissenstein und Chasseral).

Etappe 3: Bergstation Marbachegg – retour bis zum Abzweiger nach Bumbach (gemäss Sommerwanderweg, auf dem Strässchen) – Unter Lochsitli – Wäldli. Am Schluss, Bumbach vor Augen, bleibt man gemäss Sommervariante auf dem Strässchen und kommt zum Skilift Bumbach (Bus). Oder man biegt bei guten Verhältnissen links ab (Wegweiser Schneeschuhwanderweg, auf der Wanderkarte schwarze Linie) und kommt via zwei Bauernhöfe auf meist gepfadetem Strässchen zur Alpenrose Bumbach (Bus, Restaurant). Beide Endpunkte sind ohnehin nicht weit voneinander entfernt.

Wanderzeit: Etappe 1: 2 Stunden. Etappe 2: ¾ Stunden.  Etappe 3: 1 ¼ Stunden. Total 4 Stunden.

Höhendifferenz: Etappe 1: 620 Meter aufwärts. Etappe 2: unbedeutend. Etappe 3: 570 Meter abwärts.

Wanderkarte: 244 T Escholzmatt, 1 : 50'000. Es lohnt sich, sie mitzunehmen, die Winterwanderroute ist gar nicht oder schlecht beschriftet; pinke Abzweiger (Schneeschuhrouten) verwirren, etwa beim Nesslenboden, wo man auf dem Strässchen bleiben soll. Eine – nicht besonders präzise Karte – gibt es im herunterladbaren Prospekt von Marbach Tourismus. Die Etappe 1 ist dort beschriftet mit N, die Etappe 2 mit O, die Etappe 3 mit M.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Buslinie Kemmeriboden (beim Hotel Kemmeriboden-Bad) – Bumbach – Schangnau – Marbach – Escholzmatt Bahnhof.

Kürzer: Jede der drei Etappen ist einzeln wanderbar. Auf die Marbachegg kommt man mit der Gondel ab Marbach.

Charakter: Eine der schönsten Winterwanderungen der Schweiz mit grossartiger Aussicht, die ihresgleichen sucht. Offizielle Winterwanderrouten auf unterhaltenen Strässchen. Mittlere Anstrengung. Keine besonderen Gefahren, einzig vor vereisten Stellen muss man sich in Acht nehmen. Und vor Schlittlern.

Höhepunkte: Der Austritt aus der Giftkälte in die Sonne irgendwann nach dem Nesslenboden. Der Blick vom Aussichtspunkt nah der Bergstation der Marbachegg zum Weissenstein und Chasseral. Schrattenfluh und Hohgant als dominierende Berge auf dem Weg von der Bergstation zum Grenzstein und retour. Der Abstieg mit der Sonne im Gesicht nach Bumbach.

Kinder: Gut machbar.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Restaurant Eigerblick auf der Marbachegg, ganze Wintersaison täglich geöffnet. Alpenrose Bumbach, Di Ruhetag. Das Hotel Kemmeriboden-Bad, Mo Ruhetag, liegt nicht an der oben beschriebenen Drei-Etappen-Route. Hin kommt man per Bus von Bumbach. Oder zu Fuss auf dem Winterwanderweg vom Skilift Bumbach der Emme entlang (Langlaufloipe) in 1 ¼ zusätzlichen Stunden. Sehr gute Küche, berühmte Meringues.

Das Gebiet um die Marbachegg, vom Gleitschirm aus gesehen (Quelle: Youtube)

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Vom Kurs abgekommen

Outdoor-Redaktion am Donnerstag, den 22. Januar 2015

Von Florentin Vesenbeckh

Stunt bikers, pt. 3

Der Eurosturz hat auch Auswirkungen auf die Schweizer Bikegeschäfte. Foto: Hobbes vs. Boyle, Flickr.

Manchmal bleibt einem nur die Zuschauerrolle im Film, der vor den eigenen Augen abläuft. Das Vorderrad blockiert, ein kurzer Moment von Schwerelosigkeit, der Blick fixiert den Boden. Plötzlich und unaufhaltsam kommen Wurzeln und Steine näher, bis der Körper seinen Abdruck im Dreck hinterlässt. Einen ähnlich heftigen Aufprall erlebt aktuell auch die Schweizer Wirtschaft – Velobranche inklusive. Die starke Aufwertung des Frankens trifft Hersteller, Distributoren, Händler und Touristiker gleichermassen. Aber was bedeutet das für uns Biker?

Der Kauf von Waren im Ausland wird durch den starken Frankenkurs billiger. Für die Industrie genauso wie für Endkunden. Importeure und Händler stehen unter Druck – die Preise müssen runter. Als erster Vertrieb kündigt Rotwild-Importeur Agentur Felix AG eine drastische Preisanpassung an. Kein Wunder, denn die Ware wird auf Bestellung direkt aus Deutschland bezogen – in der Schweiz wird kein Warenlager unterhalten. So kann das Unternehmen flexibel auf Kursschwankungen reagieren. Viel schwieriger ist die Situation für Händler und Distributoren, deren Lager vor dem Saisonstart voll sind. Schon lange im Voraus geordert und bezahlt – natürlich zum alten Wechselkurs. In Dollar genauso wie in Euro. Wer jetzt die Preise anpasst, tut das auf Kosten der eigenen Marge. Dennoch gehen Experten davon aus, dass eine Preisanpassung unausweichlich ist, wenn man die Kunden bei Laune halten will.

Was der Fahrradbranche schlaflose Nächte bereiten dürfte, freut die Schnäppchenjäger. Dank dem neuen Wechselkurs kann man bei einem Kauf schnell mal 1000 Franken sparen. Auch die Tourismusbranche trifft der entfesselte Franken hart. Das ohnehin schon hohe Preisniveau steigt für ausländische Urlauber weiter an. Und auch wir Schweizer werden uns mehr denn je fragen, ob der sparsame Abstecher ins Nachbarland nicht die bessere Alternative fürs lange Wochenende ist.

Trailgenuss im Ausland ist eine Sache, Shoppingtourismus die andere. Spätestens wenn all die Fahrradhändler ums Eck zugesperrt haben und man weite Wege zurücklegen muss, um das Hightechgerät zu warten, bekommt man jedoch die Quittung für kurzfristige Preisoptimierungen.

Die heftigsten Spuren hinterlässt der Einschlag bei Produkten made in Switzerland. Exportorientierte Schweizer Unternehmen wie DT Swiss leiden unter dem aktuellen Umrechnungskurs mindestens ebenso. Die Einsparungen durch günstigere Rohstoffe gleichen die Einbussen nur zu einem Teil aus.

Entscheidend wird sein, wo sich der Frankenkurs einpendelt. Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich die Preisgestaltung noch nicht festlegen. Der grosse Vorteil: Die Entscheider können sich noch etwas Zeit nehmen, weil die Saison noch nicht brummt. Trotzdem ist ein Handeln gefragt. Denn neben der Kursentwicklung liegt es in den Händen der Branche, ob die Nase ungebremst mit der Wurzel kollidiert oder ein geschickter Armeinsatz den Körper am Boden abrollt.

Euroflucht oder Frankentreue – wo kaufen Sie Bikes und Teile? Beeinflusst die Kursänderung Ihr Einkaufs- oder Urlaubsverhalten? Sind Sie bereit, einen Teil der Mehrkosten zu tragen, oder sehen Sie allein die Händler in der Pflicht?

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«Der Gipfel des Wahnsinns»

Natascha Knecht am Mittwoch, den 21. Januar 2015
Yosemite Climb

Plötzlich Helden: Die US-Kletterer Tommy Caldwell (l.) und Kevin Jorgeson erzählen den Medien, wie sie die Dawn Wall am El Capitan bezwangen (15. Januar 2015). Foto: Eric Paul Zamora (AP, Keystone)

Für Kletterinteressierte war es ein gefundenes Humorfestival: 19 Tage brauchten zwei US-Freeclimber, um die Dawn Wall am El Capitan als erste Menschen rotpunkt zu klettern. Damit machten Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson nicht nur am Fels das Unmögliche möglich. Sie generierten via Livestream, Twitter, Facebook, Instagram und so weiter einen ungeheuerlichen Medienhype – was für diesen Nischensport natürlich toll ist. Doch es gab auch einige Irrungen und Verwirrungen. Hier sind die Highlights:

Lang lebe Kyrbekistan! (Quelle: Tagesanzeiger)

Ein Hoch auf Kyrzbekistan! Es liegt unmittelbar neben Absurdistan. Karikatur: Ruedi Widmer («Tages-Anzeiger»)

Ein erfundenes Land: Bevor die Kletterei am El Capitan losging, gab Tommy Caldwell der «New York Times» ein exklusives Interview. Da erzählte er, wie er 2000 in Zentralasien gekidnappt und gerettet wurde – und zwar in der Republik Kyrzbekistan. Die Redaktion dachte sich wohl, wenn einer in der Vertikalen Unmenschliches vollbringen kann, dann weiss er auch, in welchen Ländern er reist. Jedenfalls hat bei der NYT niemand gemerkt, dass es Kyrzbekistan nicht gibt. Inzwischen existiert das «irrtümlich erfundene Land» – im Internet. «Der neue Staat twittert, hat einen Schwarzmarkt für Pizza und träumt vom Sieg des Fussballvereins Traktor Bishkent über Real Madrid», schreibt «Der Standard». Der «Tages-Anzeiger» schickt «Greetings from Kyrzbekistan!» Auch das ist ein Kletterrekord.

Weshalb benutzen die Seile, wenn es Freeclimbing ist? (Bild: AP Photo/Tom Evans, elcapreport)

Weshalb benutzen die Seile, wenn es Freeclimbing ist? Foto: Tom Evans (AP, Keystone)

Was bedeutet «Freiklettern»? Das gemeine Publikum verwechselte Freeclimbing mit Free-Soloklettern und reagierte in den Kommentarspalten etwas enttäuscht, weil da am El Capitan ein Sicherungsseil im Spiel war («Na ja, 50 Meter am Tag klettern, dann noch angeseilt . . .»). Oder Freiklettern wurde so erklärt, dass es jeder versteht: «Wenn der Vorsteiger zum Beispiel ein wenig traversieren muss und dann zur Seite nicht mehr weiterkommt, aber dann entdeckt, dass er 5 Meter weiter unten dies wunderbar tun kann, dann darf er sich auch nicht einfach dahin abseilen, sondern muss dort hinunterklettern.»

Hier gehts zum ARD-Beitrag: http://www.tagesschau.de/ausland/yosemite-klettern-101.html

Nur mit Händen und Füssen und Seilen aus Stahl: Auch die Kletterfans begriffen nicht immer, was da in Sensationssprache vermittelt werden wollte. Zum Beispiel im Beitrag der «Tagesschau» der ARD: «915 Meter senkrecht nach oben – noch niemand hat die Granitwand des El Capitan im Yosemite-Nationalpark ohne Hilfsmittel bezwungen. Zwei US-Freeclimber wollen das ändern. Nur mit Händen und Füssen und Nerven aus Stahl sind sie auf dem Weg nach oben.» Es sei «der Gipfel des Wahnsinns», so der Sprecher. Es sei «die Ente des Tages», antwortete das «Climax Magazine» auf Facebook. Denn der El Capitan wurde schon von x Kletterern frei «bezwungen», es geht hier um eine Route. Und Klettern.de schreibt: «Ich hätte auch gerne Füsse aus Stahl.» Wer nicht?

Der Herr links sieht aus wie Alex Honnold. Aber laut «Bild» ist es Kevin Jorgeson.

Der Herr links sieht aus wie Alex Honnold. Aber laut «Bild» ist es Kevin Jorgeson.

Wer weiss, wie Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson aussehen? Ist doch egal. Die «Bild»-Zeitung verwendet ein Foto von Alex Honnold, dem vielleicht berühmtesten Kletterer der Welt, und schreibt darunter, er sei Jorgeson. Merkt ja keiner. Um das Missgeschick abzurunden, führt ABC News ein Interview mit Alex Honnold, nennt ihn aber durchgehend «Alex Honnlove». Honnold wurde von einem Journalisten gar gefragt, ob er den El Capitan auch schon frei geklettert sei – und das, obschon die anderen beiden diesen Berg ja gerade als Erste mit Hand und Fuss und Nerven und Seil klettern. (Für alle, die es nicht wissen: «Honnlove» ist besonders bekannt für ungesicherte Solotouren, besonders am El Capitan.)

Google jpgMit Hand und Fuss. Wer auf Google nach Kevin Jorgeson suchte, erhielt während rund einer Woche diese Information (siehe oben). «Praktisch jedes Detail ist falsch», schreibt Climbing.com. Erstens wieder die fast überall verbreitete Mär, die beiden seien die Ersten, die «nur mit Händen und Füssen» auf den El Capitan klettern wollen. Aus Tommy Caldwell machte Google Tom Evans. Und ist das wirklich Jorgeson auf dem Foto?

«Wir». Der US-Präsident ist jetzt auch offiziell ein Kletterfan: Barack Obama gratulierte den beiden Freeclimbern persönlich via Twitter: «So stolz auf Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson, dass sie den El Capitan erobert haben. Ihr erinnert uns daran, dass alles möglich ist.» Genau. «Yes, we can», sofern man nur will, führen 1000 Meter Big Wall zur ersten Mondlandung. Nicht alle fanden den Tweet aus dem Weissen Haus gut. Er generierte Neid.

Ist das der Dank für die Anstrengung?

Ist eine solche Schlagzeile am Ende der Dank für die Anstrengung und die überwundenen Gefahren? Ja! Es ist der Ritterschlag.

«Zwei Idioten». Am Ende bleibt die Frage: Hat sich dieser Medienhype für den Nischensport Klettern gelohnt? Wie hat die breite Öffentlichkeit auf diesen historischen Erfolg reagiert? «Vielleicht soll der Leser auch mal an die Bergwacht denken, die bei einem Absturz die Leichen bergen muss.» Oder: «Ich geh davon aus, die verwenden kleine recycelbare Tüten und sammeln ihr grosses Geschäft mit dem Papier ein und entsorgen es dann, wenn sie wieder am Boden sind, in den entsprechenden Toiletten (wie Camper auch)», kommentiert einer auf Spiegel.de. Die Freude hielt sich insgesamt in Grenzen, was das britische Satiremagazin «The Daily Mash» dazu veranlasste, in einem schlanken (lesenswerten) Artikel das zu sagen, was etwa 92,6 Prozent der Nichtkletterer dachten, aber nicht so charmant formulieren konnten: «Two idiots climb big thing for some stupid reason.»

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Das Läufer-Jogger-Getue

Natascha Knecht am Montag, den 19. Januar 2015
Im Berndeutschen ist es eh «Hans was Heiri»: Joggerin am Lake Wendouree, Australien. Foto: Ed Dunens (Flickr)

Im Berndeutschen ist es eh «Hans was Heiri»: Joggerin am Lake Wendouree, Australien. Foto: Ed Dunens (Flickr)

Bekanntlich gehöre ich zu den Letzten, die etwas gegen Humor haben. Insbesondere beim Sport. Darum amüsiert es mich jedes Mal sehr, wenn ich in einschlägigen Foren oder Magazinen auf Diskussionen stosse, wie: «Bist du schon ein Läufer, oder bist du noch ein Jogger?», «Marathonläufer wehren sich vehement gegen die Bezeichnung Jogger» oder «Vom Unterschied der Läufer zu den Joggern». Den Unterschied kennt zwar niemand so genau. Es geht um Höheres, um Zugehörigkeiten und um soziologische Betrachtungen. Für jeden verständlich heruntergebrochen heisst es: Jogger sind Beute, Läufer sind Jäger (und Walker sind Opfer).

Zehntausendmal und wahrscheinlich in allen Weltsprachen wurde schon in den Kommentarspalten die Kreativität der Läufer getestet:

Du weisst, dass du ein Läufer bist, wenn …
… du mehr Laufklamotten besitzt als Alltagskleidung.
… du niemals eine Pause brauchst.
… du nicht weisst, ob du weinen sollst, oder deinen Arzt verfluchen, wenn er dir sagt, du sollest zwei Wochen Laufpause machen.
… du in die Ferien gehst und mehr Zeit aufwendest, um Laufrouten zu recherchieren als Sehenswürdigkeiten.
… du in die Ferien gehst und als Erstes deine Laufschuhe einpackst.
… deine Lauf-App mehr Kilometer zählt als der Tacho deines Autos.
… du nicht im Regen läufst, sondern unter einer Wolke duschst.
… du den Unterschied zwischen Wollen und Können kennst.
… man sich ja sonst nicht quält.
… dich ein Stelleninserat einer Firma interessiert, wo laufend Mitarbeiter gesucht werden.
… etc. etc. etc.

Die meisten dieser Satzergänzungen finde ich witzig, einige könnten auch von mir sein. Trotzdem bekenne ich mich offen, und ohne mich zu schämen, als «Joggerin» (ebenso mit einem Augenzwinkern). Zum einen, weil ich eher Matterhorn als Marathon (oder missionieren) im Kopf habe, wenn ich meine «Turnschuhe» schnüre. Zum andern: Selbst wenn ich mich mit Tausend Ellböglern über 42,195 Kilometer messen würde, könnte ich mich nicht «Läuferin» nennen.

  1. Ich bin Berner Oberländerin und rede den entsprechenden Dialekt. «I ga ä Rundi ga loufä (löifä)» bedeutet bei uns: Ich gehe spazieren. «Laufen» ist in meiner Mundart also irreführend.
  2. Würde ich wie eine Zürcherin sagen, «ich gan go rännä», bräche es mir die Zunge.
  3. Gängig ist bei uns «secklä», oder eben ganz simpel «joggä». Und weil «Ig bi ä Secklerin» hergeholt klingt (so sehr wie «Rännerin»), bleibe ich halt beim guten alten «joggen».
  4. Pasta.

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Als der Bomber in den Schlossturm prallte

Thomas Widmer am Freitag, den 16. Januar 2015

Diese Woche von Andelfingen durchs Weinland nach Schaffhausen (ZH/SH)
Kein Schnee, grüne Wiesen, Sonne: schön. Bloss der Wind spielt nicht mit und wird uns auf dem Weg von Andelfingen nach Schaffhausen zusetzen; was für eine brutale Bise. Wanderfreund Roland ist zu wenig warm angezogen. Bundweise stopft er sich seine Zeitung unter den Pullover und schützt sich so. Das nütze sehr gut, teilt er uns mit.

Unten vor Andelfingens gedeckter Holzbrücke ist eine Kanonenkugel ausgestellt. Sie stammt vom Mai 1799, als auf der einen Seite der Thur die Russen und Österreicher standen und auf der anderen Seite die Truppen Napoleons. Die Kugel ist sieben Kilo schwer und hat einen Durchmesser von 14 Zentimetern. Ich bin enttäuscht. Der Baron Münchhausen im Film, gespielt von Hans Albers, reitet auf einer Kanonenkugel von mindestens Medizinballgrösse.

Die deutsche Geheimtagung

Wir queren die Brücke, biegen rechts ab zur Thur und sind bald im Grünen. Die Thur ist bis Hausen praktisch unverbaut. Dort schwenken wir nach gut 50 Minuten Gehzeit links in den Hang, meistern ein Bachtobel, kommen auf eine Anhöhe. Schloss Wyden rechter Hand, Privatbesitz, ist von Bäumen verdeckt und fast nicht zu sehen.

Drei Dinge sind zu dem Schloss zu sagen. Erstens tagten hier 1880 geheim deutsche Sozialdemokraten, darunter die Grossfiguren Bebel und Liebknecht; in Deutschland durften sie nicht. Zweitens gehört das Schloss den Nachfahren von Max Huber, einst Präsident des IKRK. Und drittens torkelte am 19. Juli 1944 ein US-Bomber daher. Er kam von München, die Crew hatte sich per Fallschirm gerettet, im Schlosshof spielten Kinder. Ein Wunder, dass niemand starb, als der Bomber in den Schlossturm prallte. Das Schloss brannte ab, musste praktisch von Grund auf neu gebaut wurden. Die Amerikaner zahlten.

Das Gelände, das wir im Folgenden durchwandern, ist Erholung für Auge und Gemüt. Ab und zu ein Hof, dazwischen Wiesen, Äcker, Riedgras und Sumpf, weite Wälder. Immer wieder sehen wir den Höhenzug des Irchel im Süden. Ganz nah haben wir den Husemersee, ein Gewässer mit Nebenseen; er gehört zur Andelfinger Seenplatte, die entstand, als die Gletscher abzogen und Wannen hinterliessen, die sich mit Wasser füllten.

In Trüllikon gehen wir in den Hirschen, wo Josephine zu uns stossen will. Der Wirt offeriert uns ein Glas Federweissen aus dem eigenen Rebberg und erzählt, dass er in vierter Generation im Hirschen wirtet. Ich und Josephine nehmen gern ein Glas, die anderen wärmen sich an Kaffee und Tee. Neugierdehalber konsultieren wir die Speisekarte und sind angetan. Diese Auswahl von Chlöpfmostsuppe und Steinpilz-Pappardelle bis Saiblings-Saltimbocca und Brasato al Barolo – wir würden jetzt wahnsinnig gern hier essen. Bloss haben wir anderweitig reserviert.

Guggere von gucken

Eine Stunde später sind wir in der Guggere, einer Ausflugswirtschaft oberhalb von Benken; der Name wird «Guggeere» mit langem E ausgesprochen und kommt von «gucken» – man sieht den Alpenkranz. Freilich schlottern wir zu sehr fürs genüssliche Schauen; wir betreten die Wirtsstube aus uraltem Holz. Die Karte ist einfach gebaut, aber okay, wie später auch das Essen. Über dem Kaffee sind wir uns einig, dass wir nicht mehr allzu weit laufen wollen – der Wind!

Also Schaffhausen. Gut eindreiviertel Stunden dauert das nur noch und führt über den Cholfirst, Zürichs letzten Höhenzug, gegen Norden zu. Bald sind wir am Rhein, sehen den Munot vor uns und erreichen gleich den Bahnhof. Ha! Wieder in der Wärme, gut so! Dass die Route besonders schön war, darin sind wir uns einig. Und Trüllikons Hirschen wird bald heimgesucht.

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Route: Andelfingen Bahnhof - Holzbrücke über die Thur - Wanderweg am Nordufer - Werdhof - Grosse Au - Hausen - Ufwil - Husemersee - Krähenbuck - Trüllikon - Mündlimoos - Grüt - Höhi - Wildensbuch - Guggere - Solboden - Grüt - Feuerthalen - Rheinbrücke - Schaffhauser Altstadt - Schaffhausen Bahnhof.

Wanderzeit: 5½ Stunden.

Höhendifferenz: 365 Meter auf-, 360 abwärts.

Wanderkarte: Am praktischsten ist die Karte Schaffhausen, Winterthur von Kümmerly + Frey, 1 : 60'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Kürzer: Erst in Trüllikon (Bushaltestelle Dorf) einsteigen. Dann braucht man nach Schaffhausen bloss drei Stunden.

Charakter: Eine Wanderung für alle Jahreszeiten; bei Eis und Schnee helfen Schuhkrallen und Stöcke. Abseits der Dörfer viel Natur, wenige Bauernhöfe. Aussichtsreich zum Beispiel vom Restaurant Guggere.

Höhepunkte: Die unbebaute Thur der ersten Wanderstunde. Die Einsamkeit des Husemersees im Winter. Das Winzerdorf Trüllikon. Der Weitblick auf den Alpenkranz bei gutem Wetter von der Guggere. Der stille Wald des Cholfirstes.

Kinder: Keine Probleme.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Hirschen in Trüllikon. Gildekoch, eigener Rebberg. Sonntagabend und Mo geschlossen. - Guggere über Benken am Wanderweg. Ausflugsrestaurant, Spezialität Fondue. Mo und Di Ruhetag. Man kann online reservieren.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Outdoor

Skitour auf den Uetliberg? Abgefahren!

Outdoor-Redaktion am Mittwoch, den 14. Januar 2015

Heute ein Gastbeitrag von Dominik Osswald*. Auch das Video stammt von ihm:

Wir hatten Grosses vor im Tessin. Wir wollten mit Ski den Campo Tencia überschreiten. Doch es wurde nichts. Der bissige Nordwind trieb uns zurück in die Sponda-Hütte, wo wir frustriert an einer ungarischen Salami kauten und uns anschwiegen. Die Stimmung war nicht gut. Wir schwiegen noch immer, als mein Bruder Marc, der in Zürich wohnt, sagte: «Eigentlich hätte es ja in Zürich mehr Schnee als hier.»

Es waren böse Worte. Salz in die Wunde! Denn was uns bevorstand: die Ski wieder ins Tal tragen und dann im Stau stehen, nachdem wir kaum einen Meter unseres Vorhabens gemeistert hatten. Doch er machte weiter: «Wetten, dass der Uetliberg uns mehr geboten hätte?»

Ich wurde hässig. Ja, ich war für die (zugegeben schlechte) Tourenplanung verantwortlich – aber wagte jetzt mein Bruder, der wie ich aus Basel stammt, mir den Uetliberg schmackhaft zu machen? Zürichs Hausberg … der von sich behauptet, der schönste der Schweiz zu sein, was gar nicht stimmt, denn unser Gempen ist mindestens so schön, und dort kann man auch noch klettern. Im Fels! Ich sagte also entnervt: «Dein Uetliberg kann mir gestohlen bleiben, und überhaupt, das ist gar nicht der schönste Hausberg der Schweiz!»

«Ach ja? Warst du überhaupt schon oben?», forderte er mich heraus. Und ich: «Ja, mit dem Bike. Der Singletrail ist übrigens keinen Deut besser als jener am Gempen.» Daraus wurde ein veritables Basel-Zürich-Kräftemessen, für einmal auf dem Buckel der Hausberge:

«Der Uetliberg ist höher!» – «Die Aussicht vom Gempen ist trotzdem besser.» – «Der Uetli hat einen Turm!» – «Der Gempen auch, sogar einen beleuchteten!» – «Das Restaurant auf dem Gempen ist eine Knille!» – «Nicht mehr, seit es den neuen Wirt hat, aber das Uto Kulm ist eine Schickimickibude!» – «Der Uetli wurde schon mit Sauerstoff bestiegen.» – «Am Gempen ist schon ein Flugzeug zerschellt … also in der Nähe.»

Es wurde immer absurder, bis wir am Ende abmachten: Wir gehen nach Zürich, bringen Silvester über die Bühne und steigen am Neujahrstag auf den Uetliberg – mit Ski. Ich wollte sehen, was der bieten kann, und versprach: Wenn ich auf einem Gipfel stehe und vier Schwünge im Schnee mache, dann zieh ich den Hut!

Gesagt, getan. Am folgenden Morgen fahren wir durch das von rauschenden Festen noch schlafende Zürich über die Hardbrücke, vorbei am zweithöchsten Gebäude der Schweiz zum Uetliberg. Es hat ordentlich Schnee, und ich bin nun doch neugierig. Zumindest auf der Karte sieht die Nordostseite echt interessant aus.

Am Triemli beginnen wir den Aufstieg, eine alte Dame erklärt: «Obä schiint d Sunnä, ja de Üezgi isch äifach de schöönschti Platz uf de Wält!»

Sicher doch.

Aber es hat was. Wir spuren durch schön verschneiten Tannenwald, lassen einmal das rote Züglein vorbeifahren und sind bald oben. Da findet Marc tatsächlich so eine Art Gipfel: einen Fels, der aus lauter zusammengekleisterten Kieseln besteht, man nennt es Konglomerat, aber Marc redet schwungvoll vom «Uetliberg Real Summit» (siehe Video).

Dann die Abfahrt. Wir halten uns zunächst an den Singletrail, rauschen einmal über eine Treppe, stechen dann in einen steilen Wald mit einer schönen Schneise. Der Wald ist schon lustig. Aber die Schneise! Da kann man richtig Ski fahren! Wir steigen sie nochmals auf und nochmals. Man wähnt sich hier kein bisschen in der Nähe einer Grossstadt. Ich bin begeistert!

Wieder beim Triemli, gönnen wir uns zufrieden eine Bratwurst vom Grill. Uetliberg … ich ziehe den Hut. Aber aufgepasst, ich habe schon die Karte studiert: Sollte der Winter noch nach Basel kommen, dann sind wir gewappnet. Der Gempen und ich.

 

dominik_150*Dominik Osswald ist freischaffender Journalist und Alpinist. Er lebt in Basel.

 

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