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Zwei Höllenritte und eine sanfte Wanderung

Thomas Widmer am Freitag, den 4. September 2015

Diese Woche von den Fideriser Heubergen aufs Mattjisch Horn (GR)

Drei Abenteuer in einem Tag, nicht übel. Und als ich abends heimfuhr, war ich nicht einmal sonderlich müde. Die Hände spürte ich freilich, vom vielen Bremsen. Mehr davon später im Blog – und vorerst dies: Sie spielt im Prättigau. Strahlend war der Morgen, als ich in Fideris aus dem Postauto stieg, das mich von Schiers hinaufgetragen hatte.

Der Bus des Berghauses Arflina wartete schon, unterhalb des stillgelegten Restaurants Ritterhof stand er. Ich hatte reserviert, ein paar weitere Leute ebenfalls, wir machten es uns bequem.

Wer war Mattli?

Abenteuer eins war nun die Fahrt hinauf in die Fideriser Heuberge 1100 Meter höher: zwölf Kilometer auf einer dramatisch in die steilen Hänge gelegten Fahrpiste. Zu unserer Linken klaffte die Flanke des Malanser-Bach-Tobels wie ein Höllenschlund. Kurve um Kurve gewannen wir an Fernblick, St. Antönien am Gegenhang zeigte sich. Einmal passierten wir einen Prättigauer Scherenhag.

Eine halbe Stunde dauerte der Ritt, dann waren wir auf 2000 Metern. Was für ein Kontrast zu der Wildheit des Fahrerlebnisses: sanft und lieblich war der grüne Kessel. Die Fideriser Heuberge heissen nicht umsonst so, gern wüsste ich, wie viele Tonnen Heu sie pro Saison hergeben. Hinten begrenzte mein Tagesziel den Nahhorizont: das Mattjisch Horn. Schon wieder kam ich ins Grübeln: Wer war wohl der Matthias, Matthäus, Mathis, Matti, Mattli, dessen Name auf das Horn überging?

Ich zog gleich los, denn ich verspürte Gipfellust. Eine halbe Stunde später war ich bei der Arflinafurgga, dem Übergang ins Schanfigg; letztes Jahr waren wir von dort zur Furgga gegangen, von Peist aus. Das Mattjisch Horn hatten wir damals nicht erstiegen. Diesmal aber! Über den halb grasigen, halb kiesig-gerölligen breiten Gratrücken eroberte ich es schnell. Dem Namensteil «Horn» zum Trotz handelt es sich um einen sanften Wanderberg ohne besondere Gefahr. Einen Familiengipfel.

Oben fand ich einen kunstvoll gebauten Steinhaufen vor. Einen Wegweiser. Und ein 360-Grad-Panorama. Im Süden der Piz Ela, im Norden die Schesaplana, im Osten der Piz Buin, im Westen der Tödi und dazwischen Hunderte weiterer Berge in Grau und Weiss, die ich per Smartphone mit dem Peak-Finder zu benennen suchte.

Mit dem Bikeboard zu Tal

Schön der Abstieg nach der Rast; es sind in die Heuberge Tümpel und Seelein eingelagert, vor allem das Schottenseelein liebte ich, später auch den Unteren Cluner See. Drei Stunden später erreichte ich wieder das Berghaus Arflina, Ende von Abenteuer zwei. Wer weiss, vielleicht werde ich mich im Berghaus einmal einmieten und auch den Glattwang machen. Oder hinüber zum Weissfluhjoch halten.

Ich ass draussen, meine Rösti mit Spiegelei war sehr gut. Toll der eiskalte Waschlappen, den mir die Serviererin brachte. Nun hätte ich den Bus talwärts nehmen können. Trotz meiner 53 Jahre entschied ich mich für die juvenile Alternative. Abenteuer Nummer drei: das Bikeboard, das ich mietete. Ein dreirädriges, perfekt gefedertes Trottinett mit einer Surfbrett-artigen Stehfläche. Los ging es, ich sauste und brauste, natürlich war ich behelmt. Unten in Fideris, wie gesagt, hatte ich den Krampf in den Händen. Aber auch eine sehr gute Laune. Was für ein ereignisreicher Tag!

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Route: Fideriser Heuberge, Berghaus Arflina – Arflinafurgga – Mattjisch Horn – Padels, Obersäss – Berghaus Arflina.

Wanderzeit: 3 Stunden.

Höhendifferenz: je 540 Meter auf- und abwärts.

Wanderkarte: 248 T Prättigau, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Hin und zurück: Der – private – Bus von Fideris Dorf zu den Heubergen fährt am Wochenende ab 9.30 Uhr jeweils zur halben Stunde, Talfahrt ist jeweils zur vollen Stunde bis und mit 16 Uhr. Unter der Woche ab sechs Personen auf Anmeldung. Die Busfahrt hin und retour kostet 13 Franken, für Kinder 10 Franken, für Familien 40 Franken.

Charakter: Leichte Wanderung, die bloss ein Minimum an Trittsicherheit verlangt. Familientauglich. Unglaublich aussichtsreich.

Höhepunkte: Die Fahrt im Bus von Fideris in die Heuberge. Der Rundblick vom Mattjischhorn. Das Fussbad im Schottenseeli ganz nah am Weg.

Kinder: gut machbar.

Hund: keine Probleme.

Einkehr: Berghaus Arflina, derzeit durchgehend offen.

Bikeboard: Statt den Bus zu nehmen, kann man die Talfahrt auch auf dem Bikeboard absolvieren, einem dreirädrigen Trottinett. Die Fahrt ist lang, circa 45 Minuten. Vorsicht, Gegenverkehr von unten! Mit dem Bikeboard mietet man auch den Helm, 19 Franken.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Zum loeschen: Trail-Champion oder Logistik-Meister?

Blog-Redaktion am Donnerstag, den 3. September 2015

Höher, schneller, weiter: Rekorde haben schon die alten Griechen fasziniert. Bis heute hat die Sensationsgier des Publikums nicht nachgelassen. Das Gegenteil scheint der Fall, wenn man sieht, welche Medienformate die grössten Erfolge feiern und welche Videos auf den zahlreichen Internet-Plattformen häufig angeklickt werden. Die Jagd nach Bestmarken wird mittlerweile auch auf Singletrails ausgetragen. Das Ziel: an einem Tag möglichst viele Abfahrtshöhenmeter vernichten, wobei kein Trail zweimal befahren werden darf. Das führende deutsche Mountainbike-Magazin hat diesem Wettstreit schon den Titel des «dümmsten Bikerekords aller Zeiten» verliehen, denn vergleichbar sind die Leistungen nicht, weil sie auf verschiedenen Strecken und mit ungleicher Transport-Unterstützung erbracht werden.

Zertifizierter Tiefenrausch
Dennoch scheint sich diese Rekordjagd aktuell grosser Beliebtheit zu erfreuen. Vorallem in der Schweiz. In diesem Jahr purzelte die Bestmarke bereits zweimal. Am 27. Juli haben Marcel Hardegger sowie Erich und Christoph Arnold 21’832 Abfahrtshöhenmeter abgesurft – «inoffizieller Weltrekord». Gerade einmal 16 Tage zuvor hatten die beiden ehemaligen Elite-Mountainbiker Ken Imhasly und Alain Gwerder die Bestmarke auf 20’616 Tiefenmeter hochgeschraubt. Als Erste und bisher Einzige haben sie ihre Aktion offiziell zertifizieren lassen. Das Rekord Institut für Deutschland führt sie jetzt als Weltrekordhalter für die «meisten an einem Tag erzielten Mountainbike-Abfahrtshöhenmeter».
Während die offiziellen Weltrekordler im Wallis auf Rekord-Jagd gegangen sind, überflügelte die «inoffizielle Konkurrenz» im Kanton Uri den Bestwert (https://www.youtube.com/watch?v=HDV3EssLW7I ). Die Schweizer Zwillinge Caroline und Anita Gehrig hatten die vorherige Rekordmarke im Vinschgau aufgestellt (https://vimeo.com/114263072) und die «Urväter» der Trailmeter-Sammler, Thomas Frischknecht und Thomas Giger, haben 2013 den Rekord-Wahn in Davos quasi ins Leben gerufen.
Die Vergleichbarkeit der Leistungen hinkt in jeder Beziehung. Die einen griffen auf Autoshuttles zurück, andere liessen sich von fleissigen E-Bikern über Almwege ziehen. Überführungsetappen wurden standesgemäss mit dem bereitstehenden Auto samt Chaffeur gemeistert und das Duo Frischnecht/Giger liess sich für die letzte Abfahrt gar mit dem Helikopter zum Startpunkt fliegen!

Der Duden straft Lügen
Wann darf man überhaupt von einem Rekord sprechen? Egal welche Definition von «Rekord» man zu Rate zieht – die Vergleichbarkeit ist immer zentraler Bestandteil. Sowohl die Streckenführung und -beschaffenheit, als auch die logistischen Voraussetzungen machen die angesprochenen Rekorde aber in erster Linie zur Meisterleistung bezüglich Streckenplanung und Organisation. Die sportliche Komponente scheint dadurch in den Hintergrund zu rücken. Immerhin – die beiden letzten Aspiranten haben sich einheitlich an eine maximale Fahrzeit von 16 Stunden gehalten. Bleibt die Frage: Seit wann hat der Tag 16 Stunden?

Sinn oder Unsinn?
Der Spirit des Mountainbikens bleibt bei der wilden Hatz auf der Strecke. Und einen tieferen Sinn werden viele Mountainbiker auch nicht erkennen. Da bleibt nur der neidische Blick auf Manuel Scheidegger. Der Schweizer ist am Thunersee in einer Stunde 25,72 Kilometer auf dem Hinterrad gefahren. Damit hat er den Stundenweltrekord im Wheelie-Fahren in die Schweiz geholt – auf einer genormten Leichtathletik-Bahn und damit über alle Zweifel erhaben. Nebenbei rührt er damit die Werbetrommel für sein Nepal-Hilfsprojekt Wheels4Nepal (www.wheels4nepal.ch). Und so bekommt die Rekordjagd auf zwei Rädern plötzlich doch noch einen Sinn.

Was halten Sie von der Rekordjagd um Abfahrtshöhenmeter? Bestwerte um jeden Preis – wo sehen Sie Grenzen?

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Die Show am Everest beginnt wieder

Natascha Knecht am Mittwoch, den 2. September 2015
Drama für Hollywood: Der Film «Everest» kommt Mitte September in die Schweizer Kinos. Jake Gyllenhaal spielt eine Hauptrolle. (everestfilm.ch)

Top of the Pops: «Everest» kommt Mitte September in die Schweizer Kinos. Jake Gyllenhaal spielt eine Hauptrolle. (everestfilm.ch)

Mein Name ist Everest. Mount Everest. Mit 8848 Metern bin ich die höchste Erhebung der Erde. Mutter des Universums, Berg der Berge, Top of the Pops, King of the Hill, Vater unser im Himmel, Crème de la Crème, Bœuf Stroganoff, der fünfte Beatle – ja, so nannte mich das Fachmagazin «Spiegel» einst. I like!

Mit meiner Berühmtheit kann höchstens das Matterhorn mithalten. Aber im Vergleich zu mir ist das «Horu» ein Gipfel für den armen Mann. In der neuen Hörnlihütte kostet eine Übernachtung im Lager lediglich 150 Franken. Pro Person. Nicht pro Stunde! Wieso sich einige enervieren, das sei zu teuer, kann ich nicht nachvollziehen.

Aber zurück zu mir, dem Dach der Welt, dem Gipfel der Rekorde. Aus der Zeitung habe ich erfahren, dass mich diesen Herbst nur fünf Expeditionen besuchen. Immerhin. Denn nach dem Erdbeben vergangenen Frühling, dem 9000 Menschen zum Opfer fielen und bei dem Zehntausende ihr Hab und Gut verloren, ist das nicht selbstverständlich. Auf einen dieser wenigen Besucher freue ich mich besonders: Nobukazu Kuriki (33) aus Japan. Er will der Erste sein, der nach dem Erdbeben auf mich steigt. Was für eine geniale Idee. Nach dem Erdbeben der Erste auf dem Everest! Klingt doch super, oder?

Unter uns: Kurikis Vorhaben ist eine Werbeaktion. Für ihn selber und für Nepal. Die Meldung ging um die Welt. Kurikis Expedition sei eine positive Botschaft an alle, die unsicher seien, ob eine Reise in die Region sicher sei, liess der Tourismusminister an einer Medienkonferenz in Kathmandu verlauten.

Schon viermal versuchte Kuriki, auf mich, den teuersten aller Sehnsuchtsberge, zu klettern. Letztmals 2012. Damals irrte er ganz allein und ohne Flaschensauerstoff auf meinem Westgrat umher und versuchte eine Route, die erst fünf Menschen geschafft haben, aber auf der schon neun gestorben sind.

Sieben Tage befand sich Kuriki auf über 7000 Meter Höhe. Er kämpfte gegen mich, die Witterung und gegen sein Ableben. Auf 8000 Metern wurde ihm die Luft zu dünn und der Wind zu kalt. All seine Finger waren schwarz gefärbt von den Erfrierungen, ebenso seine Nase. Er konnte in letzter Minute gerettet werden.

Nobukazu Kuriki zeigt Erfrierungen an Fingern und Nase nach seinem Everest-Versuch 2012: Bis auf einen Daumen hat er alle Daumen verloren. Jetzt will er einen neuen Versuch am Everest starten.

Kein Hollywood-Film, sondern Real-Drama im Unterhaltungsstil: Nobukazu Kuriki zeigt Erfrierungen an Fingern und Nase nach seinem Everest-Versuch 2012 (der Outdoorblog berichtete). Bis auf einen Daumen hat der Japaner alle Finger verloren. Jetzt will er einen neuen Versuch am Everest starten.

Speziell war zudem, dass Kuriki aus der Todeszone ständig Fotos und Videos in Realzeit verbreitete – via Twitter (120’000 Follower) und Facebook (130’000 Fans, mehr als Ueli Steck). Wenn der Japaner schrieb: «Meine Finger frieren ab», erhielt er umgehend 10’000 Likes und Tausende Kommentierende drückten ihm die Daumen. Als er später mitteilte, die Finger seien nicht mehr zu retten und sie müssten amputiert werden, erhielt er wieder 10’000 Likes und Tausende Kommentierende drückten ihm die Daumen.

Jetzt hat Kuriki nur noch einen Daumen, den anderen und acht Finger opferte er an seine ersehnte Berühmtheit. Er hält Vorträge, verdient damit gutes Geld und gibt nun selbstlos von seinem Ruhm zurück – als Testimonial für Nepal. Mich stört es nicht. Ich bin der Everest. Der Stoff, aus dem die wildesten Träume sind. Das Voulez-vous-coucher-avec-moi der Alpinisten, die Love Machine, der Beste, den es zu haben gibt.

Was ist Ihre Meinung?

Der Berg aller Berge im Kino: Trailer zu «Everest». Quelle: Youtube/Universal

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100 Kilometer Erlösung

Blog-Redaktion am Montag, den 31. August 2015

Ein Gastbeitrag von Christian Andiel*

«Meine dunklen Stunden» von Einmal war ich in Biel auf Vimeo.

Biel war der Himmel. Wer das nach einem Lauf über 100 Kilometer so schildert, der muss seine Hölle erlebt haben. Oliver Stoll ist Professor der Sportpsychologie, er ist Läufer und er hat ein beeindruckendes Buch geschrieben. «Einmal war ich in Biel» heisst es, darin beschreibt Stoll so detailliert wie liebevoll, wie er diese Stunden vor zwei Jahren beim Laufklassiker erlebte. Von der Vorbereitung, den Begegnungen auf der Strecke, der wunderbaren Unterstützung seiner Lebenspartnerin, vom Zieleinlauf. Er lässt uns an seiner Playlist teilhaben, verrät den SMS-Trick (alle 10 Kilometer eine SMS verschicken, die nicht mehr als fünf Worte umfasst) und klärt detailliert über seine unmittelbare Vorbereitung auf.

Doch die 100 Kilometer von Biel sind nur der Endpunkt einer Entwicklung, einer Geschichte, die mitreisst und mitleiden lässt. Es ist ein Happy End, das so nicht immer absehbar war. Denn es ist der gleiche Oliver Stoll, der sich nur wenige Jahre zuvor in aller Schonungslosigkeit als Läufer ganz anders als nun in Biel beschreibt: «Ich war ein gebrochener Mann.»

«Die ‹Bleistifte› liefen vorneweg»

Blenden wir zurück, in die Jahre um 1990 herum. Stoll, 1963 geboren, Student der Sportwissenschaft, Psychologie und Pädagogik in Giessen (D) und Charleston (USA), war ein fanatischer Läufer. Und es kam der Moment, in dem er jedes Mass verlor. Aus Ehrgeiz wurde Sucht, es ging nur noch ums Laufen, «ich hatte eigentlich keine Freunde mehr», sagt er, selbst beim Lauftreff musste er am Ende der Erste zurück am Parkplatz sein. Stoll sah, wie schlanke Menschen bessere Zeiten erreichten, «die ‹Bleistifte› liefen vorneweg, also musste ich abnehmen». Er magerte ab, bis auf 57 Kilogramm bei 1,78 Meter. Wie konnte dem Fachmann, dem angehenden Sportwissenschaftler so etwas passieren? Stoll selbst schreibt sich in dieser Zeit «pathologische Züge» zu.

Vielleicht fällt es dem Psychologen leichter, so offen über diese «Lebenskrise» zu reden, wie Stoll es tut. Er vergleicht seine damalige Sucht mit der des Alkoholikers, und so gab es für ihn nur eine Lösungsmöglichkeit: «Ich habe sofort mit dem Laufen aufgehört. Das ist wie bei einem Alkoholiker. Sofortige Abstinenz ist der erste Schritt zur möglichen Gesundung.» Fast 25 Jahre lief er nicht mehr, im Buch beschreibt er sein Comeback 2012 eindrücklich, wie ihm selbst kleinste Steigungen, etwa eine Brücke über einen Fluss, zu schaffen machten.

Die grosse Hilfe der Lebenspartnerin

Stoll stürzte sich stattdessen in die Arbeit, erfolgreich, wenn auch zu einem hohen Preis: Er «schrottete» zwei Ehen, wie er sagt. Als er 2012 die Laufschuhe wieder schnürte, «hatte ich tatsächlich Angst, in die alten Muster zu verfallen». Hilfreich war dann 2013 die Beziehung zu seiner jetzigen Lebenspartnerin. «Mit Frauke war ich diesbezüglich gnadenlos offen. Sie hatte in der Zeit, als ich wieder mit dem Laufen begann, ebenfalls ein Auge auf mich und mein Training und sofort thematisiert, wenn sie das Gefühl hatte, ich könnte wieder rückfällig werden.» Dieser Aspekt sei neben dem «normalen» Reifeprozess eines Menschen verantwortlich, dass er heute wieder laufen könne. Zum Beispiel in Biel.

Wer diese Geschichte kennt, der kann umso intensiver nachvollziehen, was die 100 Kilometer von Biel für Stoll bedeutet haben, welche Faszination das Buch «Irgendwann musst du nach Biel» von Werner Sonntag für ihn gehabt haben musste, welche Mischung aus Stolz, Erleichterung und purer Freude er beim Zieleinlauf verspürt haben musste. Kann uns der Psychologe einen Tipp geben, wie wir uns der Hölle fernhalten können, die er durchschritt? «Puhhh», antwortet Stoll, «nicht wirklich, manche Fehler und Erfahrungen muss man wohl machen.» Dann fällt ihm doch noch etwas ein: «Wenn man das Gefühl hat, etwas stimme nicht, sollte man jemand in sein Vertrauen ziehen.» Diese Person habe ihm damals gefehlt.

«Liebe zum Leben» von Einmal war ich in Biel auf Vimeo.

Andiel ChristianChristian Andiel ist Produzent beim «Tages-Anzeiger».

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Die Punker vom Val Strem

Thomas Widmer am Freitag, den 28. August 2015

Diese Woche von Sedrun über den Chrüzlipass nach Bristen (GR/UR)

Ich ging schon einmal über den Chrüzlipass, von Bristen im Maderanertal aus: fortgeschrittener Herbst, verlassene Alpen, Nebel über den Bergen, Schnee auf dem Pass. Ich wanderte damals allein und musste die ganze Zeit über an «Goldener Ring über Uri» denken, das legendäre Buch von 1941, dessen Autor Eduard Renner vom magischen Denken der Urner Bergler erzählt. Von einer gestaltlosen, lähmenden oder auch Panik bereitenden Kraft, dem «Es», das sich ausbreitet, wenn die Älpler abziehen. Mir war unheimlich.

Als ich zum zweiten Mal über den Chrüzlipass ging, ab Sedrun diesmal und mit meinem Grüpplein, war alles anders. Golden war der Tag und ganz diesseitig die Landschaft. Das Es hatte im strahlenden Licht keine Chance. Es schmollte wohl in irgendeiner der Kristallgrotten, für die vor allem das Etzlital auf der Urner Seite bekannt ist.

Sind wir in Island?

Kurz wanderten wir zu Beginn in Sedrun auf Hartbelag. Dann Gras, Steine, Geröll. Das Val Strem muss man erlebt haben in seiner Urtümlichkeit, uns war, als seien wir in Island. Der Strem mäandrierte als Glitzerband durch die rötlich-moorige Ebene. Die Stremhörner wiederum – nun, wären sie Menschen, so Jugendliche in der Pubertät. Trotzig, wild, frech, mit zackigen Punkerfrisuren.

Streng war der Aufstieg, der gleichzeitig ein Ausstieg war aus dem Val Strem auf schmalem, doch sicherem Pfad die steile Halde hinauf zum Pass. Oben war alles flach. Wir setzten uns, tranken, freuten uns über die neuen Berge im Westen hinter der Passlücke. Mir fiel ein, dass ich bei der früheren Überquerung hier oben im Schnee eine Gruppe Männer getroffen hatte. Der eine ging barfuss. Ob er nicht kalt habe, fragte ich. «So ist mir am wohlsten», sagte er.

Wir stiegen ab, sahen unser Zwischenziel, die Etzlihütte, die erhaben 70 Meter über der flachen Müllersmatt hockt. Die meiste Zeit freilich fixierten wir den Boden vor uns. Blockschutt, sehr beschwerlich. Dann waren wir unten auf der Müllersmatt. Kurz darauf die Hütte. Wir assen, meine Suppe war köstlich, ich fotografierte sie, wie ich das meist tue, wenn ich auf Wanderungen esse. Ein Bild machte ich auch vom hütteneigenen Whirlpool.

Gut, kommt der Bus noch nicht!

Ingeniös später unsere Wanderpiste zu Tale. Ein schmales, sauber definiertes Band aus Steinen, das durch den brüsken Hang kurvte, ein holpriges Trottoir im Gebirge; ich musste daran denken, dass der Chrüzlipass vom Maderanertal in die Surselva und umgekehrt jahrhundertelang ein wichtiger Saumweg gewesen war. Das Gelände vor uns, die endlose Talrinne des Etzli, lag im Schatten. Weiter unten gingen wir durch eine Halde voller Blacken, der Stein war feucht und glitschig. Irgendwann erreichten wir ein schmales Fahrsträsschen.

War es das? Nein! Beim Sagebrüggli radikalisierte sich der Weg ein letztes Mal. Wir bogen links ab in den Wald. Das folgende Stück war von einer Steilheit, als rebelliere das Gelände gegen die nahe Zivilisation. Ich war froh um meine Stöcke, spürte nun doch meine 52-jährigen Knie. Endlich Bristen. Gut, dass der Bus erst in 50 Minuten kommen würde. Auf der Terrasse des Alpenblicks hielten wir bei Bier und einem Pommes-frites-Teller Rückschau und waren uns einig: selten an einem Tag derart viel Schönheit gesehen!

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Route: Sedrun Bahnhof – Bauns – Val Strem – Chrüzlipass – Müllersmatt – Etzlihütte – Müllersmatt – Etzliboden – Sagebrüggli – Steinmatt – Bristen.

Wanderzeit: 6 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 1050 Meter auf-, 1710 abwärts.

Wanderkarte: 256 T Disentis/Mustér, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus von Bristen nach Amsteg.

Kürzer: Abkürzungen gibt es nicht. Aber natürlich kann man die Wanderung auf zwei Tage verteilen und in der Etzlihütte übernachten. Reservieren!

Charakter: Klassische Passwanderung von grosser Schönheit. Steile Abschnitte, keine ausgesetzten Stellen. Aussichtsreich.

Höhepunkte: Die Kurven des Strem in seinem Tal. Die zackigen Berge über dem Val Strem. Der Blick nach dem Pass auf die Etzlihütte. Das endlos weite Etzlital.

Kinder: Weit, besser in zwei Tagen als in einem.

Hund: Keine besonderen Probleme.

Einkehr: Am Anfang und am Ende sowie natürlich in der Etzlihütte, die derzeit durchgehend offen ist.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Trail-Champion oder Logistik-Meister?

Blog-Redaktion am Donnerstag, den 27. August 2015


Höher, schneller, weiter: Rekorde haben schon die alten Griechen fasziniert. Bis heute hat die Sensationsgier des Publikums nicht nachgelassen. Das Gegenteil scheint der Fall, wenn man sieht, welche Medienformate die grössten Erfolge feiern und welche Videos auf den zahlreichen Internet-Plattformen häufig angeklickt werden. Die Jagd nach Bestmarken wird mittlerweile auch auf Singletrails ausgetragen. Das Ziel: an einem Tag möglichst viele Abfahrtshöhenmeter vernichten, wobei kein Trail zweimal befahren werden darf. Das führende deutsche Mountainbike-Magazin hat diesem Wettstreit schon den Titel des «dümmsten Bikerekords aller Zeiten» verliehen, denn vergleichbar sind die Leistungen nicht, weil sie auf verschiedenen Strecken und mit ungleicher Transportunterstützung erbracht werden.

Zertifizierter Tiefenrausch

Dennoch scheint sich diese Rekordjagd aktuell grosser Beliebtheit zu erfreuen. Vor allem in der Schweiz. In diesem Jahr purzelte die Bestmarke bereits zweimal. Am 27. Juli haben Marcel Hardegger sowie Erich und Christoph Arnold 21’832 Abfahrtshöhenmeter abgesurft – «inoffizieller Weltrekord». Gerade einmal 16 Tage zuvor hatten die beiden ehemaligen Elite-Mountainbiker Ken Imhasly und Alain Gwerder die Bestmarke auf 20’616 Tiefenmeter hochgeschraubt. Als Erste und bisher Einzige haben sie ihre Aktion offiziell zertifizieren lassen. Das Rekord Institut für Deutschland führt sie jetzt als Weltrekordhalter für die «meisten an einem Tag erzielten Mountainbike-Abfahrtshöhenmeter».

Während die offiziellen Weltrekordler im Wallis auf Rekordjagd gegangen sind, überflügelte die «inoffizielle Konkurrenz» im Kanton Uri den Bestwert:

Der Trailrekord in Uri. (Youtube)

Die Schweizer Zwillinge Caroline und Anita Gehrig hatten die vorherige Rekordmarke im Vinschgau aufgestellt und die «Urväter» der Trailmeter-Sammler, Thomas Frischknecht und Thomas Giger, haben 2013 den Rekordwahn in Davos quasi ins Leben gerufen.

Die Vergleichbarkeit der Leistungen hinkt in jeder Beziehung. Die einen griffen auf Autoshuttles zurück, andere liessen sich von fleissigen E-Bikern über Almwege ziehen. Überführungsetappen wurden standesgemäss mit dem bereitstehenden Auto samt Chauffeur gemeistert und das Duo Frischnecht/Giger liess sich für die letzte Abfahrt gar mit dem Helikopter zum Startpunkt fliegen!

Der Duden straft Lügen

Wann darf man überhaupt von einem Rekord sprechen? Egal welche Definition von «Rekord» man zurate zieht – die Vergleichbarkeit ist immer zentraler Bestandteil. Sowohl die Streckenführung und -beschaffenheit als auch die logistischen Voraussetzungen machen die angesprochenen Rekorde aber in erster Linie zur Meisterleistung bezüglich Streckenplanung und Organisation. Die sportliche Komponente scheint dadurch in den Hintergrund zu rücken. Immerhin – die beiden letzten Aspiranten haben sich einheitlich an eine maximale Fahrzeit von 16 Stunden gehalten. Bleibt die Frage: Seit wann hat der Tag 16 Stunden?

Sinn oder Unsinn?

Der Spirit des Mountainbikens bleibt bei der wilden Hatz auf der Strecke. Und einen tieferen Sinn werden viele Mountainbiker auch nicht erkennen. Da bleibt nur der neidische Blick auf Manuel Scheidegger:

Stunden-Weltrekord im Wheelie-Fahren über 25,72 km von Manuel Schneidegger. (Youtube)

Der Schweizer ist am Thunersee in einer Stunde 25,72 Kilometer auf dem Hinterrad gefahren. Damit hat er den Stundenweltrekord im Wheelie-Fahren in die Schweiz geholt – auf einer genormten Leichtathletik-Bahn und damit über alle Zweifel erhaben. Nebenbei rührt er damit die Werbetrommel für sein Nepal-Hilfsprojekt Wheels4Nepal. Und so bekommt die Rekordjagd auf zwei Rädern plötzlich doch noch einen Sinn.

Was halten Sie von der Rekordjagd um Abfahrtshöhenmeter? Bestwerte um jeden Preis – wo sehen Sie Grenzen?

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Wenn Abstürzen Spass macht

Outdoor-Redaktion am Mittwoch, den 26. August 2015

Ein Beitrag von Emil Zopfi*

(iStock)

Besser klettern dank Sturztraining? Das richtige Ins-Seil-Springen will gelernt sein. (iStock)

Kürzlich bin ich wieder mal ins Seil geflogen. Als ich eben mit zwei Fingern die schmale Leiste hoch oben erreichte, rutschte ein Fuss weg. Shit… Der Fels flitzt vorbei … die harten Meter der Schlüsselstelle … dann spannt sich das Seil. Nichts passiert, Glück gehabt. Ich hangle mich wieder hinauf.

Ich habe Erfahrung im Stürzen, obwohl ich nie ein Sturztraining absolviert habe. Dass es so etwas gibt, habe ich erst vor wenigen Jahren in einer Kletterhalle festgestellt. Eine Gruppe von Anfängern übte dort unter Anleitung nicht nur klettern, sondern auch ins Seil springen. Ich fand das ziemlich komisch, aber inzwischen gehört es offenbar zur Grundausbildung im Klettersport. Zum Beispiel für den Erwerb eines Kletterscheins des Deutschen Alpenvereins (DAV).

Angstfrei ans Limit dank Sturztraining?

Ich gehöre noch zur Generation, die nicht stürzen durfte. Die Felshaken waren nicht durchwegs zuverlässig, die Abstände weit, jeder Sturz konnte fatal enden. Später, als Sportkletterer, habe ich mich ans gelegentliche Stürzen gewöhnt. Man klettert immer wieder mal an der Grenze, um sich zu steigern – oder das Niveau zu halten. Wie im realen Leben in einer Leistungsgesellschaft, denn auch da heisst es: Nur wer etwas riskiert, hat Erfolg. Sturztraining dient der Leistungssteigerung, aber auch der Sicherheit. Der Kletternde trainiert sich die Sturzangst weg, der Partner oder die Partnerin übt den korrekten Umgang mit dem Sicherungsgerät.

«Als Sportkletterer weiss ich, wie viel eleganter und schwerer ich klettere, wenn ich angstfrei ans Limit gehen kann», preist ein Klettertrainer des DAV das Sturztraining. Um zwei Schwierigkeitsgrade könne man sich damit verbessern. Ist wohl ein bisschen übertrieben, denke ich. Um vom Fünfer- zum Siebnerkletterer zu werden, braucht es etwas mehr als den Mut, ins Seil zu springen.

Mittlerweile gibt es Anleitungen fürs Sturztraining zuhauf auf Websites, Youtube oder auch im Ausbildungshandbuch «Bergsport Sommer» des SAC. Selbst die Bergsteigergruppe Alpina BGA, ein Elitekletterclub mit Tradition, publizierte eine umfangreiche Studie zum Thema. Vom «Sensorarm» des Sichernden ist da die Rede, der erfühlen soll, wann die Dynamik des Bremsvorgangs einzuleiten ist.

Richtig stürzen «macht sehr viel Spass»

Meine Kletterpartnerin macht zum Glück auch ohne Sturztraining alles richtig. Auch diesmal hat sie meinen Sturz perfekt weich gebremst, nur ein Kratzer am Arm ist mir geblieben. Anders vor Jahren, als ein schmales Felsband meinen Fall störte. Die Spitze des Kletterschuhs schlug auf, das Sprunggelenk wurde zum Bremsgerät. Den schlecht verheilten Bruch spüre ich noch immer. Ob ich mit Sturztraining geschickter gefallen wäre, weiss ich nicht. Viel Zeit zum Überlegen bleibt einem nicht, wenn Finger oder Sohlen rutschen, die Kraft wegbleibt oder ein Griff ausbricht.

Stürzen im Fels ist jedenfalls nicht so harmlos, wie der Autor einer Website behauptet: «Beim richtigen Stürzen und Sichern ist der Sturz nicht gefährlich.» Wenn man es kann, schreibt er, «macht es sehr viel Spass.» Über stürzende Spassvögel ärgere ich mich gelegentlich in der Kletterhalle. Sie hängen die Umlenkung am Ende der Route nicht ein, sondern springen ins Seil.

Der Spass kann blutig enden

In der Halle mag das angehen, im Fels allerdings ist damit nicht zu spassen. Klettere ich über einem Felsband, ist Stürzen keine Option, wie mich mein Fuss täglich erinnert. Ebenso in Bodennähe bis über den zweiten Haken. Leider sind nicht alle Routen intelligent eingebohrt, der erste Haken zu hoch oder zu tief – oder nach statt vor der Schlüsselstelle. Bohrhaken haben eine begrenzte Lebensdauer, sitzen oft nicht so fest, wie sie scheinen – oder waren schon von Anfang an schlecht gebohrt.

Der Begriff «Plaisir» für gut abgesicherte leichtere Routen scheint mir ebenfalls problematisch. Gerade im weniger steilen, strukturierten Gelände kann ein Sturz zu schweren Verletzungen führen. Und selbst wenn alle Haken und Stricke halten, sich jedoch ein Fuss im Seil verfängt, wird der Sturz zum Salto. Mit weniger Angst klettern dank Sturztraining ist sicher gut, wenn dabei der Respekt vor dem Fels nicht verloren geht. Sonst kann aus dem Spass auch blutiger Ernst werden.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Rentner, Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer, www.zopfi.ch.

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Am Ziel zeigen Läufer ihr wahres Gesicht

Pia Wertheimer am Montag, den 24. August 2015

Wer an der Ziellinie eines Laufs steht, erlebt Dramen, Komödien und ab und an regelrechte Krimis – nicht nur im Spitzensport. So kann etwa ein Marathonfinish nicht nur die intimsten Gefühle der Athleten freilegen und sie zu spontanen Heiratsanträgen bewegen. Die Art und Weise, wie jemand ins Ziel läuft, verrät auch vieles über den Charakter: Wie oft muss ein Durchtrainierter auf der Zielgeraden eine Läuferin vor sich noch schnappen, damit sein männliches Ego keinen Schaden nimmt. Aber auch Teamplayer outen sich vor der Ziellinie, wenn sie kurz innehalten, auf einen manchmal völlig unbekannten Leidensgenossen warten, um mit oder nach ihm einzulaufen.

Das Finish sagt aber auch viel darüber aus, wie viel der Anlass dem Athleten bedeutet, nicht nur bei Profis und Routiniers – auch Novizen können beispielsweise wahre Poser oder vollengagierte Beisser sein. Unverkennbar ist oft auch, wie erwartbar die erbrachte Leistung für den Teilnehmer war – ganz egal ob der Läufer dabei auf dem Podest landet oder nicht. Viele Läufer zeigen vor dem Zielbogen ihr wahres Gesicht. Obschon die einzelnen Finisher-Typen in männlicher Form verfasst sind, treten alle auch bei Weiblein auf – naja fast, aber urteilen Sie selbst …

1. Der Poser
Die Siegerpose oder das Victory-Zeichen sind die gängigsten Merkmale dieses Typs. Oft bemüht werden auch Supermans Faust, King Kongs Brusttrommel, Usain Bolts Pfeil und der hochgereckte Zeigefinger.

2. Der Macho
Die Emanzipation brachte die Frauen auf die Laufstrecke. Noch heute stellt dies das starke Geschlecht zuweilen vor schier unerträgliche Herausforderungen. Dieser Finisher-Typ erträgt es nicht, kurz nach einer Frau die Ziellinie zu passieren.

Nach einer Frau ins Ziel? No way! Läufer drängt sich am New York Marathon 2010 an der Autorin vorbei. Bild: PD

Nach einer Frau ins Ziel? No way! Läufer drängt sich am New York Marathon 2010 an der Autorin vorbei. Bild: PD

3. Der All-in-Typ
Dieser Einlauf-Typ ist bereit, bis zum letzten Millimeter das Letzte zu geben. Er zapft oft für einen fulminanten Schlusssprint seine letzten Kraftreserven an. Sein Kampf und Engagement sind in seinem Gesicht unübersehbar.

Patrick Ereng (KEN, l.) und Tadesse Abraham (SUI) an der Ziellinie des GP Bern 2014. Foto: Keystone

Patrick Ereng (Ken, l.) und Tadesse Abraham (Sui) an der Ziellinie des GP Bern 2014. Foto: Keystone

4. Der Beter
Dieser Finisher-Typ ist überzeugt, dass seine Energie oder sein Erfolg von höherer Macht gesteuert ist. Ein Blick nach oben oder ein Kniefall sind sein Merkmal. Achtung, der Bodenkuss kann auch einfach nur bedeuten, dass der Läufer unendlich dankbar ist, diesen Boden endlich erreicht zu haben.

Auf den Knien: Tebya Erkesso (ETH) bei ihrem Sieg am Boston Marathon 2010. Foto: Reuters

Auf den Knien: Tebya Erkesso (Eth) bei ihrem Sieg am Boston Marathon 2010. Foto: Reuters

5. Der Geniesser
Von Verzückung bis zur Extase, dieser Einlauf-Typ reitet im Ziel auf einer Genusswelle – ganz egal, wie hart er dafür gearbeitet hat, lässt er sich diesen Augenblick nicht nehmen.

Eunice Jepkoech Sum (KEN) geniesst ihren Einlauf an Diamond League Meeting 2014 in Rom über 800 Meter. Foto: Reuters

Eunice Jepkoech Sum (Ken) geniesst ihren Einlauf am Diamond League Meeting 2014 in Rom über 800 Meter. Foto: Reuters

6. Der Überwältigte
Manchmal überraschen sich Läufer mit Leistungen, die ihnen niemand zugetraut hätte – geschweige denn sie selbst. Überrascht und überwältigt endet ihr Wettkampf oft in Tränen.

Die süssesten Tränen: Die deutsche Marathonhoffnung Anna Hahner gewinnt 2014 überraschend den Marathon in Wien. Bild: DPA

Die süssesten Tränen: Die deutsche Marathonhoffnung Anna Hahner gewinnt 2014 überraschend den Marathon in Wien. Bild: DPA

7. Der Teamplayer
Entweder treten diese Läufer bereits gemeinsam an und weichen nicht von der Seite ihres Partners oder sie schliessen schweigend auf der Strecke Freundschaft und werden mit einem eigentlichen Konkurrenten zu einer Leidensgemeinschaft. Sie würden es sich um keinen Preis nehmen lassen, gemeinsam einzulaufen.

Gemeinsamer Erfolg: Die Eliteläufer Meb Keflezighi und Hilary Dionne am Boston Marthon 2015. Foto: Winslow Townson (USA TODAY Sports)

Gemeinsamer Erfolg: Die Eliteläufer Meb Keflezighi und Hilary Dionne am Boston Marthon 2015. Foto: Winslow Townson (USA TODAY Sports)

8. Der Fixierte
Dieser Finsher-Typ ist unverkennbar. Sein erster Blick gilt seinem Handgelenk oder vielmehr seiner Uhr. Er prüft, ob er seine Zielzeit erreicht hat und stellt gleichzeitig sicher, dass er auf keinen Fall vergisst, seine Stoppuhr rechtzeitig abzustellen.

Zuerst ein Blick auf die Uhr: Pauline Chepkorir Atodonyang (KEN) gewinnt den Lausanne Marathon 2008. Foto: Keystone

Zuerst ein Blick auf die Uhr: Pauline Chepkorir Atodonyang (Ken) gewinnt den Lausanne Marathon 2008. Foto: Keystone

9. Der Kinderzeiger
Diese Einlauf-Typen wollen die ganze Zuschauerschar wissen lassen, dass sie einerseits stolze Eltern sind. Andererseits stellt das Präsentieren der Kinder wohl auch ein kleines Dankeschön an den Nachwuchs dar, schliesslich muss dieser während des Trainings auf Papi oder Mami verzichten.

Die Schweizerin Jasmin Nunige jubelt beim Zieleinlauf als erste Frau am Swiss Alpine Marathon, Juli 2010. Foto: Keystone

Die Schweizerin Jasmin Nunige jubelt beim Zieleinlauf als erste Frau am Swiss Alpine Marathon, Juli 2010. Foto: Keystone

10. Der Übermütige
Ausser Rand und Band zeigen diese Läufer, dass sie noch viel mehr drauf haben. Während sich die Mitstreiter neben ihnen ins Ziel schleppen, mobilisieren sie für das Erinnerungsbild noch die letzten Kräfte.

Kilian Jornet Burgada (ESP) mit einem Luftsprung über die Ziellinie beim Sierre-Zinal Langstreckenrennen 2015. Foto: Reuters

Kilian Jornet Burgada (Esp) mit einem Luftsprung über die Ziellinie beim Sierre-Zinal-Langstreckenrennen 2015. Foto: Reuters

Outdoor

Die haben dort einen schönen Vogel!

Thomas Widmer am Freitag, den 21. August 2015

Diese Woche von Flims nach Tamins (GR)

Ich fuhr nach Flims, mein Ziel war ein ganz bestimmter Vogel, der Mauersegler. Neben der Post gab es ein Café, ich nahm noch kurz einen Kaffee und etwas Süsses und zog eine Viertelstunde später los. Der Wegweiser gab mir meine Destination sauber vor: Conn.

Auf dem Trottoir ging ich leicht abwärts entlang der Strasse, auf der ich eine halbe Stunde zuvor mit dem Bus gekommen war. Beim Feuerwehrstützpunkt mit den dramatischen roten Toren bog ich rechts ab und war den Autoverkehr los. Ich kam zur ARA, überquerte den Hausbach von Flims, den Flem, und fand mich bald im Wald.

Der 350-Meter-Tiefblick

Schön im Schatten, hohe, vermooste Felsbrocken überall, kam ich auf einem Waldsträsschen nach Conn – dies ist ein Flurname, nicht etwa ein Dorfname, da waren bloss ein paar wenige verstreut in die hügelige Landschaft eingebettete Ferienhäuschen und Ställe. Mein Vogel war nun auf dem Wegweiser aufgeführt: Il Spir. Zu Deutsch: der Mauersegler.

Fünf Minuten später war ich bei ihm. Il Spir ist der Name einer Aussichtsplattform hoch über der Ruinaulta-Schlucht des Vorderrheins. Steht man – wie ich an meinem Tag – vor dem Spir oder schaut man von tief unten zu ihm hoch, so scheint dieses Bauwerk wirklich nach Art des Mauerseglers schwirrbereit zu sein. Dazu passt, dass der Spir sich flugbereit in die Schlucht neigt; starke Zugseile sorgen für die Rückverankerung.

Ich stieg hoch zur Plattform, die vor bald zehn Jahren eingeweiht worden war. Was für ein Blick! 350 Meter unter mir die Schlucht, der Rhein milchblau sich windend, darüber am Gegenhang dunkelgrün der Wald. Und überall in den Steilhängen riesige staubweisse Erosionsnarben und Kalkkessel, darin kecke Pfeiler, wie man sie in gotischen Kirchen sieht. Ich gestehe, ich war ergriffen.

Als ich mich doch wieder löste, hätte ich bereits Hunger gehabt. Aber für eine Portion der berühmten Birnenravioli im Restaurant Conn zehn Minuten westwärts war es zu früh. Was tun? Ich hatte den Vogel besuchen wollen, weiter reichte meine Vision des Ausfluges nicht. Ich beschloss, nach Trin zu laufen, wanderte weiter und änderte den Plan gleich wieder ab; nein, Tamins sollte mein Schlussziel sein. Dort war ich nie gewesen, obwohl die kühne Kirchturmnadel schon immer mein Interesse erregt hatte beim Vorbeifahren.

Der Weg nach Tamins war leicht. Via Pintrun – vorbei an einem canyonartigen Seitental der Ruinaulta-Schlucht, vorbei an Panzersperren aus dem letzten Krieg – kam ich nach Digg, einen Ortsteil von Trin, das den Hang vor mir imperial besetzte. Hernach wurde der Pfad, der nun mehr oder minder parallel zur Strasse nach Flims verlief, kurz mal abenteuerlich: Schmal wurde er im steilen Hang. Ketten halfen mir; ausgesetzt war das nicht.

Diese Paarung endet nie

Endlich Tamins, das Dörfchen lag in der flirrenden Mittagsluft. Im Dorfladen holte ich mir eine Glace, Stracciatella am Stiel. Wunderbar kühl. Der nächste Bus würde in einer halben Stunde kommen, sah ich im Fahrplan. Perfekt. Ich stieg eilends hinauf zur Kirche auf ihrem Hügel und überblickte nun die ganze Gegend, in der der Vorderrhein und der Hinterrhein sich vereinen in einem nie endenden Paarungsakt.

Man verzeihe die gravierenden Worte, das leichte Pathos, die Erhabenheitsästhetik. Nicht ich bin es, der da spricht, sondern das magische, mythenschwere Graubünden.


Route: Flims Post – retour Richtung Chur bis zum Feuerwehrgebäude – ARA – Conn, Il Spir – Pintrun – Foppa – Digg (Ortsteil von Trin) – Lurez – Tamins, Dorf (Bushaltestelle).

Abstecher: In Tamins lohnt es sich, nach Schluss der eigentlichen Wanderung noch den Kirchhügel zu besteigen. Hin und zurück plus 20 Minuten.

Wanderzeit: 3 1/2 Stunden (ohne Abstecher).

Höhendifferenz: 180 Meter auf-, 590 abwärts (ohne Abstecher).

Wanderkarte: 247 T Flims, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Tamins mit dem Bus nach Chur.

Charakter: Leichtes Wandern. Nur gerade kurz nach Digg muss man im Waldhang ein bisschen aufpassen, der Weg ist dort schmal und mit Ketten gesichert, aber nicht ausgesetzt. Aussichtsreich.

Höhepunkte: Star des Tages ist die Plattform Il Spir mit dem Tiefblick in die Canyons der Ruinaulta-Schlucht. Besonders hübsch ist am Schluss der Route auch das Dorf Tamins. Der Blick vom Kirchturm ist grandios.

Kinder: Geht gut. Im Bereich der Ruinaulta-Kante und in der kurzen Hangpassage nach Digg gehören sie beaufsichtigt.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Am Anfang und am Ende. Sehr gut und entsprechend begehrt ist das Restaurant Conn 10 Minuten von der Aussichtsplattform Il Spir entfernt; sensationell sind die Birnenravioli. Reservieren! Das Lokal ist durchgehend geöffnet.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

Outdoor

Die Krönung des Sommers

Mario Angst am Donnerstag, den 20. August 2015


Impressionen von Zürich–Gotthard–Zürich mit Zug und Velo. Video: Marc Fehr

Ende Sommer wollten wir das Konzept der Microadventures für einmal bis an seine Grenzen dehnen. Wäre es möglich, in einer normalen Arbeitswoche mit dem Velo den Gotthard, diese berühmte Pforte in den Süden, zu überqueren und auf dem Pass zu übernachten? Und doch wieder rechtzeitig im Büro zu sein?

Es wird zu einem Highlight des Sommers werden. Abendlicht auf der menschenleeren Tremola, die gemütlichste Fahrt auf einen Pass überhaupt, und ein Feierabendbier zwischen den auf dem Gotthard in überraschender Zahl vorkommenden Fröschen.

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Die Frösche sind es denn auch, die Marc ein nicht ganz alltägliches Naturerlebnis bescheren. Wer wacht schon des Öfteren auf, weil ein Frosch auf seiner Brust sitzt? Glücklicherweise kommen beide Parteien mit wohl grosser Verwunderung, aber ohne bleibende Schäden davon.

Was dem Abend aber endgültig die Krone aufsetzt, sind die Sternschnuppen. Ohne es zu wissen, haben wir das Datum der Perseiden für unsere Übernachtung hoch oben fernab der Lichtverschmutzung gewählt. Ziemlich müde, sehen wir zwar nicht viele der Meteoren, aber die, die wir sehen, sind fast so spektakulär wie die Bierpreise im Hospiz.

Nach einer kurzen Nacht zwischen Murmeltieren, Staudämmen und Kuhfladen machen wir uns mit dem ersten Tageslicht auf die Abfahrt nach Göschenen. Mit kühlem Fahrtwind und ohne Verkehr auf 2000 Metern über Meer in den Arbeitstag starten – es gibt Schlimmeres.

Kaffee aus dem Automaten für 80 Rappen (wo gibt es das noch?) überbrückt die Fahrt hinunter nach Zürich. Müde und glücklich endet damit mein Sommer voller Microadventures hier im Outdoorblog. Was nicht enden will, ist meine Begeisterung für das Konzept und seine Botschaft. Für Abenteuer und Naturerlebnisse braucht es keinen Interkontinentalflug, sondern nur etwas Fantasie, einen Schlafsack und ein offenes Herz für die Schönheit der Landschaft im Hinterhof.

mario-angstZwischen Feierabend und Morgen hat ein ganzes Abenteuer Platz. In einer kleinen Sommerserie berichtete Mario Angst über seinen Sommer voller #microadventures.

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