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Verliebt ins schwarze Kätzchen

Thomas Widmer am Freitag, den 27. Februar 2015

Diese Woche von Müllheim über den Seerücken nach Steckborn TG

Wir starten an der Station Müllheim-Wigoltingen, die ziemlich genau in der Mitte zwischen Frauenfeld und Weinfelden liegt, und ich denke auf den ersten Metern: Das muss jetzt ein Kälteluftsee sein! Die Eisluft kann nicht aus der Ebene entweichen, wir schlottern alle.

Der schummrig grüne Horizont vor uns ist erhöht, der Seerücken wartet auf uns. Aber zuerst müssen wir durch die Ackerfläche hinüber nach Müllheim, von dem ich einzig weiss, dass dort der Komponist des Thurgauerliedes geboren wurde, Johann Wepf. 1810 wars, sagt mir der Wikipedia-Eintrag, den ich schnell abrufe.

Thurgauer Anti-PR

Kennen die Nichtthurgauer das Thurgauerlied? Mich irritiert an der inoffiziellen Kantonshymne stets die Doppelzeile «O Thurgau, wie liebe, wie schätze ich dich! / Wohl locken viel schönere Gegenden mich.» Texter Johann Ulrich Bornhauser war wohl kein Genie der PR. Deren erster Grundsatz lautet: Nie, nie, nie zugeben, dass andere ein besseres Produkt haben! Stattdessen: Selbstbewusstsein zeigen, bloss von sich reden und Vergleiche nur dann ziehen, wenn man obenaus schwingt.

Müllheim, voilà. Wepfs Geburtshaus mögen wir nicht suchen, zu frostig ist es. Gleich nach dem Ort kommt Gelegenheit, den Kreislauf endgültig auf Touren zu bringen. Das Waldstück auf die Egg ist coupiert, der Weg führt schnurgerade in einer Art Gasse hinauf, bereits zieht sich das Feld in die Länge. Vorn, wie immer, Ronja. Im Mittelfeld Josephine und Stefan. Und hinten Roland mit pinkelbedingtem Rückstand.

Schloss Klingenberg tarnt sich mit Blattwerk. Bevor es das herrschaftliche Gemäuer gab, stand am Ort schon eine Burg, aber die ist weg. Der Adelssitz würde uns noch mehr Eindruck machen, wenn da nicht das schwarze Kleinstkätzchen wäre, das neben uns einherbeinelt und lange nicht weichen will. Das Maunzeding ist zu süss, wir sind alle verliebt.

Wir sind nun endgültig auf dem Seerücken, grandiosem Wandergebiet. Das karge Plateau gehört zu den am dünnsten besiedelten Gegenden im Schweizer Mittelland. Ab und zu ein Hof, mehr ist da nicht. Und das eine oder andere Dorf wie Homburg, das wir nun passieren. Mit dem berühmten Hut gleichen Namens, den Winston Churchill und Konrad Adenauer leidenschaftlich trugen, hat dieses Homburg nichts zu tun. Der Hut entstand im hessischen Bad Homburg.

Unterhalb der Kirche steht ein Schneemann mit schwarzer Dächlikappe und lila Schal. Es muss in den letzten Tagen getaut haben, der schmutzig-weisse Mann ist eingesunken. Verhutzelt sieht er aus, die Steinaugen machen Angst; Stephen King im Thurgau.

Importwärme aus Italien

Wieder geht es hinaus ins Feld, öder noch wird die Hochfläche, die Bise zerrt an unseren Jacken, bis wir ein Waldstück erreichen. Und das Haidenhaus. Es ist bekannt als Startpunkt für Langläufer, die auf den Loipen des Seerückens ihre Runden drehen. Wir kehren ein, bestellen etwas zu trinken. Ich nehme ein Rivella. Der Frostwind trocknet aus.

Die letzte Etappe der Winterwanderung ist schnell absolviert. Durch den Wald geht es abwärts, einmal in einem Graben aus gefrorenem Erde-Laub-Matsch, mühsam. Dann haben wir den Untersee vor uns und langen in Steckborn an. In der Sonne gönnen wir uns eine Pizza und eine Flasche Rotwein. Importwärme aus Italien.

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Route: Station Müllheim-Wigoltingen - Müllheim - Egg - Schloss Klingenberg - Homburg - Haidenhaus - Steckborn.

Wanderzeit: 3 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: Je circa 320 Meter auf- und abwärts.

Wanderkarte: Am praktischsten ist die Karte 1:60'000 Bodensee von Kümmerly + Frey.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Thurgauerlied: Hier hören.

Länger: Von Steckborn nach Mammern und Stein am Rhein in drei Stunden. Eingeschränkt attraktiv, da das Seeufer weitgehend unzugänglich ist.

Charakter: Etwas flaches Land und viel Seerücken, also karges Hochplateau. Einsame Bauerngegend, angenehm still. Einige Stücke Hartbelag.

Höhepunkte: Schloss Klingenberg. Die Einkehr im abgelegenen Haidenhaus. Der Anblick des Untersees gegen Schluss.

Kinder: Keine Probleme.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: In den Dörfern. Haidenhaus nach 2 1/2 Stunden. Restaurants in Steckborn.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Das wars, ihr schönen Schweizer Berge

Outdoor-Redaktion am Donnerstag, den 26. Februar 2015

Von Malin Auras*

Leere Pisten, nur für uns alleine? Skifahrer auf dem Vorab-Gletscher in Laax GR. Foto: Stefan M. (Flickr)

Traum der leeren Pisten: Skifahrer auf dem Vorab-Gletscher in Laax GR. Foto: Stefan M. (Flickr)

Es sieht ganz so aus, als würde ich meine geliebten Schweizer Berge auf unbestimmte Zeit bestenfalls vom Tal aus zu sehen bekommen – bei der Durchreise. Dabei haben wir dem Vorurteil vom unbezahlbaren Urlaub in der Schweiz bisher erfolgreich getrotzt. Obwohl wir lieber dreimal günstig in die Skiferien fahren als einmal teuer. Also lieber Ferienwohnung und Essenskiste von zu Hause als Sternehotel mit Wellness und Vollpension. Die wunderbaren Berge sind uns Wellness genug, und den Kindern schmeckt das Essen von der Mama sowieso am besten.

Erstaunlicherweise waren unsere Schweizer Skitage im Endeffekt gar nicht wirklich teurer als in Österreich und Italien – zumindest solange man sich nicht dazu überreden lässt, auf einer Skihütte dreimal Pommes und Apfelschorle für die Kinder zu bestellen. Die Preise für Ferienwohnung und Skipass lagen bei vergleichbaren Skigebieten plus/minus im gleichen Bereich. Klar, Zermatt ist preislich nicht zu toppen, aber auch nicht zu vergleichen. Den für unsere Skigebietskategorie teuersten Skipass hatten wir sogar im vergangenen Jahr in den Dolomiten, trotz kleinstmöglichem Areal. Dagegen waren unsere Lifttickets in der Zentralschweiz regelrecht günstig: Den 6-Tages-Pass für zwei Erwachsene und drei Kinder rückten die Schweizer immerhin für ganze 60 Euro weniger heraus!

Tja, und in Österreich hat man mittlerweile vielerorts ein Schneeproblem, gerade an Weihnachten/Neujahr. Wer auf die schneesicheren Österreich-Spots ausweicht, zahlt fast genauso viel wie in den Schweizer Edelresorts.

Aber jetzt kommt es richtig dick. Der Wechselkurs. Der ist aus deutscher Sicht eine Katastrophe. Jetzt sind selbst mit viel gutem Willen weder Ferienwohnungs- noch Skipasspreise im grünen Bereich. Ich habe sogar schon ausgerechnet, wie viele Skitage mehr ich zum gleichen Preis in einem vergleichbaren Österreich-Skigebiet bekommen könnte. Das Ergebnis hat mich zunächst einmal überzeugt. Im nächsten Urlaub versuchen wir es irgendwie noch mal mit Österreich. Das wars dann wahrscheinlich, ihr wunderschönen Schweizer Berge.

Ein Hoffnungsschimmer bleibt: Die Schweizer sind ja mittlerweile auch viel in Österreich unterwegs. Letztens habe ich gelesen, dass sie nach den Deutschen und den Holländern auf Platz drei der Österreich-Urlauber stehen. Wer hätte das gedacht. Und jetzt, wo das Euroland für Schweizer ein wahrer Discounter ist, fahren vielleicht noch mehr der Eidgenossen zum Skifahren über die Grenze. Vielleicht sogar viel mehr. Und vielleicht fährt kaum noch jemand aus der Eurozone rein in die Schweiz, weil es einfach viel zu teuer geworden ist. Wenn dann keiner mehr in der Schweiz unterwegs ist ... dann könnten wir ja wieder ... die leeren Pisten, schlangenlosen Gondeln und unverspurten Powderhänge ... nur für uns allein? Das würde ich mir dann was kosten lassen!

Wohin zieht es Sie zum Skifahren? Hat die Aufgabe des Euromindestkurses Einfluss auf Ihr Urlaubsverhalten? Wie sehen Sie die Zukunft der Schweizer Skigebiete?

Malin*Malin Auras ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für das deutsche Skimagazin «Planet Snow». Am liebsten – wenn auch viel zu selten – ist sie auf zwei Brettern in den Schweizer Bergen unterwegs.

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Klettern digital – so sieht die Zukunft aus

Natascha Knecht am Mittwoch, den 25. Februar 2015

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*:

In Uster hat meine Kletterlaufbahn begonnen und gleichzeitig meine berufliche. Während meiner Lehrzeit schloss ich mich dort einer Gruppe von passionierten Kletterern an, und bei der Firma Zellweger lernte ich Elektronik. Zellweger gibts nicht mehr, aber Kletterer noch immer – und neuerdings auch eine Kletterhalle, die beides verbindet: Klettern und Elektronik. Ein grauer Klotz im Niemandsland zwischen Spital, Autobahn und Sportplätzen. Eine weite helle Halle, saubere Garderoben, Café, Kinderecke, Besucherbalkons, attraktive Routenauswahl.

«Griffig» heisst das neue Kunstgriff-Eldorado, das auch mit neuer Klettertechnologie aufwartet. Schliesslich hat sich in jüngster Zeit der Verdrängungswettbewerb unter den Kletterhallen verschärft, man braucht also eine USP, eine Unique Selling Proposition. Hier ist es die elektronische Steuerung des Schwierigkeitsgrades an der Kunstwand. Das Neue kommt mit einem einprägsamen Label daher: Climb Led heisst die Wand mit schwarzen Griffen, die mit roten und grünen Leuchtdioden bestückt sind. An einem Touchscreen kann man den Schwierigkeitsgrad wählen, von 5c bis 7a+, entsprechend leuchten die Dioden der erlaubten Griffe auf.

Ein Selbstversuch bleibt mir erspart, es drängt sich gerade eine Gruppe der iPhone-Generation zu den zwei Routen. Die elektronische Steuerung der Kletterwand macht den Jungs und Mädels offenbar genauso Spass wie das Herumtippen auf ihrem Hightech-Allerweltsspielzeug. Vielleicht ist das die Zukunft: Eine ganze Kletterhalle elektronisch bestückt, würde bestimmt Kosten sparen, denn das personalintensive Um- und Neuschrauben von Routen würde wegfallen. Es brauchte nur noch einen Operator hoch oben in einer Schaltzentrale, der die Übersicht behält wie in einem voll automatisierten Produktionsbetrieb.

Das Digitale bleibt uns in keinem Lebensbereich erspart

Vorteil über Vorteil: Ich müsste nicht mehr anstehen, bis eine Route im gewünschten Grad frei ist, denn wo immer ich anpacke, die Schwierigkeit entspricht exakt meinen individuellen Möglichkeiten und Trainingswünschen. Die Testanlage – so wird Climb Led offenbar verstanden – ist sicher nur der erste Schritt der Automatisierung und Digitalisierung des Kunstwandkletterns. Denn das Digitale, wir wissen es, bleibt uns in keinem Lebensbereich erspart. Auch durchs Gebirge bewegen wir uns bereits elektronisch hochgerüstet, und selbst eine Wanderung auf den Bachtel tracken wir per GPS und speichern die Daten im Netz.

Zukünftig wird selbstverständlich auch in der digitalen Halle gespeichert, wer welche Route ehrlich rotpunkt geschafft hat – Sensoren geben ein Pfeifsignal, wenn ich einen unerlaubten Griff berühre. Google klettert mit.

Zukünftige Technologien werden nicht bloss statische Griffe mit Leuchtdioden markieren, sondern beliebige Strukturen dynamisch aus einer künstlichen Wand wachsen lassen. Ich stelle mir eine Art ultraschnellen 3-D-Drucker vor. Und nicht genug: Ganze Klettergebiete oder jedenfalls Vierstern-Routen lassen sich per Copy and Paste 1:1 im Kunstraum abbilden. Heute ist Galerie Amden angesagt, morgen Excalibur in den Wendenstöcken oder der Schwierige Riss am Eiger – auf Wunsch künstlich beschneit oder vereist.

Im Video zu sehen: Für daheim oder im Büro gibt es auch Designerberge: Einfach via Smartphone-App die Kletterrouten aktivieren, z. B. die Route «Mt. Everest». (Quelle: Lunar Europe on Vimeo.)

 

Vielleicht bleiben ein paar Ewiggestrige

Der reale Berg, so ahnen wir, wird zunehmend überflüssig. Per Fingertipp auf dem Touchscreen ist augenblicklich alles online bzw. onface, wozu real eine lange Anreise und ein mühsamer Zustieg erforderlich wäre. Ein ungeahntes Eldorado des Klettersportes steht in Aussicht, und das auch noch solargetrieben und umweltfreundlich mit ÖV erreichbar.

Bestimmt gibts dann doch noch ein paar Ewiggestrige, die sich ins real granitene Eldorado am Grimselsee bemühen und dabei ihren ökologischen Fussabdruck strapazieren. Aber vielleicht steht ja dannzumal dort auch ein Steuerpult am Fuss der Wand, und Leuchtdioden markieren die Griffe bis zum Gipfel.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

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Heldenhaft oder erbärmlich?

Pia Wertheimer am Montag, den 23. Februar 2015


Auf allen Vieren: Marathonläuferin Hyvon Ngetich. Video: Shazzy Mazzy MA1/Youtube

Die Reaktionen auf dieses Ereignis reichen von schockierend bis bewundernswert. Protagonistin ist Hyvon Ngetich aus Kenia. Die Läuferin führte vor rund einer Woche das Frauenfeld des Austin Marathons an – bis 500 Meter vor der Finishline. Dann geschah das Unfassbare: Sie kollabierte. Auf den Knien schleppte sie sich ins Ziel. Gefolgt von Sanitätern mit einem Rollstuhl. Einige im Publikum erbarmten sich ihrer und feuerten sie aus voller Lunge an. Andere Schaulustige – ich nenne sie absichtlich nicht Zuschauer – standen an der Bande und weideten sich am Elend der Läuferin. Diese beendete den Marathon auf allen Vieren, als Dritte – mit Speichelfäden, die ihr aus dem Mund liefen. Das Preisgeld der Athletin hätte eigentlich 1000 Dollar betragen. Der Direktor des Anlasses zeigte sich aber grosszügig und verdoppelte es.

Es ist nicht lange her, da schleppte sich an den Commonwealth-Spielen in Glasgow die Namibierin Beata Naigambo torkelnd ins Ziel des Marathons. Sie kollabierte, knallte an die Bande, rappelte sich auf und schaffte es durch den Zielbogen.

Damals plädierte ich voller Verve dafür, dass es richtig war, der Läuferin nicht zu Hilfe zu eilen – es hätte sie disqualifiziert und damit das hart erkämpfte Finish zunichte gemacht. Dies wäre auch Hyvon Ngetichs Schicksal gewesen, hätte jemand sie auch nur berührt. Diesmal ging mir das Elend zu weit. Beata Naigambo wie auch die Schweizerin Gabriela Andersen-Schiess an den Olympischen Spielen in Los Angeles im Jahre 1984 beendeten das Rennen immerhin auf ihren Beinen – so wie es Läufer tun. Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie gnadenlos der Marathongott zuschlagen kann. Wie viel Wille und Kraft ein Athlet in diesen Situationen mobilisieren muss, um eine derartige Leistung zu erbringen, kann ich nur erahnen, und ich ziehe den Hut vor jedem, der dazu fähig ist.

Hyvon Ngetichs Finish mag in dieser Hinsicht zwar heldenhaft sein. Die Sportethik sollte ein solches Trauerspiel aber verhindern. Auch wenn die Ehre des Podestplatzes für ihre Karriere unbezahlbar ist und die damit verknüpften 1000 Dollar für manch einen Athleten ein wahres Vermögen darstellen. Sind diese Aspekte es wert, dass ein Sportler sich derart schindet, jegliche Würde verliert und den voyeuristischen Hunger des Mobs stillt?

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«Ich tankä mi grad a dir uif»

Thomas Widmer am Freitag, den 20. Februar 2015

Diese Woche die Winterwanderung Wirzweli–Gummenalp (NW).


Dallenwil, ich steige aus und stelle fest, dass alle andern im pumpenvollen Zug wohl nach Engelberg wollen. Nur zwei Leute stehen mit mir auf dem Perron. Schneeschuhler.

Wir queren die Schienen, und ich sehe eine Tafel mit einer Telefonnummer: 041 628 23 94. Ein Gratis-Shuttle-Bus zur Wirzweli-Bahn. Während ich noch überlege, ob ich laufen oder fahren soll, hat der eine Schneeschuhler bereits das Handy gezückt. Ich schliesse mich an.

Fünf Minuten später kurvt der Bus heran, wir steigen ein, es geht ein gutes Stück den Hang hinauf zur Talstation, zu Fuss wären das 20 Minuten. Die Frau-am-Steuer parkiert, wechselt ins Bahngebäude und verwandelt sich in die Frau-am-Billettschalter. Alles hübsch familiär hier. Mit dem GA ist die Bergfahrt gratis.

Sie klappern los

Wir gondeln zum Wirzweli hinauf, gut 1220 Meter über Meer, einer Nidwaldner Ferienterrasse unter dem Stanserhorn, deren Namen ich nicht erklären kann. Die Schneeschuhler montieren ihre Kunststoffbretter und klappern los. Ich nehme vorerst einen Kaffee im Restaurant der Bergstation, schaue hinab auf Dallenwil und den Wiesenberg gegenüber, der seine eigene Miniseilbahn hat. Von ihm kommt jener Jodlerclub, der mit seiner Version von «Ewigi Liäbi» («Ich tankä mi grad a dir uif») in die Hitparade kam.

Das Prospektlein der Seilbahn in der Hand, auf dem der Winterwanderweg zur Gummenalp eingezeichnet ist, starte ich. Vorerst muss ich zur Talstation der Gummenbahn. Hernach quere ich auf dem vereisten Strässchen ein kleines Bachtobel. Dann der braune Wegweiser, der vom Strässchen links in den Hang Richtung Langboden zeigt.

Eine gewalzte Piste führt mich via Huismatt aufwärts, bald passiere ich das Alprestaurant Langbodenstubli. Es besitzt eine eigene Mini-Seilbahn zur Eggalp, die derzeit aber ausser Betrieb ist. Kein Problem, denn ich will ja auf die Gummenalp. Die Gehpiste, die streckenweise mit der Schlittelpiste zusammenfällt, zieht bald in der Falllinie bergwärts, praktisch unter der defekten Eggalp-Bahn. Ich keuche und schwitze.

Schliesslich dreht mein Weg links ab Richtung Gummenalp. Herrlich, die Berge der Umgebung: Buochserhorn und Stanserhorn und Pilatus und Gräfimattstand; es ist ein Sehvergnügen. Ganz weit im Norden dampft es. Derweil ich überlege, ob die Fahne des AKW von Gösgen poetisch sein kann und darf, erreiche ich die Ronenhütte. Von ihr könnte ich – auch ein offizieller Winterwanderweg – zur Eggalp und retour laufen.

Mutter füttert Pommes frites

Ich verzichte auf den Abstecher. Hat nicht auch ein Wanderkolumnist bisweilen das Recht auf eine kurze Unternehmung? Am Vortag war ich im Jura unterwegs und habe müde Beine vom strengen Abstieg. Und so kommt es mir recht, dass ich nach herrlich bequemem Finish praktisch geradeaus die Gummenalp erreiche, 1579 Meter über Meer.

Das Restaurant ist offen, es hat wenig Leute, eine vierköpfige Familie sitzt da, die Mutter füttert dem Buben Pommes frites, der Vater schaut in die Luft. Ich auch; es ist schön, sich zu entspannen und gar nichts zu denken. Das Einzige, was mir hartnäckig durchs Hirn flirrt: Hunger! Bald habe ich meine Schweinsbratwurst mit Rösti vor mir. Es gibt Tage, die sind einfach gut zu einem, denke ich, als ich später mit der Gondel wieder hinab zum Wirzweli schwebe.

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Route: Wirzweli, Seilbahn - Restaurant Waldegg - Seilbahn Gummenalp, Talstation - Abzweiger Langboden - Huismatt - Langboden - Dürrenboden - Ronenhütte - Gummenalp (Seilbahn, Bergstation). Offizieller, unterhaltener und gewalzter Winterwanderweg gemäss Prospekt.

Wanderzeit: 2 Stunden.

Höhendifferenz: 390 Meter auf-, 40 abwärts.

Wanderkarte: 245 T Stans, 1: 50'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Per Gondel von der Gummenalp nach Wirzweli (die Gondel fährt auf Verlangen).

Länger: Bei der Ronenhütte Abstecher zur Eggalp und retour. Zusätzlich 3/4 Stunden. Die Seilbahn Langboden - Eggalp (die man für diesen Abstecher nicht braucht) ist derzeit defekt.

Charakter: Angenehmes Winterwandern zuerst durchs Dorf Wirzweli, dann auf gewalzten Pisten. Der Mittelteil ist ziemlich coupiert. Zeitweise geht man auf dem Schlittelweg, Vorsicht! Über vereiste Stellen helfen Stöcke und Schuhkrallen. Äusserst aussichtsreiche Route mittlerer Anstrengung.

Höhepunkte: Die Gondelfahrt Dallenwil - Wirzweli mit Blick auf den Wiesenberg. Pilatus und Stanserhorn von der Ronenhütte aus. Ankunft und Einkehr im Bergrestaurant auf der Gummenalp.

Kinder: Keine Probleme. Vorsicht vor den Schlittlern.

Hund: Keine Probleme. Vorsicht vor den Schlittlern.

Einkehr: Wirzweli. Langbodenstubli, im Winter durchgehend geöffnet. Gummenalp, im Winter durchgehend geöffnet.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Vollzeit-Veloristen

Jürg Buschor am Donnerstag, den 19. Februar 2015
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Fatbikes sind wie geschaffen für den Schnee: Biker während dem «Snow Epic» im Januar 2015. Foto: Nick Muzik

Backflip, 360°, Tailwhip: Zweiräder wirbeln durch die Luft wie Ninja Turtles auf Drogen. Mit angsteinflössendem Luftstand schweben Biker durch die Höhe, die Dimensionen lassen die Veloakrobaten wie Legomännchen wirken. Der ganz normale Wahnsinn eines Freeride-Events. Aber irgendwas ist anders. Beim White Style im österreichischen Leogang ist Schnee der Stoff, aus bzw. auf dem die Biker-Träume sind. Keine Trails, keine Erde, keine Wurzeln. Am vergangenen Wochenende wurde uns mal wieder klargemacht: Auch Winterzeit ist Bike-Zeit. Schluss mit Ausreden. Kälte, Dunkelheit, Schneemassen – nichts kann uns vom Biken abhalten.

Schnee-Biken mit neuem Elan

Ein Einwand ist schnell gefunden: Was diese Freeride-Profis auf angelegten Parcours zaubern, ist doch nicht normal. Stimmt. Allerdings hat das Winter-Biken in diesem Jahr auch im Alltagsbetrieb einen enormen Schub gemacht – dem Fatbike sei Dank. Die dicken Dinger wollen genutzt werden. Schliesslich erkämpfen sie sich langsam einen festen Platz in den Garagen von uns Bikern. Und im Schnee sind sie eben in ihrem Element. Natürlich hat die Bike-Branche für das neue Vergnügen schon passende Events geschneidert. Das Snow Epic debütierte im Januar sogar als fünftägiges Rennspektakel mit verschiedenen Disziplinen. Biker, genauer gesagt Fatbiker aus 20 Nationen, haben sich in Engelberg durch den Schnee gewühlt. Sie haben dichtem «Flockenschlag» und Spurrinnen getrotzt. Die zweite Auflage im Januar 2016 steht bereits. Nach der positiven Resonanz der Erstauflage ist sogar eine Ausweitung auf zwei bis drei Veranstaltungen in Planung.


Die Highlights des White Style 2015. Video: Saalfelden Leogang (Youtube)

Verrückte Auswüchse

Bevor sich die fetten Boliden mit den eindrucksvollen Reifen am Berg breitgemacht haben, gab es auch schon genug Gewusel im Schnee. Weit vor der Jahrtausendwende rangen Biker in eisigen Bobbahnen um Sekunden oder kämpften auf Skipisten im Massenstart um Ruhm und Ehre. Spektakuläre Events, die der Szene die Langeweile des Winters vertrieben haben. Besonders für Rekord- und Geschwindigkeitshungrige ist Schnee schon lange ein dankbarer Untergrund. Pulvrig geht es dabei aber nicht zu, und auch die Empfehlung zum Nachahmen will hier niemand aussprechen. Der Franzose Eric Barone hält den Geschwindigkeitsrekord auf einem Velo: Die Skipiste in Les Arcs hat ihn auf 222 km/h beschleunigt. Selbst mit dem Auto haben dieses Level wohl nur wenige von uns bisher erreicht.

Ganzjährig biken

Aber zurück in den Alltag. Immer mehr Biker verzichten darauf, ihr Sportgerät über den Winter einzumotten. Ob mit dem Fatbike oder herkömmlichen Mountainbikes: Die Feierabendrunde kann das ganze Jahr über Freude bereiten. Kollege Klimawandel unterstützt den rollenden Tatendrang. Spikereifen können dabei genauso hilfreich sein wie wärmende Hauben auf dem Kopf. Wer diesen Winter noch richtig durchstarten will, hat am kommenden Wochenende gleich zweimal die Möglichkeit dazu: Am 20. Februar steht die beleuchtete Schlittelpiste am Flumserberg ab 19 Uhr exklusiv den Bikern zur Verfügung. Wer Rennambitionen hat, wird in Zweisimmen im Berner Oberland fündig: Ebenfalls am Freitagabend stürzen sich Unerschrockene beim Massenstart-Downhill auf die Piste. Wer dann noch nicht genug hat, dem sei die Bikenight am Samstag empfohlen, ebenfalls in Zweisimmen.


Eric Barone ist ein Pilot auf zwei Rädern. Video: Emmbé (Youtube)

Winterschlaf oder Nimmersatt: Wie stehen Sie zum Biken im Winter? Braucht es im Schnee ein Fatbike, oder sind Sie auch mit dem normalen Mountainbike aktiv? Wie stehen Sie zu boomenden Bike-Events in der kalten Jahreszeit?

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50 Shades of Snow

Outdoor-Redaktion am Mittwoch, den 18. Februar 2015

Ein Gastbeitrag von Jost Fetzer*

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Für so was braucht man gute Skischuhe – und ein wenig Übung. Foto: Garret Grove/Dynafit

Dies ist ein Blog über bedingungslose Liebe, über wechselnde Liebschaften, kurze Seitensprünge und langjährige Partnerschaften. Denn ich gebe es zu: Ich bin seriell monogam und zwischendurch auch mal untreu. Durchschnittlich alle zwei Jahre verliebe ich mich unsterblich und trenne mich gefühlskalt von alten Begleitern. Vector, Matrix, Quadrant, Mercury, Dyna und wie ihr alle geheissen habt – ich möchte die Zeit mit euch nicht missen, aber ihr seid passé.

Jeweils im Frühling juckt es mich unter den Fingern und ich beginne auf einschlägigen Portalen nach neuen Lebensabschnittspartnern zu suchen, in deren Umarmung ich im kommenden Winter glücklich zu werden hoffe. Umarmung? Umfussung müsste es wohl heissen, denn meine aktuelle Liebe heisst kurz und trocken TLT 6, womit allen Alpinisten klar sein dürfte, dass ich hier von meiner Liebschaft zum perfekten Tourenskischuh rede und nicht von zwischenmenschlichen Beziehungen.

Problemfuss und persönliche Skischuhanpassung? Kenn ich nicht, brauch ich nicht, meine Füsse passen in fast jeden Schuh. Ich bin gar unkompliziert und meiner restlichen Tourenausrüstung über Jahre treu. Meine Snowboardschuhe fahre ich – mangels technischer Innovationen – seit 10 Jahren. Meine Schneeschuhe tun bald 20 Jahre ihren Dienst. Nur bei Skischuhen, da werde ich regelmässig schwach und gehe den Werbeversprechen der Skiindustrie auf den Leim.

Rational ist mein Verhalten kaum erklärbar. Für die Marketingabteilungen der Skiindustrie jedoch bin ich ein Glücksfall. Blind vertraue ich den verheissungsvollen Worten aus deren Munde: Neu, kompromisslos, steif und leicht zugleich bei einer nie dagewesenen Schaftrotation! Und schon bin ich frisch verliebt! Scheinbar gute Gründe für den Neukauf von Tourenschuhen finde ich immer: Der persönliche Fokus verschiebt sich Winter für Winter von Powderhängen über Skitourenrennen zu Hochtouren und wieder zurück. Ob man hierfür je einen Skischuh braucht? Aber sicher doch! Zumal der neue Skischuh 400 Gramm weniger wiegt als der vorherige (und ich 4 Kilo mehr). Nur steif muss er sein. Und leicht. Und zumindest diesen Winter grün! Kann ich auf Ihr Verständnis zählen?

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Die perfekten Skischuhe zu finden, ist eine Lebensaufgabe. Foto: Garret Grove/Dynafit

Mein Umfeld weiss nichts von meiner heimlichen Sucht. Geschickt lasse ich die alten Schuhe auf einschlägigen Marktplätzen und im Freundeskreis verschwinden. Braucht jemand einen gut erhaltenen Tourenschuh? Grösse 29 hätte ich im Angebot. Manchmal ist der Neukauf durchaus sinnvoll, denn passende Skitourenschuhe zu finden, ist gar nicht so einfach, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann:

  • Die Schuhe zu gross zu kaufen, ist der typische Anfängerfehler: Was im Laden bequem erscheint, ist nach einigen Stunden Aufstieg meist zu gross. Besser die Schuhe kurz und eng geschnitten kaufen. Der Innenschuh wird sich noch weiten.
  • Skitourenschuhe sind teuer und gebrauchte Schuhe eine gute Alternative. Doch häufig sind sie abgenutzt und der Innenschuh bietet auf der Abfahrt zu wenig Halt.
  • Moderne Skitourenschuhe haben eine Lebensdauer von locker 100'000 Höhenmetern. Irgendwann wird aber jedes Material altersschwach. Und mit kaputten Schuhen am Hang zu stehen, ist das Letzte, was man erleben möchte.
  • Skischuhe für Tourenrennen sind im Aufstieg unschlagbar und bequem wie ein Turnschuh. Doch macht ein Turnschuh beim Freeriden nur wenig Spass und wärmt zu wenig.
  • Es gibt Schuhe, die passen einfach nicht zum Fuss. Auch nicht nach einer Thermoverformung. Nach Möglichkeit gleich wieder umtauschen, denn blutige Füsse machen auf einer Skitourenwoche täglich weniger Spass.

Deswegen: Augen auf beim Skischuhkauf, damit es Ihnen nicht wie mir ergeht und Sie nächstes Jahr bereits wieder neue Skischuhe wollen. Testen Sie Ihr Traummodell im Schnee und nutzen Sie die Umtauschgarantie guter Bergsportgeschäfte, falls die Schuhe auf der ersten Tour nicht den Wünschen entsprechen sollten.

Wie treu sind Sie Ihrer Ausrüstung? Fahren Sie noch den legendären Raichle Concordia oder sind Sie ebenfalls dem Leichtgewichtsfetischismus verfallen?

Jost Fetzer*Jost Fetzer ist Bildredaktor des «Tages-Anzeigers» und passionierter Berggänger.

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Was ein Sportler (nicht) alles braucht

Outdoor-Redaktion am Montag, den 16. Februar 2015

Ein Gastbeitrag von Franziska Horn*

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Eine Jacke für jede Sportart: Materialschlacht an der Ispo in München. Fotos: Messe München International

Die jährliche Ispo München im Februar ist die grösste Sportartikelmesse des Planeten. Und eine kolossale Materialschlacht. Wo man bisher auf Star-Alpinisten setzte, um Soft- oder Hardshells zu verkaufen, scheint jetzt die Epoche der Götter und Gralsritter angebrochen. Karrieretechnisch stehn die ja eines drüber. Die Ispo gibt sich als Showroom der Superlative. Und ist am Ende nur eine Art Götterdämmerung?

Die Pressekonferenz der Scandinavian Outdoor Group (SOG) präsentiert nordische Hersteller im Zweiminutentakt. Haglöfs zeigt eine 600 Euro teure Kapuzenjacke für Freeriderinnen, benannt nach «Skade», nordische Wintergöttin. Das Label Seger, das bedeutet «Sieg», stellt Heizsocken vor. Mit «heating system», per Smartphone via App kontrolliert, ab 300 Euro. Und wo Hanwag bisher Schuhprofile mit «Hypergrip» anbot, ist das Label Icebug einen Schritt weiter: Deren «world leading ice grip» und die «Holy grail midsole» kann nix mehr toppen. Klingt, als ob eine simple Sohle nicht nur alle Laufprobleme lösen kann, sondern die grossen Fragen der Menschheit gleich dazu. Dieses «Naming» klingt mutiger, als den Spallagrat bei Nacht und Nebel zu begehen.

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Dieser Tarnanzug könnte auf Skipisten gefährlich sein.

Auf dem Messestand des Labels «Canada Goose» schickt man Besucher mit hochwertigen Hutterer-Daunen in die Kältekammer. Um bei –20 Grad zu überprüfen, dass man im Kanada-Parka auch bei –70 Grad überlebt. Beim Überleben hilft zudem ein kleiner Stoffriegel, aussen, in Höhe der Schultern. Damit kann der Abenteurer per Eishaken aus dem arktischen Meer gefischt werden, sollte er schwankende Schiffsplanken unfreiwillig mit H2O vertauschen. Getragen von urbanen Asphalt-Cowboys, wird der Grossteil dieser Jacken eher die Eiswürfel im Cocktail der Szenebars als das nordische Eismeer erblicken.

Und Patagonia, bisher ernsthaft um Nachhaltigkeit bemüht, versucht mit hochspezialisierten Jacken zu punkten: Ein Modell zum Eisklettern, eines zum Skitourengehen, zum Pistenskifahren ... zum – Eislaufen? Langlaufen? Geocaching? Winter-Biken? Und, wir ahnten es: Siegertypen tragen Siegerpullis. Deswegen legt «Dale of Norway» den Worldcup-Sweater von 1958 knapp 60 Jahre später spasseshalber wieder auf, während Pulli «Glittertind» ein dekorativer Streifen Lachshaut am Kragen schmückt. Irgendwo müssen die Reste vom Mittagessen ja hin. Am Ende ist der Einsatz von Fischleder so was wie gelebte Nachhaltigkeit?

2015 feierte die Ispo Besucherrekorde: 80'000 Menschen pilgerten durch die Pavillons. 2585 Aussteller füllten die ausgebuchten Hallen, 2016 plant man zwei neue dazu. Was macht den Erfolg der Messe aus? Vielleicht das fantasievolle Marketing dieser Produkt-Myriaden. Es gilt: «Attraktiv ist, wer aktiv ist». Funktioniert immer, irgendwie. Auch wenn der Durchschnittskunde das 600-Euro-Arcteryx-Hardshell vor allem von der Couch ins Büro trägt. Vom Leitsatz «Sport macht sexy» lebt eine ganze Branche.

Dabei übersehen die Hersteller: All die vermeintlichen oder tatsächlichen Neuheiten lassen die eigenen Exponate vom Vorjahr ziemlich alt aussehen. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Manchmal kommt die Masse «bahnbrechender» Ideen wie ein Overkill daher. Vieles wirkt überperformt. Brauchen wir Baumhäuser zum Mitnehmen oder Drohnen, die dem Freerider automatisch folgen? Brauchen wir Ganzkörper-Laminate, dynamisch gestretcht in mindestens vier Richtungen? Man fragt sich, wie Hermann Buhl es damals auf den Nanga Parbat schaffte. Doch Materialfetischismus kann eigene alpine Erfahrung nicht ersetzen. Und die macht man im Norwegerstrick ebenso wie mit Ultra-Supra-Techno-Fibres, getestet auf dem Mars. Sich vollklimatisiert über den Berg zu bewegen, nie nass werden, nie schwitzen, das ist absurd. Das hat man doch eh schon im Stadtbüro. Auch wenn es reaktionär klingt: Gehn wir nicht auf den Berg, um überhaupt noch was von der Natur zu spüren?

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Das Neue ist immer um Welten besser als das Letztjahresprodukt: Modeschau an der Messe.

Wen man so trifft beim Hallenparcours? Am Komperdellstand klemmen die Huababuam auf Stühlen zwischen Hitech-Teleskopcarbonstöcken. Ein Menschenstrom zieht vorbei, schaut mit stumpfen, irritierten Blicken auf das Überangebot. Kaum einer beachtet die Brüder. Sie wirken, als sei ihnen das sehr recht. Später dann ein Plausch mit Alex Ploner, Mitorganisator des Kiku International Mountain Summit: «Die grossen Alpinhelden und Star-Athleten ziehen nicht mehr so das Publikum an. Es sind eher Menschen vom Berg, wie du und ich, die jetzt mehr interessieren.» Steht das Ende der Überhelden bevor? Am Ende des langen Messetages möchte man all den Produktentwicklern als Wink mit der Stricknadel ein paar Socken stricken. Von Hand, aus natürlicher, selbstfettender Wolle (neudeutsch: «repellent»). Wolle macht das von allein, sie kann nicht anders. Schafe tragen ihren Water-Windproof-Shell ja ein Leben lang, stehen ständig im Windkanal und in der Kältekammer. Sozusagen. Drum tragen die Nordmenschen, die in echter Kälte leben, vor allem: Wolle. Vielleicht sollte die Sportartikelbranche mal dem selbst propagierten Relax-Trend folgen – sich zurücklehnen und ein bisschen entspannen.

Franziska Horn* Franziska Horn schreibt über Design, Architektur, Reise, Alpin- und Outdoorsport. 2014 ist ihre Biografie der Alpinistin Edurne Pasaban erschienen, ein Reise-Band über das Ötztal folgt im März 2015.

Outdoor

Zürich-nah und doch so einsam

Thomas Widmer am Freitag, den 13. Februar 2015

Diese Woche von Dübendorf nach Illnau und Nänikon (ZH)

Das Samstagswetter wird mies sein, und daher setze ich am Donnerstag beim Planen noch vor der Route das Mittagsziel fest. Einen Gemütswärmer und Magenstreichler brauchen wir. Das Rössli in Illnau fällt mir ein, von dem ich viel Gutes gehört habe. Da gehn wir hin!

Samstag morgen, Wanderstart am Bahnhof Dübendorf. Wir halten zur nahen Glatt, schwenken nach links, es ist neblig, der Weg am Fluss ist zum Teil vereist.

Schnell sind wir aus dem Ort, bleiben nun aber lange am Wasser, bis zum Abzweiger nach Hermikon. Adieu Glatt. Über die Bahnlinie, und schon sind wir im Gfenn. Ein leeres Storchennest weckt unsere Neugier, nisten in ihm Störche? Eine Frau mit Hund verneint. Ganz in der Nähe gebe es aber zwei bewohnte Nester

Gfenn heisst Sumpf

Dann eine historische Mauerfassade mit stufig gezacktem Dachrand. Die Lazariterkirche steht unter eidgenössischem Denkmalschutz. Sie stammt aus dem 13. Jahrhundert, war Teil eines Klosters. Die Laienbrüder des Lazarus-Ordens pflegten Leprakranke.

Das Wort Gfenn bedeutet Moor oder Sumpf. Tatsächlich langen wir beim Chrutzelried an. Das Ried und seine Tümpelchen sind die Hinterlassenschaft einstiger Gletscher und ihrer Moränenhügel. Das Chrutzelried enstand dort, wo Wasser von einem solchen Hügel ins Flache floss und eine Rinne bildete.

Schon lange starten und landen auf dem Militärflugplatz Dübendorf keine Armeejets mehr. Schade, denn wir tangieren sein östliches Ende und würden es lieben, wenn jetzt ein zackiges Kampfflugzeug so circa zehn Meter über uns in den Himmel stechen würde – Top Gun in Dübi.

Etwas aufwärts auf den Gfennerberg, etwas abwärts nach Kindhausen, etwas aufwärts zum Hochrain. Und wieder etwas abwärts zu den reizenden Moorseelein im Örmis und wieder etwas aufwärts zum Gstück in Ober-Illnau. Und wieder etwas abwärts nach Illnau.

Die nächsten zwei Stunden im Rössli sind Gaumenglück. Wir essen Wildschwein im Kartoffelmantel, Schnecken mit Kräutersauce, Kalbsburger, Entenbrust mit Zimtquinoa. Und wir trinken reichlich Wein. Ronja nimmt zum Schluss einen Grappa aus einem Hochstielglas, dessen Kelch gut 40 Zentimeter über dem Tisch thront.

Am Schluss des Essens verkündet Roland, dass er jetzt nach Hause geht, ins Bett. Wir anderen montieren unsere Jacken und ziehen weiter. Im Wildert freuen wir uns über einen recht stattlichen, bläulich überfrorenen Kleinsee. Dies ist das dritte Moorgebiet der Tour. Nahe an Zürich, direkt an der Agglo, ist das Gebiet doch erstaunlich einsam.

Massaker bei der S-Bahn

Via die Egg, wo man bei gutem Wetter garantiert grossen Alpenblick hat, kommen wir in den letzten Wald des Tages namens Näniker Hard. Kurz vor Nänikon dann führt uns der Wanderweg zu einem Denkmal. Die Steinpyramide mit Bronzetafel von 1842 erinnert an ein Massaker von 1444.

Damals, im Alten Zürichkrieg, einer vertrackt komplizierten Auseinandersetzung Zürichs mit den alten Orten der Eidgenossenschaft um das Erbe des Grafen von Toggenburg, kam es zur Belagerung der Festung Greifensee. Als sie, die zu Zürich hielt, gefallen war, befahl der Schwyzer Heerführer Ital von Reding der Ältere, dass alle Verteidiger zu töten seien. So geschah es. Auf der Wiese bei Nänikon, die seither Blutmatte heisst und drei Gehminuten vom heutigen S-Bahnhof Nänikon-Greifensee entfernt liegt.

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Route: Dübendorf, Bahnhof - Glatt - Uferweg bis Abzweiger Hermikon - Gfenn - Chrutzelried - Cherwis/Militärflugplatz Dübendorf - Gfennerberg - Kindhausen - Fröschen - Hochrain - Örmis - Ober-Illnau, Gstück - Illnau, Bahnhof - Illnau, Rössli - Illnau, Bahnhof - Wildert - Grindel - Weid - Egg - Gutenswil - Näniker Hard - Nänikon, Blutmatte - Bahnhof Nänikon-Greifensee.

Wanderzeit: 5 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 260 Meter auf-, 250 abwärts.

Kürzer: Die Route zerfällt in zwei Etappen, die einzeln wanderbar sind. Dübendorf - Illnau: 3 3/4 Stunden. Illnau - Nänikon: 2 Stunden.

Wanderkarte: 225 T Zürich und 226 T Rapperswil, 1: 50 000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Charakter: Stadt- und agglonahes Wandern in erstaunlicher Natur. Viele Moorgebiete: Ried und Seelein. Bei gutem Wetter Alpenblick. Perfekt für den Winter.

Höhepunkte: Die winterliche Glatt. Die Lazariterkirche im Gfenn am Rand von Dübendorf. Das Chrutzelried. Der Zmittag im Rössli zu Illnau. Das Seelein im Wildert. Die Blutmatte von Nänikon.

Kinder: Keine Probleme.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Rössli Illnau. Täglich geöffnet. Reservieren!

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

Outdoor

Lattensalat an Carbonstreifen: Diätkur für die Ski

Outdoor-Redaktion am Donnerstag, den 12. Februar 2015

Ein Gastbeitrag von Titus Arnu*

ISPO sport equipment fair

Leicht, leichter, noch viiiiel leichter: Ski an der Münchner Sportartikelmesse Ispo. Foto: Sven Hoppe (EPA, Keystone)

Jedes Jahr im Februar nerven Frauenzeitschriften und Gesundheitsblogs mit ihren absurden Abnehmideen. Paläo-Diät. Glyx-Diät. Bier-Diät. Ganz neu im Angebot: die Jake-Gyllenhaal-Diät. Für seine Rolle in «Nightcrawler» hat der Schauspieler 30 Kilogramm abgenommen. Sein Diätprogramm bestand aus drei Teilen: täglich 25 Kilometer joggen, Grünkohl essen, Kaugummis kauen.

Diätwahn ist eine schlimme Sache. Aber leider greift der Zwang zum Abnehmen immer weiter um sich. Er war auch auf der Ispo in München zu beobachten, der grössten Sportartikelmesse der Welt. Gewicht spielt dort eine Riesenrolle. Nicht unbedingt beim breiten Publikum. Der Durchschnittsbesucher kommt gerne mit dem Auto, fährt mit der Rolltreppe in den ersten Stock und futtert in der Pause Grillwurst in der Semmel.

Aber bei den Produkten! Da scheint sich, vor allem im Wintersportbereich, das Light-Prinzip durchzusetzen: je leichter, desto besser. Das gilt besonders für Touren- und Freeride-Ausrüstungen. Es erscheint ja auch sinnvoll, möglichst wenig auf den Gipfel zu schleppen, um Kraft zu sparen. Um Gewicht zu reduzieren, verwenden die Hersteller Paulownia- und Balsaholz wie im Modellbau. Oder Titan- und Carbonmixturen, die aus der Raumfahrttechnologie kommen. Und sie verändern die Geometrie der Wintersportgeräte so, dass noch ein paar Gramm weniger auf der Waage sind.

Mit einem der leichtesten Pistenski startet Fischer in den nächsten Winter. Sein Holzkern ist um 25 Prozent leichter als bisher, Titanaleinlagen und eine abgeflachte Seitenwange sparen ebenfalls Gewicht. Head setzt bei seiner Monster-Kollektion auf Graphen, ein Material, das auch in Tennisschlägern verwendet wird und als leichtestes und zugleich stabilstes Element der Welt gilt. Bei Atomic hat man sich ein Carbon-Tank-Mesh-Gewebe ausgedacht, das die Ski steifer und zugleich leichter machen soll.

Breiter heisst nicht mehr besser
Der Trend zu superbreiten Powder-Latten scheint dagegen sein Limit erreicht zu haben: Bei 120 Millimeter Breite unter der Bindung ist meistens Schluss. Noch fettere Ski braucht man höchstens in Alaska oder Nordjapan, und die Zahl der Leute, die sich einen Skiurlaub dort leisten können, ist doch sehr begrenzt. Es ist jedoch zu früh, in diesem Bereich von einem Schlankheitswahn zu sprechen.

Es gibt ultraleichte Minibindungen für den Skitouren-Rennsport, die man allerdings nicht ernsthaft als Sicherheitsbindungen bezeichnen kann. Es gibt ultraleichte Skihelme, die nur 320 Gramm auf die Waage bringen, aber dafür muss man Angst haben, dass sie bei der nächsten Windböe vom Schädel geblasen werden. Auch bei den Tourenskistiefeln unterbieten sich die Hersteller gegenseitig im Gewicht. Der neue Backland Carbon von Atomic ist atmungsaktiv, wasserdicht und superleicht, er wiegt nur noch 987 Gramm. Der derzeit leichteste Schnallenschuh kommt von Dynafit: Der RC 1 ist lediglich 500 Gramm schwer, allerdings ist es ein reiner Rennschuh zum Bergaufhetzen. Der schlanke Schlappen kostet voraussichtlich über 2000 Schweizer Franken.

Es ist wie bei einer Luxusdiätkur: Je weniger man bekommt, desto mehr zahlt man dafür. Dem normal- bis übergewichtigen Beobachter stellt sich die Frage: Wäre es nicht gesünder und zudem wirtschaftlicher, täglich 25 Kilometer zu joggen, Grünkohl zu essen und Kaugummi zu kauen – und dann auf die superteuren Hightech-Light-Produkte zu verzichten? Dann würde zumindest der Geldbeutel nicht so schnell abnehmen.

Was halten Sie vom Gewichtswahn der Skiindustrie? Sind Sie bereit, die Leichtigkeit teuer zu bezahlen?

Titus Arnu100* Titus Arnu, geboren in Laufenburg (Schweiz) und aufgewachsen im Südschwarzwald, hat mit drei Jahren die ersten Skiversuche hinter dem Elternhaus unternommen. Heute lebt er südlich von München, schreibt für die «Süddeutsche Zeitung», «Geo Spezial», «Natur» und andere Magazine, am liebsten über Natur und Kultur. Wann immer es geht, ist er in den Bergen unterwegs.

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