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«Geht’s doch vernünftig auf den Berg!»

Jürg Buschor am Donnerstag, den 21. August 2014
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Die Profis sind nicht das Problem, die fahren auf abgesperrten Strecken: Nino Schurter an den Olympischen Spielen 2012 in London. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Gibt es ein Thema, zu dem die lebende Bergsteiger-Legende Reinhold Messner keine Meinung hat? Aber wissen Sie, was der Südtiroler von Mountainbikern hält? Im Gespräch mit Thomas Werz, Chefredaktor der Zeitschrift «Bike Sport», sowie dem Supertrail-Map-Kommunikationsverantwortlichen Stefan Becker nimmt er Stellung. Auszugsweise hier im Bikeblog – das ganze Interview gibt es in der aktuellen Ausgabe der «Bike Sport» nachzulesen.

Immer mehr Mountainbiker wollen immer weiter in die Höhe, härter und länger radeln.
Reinhold Messner: Ich finde Mountainbiker in Ordnung, wenn sie dort fahren, wo sie fahren können. Wenn sie dann ihr Radl tagelang nur durch die Gegend schleppen, tun sie mir leid …

Es gibt derzeit verschiedene Trends, beispielsweise Bikebergsteigen ...
Geht’s doch vernünftig auf den Berg! Das heisst: je nachdem, was ihr könnt. Ich sehe junge Burschen, die fahren auf ihren Bikes steile Pisten runter. Wirklich grandios. Ich könnte dort nur noch mit Mühe gehen – warum sollten sie das nicht tun dürfen? Ich war gerade erst gestern auf dem Kronplatz. Dass da nicht alle paar Tage einer schwer stürzt, ist ein Wunder. Aber, die fliegen zehn Meter durch die Luft und kommen auf, und es passiert nichts. Das ist gekonnt, grosse Kunst. Und es ist ein Hype, dazu ein Kick. Das soll ihnen nicht verboten werden. Aber mit Alpinismus hat das nichts zu tun. Jedem sein Habitat, im steilen Fels haben Biker nichts verloren.

Viele suchen immer das nächst Extremere, um sich zu steigern.
Man lernts besser, das ist sicher. Es braucht ausgewiesene Bike-Strecken, Entwirrung, Kletterer, Wanderer, Biker. Ich würde mir wünschen, dass mit den Jahren eine politische Diskussion beginnt. In den Alpen gibt es unendlich viele Wald- und Holzwege, die nicht genutzt sind. Weder von Wanderern noch von Bikern. Sollte man diese zugänglich machen, muss das Biken rechtlich geregelt sein. Sodass der Bauer, der den Wald besitzt, keine Verantwortung trägt, wenn da jemand aus dem Weg rausschiesst und auf einen Baum knallt. Das ist ein Problem. Es würde mich freuen, wenn klare Verhältnisse geschaffen würden. Wanderer und Biker stören einander. Deswegen bin ich der Meinung, die Radfahrer müssen selbst darum kämpfen, dass sie Wege nutzen dürfen, die bisher nicht genutzt wurden!

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Eine feste Grösse in der Bergwelt: Reinhold Messner. Foto: Keystone

Es gibt viele Wanderwege, die ein optimales Mountainbike-Terrain abgeben.
Das ist die Frage, die die lokale Politik betrifft. Ich bin nicht in der Politik und ich muss das nicht regeln. Wenn ich das mitbestimmen könnte, hier in Südtirol, dann würde ich sagen – das Gesetz schreibe ich in einer Nacht – «Wanderwege, die eindeutig als Wanderwege entstanden sind und sich fürs Mountainbiken nicht eignen, sind und bleiben Wanderwege». Für Biker müssen sie ja nicht gleich verboten sein, aber ich würde sie als «nicht zu empfehlen» einstufen. Bis Bike-Strecken dort ausgewiesen sind.

Aber wer entscheidet, was sich für das Mountainbiken eignet und was nicht?
Ein Wanderweg ist ein Wanderweg, und wenn der Biker die Wanderer stört, haben Letztere den Vortritt. Es geht in beiden Fällen um den Tourismus. Eine Gegend, die Mountainbiker haben will, wird sich bemühen, Mountainbike-Wege in allen Schwierigkeiten zu schaffen. Clevere Touristiker sagen vielleicht: «Den alten Steig da brauchen wir nicht mehr, den gehen die Wanderer nicht. Den sollen sich die Biker nehmen, und er wird auch offiziell als ein Bikerweg ausgewiesen.» Er könnte auch in der höheren oder höchsten Schwierigkeit sein.

Das heisst, man appelliert an die Eigenverantwortung?
«Das Können ist des Dürfens Mass!» Dieser Satz ist nicht von mir, es ist ein Satz von Paul Preuss.

Ergo: Wenn es ein Biker kann, dann darf er auch über Wanderwege fahren...?
(lacht) Ich finde das gut, wie ihr diskutiert. Aber ihr seht, es ist ein Politikum. Ihr müsst euch ausserhalb der alpinen Vereine drum kümmern. Ihr Biker müsst das selbständig machen. Ihr müsst alles selber mit den Liftministern ausmachen.

In Baden-Württemberg haben 58'000 Mountainbiker eine Petition für den freien Zugang zur Natur unterschrieben. Dort geht es nicht um Haftungsfragen, sondern nur ums Prinzip.
Ich weiss, die Albvereine sind stark. Ich sage seit langem, ich würde auch auf die Mountainbiker als Gäste setzen. Man muss ihnen ein Spielfeld geben, wo sie sich ihre Freude, ihren Kick holen können. Was auch immer sie wollen. Ihre Motivation ist legitim. Ich bin keiner, der sagt: Diese Art der Motivation ist gut und eine andere ist schlecht. Die einen wollen den Kick, die anderen sich auspowern. Wenn ich in einem Tal Touristiker wäre, dann würde ich mich bemühen und sagen: «Was machen wir konkret für die Biker?» Ich würde ihnen die Waldwege geben. Da hats ja fantastische Möglichkeiten für hinauf und hinab.

Über Stock und Stein – und Wanderwege – mit dem Mountainbike von Oberstdorf nach Riva:(Quelle: Youtube)

Teilen Sie Reinhold Messners Meinung zum Thema Mountainbiking? Erachten Sie seine Lösungsvorschläge zur Vermeidung von Nutzerkonflikten als praktikabel?

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Das Kreuz mit dem Gipfelkreuz

Natascha Knecht am Mittwoch, den 20. August 2014

Es gibt Leute, die steigen auf einem Berg nicht nur bis zum Gipfelkreuz, sondern gleich noch auf dieses hinauf. Den Moment ihres Glücks halten sie mit der Digitalkamera fest und veröffentlichen dann das beste Foto im Internet. Zur Empörung jener, die ein Gipfelkreuz als religiöses Symbol erachten. Für sie ist eine solche Handlung der Gipfel der Respektlosigkeit. Man gehe schliesslich auch nicht auf den Friedhof und trample dort auf Gräbern herum.

An der Frage, ob man auf ein Gipfelkreuz klettern darf, scheiden sich die Geister. Ist es eine unmoralische Unsitte? Eine Sünde in den Bergen? Oder einfach nur Ausdruck von Freiheit? Die Diskussion wird seit Jahren aktiv geführt. In der Neuzeit natürlich auch mit einschlägigen Facebook-Gruppen. Da postet jeder, der mag, ein Foto von einem Gipfelkreuz. Zumeist höchst langweilige Aufnahmen von einem übergrossen Konstrukt aus Eisen oder Holz in Kreuzform, das nicht selten aus einem Betonfundament in den Himmel ragt. Warum jemand sich die Mühe für eine solche Veröffentlichung macht, ist mir ein Rätsel. Weil man liken und sich in einer Gemeinschaft fühlen kann? Weil manchmal auch ganz Freche auftauchen, die den Gruppenfrieden empfindlich stören, indem sie Bilder posten, auf denen sie auf einem Kreuz stehen und winken?

Ein Stewi für verschwitzte Kleider

Vor einer Woche war das Thema wieder einmal einer Zeitung einen Artikel wert (online leider nicht abrufbar): Die Südtiroler Zeitung «Dolomiten»  zitierte einen Pfarrer. Er bezeichnet es als «schlimm», dass es Leute gibt, die für das Gipfelfoto nicht einfach «brav» vor dem Kreuz stehen, sondern «noch einen draufsetzen» müssen und es «cool» finden, auf dem Kreuz herumzukraxeln oder sportlich auf dessen Querbalken zu posieren. Für den Pfarrer ist ein Gipfelkreuz kein «Turngerät», und er glaubt, dass bei uns jeder so viel Allgemeinbildung haben müsste, dass er weiss, wofür das Kreuz steht.

Nun, ich selber habe es hier im Alpinblog schon einmal geschrieben: Mir persönlich ist es schleierhaft, wozu es auf einem Berg ein Kreuz braucht. Für mich ist ein naturbelassener Gipfel ohne solche Kunstwerke, die mit dem Helikopter hochgeflogen werden mussten, definitiv schöner. Aber wenn eines oben steht, dann steht halt eines oben. Mich irritiert höchstens, wenn Wanderer ihre verschwitzten Shirts zum Trocknen an einem solchen aufhängen. Das ist einfach unappetitlich.

Kommerzielle Respektlosigkeit

Würde ich in meinem privaten Archiv nachschauen, kämen auch Bilder zum Vorschein, auf denen ich auf einem Gipfelkreuz sitze. Zum Beispiel auf der Dufourspitze. Ich war mal im Winter dort. Das grosse Eisenkreuz steckte bis zu den Armen im Schnee, ich setzte mich darauf wie auf ein tiefgelegtes Bänkli und genoss ein paar Minuten die Aussicht. Beschädigt habe ich das Teil nicht. Das Bedürfnis, dieses Gipfelbild im Internet zu veröffentlichen, verspürte ich nie.

Bergbahnen Pillersee: Himmlische Aussichten vom größten Jakobskreuz der Alpen. (seilbahn.net)

Bergbahnen Pillersee: Himmlische Aussichten vom grössten Jakobskreuz der Alpen. (seilbahn.net)

Für diskussionswürdiger halte ich dagegen Bausünden in den Bergen, zum Beispiel das angeblich «grösste begehbare Gipfelkreuz der Welt». Es wurde vor kurzem in der Nähe von Kitzbühel eingeweiht: 29,6 Meter hoch. Eigentlich ist es ein Haus in Kirchenkreuzform. Im Innern bringt ein Personenlift die Besucher auf eine Aussichtsplattform und zu Ausstellungsräumen in 19 und 22 Metern Höhe. Ganz oben wartet eine Panorama-Aussichtsplattform, auf der man herumtrampeln kann.

Für mich verkörpert solche Disney-Land-Infrastruktur den Gipfel der Respektlosigkeit – Respektlosigkeit gegenüber der Natur. Aber möglicherweise ist der Pfarrer und Prediger anderer Meinung.

Manche – wie dieser junge Herr – verwechseln Gipfelkreuze auch mit Fitnessgeräten:
(Quelle: Youtube)

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Spitzensport fördert gefährliche Essstörungen

Natascha Knecht am Montag, den 18. August 2014

Ein Gastbeitrag von Dr. med. Martin Narozny-Willi

Niiya of Japan reacts after the women's 10,000 metres final during the IAAF World Athletics Championships at the Luzhniki stadium in Moscow

Der Druck im Spitzensport erhöht das Risiko der Magersucht, speziell für Frauen (die Japanerin Hitomi Niiya nach ihrem 5. Rang über 10'000 Meter bei der WM 2013 in Moskau). Foto: Lucy Nicholson/Reuters

Gestörtes Essverhalten kann massive, zum Teil irreversible Schäden bei Athletinnen und Athleten hervorrufen. 1992 wurde erstmals unter dem Namen «Female Athlete Triad» ein Symptomenkomplex bei Sportlerinnen beschrieben, der gestörtes Essverhalten, Ausbleiben der Monatsblutung und Osteoporose umfasste. Die weitere Forschung auf diesem Gebiet zeigte jedoch, dass diese Umschreibung zu kurz greift, da noch viele weitere Symptome hinzukommen und die Erkrankung auch Männer betreffen kann.

Ein Konsensus-Papier des Internationalen Olympischen Komitees führte darum den viel breiter gefassten neuen Begriff der «Relative Energy Deficiency in Sport» (RED-S) ein. Diese Diagnose umfasst Störungen des Energiestoffwechsels, der Monatsblutung, des Knochenstoffwechsels, der Immunabwehr, der Proteinsynthese und des Herz-Kreislauf-Systems, bedingt durch eine insuffiziente Energieaufnahme.

Ursachen
Das hört sich jetzt alles sehr theoretisch an. Am Anfang der Erkrankung steht eine Störung des Essverhaltens mit ungenügender Energieaufnahme, das von unvernünftigen Essgewohnheiten bis zu schweren Essstörungen wie Anorexie (Magersucht) oder Bulimie (Ess-Brech-Sucht) reichen kann. Die Übergänge sind fliessend. Oft beginnt ein gestörtes Essverhalten mit einer übertriebenen Diät in einer Sportart mit Gewichtsklassen wie Rudern oder Judo. Die Athletin möchte in der tieferen Gewichtsklasse starten, da sie in der nächst höheren Klasse zu den Leichtesten gehören würde, was nicht von Vorteil ist. Ein hohes Risiko bergen auch Sportarten, bei welchen per se ein tiefes Gewicht Vorteile bringt, wie z. B. Langstreckenlauf. Ästhetische Disziplinen wie rhythmische Sportgymnastik oder Kunstturnen bevorteilen leider auch vor allem leichtgewichtige Sportlerinnen mit den entsprechenden Risiken.

Essstörungen
Gestörtes Essverhalten entsteht oft entweder durch selbst auferlegten Druck oder durch Druck von Trainern und Umgebung der Athletin: «Du musst das Gewicht reduzieren, sonst erreichst du deine Ziele nicht.» Dies führt zu übertriebenen Diäten. 15 bis 60 Prozent aller Athletinnen zeigen ein gestörtes Essverhalten mit zum Beispiel nur einer Hauptmahlzeit täglich oder Ablehnung kohlenhydrat- oder fetthaltiger Nahrungsmittel. Schreitet diese fatale Entwicklung fort, kann sich daraus eine eigentliche Essstörung entwickeln. Essstörungen können also Ursache oder Folge einer RED-S sein.

Diese Essstörungen, wie Anorexie und Bulimie, sind schwerwiegende psychische Erkrankungen, die auch entsprechend schwierig zu therapieren sind. In der Allgemeinbevölkerung kommt die Anorexie bei bis zu 4 Prozent und die Bulimie bei bis zu 5 Prozent vor. 90 bis 95 Prozent dieser Erkrankungen sind bei Frauen zu beobachten.

Auswirkungen auf die Gesundheit

  • Störung der Monatsblutung: Bedingt durch das gestörte Essverhalten kommt es zu hormonellen Störungen. Dadurch kann bei jungen Athletinnen die Monatsblutung gar nie auftreten (primäre Amenorrhoe) oder plötzlich während langer Zeit ausbleiben (sekundäre Amenorrhoe). Während eine sekundäre Amenorrhoe bei 2 bis 5 Prozent der gesunden weiblichen Bevölkerung vorkommt, kann sie je nach Sportart bei bis zu 60 Prozent der Athletinnen auftreten! Das Fehlen der Monatsblutung hat viele hormonelle Störungen auch anderer Systeme zur Folge und ist darum besonders kritisch.
  • Knochenerkrankungen: Ebenfalls durch hormonelle Störungen kommt es zu einer verminderten Knochendichte, der sogenannten Osteoporose. Tritt die Osteoporose bereits im jugendlichen Alter auf, ist unter Umständen auch mit adäquater Therapie keine vollständige Korrektur möglich. Wegen der verminderten Knochendichte steigt auch das Risiko für Stressfrakturen mit verlängerter Heilungszeit.
  • Mangelerscheinungen: Durch das gestörte Essverhalten kann es zu einem Mangel an Vitaminen und Spurenelementen kommen. Häufig wird ein Eisenmangel beobachtet, der bis zur Blutarmut (Anämie) führen kann.
  • Herz-Kreislauf-System: Die verminderte Energieaufnahme führt zu einer ungünstigen Konstellation der Blutfettwerte und zu einer Veränderung der Gefässwände, was das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht.
  • Weitere Symptome: Gehäuft werden auch chronische Müdigkeit und vermehrte Infektanfälligkeit beobachtet.
  • Leistungseinbusse im Sport: Ständig entleerte Glycogenspeicher und ein Abbau der Muskelmasse führen zu einer Leistungseinbusse. Training führt nicht mehr in gleichem Masse zu einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit.

Männliche Athleten
Eine RED-S kann auch bei Männern auftreten, wenn auch deutlich seltener. Zusätzlich zu den oben erwähnten Sportarten sind bei Männern die Skispringer und die Jockeys speziell betroffen. Grundsätzlich zeigen sich dieselben schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit, natürlich mit Ausnahme der Störung der Monatsblutung.

Screening und Diagnose
Die beste Gelegenheit für ein Screening ist die jährliche sportärztliche Untersuchung, welche die meisten Sportverbände für die Kaderathletinnen und -athleten vorschreiben. Von Swiss Olympic steht ein spezieller «Female Athlete»-Fragebogen zur Verfügung, der ausführlich die Risikofaktoren für eine RED-S erfasst. Die stark ausgeprägten Essstörungen sind recht gut zu erfassen. Deutlich schwieriger wird es bei den beginnenden Essstörungen, wo oft nur indirekte Zeichen wie erhöhte Trainingsintensität, vermehrt Verletzungen und Infekte, Wachstums- und Entwicklungsverzögerung und Diäten zum Erhalt der Gewichtsklasse zu beobachten sind.

Therapiestrategien
In der Theorie sind die therapeutischen Massnahmen klar: Verbesserung der Energieaufnahme, Reduktion des Trainings, Gewichtszunahme, allenfalls Regulation der Monatsblutung durch Hormonpräparate sowie Verbesserung der Knochendichte durch Kraft- und Sprungkrafttraining bei genügender Calciumaufnahme und allenfalls Vitamin-D-Zufuhr.

Leider sind Essstörungen aber äusserst schwierig zu behandeln, nicht selten verläuft die Therapie erfolglos. Der Widerstand gegen die Therapie steigt mit dem Ausmass der Essstörung. Der therapeutische Ansatz muss multidisziplinär unter Einbezug der Athletin, des Trainers, des Arztes, eines auf Essstörungen spezialisierten Psychologen, eines Ernährungsberaters und allenfalls eines Physiotherapeuten erfolgen. Bei schweren Fällen dauert die Therapie unter Umständen Jahre und wird von Rückschlägen begleitet.

Das «IOC Consensus Statement« lesen Sie hier.
Der Fragebogen «Female Athlete» von Swiss Olympics hier.

Dr. med. Martin Narozny*Dr. med. Martin Narozny-Willi, Facharzt Orthopädische Chirurgie FMH, Sportmedizin SGSM und Verbandsarzt Swiss Ice Hockey. Medbase Zürich, Sportmedizin und Leistungsdiagnostik. Die Klinik ist eine Swiss Olympic Medical Base.

 

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Der Bratspiess-Bernhardiner

Thomas Widmer am Freitag, den 15. August 2014

Vom Grossen Sankt Bernhard über zwei Pässe nach Ferret (VS)

Am Vortag hatte es wild geregnet. Nun kam der Sommer zurück. Die Sonne vernichtete wütend, was an Wolken noch da war. Als wir auf dem Grossen Sankt Bernhard aus dem Bus stiegen, war die Luft freilich eiskalt. Die Bise stach uns nadelscharf in die Ohren.

Wir flohen in den Souvenirshop, begutachteten die Auslagen, wechselten ins Hospiz; Jean-Marie Lovey, der diesen Sommer ernannte neue Bischof von Sitten, war übrigens bis vor kurzem Propst der auf dem Pass seit Jahrhunderten wirkenden Augustinerchorherren. Ihre Kirche verharrte in zeitlosem Halbdunkel, es roch nach Weihrauch, ich stellte mich vor das Gnadenbild der Jungfrau und sprach in Gedanken zu ihr: Gib, dass ich heute nicht erfriere, Mutter Gottes!

Weisswein auf dem Pass

Kurz gingen wir auf der Passstrasse retour. Dann zweigten wir links in den Hang ab. Eine Hochgebirgswelt, die Felsblöcke überwachsen mit grünen Flechten. Unsere Wanderstöcke klackten auf dem Stein, letzte Nebelfetzen schlichen über die Fluhen, bald erreichten wir unser erstes Ziel, den Col des Chevaux. Der «Pferdepass» heisst so, seit man im 18. Jahrhundert vom Val de Ferret her eine pferdetaugliche Transportroute zum Grossen Sankt Bernhard einrichtete.

Auf dem Pass war eine Schar älterer Walliser daran, zwei, drei Flaschen Weisswein zu leeren. Irgendwie war ich neidisch, ich möchte auch zu einem derart genussfreudigen Stamm gehören. Freilich war ich froh um meine alkoholfreie Trittsicherheit, als wir in ein Zwischental abstiegen. Der Boden war mal erdschwarz und bröselig und glitschig, mal geröllbedeckt. An einer Stelle querten wir auf schmaler Spur ein Schneefeld halbharter Konsistenz. Parfait im Gelände.

Als wir unten waren, mussten wir gleich wieder nach oben, zum zweiten Pass, dem Col du Bastillon. In den Hang vor uns waren Seelein eingestreut, am Ufer des einen rastete eine grössere Gruppe junger Leute. Pfadfinder? Oben noch mehr hohe Gipfel rundum, die wir nicht kannten, die aber herrlich anzuschauen waren. Der eine gefiel mir sprachlich besonders: Pointe de Godegotte.

Erneut stiegen wir ab. Wandergefährtin Karin fand den Pfad grenzwertig, während ich ihn knapp okay fand. Immerhin mussten ihn bei aller Steilheit und Rutschigkeit einst Pferde bewältigen; und was ein Pferd kann, kann der Widmer doch wohl auch. Unter uns zeigte sich ein grosser See, einer der Lacs de Fenêtre. Ganz nah bei ihm nahmen wir ein Fussbad in dem ihm zuströmenden Bach. Das Wasser war brutal kalt, doch seit längerem hatte die Sonne geschienen und uns ins Schwitzen gebracht.

Nutztier Hund

Der Rest der Wanderung: ein gemächliches Absteigen, zuerst ruppig, dann immer leichter, zum Miniweiler Ferret. Dort erwarteten uns zwei Dinge: erstens der noch abgeschlossene Bus, mit dem wir später hinab zum Bahnhof von Orsières fahren würden. Und zweitens eine Kapelle. Das Wirtschäftchen, das es in früheren Jahren gab, hatte leider zu; ob es irgendwann wieder aufgeht, ist ungewiss.

Karin packte nun ihr Souvenir aus. Sie hatte sich zu Wanderbeginn einen kleinen Plüsch-Bernhardiner gekauft. Das Abbild Barrys, der von 1800 bis 1814 auf dem Grossen Sankt Bernhard lebte und 40 Menschen aus Lawinen gerettet haben soll. Die Hospizmönche züchten schon viel länger Bernhardiner. Ein Chronist notierte um 1700, dass einer der Mönche ein grosses Laufrad konstruierte habe. Man stellte einen Bernhardiner hinein. Seine Aufgabe war es, den Bratspiess zu drehen. Was für ein nützliches Tier!

***

Route: Grosser Sankt Bernhard, Hospiz - Col des Chevaux - Petit Lé - Col du Bastillon - Lac de Fenêtre - La Chaux - Les Ars Dessous - Ferret.

Wanderzeit: 4 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 580 Meter aufwärts, 1340 Meter abwärts.

Sicherheit: Dies ist eine hochalpine Wanderung. Warme Kleider mitnehmen, nur bei stabilem Wetter gehen. Der Abstieg von beiden Pässen, vor allem der vom Col du Bastillon, ist steil und rutschig. Stöcke helfen.

Wanderkarte: 5027 T Grand St-Bernard - Combins - Arolla (Zusammenzug).

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus von Ferret zum Bahnhof von Orsières. Via Sembrancher nach Martigny.

Charakter: Hochalpin, herrlich zivilisationsfern, man wandert inmitten schneebedeckter Bergriesen. Mittlere Anstrengung. Streckenweise rutschig und sehr steil.

Höhepunkte: Die Einfahrt beim Passhospiz des Grossen Sankt Bernhard; der Weihrauchgeruch in der alpinen Kirche. Der Panoramablick vom ersten und vom zweiten Pass. Der untere Lac de Fenêtre.

Kinder: Machbar, in den Steilpassagen gehören sie geleitet.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: Nur am Anfang auf dem Grossen Sankt Bernhard.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmer privatem Journal.

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Steile Kurven in Oerlikon

Anette Michel am Donnerstag, den 14. August 2014


Seit über 100 Jahren steht sie in Zürich-Oerlikon: die offene Rennbahn. Heute mitten im Siedlungsgebiet, wurde das Betonoval 1912 allein auf weiter Flur gebaut, nur von Wiesen umgeben. Die 333 Meter lange Bahn mit ihren Steilwandkurven, die Winkel von bis zu 45 Grad aufweisen, galt als architektonisches Meisterwerk. Die Radrennen boten gefragte Unterhaltung, die Zuschauer reisten damals en masse nach Oerlikon. Heute bringt das Fernsehen Sportereignisse ins Wohnzimmer, und für einen ausgelassenen Abend gibt es viele Alternativen zur Rennbahn. Wohnten zu den Blütezeiten in den Fünfzigerjahren den Radrennen in Oerlikon bis zu 15'000 Zuschauer bei, sind es heute noch ein paar Hundert. Sehenswerte Radrennen finden aber noch immer statt: Jeden regenfreien Dienstagabend im Sommer stehen hier die nationale Elite und auch immer wieder internationale Profis am Start.

Bahnrennen sind die zuschauerfreundlichsten Radrennen. Das ganze Renngelände lässt sich bequem von der Tribüne aus überblicken. So kann der ganze Rennverlauf mit allen Attacken, Einbrüchen und Schlusssprints mitverfolgt werden. Ein Biss Bratwurst, während die Scheibenräder auf der Bahn vorbeisausen, ein Schluck Bier, wenn sich die Aufregung nach dem Schlusssprint legt. Blechern klingt die Stimme des Speakers aus den Lautsprechern, wenn er die Namen der Sieger oder der Ausgeschiedenen ausruft. Rund zehnmal pro Abend spielt seit Jahren die gleiche Marschmusik, zu der die Sieger ihre Ehrenrunden drehen und dabei mit der Trophäe von Blumen Remund in Wallisellen in die Zuschauerränge winken.

Hier ist das coole, gentrifizierte Zürich noch nicht angekommen, die Welt der Radrennbahn ist irgendwie un-urban und ein wenig von gestern – auf eine wohltuende Art. Knalliges Spektakel und Kommerz bleiben draussen, es gibt werbefreie Pausen und Zeit für einen Schwatz mit den Angehörigen der «Bahnfamilie». In der Tat herrscht eine familiäre Stimmung auf und neben der Bahn, und man trifft immer etwa die gleichen «Verdächtigen» an den Dienstagabenden. So gemütlich die Stimmung: die Rennfahrer lassen keine Wünsche an die Geschwindigkeit offen. Die Eliterennen werden mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von rund 50 km/h gefahren. Bei den Steherrennen, bei denen Motorräder den Velofahrern ihren individuellen Windschatten spenden, werden im Schnitt 70 km/h erreicht – Spitzentempi können gar 90 km/h betragen, und das ohne bergab zu fahren! Entsprechend eigenartig sehen diese Velos aus: Die Kettenblätter sind pizzatellergross, die Vorderräder eher klein und die Gabel nach innen gebogen, damit der Fahrer näher an die Rolle des Töffs und damit des Windschattens kommt.

Viele der grossen Radsportler der Vergangenheit haben in Oerlikon ihre Runden gedreht, so etwa Hugo Koblet, Ferdy Kübler, Urs Freuler. Franco Marvulli, der gutaussehende Platzhirsch der vergangenen Jahre, war Weltmeister in mehreren Bahndisziplinen. Vergangene Saison ist er zurückgetreten, jetzt sind die Positionskämpfe um seine Nachfolge definitiv eröffnet. Schnelle Junge wie Stefan Küng, Tom Bohli, Frank Pasche oder Théry Schir stehen in Oerlikon zahlreich am Start, auch international fahren sie auf die Podeste. Diese vier sind gar gerade U-23-Europameister in der Mannschaftsverfolgung geworden, Stefan Küng holte sich den Titel auch noch auf der Strasse und im Zeitfahren. Mit diesen Resultaten sind die jungen Bahnfahrer auf gutem Weg zum Ziel des Projektes «Rad-Bahnvierer Rio 2016» von Nationaltrainer Daniel Gisiger: die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Für das ehrgeizige Projekt sind die Trainings und Rennen auf der Rennbahn in Zürich zentral.

Auch für den Radsport allgemein werden die Bahnrennen zudem als Alternative zu den Strassenrennen immer wichtiger. Deren Kalender dünnt allmählich aus, da Bewilligungen für Strassensperrungen und Freiwillige als Streckenposten schwieriger zu bekommen sind als früher.

Als Hobbyfahrer muss man übrigens nicht auf der Tribüne sitzen bleiben: Nach dem Besuch eines Bahnkurses – meist donnerstagabends – steht den Absolventen das Oval zu verschiedenen Zeiten für freie Trainings offen. Die Rennpiste wird also rege genutzt und ist dazu absolut einzigartig. Trotz allem werden immer wieder Pläne publik, wie die Stadt das Areal besser ausnutzen könnte. In den vergangenen Jahren war etwa von einem neuen Eishockeystadion oder einem Ersatzhallenbad die Rede, obwohl es beides in unmittelbarer Nähe bereits gibt.

Der aktuelle Mietvertrag der Interessengemeinschaft offene Rennbahn Oerlikon (Igor), welche die Bahn betreibt, läuft bis 2016. Ein kurzer Zeithorizont für einen Betrieb dieser Bedeutung. Die Interessengemeinschaft ist jedoch zuversichtlich, den Rennbetrieb bis 2020 und darüber hinaus aufrechterhalten zu können. Ich hoffe es auch, für alle Radsportfans!

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Basejumper gefährden Kletterer

Natascha Knecht am Mittwoch, den 13. August 2014
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Für Basejumper, Kletterer, Alpinisten und Wanderer gleichermassen attraktiv: Die Drei Zinnen in den Dolomiten. Foto: Christian Schirner (Flickr.com)

Ein unglaublicher Vorfall macht derzeit die Runde. «Ein Fall für die Carabinieri», meint ein Kommentarschreiber bei Bergsteigen.com. Zugetragen hat sich die Sache kürzlich in der Nordwand der Grossen Zinne in den Dolomiten. Zwei Kletterer aus Deutschland wollten die Hasse-Brandler-Route durchsteigen, ein ausgesetztes und nicht unschwieriges Abenteuer mit 17 Seillängen. Beim dritten Standplatz angekommen, seien sie von einem Steinregen überrascht worden, der ungefähr eine Stunde angedauert habe. Zwischen fünfzig und hundert «bis zu kopfgrosse Steine stürzten in unmittelbarer Nähe bis zu uns herab», berichtete einer der beiden später, ein 33-jähriger Arzt aus Berlin.

In der exponierten Lage hätten sie versucht, sich in der Wand so gut wie möglich unter Vorsprüngen zu schützen, und bald entschieden, möglichst schnell den Rückzug anzutreten und sich abzuseilen. «Die Situation war unmittelbar lebensgefährlich», sagen die Kletterer. Beide standen – wen wunderts? – Todesängste aus. Einige der Steine, die in rasender Geschwindigkeit aus über 350 Meter Höhe niederprasselten, hätten sie und das Seil nur knapp verfehlt, ein «Querschläger» traf einen von ihnen am Oberschenkel.

Zurück beim Wandfuss, beobachteten sie, wie zwei Basejumper vom Band unterhalb des Gipfels in direkter Falllinie über ihnen einen Absprung machten. «Danach war der Steinschlag schlagartig vorbei.» Deshalb war für die Kletterer eindeutig, dass die beiden Basejumper den Steinhagel ausgelöst hatten, und sie stellten sie dann auf dem Wanderweg zur Rede. Die Basejumper, zwei Italiener, sagten, sie hätten den Sprung «gebucht». «Ein lokaler Anbieter hätte für sie die Absprungstelle ‹freigeräumt und vorbereitet und ‹die Security-Line› installiert», sagt der Arzt. «Völlig fassungslos über die Fahrlässigkeit und die Rücksichtslosigkeit zogen wir uns resigniert zurück.»

Dieses Video zeigt einen Basejump von der Grossen Zinne, zu sehen sind auch Kletterer in der Wand:


Fassungslos – das macht die Geschichte tatsächlich. Fassungslos in verschiedener Hinsicht:

1. Dass es kommerzielle Anbieter von Basejumps gibt, war mir neu. Aber gut, wenn Nicht-Ortskundige aus Sicherheitsgründen Ortskundige beiziehen, ist das durchaus sinnvoll. Nur müssten die Ortskundigen dann auch ortskundig genug sein, um zu wissen, dass sich in der Nähe des Orts noch andere Leute aufhalten könnten, deren Leben man gefährdet, wenn man nicht aufpasst. Wie kann einer ausblenden, dass Kletterer in der berühmten Nordwand der Grossen Zinne keine Seltenheit sind? Wie kann einer einen Startplatz «freiräumen», ohne zu schauen, ob sich unterhalb jemand befindet?

2. Unterhalb des Wandfusses verläuft ein gut frequentierter Wanderweg, er ist Teil der Drei-Zinnen-Umrundung. Der Arzt schreibt in seinem offenen Brief: «Dieser Wanderweg war – ebenso wie wir – dem Steinhagel ausgesetzt. Es war alleine dem Zufall geschuldet, dass dort unten niemand erschlagen wurde.»

3. Man möchte hoffen, dass der Vorfall frei erfunden sei. Doch dem scheint nicht so. Die Südtiroler Zeitungen haben das Thema aufgegriffen, die Sektion Koblenz des Deutschen Alpenvereins hat den Bericht des Kletterers auf sozialen Medien weiterverbreitet.

4. Als Auslöser des Steinschlags hat sich bisher noch kein «kommerzieller Anbieter» bekannt respektive entschuldigt. Zurück bleibt im Moment die Frage: Was ist das? Egoismus pur? Geldgier? Dummheit? Tatsächlich ein Fall für die Carabinieri?

5. Die Grosse Zinne ist definitiv nicht der einzige Berg, an dem sich Basejumper, Kletterer, Alpinisten und Wanderer tummeln. Aber hat man schon jemals von einer solchen Verantwortungslosigkeit gehört?

SCHWEIZ LAUTERBRUNNEN BASEJUMPING

Basejumper müssen wissen, ob andere in der Nähe sind, die sie gefährden könnten: Sprung in Lauterbrunnen. Foto: Photopress, Keystone

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Laufen und lesen, lesen und laufen

Pia Wertheimer am Montag, den 11. August 2014

Sport, und speziell das Laufen, haben seit jeher auch die Kulturschaffenden inspiriert, zu eigener sportlicher Betätigung oder zur Umsetzung in literarische Werke. Hier fünf Buchtipps zum Thema Laufen – und ein Spezialhinweis.

1. Haruki Murakami: «Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede»

murakami-laufenEin Muss für jeden Laufbegeisterten. Haruki Murakami lässt den Leser tief in seine Privatsphäre blicken – ohne sie schönzureden. In diesem Buch habe ich mich x-fach wiedererkannt – ich teile die beiden Leidenschaften des japanischen Autors: schreiben und laufen. Die Aussage «Normalerweise mag ich Strecken mit Steigungen, weil ich dort andere Läufer überholen kann. In den Hügeln des Central Parks muss ich mich aber geschlagen geben», könnte von mir stammen. Auch Haruki Murakami sucht immer wieder seine ganz persönlichen Grenzen. Und zeitweise gilt auch für mich: «Auch wenn es zwei von mir gäbe, wäre ich nicht in der Lage, all das zu erledigen, was ich sollte. Was aber auch geschieht, ich halte mein Lauftraining aufrecht.» Murakami legt in seinem süffig geschriebenen Werk den Finger auf «Wunden» – auf Probleme von Menschen, die intensives Training und ein ebensolches Berufsleben unter einen Hut packen wollen, weil Laufen ihnen einen wertvollen Ausgleich bietet. Murakami ist dabei kein Moralapostel, sondern erfrischend ehrlich – ganz zur Erheiterung des Lesers. Sein Werk ist eine gelungene Mischung aus Erzählung und Denkanstoss.

Haruki Murakami, Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede. btb 2010, ca. 26 Franken

Quelle: Youtube


 

2. Laura Hillenbrand: «Unbeugsam»

Hillenbrand1Der Tod von Louis Zamperini vor einigen Wochen liess mich eine unglaublich bewegende Geschichte entdecken. Laura Hillenbrand hat das Leben eines Mannes niedergeschrieben, der dem Tod etliche Male von der Schippe sprang. Auf ihrem Werk basiert der neuste Film von Hollywood-Diva Angelina Jolie. «Unbeugsam» schildert die Geschichte des Sprosses einer italienischen Migrantenfamilie, der in Kalifornien aufwächst. Zamperini wird von seinen Mitschülern gefoppt und bekommt es immer wieder mit den Ordnungshütern zu tun. Sein Bruder schickt ihn ins Leichtathletiktraining, um ihn von der Strasse zu holen. Dort tut der junge Mann, was er am besten kann: laufen. Seine rasante Erfolgsgeschichte führt ihn an die Olympischen Spiele in Berlin (1936) und beschert ihm eine Audienz bei Adolf Hitler. Als Heckschütze eines amerikanischen Bombers zieht er in den Zweiten Weltkrieg.
Er überlebt nach einem Flugzeugabsturz über dem Atlantik 47 Tage auf hoher See in einem Rettungsfloss und trotzt zwei Jahre lang den Torturen eines Gefangenenlagers, bevor er nach Amerika zurückkehrt, wo sein Leiden noch kein Ende nimmt. Spannung und Tränen sind bei der Lektüre garantiert.

Laura Hillenbrand, Unbeugsam. Klett-Cotta 2011, ca. 33 Franken

Quelle: Youtube


 

3. John L. Parker: «Cassidys Lauf»

Parker1Bei diesem Kultbuch zum Thema Laufen heisst es: träumen erlaubt. John L. Parker entführt den Leser mit zuweilen humorvoller Schreibe in das leidenschaftliche Leben eines Eliteläufers. Protagonist Quenton Cassidy studiert und erläuft im Team seiner Universität regelmässig Erfolge. Sein erklärtes Ziel ist es, eine Meile (1609 Meter) in weniger als vier Minuten zurückzulegen. Das verlangt ihm etliche Opfer ab: Er bricht sein Studium ab, zieht hinaus aufs Land und lässt seine Beziehung in die Brüche gehen. Parker – selbst ein ambitionierter Läufer – weiss, wovon er spricht, wenn er über das Laufen schreibt. Das merkt man. Die teils minutiösen Schilderungen des Alltags empfand ich keineswegs als langweilig, im Gegenteil. Die Authentizität wirkt wie ein Sog – hinein in die Dunkelheit, die Cass bei seinen nächtlichen Trainings umgibt, hinaus an die Wettkämpfe. Gut vorstellbar, dass Parker mit der Geschichte nicht nur Menschen berührt, die mit viel Herzblut auf ein sportliches Ziel hingearbeitet haben – denn für einen Traum Opfer bringen müssen nicht nur Athleten. Am Schluss des an die 300 Seiten schweren Werks kann ich jedenfalls nicht anders, als mit Cass mitzufiebern – der magischen 4-Minuten-Grenze entgegen.

John L. Parker, Cassidys Lauf. Aufbau-Verlag 2011, ca. 30 Franken

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4. Frank Lauenroth: «Boston Run»

Lauenroth1Der deutsche Autor Frank Lauenroth ahnte nicht, welche Brisanz der Titel seines Marathon-Thrillers «Boston Run» im Jahr 2013 erlangen sollte, als bei der Ziellinie des Boston Marathons zwei Bomben detonierten. Er schrieb das Buch einige Jahre früher. Der rund 200-seitige Thriller hat denn auch nichts mit dem Attentat der Brüder Dzhokhar und Tamerlan Tsarnaev zu tun, mit der Ziellinie des Marathons in Boston hingegen sehr wohl. Wenn Brian Harding sie überqueren wird, soll in seinem Körper keine Spur des neuen Dopingmittels zu finden sein. Die NSA will aber der Dopingformel habhaft werden. Sie muss dies also tun, noch bevor Harding ins Ziel läuft – die Agenten haben dafür genau 42 Kilometer und 195 Meter Zeit. So der Plot des fesselnden Buches. Der Autor schaut beim Erzähltempo eher nicht bei den Langstreckenläufern ab, die Geschwindigkeit gleicht eher einem Sprint – und ist genauso packend, auch ohne grosses Blutvergiessen. Lauenroth – auch er ein Marathonfinisher – schafft es, dass mir sein betrügerischer Läufer sympathisch wird. Und nicht nur das, er strapaziert mit verschiedenen unerwarteten Wendungen meine Nerven. Dazu aber nur so viel: Das Finale überrascht. Die Fortsetzung von «Boston Run» erschien 2012 und heisst «New York Run» – es steht auf meiner To-read-Liste.

Frank Lauenroth, Boston Run. Sportwelt 2010, ca. 14 Franken


 

5. Tom McNab: «Trans-Amerika»

McNab1Man schreibt das Jahr 1931, als der Promoter Charles C. Flanagan einen Lauf von Los Angeles nach New York organisiert. Tim McNab bettet seinen Roman in die historischen Begebenheiten der Depression und trifft mit der geschichtlichen Anlehnung absolut meinen Geschmack. Er hat sich beim «Great Bunion Derby» in den 1920er-Jahren Inspiration geholt (mehr dazu im Artikel von «Runner's World»). Die Strecke des Laufs im Buch von McNab führt die Athleten von der Stadt der Engel über die Rocky Mountains und durch Chicago bis nach New York, wo eine horrende Siegesprämie auf den Gewinner wartet – die reinste Verlockung in einer von Arbeits- und Hoffnungslosigkeit dominierten Gesellschaft. Die Läufer kämpfen deshalb besonders erbittert um den Sieg. Die Kontrahenten könnten verschiedener nicht sein – was ebenfalls zum Reiz der Geschichte beiträgt: Unter ihnen ist ein Gewerkschafter, der des Mordes verdächtigt wird; ein Sprinter, der in einer Kohlengrube arbeitet; ein Lord und eine junge Tänzerin. McNab lässt sie alle der Ziellinie entgegenlaufen und dabei Momente des Schmerzes und der Hoffnung erleben. Die Frage, mit der wohl jeder Leser am Schluss kämpft: Wem gönnt er den Sieg?

Tom McNab, Trans-Amerika. Aufbau-Verlag 2010, ca. 18 Franken

Das «Bunion Derby» (1929) war als Lauf quer durch die USA das Vorbild für Tom McNabs Buch «Trans-Amerika»:
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Und hier der Spezialtipp ausser literarischer Konkurrenz, wie es sich für einen Olympiasieger gehört:

Dieter Baumann: «Laufende Gedanken»

Layout 1Mein Geheimtipp! Dieter Baumanns Leben ist genauso facettenreich wie die Sammlung von Kurzgeschichten, die in seinem Buch vereint sind. Der einstige Olympionike ist ein erfolgreicher, deutscher Leichtathlet, der 1999 positiv auf Doping getestet wurde. Ein Jahr später sprach der Deutsche Leichtathletik-Verband ihn vom Vorwurf des vorsätzlichen Dopings frei. Als möglichen Grund für den positiven Test präsentierte Baumann damals mehrere präparierte Zahnpastatuben, die bei Versuchen zu einer vergleichbaren Konzentration von Dopingrückständen im Urin führten. Der Internationale Leichtathletik-Verband sperrte ihn trotzdem bis Januar 2001. Die Geschichte wurde deshalb als Zahnpasta-Affäre bekannt. Baumann thematisiert den Vorfall selbstironisch in seinem Kabarettprogramm und bezeichnet sich dort als Zahnpaschta-Män. Im 200-Seiten-Buch vereint Baumann Kolumnen, die er zum Thema Laufen verfasst hat. Er schildert darin etwa, dass ein Läufer, der einige Zeit unterwegs ist, den «läuferischen Idealzustand» erreicht und an nichts mehr denkt. Schon erlebt? Ich schon – ein Hochgenuss! Oder das berauschende Glücksgefühl, wenn ich mich übermütig der Verlockung eines spontanen Tempotrainings hingebe und zwar nicht, weil es im Plan so vorgesehen ist, sondern weil ich Lust darauf habe – ebenfalls schon erlebt! Baumann gibt aber in seinem Buch auch Anekdoten aus seiner Zeit als Profisportler zum Besten, Einblicke in eine zuweilen skurrile Welt – etwa seine Erlebnisse beim Training mit den Einheimischen von Nyahururu, der höchstgelegenen Stadt Kenias. Der Kabarettist kann aber auch tiefer schürfen – so hab ich von ihm gelernt, was ein Lebensläufer ist.

Dieter Baumann, Laufende Gedanken. Klöpfer & Meyer (z. Zt. nur antiquarisch erhältlich)

Baumanns Schweiz-Premiere als Kabarettist – in Markus Ryffels Runningshop in Uster:

Outdoor

Ein Klassiker der Romandie

Thomas Widmer am Freitag, den 8. August 2014

Diese Woche von Derborence über den Pas de Cheville nach Gryon (VS/VD)

Wir fuhren im Bus von Sion Richtung Derborence. Nach dem Dörfchen Aven schied sich das Passagiergut blitzartig. Die Abgebrühten drängten an die Fenster zur Linken, so sie nicht schon dort sassen, und zückten ihre Kameras und Handys. Die nicht so Abgebrühten wiederum, die mit der Höhenangst, taumelten bleich auf die rechte Seite des Busses und hielten sich die Augen zu.

Die Schlucht der Lizerne ist ein Walliser Höllenschlund. Die enge Strasse verlangte dem Chauffeur alles ab. Einige Male fuhren wir hart an der Kante. Ich gehörte zwar zur Linksfraktion, musste aber schwer schlucken. Und die Gruselpassage wollte nicht enden.

Albtraum bewirkt Traum

Dann wurde alles lieblich, wir erreichten den Kessel von Derborence unterhalb des Diablerets-Massivs. Berühmt ist sein Urwald aus Fichten, Föhren, Lärchen, Birken, Weiden – der Traum aller Grünen. Das Idyll ist allerdings aus dem Schrecken geboren. Aus der Katastrophe. 1714 kamen die Diablerets ins Rutschen. Die Felsmassen verschütteten viele Hütten, töteten 15 Menschen und 100 Stück Vieh. Der Roman «Derborence» handelt davon. Dichter Charles Ferdinand Ramuz erzählt wundersam lakonisch vom jungen Bauern Antoine, der eines Tages wie ein Zombie – okay, das Wort ist jetzt nicht Ramuz – ins Dorf hinab wankte, zu seiner jungen Frau, die ihn tot glaubte.

1749 kam gleich noch einmal Geröll herab. Es staute den See auf, an dem wir nun standen. Wir tunkten die Füsse ins milchige Wasser, vermuteten in einem Baumstamm ein Krokodil, tranken einen Kaffee auf der Prachtterrasse des nahen Restaurants. Und wir beschlossen ad hoc, den Pas de Cheville zu machen; wir hatten den Wanderplan des Tages vorher nicht ausformuliert.

Der Pas de Cheville ist ein leichter Übergang hinüber zum Alpboden von Anzeindaz im Nachbarkanton Waadt. Man findet die Route in fast jedem Wanderbuch der Romandie, sie ist ein Klassiker. Wir gingen los, eroberten uns den Zwischenboden von Le Grenier mit einer Alpwirtschaft; der Weg schlängelte sich hernach in Kehren hinauf zum Pass. Schön, die nahen Berge wie Tête Pegnat und Tête Tsernou. Die meisten Gipfel konnten wir als Regionsfremde allerdings nicht benennen.

Gedächtnis verschüttet

Vom Pass hielten wir über sanft sich senkenden Alpboden vorbei an immer neuen Kuhballungen nach Anzeindaz. Dort kehrten wir ein, tranken etwas in einer Alpwirtschaft, die nach der nahen Tour d'Anzeindaz benannt ist, sozusagen ihrem Hausberg. Da war viel Volk; man ist am Pas de Cheville bei gutem Wetter nie einsam. Danach die Steilstufe hinab nach Solalex und dort noch mehr Leute und dazu viele Autos. Souverän überragte der Felsriegel Arête de l'Argentine das Gewusel.

Wir hätten in Solalex den Bus Station La Barboleuse nehmen können. Doch wir waren erst drei Stunden gelaufen. Verlängerung! Auf leichten Wegen wanderten wir hinüber ins Touristendorf Gryon und nahmen erst dort das Zahnradbähnchen hinab nach Bex im Rhonetal. Mir kam das Zuckelding sehr, sehr bekannt vor; eine Kindheitserinnerung zuckte auf. Gryon ist der Nachbarort von Villars-sur-Ollon. Mit den Eltern und Geschwistern war ich dort in den späten Sechziger- oder frühen Siebzigerjahren in den Ferien. Die Jahrzehnte seither und all ihre Ereignisse haben mein Gedächtnis verschüttet wie das Geröll die Gegend von Derborence.

***

Route: Derborcnce (Anreise mit dem Bus ab Sion via Aven, nur ein Morgenbus) - Le Grenier - Pas de Cheville - Anzeindaz - Solalex - La Benjamine - Matélon - Gryon Bahnhof.

Wanderzeit: 4¾ Stunden.

Höhendifferenz: 640 Meter aufwärts, 962 Meter abwärts.

Wanderkarte: 272 T St-Maurice, 1: 50'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Gryon mit dem Bähnlein hinab nach Bex im Rhonetal.

Kürzer: In Solalex aufhören. Mit dem Bus nach La Barboleuse, Gare. Mit dem Bähnlein hinab nach Bex. 3 Stunden. Je 580 Meter auf- und abwärts.

Charakter: Leichte Bergwanderung, etwas steil im Aufstieg von Le Grenier zum Pas de Cheville. Viel Alpenflora, gewaltige Berge rundum.

Höhepunkte: Die Postautofahrt nach Derborence. Der milchige See. Die lange Alprinne hinab nach Anzeindaz. Die Bergkulisse von Gryon.

Kinder: Gut machbar.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: Refuge du Lac direkt am See, kein Ruhetag, o27 346 14 28. Gîte du Grenier de Cheville, in der Alpsaison offen. Refuge de La Tour d'Anzeindaz, kein Ruhetag. Restaurant du Miroir de l'Argentine in Solalex, Mo/Di geschlossen.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

Outdoor

Schalten unter Strom

Jürg Buschor am Donnerstag, den 7. August 2014
Bike4

Härtetest beim Mountainbike-Weltcup in Albstadt (D): Der Schweizer Fabian Giger fährt mit der XTR Di2 auf den 4. Rang. Foto: Paul Lange und Co. OHG

Lange ists her! Bereits 1999 brachte die französische Komponentenmarke Mavic mit der Mektronik eine elektronische Schaltung für Rennräder auf den Markt. Betrachtet man die Innovationsfähigkeit der Mountainbikebranche, könnte man sich fragen, weshalb die Idee nicht schon längst für den Offroadgebrauch adaptiert worden ist.

2015 soll sich das ändern, wenn Shimano mit der neuen XTR Di2 den Mountainbikern zu energiegeladenen Gangwechseln verhelfen will und der steinzeitlich anmutende Seilzug auf den Müllhaufen der Mountainbike-Geschichte gekippt werden soll. Der japanische Komponentenriese ist auf dem besten Weg, sein neues Prunkstück XTR Di2 zur Serienreife zu bringen. Nach ausgiebiger Testphase wird das System schon von Profis wie Julien Absalon oder dem Schweizer Fabian Giger einem Härtetest im Mountainbike-Weltcup unterzogen. Zur kommenden Saison soll auch die breite Masse «unter Strom gesetzt» werden. 2015 wird die High-End-Gruppe im Bikeladen offiziell erhältlich sein.

Softwarecheck statt Schraubenschlüssel – sollte einem diese «Innovation» nicht eher Sorgenfalten auf die Stirn treiben? Ist es den Lustgewinn durch etwas knackigere Schaltvorgänge tatsächlich wert, sich einer sensiblen Elektronik auszuliefern? Fest steht – wenns mal hakt, wirds schwer, der Sache am heimischen Montageständer auf den Grund zu gehen.

Bike3Klein

Der Biker entscheidet nur, ob er einen tieferen oder höheren Gang will – der Kettenblattwechsel erfolgt automatisch. Foto: Paul Lange und Co. OHG

Ich will nicht schwarzmalen. Es ist durchaus davon auszugehen, dass Shimanos neues Baby dauerhaft funktioniert und sich auch von den Belastungen im Gelände nicht erschüttern lässt. Was der Branchenprimus anpackt, hat in der Regel Hand und Fuss. Aber wer will schon seine Feierabend-Trailtour joggend in Laufschuhen absolvieren, weil nach dem letzten längeren Biketrip der Akku nicht am Ladegerät gelandet ist? Und sind die Vorteile die rund 1000 Franken wirklich wert, die die Komplettgruppe der elektronischen XTR voraussichtlich mehr kostet als das mechanische Pendant?

Innovationsdrang mit Folgen

Aber hat nicht jede Innovation vor ihrem Durchbruch mit Zweifeln zu kämpfen? Die klassische Scheibenbremse galt lange genug als Nischenprodukt. Zu schwer, zu teuer und überhaupt: Was bitte mache ich, wenn mir auf der Tour die Leitung reisst? Keine 15 Jahre später sind die kraftvollen Stopper vom Mountainbiken nicht mehr wegzudenken. Von Nachteilen spricht niemand mehr.

Auch in der XTR Di2 steckt durchaus Potenzial. Die Schaltvorgänge, vor allem unter Last, sollen auf einem neuen Niveau ablaufen. Zudem erlaubt die Technologie Syncro-Shift das einhändige Schalten – auch wenn man mit zwei oder drei Kettenblättern unterwegs ist. Der Biker gibt nur vor, ob er einen leichteren oder schwereren Gang treten will – Syncro-Shift erledigt den Rest. Wird die Kettenlinie zu schräg, erfolgt der Kettenblattwechsel automatisch. Hinzu kommt eine völlige Unabhängigkeit von Matsch und Schlamm – zumindest was die Kabelführung anbelangt. Die Elektroleitung kann sich schliesslich nicht zusetzen wie ein klassischer Kabelzug.

Früher Scheibenbremse und Federgabel, aktuell versenkbare Sattelstütze und neue Laufradgrössen: Sogenannte Innovationen entwickeln sich im Laufe der Zeit zum Standard, der nicht mehr wegzudenken ist. Aber zugegeben: Nicht jede Neuheit hat das Zeug zum Klassiker. Die Entwicklung der elektronischen Bikeschaltung wird die Szene in den kommenden Jahren aber mit Sicherheit in Atem halten – Ausgang ungewiss.

Wird sich die elektronische Schaltung Ihrer Meinung nach durchsetzen? Brauchen die aktuellen Schaltsysteme überhaupt eine Verbesserung? Was halten Sie generell von Elektronik am Bike?

Outdoor

Das Wunder aus dem Kraftraum

Outdoor-Redaktion am Mittwoch, den 6. August 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*

OB

Ganz so viele Muckis hat sich unser Autor (noch) nicht antrainiert. Aber die Arbeit im Kraftraum hat sich im Fels bereits ausbezahlt. Foto: Istolethetv/flickr

Kraftraum – nein danke! So dachte ich bis vor kurzem, und wenn ich mal durch ein Fenster in so eine Trainingshalle blickte, kamen mir die Menschen, die sich an diesen seltsamen Maschinen abstrampelten, vor wie Androiden in einem Science-Fiction-Film – während draussen die Sonne schien, der Flieder duftete und die fernen Berge im Frühlingsschnee glänzten. Bis vor kurzem, sage ich. Denn inzwischen bin ich bekehrt.

Training war für uns junge Kletterer in den Sechzigerjahren ein Begriff, der vielleicht für Fussballer oder Marathonläufer Bedeutung besass, aber doch nicht für Bergsteiger. Wir schwebten in höheren Sphären, denn Bergsteigen war «mehr als Sport» – ich glaube, diese Auffassung herrschte sogar im Alpen-Club vor. Training würde diese hehre Beschäftigung mit dem Gebirge irgendwie ins Profane herunterholen, das Klettern auf die gleiche Stufe stellen wie Waffenlauf oder Kugelstossen. Ein ehemals berühmter Bergsteiger, der einiges älter war als wir, kletterte zwar gelegentlich nach Feierabend beim Bahnübergang in Uster an einem Nagelfluhwändchen herum. Skurril, aber na ja, der Mann war schon über vierzig und seine grossen Tagen waren Geschichte.

Der Gedanke einer Kletterhalle lag ferner als die Antarktis

Der Winter war für Skitouren da, im Frühling luchsten wir mit dem Feldstecher ins Wägital, und wenn sich unter den Bockmattlifelsen ein aperer Fleck zeigte, gings los zur ersten Klettertour. Und die war stets die Hölle. Im Herbst waren wir noch locker durch die Namenlose Südwand geturnt, im Frühling quälten wir uns wieder von Haken zu Haken und litten anschliessend eine Woche lang unter Muskelkater. Erst gegen Sommer kamen wir so richtig auf Touren, falls es nicht den ganzen Frühling geregnet hatte. So ging das Jahr für Jahr. Kletterhallen gab es nicht, selbst der Gedanke, dass wir dereinst an Plastikgriffen in einer alten Industriehalle in der Agglo, umtobt von Kindergeschrei und heiser vom Magnesiastaub, unsere Muskeln und Fingerkraft stählen würden, lag uns ferner als die Antarktis. Selbst der Klettergarten auf der Mettmenalp, wo damals schon SAC-Sektionen und Naturfreunde über Pfingsten an den Felsblöcken übten, war weit unter unserer Würde. Unser Klettergarten war das Bockmattli mit der 400 Meter hohen Nordwand.

Es gab Freunde, die das Klettern aufgaben, als die Kletterfinken aufkamen und uns die Jungen leichtfüssig um die Ohren tänzelten. Zürcher Freaks trabten am Feierabend auf den Uetliberg, hängten sich in die Fingerlöcher der Nagelfluhblöcke unter dem Kulm, trainierten wie wild und brachten so Begriffe ins Spiel wie «all free» oder «rotpunkt». Im Bockmattli eröffneten sie Routen, wo wir nicht einmal den ersten Haken erreicht hätten. Das war hart, aber mit der Zeit bin ich doch so etwas wie ein Sportkletterer geworden und klettere, wenns geht, «rotpunkt». Doch mit den Jahren begann sich die Leistungskurve nach unten zu neigen, während – alterstypisch – die Ehrgeizkurve steil nach oben ausschlug. Was tun?

Eine Bekannte – sie ist auch schon über siebzig – schwärmte während einer Einladung bei Wein und feinem Essen vom Kraftraum, den sie seit zwei Jahren besuche. Ich meldete mich an, wurde von einer sportlichen Dame an den Maschinen instruiert und schaffte letzthin im Fels nach langer Zeit wieder mal eine 6c – «on sight», wohlverstanden.


Quelle: Youtube

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer.

 

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