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Wir machten aus dem Hunger eine Kunst

Thomas Widmer am Freitag, den 27. März 2015

Diese Woche von St. Gallen auf den Kaienspitz und nach Heiden (SG/AR)

Mir und meinem Grüpplein gefällt das immer wieder: aus einer Stadt hinauswandern. Diesmal ist unser Startpunkt St. Gallen und das Ziel der Ausserrhoder Kurort Heiden hoch über dem Bodensee. Dessen Glück wurzelt im Unglück: 1838 brannte Heiden in einem Feuer nieder, das der Föhn nährte. Der Wiederaufbau machte das Dorf zum klassizistisch-biedermeierlichen Bijou.

Vom Bahnhof St. Gallen ziehen wir an den Rand des Klosterviertels. Am Wildbach Mülenen geht es, parallel zum Mühlegg-Bähnchen, steil aufwärts. Oben erreichen wir einen Panoramaweg: Zur Rechten zieht sich das Areal Drei Weieren, eine der schönsten Badeanlagen im Land. Zur Linken liegt unter uns die Stadt. Hinter ihr glitzert der Bodensee in der Sonne – wir haben strahlendes Wetter und strahlen selber.

Gemein, Restaurant zu!

Bei der Notkersegg erreichen wir das Kloster Maria vom guten Rat. Eine Kapuzinerinnen-Gemeinschaft hält sich hier tapfer. Wir schauen kurz in die Kirche. Dann eine stark befahrene Strasse mit angegliedertem Bahngeleise, die Verbindung St. Gallen–Speicher–Trogen. Hernach wird es sehr schnell sehr ländlich. Und es geht bald abwärts ins Gebiet Schaugen. Feucht ist es in dem Geländeloch und sumpfig, dafür erfreuen uns Primelteppiche. Über zwei kleinere Bäche kommen wir zur Goldach. Sollen wir in der Achmühle einkehren? Es ist noch etwas früh, wir verzichten schweren Herzens; Internetauftritt und Karte sind anmächelig.

Was wir an Höhe verloren haben, müssen wir uns nun wieder erkeuchen. Wir schwitzen in der Sonne, freuen uns auf das «Urwaldhaus» in der Streusiedlung Robach – dort wollen wir essen. Gemein, dass das Lokal, das ich noch aus meiner Kindheit kenne, geschlossen ist: Wirtewechsel. Es öffnet im Mai wieder.

Das Urwaldhaus ist ein Appenzeller Unikat. Nur schon der Name. Eigentlich heisst die Wirtschaft in dem Haus aus dem 16. Jahrhundert Bären. Aber seit in ihm vor gut 60 Jahren die «Bären-Frieda» wirtete, die die Balken des Hauses mit Urwald-Baumstämmen verglich und das passende Fantasie-Schild malen liess, dominiert der exotische Name. Hier gibt es übrigens auch eine Zimmerschützenanlage von neun Metern Länge, ein Gaudi für Gruppen.

Aufwärts und aufwärts und aufwärts, ein Knurren im Magen. Im Gupf, einem Restaurant mit aufwendiger Küche, könnten wir wieder einkehren, der Blick zum Säntis und zum Bodensee ist überwältigend. Wir müssen allerdings feststellen, dass der hinterste und letzte Platz besetzt ist. Und das ganz offensichtlich von Nichtwanderern; der Parkplatz ist vollgestellt mit teuren Autos, zudem steht neben dem Restaurant ein Helikopter.

Schneeschlittern

Gefasst gehen wir weiter, die Wiesen, der weite Himmel und die letzte Steigung zum Kaienspitz lenken uns ab. Nicht, dass dieser Hügel etwas ganz Besonderes wäre; er ist Teil der allgemeinen Kupiertheit der Gegend, bildet aber doch mit 1122 Metern den höchsten Punkt unserer Route. Hernach ein übriggebliebenes Schneefeld, das wir hinabschlittern und dabei grinsen wie Kinder.

Das Naturfreundehaus Kaien ist offen. Wir kehren ein, trinken ein Bier, essen aber immer noch nichts; wir haben uns unterdessen geeinigt, aus dem Hunger eine Kunst zu machen und erst am Schluss in Heiden zuzulangen. Herrlich ist der Apéro in der Frühlingssonne. Bald darauf erreichen wir Heiden und haben derart Appetit, dass wir die Biedermeierhäuser kaum anschauen. Wanderer sind durchaus interessiert an Kunst und Kultur. Aber nur, wenn die Kalorien gesichert sind.

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Route: Bahnhof St. Gallen - Mühlegg-Bähnli - Drei Weieren - Notkersegg - Hueb - Schaugen - Riet - Schaugentobel -  Tobel - Sumpf - Städeli - Achmühle - Ochsenbühl - Robach - Berg - Gupf - Oberkaien - Kaienspitz - Naturfreundehaus - Schwanteln - Ober Brunnen - Heiden, Dorfplatz/ Post (Bus).

Wanderzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 767 Meter auf-, 635 abwärts.

Wanderkarte: 227 T Appenzell und 217 Arbon, 1: 50'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Postauto von Heiden nach St. Gallen.

Charakter: Befreiung von der Stadt St. Gallen, Eroberung des Appenzeller Hügellandes. Aussichtsreich und recht anstrengend, weil das Gelände kupiert ist. Schöner Bodensee- und Alpsteinblick.

Höhepunkte: St. Gallen und der Bodensee von Drei Weieren aus. Die Badeanlage Drei Weieren selber. Die Achmühle in ihrem Loch. Der kecke Kaienspitz als Inbegriff appenzellischen Hügelwesens.

Kinder: Keine Probleme.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Mehrere Möglichkeiten. Achmühle: Mi bis Sa ab 11 Uhr, So ab 10 Uhr. Durchgehend warme Küche, schöne Karte mit deftigen Speisen. Das Urwaldhaus ist im Umbau und erst ab 6. Mai wieder offen. Gupf: Mi bis So. Teures Lokal. Naturfreundehaus Kaien (Kaienhaus): Jeweils von Sa 14 Uhr bis So 17 Uhr. Einfache Speisen, schöne Terrasse. Am Schluss in Heiden gibt es mehrere Möglichkeiten.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Genug von der Ski-Maschinerie

Outdoor-Redaktion am Donnerstag, den 26. März 2015

Ein Gastbeitrag von Malin Auras*

Das französisch-schweizerische Skigebiet Les Portes du Soleil gehört mit 200 Bahnen zu den grössten der Welt: Sessellift in Champéry VS. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Das französisch-schweizerische Skigebiet Les Portes du Soleil gehört mit 200 Bahnen zu den grössten der Welt: Sessellift in Champéry VS. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Grösser, schneller, perfekter – in den Skigebieten wird ausgebaut, erweitert, verbunden und modernisiert. Die Lifte werden schneller und komfortabler, die Pisten perfekt und lückenlos beschneit, die Infrastruktur stetig ausgebaut. Ziel ist es, den Skifahrern möglichst bequem Zugang zu möglichst vielen Pistenkilometern zu verschaffen und ein abwechslungsreiches Drumherum zu bieten. Schliesslich sollen die Gäste in der nächsten Saison wiederkommen – und nicht über Langeweile klagen.

Die Möglichkeit, die knappe Ferienzeit effizient zu nutzen, ist das Gebot der Stunde. Man fährt mit den Ski bis vor die Haustüre, entdeckt an einem Tag diverse Täler und Hunderte, perfekt präparierte Pistenkilometer, lässt sich in beheizten Sesselliften kutschieren und hat alle Einkaufsmöglichkeiten und Wellnessangebote vor Ort.

Klein, aber fein

Trotzdem sind wir mittlerweile nur noch in überschaubaren, wenig überlaufenen Skigebieten unterwegs. Mir genügt ein schöner Skiberg mit ein paar guten Abfahrten und möglichst viel unverbautem, abwechslungsreichem Gelände. Ich entscheide mich bewusst für Gebiete, die nicht aus Pistenautobahnen zwischen endlosen Verbindungswegen und -liften bestehen. Mit einer Ski-Infrastruktur, die sich den Bergen anpasst, statt sie zu überlagern. Ein Gebiet, in dem die Kinder noch «Geheimwege» entdecken, Schanzen finden und Tiefschneeabkürzungen ausprobieren können.

Nirgendwo kann ich mich besser entspannen als im Skiurlaub. Gerade im Winter, wenn man viel zu Hause sitzt, bietet das Skifahren die Möglichkeit, den ganzen Tag draussen zu verbringen. Ich tausche den hektischen Alltag gegen die Einsamkeit der Berge, das perfekt Organisierte gegen das Abenteuerliche, industrialisierten Raum gegen möglichst unverbaute Natur.

Erlebnisbremse

Aber wo bleibt das Abenteuer, wenn die Skigebiete immer besser organisiert sind? Wo bleibt da der Kontrast zu unserem perfekt durchgeplanten Alltag? Finden wir die – in unserer Zeit so propagierte – «Entschleunigung» bei immer schnelleren Liften und endlosen Vergnügungsangeboten? Wo bleiben Ruhe und Erholung, wenn sich tausend Leute auf endlosen Pistenautobahnen tummeln? Und was ist mit der Schönheit der Berge, wenn rundherum nur ein konstruierter Mega-Spielplatz zu sehen ist?

Der Gigantismus in den Skigebieten ist gut für die Liftbetreiber, die Gäste anlocken müssen. Gut für die Hoteliers, die ihre Zimmer vermieten wollen. Gut für alle, die vom Fremdenverkehr abhängig sind. Aber ist immer grösser, schneller, perfekter gut für uns Skifahrer? Brauchen wir das wirklich?

Idylle oder Gigantismus: Was suchen Sie in den Skiferien? Sind kleine, unmoderne Skiresorts noch überlebensfähig? Wie stehen Sie zum weiteren Ausbau der Skigebiete?

Malin*Malin Auras ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für das deutsche Skimagazin «Planet Snow». Am liebsten – wenn auch viel zu selten – ist sie auf zwei Brettern in den Schweizer Bergen unterwegs.

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Wildschutz für die Wirtschaft

Outdoor-Redaktion am Mittwoch, den 25. März 2015

Ein Gastbeitrag von Dominik Osswald*

Für ihn gibt es laut Bundesgericht immer «andere Orte»: Tourengänger im Wallis, mit Blick auf das Matterhorn. Foto: JM Fumeau (Flickr)

Für ihn gibt es laut Bundesgericht immer «andere Orte»: Tourengänger im Wallis, mit Blick auf das Matterhorn. Foto: JM Fumeau (Flickr)

In Zinal und in Nendaz wurden neue Seilbahnen gebaut. Die Konzessionen dazu erteilte das Bundesamt für Verkehr (BAV) unter der Bedingung, dass der Kanton Wallis Kompensationsmassnahmen ergreift. Konkret: neue Wildruhezonen. An beiden Orten wurden daraufhin andere Hänge im Tal zu Wildruhezonen erklärt, womit beliebte Touren- und Freeridegebiete von der Landkarte verschwanden. Die lokalen Bergführer und SAC-Sektionen fühlten sich übergangen und zogen den Fall ans Kantonsgericht, das sie abblitzen liess. Weiter gings zum Bundesgericht – auch dort ohne Erfolg.

Der Entscheid lautet: Weder Bergführerverband noch SAC müssen miteinbezogen werden, wenn der Kanton Wallis Wildruhezonen erlässt. Mitreden dürfen nur die lokalen Tourismusvereine. Man kann davon ausgehen, dass das auch für die restliche Schweiz gilt.

Das ist befremdlich. Skigebiete richten einen Umweltschaden an, den jene zu kompensieren haben, die gezielt die Skigebiete meiden wollen. Das Bundesgericht befand, dass die Tourengänger genügend alternative Möglichkeiten hätten. Im Entscheid steht: «(...) ihre Wahl kann ohne weiteres auf andere Orte fallen, ohne dass ihre Freizeitbeschäftigung gefährdet oder stark eingeschränkt wird.» Angesichts der zahlreichen Möglichkeiten in den Bergen tönt das nachvollziehbar.

Wirtschaft, Wohlstand, nicht Naturverbundenheit

Dennoch gibt es einen Denkfehler. Jeder kennt ihn: Man erkläre der Grossmutter, dass ihre Lieblingsbluse morgen in die Kleidersammlung wandert. Man kaufe eine neue. Kann man es verstehen, dass sie das nicht will, weil sie an ihrer Bluse hängt? Rational gesehen, nein. Menschlich gesehen, ja. Und das ist auch die Konstellation, wo Bergsportler und Richter aufeinandertreffen. Das gegenseitige Unverständnis war programmiert. Es verwundert nicht, dass die Gerichte der Ansicht waren, dass die Bergsportler juristisch zu wenig geltend machen konnten, weshalb sie ausgerechnet auf diese Gebiete nicht verzichten können.

Es ist der klassische Interessenkonflikt einer orts- und naturverbundenen Minderheit, die von einem wirtschaftlich motivierten Kollektiv in die Schranken gewiesen wird. Per Kolumbus hat das überall auf der Welt stattgefunden. Spätestens Disney pflanzte uns mit Pocahontas eigentlich das Bewusstsein ein, dass die Sympathie der Minderheit gehört. Doch im echten Leben wollen wir Wirtschaft und Wohlstand, nicht Naturverbundenheit.

Kampf für Gerechtigkeit

Und so wiederholt sich Pocahontas heute unverändert. Zum Beispiel in Malaysia, im Bundesstaat Sarawak. Dort wo unser letzter echter Held, Bruno Manser, sein Leben liess. Er kämpfte um die Regenwälder zusammen mit den einheimischen Indigenen, den Penan. Für Holzproduktion und Palmölplantagen wurde praktisch der ganze Regenwald abgeholzt. Gouverneur Mahmud Taib erteilte Holzschlagkonzessionen – ohne Mitspracherecht der indigenen Minderheiten.

Heute führen Mansers Nachfolger seinen Kampf für Gerechtigkeit fort. Sie helfen den Penan, ihr Anrecht auf den Regenwald vor Gericht geltend zu machen – etwas, das sie bis anhin kaum schafften. Wieso? Das Gericht befand jeweils, dass die Penan nicht begründen konnten, wieso sie nun genau auf diesen oder jenen Urwaldbaum angewiesen waren. Und plötzlich war der Regenwald weg. Dafür gab es Palmölplantagen, Holz für Teakmöbel und eine Menge Geld für den Gouverneur, der seine Entscheide unter dem Deckmantel «Entwicklung des Bundesstaats Sarawak» fällte.

Die Schweizer Verhältnisse mögen heilig sein dagegen. Aber sie sind im Ansatz identisch. Zwar wird hier um Wildschutz gestritten, also eigentlich um das Gegenteil von dem, wonach Mahmud Taib strebt. Doch man darf sich davon nicht täuschen lassen. Man kann es auch beim Namen nennen: Die Entscheide fallen dahin, wo das wirtschaftliche Interesse liegt, egal ob in Malaysia oder in der Schweiz. Palmölplantagen breiten sich auf Kosten der Penan aus. Skigebiete auf Kosten der Tourengänger.

«Wildschutz» heisst der Deckmantel.

Dominik Osswald*Dominik Osswald ist freischaffender Journalist und Alpinist. Er lebt in Basel.

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Im Notfall hilft das Handy

Pia Wertheimer am Montag, den 23. März 2015
I do believe we're the two most beautiful women out here jogging today. In any case, we're certainly the most colorful...

Diese beiden Frauen haben Rucksack und Tasche dabei. Wer das nicht möchte, kann sich jetzt trotzdem ausweisen. Foto: Ed Yourdon, Flickr.

Sie hat nichts mit Sport am Hut – überhaupt nichts. Trotzdem war es meine Mutter, die mir eine Neuerung in meinem iPhone zeigte, die für mich als Läuferin über Leben und Tod entscheiden kann: den Notfallpass.

Erinnern Sie sich, liebe Leserin und lieber Leser, an das Drama des unbekannten Mannes, das vor rund einem Jahr die amerikanische Laufgemeinschaft erschütterte? Der Läufer brach in einem Park von New York zusammen. Passanten fanden den Mann, der ausser seinen Kleidern lediglich einen Asthmaspray und einen Schlüssel auf sich trug. Er hatte einen Herzstillstand erlitten, seine Hirnfunktionen waren beeinträchtig, sein Zustand kritisch. Der Mann war nicht ansprechbar. Mehr als eine Woche lang rätselte die Polizei über die Identität des Mannes, Aufrufe auf den sozialen Netzwerken fruchteten nicht. Erst als an einer Vegetarier-Konferenz in Brasilien der Hauptredner nicht erschien, schloss sich der Kreis. Der Halbbruder des Mannes meldete sich im Krankenhaus. Für Rynn Berry war es aber zu spät. Die Ärzte hatten die lebenserhaltenden Geräte ausgeschaltet.

Ich weiss nicht, ob es Rynn Berry das Leben gerettet hätte, wäre er früher identifiziert worden. Zumindest hätten seine Liebsten aber dadurch am Spitalbett von ihm Abschied nehmen können. Und in etlichen Notfällen zählt jede Sekunde, Angehörige können die Rettungskräfte mit wertvollen Informationen versorgen. Wir Sportler sind oft inkognito unterwegs, haben lediglich den Hausschlüssel und allenfalls einen Notgroschen dabei – für den Fall, dass wir den Bus zurück nehmen müssen. Doch nur wenige von uns verzichten beim Training auf den wohl treusten Begleiter des Homo technologicus – auf das Mobiltelefon. Es motiviert durch Musik oder zeichnet die sportliche Leistung auf – nur selten taugt es aber im Notfall: Es gibt in der Regel über den Besitzer keine Auskunft, schon gar nicht im gesperrten Zustand.

pass

Der Notfallpass ist auf dem neuen Betriebssystem des iPhones bereits installiert. Foto: Apple.

Und hier kommt der grosse Auftritt meines völlig unsportlichen und technisch nicht sehr versierten Mamis: Von mütterlicher Fürsorge getrieben, wies sie mich jüngst an, auf dem Smartphone einen Notfallpass zu erstellen. Bitte was? Und für einmal tauschten wir die Rollen: Sie zeigte mir etwas auf meinem Mobiltelefon, was ich nicht kannte.

Der Notfallpass versteckt sich in der Health-App, die durch das neuste Betriebssystem von Apple automatisch auf dem iPhone installiert ist. Der Nutzer kann darin Name, mehrere Notfallnummern, ein Bild, das Geburtsdatum, Allergien, Erkrankungen, Blutgruppe und Medikation eingeben. Die für uns Inkognito-Läufer wichtigste Eigenschaft dieses Passes ist aber, dass er zugänglich ist, auch wenn das Handy per Code gesperrt ist. Er erscheint dort, wo Notfallanrufe möglich sind.

Es gibt noch andere Apps, die Sportler auf einen Blick auf dem Mobiltelefon identifizieren. Sie erscheinen auf dem Sperrbildschirm und sind dadurch offensichtlicher erkennbar, verunstalten allerdings das Bild auf dem Bildschirm und sind damit nichts für Ästheten. Die App Runner ID etwa gestaltet mit den Notfallangaben ein Bild, das sie automatisch in der Bildergalerie speichert. Hübscher ist die Lösung der Emergency Profile App; sie kreiert auf einem ausgewählten, persönlichen Bild einen roten Balken mit den Notfallangaben. Die Applikation MyID verlangt eine Registrierung; neben einem Profil entsteht nach einem Aufpreis von 9 Dollar pro Jahr ein QR-Code, der auf dem Sperrbildschirm abgespeichert werden kann und Einsicht in die Notfallinfos gewährt.

Und für all jene, die keinem Anbieter ihre Daten anvertrauen möchten, gibt es eine simple Lösung: Die Identitätskarte inklusive Zettel mit Notfallnummern fotografieren und auf dem Sperrbildschirm speichern. Ästheten können das Bild nach dem Training wieder wechseln!

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Das Stockhorn boykottierte uns

Thomas Widmer am Freitag, den 20. März 2015

Diese Woche von der Station Burgistein nach Amsoldingen BE

Dass es während unserer Berner Wanderung kalt war, dass zeitweise Nieselregen fiel: kein Problem. Was uns hingegen wirklich wurmte, war die fehlende Sicht; es nebelte auch. So sahen wir das Stockhorn nicht, den Riesenzahn, der unsere Unternehmung hätte überragen, leiten, inspirieren sollen.

Aber wie das im Leben so ist – wenn etwas fehlt, konzentriert man sich auf das, was da ist, und weiss dieses Vorhandene umso mehr zu schätzen. Entlang der Gürbe zogen wir von der Station Burgistein vorwärts, mochten die Ruhe des Weges, die Stille der Äcker, die Haselstauden, das angenehme Geradeaus, das zögerliche Erwachen der Natur. Als Kunst im Gelände, als bizarre Tentakel-Installationen, nahmen wir die Strommasten wahr.

Vier Attraktionen auf einen Streich

Einige Zeit nach Wattenwil gingen wir durch eine gedeckte Holzbrücke, kamen ins Gebiet Längmoos, liefen auf einer Art Dammweg und tauschten die Gürbe gegen den Fallbach ein. Dann der Campingplatz im einstigen Kurpark des Bades Blumenstein, dessen Geschichte 1611 begann, als der damalige Besitzer die Lizenz für einen Badebetrieb erhielt. Zügig – Hunger! – querten wir danach Blumenstein, zogen durch das «Moos» Richtung Pohlern, waren nun im Stockentäli.

Dessen Namen erinnerte uns wieder ans Stockhorn. Wo war es? Weiterhin zeigte es sich nicht, ach je!

Wir blieben nicht allzu lange im Stockentäli, verliessen es kurz vor Pohlern, indem wir auf den Wanderweg nach Amsoldingen abbogen, unser Ziel. Amsoldingen enttäuschte uns nicht. Alle vier Attraktionen, die ich meinem Grüppli angekündigt hatte, gefielen. Erstens – vielleicht ein bisschen reserviert, aber doch sehr schön in seinem geschützten Riedgürtel – der Amsoldingersee, ein stattliches Gewässer von gut einem Kilometer Länge.

Zweitens beschauten wir das Schloss; von aussen, versteht sich, es ist Privatbesitz, patrizisches Eigentum. Mit ihm verbindet sich der Name der legendären Madame de Meuron, die es von ihrem Vater erbte, während ihr die Mutter Schloss Rümligen vermachte. Die Madame, 1882 bis 1980, war altes Bern in der Moderne. Lebenslänglich trug sie Trauerkleidung, nachdem ihr Sohn sich das Leben genommen hatte, und führte ein Hörrohr mit sich. «So ghör i nume, was i wott», sagte sie.

Die ottonische Basilika

Drittens besichtigten wir die berühmte Kirche, die einst, vor der Reformation, dem heiligen Mauritius gewidmet war. Es gibt in der Thunerseegegend eine ganze Gruppe frühromanischer Kirchen, diejenige von Amsoldingen hatte ich noch nicht gesehen. Irgendwie unbernisch mutete diese sogenannte ottonische Basilika der Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend an – eine weit nach Norden ausgezogene Botschafterin der lombardischen Architektur. Im Innern war niemand, perfekt, wir verharrten lange, ich schloss die Augen, wäre fast eingeschlafen, wenn nicht mein Magen geknurrt hätte. Ich setzte mich wieder gerade hin und schaute ein paar Dinge auf meinem Handy nach. Interessant: Die originalen Stützen in der Krypta waren römischen Ursprunges und kamen aus Aventicum, also Avenches; im 19. Jahrhundert wurden sie ersetzt und kamen ins Museum.

Fünf Gehminuten weiter fanden wir unsere vierte Attraktion, das Kreuz von Amsoldingen, eine Dorfbeiz, in der man währschaft und doch mit Finesse kocht. Der Rotwein, den wir zum Essen tranken, half, die Fantasie zu beflügeln; so halluzinierten wir uns das Stockhorn herbei, das wir die ganze Wanderung über nicht gesehen hatten.

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Route: Station Burgistein - Gürbe - Wattenwil - Holzbrücke beim Längmoos - Bad Blumenstein - Blumenstein - Mühle - Pohlern - Hof - Kistlern - Glend - Ruedismatt - Kirche und Schloss Amsoldingen - Kreuz, Amsoldingen (Bushaltestelle).

Wanderzeit: 31/4 Stunden.

Höhendifferenz: 156 Meter auf-, 187 abwärts.

Wanderkarte: 253 T Gantrisch, 1:50'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus nach Thun, S-Bahn zur Station Burgistein.

Charakter: Die meiste Zeit geht es angenehm flach der Gürbe entlang. Aparte Kanälchen und Waldwege. Am Schluss Geschichte und Architektur in Amsoldingen.

Höhepunkte: Die Kirche Amsoldingen samt dem Schloss nebenan. Der See von Amsoldingen.

Kinder: Leicht.

Hund: Leicht.

Einkehr: In Amsoldingen das Kreuz. Di/Mi Ruhetage.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Das schwarze Gold der Mountainbiker

Jürg Buschor am Donnerstag, den 19. März 2015


«Das muss wahre Liebe sein!», denke ich jedes Mal, wenn Roland fast schon liebevoll den Staub von seinem Rahmen streicht. Schwarzgrau glänzen die Carbonfasern in der Sonne. Aluminium kommt meinem Kumpel seit Jahren nicht mehr in die Bikegarage – Carbon UND Kondition machen ihn zum Pacemaker unserer Mountainbikegruppe.

Ausgereifte Faser

Carbon am Mountainbike als Fetisch für Liebhaber und Freaks? Diese Zeiten sind schon längst vorbei – die funktionalen Vorteile des Rahmenmaterials überzeugen mittlerweile auch Skeptiker. Die Bikeindustrie hat in über 20 Jahren viel gelernt, die Produktion ist heute ein ausgereifter und standardisierter Prozess. Das Rohmaterial überzeugt durch ein unschlagbares Verhältnis von Gewicht zu Steifigkeit bei gleichzeitig hoher Stabilität. In der Praxis sieht das so aus: Der Premium-Carbonrahmen wiegt 960 Gramm, das Pendant in Aluminium 1590 Gramm.

Der Nutzen des edlen Rohstoffs geht aber weit über die Gewichtsersparnis hinaus. «Ein ganz entscheidender Vorteil von Carbon ist die Möglichkeit, sich die Performance des Rahmens zurechtzuschneidern. Wir können verschiedene Fasern mischen und sie so ausrichten, wie es nötig ist», sagt Joe Higgins, Senior Bike Engineer und Carbonexperte beim Schweizer Hersteller Scott. Von extrasteif bis komfortabel – das schwarze Gold macht den Rahmen zum fein abgestimmten Präzisionswerkzeug.

Tanz auf rohen Eiern?

Und die Zeiten von häufigen Rahmen- und Lenkerbrüchen? Die sind längst vorbei. Korrekt verarbeitet, ist das Rahmenmaterial dauerhafter als ein vergleichbarer Aluminiumrahmen, wie Vergleichstests gezeigt haben. Allerdings sind Alterungserscheinungen im edlen Gewebe kaum zu erkennen – während sich ein Bruch beim Aluminiumrahmen meist durch Verformungen oder kleine Risse ankündigt. Steinschlag und Felskontakt bei Stürzen sorgen im Metall gerne für Dellen – meist ein rein optischer Makel. Die Kohlefasern reagieren auf derartige Gewalteinwirkungen sensibler. Eine kostspielige Reparatur oder gar ein Rahmenaustausch ist nach einem heftigen Sturz ein realistisches Szenario. Ein Blick auf die Garantie- oder Crash-Replacement-Bedingungen der Hersteller lohnt sich vor dem Kauf.

Ruf nach Automaten

Die Fertigung moderner Carbonrahmen ist kleinteilig. Der Standard ist die sogenannte Monocoque-Bauweise. Dabei werden in Harz getränkte Kohlefasermatten in Handarbeit in Formen gelegt. Genau darin liegt auch der Nachteil von Carbonrahmen: Handarbeit birgt das Risiko von Fertigungstoleranzen, die Qualitätssicherung ist ein Knackpunkt. «Es ist eine der grössten Herausforderungen, in der Herstellung über jeden einzelnen Schritt die Kontrolle zu halten», so Higgins. Die Produktionsprozesse sind sehr arbeitsintensiv: «Das macht es schwierig, Carbonrahmen auch in günstigeren Preislagen anzubieten. Fortschritte in der automatischen Herstellung könnten das ändern.» Im Moment bleibt Carbon deshalb zahlungskräftigen Mountainbikern vorbehalten. Wenn die Produktion des kultigen Kunststoffs aber erst einmal weitgehend automatisiert werden kann, schmilzt auch der relative Wettbewerbsvorteil von Roland.

Wird sich Carbon Ihrer Meinung nach als Standardrahmenmaterial für Mountainbikes durchsetzen? Schenken Sie Carbonprodukten am Bike das gleiche Vertrauen wie Metallteilen? Ist der Performancegewinn durch Carbon den Mehrpreis wert?

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Sprung vom Kilimandscharo

Natascha Knecht am Mittwoch, den 18. März 2015

Am 10. Februar 2015 sprang der Russe Valery Rozov als erster Mensch mit Wingsuit und Fallschirm vom Kilimandscharo, dem höchsten Berg Afrikas. Unser Gastautor Thomas Senf* begleitete das russische Team mit der Kamera:

Wie immer war ich für den Funkverkehr mit dem Bodenpersonal kurz vor dem Absprung zuständig. «Noch eine Minute», sagte ich. Das Zeichen, dass alle Kameras laufen müssen und ab jetzt keine weiteren Anweisungen mehr kommen. «Pray to God, nimm das Mikrofon zur Seite», knarzte es aus dem Funkgerät in meiner Jackentasche. Was zum Geier war da unten los? Doch dafür hatte ich jetzt wirklich keine Zeit mehr. Jeden Moment wird Valery Rozov in seinem Fledermauskostüm als erster Mensch vom Kilimandscharo springen. Für mich als Fotograf bedeutet das, dass ich etwa eine Sekunde Zeit habe, um das Foto zu machen, für das sie mich für zwei Wochen nach Tansania geschickt hatten. Valery begann sein «Ready, set …». «Einen Moment», kam es in gebrochenem Englisch von rechts. Alex hielt seine Videokamera etwas ungläubig vor sich. «Meine Speicherkarte ist voll», sagte er seelenruhig. Solcherlei Lappalien brachten mich schon lange nicht mehr um den Verstand. Schliesslich war ich ja nicht zum ersten Mal mit den Russen unterwegs.

Dabei hatte es für unsere Verhältnisse gar nicht schlecht begonnen. Also gut, eigentlich wären wir schon ein Jahr früher gegangen, aber dann hatte Valery sich beim Skifahren die Hüfte gebrochen. In der Luft bewegt er sich eindeutig besser als im Schnee. Unser nächster Versuch war an der russischen Wirtschaftskrise gescheitert. Solche kleine Auf und Ab gehören aber zu Russland wie Wodka und Stöckelschuhe.

Träume von Surferinnen im Biwak

Am Abend vor meinem Abflug hatte ich alles so weit gepackt. Noch schnell Kreditkarten, Telefon und Pass eingepackt. Pass – wo zum Teufel war der jetzt wieder? Nachdem das Haus zum dritten Mal auf den Kopf gestellt worden war, fing ich an zu überlegen, ob ich mir den Arm brechen solle, um eine plausible Begründung zu haben, wieso ich nicht kommen konnte. Doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Er lag auf der Gemeindeverwaltung. Nach einem Telefonat, einem Dankesgebet, in einer 500-Seelen-Gemeinde zu wohnen, und einer guten Flasche Wein aus meinem Keller war ich bereit für Afrika.

Als Bergfotograf hatte ich schon in unzähligen kalten Biwaknächten von einem Surf-Shooting geträumt. Umgeben von schönen Frauen im Bikini. Nur um dann doch immer wieder neben bärtigen und übel riechenden Jungs aufzuwachen. Umso mehr schien mein Leben eine glückliche Wendung zu nehmen, als wir von der lokalen russischen Agentur in Empfang genommen wurden. Lange blonde Haare auf noch viel längeren Beinen wehten im Wind wie in einer Folge von Russlands «Next Topmodel». Schon bald hatte ich aber mit meinen wenigen Brocken Russisch verstanden, dass wir statt der Blondine einen jungen Ukrainer als Guide dabeihaben würden.

Wodka als Erste Hilfe

Im dritten Camp auf 4700 m teilte sich unser Team. Die eine Hälfte würde am Wandfuss warten, um den Flug und die Landung von unten zu dokumentieren. Wir wollten weiter zum Gipfel steigen und einen möglichen Absprungplatz suchen. Allerdings vermissten wir noch unseren ukrainischen Freund, der nicht zum Frühstück erschienen war. Plötzliche laute Rufe auf Russisch und eine gewisse Hektik liessen nichts Gutes vermuten. Tatsächlich war er über Nacht schwer höhenkrank geworden und jetzt fast nicht mehr ansprechbar. Zum Glück hatten wir aber wie bei fast allen Expeditionen Sergei, unseren Doktor, dabei. Bis jetzt hatte er mich nur mit Wodka verarztet, das dafür umso regelmässiger und mit wissenschaftlich fundierten Begründungen. Eine Erste-Hilfe-Flasche trägt er stets griffbereit in der Jackentasche. Wider Erwarten stellte ich aber fest, dass er tatsächlich noch über andere Medikamente verfügte. Mit einer gewaltigen Spritze und einem schnellen Abtransport ins Tal wurde Schlimmeres verhindert. Dabei hatte ich schon die Schlagzeile vor mir gesehen: «Russen ermorden Ukrainer am Kilimandscharo». Der weitere Aufstieg verlief weitestgehend ereignislos.

Die Wand mit dem Absprungplatz war vom letzten Camp nur über den höchsten Punkt zu erreichen. So bestiegen wir in den folgenden drei Tagen den Gipfel fünfmal. Damit sorgten wir für einige Verwirrung am Gipfelkreuz. Immer wieder stiegen wir über eine schuttbedeckte Flanke zum Gipfel, um auf der anderen Seite des Berges wieder zu verschwinden, ohne auch nur den Kopf zu heben. Zurück blieben ein paar verdutzte Gesichter von Gipfelstürmern, welche sich mit Tränen in den Augen in den Armen lagen und fleissig Selfies schossen.

Pray to God

Und jetzt standen wir also hier am Absprung und wechselten erst einmal die Speicherkarte von Alex’ Videokamera. Damit waren alle Sorgen gelöst, und Valery flog einem Vogel gleich dem tansanischen Dschungel entgegen. Stunden später im Camp am Wandfuss, mit der letzten verbliebenen Erste-Hilfe-Flasche des Doktors, löste sich auch noch der rätselhafte Funkspruch auf. Pray to God war der Name des Trägers, der mit einem Kameramann mit einem riesigen Objektiv weiter unten am Berg unterwegs war. Fasziniert von der Technik und der bevorstehenden Action, hielt er das ganze Material fest umklammert und verhinderte damit die freie Bewegung der Kamera. Ein Totalausfall der alles entscheidenden Aufnahme war damit programmiert. Nur die volle Speicherkarte 1500 Meter weiter oben am Berg sorgte für genug Zeit, um die missliche Situation zu lösen.

Alles in allem ein Trip ohne erwähnenswerte Vorkommnisse mit meinen russischen Freunden.

Thomas Senf*Thomas Senf ist Fotograf, Alpinist und diplomierter Bergführer. Mit Freunden gelang ihm u. a. die Erstbegehung der Nordwand am Arwa Tower und der Route Harvest Moon am Thalay Sagar in Indien. Mit der Kamera begleitet er Extremkletterer auf Expeditionen in der ganzen Welt. Er lebt bei Interlaken BE. www.thomassenf.ch

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Die Sportbegeisterung der Bürokollegen stinkt!

Natascha Knecht am Montag, den 16. März 2015
(Keystone/Gaetan Bally)

Effizientes Zeitmanagement: Viele Arbeitnehmer setzen auf Sport statt Zmittag. (Keystone/Gaetan Bally)

Eigentlich ist es eine höchst erfreuliche Entwicklung: Immer mehr Unternehmen motivieren die Mitarbeiter zum Sport. Über Mittag gibts organisierte Lauftreffs, Fussballspiele, Pilatesklassen, Power-Yoga-Lektionen. Hauseigene Fitnessstudios stehen zur Verfügung. Alles gratis.

Selbstverständlich finde ich es unterstützenswert, wenn meine Arbeitskolleginnen und -kollegen als Pausenbeschäftigung Sport treiben. Sie gehören unbestritten zu den ausgeglicheneren Charakteren als diejenigen, die sich stattdessen über Mittag in der Kantine fettige Knusperli mit Pommes frites reindrücken und dann am Nachmittag übersäuert rumsürmeln.

Unappetitlich dagegen ist, wie die Sportsfreunde mit ihren Sportklamotten umgehen respektive umzugehen gezwungen sind, da Lösungen fehlen. Für mich eine Unsitte, über die wir vielleicht auch mal reden sollten:

Ausser in den sogenannten Front-Offices, wo eine Repräsentationspflicht herrscht, hängen heutzutage überall gebrauchte Sportkleider. Hosen, Shirts, Jacken, Socken – und die hässlichen bunten Frotteetücher. Über den Stuhllehnen, an Bücherregalen, auf Fenstersimsen, auf den Lüftungsgittern. Die Sportschuhe neben dem Pult am Boden.

Mir ist klar, dass es für die teuren, synthetischen Chemiefasern besser ist, wenn man sie sofort zum Trocknen an die Luft hängt, als wenn man sie in der Sporttasche vor sich hin feuchteln lässt. Trotzdem. Was ist in einer Bürogemeinschaft zumutbar? Darf man den Kollegen seine verschwitzte Sportbekleidung vor die Nase hängen? Manche versuchen netterweise, diesem Zustand entgegenzuwirken, indem sie versuchen, ihre Sachen irgendwo zu verstecken, zum Beispiel im Kopierraum. Aber macht es das besser? Nonstop muss jemand in den Kopierraum.

Ich bin nicht die Einzige, die sich an diesem Zustand stört. Und wir würden ja nichts sagen, würden die Klamotten weggeräumt, sobald sie trocken sind. Bei der heutigen Funktionswäsche dauert das maximal eine Stunde. Aber nein. Es ist Wochenende während ich diesen Text schreibe. Fast niemand sonst ist hier im Grossraumbüro. Aber was sehe ich, wenn ich mich umschaue? Definitiv mehr als eine Sporthose, die da hängt und wartet. Und ich frage mich: Ziehen meine Kolleginnen und Kollegen diese Sachen am Montagmittag wieder an?

Wie oft soll man Sportklamotten eigentlich waschen? Nach jedem Gebrauch? Nach jedem zehnten Gebrauch? Diesbezüglich habe ich mich auch schon umgehört. Die Meinungen gehen auseinander: Weil die Funktionswäsche derart teuer ist und zweifelsfrei unter jedem Waschgang leidet, sind es nicht wenige, die ihre Sachen mehrfach tragen, bevor sie in die Maschine kommen. Die Shirts wechseln sie vielleicht nach jedem Training, aber nicht die Hosen. Denn an den Beinen schwitze man ja nicht so stark.

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Schwitzen ist gesund, aber die miefige Luft im Büro nervt. Foto: Flickr.com

Wie gesagt, ich möchte das Thema heute lediglich zur Diskussion stellen und niemandem Stillosigkeit unterstellen. Der gesellschaftliche Druck, sportlich zu sein und aufgrund von Zeitmanagement über Mittag zu laufen, verlangt jedoch langsam nach neuen, allgemein vertretbaren Regeln für eine angenehme Bürogemeinschaft – so wie damals in der Primarschule, wo wir die Kaugummis nicht unter das Pult kleben durften. Doch da sind die Arbeitgeber meiner Meinung nach genauso angesprochen wie die sportlichen Arbeitnehmer. Ähnlich wie wir angehalten werden, im Grossraum keine Kebabs zu essen, weil das die anderen angeblich stört.

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Outdoor

Die Zentralschweiz als Spektakel

Thomas Widmer am Freitag, den 13. März 2015

Von Zug zum Michaelskreuz und via Küssnacht nach Immensee (ZG, LU, SZ)

Auf dem Rooterberg, beim Michaelskreuz, wurden wir erleuchtet. Wirklich! Der Tag war schon auf dem langen Anmarsch speziell schön gewesen, strahlend. Als wir dann die Kapelle auf ihrem Gupf vor uns hatten, schillerte der Himmel um sie in allen Farben, das war Lichtmagie. Die Meteorologen, ein nüchternes Volk, nennen es «irisierende Wolken»; das Phänomen ist optisch eng verwandt mit dem Regenbogen.

Um gleich weiterzuschwärmen: Dies ist eine grosse Route. Sie präsentiert die Zentralschweiz als Spektakel. Da ist die immer wieder aus neuen Winkeln sich zeigende, durch ihre Horizontalbänder geometrisch auftretende, seriös wirkende Rigi. Da ist aber auch ihr Rivale, der Pilatus; ein wilder Geselle, der seine Zacken dem Himmel zustreckt. Und dazwischen vollendet blaues Wasser, die Fläche des Zugersees zuerst, später der Vierwaldstättersee und dessen Küssnachter Finger.

Und überall hockt Geschichte

Als sei dies nicht genug, kommt man unterwegs an grossen und kleinen Kirchen vorbei wie dem erwähnten Michaelskreuz oder dem stillen Bijou St. Katharina in Haltikon. Und überall hockt Geschichte. Chams Villettepark etwa, öffentliches Gelände, erzählt vom Zürcher Bankier und Handelsunternehmer Heinrich Schulthess-von Meiss, der die Lustwandelfläche am Zugersee anlegte samt einem Palast im Neurenaissance-Stil. Die Gesslerburg von Küssnacht wiederum und die Hohle Gasse bei Immensee beschwören den Gründungsmythos der Eidgenossenschaft und wecken gleichzeitig Zweifel: Die Hohle Gasse ist ein Kunstprodukt. Eine Fantasie von heute, wie es gestern gewesen sein soll.

Oh weh, mir bleibt nun nicht der Platz, unsere Unternehmung detailreich zu schildern. Halten wir fest, dass man 7 1/4 Stunden unterwegs ist, gut 630 Meter auf- und 580 Meter absteigt. Dass es aber auch möglich ist, die drei Etappen einzeln zu laufen. Etappe eins ist die leichte Uferschlenderei von Zug via Cham nach Buonas; man braucht dafür 2 3/4 Stunden.

Wer diesen flachen Vorspann weglassen will, beginnt in Buonas bei der Bushaltestelle Neuhofstrasse. Die Mitteletappe von 3 1/4 Stunden führt von dort via Meierskappel und den Dietisberg auf den Rooterberg zum Michaelskreuz, dem besten Aussichtspunkt weit und breit; einst soll ein Einsiedler auf Geheiss des Erzengels Michael hier auf knapp 800 Metern ein Kreuz aufgerichtet haben, die Kapelle folgte später. Freude spendet das Restaurant 100 Meter weiter, in dem man gut kocht, just heute Freitag öffnet es nach den Betriebsferien wieder. Reservieren! Nach dem Zmittag steigt man ab via Haltikon nach Küssnacht, dessen Namenszusatz «am Rigi» vor einigen Jahren gestrichen wurde.

Berauschender Glanztag

Eher ein Spaziergang von gut 1 1/4 Stunde ist, wenn man sie separat absolviert, die dritte Etappe vom Bahnhof Küssnacht zum See, dann durch den Dorfkern mit vielen historischen Häusern zur Gesslerburg und weiter zum Bahnhof Immensee; natürlich wird man bei aller geschichtlichen Fragwürdigkeit die Hohle Gasse besichtigen.

Als wir an unserem Glanztag in Immensee ankamen, waren wir glücklich und müde. Es dunkelte ein. Wir fanden das Café Bijou offen vor. Musiker trugen gerade ihr Gerät hinauf in die Gaststube im ersten Stock; ein Geburtstag war angesagt, alle Tische dekoriert. An der Bar trafen wir zwei Männer, die schwer Alkohol geladen hatten. Doch waren vielleicht auch wir die Betrunkenen. Berauscht von der Sonne und einem Übermass an Schönheit.

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Route: Zug Bahnhof - Cham - Buonas - Meierskappel - Dietisberg - Rooterberg/Michaelskreuz - Robmatt - Haltikon/St. Katharina - Küssnacht, Bahnhof - Küssnacht, See - Gesslerburg - Hohle Gasse - Immensee, Bahnhof.

Wanderzeit: 7 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 630 Meter auf-, 580 abwärts.

Wanderkarte: 235 T Rotkreuz, 1: 50'000.

Kürzer: Man kann drei Etappen einzeln wandern. Erstens: Am See von Zug via Cham nach Buonas (Bushaltestelle Neuhofstrasse), 2 3/4 Stunden, wenig Höhendifferenz. Zweitens: Buonas - Michaelskreuz - Haltikon - Küssnacht Bahnhof, 3 1/4 Stunden, 460 Meter aufwärts, 420 abwärts. Drittens: Küssnacht Bahnhof - See - Gesslerburg - Hohle Gasse - Immensee Bahnhof, 1 1/4 Stunde, je 100 Meter auf- und abwärts.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour zum Ausgangspunkt: Immensee - Zug mit einmal Umsteigen in Arth-Goldau per Zug. Es gibt auch andere, leicht kürzere Varianten, siehe Fahrplan.

Charakter: Unglaublich abwechslungsreich, unglaublich aussichtsreich, unglaublich schön. Zentralschweiz als grosses Kino. Berge, Seen, Kunst und Historie verschränken sich. Anstrengend in der Länge, aber - siehe oben - gut etappierbar.

Höhepunkte: Der Zugersee und dahinter die Rigi von Zug aus gesehen. Der Villettepark in Cham. Das erhabene Kapellchen auf dem Michaelskreuz und gleich danach die Einkehr im Gipfelrestaurant. Küssnachts Gesslerburg.

Kinder: Lange Route. Auf der Gesslerburg muss man auf die Kinder aufpassen.

Hund: Lang, aber keine Probleme.

Einkehr: Viele Restaurants. Das Restaurant Michaelskreuz ist Mo/Di zu. Reservieren!

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

Outdoor

Kanonenweisse Pisten

Outdoor-Redaktion am Donnerstag, den 12. März 2015

Gastbeitrag von Malin Auras*

(Keystone/Alessandro Della Bella)

Perfekte Pisten dank Kunstschnee: Schneekanone in Arosa. (Keystone/Alessandro Della Bella)

Es ist schon ziemlich lange her, aber ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Es war der wahrscheinlich schneeärmste der schneearmen Winter Anfang der 90er. Ich sehe uns noch ganz genau auf der grauen Steintreppe unserer Schule sitzen – schluchzend vor Enttäuschung. Eine Gruppe 14-jähriger Mädchen, die Gold-Mädchen der Landesmeisterschaft vom Vorjahr, die Skilanglauf-Mannschaft unserer Kleinstadtschule. Und das alles nur, weil die Schul-Skiwettkämpfe im Langlauf wegen Schneemangel abgesagt werden mussten.

Das kann uns heute nicht mehr passieren. Die Schneekanonen werdens richten. Wenn wir alljährlich an Silvester in den Skiurlaub fahren, werde ich schon längst nicht mehr unruhig, wenn kurz vor Weihnachten die Webcam noch grüne Bilder zeigt. Klar, toll ist das nicht, aber irgendwas geht immer.

Dieses Jahr gab es dann aber trotzdem Tränen – bei den Kindern. Dabei war eigentlich alles perfekt. Wir kamen gleichzeitig an. Wir und 1 Meter wunderbarer, lockerer, glitzernder Neuschnee. Das Original von Frau Holle. Ein Traum! Bei der Talabfahrt war dann aber Schluss mit lustig: Die Schneekanonen liefen auf Hochtouren, um zusätzlichen Schnee zu produzieren. Statt mit feinem, weichem Neuschnee wurden wir auf der Talabfahrt mit eisigem Kunstschnee konfrontiert. Das Schlimmste war aber der künstliche Schneesturm, der in den Kindergesichtern wie Nadeln stach und auf den Skibrillen eine dünne Eisschicht hinterliess, die kaum mehr wegzuwischen war. Das Ergebnis: Tränen statt Traumabfahrt.

Waren es früher einzelne, stark beanspruchte Stellen, die mit Schneekanonen fahrbar gemacht wurden, können heutzutage bis zu 100 Prozent der Pisten beschneit werden. Schneeproduzent – bestimmt gibt es dieses Berufsbild schon. Letztens habe ich sogar gelesen, dass mittlerweile satellitengestützte Systeme den Einsatz des teuren Kunstschnees noch effizienter gestalten. Die Pistenraupe erkennt die Dicke der Schneedecke und identifiziert genau diejenigen Stellen, an denen noch was fehlt vom kostbaren Weiss. Das reduziert die Schneeproduktion und damit den Energie- und Trinkwasserverbrauch. Klingt super. In der Theorie.

In der Praxis wird aber immer mehr beschneit, mehr Berglandschaft «umgebaut», um Speicherteiche zu schaffen, Leitungen zu verlegen, Strom zu erzeugen und Trassees anzulegen. Die technische Schnee-Erzeugung ist ein immenser Eingriff in die Natur. Wollen wir, dass aus den unberechenbaren Bergen ein industriell durchorganisierter Vergnügungspark wird? Wollen wir, dass die Bedingungen immer mindestens okay sind? Der Skiurlaub vollständig planbar? Sicherheit statt Naturerlebnis? Der nächste Schritt wäre dann eine Überdachung der Pisten – neben dem Schnee ist ja auch das Wetter ein ziemlicher Unsicherheitsfaktor. Dann wäre es in den Bergen beinahe so kalkulierbar und langweilig wie in einer Skihalle. Mir jedenfalls ist ein Skiurlaub mit echtem Schnee lieber – trotz der möglichen Enttäuschung, wenn die Verhältnisse schlecht sind. Dafür freut man sich dann doppelt über jeden Zentimeter Neuschnee!

Was halten Sie von der künstlichen Beschneiung von Skipisten? Würden Sie auch weniger perfekt präparierte Pisten akzeptieren? Planen Sie Ihren Skiurlaub oder Ihre Skiausflüge lange im Voraus, oder gehören Sie eher zu den Kurzentschlossenen?


Bestritten, aber weit verbreitet: Schneekanonen. (Welt der Wunder/Youtube)

Malin*Malin Auras ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für das deutsche Skimagazin «Planet Snow». Am liebsten – wenn auch viel zu selten – ist sie auf zwei Brettern in den Schweizer Bergen unterwegs.

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