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Fünf Kilo in vier Tagen!

Natascha Knecht am Montag, den 1. September 2014
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Eine ziemlich sichere Methode, um lästige Kilos zu verlieren: Wandern. Foto: iStock

Wie kann man möglichst gezielt Körperfett abnehmen, ohne gleichzeitig Muskelmasse abzubauen? Mit proteinreicher Nahrung? Eine neue Studie hat Verblüffendes zutage gebracht – gerade für Sportler. Publiziert wurde sie in «The Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports» und danach von der «New York Times» ausführlich besprochen.

Im Zentrum des Experiments stand die Frage: Wie viel Körperfett kann ein Mensch bei minimaler Kalorienzufuhr und maximaler Bewegung innert vier Tagen verlieren? Teilgenommen haben 15 gesunde, aber übergewichtige Männer aus Schweden. Pro Tag durfte jeder nur 360 Kalorien in flüssiger Form konsumieren, 1800 weniger als empfohlen. Eine Gruppe erhielt gezuckerte Sportgetränke, die andere Proteindrinks. Gleichzeitig haben sie sich bewegt – wie wild: Nach dem Aufstehen 45 Minuten Oberkörpertraining im Fitnessstudio, danach mussten sie acht Stunden lang in der freien Natur wandern, wobei sie pro Stunde zehn Minuten pausieren durften. Wasser und kalorienreduzierte Sportgetränke waren erlaubt, so viel sie wollten.

Das Resultat:

– Den meisten Probanden fiel der Test leichter, als sie sich vorgestellt hatten. Sie klagten nicht über Hunger, sondern höchstens über Blasen an den Füssen oder Schmerzen in den Gelenken.

– Jeder hatte in vier Tagen rund fünf Kilo abgenommen – davon gleich viel Körperfett wie Muskelmasse. Das hat die Forscher überrascht. Sie hatten erwartet, dass die Proteindrink-Gruppe weniger Muskelmasse verlieren würde. Aber das Verhältnis blieb bei beiden Gruppen dasselbe.

– Noch überraschter waren die Forscher aber, dass sich bei den Testpersonen danach kein Jo-Jo-Effekt zeigte, dass sie die verlorenen Kilos also nicht sogleich wieder angesetzt hatten. Die meisten brachten einen Monat später bei der Nachuntersuchung sogar noch ein zusätzliches Kilo Körperfett weniger auf die Waage – und hielten das Gewicht noch ein Jahr später.

Wie lässt sich das erklären? Die Forscher können noch keine eindeutige Antwort liefern. Für sie ist es «unerklärlich». Im Moment gehen sie davon aus, dass die Männer ein neues Körpergefühl entwickelten und dank des Erfolgs motiviert waren, ihre Lebensgewohnheiten zu verändern. Sie bewegen sich seither öfter und essen weniger als vorher.

Bevor nun aber jemand dieses brachiale Diät nachmacht: Es war ein wissenschaftliches, von Ärzten überwachtes 4-Tage-Projekt. Frauen wurden noch nicht getestet, und in Hollywood ist die Methode noch nicht angekommen.

Vier Tage hintereinander je acht Stunden Wandern feuert die Fettverbrennung doch auch ganz gut an, wenn man normal isst. Oder?

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Ein Wingsuit, das wärs!

Thomas Widmer am Freitag, den 29. August 2014

Diese Woche Maighelshütte und Lolenpass (GR/UR)

Wir steigen auf dem Oberalppass aus dem Zug und sind schockiert. Diese vielen Leute, oh Gott! Nach den ersten fünf Minuten Erleichterung. Das Gros der Wanderer biegt von der Passstrasse Richtung Sedrun nach rechts ab; diese Fraktion will auf den Pazolastock und zum Tomasee.

Wir hingegen bleiben etwas länger auf dem Pfad die Passstrasse entlang. Wir mögen das nicht besonders: zu viele Autos, zu viel Töfflärm. Dann ist es überstanden, wir schwenken nun auch nach rechts ins Gelände. Unser erstes Ziel ist die Maighelshütte.

Einst sass hier die Armee

Mit Leichtigkeit meistern wir eine Schmalstelle am Hang, machen kontinuierlich Höhe, wobei der Weg nie übermässig steil wird. Auffallend viele Biker sind auf unserer Route unterwegs, die teilweise auf einem Alpsträsschen verläuft. Schliesslich der Urlaunsee direkt zu unseren Füssen. Dann ein kurzer Aufstieg, und schon ist die Maighelshütte an der Flanke des Piz Cavradi unser. Sie ist die Nachfolgerin eines Militär-Unterstandes des Zweiten Weltkriegs.

Der Ausblick von der Hüttenterrasse ins Val Maighels ist fantastisch. Es wird von hohen Bergen gerahmt – eine moorige Fläche in allen Spielarten von Braun, Gelb und Grün. Wie in Irland. Oder wie in Island. Ebenfalls mögen wir die Dinge in Reichweite: Auf dem Tisch haben wir mittlerweile Suppe, Hirschschüblig, Wähe.

Nach der Einkehr ziehen wir hinauf zum Lolenpass, der auch einen rätoromanischen Namen hat, Pass Tagliola. Beschwerlich ist auch dieses Stück nicht. Der Pass ist kein Spektakel, sondern erweist sich als brave, mit Gras gepolsterte Rinne. Das Drama kommt erst nachher: Wir kommen an eine Kante, sehen abrupt hinab ins Tal der Unteralpreuss, fragen uns, wie das gehen soll: Gibt es da wirklich einen Pfad? Der Hang ist praktisch senkrecht, kommt es uns vor. Ein Wingsuit, das wärs.

Die Lösung für alle Nichtflieger kommt in Form eines schlau angelegten, stellenweise mit Treppenstufen befestigten Kehrenwegs. Er führt uns sicher durch die Fluhen, bereitet sogar Vergnügen. Angenehm auch, dass da kaum Geröll ist. Der trittsichere Durchschnittswanderer hat somit keine Probleme.

Unten sind wir begeistert über die Passage und auch ein wenig traurig, dass sie schon zu Ende ist. Der Rest der Wanderung ist ein langes Auslaufen auf einem Fahrweg, der gegen Andermatt zu asphaltiert ist. Wer das nicht mag, kann bei Rohr über die Unteralpreuss auf die andere Hangseite wechseln. Jener Naturpfad ist allerdings länger und strenger. Wir verzichten.

Von Russi zu Sawiris

Kurz vor Wanderende gehen wir unter dem Nätschenhang, haben nun die Bahn direkt über uns, mit der wir am Morgen auf den Oberalppass fuhren. Bald darauf sind wir in Andermatt, zu dessen Namen mir früher nur Bernhard Russi einfiel. Als er 1972 in Sapporo Olympiagold in der Abfahrt gewann, war ich zehn; meine Klasse verfolgte das Rennen in der Primarschule Stein AR. In der Kochschule, weil es dort einen Fernseher gab.

Heute denke ich bei Andermatt eher an Samih Sawiris. Natürlich gehen wir noch kurz bei dessen Luxushotel The Chedi vorbei, schauen es uns von aussen an. Na ja. Die einen finden das Haus okay, die anderen irgendwie zu wenig luxuriös, etwas bieder, unglamourös. Mehr Eindruck macht uns allen der Flammkuchen, den wir auf der Sternen-Terrasse essen – unumstritten feine Ware.

***

Route: Oberalppass, Station - Plauncas Cuflegl - Trutg - Plidutscha - Maighelshütte - Lai Carin - Lolenpass (Pass Tagliola) - Unteralp - Sandstafel - Mur - Rohr - Matill - Andermatt Bahnhof.

Wanderzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 480 Meter auf-, 1070 abwärts.

Wanderkarte: 256 T Disentis/Mustér und 255 Sustenpass 1:50'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Charakter: Im Aufstieg eher leicht, hingegen ist der Abstieg vom Lolenpass zur Unteralp happig. Gegen Schluss ein Strässchen, wenn man bei Rohr nicht auf die – längere – Variante auf der linken Seite der Unteralpreuss schwenkt. Viel Aussicht, diverse ins Plateau eingelagerte Seelein um die Maighelshütte.

Höhepunkte: Der Rückblick auf die Schleifen der Oberalpstrasse. Der Urlaunsee und die anderen tiefblauen Gewässer. Die Einkehr in der Maighelshütte. Die grandiose Weganlage mit Treppenstufen nach dem Lolenpass hinab zur Unteralp.

Kinder: Machbar. Auf dem steilen Abstieg vom Lolenpass zur Unteralp muss man sie im Auge behalten.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Unterwegs nur in der Maighelshütte.

Rückkehr zum Ausgangspunkt: Mit dem Zug von Andermatt wieder auf den Oberalppass.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Die Abhängigkeit der Alpinisten

Natascha Knecht am Mittwoch, den 27. August 2014
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Grenzenlose Freiheit: Eine Alpendohle kreist über dem Gipfel der Zugspitze bei Grainau. Alpinisten müssen für diesen Ausblick bedeutend mehr Aufwand betreiben. Foto: Keystone

Die meisten von uns erleben gerade keinen ergiebigen Bergsteigersommer. Für grosse Abenteuer waren die Verhältnisse in den Hochalpen zumeist zu schlecht. Statt unvergesslichen Sonnenaufgängen in über viertausend Metern Höhe erlebten wir viele Wochenenden zu Hause im Flachland, buchstäblich vom Regen angepisst  – und im Wissen, dass es dort oben in der kalten Zone oberhalb des Krummholzes schneit, stürmt oder graupelt.

Das Schöne an wüsten Tagen: Man hat Zeit zum Sinnieren. Zum Beispiel über Friedrich Schiller (1759–1805). Er war kein Alpinist im heutigen Sinne, aber ein Dramatiker: «Auf den Bergen ist Freiheit», schrieb er in «Die Braut von Messina». Seither spielt das Wort «Freiheit» bei allen grossen Bergsteigern der Vergangenheit und Gegenwart eine Hauptrolle. Walter Bonatti (1930–2011) sagte: «Das vielfältige Schauspiel der Berge, die Erinnerungen, aber besonders das Gefühl, dem Alltag entflohen zu sein, das Gefühl der Freiheit und der Lebensfreude, waren der Grund meiner Liebe zu den Bergen.»

Wir sitzen also daheim im Lesestuhl, an die Fensterscheibe prasseln Regentropfen. Die Realität führt uns vor Augen, dass es mit besagter Freiheit im Gebirge nicht so einfach funktioniert.

In Wahrheit ist der Alpinist keineswegs frei. Im Gegenteil, er ist stark abhängig:

–    vom Wetter
–    von den Schnee- und Eisverhältnissen
–    von seiner Ausrüstung
–    von seinen Seilpartnern
–    von seiner eigenen körperlichen Verfassung
–    von seinen Fähigkeiten
–    von seiner Tagesform
–    von seiner Agenda
–    etc.

Freiheit für Freiheit

Dennoch: Wie Schiller anno dazumal sehnt sich der heutige Freizeitalpinist nach der Freiheit «auf den Bergen». Nach der Ekstase. Sobald der Bergsteiger auf einem hohen Gipfel steht und ihm die Welt zu Füssen liegt, fühlt er sich frei – befreit von den Verbindlichkeiten des Alltags, weit weg vom Lärm und der ungesunden Stadtluft. Er empfindet Glück und Stolz. Er kann hemmungslos Juchzen, und er verspürt das Bedürfnis, dem Seilpartner um den Hals zu fallen. Vielleicht kullert gar eine Freudenträne über sein Gesicht.

Für diesen berauschenden Moment der Freiheit ist der Alpinist allerdings gezwungen, seine gewohnten Freiheiten einzuschränken:

Am Berg ist der Alpinist ein Niemand. Der Berg bleibt der Chef. Wetter und Verhältnisse sitzen ebenfalls im entscheidenden Komitee. Dem muss sich der Alpinist unterwerfen. Selbst dann, wenn er im Berufsleben einen grossen Konzern mit tausend Angestellten leitet – oder wenn er vergangenen Samstag den Schweizer Rekord-Lottojackpot geknackt hat. Er kann am Gipfeltag nicht einmal aus dem Bett kriechen, wann es ihm genehm ist. Nicht essen, wenn er Hunger verspürt. Nicht rasten, wo ihm drum ist. Kurz: Er muss sich an gewisse Regeln halten, damit er erfolgreich und möglichst unbeschadet zurückkehrt.

Ein alpines Kletterfest

Um die intensiven Reize des Hochgebirges und einen Gipfelrausch erleben zu dürfen, macht sich der Alpinist also schwer abhängig. Unfrei und untertan. Er eifert einem Traum nach, für dessen Erfüllung es mehr braucht als Vorbereitung, Technik, Ausdauer. Zusätzlich ist eben auch viel Geduld nötig. Wie in diesem Sommer. Freude geht anders.

Aber ich habe gute News: Petrus flüsterte mir soeben zu, es gebe einen warmen, goldigen Herbst. Somit können wir unsere Abhängigkeiten und Freiheiten am Berg bald wieder aktiv ausleben. September und Oktober werden ein alpines Kletterfest. Wetten?

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Mary Poppins hilft Indoor-Muffel

Pia Wertheimer am Montag, den 25. August 2014
Fitness

Alles nutzen, was der Wald hergibt: Abwechslungsreiches Training mit Forest Fitness. Foto: Pia Wertheimer

Ich habe es zigmal probiert – und bin bis heute gescheitert: Ich kann mich einfach nicht überwinden, in einem Fitnesscenter meine Muckis zu stählen. Krafttraining schlechthin bleibt deshalb oft auf der Strecke. Denn wenn ich wählen kann, gebe ich dem Gefühl der Freiheit beim Laufen – auch wenn das Training hart ist –, dem Drill mit dem bitteren Nachgeschmack saurer Muskeln den Vorrang.

Den berühmten ersten Schritt auf dem Weg zu Besserung habe ich vor Jahren bereits getan. Ich bin längst zur Einsicht gelangt, dass ein Mindestmass an Krafttraining für Marathonprojekte unabdingbar ist. Genützt hat es allerdings wenig – ich kann mich damit einfach nicht anfreunden.

Am vehementesten wehre ich mich gegen den Drill im Fitnesscenter. An Maschinen Muskeln zu stärken, mag für manche motivierend sein – noch kein Center hat mich aber davon überzeugen können, mehr als ein Probeabo zu lösen. Auch vor Gruppenlektionen kneife ich bereits wenige Wochen nach dem Entschluss, endlich vernünftig zu sein – obschon ihr sozialer Aspekt die Sache vereinfachen würde. Der berühmte Selbstüberlistungstrick, zu Hause während meiner Lieblingsserie eine halbe Stunde Kraftübungen zu machen, klappt ebenfalls nur zu selten. Schade um die Hanteln, den Medizinball, die Matte, die Gewichte für die Fesseln und das Tera-Band, die in einer Ecke verstauben...

Ich bin auf der Suche nach dem «Löffelchen voll Zucker» aus meiner Kindheit, mit dem Mary Poppins das Zimmeraufräumen in ein spassiges Unterfangen verwandelte. «In jeder Arbeit, merkt euch das, steckt auch ein bisschen Spass», singt die zauberhafte Nanny. «Find den Spass und schnapp, die Arbeit klappt!» Ein Löffelchen voll Zucker, das die Medizin versüsst, könnte für Indoor-Muffel wie mich ein Angebot aus dem Zürcher Unterland sein: Es heisst Forest Fitness.

Charme und Drill

Pascale Trümpy und Corinne Rüegg heissen die beiden Drillcaptains oder Mary Poppins – je nach Auffassung der Teilnehmer. Sie verfügen jedenfalls beide über den motivierenden Charme der Nanny sowie die Bestimmtheit des Drillmeisters, der keine Faulheit zulässt und auf korrekt ausgeführte Übungen Wert legt. In einer Zeit, in der Bootcamps in den Städten Hochkonjunktur feiern, setzen sie in der Natur einen Kontrapunkt zum urbanen Trend. Ihr Gruppentraining dauert 90 Minuten und besteht aus einer Mischung aus Kraftübungen und Laufen. Anders als die herkömmlichen Vitaparcours nutzen die Instruktorinnen von Forest Fitness für das Training ausschliesslich, was der Wald bietet. Na ja fast, um die kleinen Matten unter den Händen bei den Liegestützen war ich bei der Testlektion jedenfalls dankbar – auch Tera-Bänder sind ab und an im Einsatz, sie haben schliesslich überall Platz.

Die beiden Frauen passen das Training den Gegebenheiten an: den Holzstapeln, die hier auftauchen und dort verschwinden, der Witterung sowie den Jahreszeiten. Wer also Routine braucht und ein festgelegtes Programm liebt, ist im Wald ob Oberweningen fehl am Platz und bleibt lieber im Fitnesscenter. Ich meinerseits könnte mit dem Angebot mein Löffelchen voll Zucker gefunden haben. Einziger Wermutstropfen: der lange Anfahrtsweg.

Mit einem Teelöffel Zucker...

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Franz Weber, die Surbeks und der Brienzlig

Thomas Widmer am Freitag, den 22. August 2014

Diese Woche von Brienz zu den Giessbachfällen und nach Iseltwald (BE)

Was für eine angenehme Wanderung das war! Der Tag begann mit viel Sonne, einer ruhigen Zugfahrt über den Brünig und einem Startkaffee beim Bahnhof Brienz. Die Dampfbahn aufs Brienzer Rothorn heizte gerade ein.

Kurz nach neun erhob ich mich und zog los: über die Bahngeleise zur Schifflände und die Seepromenade entlang ostwärts. Ein Gedenkstein erinnerte an die zwei Toten vom August 2005. Damals kam der Glyssibach gewaltig; jener grausige Tag ist bis heute unvergessen.

Menschliche Wasserfälle

Von der Ostspitze des Sees sah ich schön hinüber zum Ballenberg, querte alsbald die schnurgerade gefasste Aare, ging nun Richtung Westen. Auf der Axalpstrasse gewann ich Höhe und Abstand zum See und kam dabei ins Keuchen. Eine alte Frau schleppte zwei schwere Abfallsäcke zur nahen Deponierstelle, ich nahm ihr die Säcke ab, sie erzählte, sie habe drum einen Herzinfarkt gehabt.

Das Restaurant Engi gleich anschliessend hatte leider Ruhetag. Kurz nach ihm bog ich ab nach rechts. Dann die Giessbachfälle. Über gut 450 Meter stürzen sie in die Tiefe. Der Pfarrer Daniel Wyss, der sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für ihre touristische Erschliessung einsetzte, verlieh ihnen in jener Gründerzeit Namen. «Schulthess von Steiger» hiess der unterste Fall, «Hans Franz Nägeli» der nächste gegen oben, «Adrian von Bubenberg» der dritte – eine Parade mächtiger Berner.

Beim nahen Grand Hotel freute ich mich noch einmal – nämlich darüber, wie es vor Jahrzehnten gerettet wurde. Das damals schon über hundertjährige Haus war 1983 stillgelegt, als es der Umweltschützer Franz Weber, man erlaube mir die Poesie, wachküsste. Ich nahm mir auf der Terrasse beim Kaffee vor, endlich mal ein Zimmer zu buchen.

Den Uferweg nach Iseltwald fand ich hernach einen der schönsten Wanderwege der Schweiz. Auch in seinem Fall gelang es, ein Desaster abzuwenden; man verbannte die entstehende A 8 im betreffenden Abschnitt in einen Tunnel. Der vor bald 40 Jahren eröffnete Weg führt die meiste Zeit ein paar Meter über dem Brienzersee geradeaus durch den still gebliebenen Wald. Gegen sein Ende nimmt das Gelände an Dramatik zu: Der Boden ist plötzlich buckelig mit Felsbrocken alter Bergstürze. Es gibt Passagen unter steilen Felswänden. Und einmal ging ich durch eine hohle Gasse.

Ganzkörperfelchen

Auch Iseltwald begeisterte mich. Das alte Fischerdorf, das ich zuvor nie besucht hatte, steht auf einem Bachdelta, das sich als gekrümmter Fortsatz weit ins Wasser schiebt; in dem geschlossenen Ensemble wohnt Geborgenheit. Das Chalet du Lac servierte mir hervorragenden Fisch: Brienzlig – das sind Minifelchen aus dem See, die man von Kopf bis Schwanz vertilgt.

Ein Letztes: Mein alter Journalistenkollege Markus Schneider hat eben ein Buch über Victor (1885 bis 1975) und Marguerite (1886 bis 1981) Surbek publiziert. Das in Bern ansässige Paar verbrachte in Iseltwald einen guten Teil seiner Zeit. Und wie das so ist, wenn zwei zusammenleben und beide malen – ihr Verhältnis war nicht immer einfach. Marguerite Surbek wich bisweilen gern wochenweise auf das Iseltwald überragende Faulhorn aus. Ihr Mann wird, darf man rückblickend sagen, als Maler wohl länger in Erinnerung bleiben. 1930 bemalte er Berns Zytglogge-Turm mit allegorischen Fresken. Sein Werk hat so den Alltag erobert.

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Route: Bahnhof Brienz - Seepromenade - Strandbad - Camping - Aarebrücke - Axalpstrasse - Engi - Giessbachfälle, Hotel - Uferweg nach Iseltwald - Iseltwald - Iseltwald, Dorfplatz.

Wanderzeit: 3 Stunden.

Höhendifferenz: 255 Meter auf-, 252 abwärts.

Wanderkarte: 254 T Interlaken, 1:50'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Iseltwald, Dorfplatz, mit dem Bus zum Bahnhof Interlaken Ost. Oder per Schiff nach Interlaken oder Brienz.

Charakter: Leichte Wanderung. Leider asphaltiert zwischen See und Hotel Giessbach. Aussichtsreich. Lauschig im zweiten Teil.

Höhepunkte: Die ersten Wanderminuten den Brienzersee entlang. Der Blick vom Hotel Giessbach auf die Giessbachfälle. Der wildromantische Bergsturzwald vor Iseltwald mit Engstellen, Felswänden, Blöcken überall. Fisch essen in Iseltwald.

Kinder: Dies ist eine Familienwanderung. Auf dem Weg über dem Brienzersee muss man Kinder aber beaufsichtigen.

Hund: Perfekt inklusive ein Bad im See.

Einkehr: Restaurant Engi. Hotel Giessbach. Viele Restaurants in Iseltwald, darunter das Chalet du Lac.

Buch: Markus Schneider, «Die Surbeks – Victor & Marguerite. Ein Berner Künstlerpaar». Scheidegger & Spiess, 144 Seiten, 32 farbige Abbildungen. 29 Franken.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmer privatem Journal.

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«Geht’s doch vernünftig auf den Berg!»

Jürg Buschor am Donnerstag, den 21. August 2014
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Die Profis sind nicht das Problem, die fahren auf abgesperrten Strecken: Nino Schurter an den Olympischen Spielen 2012 in London. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Gibt es ein Thema, zu dem die lebende Bergsteiger-Legende Reinhold Messner keine Meinung hat? Aber wissen Sie, was der Südtiroler von Mountainbikern hält? Im Gespräch mit Thomas Werz, Chefredaktor der Zeitschrift «Bike Sport», sowie dem Supertrail-Map-Kommunikationsverantwortlichen Stefan Becker nimmt er Stellung. Auszugsweise hier im Bikeblog – das ganze Interview gibt es in der aktuellen Ausgabe der «Bike Sport» nachzulesen.

Immer mehr Mountainbiker wollen immer weiter in die Höhe, härter und länger radeln.
Reinhold Messner: Ich finde Mountainbiker in Ordnung, wenn sie dort fahren, wo sie fahren können. Wenn sie dann ihr Radl tagelang nur durch die Gegend schleppen, tun sie mir leid …

Es gibt derzeit verschiedene Trends, beispielsweise Bikebergsteigen ...
Geht’s doch vernünftig auf den Berg! Das heisst: je nachdem, was ihr könnt. Ich sehe junge Burschen, die fahren auf ihren Bikes steile Pisten runter. Wirklich grandios. Ich könnte dort nur noch mit Mühe gehen – warum sollten sie das nicht tun dürfen? Ich war gerade erst gestern auf dem Kronplatz. Dass da nicht alle paar Tage einer schwer stürzt, ist ein Wunder. Aber, die fliegen zehn Meter durch die Luft und kommen auf, und es passiert nichts. Das ist gekonnt, grosse Kunst. Und es ist ein Hype, dazu ein Kick. Das soll ihnen nicht verboten werden. Aber mit Alpinismus hat das nichts zu tun. Jedem sein Habitat, im steilen Fels haben Biker nichts verloren.

Viele suchen immer das nächst Extremere, um sich zu steigern.
Man lernts besser, das ist sicher. Es braucht ausgewiesene Bike-Strecken, Entwirrung, Kletterer, Wanderer, Biker. Ich würde mir wünschen, dass mit den Jahren eine politische Diskussion beginnt. In den Alpen gibt es unendlich viele Wald- und Holzwege, die nicht genutzt sind. Weder von Wanderern noch von Bikern. Sollte man diese zugänglich machen, muss das Biken rechtlich geregelt sein. Sodass der Bauer, der den Wald besitzt, keine Verantwortung trägt, wenn da jemand aus dem Weg rausschiesst und auf einen Baum knallt. Das ist ein Problem. Es würde mich freuen, wenn klare Verhältnisse geschaffen würden. Wanderer und Biker stören einander. Deswegen bin ich der Meinung, die Radfahrer müssen selbst darum kämpfen, dass sie Wege nutzen dürfen, die bisher nicht genutzt wurden!

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Eine feste Grösse in der Bergwelt: Reinhold Messner. Foto: Keystone

Es gibt viele Wanderwege, die ein optimales Mountainbike-Terrain abgeben.
Das ist die Frage, die die lokale Politik betrifft. Ich bin nicht in der Politik und ich muss das nicht regeln. Wenn ich das mitbestimmen könnte, hier in Südtirol, dann würde ich sagen – das Gesetz schreibe ich in einer Nacht – «Wanderwege, die eindeutig als Wanderwege entstanden sind und sich fürs Mountainbiken nicht eignen, sind und bleiben Wanderwege». Für Biker müssen sie ja nicht gleich verboten sein, aber ich würde sie als «nicht zu empfehlen» einstufen. Bis Bike-Strecken dort ausgewiesen sind.

Aber wer entscheidet, was sich für das Mountainbiken eignet und was nicht?
Ein Wanderweg ist ein Wanderweg, und wenn der Biker die Wanderer stört, haben Letztere den Vortritt. Es geht in beiden Fällen um den Tourismus. Eine Gegend, die Mountainbiker haben will, wird sich bemühen, Mountainbike-Wege in allen Schwierigkeiten zu schaffen. Clevere Touristiker sagen vielleicht: «Den alten Steig da brauchen wir nicht mehr, den gehen die Wanderer nicht. Den sollen sich die Biker nehmen, und er wird auch offiziell als ein Bikerweg ausgewiesen.» Er könnte auch in der höheren oder höchsten Schwierigkeit sein.

Das heisst, man appelliert an die Eigenverantwortung?
«Das Können ist des Dürfens Mass!» Dieser Satz ist nicht von mir, es ist ein Satz von Paul Preuss.

Ergo: Wenn es ein Biker kann, dann darf er auch über Wanderwege fahren...?
(lacht) Ich finde das gut, wie ihr diskutiert. Aber ihr seht, es ist ein Politikum. Ihr müsst euch ausserhalb der alpinen Vereine drum kümmern. Ihr Biker müsst das selbständig machen. Ihr müsst alles selber mit den Liftministern ausmachen.

In Baden-Württemberg haben 58'000 Mountainbiker eine Petition für den freien Zugang zur Natur unterschrieben. Dort geht es nicht um Haftungsfragen, sondern nur ums Prinzip.
Ich weiss, die Albvereine sind stark. Ich sage seit langem, ich würde auch auf die Mountainbiker als Gäste setzen. Man muss ihnen ein Spielfeld geben, wo sie sich ihre Freude, ihren Kick holen können. Was auch immer sie wollen. Ihre Motivation ist legitim. Ich bin keiner, der sagt: Diese Art der Motivation ist gut und eine andere ist schlecht. Die einen wollen den Kick, die anderen sich auspowern. Wenn ich in einem Tal Touristiker wäre, dann würde ich mich bemühen und sagen: «Was machen wir konkret für die Biker?» Ich würde ihnen die Waldwege geben. Da hats ja fantastische Möglichkeiten für hinauf und hinab.

Über Stock und Stein – und Wanderwege – mit dem Mountainbike von Oberstdorf nach Riva:(Quelle: Youtube)

Teilen Sie Reinhold Messners Meinung zum Thema Mountainbiking? Erachten Sie seine Lösungsvorschläge zur Vermeidung von Nutzerkonflikten als praktikabel?

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Das Kreuz mit dem Gipfelkreuz

Natascha Knecht am Mittwoch, den 20. August 2014

Es gibt Leute, die steigen auf einem Berg nicht nur bis zum Gipfelkreuz, sondern gleich noch auf dieses hinauf. Den Moment ihres Glücks halten sie mit der Digitalkamera fest und veröffentlichen dann das beste Foto im Internet. Zur Empörung jener, die ein Gipfelkreuz als religiöses Symbol erachten. Für sie ist eine solche Handlung der Gipfel der Respektlosigkeit. Man gehe schliesslich auch nicht auf den Friedhof und trample dort auf Gräbern herum.

An der Frage, ob man auf ein Gipfelkreuz klettern darf, scheiden sich die Geister. Ist es eine unmoralische Unsitte? Eine Sünde in den Bergen? Oder einfach nur Ausdruck von Freiheit? Die Diskussion wird seit Jahren aktiv geführt. In der Neuzeit natürlich auch mit einschlägigen Facebook-Gruppen. Da postet jeder, der mag, ein Foto von einem Gipfelkreuz. Zumeist höchst langweilige Aufnahmen von einem übergrossen Konstrukt aus Eisen oder Holz in Kreuzform, das nicht selten aus einem Betonfundament in den Himmel ragt. Warum jemand sich die Mühe für eine solche Veröffentlichung macht, ist mir ein Rätsel. Weil man liken und sich in einer Gemeinschaft fühlen kann? Weil manchmal auch ganz Freche auftauchen, die den Gruppenfrieden empfindlich stören, indem sie Bilder posten, auf denen sie auf einem Kreuz stehen und winken?

Ein Stewi für verschwitzte Kleider

Vor einer Woche war das Thema wieder einmal einer Zeitung einen Artikel wert (online leider nicht abrufbar): Die Südtiroler Zeitung «Dolomiten»  zitierte einen Pfarrer. Er bezeichnet es als «schlimm», dass es Leute gibt, die für das Gipfelfoto nicht einfach «brav» vor dem Kreuz stehen, sondern «noch einen draufsetzen» müssen und es «cool» finden, auf dem Kreuz herumzukraxeln oder sportlich auf dessen Querbalken zu posieren. Für den Pfarrer ist ein Gipfelkreuz kein «Turngerät», und er glaubt, dass bei uns jeder so viel Allgemeinbildung haben müsste, dass er weiss, wofür das Kreuz steht.

Nun, ich selber habe es hier im Alpinblog schon einmal geschrieben: Mir persönlich ist es schleierhaft, wozu es auf einem Berg ein Kreuz braucht. Für mich ist ein naturbelassener Gipfel ohne solche Kunstwerke, die mit dem Helikopter hochgeflogen werden mussten, definitiv schöner. Aber wenn eines oben steht, dann steht halt eines oben. Mich irritiert höchstens, wenn Wanderer ihre verschwitzten Shirts zum Trocknen an einem solchen aufhängen. Das ist einfach unappetitlich.

Kommerzielle Respektlosigkeit

Würde ich in meinem privaten Archiv nachschauen, kämen auch Bilder zum Vorschein, auf denen ich auf einem Gipfelkreuz sitze. Zum Beispiel auf der Dufourspitze. Ich war mal im Winter dort. Das grosse Eisenkreuz steckte bis zu den Armen im Schnee, ich setzte mich darauf wie auf ein tiefgelegtes Bänkli und genoss ein paar Minuten die Aussicht. Beschädigt habe ich das Teil nicht. Das Bedürfnis, dieses Gipfelbild im Internet zu veröffentlichen, verspürte ich nie.

Bergbahnen Pillersee: Himmlische Aussichten vom größten Jakobskreuz der Alpen. (seilbahn.net)

Bergbahnen Pillersee: Himmlische Aussichten vom grössten Jakobskreuz der Alpen. (seilbahn.net)

Für diskussionswürdiger halte ich dagegen Bausünden in den Bergen, zum Beispiel das angeblich «grösste begehbare Gipfelkreuz der Welt». Es wurde vor kurzem in der Nähe von Kitzbühel eingeweiht: 29,6 Meter hoch. Eigentlich ist es ein Haus in Kirchenkreuzform. Im Innern bringt ein Personenlift die Besucher auf eine Aussichtsplattform und zu Ausstellungsräumen in 19 und 22 Metern Höhe. Ganz oben wartet eine Panorama-Aussichtsplattform, auf der man herumtrampeln kann.

Für mich verkörpert solche Disney-Land-Infrastruktur den Gipfel der Respektlosigkeit – Respektlosigkeit gegenüber der Natur. Aber möglicherweise ist der Pfarrer und Prediger anderer Meinung.

Manche – wie dieser junge Herr – verwechseln Gipfelkreuze auch mit Fitnessgeräten:
(Quelle: Youtube)

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Spitzensport fördert gefährliche Essstörungen

Natascha Knecht am Montag, den 18. August 2014

Ein Gastbeitrag von Dr. med. Martin Narozny-Willi

Niiya of Japan reacts after the women's 10,000 metres final during the IAAF World Athletics Championships at the Luzhniki stadium in Moscow

Der Druck im Spitzensport erhöht das Risiko der Magersucht, speziell für Frauen (die Japanerin Hitomi Niiya nach ihrem 5. Rang über 10'000 Meter bei der WM 2013 in Moskau). Foto: Lucy Nicholson/Reuters

Gestörtes Essverhalten kann massive, zum Teil irreversible Schäden bei Athletinnen und Athleten hervorrufen. 1992 wurde erstmals unter dem Namen «Female Athlete Triad» ein Symptomenkomplex bei Sportlerinnen beschrieben, der gestörtes Essverhalten, Ausbleiben der Monatsblutung und Osteoporose umfasste. Die weitere Forschung auf diesem Gebiet zeigte jedoch, dass diese Umschreibung zu kurz greift, da noch viele weitere Symptome hinzukommen und die Erkrankung auch Männer betreffen kann.

Ein Konsensus-Papier des Internationalen Olympischen Komitees führte darum den viel breiter gefassten neuen Begriff der «Relative Energy Deficiency in Sport» (RED-S) ein. Diese Diagnose umfasst Störungen des Energiestoffwechsels, der Monatsblutung, des Knochenstoffwechsels, der Immunabwehr, der Proteinsynthese und des Herz-Kreislauf-Systems, bedingt durch eine insuffiziente Energieaufnahme.

Ursachen
Das hört sich jetzt alles sehr theoretisch an. Am Anfang der Erkrankung steht eine Störung des Essverhaltens mit ungenügender Energieaufnahme, das von unvernünftigen Essgewohnheiten bis zu schweren Essstörungen wie Anorexie (Magersucht) oder Bulimie (Ess-Brech-Sucht) reichen kann. Die Übergänge sind fliessend. Oft beginnt ein gestörtes Essverhalten mit einer übertriebenen Diät in einer Sportart mit Gewichtsklassen wie Rudern oder Judo. Die Athletin möchte in der tieferen Gewichtsklasse starten, da sie in der nächst höheren Klasse zu den Leichtesten gehören würde, was nicht von Vorteil ist. Ein hohes Risiko bergen auch Sportarten, bei welchen per se ein tiefes Gewicht Vorteile bringt, wie z. B. Langstreckenlauf. Ästhetische Disziplinen wie rhythmische Sportgymnastik oder Kunstturnen bevorteilen leider auch vor allem leichtgewichtige Sportlerinnen mit den entsprechenden Risiken.

Essstörungen
Gestörtes Essverhalten entsteht oft entweder durch selbst auferlegten Druck oder durch Druck von Trainern und Umgebung der Athletin: «Du musst das Gewicht reduzieren, sonst erreichst du deine Ziele nicht.» Dies führt zu übertriebenen Diäten. 15 bis 60 Prozent aller Athletinnen zeigen ein gestörtes Essverhalten mit zum Beispiel nur einer Hauptmahlzeit täglich oder Ablehnung kohlenhydrat- oder fetthaltiger Nahrungsmittel. Schreitet diese fatale Entwicklung fort, kann sich daraus eine eigentliche Essstörung entwickeln. Essstörungen können also Ursache oder Folge einer RED-S sein.

Diese Essstörungen, wie Anorexie und Bulimie, sind schwerwiegende psychische Erkrankungen, die auch entsprechend schwierig zu therapieren sind. In der Allgemeinbevölkerung kommt die Anorexie bei bis zu 4 Prozent und die Bulimie bei bis zu 5 Prozent vor. 90 bis 95 Prozent dieser Erkrankungen sind bei Frauen zu beobachten.

Auswirkungen auf die Gesundheit

  • Störung der Monatsblutung: Bedingt durch das gestörte Essverhalten kommt es zu hormonellen Störungen. Dadurch kann bei jungen Athletinnen die Monatsblutung gar nie auftreten (primäre Amenorrhoe) oder plötzlich während langer Zeit ausbleiben (sekundäre Amenorrhoe). Während eine sekundäre Amenorrhoe bei 2 bis 5 Prozent der gesunden weiblichen Bevölkerung vorkommt, kann sie je nach Sportart bei bis zu 60 Prozent der Athletinnen auftreten! Das Fehlen der Monatsblutung hat viele hormonelle Störungen auch anderer Systeme zur Folge und ist darum besonders kritisch.
  • Knochenerkrankungen: Ebenfalls durch hormonelle Störungen kommt es zu einer verminderten Knochendichte, der sogenannten Osteoporose. Tritt die Osteoporose bereits im jugendlichen Alter auf, ist unter Umständen auch mit adäquater Therapie keine vollständige Korrektur möglich. Wegen der verminderten Knochendichte steigt auch das Risiko für Stressfrakturen mit verlängerter Heilungszeit.
  • Mangelerscheinungen: Durch das gestörte Essverhalten kann es zu einem Mangel an Vitaminen und Spurenelementen kommen. Häufig wird ein Eisenmangel beobachtet, der bis zur Blutarmut (Anämie) führen kann.
  • Herz-Kreislauf-System: Die verminderte Energieaufnahme führt zu einer ungünstigen Konstellation der Blutfettwerte und zu einer Veränderung der Gefässwände, was das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht.
  • Weitere Symptome: Gehäuft werden auch chronische Müdigkeit und vermehrte Infektanfälligkeit beobachtet.
  • Leistungseinbusse im Sport: Ständig entleerte Glycogenspeicher und ein Abbau der Muskelmasse führen zu einer Leistungseinbusse. Training führt nicht mehr in gleichem Masse zu einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit.

Männliche Athleten
Eine RED-S kann auch bei Männern auftreten, wenn auch deutlich seltener. Zusätzlich zu den oben erwähnten Sportarten sind bei Männern die Skispringer und die Jockeys speziell betroffen. Grundsätzlich zeigen sich dieselben schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit, natürlich mit Ausnahme der Störung der Monatsblutung.

Screening und Diagnose
Die beste Gelegenheit für ein Screening ist die jährliche sportärztliche Untersuchung, welche die meisten Sportverbände für die Kaderathletinnen und -athleten vorschreiben. Von Swiss Olympic steht ein spezieller «Female Athlete»-Fragebogen zur Verfügung, der ausführlich die Risikofaktoren für eine RED-S erfasst. Die stark ausgeprägten Essstörungen sind recht gut zu erfassen. Deutlich schwieriger wird es bei den beginnenden Essstörungen, wo oft nur indirekte Zeichen wie erhöhte Trainingsintensität, vermehrt Verletzungen und Infekte, Wachstums- und Entwicklungsverzögerung und Diäten zum Erhalt der Gewichtsklasse zu beobachten sind.

Therapiestrategien
In der Theorie sind die therapeutischen Massnahmen klar: Verbesserung der Energieaufnahme, Reduktion des Trainings, Gewichtszunahme, allenfalls Regulation der Monatsblutung durch Hormonpräparate sowie Verbesserung der Knochendichte durch Kraft- und Sprungkrafttraining bei genügender Calciumaufnahme und allenfalls Vitamin-D-Zufuhr.

Leider sind Essstörungen aber äusserst schwierig zu behandeln, nicht selten verläuft die Therapie erfolglos. Der Widerstand gegen die Therapie steigt mit dem Ausmass der Essstörung. Der therapeutische Ansatz muss multidisziplinär unter Einbezug der Athletin, des Trainers, des Arztes, eines auf Essstörungen spezialisierten Psychologen, eines Ernährungsberaters und allenfalls eines Physiotherapeuten erfolgen. Bei schweren Fällen dauert die Therapie unter Umständen Jahre und wird von Rückschlägen begleitet.

Das «IOC Consensus Statement« lesen Sie hier.
Der Fragebogen «Female Athlete» von Swiss Olympics hier.

Dr. med. Martin Narozny*Dr. med. Martin Narozny-Willi, Facharzt Orthopädische Chirurgie FMH, Sportmedizin SGSM und Verbandsarzt Swiss Ice Hockey. Medbase Zürich, Sportmedizin und Leistungsdiagnostik. Die Klinik ist eine Swiss Olympic Medical Base.

 

Outdoor

Der Bratspiess-Bernhardiner

Thomas Widmer am Freitag, den 15. August 2014

Vom Grossen Sankt Bernhard über zwei Pässe nach Ferret (VS)

Am Vortag hatte es wild geregnet. Nun kam der Sommer zurück. Die Sonne vernichtete wütend, was an Wolken noch da war. Als wir auf dem Grossen Sankt Bernhard aus dem Bus stiegen, war die Luft freilich eiskalt. Die Bise stach uns nadelscharf in die Ohren.

Wir flohen in den Souvenirshop, begutachteten die Auslagen, wechselten ins Hospiz; Jean-Marie Lovey, der diesen Sommer ernannte neue Bischof von Sitten, war übrigens bis vor kurzem Propst der auf dem Pass seit Jahrhunderten wirkenden Augustinerchorherren. Ihre Kirche verharrte in zeitlosem Halbdunkel, es roch nach Weihrauch, ich stellte mich vor das Gnadenbild der Jungfrau und sprach in Gedanken zu ihr: Gib, dass ich heute nicht erfriere, Mutter Gottes!

Weisswein auf dem Pass

Kurz gingen wir auf der Passstrasse retour. Dann zweigten wir links in den Hang ab. Eine Hochgebirgswelt, die Felsblöcke überwachsen mit grünen Flechten. Unsere Wanderstöcke klackten auf dem Stein, letzte Nebelfetzen schlichen über die Fluhen, bald erreichten wir unser erstes Ziel, den Col des Chevaux. Der «Pferdepass» heisst so, seit man im 18. Jahrhundert vom Val de Ferret her eine pferdetaugliche Transportroute zum Grossen Sankt Bernhard einrichtete.

Auf dem Pass war eine Schar älterer Walliser daran, zwei, drei Flaschen Weisswein zu leeren. Irgendwie war ich neidisch, ich möchte auch zu einem derart genussfreudigen Stamm gehören. Freilich war ich froh um meine alkoholfreie Trittsicherheit, als wir in ein Zwischental abstiegen. Der Boden war mal erdschwarz und bröselig und glitschig, mal geröllbedeckt. An einer Stelle querten wir auf schmaler Spur ein Schneefeld halbharter Konsistenz. Parfait im Gelände.

Als wir unten waren, mussten wir gleich wieder nach oben, zum zweiten Pass, dem Col du Bastillon. In den Hang vor uns waren Seelein eingestreut, am Ufer des einen rastete eine grössere Gruppe junger Leute. Pfadfinder? Oben noch mehr hohe Gipfel rundum, die wir nicht kannten, die aber herrlich anzuschauen waren. Der eine gefiel mir sprachlich besonders: Pointe de Godegotte.

Erneut stiegen wir ab. Wandergefährtin Karin fand den Pfad grenzwertig, während ich ihn knapp okay fand. Immerhin mussten ihn bei aller Steilheit und Rutschigkeit einst Pferde bewältigen; und was ein Pferd kann, kann der Widmer doch wohl auch. Unter uns zeigte sich ein grosser See, einer der Lacs de Fenêtre. Ganz nah bei ihm nahmen wir ein Fussbad in dem ihm zuströmenden Bach. Das Wasser war brutal kalt, doch seit längerem hatte die Sonne geschienen und uns ins Schwitzen gebracht.

Nutztier Hund

Der Rest der Wanderung: ein gemächliches Absteigen, zuerst ruppig, dann immer leichter, zum Miniweiler Ferret. Dort erwarteten uns zwei Dinge: erstens der noch abgeschlossene Bus, mit dem wir später hinab zum Bahnhof von Orsières fahren würden. Und zweitens eine Kapelle. Das Wirtschäftchen, das es in früheren Jahren gab, hatte leider zu; ob es irgendwann wieder aufgeht, ist ungewiss.

Karin packte nun ihr Souvenir aus. Sie hatte sich zu Wanderbeginn einen kleinen Plüsch-Bernhardiner gekauft. Das Abbild Barrys, der von 1800 bis 1814 auf dem Grossen Sankt Bernhard lebte und 40 Menschen aus Lawinen gerettet haben soll. Die Hospizmönche züchten schon viel länger Bernhardiner. Ein Chronist notierte um 1700, dass einer der Mönche ein grosses Laufrad konstruierte habe. Man stellte einen Bernhardiner hinein. Seine Aufgabe war es, den Bratspiess zu drehen. Was für ein nützliches Tier!

***

Route: Grosser Sankt Bernhard, Hospiz - Col des Chevaux - Petit Lé - Col du Bastillon - Lac de Fenêtre - La Chaux - Les Ars Dessous - Ferret.

Wanderzeit: 4 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 580 Meter aufwärts, 1340 Meter abwärts.

Sicherheit: Dies ist eine hochalpine Wanderung. Warme Kleider mitnehmen, nur bei stabilem Wetter gehen. Der Abstieg von beiden Pässen, vor allem der vom Col du Bastillon, ist steil und rutschig. Stöcke helfen.

Wanderkarte: 5027 T Grand St-Bernard - Combins - Arolla (Zusammenzug).

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus von Ferret zum Bahnhof von Orsières. Via Sembrancher nach Martigny.

Charakter: Hochalpin, herrlich zivilisationsfern, man wandert inmitten schneebedeckter Bergriesen. Mittlere Anstrengung. Streckenweise rutschig und sehr steil.

Höhepunkte: Die Einfahrt beim Passhospiz des Grossen Sankt Bernhard; der Weihrauchgeruch in der alpinen Kirche. Der Panoramablick vom ersten und vom zweiten Pass. Der untere Lac de Fenêtre.

Kinder: Machbar, in den Steilpassagen gehören sie geleitet.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: Nur am Anfang auf dem Grossen Sankt Bernhard.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmer privatem Journal.

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Outdoor

Steile Kurven in Oerlikon

Anette Michel am Donnerstag, den 14. August 2014


Seit über 100 Jahren steht sie in Zürich-Oerlikon: die offene Rennbahn. Heute mitten im Siedlungsgebiet, wurde das Betonoval 1912 allein auf weiter Flur gebaut, nur von Wiesen umgeben. Die 333 Meter lange Bahn mit ihren Steilwandkurven, die Winkel von bis zu 45 Grad aufweisen, galt als architektonisches Meisterwerk. Die Radrennen boten gefragte Unterhaltung, die Zuschauer reisten damals en masse nach Oerlikon. Heute bringt das Fernsehen Sportereignisse ins Wohnzimmer, und für einen ausgelassenen Abend gibt es viele Alternativen zur Rennbahn. Wohnten zu den Blütezeiten in den Fünfzigerjahren den Radrennen in Oerlikon bis zu 15'000 Zuschauer bei, sind es heute noch ein paar Hundert. Sehenswerte Radrennen finden aber noch immer statt: Jeden regenfreien Dienstagabend im Sommer stehen hier die nationale Elite und auch immer wieder internationale Profis am Start.

Bahnrennen sind die zuschauerfreundlichsten Radrennen. Das ganze Renngelände lässt sich bequem von der Tribüne aus überblicken. So kann der ganze Rennverlauf mit allen Attacken, Einbrüchen und Schlusssprints mitverfolgt werden. Ein Biss Bratwurst, während die Scheibenräder auf der Bahn vorbeisausen, ein Schluck Bier, wenn sich die Aufregung nach dem Schlusssprint legt. Blechern klingt die Stimme des Speakers aus den Lautsprechern, wenn er die Namen der Sieger oder der Ausgeschiedenen ausruft. Rund zehnmal pro Abend spielt seit Jahren die gleiche Marschmusik, zu der die Sieger ihre Ehrenrunden drehen und dabei mit der Trophäe von Blumen Remund in Wallisellen in die Zuschauerränge winken.

Hier ist das coole, gentrifizierte Zürich noch nicht angekommen, die Welt der Radrennbahn ist irgendwie un-urban und ein wenig von gestern – auf eine wohltuende Art. Knalliges Spektakel und Kommerz bleiben draussen, es gibt werbefreie Pausen und Zeit für einen Schwatz mit den Angehörigen der «Bahnfamilie». In der Tat herrscht eine familiäre Stimmung auf und neben der Bahn, und man trifft immer etwa die gleichen «Verdächtigen» an den Dienstagabenden. So gemütlich die Stimmung: die Rennfahrer lassen keine Wünsche an die Geschwindigkeit offen. Die Eliterennen werden mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von rund 50 km/h gefahren. Bei den Steherrennen, bei denen Motorräder den Velofahrern ihren individuellen Windschatten spenden, werden im Schnitt 70 km/h erreicht – Spitzentempi können gar 90 km/h betragen, und das ohne bergab zu fahren! Entsprechend eigenartig sehen diese Velos aus: Die Kettenblätter sind pizzatellergross, die Vorderräder eher klein und die Gabel nach innen gebogen, damit der Fahrer näher an die Rolle des Töffs und damit des Windschattens kommt.

Viele der grossen Radsportler der Vergangenheit haben in Oerlikon ihre Runden gedreht, so etwa Hugo Koblet, Ferdy Kübler, Urs Freuler. Franco Marvulli, der gutaussehende Platzhirsch der vergangenen Jahre, war Weltmeister in mehreren Bahndisziplinen. Vergangene Saison ist er zurückgetreten, jetzt sind die Positionskämpfe um seine Nachfolge definitiv eröffnet. Schnelle Junge wie Stefan Küng, Tom Bohli, Frank Pasche oder Théry Schir stehen in Oerlikon zahlreich am Start, auch international fahren sie auf die Podeste. Diese vier sind gar gerade U-23-Europameister in der Mannschaftsverfolgung geworden, Stefan Küng holte sich den Titel auch noch auf der Strasse und im Zeitfahren. Mit diesen Resultaten sind die jungen Bahnfahrer auf gutem Weg zum Ziel des Projektes «Rad-Bahnvierer Rio 2016» von Nationaltrainer Daniel Gisiger: die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Für das ehrgeizige Projekt sind die Trainings und Rennen auf der Rennbahn in Zürich zentral.

Auch für den Radsport allgemein werden die Bahnrennen zudem als Alternative zu den Strassenrennen immer wichtiger. Deren Kalender dünnt allmählich aus, da Bewilligungen für Strassensperrungen und Freiwillige als Streckenposten schwieriger zu bekommen sind als früher.

Als Hobbyfahrer muss man übrigens nicht auf der Tribüne sitzen bleiben: Nach dem Besuch eines Bahnkurses – meist donnerstagabends – steht den Absolventen das Oval zu verschiedenen Zeiten für freie Trainings offen. Die Rennpiste wird also rege genutzt und ist dazu absolut einzigartig. Trotz allem werden immer wieder Pläne publik, wie die Stadt das Areal besser ausnutzen könnte. In den vergangenen Jahren war etwa von einem neuen Eishockeystadion oder einem Ersatzhallenbad die Rede, obwohl es beides in unmittelbarer Nähe bereits gibt.

Der aktuelle Mietvertrag der Interessengemeinschaft offene Rennbahn Oerlikon (Igor), welche die Bahn betreibt, läuft bis 2016. Ein kurzer Zeithorizont für einen Betrieb dieser Bedeutung. Die Interessengemeinschaft ist jedoch zuversichtlich, den Rennbetrieb bis 2020 und darüber hinaus aufrechterhalten zu können. Ich hoffe es auch, für alle Radsportfans!

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