Blogs

Outdoor

Der Tag, als die Forelle schrie

Thomas Widmer am Freitag, den 24. Oktober 2014

Diese Woche von Noiraigue durch die Areuseschlucht nach Bôle (NE)
In meiner Erinnerung riecht diese Wanderung gut. Nach Laub auf feuchten Schluchtpfaden und nach schlaffem Farnkraut. Nach totem Holz. Aber auch nach Forelle Meunière. Und natürlich, wie könnte es anders sein im Val de Travers, nach Absinth.

Mit ihm begann die Wanderung in Noiraigue. Man darf den Kiosk Goût & Région im alten Bahnhofsgebäude nicht unbesucht lassen und einfach loswandern; es wäre ein Fehler. Der Terroirgedanke wird dort lebendig, dass es eine Lust ist. Und ausserdem gehören Leute unterstützt, die irgendwo in einer Randgegend etwas aufbauen.

Herrliche Abwärtswanderung

Wir traten ein, schauten uns um, degustierten Tomme mit Kümmel. Käse. Absinth-Pralinés, Wurst mit Absinthgout und Absinth pur. Einiges davon landete in unseren Rucksäcken – und um es vorwegzunehmen: Was folgte, war gleich wieder Genuss. Der Weg führt nah der Areuse abwärts und ist perfekt hergerichtet. Gute Schuhe tun trotzdem not. Es feuchtelt herbstlich in der Schlucht. Die Areuse entspringt übrigens weiter oben im Tal bei Saint-Sulpice aus einer Karstquelle. Ihr Name kommt aus dem Spätlateinischen, «Arrogium» gleich Fluss. Im Mittelalter gab es für einige Zeit auch die Form «Arosa».

Herrlich, diese Abwärtswanderei, bei der wir zuerst noch kurz der Bahnstrecke entlangliefen. Linker Hand sahen wir den Kamm der Tablettes, eines Höhenzuges, den ich vor langer Zeit einmal überwandert hatte; ich kann das nur empfehlen. Die Tablettes sind einsamer als der berühmte Creux-du-Van, der Canyon der Romandie, gegenüber auf der anderen Talseite.

Die Areuse ist ein arbeitsames Ding, sie wurde und wird gebraucht. Wir erblickten Stauwehre, Elektrizitätswerkgebäude, Schleusen, Kanäle noch und noch. Einst kamen dazu Sägereien, Stampfen, Färbereien, Waschhäuser, Schmieden, Papier- und andere Fabriken. Auch eine grosse Trinkwasserlieferantin ist der Fluss; viele Neuenburgerinnen und Neuenburger trinken Areuse.

Nach knapp anderthalb Stunden bei Champ du Moulin die Wandermitte. Hunger. Zeit fürs Mittagessen. Das Lokal unserer Wahl begeisterte uns schon baulich. La Truite ist über hundertjährig: ein Trutzdach im Heimatstil, grün-weiss-gestreifte Fensterläden, ein geräumiger Saal. Eine Freundesvereinigung trieb die Millionen auf, die zur Renovierung benötigt wurden; wenn ich es recht verstehe, bleibt noch einiges zu tun.

Der Forellenschrei

Wir setzten uns, bekamen von einem umtriebigen Jüngling die Karte und hatten bald unser Essen vor uns. Forelle, jawohl. Aus dem hauseigenen Weiher. Wie alle Tieresser habe ich bisweilen kurz ein schlechtes Gewissen. In diesem Fall ereilte es mich, weil mein Fischlein seinen Mund zum stummen Munch-Schrei aufgerissen hatte. Fein war es aber. Ich tröstete mich damit, dass es in Form guter Gedanken in mir weiterleben würde. Und dass ich es – siehe diesen Text – auch öffentlich feiern und verewigen würde.

Nach dem Mittagessen kam der Schlucht zweiter Teil. Wieder feuchte Enge, der Herbstwald, Brücklein, Stege, Stufen aus Kalkstein, der schäumende Fluss und die eine oder andere Wasserfassung. Endlich der Ausgang aus der Schlucht. Die letzten 20 Minuten durch das Acker- und Wiesland zum Bahnhof Bôle mit Sicht auf den Neuenburgersee hätten wir normalerweise als schön taxiert. Nach dem Schluchtparcours fanden wir sie langweilig. Die Gorges de l'Areuse sind Wanderadrenalin.
++

Route: Bahnhof Noiraigue - Saut de Brot - Champ du Moulin - Bahnhof Bôle.

Wanderzeit: Knapp 3 Stunden.

Höhendifferenz: 125 Meter auf-, 310 abwärts.

Wanderkarte: 241 T Avenches und 242 T Walenstadt, 1:50'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Bôle mit dem Zug nach Neuenburg.

Charakter: Wildromantischer Schluchtweg, teilweise feucht und etwas rutschig. Viele Treppchen und Stege.

Höhepunkte: Der Einkauf im Bahnhofsladen von Noiraigue. Die vielgesichtige Areuse. Das Forellenrestaurant in der Mitte der Wanderung.

Kinder: Keine Probleme.

Hund: Gitterstege.

Einkehr: Nach fünf Viertelstunden direkt am Fluss in Champ du Moulin. La Truite, schönes altes Haus, gute Forellen. Kein Ruhetag.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

++

Outdoor

Grenzenlos wandern

Outdoor-Redaktion am Mittwoch, den 22. Oktober 2014

Ein Gastbeitrag von Christian Andiel*

Es ist ein herrlicher, wolkenloser Septembermorgen. Beim Aufstieg vom Rifugio Vallanta zum Pass auf 2811 Metern sind wir trotzdem enorm froh, dass wir Handschuhe und Mützen eingepackt haben: Der Monviso, den wir in drei Tagen umrunden, wirft noch seinen Schatten. Erst als die Sonne höher steht, steigen die Temperaturen, dann allerdings rapide, am Ende werden wir wieder 28 Grad haben.

Zuvor aber geht es über ein kleines Schneefeld, dann öffnet sich am Passo di Vallanta der Blick ins Valleé du Guil. Noch ein Schritt, und wir haben Italien verlassen, sind in Frankreich. Das sagen uns aber nur die Namen der Täler und Berge, die Farben der Wegmarkierungen. Kein Schild weist darauf hin, kein Zöllner steht herum – hier in den Cottischen Alpen, etwa 90 Autokilometer südwestlich von Turin, geniessen wir grenzenloses Wandern.

Der Monviso ist mit seinen 3841 Metern eine imposante Erscheinung. Natürlich kann man den «Re di Pietra», den König aus Stein, besteigen. Aber wir halten uns an die Bergsteigerbibel, und der Rother Wanderführer Piemont Süd sagt: «Stellt sich noch die Frage, ob eine Umrundung des Mythosbergs nicht der mühsamen Quälerei durch brüchiges Gestein auf den Gipfel vorzuziehen ist – wo doch seine formschöne Pyramide die eigentliche Augenweide darstellt.» Eben.

Die Rundwanderung, die nahe der Po-Quelle beginnt, führt über gemütliche Hütten mit ausgezeichneter Küche. Sie ist technisch wenig anspruchsvoll; wer am Tag bis sieben Stunden gehen kann, hat keine Mühe. Aber sie bietet aussergewöhnliche Blicke auf den Monviso, in wunderschöne Täler. Und wo kann man schon innerhalb einer Stunde erst auf der einen Seite den Montblanc sehen, dann am Horizont einen Streifen des Mittelmeeres?

Wir gehen auf alten Saum- und Militärpfaden. Den Colle Traversette kann man eigentlich umgehen, der Markgraf von Saluzzo liess Ende des 15. Jahrhunderts etwas unterhalb den vermutlich ersten Strassentunnel der Alpen bauen. Er wollte damit den Transport von Salz, einem der damals wichtigsten Handelsgüter, sicherstellen – auch im Winter, und auch wenn feindliche Markgrafen den Pass besetzt hielten. Doch der Tunnel wird gerade saniert, er soll 2015 wieder passierbar sein. Was eigentlich gut ist, denn der Blick vom Colle Traversette (2950 Meter) Richtung Valle Po ist atemberaubend.

Hier kehren wir nach Italien zurück. Und wir denken wieder an unsere grenzenlose Wanderung. Das ist doch der wahre Kern des modernen, vereinten Europa, das gerade hier einst von schweren Kriegen heimgesucht wurde. Aus umkämpften Militärwegen wurden Wanderwege, aus befestigten Grenzposten wurde – nichts mehr. Bilder aus dem Nordirak tauchen auf, IS-Milizen, die Verbindungsstrassen bauen, um ihren Vormarsch effizienter durchführen zu können. Was wird einst aus diesen Wegen?

Neben dem Rifugio Quintino Sella steht eine kleine Kapelle. Hier wird der Bergsteiger gedacht, die bei der Besteigung des Monviso ums Leben kamen. Die Fotos von Italienern hängen hier neben den Porträts von Französinnen, etliche waren zu Rettungseinsätzen unterwegs. Wir geniessen die Abendsonne, geredet wird in einem wunderbaren Mischmasch aus Italienisch und Französisch, aber man versteht sich bestens. Und es gibt leckere Pasta, dazu Wein aus dem Piemont … Haben wir eigentlich schon gesagt, wie sehr wir die Umrundung des Monviso empfehlen?

Video: Youtube

Giro del Viso. Pian del Re (mit dem Auto erreichbar) – Rifugio Quintino Sella – Rifugio Vallanta – Pian del Re. Die Tour kann in mehr Etappen unterteilt werden.

Literatur:
Iris Kürschner. Piemont Süd. Rother Wanderführer. 2. vollständig überarbeitete Auflage 2012.
Iris Kürschner. Hüttentrekking Westalpen. Frankreich-Italien. 2. Auflage 2012.

Karten:
Valle Po, Monviso. Carta sentieri e stradale 1:25'000; Blatt 10
Monviso. Nr. 106 der Carta die Sentieri e dei Rifugi 1:25'000, Instituto Geografico Centrale Torino.
Für Kartenmaterial der Gegend wendet man sich am besten an Lieni Roffler von der Buchhandlung Piz, Buch & Berg, Müllerstrasse 25, Zürich (Pizbube.ch). Er hat die meisten verfügbaren Karten vorrätig und weiss, welche Karten noch aufgelegt werden. Roffler war zudem schon auf dem Gipfel des Monviso.

Andiel ChristianChristian Andiel ist Produzent und Sportredaktor beim «Tages-Anzeiger».

Outdoor

Die grössten Marathonbetrüger

Pia Wertheimer am Montag, den 20. Oktober 2014

Mariano Mastromarino lief am Marathon von Buenos Aires nach 2:15:28 über die Ziellinie. Eine beachtliche Zeit, die ihm aber keinen Platz im Olymp der Langstreckler sichern wird. Und auch wenn er seit zehn Jahren der erste Argentinier ist, der am Marathon der Landeshauptstadt triumphiert, wird er nicht in die Geschichtsbücher eingehen. Trotzdem wird sich die Laufwelt wohl noch lange an Mastromarino erinnern: Ausschlaggebend war eine Szene, die sich rund fünf Kilometer vor der Ziellinie abspielte. Mastromarino hatte kurz zuvor den führenden Kenianer und Titelverteidiger Julius Karinga in einer regelrechten Machtdemonstration stehen gelassen.

Ein weisser Marathonläufer, der Athleten aus Afrika derart deklassiert, ist in der Tat ein seltenes Bild. Die Funktionäre im Begleitfahrzeug trauten der Sache nicht und hiessen Mastromarino wiederholt die Strecke freizugeben. Wie der Argentinier später im Interview sagte, dachten sie offenbar er sei ein Eindringling, der sich ins Rennen gemogelt hatte. «Verlass das Rennen, geh weg! Bleib nicht hier, dies ist ein Wettkampf», schrien sie aus dem Fenster. In der Wiederholung ist die Szene gut sichtbar. Der Funktionär im Auto befahl dem vermeintlichen Betrüger, zu verschwinden.

Blickt man in die Geschichtsbücher des Langstreckenlaufs, ist das im Fall Mastromarino ungerechtfertigte Misstrauen der Funktionäre aber nachvollziehbar. Eine ganze Reihe Marathonbetrüger schrieben unrühmliche Geschichte:

Der Witz mit dem Auto

1904 anlässlich der Olympischen Spiele in St. Louis überquerte der Amerikaner Fred Lorz als Erster die Ziellinie des Marathonwettkampfs. Wie sich kurz darauf herausstellte, war er nach 14,5 Kilometer ins Auto seines Managers gestiegen. Dieser chauffierte ihn, bis das Auto nach 17,7 Kilometern seinen zwielichtigen Dienst versagte. Lorz lief zu Fuss weiter und liess sich im Olympiastadion als Sieger feiern. Als ihn ein Zuschauer überführte, gestand der Amerikaner und gab an, es habe sich bei seiner Aktion um einen Witz gehandelt.

Die gestohlene Show

1972 stahl an den Olympischen Sommerspielen in München ein 16-Jähriger dem Sieger Frank Shorter die Show. Der Teenager kletterte vor dem Stadion, in welchem sich das Marathonziel befand, kurzerhand über die Abschrankungen. In Laufkleidern und mit einer selbstgebastelten Startnummer vermochte er das Publikum auf den Zuschauerrängen zu täuschen. Sie hielten ihn für den führenden Läufer und jubelten ihm zu, bis ihn die Sicherheitskräfte einfingen und abführten, just als Shorter einlief. Der Amerikaner erinnert sich im TV-Interview mit dem Bayerischen Fernsehen an seinen kuriosen Olympia-Sieg.

Die Meisterin der Abkürzungen

«Verletzt», verlogen, verloren: Rosie Ruiz in Boston 1980.

«Verletzt» und verlogen: Rosie Ruiz in Boston 1980.

1980 ging die Amerikanerin Rosie Ruiz unrühmlich in die Sportgeschichte ein. Sie entschied in einer Zeit von 2:31:56 den Boston Marathon für sich – und erregte damit Aufmerksamkeit: Ruiz stellte mit dieser Zeit einen neuen Streckenrekord der Frauen auf und stieg zudem damit als drittschnellste Marathonläuferin überhaupt in die Liga der ganz Grossen auf. Der Ruhm dauerte aber nicht lange. Die Sportwelt war misstrauisch – hatte sie doch ihre Zeit vom New York City Marathon, der sechs Monate zuvor stattgefunden hatte, um ganze 25 Minuten unterboten. Zudem konnte sich keine der Mitstreiterinnen erinnern, Ruiz auf der Strecke begegnet zu sein. Vernichtend war indes die Beobachtung zweier Studenten: Sie sahen Ruiz eine halbe Meile vor dem Ziel aus einer Gruppe preschen. Als die Zweifel an Ruiz' Erfolg in Boston publik wurden, meldete sich eine Fotografin, die sich erinnerte, während des New York Marathons mit der Läuferin U-Bahn gefahren zu sein. Sie hatte Ruiz ins Zielgelände begleitet, wo sie angab, verletzt zu sein. Die Helfer gingen davon aus, sie sei das Rennen fertig gelaufen und registrierten ihre Zeit – mit der sie sich für Boston qualifizierte. Der Direktor des New Yorker Marathons liess das vorhandene Bildmaterial überprüfen und stellte fest, dass Ruiz auf keiner Aufnahme der Ziellinie zu sehen war. Er disqualifizierte sie daraufhin. Seine Kollegen von Boston taten es ihm gleich – nicht nur, weil sie berechtigte Zweifel hegten, dass Ruiz tatsächlich das ganze Rennen gelaufen war. Ohne die New Yorker Zeit, mit der sie sich für Boston qualifiziert hatte, war ihre Teilnahme so oder so nicht rechtens gewesen.

Die Trittbrettläuferin

2007 stellte die Liechtensteinerin Kerstin Metzler-Mennenga am Marathon in Berlin mit 2:42:21 Stunden einen Landesrekord auf. Mit ihrer Zeit sicherte sie sich zudem einen Startplatz an den Olympischen Sommerspielen in Peking. Metzler-Mennenga war das Rennen allerdings nicht selbst gelaufen. Für 100 Euro hatte sie einen männlichen Teilnehmer angeheuert, der ihren Zeiterfassungschip zusätzlich zum eigenen mit sich trug. Dabei liess sie ihn im Glauben, er nehme damit an einer wissenschaftlichen Studie teil. Der Läufer staunte nicht schlecht, als er feststellte, dass die Frau mit exakt derselben Zeit in der Rangliste figurierte. Er informierte den Veranstalter, der Metzler-Mennenga zur Rechenschaft zog. Sie bekannte sich schuldig. Wenige Wochen später gestand sie an einer Pressekonferenz, bereits anlässlich des Marathons in Hamburg denselben Trick angewendet zu haben. Sie hatte auch bei diesem Rennen den Landesrekord geknackt und hatte die Qualifikation für den Marathon der Leichtathletik-WM 2007 in Osaka geschafft.

Der unglaubwürdige Politiker

Von Kilometer 20 bis 35 abgekürzt: Roberto Madrazo.

Von Kilometer 20 bis 35 abgekürzt: Roberto Madrazo.

Die Liechtensteinerin war dabei in illustrer Gesellschaft: Im selben Jahr schummelte in Berlin auch der mexikanische Präsidentschaftskandidat aus dem Jahre 2006. Roberto Madrazo erreichte das Ziel nach 2:41:12 Stunden. Er siegte damit in seiner Alterskategorie. Ein aufmerksamer Fotograf entlarvte den Mexikaner dank dessen Kleidung. Madrazo lief mit langen Hosen und einer Windjacke ein. Für die damals herrschenden Wetterbedingungen ein viel zu warmes Outfit. Die Funktionäre stellten daraufhin fest, dass Madrazo zwei Zeitmessmatten verpasst und sein Messchip Zeiten dokumentiert hatte, die gar den damaligen Weltrekordhalter vor Neid hätten erblassen lassen. Er hatte von Kilometer 20 bis 35 abgekürzt.

Der Massenschummel

2010 wurde in China gleich eine ganze Reihe von Betrügern überführt. Beim Xiamen-Marathon engagierten 30 Läufer Doubles. Diese reihten sich unter die besten 100 des Männer-Marathons. Die Betrüger gingen dabei unterschiedlich vor, einige rannten selber keinen Meter und verliessen sich auf die schnellen Beine ihrer Vertreter. Andere wiederum legten nur einen Teil der Strecke selbst zurück oder liessen sich gleich kilometerweise chauffieren.

Outdoor

Zehn Zentimeter für erhöhte Glücksgefühle

Jürg Buschor am Freitag, den 17. Oktober 2014
Stefan Herrmann demonstriert Kurventechnik par excellence. Grundvoraussetzung: breiter Lenker. Foto: Markus Greber

Stefan Herrmann demonstriert Kurventechnik par excellence. Grundvoraussetzung: breiter Lenker. Foto: Markus Greber

Grösse ist nicht alles. Wenns jedoch um den Mountainbike-Lenker geht, ist der Breitenzuwachs fast uneingeschränkt zu begrüssen. Der Grund: Die Steuerzentrale ist der entscheidende Kontaktpunkt zum Bike, über den die Impulse vom Fahrer an das Gefährt weitergegeben werden. In welche Richtung wird das Mountainbike gelenkt? Wie umfahre ich Hindernisse? Wie kann ich Schläge und Unebenheiten ausgleichen? Ein breiter Lenker gibt Sicherheit und Kontrolle und erhöht damit den Fahrspass. Das Gute daran: In keinem anderen Bereich können die Fahreigenschaften des Mountainbikes einfacher und günstiger getunt werden.

Breit gemacht

Eine schmale Griffposition verstärkt die Tendenz zu steifen Armen.

Eine schmale Griffposition verstärkt die Tendenz zu steifen, durchgestreckten Armen.

Am Cockpit finden die entscheidenden Aktionen für eine flüssige und sichere Fahrt statt. Ein breiterer Lenker bedeutet einen grösseren Hebel. Die Gesetze der Physik manifestieren sich auch hier: Ein längerer Hebel bedeutet einen reduzierten Kraftaufwand. Und weniger Kraft bedeutet bessere Dosierbarkeit. Das macht sich auch bei der Halte- und Balancearbeit bemerkbar.

Fahrtechnikexperte und Downhill-Urgestein Stefan Herrmann vergleicht das Halten des Lenkers gerne mit dem einer Hantelstange beim Bankdrücken: «Hält man eine Langhantel sehr eng, wird die Balance und der muskuläre Einsatz deutlich schwieriger. Wir greifen die Hantel also weiter aussen. Genauso sollten wir es auch auf dem Bike machen.» Auch das Bild der Balancestange beim Drahtseilakt bemüht der erfahrene Rennfahrer gerne, um die Vorteile eines breiten Lenkers zu demonstrieren. Die weite Armstellung begünstigt eine bessere Position im Abfahrtsmodus, während eine sehr schmale Griffposition die Tendenz zu steifen und durchgestreckten Armen verstärkt.

Je breiter, desto kontrollierter

Der Standard der Gravity-Szene pendelt sich zwischen 740 und 780 Millimetern ein.

Der Standard der Gravity-Szene pendelt sich zwischen 740 und 780 Millimetern ein.

Aber was ist schon breit? Vor nicht allzu langer Zeit waren Lenker über 600 Millimeter noch den harten Burschen mit Vollvisierhelm vorbehalten. Der Standard lag bei rund 560 Millimetern. Von diesen Massen hat sich die Industrie inzwischen weit entfernt. Im abfahrtsorientierten Bikesport reicht die Lenkerbreite bis 800 Millimeter, der Standard der Gravity-Szene pendelt sich zwischen 740 und 780 Millimetern ein. Was den Downhill-Rennfahrer schnell macht, kann für den Hobby-Biker kein Nachteil sein. Normalerweise bringen die Parts der Gravity-Szene ein enormes Mehrgewicht mit sich. Die breiten Lenker lassen sich mühelos und praktisch ohne Nachteile auch auf den Singletrail übertragen.

Herrmann, der mit seiner Fahrtechnikschule MTB-Academy seit über 17 Jahren Bikern das Leben erleichtert, empfiehlt: «Männer nicht unter 720 Millimeter, Frauen mindestens 680 Millimeter. Alles darunter lässt die Kontrolle und den Fahrspass leiden.» Natürlich spielt auch die Körpergrösse und Statur des Fahrers oder der Fahrerin eine gewisse Rolle. Die Faustregel «Lenkerbreite gleich Schulterbreite» hält sich aber glücklicherweise nur noch in ganz altmodischen Ratgebern. Persönliche Vorlieben und der Einsatzbereich führen selbstverständlich zu individuellen Unterschieden. Prinzipiell gilt: Je mehr der Fokus auf der Abfahrt liegt, desto breiter darfs sein.

Achtung Baumstamm!

Prinzipiell gilt: Je mehr der Fokus auf der Abfahrt liegt, desto breiter darfs sein.

Je mehr der Fokus auf der Abfahrt liegt, desto breiter darfs sein.

Einen kleinen Schönheitsfehler hat der verbreiterte Grössenwahn der heutigen Zeit aber doch. Denn im Gegensatz zur Breite des Lenkers, streben wir Biker nach möglichst schmalen Wegen. Eine Engstelle zwischen zwei Bäumen, die mit einem altertümlichen Stummellenker problemlos passierbar war, kann mit einem Geweih, wie wir es heute im Downhill-Worldcup sehen, zum unüberwindbaren Hindernis werden. Der Albtraum eingeklemmter Finger fährt mit. In der Praxis bilden Engpässe, an denen es wirklich kritisch wird, aber die absolute Ausnahme. Deshalb auf das Fahrgefühl moderner Bikes zu verzichten, wäre fahrlässig.

Modeerscheinung oder praktischer Mehrwert – was halten Sie von Lenkerbreiten über 700 Millimeter? Worauf schwören Sie? Und weshalb?

Outdoor

Ankeschwändi – was für ein herrlich gebutterter Name

Thomas Widmer am Freitag, den 17. Oktober 2014

Diese Woche von Wolhusen auf den Menzberg (LU)

Menzberg ist bekannt als Ausgangspunkt von Napfwanderungen. Doch wieso nicht Menzberg für einmal zum Ziel machen? Das Dörfchen auf 1000 Metern über Meer ist ein herrlicher Ort zum Ankommen, Verweilen, Einkehren. Hat man ausgiebig genossen, trägt einen der Bus hinab zur Station von Menznau. Soweit der Schluss dieser Wanderung.

Jetzt zu ihrem Anfang. Bei blendendem Herbstwetter steigen wir in Wolhusen aus dem Zug. Zum Auftakt geht es durch das vom Verkehr heimgesuchte Riesendorf: zuerst zum grossen Kreisel und dann westseitig der kleinen Emme ein langes Stück durch ein Wohnquartier.

Lebe wohl, geliebter Geruch

Blumen blühen in den Vorgärten, das Auge verschlingt sie sehnsüchtig. Bald ist es vorbei mit der Farbenfülle. Und vor allem mit dem Geruch. Das ist es, was ich im Winter am meisten vermisse: den Geruch von frisch geschnittenem Gras, von Heu, Lavendel, Flieder, Walderdbeeren, Holunderblüten und und und.

Nun wird die Unternehmung kurz richtig hart. Wir müssen steil hinauf. Zur Rechten den Stampfigraben, zur Linken das Badtobel gewinnen wir schwitzend Höhe; vor Augen haben wir die Häuser der Schruffenegg, die wir später in einigem Abstand passieren werden.

Bei der Mättenlehn ist es vorbei mit dem Leiden durch grobe Steigung. Die Wanderung ist nun längere Zeit, bis zur Gutenegg, purlautere Erholung. Ein vollkommener Höhenweg ermöglicht es. Beim Steinhuserberg sehen wir eine moderne Kirche, die sich stimmig in die Landschaft fügt, sie stammt von 1970. Hernach Höfe wie Vorderätzleschwand, Hinterätzleschwand, Längebüelschür. Und am Horizont die Berner Alpen. Dazu natürlich der Pilatus. Und die Rigi, wenn ich recht sehe; zum Herbstwetter gehört eine gewisse Dunstigkeit der Luft.

Vor der Gutenegg haben wir – dies die gute Nachricht – Menzberg vor uns. Weit ist das nicht mehr. Die schlechte Nachricht ist, dass uns der Chorbgraben von unserem Ziel trennt; in ihn hinab oder auch hinein halten wir alsbald. Je tiefer wir steigen, desto mehr gefällt uns die Wegführung; das mit der schlechten Nachricht ist Blödsinn. Die Anstrengung lohnt sich auf jeden Fall, unten am Flüebach spriessen Pilze, wir sind im Reich der Nagelfluh, der Farne, Blacken und Beeren. Der Kontrast zur hellen Hügelherrlichkeit der letzten anderthalb Stunden könnte grösser nicht sein.

Höhennest mit Riesenkirche

Wir erobern uns das Licht wieder, steigen auf zur Ankeschwändi; was für ein hübsch gebutterter Name. Kurz darauf sind wir oben in Menzberg. Das Dorf liegt wunderbar für sich, ein Höhennest. Seine Kirche ist riesig. Unser Ziel ist freilich ganz und gar weltlich. Wir haben im Hotel Menzberg einen Tisch reserviert. Das Haus geht übrigens zurück aufs Jahr 1834, als auf dem Menzberg eine Molkenkuranstalt gebaut wurde.

Bald darauf sitzen wir. Das Essen ist sehr gut, die Weinkarte sogar bombastisch, wie unsere Bieler Connaisseuse Ronja feststellt. Und der Hotelier ist ein netter Typ, der uns freundlich Auskunft gibt, als wir Fragen zur Gegend haben. Wir sind uns im Grüpplein einig, dass man in Menzberg einmal nächtigen müsste. Bleiben. Sich entspannen. Für diesmal müssen wir leider verzichten. Aber die Idee wird notiert in meinem Ideenjournal, das über die Jahre nicht dünner, sondern dicker und dicker wird. Wer wandert, entdeckt immer noch mehr Möglichkeiten zur Freude.

 

***

Route: Wolhusen Bahnhof - Bergli - Schruffenegg - Mättenlehn - Neuhus - Vorder- und Hinterätzleschwand - Längebüelschür - Tschoppen - Chorb - Chorbgraben - Ankeschwändi - Menzberg.

Wanderzeit: 3 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 590 Meter auf-, 145 abwärts.

Wanderkarte: 234 T Willisau, 1: 50 000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Mit dem Bus hinab nach Menznau zur Bahnstation. Wer via Löchli wieder zur kleinen Emme absteigt und nach Wolhusen zurückläuft, braucht 3 zusätzliche Stunden, plus 100 Meter aufwärts und 520 abwärts.

Charakter: Anstrengend im Aufstieg zur Schruffenegg und am Schluss bei der Querung des Chorbgrabens. Ansonsten herrliche Höhenwanderung mit Weitblick auf die Alpen.

Höhepunkte: Das Erreichen der Schruffenegg. Der wilde Chorbgraben. Die Einkehr in Menzberg.

Kinder: Keine Probleme.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Landgasthof-Hotel Menzberg. Montag Ruhetag

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

***

Outdoor

Eine Erstbesteigung in der Arktis von einem Segelboot aus

Natascha Knecht am Mittwoch, den 15. Oktober 2014
Ostgrönland: Ralph Villiger und Harald Fichtinger sind die ersten Menschen auf dem Kirken. Obwohl der Gipfel auf der Karte falsch eingezeichnet ist, lässt das Felstürmchen keinen Zweifel daran, das dies William Scoresby’s Church Mount ist. (Alle Bilder: Ralph Villiger und Harald Fichtinger)

Ostgrönland: Ralph Villiger und Harald Fichtinger sind die ersten Menschen auf dem Kirken. Obwohl der Gipfel auf der Karte falsch eingezeichnet ist, lässt das Felstürmchen keinen Zweifel daran, dass dies William Scoresbys «Church Mount» ist. (Alle Bilder: Ralph Villiger und Harald Fichtinger)

Seinen Namen hat der Kirken nicht von ungefähr. Kirken bedeutet auf Dänisch Kirche – und genau wie eine solche sieht dieser Berg aus. Markant ragen seine steilen Felswände in den Himmel,  der Doppelgipfel zeigt verblüffende Ähnlichkeit mit einem Kirchendach und einem Kirchenturm. Entdeckt wurde dieser Felsberg in Ostgrönland vor 200 Jahren vom englischen Arktisforscher William Scoresby jr. Er nannte ihn Church Mount. Bestiegen hat ihn allerdings noch nie jemand – bis nun im August der Basler Ralph Villiger (38) und der Österreicher Harald Fichtinger (40) kamen. Eine eingespielte Seilschaft, über die wir im Outdoor-Blog schon berichteten.

Vom Meer gesehen: Der Kirken ist der auffälligste Berg von Liverpool Land. Er sieht aus wie eine Kirche.

Vom Meer gesehen: Der Kirken ist der auffälligste Berg von Liverpool Land. Er sieht aus wie eine Kirche.

Wie so oft bei einer Erstbesteigung in abgelegenen, wilden Gegenden entwickelte sich auch bei diesem Grönlandabenteuer die Kletterei als «nur» eine von vielen Herausforderungen. Villiger und Fichtinger hatten sich vorgenommen, den Mount Kirken im Kleinstteam «sauber» zu besteigen, das heisst, auch auf Flugzeug (zumindest ab Island) und Helikopter  zu verzichten. Also segelten sie zu zweit ab Island an die Küste von Liverpool Land, eine Halbinsel etwas nördlich vom Scoresby Sound. Diese Seereise dauerte vier Tage.

Auf der Überfahrt nach Grönland segeln sie an einem etwa 400 Meter langen, von Nebel umhüllten Eisberg vorbei.

Auf der Überfahrt nach Grönland segeln sie an einem etwa 400 Meter langen, von Nebel umhüllten Eisberg vorbei.

Angaben zum Kirken hatten die beiden wenig. Lange kannten sie den Granitturm lediglich von einem Bild aus einem Buch. «Später kamen zwei Fotos auf Google Earth hinzu.» In einer unbeschriebenen Bucht, die in keiner Karte eingezeichnet ist, gingen sie vor Anker. «Die Schwierigkeiten lagen in der Abgeschiedenheit des Berges und unserem Expeditionsstil», sagt Villiger. «Mit einem Segelschiff erreicht man solch entlegene Gebiete, allerdings muss für das Schiff auch eine sichere Ankerbucht gefunden werden – insbesondere bei der Konstellation als Zweierteam, die kein Personal für eine Ankerwache übrig lässt.» Was passiert, würde sich das Boot losreissen, aufs offene Meer treiben, oder auf die Steine an der Küste, will man sich nicht ausdenken.

Das Boot liegt sicher vor Anker in einer Bucht im Norden der Kirken. Der Berg ist allerdings nicht direkt einsehbar, was die Routenfindung erschwert.

Das Boot liegt sicher vor Anker in einer Bucht im Norden des Kirken. Der Berg ist allerdings nicht direkt einsehbar, was die Routenfindung erschwert.

Eine Ankerbucht fanden die beiden nur im Norden des Berges vor. Von hier ist der Einstieg in der avisierten Felswand hinter einem Zwischengrat versteckt, der Weg führt über einen Gletscher. Kommt hinzu, dass der Kirken auf verschiedenen Karten falsch eingezeichnet ist. Prompt gingen Villiger und Fichtinger den «falschen» Berg an.

Ralph Villiger sitzt am ersten Tag auf dem falschen Gipfel. Der Kirken ist im Hintergrund.

Ralph Villiger sitzt am ersten Tag auf dem falschen Gipfel. Der Kirken ist im Hintergrund.

«Beim zweiten Versuch fanden wir den richtigen Zustieg, allerdings nur nach einem weiteren Verhauer.» Den Hauptgipfel des Kirken erreichten die beiden dann über sechs Seillängen (6b) in festem Granit. Von Boot zu Boot brauchten sie 16 Stunden. «Eine merklich leichtere Route scheint uns von keiner Seite aus möglich.»

Jetzt auf den richtigen Berg, den Kirken: Harald Fichtinger im Vorstieg. Die Kletterei ist im Schwierigkeitsgrad 6b in meist solidem Granit.

Jetzt auf den richtigen Berg, den Kirken: Harald Fichtinger im Vorstieg. Die Kletterei ist im Schwierigkeitsgrad 6b in meist solidem Granit.

Die Kletterei habe ihn an Chamonix erinnert, so Villiger. «Allerdings als wären die Alpen auf 3000 m ü. M. überflutet.» Offiziell sei der Kirken 1209 Meter hoch. «Eine eigene Messung ergab jedoch lediglich 1108 Meter.» Auch dies ein Indiz, wie verlassen und wenig erkundet diese Region noch immer sei. Aufgrund der Beschreibungen von Scoresby sind sie sich aber sicher, dass sie auf dem Church Mount standen. Koordinate: 71° 07.4'N 021° 48.8'W. Eine kombinierte Gletscher-Schnee-Fels-Tour im Niemandsland.

Nach der Besteigung segelten die beiden wieder zurück nach Island, wo Fichtinger von Bord ging. Villiger segelte noch einhand nach Schottland, wo das Boot über den Winter bleibt und auf das nächste Abenteuer wartet.

Outdoor

Sportler haben schlechtere Zähne

Natascha Knecht am Montag, den 13. Oktober 2014
Uruguay's Luis Suarez reacts after clashing with Italy's Giorgio Chiellini during their 2014 World Cup Group D soccer match at the Dunas arena in Natal

Viele Sportler kennen Zahnprobleme – die meisten jedoch eher Karies und Entzündungen: Fussballer Luis Suárez nach seiner berühmten Beissattacke an der WM 2014. Foto: Reuters

Bewegung wirkt sich bekanntlich positiv auf den Körper aus. Nun haben Forscher allerdings Verblüffendes festgestellt: Ausdauersport soll Zahnschäden verursachen!

Die Vermutung kam erstmals 2012 auf. Damals wurden an den Olympischen Sommerspielen in London 278 Profiathleten aus 25 verschiedenen Sportarten einer zahnmedizinischen Untersuchung unterzogen. 55 Prozent von ihnen litten an Karies, 45 Prozent hatten Abnützungen an den Zähnen, 76 Prozent Zahnfleischentzündungen und 15 Prozent Entzüdungen der Wurzelhaut. Über 40 Prozent der Untersuchten sagten, die Zahnerkrankungen würden sie stören. 28 Prozent gaben an, ihre Lebensqualität sei deshalb beeinträchtigt und 18 Prozent glaubten gar, ihre sportliche Leistung würde darunter leiden. Trotzdem war fast die Hälfte von ihnen im vorangegangenen Jahr nie beim Zahnarzt. Die untersuchten Profisportler stammten aus Europa, Amerika und Afrika. Diese Resultate veröffentlichte im November 2013 das «The British Journal of Sports Medicine».

Zuckerhaltige Sportgetränke seien nicht Ursache

Weshalb so viele der Athleten «schlechte» Zähne aufwiesen, blieb jedoch unklar. Die Wissenschaftler vermuteten, es könnte an den stark zuckerhaltigen Sportgetränken und Energie-Gels liegen. Inzwischen nahm sich ein Forscherteam aus Heidelberg der Sache an und publizierte seine Erkenntnisse im «Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports». Die Wissenschaftler um Studienleiterin Dr. Cornelia Frese untersuchten 35 Triathleten und 35 gesunde Nichtsportler. Untersucht und analysiert wurden Zähne, Zahnfleisch, Speichelproduktion, Ess- und Trinkgewohnheiten sowie die Art der Mundhygiene der einzelnen Probanden.

Die Sportler wiesen mehr Karies und Zahnfleischerkrankungen auf als die Nichtsportler. Je regelmässiger, intensiver und länger ihre Trainingseinheiten, desto schlechter der Zustand ihre Zähne. Sportgetränke konnten aufgrund von Tests als Ursache ausgeschlossen werden. Festgestellt haben die Dentalforscher jedoch, dass ein Ausdauertraining – schon eine Laufeinheit von bereits 35 Minuten – die Mundschleimhäute austrocknet, auch wenn die Sportler währenddessen Wasser oder andere Getränke zu sich nehmen. Während der körperlichen Belastung steigt zudem der PH-Wert des Speichels. Beides greift offenbar die Zähne und das Zahnfleisch an.

Dr. Frese betont, dass die Studie nur in kleinem Rahmen durchgeführt worden sei und deshalb nicht in allen Bereichen repräsentativ sei. Man wisse auch noch nicht, ab welchem Trainingsumfang und ab welcher Intensität die Zähne Schaden nehmen. Sicher ist nur, dass intensiver Ausdauersport die Speichelzusammensetzung auf ungesunde Weise verändert.

 Was sind Ihre Erfahrungen?

Outdoor

Alles ist ein wenig traurig – und noch schöner als sonst

Thomas Widmer am Freitag, den 10. Oktober 2014

Diese Woche von Claro nah Bellinzona auf die Monti di Savorù (TI)

Es ist Herbst. Melancholie zieht in die Landschaft ein respektive in den Menschen, der sie durchschreitet. Das Fest ist vorbei. So fühlte ich es auch auf meiner Wanderung von Claro durch Buchen, Birken, Kastanienbäume auf die Monti di Savorù.

Versteht man, was ich meine? Im Herbst wird der Wald still. Und ein wenig traurig. Alles ist noch schöner als sonst. Weil es endet.

Und gleich eine weitere Vorbemerkung, sie ist geografischer Art. Bei den Monti di Savorù, manchmal auch Monti di Saurù, handelt es sich um eine Serie von Maiensässen hoch über jener Ecke, wo kurz vor Bellinzona Misox und Riviera zusammenkommen. «Riviera» wiederum ist der Name des Ticino-Tals zwischen Biasca und Bellinzona. Dass der alte deutsche Name «Reffier» entschwunden ist, halte ich nicht für einen Verlust. Es ist in ihm kein Wohlklang.

Pippo und der heilige Benedikt

Kalt der Morgen, als ich bei Claro, Ponton, so der Name der Bushaltestelle, loszog. Der Hang meines Tages erhob sich bläulich vor mir. Auf der Strasse ins Dorf lag Raureif. Beim Metzger Pippo kaufte ich mir eine Salami und eine Ciabatta.

Claros Kirche hätte in jedem Pasolinifilm auftauchen können, stilechter Süden. Weiter oben passierte ich die Kapelle St. Ambrosi. Ein gepflästerter Pilgerweg, glitschig feucht von der Nacht, leitete mich zum Benediktinerinnenkloster Santa Maria Assunta auf einem Felssporn 350 Meter über dem Dorf. Den Ordensgründer lernte ich durch das Fresko eines Bildstockes kennen: Benedikt von Nursia, ein bärtiger, hagerer Mann mit heiteren Augen, trug einen Raben auf der Hand.

Das Kloster war Gold im Sonnenlicht. Ich ging in die Kirche, fand den Rest der Anlage verschlossen, stellte mich auf die Terrasse, blickte durch Palmen auf die Riviera und freute mich des Lebens. Die Bergspitzen gegenüber, Gipfel wie die Cima dell'Uomo, waren in Schnee getaucht.

Dann der Aufstieg durch die Waldflanke und viel von den eingangs beschriebenen herbstlichen Gefühlswallungen, Euphorie und Schwere im Wechsel. Die ersten 20 Minuten ging ich auf einem Strässchen. Es folgte ein stellenweise schmaler Pfad, der Boden war mal wurzeldurchsetzt, mal geröllbedeckt, dann wieder gepolstert durch weiche Kastanienhüllen. Der Wald schief bereits zu schlafen, kein Vogel war zu hören.

Via Ai und Pozzuolo kam ich nach Parusciana und passierte dabei zwei, drei Traumrustici. Von Parusciana führte mich ein leichter Weg hinüber zu den Monti di Savorù. Auch da kein Mensch. Das Restauräntchen war zu, die Seilbahnkabine hing verlassen in der Bergstation.

Ich liess mich auf einem Trockenmäuerchen nieder, Eidechslein huschten von dannen; Godzilla hatte sich auf ihr Haus gesetzt. Was für ein Unterschied zur Kälte des Morgens, dachte ich, während ich in den Himmel blinzelte, die Sonnenwärme genoss, Pippos Salami verschlang und plötzlich glücklich war.

Die Sechsjährige, sie lebe hoch!

Und nun noch ein PS, liebe Leserin und lieber Leser. Meine Wanderkolumne feiert dieser Tage ihren sechsten Geburtstag. Rund 300 Wanderungen habe ich bisher vorgestellt - und möchte mich bedanken für alle, die sie nachgehen, die mir schreiben, die loben oder auch Kritik an der einen oder anderen Ungenauigkeit oder Unbedachtheit üben. Auf viele weitere Routen und so viele Reaktionen wie bisher!

++

Route: Claro, Ponton (Bushaltestelle der Buslinie Airolo - Biasca - Bellinzona) - Claro Kirche - Kloster Santa Maria Assunta - Cavri - Pozzuolo - Parusciana - Monti di Savorù (Saurù), Seilbahn.

Wanderzeit: 3 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 1075 Meter aufwärts, 35 abwärts.

Savorù-Seilbahn: Der Fahrplan ist nicht allzu dicht.

Verlängerung: Statt auf den Monti di Savorù das Bähnchen hinab nach Lumino zu nehmen, kann man auch laufen. Steiler, aber guter Kehrenweg im Wald. Plus 2 Stunden, plus 1055 Höhenmeter abwärts.

Wanderkarte: 276 T Val Verzasca 1:50 000. Für den Abstieg nach Lumino braucht es auch die Karte 277 T Roveredo.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Lumino mit dem Bus nach Bellinzona.

Charakter: Zuerst ein Pilgerweg zum Kloster von Claro. Hernach einsamer, steiler Wald auf guten Pfaden. Aussichtsreich, still, mit aparten Rustici und viel Bergsicht in den oberen Lagen.

Höhepunkte: Die Kirche von Claro. Der gepflegte Weg zum Kloster. Der Blick vom palmengesäumten Kloster auf die Riviera. Der Bergblick weiter oben.

Kinder: Machbar.

Hund: Machbar.

Einkehr: Bei der Seilbahn-Bergstation gibt es ein kleines Restaurant. Die Öffnungszeiten sind nicht wirklich klar festgelegt. Anfragen! 091 829 20 95.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmer privatem Journal.

++

Outdoor

Wie gefährlich sind Velorennen?

Anette Michel am Freitag, den 10. Oktober 2014


«Der gefährlichste Sport der Welt»? Gesammelte Unfälle. Video: CTFUcycling/Youtube

Die Schweizer Radsportgemeinschaft stand diesen Sommer unter Schock: Im Juni stürzte an den Radsporttagen in Gippingen ein Radrennfahrer derart tragisch, dass er kurz darauf verstarb. Insgesamt kamen vier Teilnehmer zu Fall, als ein weiterer in der Abfahrt die Gruppe überholte. Die drei weiteren Gestürzten kamen mit mittelschweren Verletzungen davon. Der Rennfahrer, der den Sturz durch sein Überholmanöver vermutlich ausgelöst hatte, wurde für eine Woche in Untersuchungshaft genommen. Laut der Staatsanwaltschaft des Kantons Aargau sind die Untersuchungen noch am Laufen.

Der ambitionierte Hobbyrennfahrer, der den Sturz nicht überlebte, war in seinen Dreissigern und wollte bald heiraten. Seine Leidenschaft für den Radsport wurde ihm zum Verhängnis. Sein Tod hat den Schweizer Radsportlern auf brutale Art die Risiken an Velorennen ins Bewusstsein gerufen: Wie gefährlich sind sie? Hatte der Gestürzte einfach unfassbares Pech, oder fährt der Tod mit als unsichtbarer Teilnehmer?

Andrew Talansky stürzt an der 7. Etappe der Tour de France 2014. Foto: Reuters

Andrew Talansky stürzt an der 7. Etappe der Tour de France 2014. Foto: Reuters

Offensichtlich birgt die Teilnahme an Velorennen objektive Gefahren: Es muss schon auf der Hut sein, wer dicht an dicht in einem Fahrerfeld, oft ohne besonders viel zu sehen, mit hoher Geschwindigkeit auf teilweise schmalen und kurvenreichen Strassen dahinrast. Bei den Profis gehören Stürze denn auch praktisch zum Berufsrisiko. Profirennen ohne Helme wie noch vor 2003 sind heute undenkbar. Wohl auch dank der Helme gehen die meisten Stürze relativ glimpflich aus. Bilder von Rennfahrern, die mit zerrissenem Trikot und blutigen Schürfungen heldenhaft weiterpedalen, sind nicht selten.

Abseits von Profirennen gibt es keine rationalen Gründe, ein Sturzrisiko einzugehen. Allerdings bestehen bei den Teilnehmern von Hobbyrennen grosse Unterschiede bezüglich des Fahrkönnens. Nicht alle sind es gleich gewohnt, im Feld zu fahren, und eine falsche Reaktion in einem Feld kann unangenehme Folgen haben. Einige Bekannte von mir sind in einem Rennen schon mal zu Boden gegangen – auch ich blieb nicht von der Bekanntschaft mit einer Zielgeraden verschont. Zum Glück kam ich – wie die meisten – mit Schürfungen davon.

Auf Wikipedia findet sich eine Liste von tödlich verunglückten Radrennfahrern, die bis in die Anfänge des Radsports zurückreicht. Inklusive Gippingen nennt sie seit 2010 acht tödliche Unfälle an Velorennen – im Durchschnitt zwei pro Jahr. Das sind jährlich zwei Todesfälle zu viel; doch in Anbetracht der unzähligen Kilometer, die weltweit an Velorennen gefahren werden, scheint die Zahl nicht hoch.

Der Belgier Wouter Weylandt verunfallte am Giro d'Italia 2011 tödlich. Foto: Reuters

Der Belgier Wouter Weylandt verunfallte am Giro d'Italia 2011 tödlich. Foto: Reuters

Die traurige Liste erzählt auch etwas über die Unfallgeschichte an Velorennen: So gingen bis in die 30er-Jahre die meisten Unfälle auf das Konto der Steher-Motorräder bei Bahnrennen. Wenn den Töffs Reifen platzten oder Motoren explodierten, wurden auch mal Zuschauer mit in den Tod gerissen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Strassenrennen populärer, entsprechend verlagerten sich auch die Unfallzahlen. Ein grosser Teil der verunglückten Strassenrennfahrer verstarb nach Kollisionen mit Autos oder Lastwagen, oft auch nach einem Rennen oder im Training.

Auf der Liste finden sich auch Todesfälle, die nicht dem Velofahren angelastet werden können. So wurde etwa Paul Medinger, ein französischer Bahnfahrer, 1895 nach seinem Rücktritt vom Radsport von seiner Ehefrau umgebracht. Oder Adolphe Helière ertrank am Ruhetag der Tour de France 1910 im Mittelmeer.

Die Tatsache, dass sich alle Namen in einer Liste unterbringen lassen, legt nahe, dass Todesfälle an Velorennen Seltenheitswert haben. Swiss Cycling bestätigt, der Unfall in Gippingen sei der einzige wirklich tragische Vorfall in der Schweiz der letzten Jahre. Häufiger seien hingegen Stürze mit Schürfungen oder Schlüsselbeinbrüche.

Normalerweise geht auch in objektiv heiklen Momenten alles gut – dank der zwingenden, hohen Aufmerksamkeit und der sportlichen Rücksichtnahme der Rennfahrer und -fahrerinnen. Wenn es Stürze gibt, führen diese nur selten zu schlimmen Verletzungen. Mit etwas Gewöhnung und dank der positiven Erfahrungen fühlen sich Velorennen nicht gefährlich an, auch wenn es für Zuschauende riskant aussehen mag. Wer nicht daran gewöhnt ist, dem kommt auch eine Autofahrt grauenhaft gefährlich vor. Wobei eine Autofahrt statistisch wohl tatsächlich gefährlicher ist als ein Velorennen.

Es ist zu hoffen, dass der Vorfall Sponsoren, Clubs und Organisatoren nicht davon abhält, sich weiter für den Radsport zu engagieren. Die Erinnerung an Gippingen sollte in der Radsportgemeinde aber wach bleiben und helfen, tragische Unfälle zu verhindern.

Outdoor

Brüggler – eine «Marke» im Klettersport

Natascha Knecht am Dienstag, den 7. Oktober 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*:

Die zwei jungen Zürcher haben Grosses vor. «Das nächste Mal klettern wir am Brüggler drei Routen hintereinander», verkünden sie lautstark am Fuss der Wand, «das macht dann drei mal sieben also einundzwanzig Seilängen.» Also fast eine Bigwall. Heute reichts nur noch für eine Länge und am ersten Haken hängt der Vorsteigende schon im Seil. Der Brüggler ist zwar nicht besonders steil, aber stellenweise ziemlich glatt. Wir sind wieder mal einen alten Klassiker gegangen, die «Flugroute», plaisirtauglich, aber da und dort fehlen einfach die Griffe. Wer’s kann, legt einen lockeren Spitzentanz bis zum nächsten Briefkastenschlitz hin. Die Flugroute vermeidet geschickt die Föhren und Graspolster, die die Wand zum botanischen Paradies machen. Jetzt gerade ist sie gespickt mit flammenden Feuerlilien. Auf andern Routen ist man auch wieder froh, wenn sich nach der Plattenstelle ein Grasputsch oder eine Wurzel als Rettungsgriff anbietet.

Test für die neue Freundin

Brüggler? Wir Bockmattlikönige der Sechzigerjahre hatten für die schräge Platte drüben im Schwändital nur ein müdes Lächeln übrig. Der «Föhrenweg» war gerade gut genug, die neue Freundin ins Klettern einzuführen. Schaffte sie den Überhang ohne Seilzug, bestand Aussicht auf eine längere Beziehung und eine «richtige» Tour, etwa die «Namenlose» im Bockmattli. Mit den neuen Kletterfinken und den Bohrhaken wurden schliesslich auch die glatten Platten der geneigten Wand kletterbar und so reihte sich allmählich Route an Route. Kein Riss, kein Wulst und schon gar keine Platte blieb vor dem Angriff der Akkubohrmaschine verschont. Selbst Stellen, die sich perfekt mit Sanduhrschlingen, Friends oder Keilen absichern lassen, sind heute eingebohrt. Die Föhren mit ihren felsenfest verankerten Wurzeln sind von ihrer einstigen Funktion als perfekte Standsicherung entlastet.

Ich gebe zu, als Oldie geniesse ich es, dass ich mich nur noch einklinken kann und an einer glatten Stelle unter mir ein nagelneuer Bohrhaken steckt, statt ein kleiner Klemmkeil. Es sind ja auch Freunde von mir, die die Brügglerwand zu einer Art Kletterhalle in freier Natur umgebaut haben – mit viel Arbeit, Zeitaufwand und Kosten. Dazu noch Täfelchen mit den Routennamen am Einstieg angebracht, damit man ganz sicher auf den richtigen Pfad gerät. Gelegentlich kann man gar farbigen Markierungen folgen, wenn sich die Wege kreuzen. Und da, meine ich, hat man doch des Guten etwas zuviel geleistet. Von den 32 Routen, die der Führer GL Climb von Felix Ortlieb beschreibt, ist nach meinem Empfinden nur ein Teil wirklich lohnend.

Südlage und fester Fels

Trotzdem: Der Brüggler ist ein bleibender Wert im Klettersport geblieben, während andere Top-in-Gebiete schnell wieder vergessen gegangen sind. Es ist halt doch immer wieder ein schönes Erlebnis, nicht nur das Klettern, auch die Landschaft, der feste Fels, die Südlage, der Zustieg über die Alpweiden und der Gipfel – falls man sich nicht am überdimensionierten Gipfelkreuz stört. Dass es auch sehr leichte und interessante Routen für Anfänger gibt, stärkt ebenfalls die «Marke Brüggler».

Und wie die jungen Zürcher festgestellt haben: Man kann ja auch dreimal am Tag vom Einstieg zum Gipfel klettern, dann wird aus den gut hundert Metern Wandhöhe ein Bigwall-Erlebnis der vergnüglichen Art.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

© baz.online