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Wenn die Flora sich verdoppelt

Thomas Widmer am Freitag, den 19. September 2014

Diese Woche von der Bergstation der Aeugstenbahn über Rotärd nach Filzbach GL

Ich nehme den Bus vom Bahnhof Glarus zur Seilbahn von Ennenda. Die Acht-Personen-Gondel steht bereit, ich habe am Vortag reserviert, löse mein Billett und steige ein.

Der Talboden bleibt tief unten zurück, die Bahn gleitet fast geräuschlos aufwärts, ich bin froh um ihre Neuheit. Vor 2010 verkehrte hier ein sogenanntes Cabriobähnchen. Ich fand jene offene Holzkiste grauslig. Bei Seilbahnen geht mir jede Nostalgie ab.

Konkurrenz der Gesteine

Fast 1000 Meter höher auf dem Bärenboden die Bergstation, ich falte die Wanderstöcke aus und gehe los. Die Erde ist rötlich; in diesem Gebiet konkurrenzieren sich grauweisser Kalk und roter Verrucano. Weil jede der zwei Gesteinsarten andere Pflanzen begünstigt, verdoppelt sich sozusagen die Flora. Wenn ich bloss mehr Blümchen kennen würde, denke ich wieder einmal.

Nach zehn Minuten die Aeugstenhütte. Doch für eine Einkehr ist es zu früh. Hinter mir schält sich der Glärnisch aus dem Hochnebel, weitere Gipfel folgen, bald liegt auch der Tödi frei. Vor mir erstreckt sich steil die Halde hinauf zur Alp Begligen, darüber zackt ein Grat. Begligen selber ist dann dominiert vom massiven Schilt ganz nah zu meiner Linken. Direkt voraus liegt der Rotärdpass, ihn will ich nehmen.

Vorerst aber der Hinweis auf eine kürzere Variante. Die Rotärdroute ist einsam und lang, anstrengend und glitschig. Wer leichter wandern will oder Kinder dabeihat, dem rate ich, auf Begligen links abzubiegen und via Holzflue wieder hinab zum Bärenboden zu halten. Zwei Stunden dauert diese Rundwanderung insgesamt und birgt genug Schönheit; bisweilen sieht man in der Schiltrisenen, wie die gewaltige Geröllflanke am Weg heisst, Gämsen.

Hinauf nach Rotärd färbt sich der Erdboden tatsächlich zu verblüffender Röte. Oben bei der Jagdhütte – privat, verrammelt – eine Überraschung: Die Felskante serviert neue Berge, ich sehe weit Richtung Flumserberg, Toggenburg, Alpstein. Der Berg vor mir, schwarz und bedrohlich im vormittäglichen Gegenlicht, ist der Mürtschenstock.

Der Abstieg zu seinem Fuss, zur Mürtschenfurggel, ist beschwerlich und rutschig. Dreimal verirre ich mich; zwar ist die Richtung klar, doch das Gelände auf kurze Distanz unübersichtlich verhügelt. Die rot-weissen Markierungen in den Kalkschratten sind zu sparsam gesetzt, finde ich.

Gerstensuppe gibt Kraft

Nach der Furggel gehe ich in einer Rinne, den Mürtschenstock zur Rechten, den Fronalpstock und später den Nüenchamm zur Linken. Terrasse um Terrasse steige ich ab, Alp Hummel, Spaneggsee, Talalpsee. Zweimal begegne ich Jägern. Nach dem Talalpsee kommt eine Ministeigung samt einem Wirtschäftli, dem Restaurant Talalpsee. Seine Gerstensuppe macht mich wieder frisch.

Mit neuer Kraft gehe ich die letzten 400 Abwärtsmeter an, der Pfad führt durch einen Schluchtschlitz im Wald namens Chammerboden. Dann das Dorf Filzbach auf dem Kerenzerberg. Ich bin wieder unter Menschen, ohne wirklich gesellschaftsfähig zu sein: Verschwitzt bin ich, die Hosen sind verdreckt bis zu den Knien, die Schuhe schlammbedeckt. Das Gesicht immerhin lächelt. Dies war eine tolle Wanderung. Und das moderne Aeugstenbähnli mag ich sehr.

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Route: Seilbahn-Bergstation Aeugstenbahn/Bärenboden (zur Talstation in Ennenda gelangt man zu Fuss von der Bahnstation Ennenda oder per Bus vom Bahnhof Glarus) - Aeugstenbeizli - Alp Begligen - Schilttäli - Rotärd - Mürtschenfurggel - Hummel - Rosstannen - Hinter Tal - Talalpsee - Scheidweg - Chammerboden - Filzbach, Post.

Wanderzeit: 5½ Stunden.

Höhendifferenz: 811 Meter auf-, 1555 abwärts.

Wanderkarte: 237 T Walenstadt, 1:50'000.

Seilbahn: Reservieren!

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Filzbach per Bus nach Mühlehorn (Bahn) oder Näfels-Mollis (Bahn).

Kurze Alternative (Rundtour): Bergstation Aeugstenbahn/Bärenboden - Aeugstenbeizli - Alp Begligen - Holzflue - Aeugstenwald - Aeugstenbeizli - Bergstation Aeugstenbahn/ Bärenboden. Hier downloaden. 2 Stunden, je 380 Meter auf und ab. Es gibt auch andere Varianten, interaktive Wanderkarte der Aeugstenbahn studieren.

Charakter: Saftige Bergwanderung. Steile Passagen im immerfeuchten, rutschigen Kalk. Einsam.  Zwischen Rotärd und Mürtschenfurggel zu sparsam signalisiert. Aussichtsreich, wild, anstrengend, mit grandiosem Nah-, Fern- und Tiefblick.

Höhepunkte: Die Seilbahnfahrt auf den Bärenboden. Der rote Boden um Rotärd. Das Auftauchen des Mürtschenstocks beim Erreichen von Rotärd. Die Kalkschratten um die Mürtschenfurggel. Der liebliche Spaneggsee und der ebenso liebliche Talalpsee. Die Einkehr im Talalpsee-Beizli.

Kinder: Die Normalvariante ist weit. Besser die Rundtour.

Hund: Machbar, aber anstrengend.

Einkehr: Aeugstenhütte, Mo Ruhetag. (Am 27. September ist Wildheuerchilbi.) - Restaurant Talalpsee über dem Nordende des Talalpsees, bis letztes Drittel Oktober bei gutem Wetter durchgehend offen. Urgemütliches kleines Lokal, gute Küche, feine Gerstensuppe. 079 691 02 21.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Kerosin statt Kondition

Jürg Buschor am Donnerstag, den 18. September 2014

Es ist dieses herrliche Gefühl, etwas geschafft zu haben. Schnaufend, aber glücklich hebe ich mein Bike von den Schultern und lehne es ans Gipfelkreuz. Der Ausblick auf die wilde Bergwelt ist atemberaubend, die Ruhe im unberührten Gebirge Balsam auf die gestresste Arbeitsseele. Um diese frühe Uhrzeit stehe ich ganz alleine hier oben – es ist der Lohn für einen 90-minütigen Fussmarsch mit dem Bike auf dem Rücken.

Abrupt werde ich aus meinen Gedanken gerissen, in denen ich schon voll bei der flowigen Trailabfahrt bin. Ohrenbetäubender Lärm zerreisst die Luft, als ein Hubschrauber über die Kuppe knattert. Ich traue meinen Augen nicht: eine Horde gepanzerter und grölender Biker springt aus dem Heli und hievt einen Haufen Downhillbikes vom Transportständer. Der beissende Geruch von Treibstoff macht sich breit. Schluss mit Idylle, Einsamkeit und Heldentum.

Ohne einen Tropfen Schweiss auf den Gipfel: Helibiken in Italien. Foto: MTB Livigno Guides

Ohne einen Tropfen Schweiss auf den Gipfel: Helibiken in Italien. Foto: MTB Livigno Guides

Traum oder Realität?

Der schrille Ton meines Radioweckers reisst mich aus dem Schlaf und kommt heute ausnahmsweise mal gelegen. Der Albtraum ist vorbei. Unrealistisch ist ein solches Szenario jedoch längst nicht mehr. Einschlägige Geschenk- und Erlebnisportale im Internet bieten Helibiking in Gutscheinform an. Immer mehr MTB-Veranstalter in den Alpen garnieren ihre Freeride-Tage mit Hubschraubereinlagen. In Neuseeland und Nordamerika ist die Auswahl an Helibiking-Unternehmen sowieso schon grenzenlos und auch in Ländern wie Rumänien und auf Kamtschatka lockt der kerosingetriebene Abfahrtsspass.

Kein Wunder, sagen die einen. Denn welcher spassorientierte Biker mit Abwärtsdrang träumt nicht davon: flowige Trails so weit das Auge reicht, die noch nicht komplett ausgefahren sind wie in so manchem Bikepark. Schlicht und einfach: von früh bis spät sorgenfreier Trailspass und nichts als Tiefenmeter. Wenn sich zu diesem Szenario noch atemberaubende Ausblicke, unberührte Natur und wilde Abgeschiedenheit gesellen, ist der vermeintlich perfekte Biketag nicht mehr fern. Aber zu welchem Preis? Finanziell, ökologisch, moralisch?

Auch in Neuseeland ist kein Downhill-Start zu hoch. Foto: Fat Tyre Adventures

Auch in Neuseeland ist kein Downhill-Start zu hoch. Foto: Fat Tyre Adventures

Attraktion im Funpark Alpen

Schaut man auf das Pendant im Winter – Heliskiing – scheint der Preis keine Abschreckung zu sein. Der kerosingeschwängerte Spass im Pulverschnee erfreut sich immer grösserer Beliebtheit. Touristiker wollen sich das lukrative Geschäft mit dem luxuriösen Abfahrtsvergnügen nicht nehmen lassen. Der Funpark Alpen kämpft gegen Naturschützer und Bergsportorganisationen um seine neue Attraktion – in den meisten Fällen mit Erfolg. Die Forderung nach einer Einschränkung der Gebirgslandeplätze, die Heliskiing in der Schweiz derzeit an ausgewählten Orten ermöglichen, wurde kürzlich im Keim erstickt.

Die Nutzung dieser Gebirgslandeplätze ist auch für Helibiker denkbar. Die Gegner des Hubschraubertourismus sehen die Wildnis in den Bergen stark gefährdet und setzen sich dafür ein, dass die Ruhe und Stille wieder Einzug hält. Ein Wunsch, den wohl ein Grossteil der Bergbesucher teilt. Der ökologische Fussabdruck, den eine treibstoffgestützte Abfahrt hinterlässt, ist enorm und nicht mit einer Gondel- oder Shuttlefahrt zu vergleichen.

Helibiker nutzen die selbe Infrastruktur wie Heliskifahrer – und machen sich ähnlich bebliebt. Foto: Heli Sika

Helibiker nutzen dieselbe Infrastruktur wie Heliskifahrer – und machen sich ähnlich beliebt. Foto: Heli Sika

Neue Reize

Der Helikopter als nächste Entwicklungsstufe im spassorientierten Biketourismus. Der logische Schritt, nachdem Gondel und Autoshuttle längst zum Standard gehören? Bei allen Aufstiegshilfen stellt sich die Frage: Was ist ein Tag auf dem Bike wert, wenn jeder einzelne Höhenmeter mit Geld und Treibstoff erkauft ist? Ist die körperliche Leistung und das Gefühl, sich den Gipfel erkämpft zu haben, nicht essentieller Teil des Gesamterlebnisses? Und wenn es doch mal der Tiefenrausch sein soll: Reichen die unzähligen Angebote an Bikeparks, Seilbahnen und Shuttles tatsächlich nicht aus?

Dem Image der Sportart, die in den Bergen – auch ohne Heli – mit Widerspruch zu kämpfen hat, kann diese neue Spielart nur schaden. In den Schweizer Alpen ist kommerzielles Biken mit Hubschrauberunterstützung noch nicht angekommen. Bei den italienischen Nachbarn sieht das schon anders aus. Allgegenwärtiges Rotorknattern auf den heimischen Berggipfeln – bleibt diese Vorstellung ein Albtraum oder wird sie schon bald zur Realität?

Was halten Sie von Helibiking? Nutzen Sie beim Biken generell Aufstiegshilfen? Die Alpen als Funpark: gut oder schlecht? Ist diese Entwicklung noch aufzuhalten?

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Leiden Alpinisten an Geltungsdrang?

Natascha Knecht am Mittwoch, den 17. September 2014
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Zumindest Reinhold Messmer leidet ziemlich sicher darunter: Geltungsdrang scheint unter Alpinisten ein verbreitetes Phänomen. Archivbild: Keystone

Es gab mal eine Zeit, da genossen Grafologen grosse Popularität. Ihre «Lehre von der Handschrift als Ausdruck des Charakters» war von Relevanz. Es sei denn, sie «erfrechten» sich, öffentlich über die Persönlichkeit von Bergsteigern zu schreiben. Das musste der Deutsche Heinrich Steinitzer erfahren. Er publizierte 1907 den Essay «Zur Psychologie des Alpinisten» und wurde in der Folge von diesen kritisiert. Was weiss ein Stubenhocker wie ein Grafologe schon davon, was «in der Seele eines Bergfahrers» vorgeht?

Zum Beispiel schrieb Steinitzer provokativ:

«Es ist zweifellos, dass der Alpinismus so gut wie aufhören würde, wenn es auf irgendeine Weise gelänge, dem Alpinismus jede Möglichkeit zu nehmen, andere von seinen Leistungen zu unterrichten.»

Stimmt das? Leiden Bergsteiger an Geltungsdrang? Falls ja: Hat sich dieser mit den heutigen Kommunikationsmitteln noch verstärkt?

Stellt man solche Fragen den heutigen Profialpinisten, reagieren sie leicht pikiert. Auch wenn ihre Motivation sicher eine hochkomplexe ist, geht es ihnen am Ende darum, tolles Bild- und Filmmaterial nach Hause zu bringen. Dazu erzählen sie eine Gänsehaut verursachende Geschichte, wie sie das Unmögliche möglich machten. Okay, die Profis müssen das, wenn sie davon leben wollen. Aber würde wirklich einer von ihnen eine Hochrisikotour ausführen, wenn er danach die Öffentlichkeit nicht darüber informieren könnte?

Fotos, Filme, Internet

Und wie verhält sich die Sachlage bei uns «habituellen» Bergsteigern? Auch wenn wir unsere grossen Touren nicht an die grosse Glocke hängen, nehmen wir doch in 99 Prozent der Fälle eine Fotokamera mit und halten die Fotos später jedem unter die Nase, der sie sehen will. Im Netz gibt es Plattformen, die genau darauf ausgerichtet sind, damit sich Freizeitalpinisten wichtig fühlen können. Viele Hobbybergsteiger und Kletterer haben eine eigene Website, wo sie stolz ihre Touren auflisten. Auf Youtube gibt es Videos, die mit der Helmkamera gemacht wurden und Alpinisten in allen Lebenslagen zeigen, etwa wie eine Seilschaft am Eiger über den scharfen Mittellegigrat schnauft. Sind solche Selbstdarstellungen ein blosses Heischen nach Anerkennung?

Nervige Neidkultur

Die Frage, weshalb einer überhaupt die Mühseligkeit auf sich nimmt, einen hohen Gipfel zu erklimmen, wird man wohl nie abschliessend klären können. Aber Steinitzers Analyse, dass es auch damit zusammenhängen könnte, um sich damit irgendwie zu profilieren, ist sicher nicht ganz an den Haaren herbeigezogen. Die einen tun es mehr, die anderen weniger.

Aber ist das schlimm? Nein. Der Wunsch nach Anerkennung entspricht nicht einfach der «Psychologie des Alpinisten», sondern der Psychologie des Menschen generell. Dazu reicht schon nur ein flüchtiger Blick ins Facebook. Dort posten Leute ihre Joggingrunden via Runtastic, sie zeigen Bilder, wie sie an einem Strand faulenzen, was sie gerade gekocht oder gebacken oder gar, wie sie gerade den Backofen mit Selbstreinigungsschaum eingesprayt haben – und auch sie kassieren dafür «Likes». Irgendjemand findet sich immer, der irgendeine Leistung gut findet. Und das ist doch schön! Jedenfalls lobenswerter als diese allgegenwärtige Kritisier- und Neidkultur, um von seinem eigenen Unvermögen oder seiner eigenen Trägheit abzulenken.

Was ist Ihre Meinung?

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Gute Ratschläge für Jogger

Natascha Knecht am Montag, den 15. September 2014
Immer weiterlaufen: Simon Pegg

Hauptsache laufen: Der nicht praktizierende Marathonläufer Simon Pegg in «Run, Fatboy, Run» und eine Joggerin in San Diego. (Bild: Screenshot/Flickr)

 

Wie heisst es so schön: Wäre Marathon einfach, hiesse es Fussball.

Hier sind 19 gut gemeinte Ratschläge für Läufer und 1 Witz:

1. Beim Training sollte man besonders darauf achten, dass es stattfindet.

2. Die Nase ist zum Riechen da und die Füsse zum Laufen. Aber bei manchen ist es umgekehrt. Die Nase läuft und die Füsse riechen.

3. Ausdauer wird früher oder später belohnt – meistens aber später. (Wilhelm Busch)

4. Überhol doch, Angeber.

5. Lust verkürzt den Weg. (William Shakespeare)

6. Geniesse den Schmerz, du hast ihn dir verdient. (Pauli Kiuru)

7. In manchen Vereinen ist der Lauftreff die Aussenstelle der Psychiatrie. (Roger Mathews)

8. Marathonläufer werden nicht älter, sie wechseln nur die Altersklasse. (Emil Zatopek)

9. Man muss nicht sein Tempo steigern, um mehr vom Leben zu haben. (Mahatma Gandhi)

10. Du hast zwei Möglichkeiten: Du kannst das Handtuch werfen, oder dir damit den Schweiss aus dem Gesicht wischen.

11. Distanz ist, was dein Kopf draus macht.

12. Läufer sind wie Sportfischer. Sie verbringen nur wenige Stunden pro Woche mit ihrem Hobby. Aber dann quatschen sie endlos darüber. (Achim Achilles)

13. Wir sind so gern in der freien Natur, weil sie keine Meinung über uns hat. (Friedrich Nietzsche)

14. Der Marathon ist der Mount Everest des kleinen Mannes. (Herbert Steffny)

15. Der einzige Ort, wo Erfolg vor dem Fleiss kommt, ist das Wörterbuch. (Vidal Sassoon)

16. Nicht die Zeit, die ich laufe, macht mir den meisten Spass – sondern die Zeit, in der ich laufe.

17. Wenns gar nicht mehr geht, einfach locker weiterlaufen.

18. Wer den Tag über sitzen muss, ist abends aufs Laufen versessen.

19. Man hört nicht auf Sport zu treiben, wenn man alt wird, sondern man wird alt, wenn man aufhört Sport zu treiben.

20. Eine Joggerin sieht einen alten Mann auf einer Parkbank sitzen. Sie hält kurz an und fragt: «Sie machen so einen zufriedenen, ausgeglichenen Eindruck. Würden Sie mir das Geheimnis Ihres langen, glücklichen Lebens verraten?» «Nun», antwortet der alte Mann, «ich rauche täglich drei grosse Zigarren, trinke pro Woche drei Flaschen Whisky, esse gern süss und fett und treibe nie Sport.» – «Unglaublich!», staunt die Joggerin. «Und wie alt sind Sie?» – «Zweiunddreissig.»

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St. Galler Wasserwunder

Thomas Widmer am Freitag, den 12. September 2014

Diese Woche von der Pizolhütte via Wildseeluggen und Lavtinasattel nach Weisstannen

Auf dieser Wanderung kommt es zu einer Offenbarung. Zur Ansicht purer Schönheit. Zu einer «Schau», um es mit Platon zu sagen. Gemeint ist der Augenblick, da man die Wildseeluggen erreicht und auf einen Schlag den Wildsee zu Füssen hat. Sein Dunkelblau wirkt wie aus einer anderen Welt.

Zwei Freunde verdächtigen mich, seit ich ihnen ein Foto des Sees gezeigt habe, dieses am Computer nachkoloriert zu haben. Habe ich nicht!

Crumble Cake im Gebirge

An einem verhangenen Sommertag fahren wir von Wangs per Gondel, dann per Sessellift hinauf zur Pizolhütte. Nebel treibt um das flache, abgewitterte Holzhaus mit den grossen Fenstern. Wir ziehen gleich los. Ich bin etwas verstimmt. Zu viel Volk!

Die Bergwelt entschädigt mich reichlich. Links haben wir die Wildseehörner, rechts die Schwarzen Hörner. Die Lavtinahörner und die Grauen Hörner weiter hinten sind aus derselben Bröckelmasse gebacken, Crumble Cake im Gebirge. So viele Hörner sind zu sehen, dass man einen Hörnerversandhandel aufbauen und den Rest der Alpen beliefern könnte.

In Kehren wandern wir hinauf zur Wildseeluggen. Dort der erwähnte Grossartigkeits-Moment, punktgenau bricht die Sonne durch den Restdunst. Der Wildsee unter uns ist pures Glück. Dieses verdoppelt sich, als wir nach der Rast links abbiegen. All die anderen Leute nämlich gehen nach rechts ab. Sie machen die Fünf-Seen-Tour, ein landesweit berühmter Wanderklassiker. Wir sind auf einen Schlag praktisch allein.

Hoch über dem Wildsee kraxeln wir über Felsplatten, einen planen Weg kann es im Blockschutt nicht geben. Auf einem Zwischenboden erreichen wir schliesslich ein Seelein, das keinen Namen trägt, aber einen verdient. Es ist von einem makellosen Hellblau, Gletscherwasser vermutlich; tatsächlich erblicken wir zu unserer Linken den Pizolgletscher.

Wir aber halten zum Lavtinasattel direkt vor uns, der Aufstieg ist ruppig, der Boden bröckelig-feucht, ich bin froh um meine Stöcke. Oben auf dem höchsten Punkt der Route, auf 2587 Metern, wieder Panorama; am Horizont hocken die Berge der Sardonagegend. Auf dem Gipfel unmittelbar rechts von uns, dem Hochwart, stehen auf einem Vorsprung reglos zwei Männer. Das sieht aus wie von Caspar David Friedrich gemalt.

Ronja und die Steingeiss

Mehr als 1500 Höhenmeter im Abstieg erwarten uns. Ronja, die mir bisher immer voraus war, bleibt bald deutlich zurück. Als ich mich einmal umdrehe, gestikuliert sie wild, zeigt in eine Wand. Sie hat einen Feldstecher. Steingeissen und Gemsen, erfahre ich später unten auf Oberlavtina-Stofel, wo der Senn grad draussen den Zmittag nimmt. Sind das Käshörnli?

Abwärts, abwärts, abwärts geht es mit uns. Vor Batöni wieder Begeisterung: drei Wasserfälle auf engem Raum, einer höher als der andere. Das Trio von Piltschinabachfall, Sässbachfall und Muttenbachfall vergisst man nicht wieder, wenn man es einmal gesehen hat. Ab Batöni ist es dann ein leichtes Auslaufen hinab nach Weisstannen, abgesehen von einer verdreckt-verschlammten Passage. Der Gufelbach begleitet uns; als er die Seez erreicht, sind auch wir am Ziel. In der «Gemse» setzen wir uns in den Garten, und bald habe ich eine Forelle aus hauseigener Zucht vor mir. Sie schliesst diese Wanderung mit Wasserwundern aller Art stilecht ab.
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Route: Pizolhütte (Gondelbahn, dann Sesselbahn in zwei Sektionen von Wangs aus) - Wildseeluggen - Lavtinasattel - Batöni - Weisstannen.

Wanderzeit: 4 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 400 Meter aufwärts, 1620 Meter abwärts.

Wanderkarte: 247 T Sardona 1:50'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus von Weisstannen nach Sargans SBB.

Charakter: Aussichtsreiche Bergwanderung. Stellenweise ruppiges und anstrengendes Terrain, saftiger Abstieg vom Lavtinasattel nach Weisstannen. Besonders schön und sehr apart, eine Alternative zur Fünf-Seen-Wanderung im gleichen Gebiet, auf der es meist viele Leute hat.

Höhepunkte: Die Auffahrt zur Pizolhütte. Der Wildsee. Die Wasserfälle von Batöni. Die Forelle in der Gemse in Weisstannen.

Kinder: Etwas weit. Auf den schwierigen Passagen gehören sie beaufsichtigt.

Hund: Machbar.

Einkehr: Nur am Anfang und am Schluss. Pizolhütte. Gemse Weisstannen, Dienstag Ruhetag. Auch Hotelbetrieb.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Klassiker der Ostschweiz: Über Pragel und Ibergeregg

Anette Michel am Donnerstag, den 11. September 2014


Tour de France und Rennbahn Oerlikon: Meine letzten Blogs drehten sich ums Zuschauen bei Radrennen, ums Auf-der-Tribüne-Hocken und Wurstessen. Um bei Ihnen keinen falschen Eindruck zu erwecken, habe ich eine meiner Lieblingsstrecken unter die Räder genommen – ein Ostschweizer Klassiker: von Glarus über Pragelpass und Ibergeregg nach Pfäffikon.

Ich mag keine langen, flachen Anfahrten, also überlasse ich die Anreise bis Glarus den SBB. Dort verweile ich nicht lange – zum Beispiel bei Zigerhöreli oder auf dem Landsgemeindeplatz –, sondern radle gleich los Richtung Klöntal. Kurz nach Beginn der Steigung biege ich bei einer Autogarage links ab. Während es auf der Hauptstrasse ins Klöntal am Wochenende viel Ausflugsverkehr haben kann, bin ich auf dem lohnenswerten Umweg über die Schwammhöchi fast allein. Zusätzlich werde ich hier bereits nach sieben Kilometern mit einer kurzen Abfahrt von hundert Höhenmetern belohnt – eindeutig eine Win-win-Entscheidung! Unten überquere ich den Staudamm des Klöntalersees und geniesse die erste Flachpassage dem Ufer entlang. Die Kulisse ist eindrücklich: 2000 Meter ragen die Wände des Glärnischmassivs mit dem sagenumwobenen Vrenelisgärtli über dem See in die Höhe. In den Wintermonaten verirrt sich kein Sonnenstrahl hierher.

Jetzt ist es noch spätsommerlich warm, und im Aufstieg zum Pragelpass fallen Schweisstropfen auf den Rahmen meines Velos. Dies ist die weniger steile Seite des Pragels (laut Quäldich.de bis zu 13 Prozent). Trotzdem bin ich jedes Mal überzeugt, die Strasse sei stotziger geworden (Profil Pragel). Mittlerweile bin ich fast sicher, dass die Alpen am Pragel schneller wachsen als anderswo! Der Aufstieg ist dennoch ein Genuss. Die schmale Strasse schlängelt sich durch eine Bergahorn-Allee, Laubwald und Alpweiden mit Kühen und Hochlandrindern. Und das Beste: Samstags und sonntags ist der Pass auf der Glarner Seite für Autos und Motorräder gesperrt. Damit ist er einer der wenigen Alpenpässe, die auch am Wochenende in Ruhe befahren werden können.

Nach rund 1100 Höhenmetern erreiche ich die sonnige Ebene der Pragelpasshöhe. Der Pass liegt mitten in einer Karstlandschaft. Zu dieser gehören das grösste Karrenfeld der Schweiz (Silberen) sowie eines der längsten Höhlensysteme Europas, das 200 km lange System des Hölloches. Das ist interessant, doch für mich hat die Alpwirtschaft auf dem Pragel grösseren praktischen Nutzen. Nach einer Erfrischung bremse ich nach Muotathal hinunter. Die Abfahrt ist sehr steil (nicht selten um die 20 Prozent!), die Strasse schmal und nass. Unten bin ich erschöpfter als oben und froh um den Rückenwind, der mich talauswärts bläst.

Nach rund sechs Kilometern biege ich rechts in die Strasse nach Illgau ein, die von der Breite her einer Autobahn in nichts nachsteht. Nach dem Dorf wird die Strasse gemütlicher und abgesehen von einer Kuhherde praktisch verkehrsfrei. Erst gut 3 Kilometer vor der Passhöhe treffe ich auf die eigentliche Ibergeregg-Passstrasse. Hier hat es wieder mehr Verkehr, dafür bieten sich schöne Ausblicke über den Vierwaldstättersee. Nach etwa 850 Höhenmetern ist die Passhöhe erreicht, sie hat einen eigentümlichen Charme. Ich pausiere nicht lange und fahre zum Sihlsee ab. Wer noch nicht genug hat, kann hier mit der Sattelegg nochmals 300 Höhenmeter anhängen und schliesslich nach Siebnen gelangen. Ich habe genug und folge dem linken Seeufer, um via Biberbrugg und Schindellegi nach Pfäffikon am Zürichsee zu gelangen.

Für den Abschluss der Strecke möchte ich keine irreführende Werbung machen: hier geht es nur noch darum, möglichst rasch zu einer guten Zugsverbindung zu gelangen. Immerhin bietet die Variante über Feusisberg ab Schindellegi eine verkehrsarme Alternative zur Hauptstrasse. Hätte ich einen Velocomputer, so hätte er bis Pfäffikon knapp 90 Kilometer und gut 2000 Höhenmeter aufgezeichnet (Karte der Route).

Diese Route könnte übrigens mit einer Fahrt über den Klausenpass am 27. September kombiniert werden: An diesem Tag ist der Klausen autofrei! Infos unter www.freipass.ch.

Teilen Sie meine Vermutung, der Pragel werde immer steiler?

 

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Show-Alpinismus zum Fremdschämen

Natascha Knecht am Mittwoch, den 10. September 2014

Falls sie beim Aufstieg auf den Mont Blanc vor Anstrengung tot zusammenbreche, sollten die Bergführer wenigstens noch ihren Leichnam auf den Gipfel tragen. Diesen Wunsch äusserte die französische Adelige Henriette d’Angeville, bevor sie 1838 als erst zweite Frau den höchsten Berg der Alpen bestieg. Trotz Höhenkrankheit schaffte sie die weite Tour aus eigener Körperkraft, kehrte erfolgreich zurück nach Chamonix und ging in die Geschichte ein.

Ähnlichen Durchhaltewillen wollte letzte Woche Sam Branson am Matterhorn beweisen. Wie d’Angeville damals verfügt der 27-jährige Engländer über schier endlose Finanzmittel. Er ist, wie die internationale Öffentlichkeit nun erfahren hat, Sohn des Virgin-Multimilliardärs Richard Branson und verkehrt mit den Sprösslingen aus dem Buckingham Palast. In solchen Kreisen gehört es zum guten Ton, sportlich, abenteuerlustig und wohltätig zu sein. So auch Sam. Im Rahmen der Benefizaktion Virgin Strive Challenge – mit Marathons, Radfahren und Rudern durch den Ärmelkanal – nahm er zum Abschluss der Benefizaktion das 4478 Meter hohe Zermatter Wahrzeichen in Angriff – ein Berg, so prestigeträchtig und berühmt wie der Mont Blanc. Ohne sich genügend an die Höhe zu akklimatisieren, begann er mit zwei englischen Bergführern und einem Kamerateam den Aufstieg am Hörnligrat.

Zweihundert Meter unter dem Gipfel wurde der Neo-Bergsteiger unpässlich. Angeblich litt er unter starken Kopfschmerzen, konnte nicht atmen und musste ständig würgen. Seine Bergführer interpretierten die Symptome als Anzeichen von Höhenkrankheit und schlugen ihm vor, den Helikopter zu ordern. Sam wollte nicht. Obschon er «nicht atmen» konnte, würgte er sich auf wundersame Weise weiter bergauf. Auf dem Gipfel sank er vor laufender Kamera erschöpft in die Knie und sagte später, er habe sich mehrmals übergeben. Zu sehen ist jetzt in HD-Qualität lediglich ein kleines Spucken. Aber Bruno Jelk von der Air Zermatt musste kommen, Sam flog vom Gipfel zurück ins Tal, wo es ihm sofort wieder gut ging.

Das Würgen der Alpinisten

Ein Würgen verspürten auch viele Alpinisten, als sie von dieser Geschichte hörten. Weshalb steigt Sam Branson höher und höher, wenn er ernsthaft von Höhenkrankheit geschwächt ist? Jeder andere hätte in dieser Situation den Rückzug angetreten. Erstens, weil man auch in den Alpen an Höhenkrankheit sterben kann. Zweitens, weil man auf dem Gipfel noch die Kraft haben sollte für den Abstieg. Bricht man aber schon unterhalb zusammen, dann wird es weiter oben sicher nicht besser. Eine Rettung ist am Matterhorn nicht nur vom Gipfel möglich. Waren Kopfweh, Atemnot und Brechreiz vielleicht gar nicht so schlimm?

Sam wollte einfach ums Verrecken auf den Matterhorngipfel. Wohl ganz nach dem Motto: «Only the Horn matters.» Denn dort oben nahm die Virgin-Benefizaktion ihr Ende. Wie er zurück nach Zermatt gelangte, spielte im Drehbuch offenbar keine Rolle – und für die Fans auch nicht. In den Internetforen gratulieren sie ihm. Für sie ist er ein Held, der sich trotz Höhenkrankheit tapfer auf den Gipfel gekämpft hat.

Für die mediale Dramaturgie waren Sams Würgen und die Helikopterrettung sicher dienlich. Aber mit Alpinismus hat das nichts zu tun, es ist eher ein Reality-Fall zum Fremdschämen. Ein Gipfelerfolg gilt nur als solcher, wenn man aus eigener Körperkraft auf- und absteigt, wie Tausende vor ihm. Oder wie Henriette d’Angeville damals am Mont Blanc – und Tausende nach ihr. Hätte Sam zweihundert Meter unter dem Gipfel den Rückzug zu Fuss angetreten, wäre seine Leistung aus alpinistischer Sicht höher zu werten, gerade bei den momentan herrschenden Verhältnissen am Matterhorn.

Was ist Ihre Meinung?

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Pionier-und-Gentleman-der-Alpen--Das-Leben-der-Bergfuhrerlegende-Melchior-Anderegg--1828-1914--und-d-9783857917516_xxlHinweis in eigener Sache: Gerne lade ich Sie zur Vernissage meines Buches «Melchior Anderegg – Pionier und Gentleman der Alpen» ein. Er war einer der berühmtesten und legendärsten Bergführer des 19. Jahrhunderts, der im Goldenen Zeitalter des Alpinismus mit jungen und ambitionierten Engländern eine Vielzahl bedeutender Alpengipfel im In- und Ausland erstbestiegen hat. Die Buchvernissage findet kommenden Samstag, 13. September 2014, ab 16.30 Uhr im Rahmen der grossen Anderegg-Gedenkfeier in Meiringen BE statt (Detailprogramm siehe hier). Ich würde mich freuen, mit Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, bei dieser Gelegenheit anzustossen!

 

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Darf Mann das?

Pia Wertheimer am Montag, den 8. September 2014

Das Bild seines Oberkörpers ging um die Welt und sorgte für hitzige Diskussionen: Mahiedine Mekhissi zeigte nach einer regelrechten Machtdemonstration über 3000 Meter Steeple an der Leichtathletik-EM in Zürich, was Mann hat. Sein noch vor der Ziellinie entblösster Oberkörper kostete den Franzosen die Goldmedaille. Er wurde für seine Aktion disqualifiziert. Einen Tag später flog ein weiteres Trikot im Letzigrund – jenes von Kariem Hussein. Glücklicherweise war der Schweizer im Gegensatz zum Franzosen clever genug, mit seinem euphorischen Strip bis nach der Ziellinie zu warten. Über den Entscheid des europäischen Leichtathletikverbandes, Mekhissi zu disqualifizieren, kann man sich streiten. Nicht von der Hand zu weisen ist jedoch, dass seine Aktion – genauso wie jene von Hussein – eine Augenweide war.

Viele Läufer oder Triathleten können ebenfalls mit ihren männlichen Reizen glänzen und sind ein optischer Genuss. Trotzdem sorgen sie genau wie die beiden Leichtathletik-Cracks für angeregte Diskussionen, wenn sie ihre Sixpacks im Lauftraining zeigen! Wo aber liegt der Unterschied zu Shakiri und Co., die sich immer wieder vor Millionen von TV-Zuschauern jubelnd das Trikot vom Leib reissen? Auch sie kassieren formal sportliche Verwarnungen, die öffentliche Kritik hält sich indes in Grenzen – die Geste scheint in diesem Fall salonfähig zu sein. Zumal etliche Hobbykicker auf dem Rasen beim Training in der Sommerhitze die Leibchen auf der Ersatzbank lassen.

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Seit Jahren gern gesehen: David Beckham ohne T-Shirt, hier für die AC Milan, 2009. Foto: Keystone

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Keiner käme auf die Idee, sie in ein T-Shirt zu zwängen: Manny Pacquiao vs. Timothy Bradley, 2014. Foto: Keystone

Oder die Boxer – es käme doch niemandem in den Sinn, die Muskelpakete in ein Shirt zu zwingen. Es gibt sie zudem zuhauf, die Bilder von shirtlosen Hollywoodstars, die am Strand joggen – so etwa Matthew McConaughey kürzlich in «Mail online». Das Argument, dass Mann im Training körperlich nicht immer eine gute Falle macht und niemand die Pfunde sehen will, kann nicht gelten – oder sollen sich künftig die Sumoringer einpacken? Es ist doch jedem selbst überlassen, ob er seinen Oberkörper zur Schau stellen will oder nicht – schliesslich zeigt er damit, was ohnehin im Frei- oder Hallenbad zu sehen ist.

Weshalb darf Mann im Laufsport also nicht so viel Haut zeigen? Oder was meinen Sie dazu, liebe Leserinnen und Leser?

Outdoor

Total verkalkt

Thomas Widmer am Freitag, den 5. September 2014

Diese Woche von Braunwald, Gumen nach Klöntal, Plätz (GL/SZ)

Ein schwüler Tag, der Himmel bedeckt, wir fahren mit der Standseilbahn hinauf nach Braunwald und finden dort: Doch, riskieren wirs, es wird uns schon nicht grad verhageln! Also hinüber zur Gumenbahn und gleich noch einmal eine Bergfahrt, diesmal in der Gondel.

Auf Gumen, 1901 Meter über Meer, reckt sich vor uns der Ortstock gegen den Himmel, Braunwalds Hausberg. Auch er ist übrigens ein tolles Wanderziel.

Wir ziehen los, der Weg führt leicht aufwärts durch den Hang, die Alpenflora könnte dazu führen, dass man immer wieder stillstünde und gar nicht vorwärtskäme; wir geben uns Mühe, die Blümlein zu ignorieren. Bald wird der Weg steiler. Das Bützi, wie unser erstes Ziel heisst, will erobert sein, einmal meinen wir, wir seien oben, doch es ist nur ein Zwischenplateau. Bereits zieht sich das Feld in die Länge, wir sind zu fünft und gut einen halben Kilometer auseinander.

Das Bütziwunder

Endlich das Bützi; wir stehen auf der Grenze der Kantone Glarus und Schwyz. Und wir sehen vor uns ein Wunder, das uns die nächsten drei Stunden begeistern und verzaubern wird. In der Gegend zwischen Braunwald, dem Bisistal und dem Pragelpass erstreckt sich das grösste Karstgebiet der Schweiz. Eine graue Wüste aus Kalk, in die Regen und Schmelzwasser tiefe Scharten gefräst haben.

Man spricht auch von Karrenfeldern. Die Sage geht, dass der Teufel hier einst zwei Feuergäule vor einen Pflug spannte und wie ein Besessener Rinnen in den Boden zog. Durch den Karst halten wir vorwärts, setzen unsere Schritte vorsichtig, dies ist keine Gegend für den Hans Guck-in-die-Luft. Auf einem Schneefeld ruhen Schafe, die es kühl mögen. Endlich die grüne Oase der Erigsmatt, bei der Schäferhütte rasten bereits einige andere Wanderer. Der Himmel hält sich ruhig, gut, sind wir losgegangen. Ein Vergleich, den ich früher machte, fällt mir an dieser Stelle wieder ein: die Karrenfelder mit ihren scharfen Spitzen sind wie ein gefrorenes Meer. Das fünfte Mal schon bin ich auf ihnen unterwegs, dies ist eine meiner Lieblingsrouten.

Chlü

Und weiter, hinauf zum höchsten Punkt des Tages auf 2252 Metern; in der Nähe pfeifen die Murmeli. Hernach geht es nur noch abwärts. Das Wandern im Kalk ist beschwerlich, der Abstieg endlos, die Knie knacken, während wir Stufe um Stufe Höhe vernichten. Beim Drecklochstafel ist der Karrenspuk mehr oder minder vorbei, stattdessen Gras, Felsen, Geröll. Unter uns sehen wir das Tal der Rossmatter Chlü; so die Glarner Aussprache von «Klön». Zur Rechten ein Wasserfall, der jederzeit einen Schweiz-Tourismus-Kalender schmücken könnte, das Wasser kommt vom Firn des Glärnisch.
Bei Wärben erreichen wir ein Strässchen, und kurz darauf langen wir bei der Wirtschaft des Alpweilers Chäseren an; herrlich das Bier und der Alpkäse. Wir könnten jetzt Schluss machen und einen Platz im Alptaxi des Wirtes, einem Pinzgauer, reservieren. Wir verzichten, Ehrensache, die letzte Stunde auf dem Strässchen zu laufen. Also noch einmal 400 Meter abwärts. Kurz vor dem Restaurant von Klöntal-Plätz beginnt es zu regnen in sanften, grossen Tropfen. Was für eine Dramaturgie des Himmels! Was für ein Tag überhaupt! Ich will und werde diese Route ein sechstes Mal machen.

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Route: Braunwald, Bergstation Gumen (kombinierte Bahn mit Sesseln und Gondeln ab Braunwald) - Bützi - Erigsmatt - Gletti - höchster Punkt der Wanderung auf 2252 Metern - Brunalpeli - Napf - Läng Boden - Dreckloch - Drecklochstafel - Zeinenstafel - Wärben - Chäseren - Chlüstalden - Stutzwald - Klöntal, Plätz.

Wanderzeit: 5 1/2 Stunden. Plus eine Viertelstunde am Morgen von der Braunwald-Standseilbahn(Bergstation) zur Talstation der Gumenbahn.

Höhendifferenz: 470 Meter auf-, 1525 abwärts.

Kürzer: Eine Stunde Gehzeit und 400 Höhenmeter abwärts spart, wer von der Chäseren das Alptaxi des Wirts nimmt. Er fährt die Strecke regelmässig. 15 Franken.

Wanderkarte: 246 T Klausenpass und 236 T Lachen, 1: 50 000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus ab Klöntal, Plätz hinab zum Bahnhof Glarus.

Charakter: Eine der grossartigsten Landschaften der Schweiz, eine Kalkwüste. Anstrengend, weil man seine Schritte im Schrattenkalk vorsichtig setzen muss.

Höhepunkte: Die Eroberung des Bützi, wo man plötzlich die Kalkfelder vor sich hat. Die grüne Oase Erigsmatt. Die Einkehr auf der Chäseren-Alp.

Kinder: Machbar, aber anstrengend.

Hund: Machbar, aber anstrengend.

Einkehr: Am Anfang auf Gumen und am Schluss in Klöntal, Plätz. Und eine Stunde vor Wanderschluss auf Chäseren (offen je nach Witterung, 055 640 11 77).

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Outdoor

Freie Fahrt für die Fetten

Jürg Buschor am Donnerstag, den 4. September 2014


Es ist der Urgedanke des Mountainbikes: ein Velo, dem kein Berg zu steil, kein Weg zu holprig und keine Pfütze zu tief ist. Einfach drauflosfahren – komme, was wolle. So alt dieser Ansatz ist, so neu und ungewohnt erscheint das, was heute dieser Philosophie am nächsten kommt: Fatbikes! An Europas grösster Fahrradmesse Eurobike zeigte es sich vergangene Woche deutlich: Die überdimensionierten Bikes sind nicht nur ein Trend für Spinner. Sie bahnen sich unweigerlich den Weg in den Velo-Alltag. «Go big or go home», schallt es vom Bodensee. Der Velomarkt nimmts wörtlich.

Fatbikes, wohin man blickt

Kaum ein namhafter Bikehersteller, an dessen Messestand die ungewöhnlichen Ballonreifen fehlen: Scott, Rocky Mountain, Specialized, Canyon, Stevens, Transalpes, KTM, Nicolai – die Liste lässt sich ewig fortsetzen. Jeder will ein Stück vom neuen Markt. Als «SUV unter den Velos» bezeichnet Fahrradjournalist Gunnar Fehlau die Sportgeräte. «Sie ermöglichen völlig neue Erlebnisse. Egal, was um die Ecke kommt, ich kann immer fahren», sagt der Fatbike-Fan. Das Prinzip ist einfach: 4,8 Zoll Reifenbreite ist der Standardwert – ein Vielfaches des Volumens bei normalen Bikes. Mit diesen Monsterpneus wird ein sehr geringer Luftdruck möglich. Je nach Verhältnissen ist man mit 0,4 bis 1 bar im Reifen unterwegs. Das sorgt für enorme Traktion und Komfort. Ein weiteres Plus ist der grössere Auftrieb, der besonders auf losem Untergrund Wunder bewirkt. Aber nicht nur im Schlamm und Schnee soll sich die neue Bike-Gattung zu Hause fühlen – die Branche prophezeit Alltagstauglichkeit.

Alpenüberquerung mit Fatbike (Quelle: YouTube, fatbike-transalp.de)

Im allgemeinen Innovationsdrang der Branche wird also auch intensiv am Fatbike getüftelt. Auf der Eurobike zeigen sich die nächsten Evolutionsstufen der «dicken Dinger». Wie auch beim normalen Velo drängt der Elektroantrieb auf den Markt: das E-Fatbike ist geboren. Unter anderem die Firmen Felt, Bulls, Haibike und Klaxon verbinden die zwei Konzepte, die bei vielen Bikern derzeit hoch im Kurs stehen. Motorgetriebene Geländewalzen, die alles platt machen, was sich ihnen in den Weg stellt – ist das noch Mountainbiken? Das Potenzial in problematischem Gelände gut voranzukommen, scheint riesig. Die Schar potenzieller Kritiker ebenso.

Die Dicken auf Diät

Einen sportlicheren Ansatz, die schweren Fatbikes beweglicher zu gestalten, wählt unter anderem Canyon. Mit ihrem breitreifen Fahrrad aus Carbon drücken sie das Gewicht in Serienausstattung auf 12 Kilogramm inklusive Federgabel. Damit wird eine grosse Schwäche eliminiert – das Zusatzgewicht. Der Standard lag bisher bei rund 15 Kilogramm. Und es geht noch mehr. Ein Rahmen der Schmiede 9:zero:7 in Kombination mit den neuen Fatbike-Komponenten der Edelmarke Tune treibt es auf die Spitze: Gerade mal 9,1 Kilogramm bringt das ungefederte Carbon-Vehikel auf die Waage.

Was bei den normalen Bikes nicht mehr wegzudenken ist, darf natürlich auch bei Fatbikes nicht fehlen: Vollfederung. Unter anderem Maxx  und Salsa präsentieren vollgefederte Versionen der Big Bikes. Zwar sind Komfort und Traktion schon durch das Volumen der Reifen auf einem hohen Level, die Leistung eines guten Fahrwerks ist ohne Federung aber nicht zu erreichen. Die komfortablen Pneus können in der Dämpfung nicht variiert werden und neigen deshalb zum Hüpfen. Volle Federungsperformance gibt es deshalb auch auf dem Fatbike nur durch Federgabel an der Front und Dämpfer am Hinterbau.

Stattliche Auswahl 

Stichwort Federgabel: Die Komponentenhersteller ziehen ebenfalls nach. Bei Rock Shox gibts die extrabreite Fork zum Nachrüsten und auch Naben und Felgen werden von verschiedensten Herstellern «fattie-gerecht» aufbereitet.

Die Bike-Industrie gibt alles für die Dicken, und das Nischenprodukt wird zum massentauglichen Magneten. Aber noch bleibt die Frage: Tut sich für den Mountainbiker eine neue Dimension auf oder bleibt der Fatbike-Trend eine Marketingblase, die im Alltagstest zerplatzt?

Haben Sie selbst schon Erfahrungen mit Fatbikes gesammelt? Spinner-Trend oder echte Alternative – was halten Sie von Fatbikes?

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