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100 Kilometer Erlösung

Blog-Redaktion am Montag, den 31. August 2015

Ein Gastbeitrag von Christian Andiel*

«Meine dunklen Stunden» von Einmal war ich in Biel auf Vimeo.

Biel war der Himmel. Wer das nach einem Lauf über 100 Kilometer so schildert, der muss seine Hölle erlebt haben. Oliver Stoll ist Professor der Sportpsychologie, er ist Läufer und er hat ein beeindruckendes Buch geschrieben. «Einmal war ich in Biel» heisst es, darin beschreibt Stoll so detailliert wie liebevoll, wie er diese Stunden vor zwei Jahren beim Laufklassiker erlebte. Von der Vorbereitung, den Begegnungen auf der Strecke, der wunderbaren Unterstützung seiner Lebenspartnerin, vom Zieleinlauf. Er lässt uns an seiner Playlist teilhaben, verrät den SMS-Trick (alle 10 Kilometer eine SMS verschicken, die nicht mehr als fünf Worte umfasst) und klärt detailliert über seine unmittelbare Vorbereitung auf.

Doch die 100 Kilometer von Biel sind nur der Endpunkt einer Entwicklung, einer Geschichte, die mitreisst und mitleiden lässt. Es ist ein Happy End, das so nicht immer absehbar war. Denn es ist der gleiche Oliver Stoll, der sich nur wenige Jahre zuvor in aller Schonungslosigkeit als Läufer ganz anders als nun in Biel beschreibt: «Ich war ein gebrochener Mann.»

«Die ‹Bleistifte› liefen vorneweg»

Blenden wir zurück, in die Jahre um 1990 herum. Stoll, 1963 geboren, Student der Sportwissenschaft, Psychologie und Pädagogik in Giessen (D) und Charleston (USA), war ein fanatischer Läufer. Und es kam der Moment, in dem er jedes Mass verlor. Aus Ehrgeiz wurde Sucht, es ging nur noch ums Laufen, «ich hatte eigentlich keine Freunde mehr», sagt er, selbst beim Lauftreff musste er am Ende der Erste zurück am Parkplatz sein. Stoll sah, wie schlanke Menschen bessere Zeiten erreichten, «die ‹Bleistifte› liefen vorneweg, also musste ich abnehmen». Er magerte ab, bis auf 57 Kilogramm bei 1,78 Meter. Wie konnte dem Fachmann, dem angehenden Sportwissenschaftler so etwas passieren? Stoll selbst schreibt sich in dieser Zeit «pathologische Züge» zu.

Vielleicht fällt es dem Psychologen leichter, so offen über diese «Lebenskrise» zu reden, wie Stoll es tut. Er vergleicht seine damalige Sucht mit der des Alkoholikers, und so gab es für ihn nur eine Lösungsmöglichkeit: «Ich habe sofort mit dem Laufen aufgehört. Das ist wie bei einem Alkoholiker. Sofortige Abstinenz ist der erste Schritt zur möglichen Gesundung.» Fast 25 Jahre lief er nicht mehr, im Buch beschreibt er sein Comeback 2012 eindrücklich, wie ihm selbst kleinste Steigungen, etwa eine Brücke über einen Fluss, zu schaffen machten.

Die grosse Hilfe der Lebenspartnerin

Stoll stürzte sich stattdessen in die Arbeit, erfolgreich, wenn auch zu einem hohen Preis: Er «schrottete» zwei Ehen, wie er sagt. Als er 2012 die Laufschuhe wieder schnürte, «hatte ich tatsächlich Angst, in die alten Muster zu verfallen». Hilfreich war dann 2013 die Beziehung zu seiner jetzigen Lebenspartnerin. «Mit Frauke war ich diesbezüglich gnadenlos offen. Sie hatte in der Zeit, als ich wieder mit dem Laufen begann, ebenfalls ein Auge auf mich und mein Training und sofort thematisiert, wenn sie das Gefühl hatte, ich könnte wieder rückfällig werden.» Dieser Aspekt sei neben dem «normalen» Reifeprozess eines Menschen verantwortlich, dass er heute wieder laufen könne. Zum Beispiel in Biel.

Wer diese Geschichte kennt, der kann umso intensiver nachvollziehen, was die 100 Kilometer von Biel für Stoll bedeutet haben, welche Faszination das Buch «Irgendwann musst du nach Biel» von Werner Sonntag für ihn gehabt haben musste, welche Mischung aus Stolz, Erleichterung und purer Freude er beim Zieleinlauf verspürt haben musste. Kann uns der Psychologe einen Tipp geben, wie wir uns der Hölle fernhalten können, die er durchschritt? «Puhhh», antwortet Stoll, «nicht wirklich, manche Fehler und Erfahrungen muss man wohl machen.» Dann fällt ihm doch noch etwas ein: «Wenn man das Gefühl hat, etwas stimme nicht, sollte man jemand in sein Vertrauen ziehen.» Diese Person habe ihm damals gefehlt.

«Liebe zum Leben» von Einmal war ich in Biel auf Vimeo.

Andiel ChristianChristian Andiel ist Produzent beim «Tages-Anzeiger».

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Die Punker vom Val Strem

Thomas Widmer am Freitag, den 28. August 2015

Diese Woche von Sedrun über den Chrüzlipass nach Bristen (GR/UR)

Ich ging schon einmal über den Chrüzlipass, von Bristen im Maderanertal aus: fortgeschrittener Herbst, verlassene Alpen, Nebel über den Bergen, Schnee auf dem Pass. Ich wanderte damals allein und musste die ganze Zeit über an «Goldener Ring über Uri» denken, das legendäre Buch von 1941, dessen Autor Eduard Renner vom magischen Denken der Urner Bergler erzählt. Von einer gestaltlosen, lähmenden oder auch Panik bereitenden Kraft, dem «Es», das sich ausbreitet, wenn die Älpler abziehen. Mir war unheimlich.

Als ich zum zweiten Mal über den Chrüzlipass ging, ab Sedrun diesmal und mit meinem Grüpplein, war alles anders. Golden war der Tag und ganz diesseitig die Landschaft. Das Es hatte im strahlenden Licht keine Chance. Es schmollte wohl in irgendeiner der Kristallgrotten, für die vor allem das Etzlital auf der Urner Seite bekannt ist.

Sind wir in Island?

Kurz wanderten wir zu Beginn in Sedrun auf Hartbelag. Dann Gras, Steine, Geröll. Das Val Strem muss man erlebt haben in seiner Urtümlichkeit, uns war, als seien wir in Island. Der Strem mäandrierte als Glitzerband durch die rötlich-moorige Ebene. Die Stremhörner wiederum – nun, wären sie Menschen, so Jugendliche in der Pubertät. Trotzig, wild, frech, mit zackigen Punkerfrisuren.

Streng war der Aufstieg, der gleichzeitig ein Ausstieg war aus dem Val Strem auf schmalem, doch sicherem Pfad die steile Halde hinauf zum Pass. Oben war alles flach. Wir setzten uns, tranken, freuten uns über die neuen Berge im Westen hinter der Passlücke. Mir fiel ein, dass ich bei der früheren Überquerung hier oben im Schnee eine Gruppe Männer getroffen hatte. Der eine ging barfuss. Ob er nicht kalt habe, fragte ich. «So ist mir am wohlsten», sagte er.

Wir stiegen ab, sahen unser Zwischenziel, die Etzlihütte, die erhaben 70 Meter über der flachen Müllersmatt hockt. Die meiste Zeit freilich fixierten wir den Boden vor uns. Blockschutt, sehr beschwerlich. Dann waren wir unten auf der Müllersmatt. Kurz darauf die Hütte. Wir assen, meine Suppe war köstlich, ich fotografierte sie, wie ich das meist tue, wenn ich auf Wanderungen esse. Ein Bild machte ich auch vom hütteneigenen Whirlpool.

Gut, kommt der Bus noch nicht!

Ingeniös später unsere Wanderpiste zu Tale. Ein schmales, sauber definiertes Band aus Steinen, das durch den brüsken Hang kurvte, ein holpriges Trottoir im Gebirge; ich musste daran denken, dass der Chrüzlipass vom Maderanertal in die Surselva und umgekehrt jahrhundertelang ein wichtiger Saumweg gewesen war. Das Gelände vor uns, die endlose Talrinne des Etzli, lag im Schatten. Weiter unten gingen wir durch eine Halde voller Blacken, der Stein war feucht und glitschig. Irgendwann erreichten wir ein schmales Fahrsträsschen.

War es das? Nein! Beim Sagebrüggli radikalisierte sich der Weg ein letztes Mal. Wir bogen links ab in den Wald. Das folgende Stück war von einer Steilheit, als rebelliere das Gelände gegen die nahe Zivilisation. Ich war froh um meine Stöcke, spürte nun doch meine 52-jährigen Knie. Endlich Bristen. Gut, dass der Bus erst in 50 Minuten kommen würde. Auf der Terrasse des Alpenblicks hielten wir bei Bier und einem Pommes-frites-Teller Rückschau und waren uns einig: selten an einem Tag derart viel Schönheit gesehen!

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Route: Sedrun Bahnhof – Bauns – Val Strem – Chrüzlipass – Müllersmatt – Etzlihütte – Müllersmatt – Etzliboden – Sagebrüggli – Steinmatt – Bristen.

Wanderzeit: 6 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 1050 Meter auf-, 1710 abwärts.

Wanderkarte: 256 T Disentis/Mustér, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus von Bristen nach Amsteg.

Kürzer: Abkürzungen gibt es nicht. Aber natürlich kann man die Wanderung auf zwei Tage verteilen und in der Etzlihütte übernachten. Reservieren!

Charakter: Klassische Passwanderung von grosser Schönheit. Steile Abschnitte, keine ausgesetzten Stellen. Aussichtsreich.

Höhepunkte: Die Kurven des Strem in seinem Tal. Die zackigen Berge über dem Val Strem. Der Blick nach dem Pass auf die Etzlihütte. Das endlos weite Etzlital.

Kinder: Weit, besser in zwei Tagen als in einem.

Hund: Keine besonderen Probleme.

Einkehr: Am Anfang und am Ende sowie natürlich in der Etzlihütte, die derzeit durchgehend offen ist.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Trail-Champion oder Logistik-Meister?

Blog-Redaktion am Donnerstag, den 27. August 2015


Höher, schneller, weiter: Rekorde haben schon die alten Griechen fasziniert. Bis heute hat die Sensationsgier des Publikums nicht nachgelassen. Das Gegenteil scheint der Fall, wenn man sieht, welche Medienformate die grössten Erfolge feiern und welche Videos auf den zahlreichen Internet-Plattformen häufig angeklickt werden. Die Jagd nach Bestmarken wird mittlerweile auch auf Singletrails ausgetragen. Das Ziel: an einem Tag möglichst viele Abfahrtshöhenmeter vernichten, wobei kein Trail zweimal befahren werden darf. Das führende deutsche Mountainbike-Magazin hat diesem Wettstreit schon den Titel des «dümmsten Bikerekords aller Zeiten» verliehen, denn vergleichbar sind die Leistungen nicht, weil sie auf verschiedenen Strecken und mit ungleicher Transportunterstützung erbracht werden.

Zertifizierter Tiefenrausch

Dennoch scheint sich diese Rekordjagd aktuell grosser Beliebtheit zu erfreuen. Vor allem in der Schweiz. In diesem Jahr purzelte die Bestmarke bereits zweimal. Am 27. Juli haben Marcel Hardegger sowie Erich und Christoph Arnold 21’832 Abfahrtshöhenmeter abgesurft – «inoffizieller Weltrekord». Gerade einmal 16 Tage zuvor hatten die beiden ehemaligen Elite-Mountainbiker Ken Imhasly und Alain Gwerder die Bestmarke auf 20’616 Tiefenmeter hochgeschraubt. Als Erste und bisher Einzige haben sie ihre Aktion offiziell zertifizieren lassen. Das Rekord Institut für Deutschland führt sie jetzt als Weltrekordhalter für die «meisten an einem Tag erzielten Mountainbike-Abfahrtshöhenmeter».

Während die offiziellen Weltrekordler im Wallis auf Rekordjagd gegangen sind, überflügelte die «inoffizielle Konkurrenz» im Kanton Uri den Bestwert:

Der Trailrekord in Uri. (Youtube)

Die Schweizer Zwillinge Caroline und Anita Gehrig hatten die vorherige Rekordmarke im Vinschgau aufgestellt und die «Urväter» der Trailmeter-Sammler, Thomas Frischknecht und Thomas Giger, haben 2013 den Rekordwahn in Davos quasi ins Leben gerufen.

Die Vergleichbarkeit der Leistungen hinkt in jeder Beziehung. Die einen griffen auf Autoshuttles zurück, andere liessen sich von fleissigen E-Bikern über Almwege ziehen. Überführungsetappen wurden standesgemäss mit dem bereitstehenden Auto samt Chauffeur gemeistert und das Duo Frischnecht/Giger liess sich für die letzte Abfahrt gar mit dem Helikopter zum Startpunkt fliegen!

Der Duden straft Lügen

Wann darf man überhaupt von einem Rekord sprechen? Egal welche Definition von «Rekord» man zurate zieht – die Vergleichbarkeit ist immer zentraler Bestandteil. Sowohl die Streckenführung und -beschaffenheit als auch die logistischen Voraussetzungen machen die angesprochenen Rekorde aber in erster Linie zur Meisterleistung bezüglich Streckenplanung und Organisation. Die sportliche Komponente scheint dadurch in den Hintergrund zu rücken. Immerhin – die beiden letzten Aspiranten haben sich einheitlich an eine maximale Fahrzeit von 16 Stunden gehalten. Bleibt die Frage: Seit wann hat der Tag 16 Stunden?

Sinn oder Unsinn?

Der Spirit des Mountainbikens bleibt bei der wilden Hatz auf der Strecke. Und einen tieferen Sinn werden viele Mountainbiker auch nicht erkennen. Da bleibt nur der neidische Blick auf Manuel Scheidegger:

Stunden-Weltrekord im Wheelie-Fahren über 25,72 km von Manuel Schneidegger. (Youtube)

Der Schweizer ist am Thunersee in einer Stunde 25,72 Kilometer auf dem Hinterrad gefahren. Damit hat er den Stundenweltrekord im Wheelie-Fahren in die Schweiz geholt – auf einer genormten Leichtathletik-Bahn und damit über alle Zweifel erhaben. Nebenbei rührt er damit die Werbetrommel für sein Nepal-Hilfsprojekt Wheels4Nepal. Und so bekommt die Rekordjagd auf zwei Rädern plötzlich doch noch einen Sinn.

Was halten Sie von der Rekordjagd um Abfahrtshöhenmeter? Bestwerte um jeden Preis – wo sehen Sie Grenzen?

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Wenn Abstürzen Spass macht

Outdoor-Redaktion am Mittwoch, den 26. August 2015

Ein Beitrag von Emil Zopfi*

(iStock)

Besser klettern dank Sturztraining? Das richtige Ins-Seil-Springen will gelernt sein. (iStock)

Kürzlich bin ich wieder mal ins Seil geflogen. Als ich eben mit zwei Fingern die schmale Leiste hoch oben erreichte, rutschte ein Fuss weg. Shit… Der Fels flitzt vorbei … die harten Meter der Schlüsselstelle … dann spannt sich das Seil. Nichts passiert, Glück gehabt. Ich hangle mich wieder hinauf.

Ich habe Erfahrung im Stürzen, obwohl ich nie ein Sturztraining absolviert habe. Dass es so etwas gibt, habe ich erst vor wenigen Jahren in einer Kletterhalle festgestellt. Eine Gruppe von Anfängern übte dort unter Anleitung nicht nur klettern, sondern auch ins Seil springen. Ich fand das ziemlich komisch, aber inzwischen gehört es offenbar zur Grundausbildung im Klettersport. Zum Beispiel für den Erwerb eines Kletterscheins des Deutschen Alpenvereins (DAV).

Angstfrei ans Limit dank Sturztraining?

Ich gehöre noch zur Generation, die nicht stürzen durfte. Die Felshaken waren nicht durchwegs zuverlässig, die Abstände weit, jeder Sturz konnte fatal enden. Später, als Sportkletterer, habe ich mich ans gelegentliche Stürzen gewöhnt. Man klettert immer wieder mal an der Grenze, um sich zu steigern – oder das Niveau zu halten. Wie im realen Leben in einer Leistungsgesellschaft, denn auch da heisst es: Nur wer etwas riskiert, hat Erfolg. Sturztraining dient der Leistungssteigerung, aber auch der Sicherheit. Der Kletternde trainiert sich die Sturzangst weg, der Partner oder die Partnerin übt den korrekten Umgang mit dem Sicherungsgerät.

«Als Sportkletterer weiss ich, wie viel eleganter und schwerer ich klettere, wenn ich angstfrei ans Limit gehen kann», preist ein Klettertrainer des DAV das Sturztraining. Um zwei Schwierigkeitsgrade könne man sich damit verbessern. Ist wohl ein bisschen übertrieben, denke ich. Um vom Fünfer- zum Siebnerkletterer zu werden, braucht es etwas mehr als den Mut, ins Seil zu springen.

Mittlerweile gibt es Anleitungen fürs Sturztraining zuhauf auf Websites, Youtube oder auch im Ausbildungshandbuch «Bergsport Sommer» des SAC. Selbst die Bergsteigergruppe Alpina BGA, ein Elitekletterclub mit Tradition, publizierte eine umfangreiche Studie zum Thema. Vom «Sensorarm» des Sichernden ist da die Rede, der erfühlen soll, wann die Dynamik des Bremsvorgangs einzuleiten ist.

Richtig stürzen «macht sehr viel Spass»

Meine Kletterpartnerin macht zum Glück auch ohne Sturztraining alles richtig. Auch diesmal hat sie meinen Sturz perfekt weich gebremst, nur ein Kratzer am Arm ist mir geblieben. Anders vor Jahren, als ein schmales Felsband meinen Fall störte. Die Spitze des Kletterschuhs schlug auf, das Sprunggelenk wurde zum Bremsgerät. Den schlecht verheilten Bruch spüre ich noch immer. Ob ich mit Sturztraining geschickter gefallen wäre, weiss ich nicht. Viel Zeit zum Überlegen bleibt einem nicht, wenn Finger oder Sohlen rutschen, die Kraft wegbleibt oder ein Griff ausbricht.

Stürzen im Fels ist jedenfalls nicht so harmlos, wie der Autor einer Website behauptet: «Beim richtigen Stürzen und Sichern ist der Sturz nicht gefährlich.» Wenn man es kann, schreibt er, «macht es sehr viel Spass.» Über stürzende Spassvögel ärgere ich mich gelegentlich in der Kletterhalle. Sie hängen die Umlenkung am Ende der Route nicht ein, sondern springen ins Seil.

Der Spass kann blutig enden

In der Halle mag das angehen, im Fels allerdings ist damit nicht zu spassen. Klettere ich über einem Felsband, ist Stürzen keine Option, wie mich mein Fuss täglich erinnert. Ebenso in Bodennähe bis über den zweiten Haken. Leider sind nicht alle Routen intelligent eingebohrt, der erste Haken zu hoch oder zu tief – oder nach statt vor der Schlüsselstelle. Bohrhaken haben eine begrenzte Lebensdauer, sitzen oft nicht so fest, wie sie scheinen – oder waren schon von Anfang an schlecht gebohrt.

Der Begriff «Plaisir» für gut abgesicherte leichtere Routen scheint mir ebenfalls problematisch. Gerade im weniger steilen, strukturierten Gelände kann ein Sturz zu schweren Verletzungen führen. Und selbst wenn alle Haken und Stricke halten, sich jedoch ein Fuss im Seil verfängt, wird der Sturz zum Salto. Mit weniger Angst klettern dank Sturztraining ist sicher gut, wenn dabei der Respekt vor dem Fels nicht verloren geht. Sonst kann aus dem Spass auch blutiger Ernst werden.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Rentner, Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer, www.zopfi.ch.

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Am Ziel zeigen Läufer ihr wahres Gesicht

Pia Wertheimer am Montag, den 24. August 2015

Wer an der Ziellinie eines Laufs steht, erlebt Dramen, Komödien und ab und an regelrechte Krimis – nicht nur im Spitzensport. So kann etwa ein Marathonfinish nicht nur die intimsten Gefühle der Athleten freilegen und sie zu spontanen Heiratsanträgen bewegen. Die Art und Weise, wie jemand ins Ziel läuft, verrät auch vieles über den Charakter: Wie oft muss ein Durchtrainierter auf der Zielgeraden eine Läuferin vor sich noch schnappen, damit sein männliches Ego keinen Schaden nimmt. Aber auch Teamplayer outen sich vor der Ziellinie, wenn sie kurz innehalten, auf einen manchmal völlig unbekannten Leidensgenossen warten, um mit oder nach ihm einzulaufen.

Das Finish sagt aber auch viel darüber aus, wie viel der Anlass dem Athleten bedeutet, nicht nur bei Profis und Routiniers – auch Novizen können beispielsweise wahre Poser oder vollengagierte Beisser sein. Unverkennbar ist oft auch, wie erwartbar die erbrachte Leistung für den Teilnehmer war – ganz egal ob der Läufer dabei auf dem Podest landet oder nicht. Viele Läufer zeigen vor dem Zielbogen ihr wahres Gesicht. Obschon die einzelnen Finisher-Typen in männlicher Form verfasst sind, treten alle auch bei Weiblein auf – naja fast, aber urteilen Sie selbst …

1. Der Poser
Die Siegerpose oder das Victory-Zeichen sind die gängigsten Merkmale dieses Typs. Oft bemüht werden auch Supermans Faust, King Kongs Brusttrommel, Usain Bolts Pfeil und der hochgereckte Zeigefinger.

2. Der Macho
Die Emanzipation brachte die Frauen auf die Laufstrecke. Noch heute stellt dies das starke Geschlecht zuweilen vor schier unerträgliche Herausforderungen. Dieser Finisher-Typ erträgt es nicht, kurz nach einer Frau die Ziellinie zu passieren.

Nach einer Frau ins Ziel? No way! Läufer drängt sich am New York Marathon 2010 an der Autorin vorbei. Bild: PD

Nach einer Frau ins Ziel? No way! Läufer drängt sich am New York Marathon 2010 an der Autorin vorbei. Bild: PD

3. Der All-in-Typ
Dieser Einlauf-Typ ist bereit, bis zum letzten Millimeter das Letzte zu geben. Er zapft oft für einen fulminanten Schlusssprint seine letzten Kraftreserven an. Sein Kampf und Engagement sind in seinem Gesicht unübersehbar.

Patrick Ereng (KEN, l.) und Tadesse Abraham (SUI) an der Ziellinie des GP Bern 2014. Foto: Keystone

Patrick Ereng (Ken, l.) und Tadesse Abraham (Sui) an der Ziellinie des GP Bern 2014. Foto: Keystone

4. Der Beter
Dieser Finisher-Typ ist überzeugt, dass seine Energie oder sein Erfolg von höherer Macht gesteuert ist. Ein Blick nach oben oder ein Kniefall sind sein Merkmal. Achtung, der Bodenkuss kann auch einfach nur bedeuten, dass der Läufer unendlich dankbar ist, diesen Boden endlich erreicht zu haben.

Auf den Knien: Tebya Erkesso (ETH) bei ihrem Sieg am Boston Marathon 2010. Foto: Reuters

Auf den Knien: Tebya Erkesso (Eth) bei ihrem Sieg am Boston Marathon 2010. Foto: Reuters

5. Der Geniesser
Von Verzückung bis zur Extase, dieser Einlauf-Typ reitet im Ziel auf einer Genusswelle – ganz egal, wie hart er dafür gearbeitet hat, lässt er sich diesen Augenblick nicht nehmen.

Eunice Jepkoech Sum (KEN) geniesst ihren Einlauf an Diamond League Meeting 2014 in Rom über 800 Meter. Foto: Reuters

Eunice Jepkoech Sum (Ken) geniesst ihren Einlauf am Diamond League Meeting 2014 in Rom über 800 Meter. Foto: Reuters

6. Der Überwältigte
Manchmal überraschen sich Läufer mit Leistungen, die ihnen niemand zugetraut hätte – geschweige denn sie selbst. Überrascht und überwältigt endet ihr Wettkampf oft in Tränen.

Die süssesten Tränen: Die deutsche Marathonhoffnung Anna Hahner gewinnt 2014 überraschend den Marathon in Wien. Bild: DPA

Die süssesten Tränen: Die deutsche Marathonhoffnung Anna Hahner gewinnt 2014 überraschend den Marathon in Wien. Bild: DPA

7. Der Teamplayer
Entweder treten diese Läufer bereits gemeinsam an und weichen nicht von der Seite ihres Partners oder sie schliessen schweigend auf der Strecke Freundschaft und werden mit einem eigentlichen Konkurrenten zu einer Leidensgemeinschaft. Sie würden es sich um keinen Preis nehmen lassen, gemeinsam einzulaufen.

Gemeinsamer Erfolg: Die Eliteläufer Meb Keflezighi und Hilary Dionne am Boston Marthon 2015. Foto: Winslow Townson (USA TODAY Sports)

Gemeinsamer Erfolg: Die Eliteläufer Meb Keflezighi und Hilary Dionne am Boston Marthon 2015. Foto: Winslow Townson (USA TODAY Sports)

8. Der Fixierte
Dieser Finsher-Typ ist unverkennbar. Sein erster Blick gilt seinem Handgelenk oder vielmehr seiner Uhr. Er prüft, ob er seine Zielzeit erreicht hat und stellt gleichzeitig sicher, dass er auf keinen Fall vergisst, seine Stoppuhr rechtzeitig abzustellen.

Zuerst ein Blick auf die Uhr: Pauline Chepkorir Atodonyang (KEN) gewinnt den Lausanne Marathon 2008. Foto: Keystone

Zuerst ein Blick auf die Uhr: Pauline Chepkorir Atodonyang (Ken) gewinnt den Lausanne Marathon 2008. Foto: Keystone

9. Der Kinderzeiger
Diese Einlauf-Typen wollen die ganze Zuschauerschar wissen lassen, dass sie einerseits stolze Eltern sind. Andererseits stellt das Präsentieren der Kinder wohl auch ein kleines Dankeschön an den Nachwuchs dar, schliesslich muss dieser während des Trainings auf Papi oder Mami verzichten.

Die Schweizerin Jasmin Nunige jubelt beim Zieleinlauf als erste Frau am Swiss Alpine Marathon, Juli 2010. Foto: Keystone

Die Schweizerin Jasmin Nunige jubelt beim Zieleinlauf als erste Frau am Swiss Alpine Marathon, Juli 2010. Foto: Keystone

10. Der Übermütige
Ausser Rand und Band zeigen diese Läufer, dass sie noch viel mehr drauf haben. Während sich die Mitstreiter neben ihnen ins Ziel schleppen, mobilisieren sie für das Erinnerungsbild noch die letzten Kräfte.

Kilian Jornet Burgada (ESP) mit einem Luftsprung über die Ziellinie beim Sierre-Zinal Langstreckenrennen 2015. Foto: Reuters

Kilian Jornet Burgada (Esp) mit einem Luftsprung über die Ziellinie beim Sierre-Zinal-Langstreckenrennen 2015. Foto: Reuters

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Die haben dort einen schönen Vogel!

Thomas Widmer am Freitag, den 21. August 2015

Diese Woche von Flims nach Tamins (GR)

Ich fuhr nach Flims, mein Ziel war ein ganz bestimmter Vogel, der Mauersegler. Neben der Post gab es ein Café, ich nahm noch kurz einen Kaffee und etwas Süsses und zog eine Viertelstunde später los. Der Wegweiser gab mir meine Destination sauber vor: Conn.

Auf dem Trottoir ging ich leicht abwärts entlang der Strasse, auf der ich eine halbe Stunde zuvor mit dem Bus gekommen war. Beim Feuerwehrstützpunkt mit den dramatischen roten Toren bog ich rechts ab und war den Autoverkehr los. Ich kam zur ARA, überquerte den Hausbach von Flims, den Flem, und fand mich bald im Wald.

Der 350-Meter-Tiefblick

Schön im Schatten, hohe, vermooste Felsbrocken überall, kam ich auf einem Waldsträsschen nach Conn – dies ist ein Flurname, nicht etwa ein Dorfname, da waren bloss ein paar wenige verstreut in die hügelige Landschaft eingebettete Ferienhäuschen und Ställe. Mein Vogel war nun auf dem Wegweiser aufgeführt: Il Spir. Zu Deutsch: der Mauersegler.

Fünf Minuten später war ich bei ihm. Il Spir ist der Name einer Aussichtsplattform hoch über der Ruinaulta-Schlucht des Vorderrheins. Steht man – wie ich an meinem Tag – vor dem Spir oder schaut man von tief unten zu ihm hoch, so scheint dieses Bauwerk wirklich nach Art des Mauerseglers schwirrbereit zu sein. Dazu passt, dass der Spir sich flugbereit in die Schlucht neigt; starke Zugseile sorgen für die Rückverankerung.

Ich stieg hoch zur Plattform, die vor bald zehn Jahren eingeweiht worden war. Was für ein Blick! 350 Meter unter mir die Schlucht, der Rhein milchblau sich windend, darüber am Gegenhang dunkelgrün der Wald. Und überall in den Steilhängen riesige staubweisse Erosionsnarben und Kalkkessel, darin kecke Pfeiler, wie man sie in gotischen Kirchen sieht. Ich gestehe, ich war ergriffen.

Als ich mich doch wieder löste, hätte ich bereits Hunger gehabt. Aber für eine Portion der berühmten Birnenravioli im Restaurant Conn zehn Minuten westwärts war es zu früh. Was tun? Ich hatte den Vogel besuchen wollen, weiter reichte meine Vision des Ausfluges nicht. Ich beschloss, nach Trin zu laufen, wanderte weiter und änderte den Plan gleich wieder ab; nein, Tamins sollte mein Schlussziel sein. Dort war ich nie gewesen, obwohl die kühne Kirchturmnadel schon immer mein Interesse erregt hatte beim Vorbeifahren.

Der Weg nach Tamins war leicht. Via Pintrun – vorbei an einem canyonartigen Seitental der Ruinaulta-Schlucht, vorbei an Panzersperren aus dem letzten Krieg – kam ich nach Digg, einen Ortsteil von Trin, das den Hang vor mir imperial besetzte. Hernach wurde der Pfad, der nun mehr oder minder parallel zur Strasse nach Flims verlief, kurz mal abenteuerlich: Schmal wurde er im steilen Hang. Ketten halfen mir; ausgesetzt war das nicht.

Diese Paarung endet nie

Endlich Tamins, das Dörfchen lag in der flirrenden Mittagsluft. Im Dorfladen holte ich mir eine Glace, Stracciatella am Stiel. Wunderbar kühl. Der nächste Bus würde in einer halben Stunde kommen, sah ich im Fahrplan. Perfekt. Ich stieg eilends hinauf zur Kirche auf ihrem Hügel und überblickte nun die ganze Gegend, in der der Vorderrhein und der Hinterrhein sich vereinen in einem nie endenden Paarungsakt.

Man verzeihe die gravierenden Worte, das leichte Pathos, die Erhabenheitsästhetik. Nicht ich bin es, der da spricht, sondern das magische, mythenschwere Graubünden.


Route: Flims Post – retour Richtung Chur bis zum Feuerwehrgebäude – ARA – Conn, Il Spir – Pintrun – Foppa – Digg (Ortsteil von Trin) – Lurez – Tamins, Dorf (Bushaltestelle).

Abstecher: In Tamins lohnt es sich, nach Schluss der eigentlichen Wanderung noch den Kirchhügel zu besteigen. Hin und zurück plus 20 Minuten.

Wanderzeit: 3 1/2 Stunden (ohne Abstecher).

Höhendifferenz: 180 Meter auf-, 590 abwärts (ohne Abstecher).

Wanderkarte: 247 T Flims, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Tamins mit dem Bus nach Chur.

Charakter: Leichtes Wandern. Nur gerade kurz nach Digg muss man im Waldhang ein bisschen aufpassen, der Weg ist dort schmal und mit Ketten gesichert, aber nicht ausgesetzt. Aussichtsreich.

Höhepunkte: Star des Tages ist die Plattform Il Spir mit dem Tiefblick in die Canyons der Ruinaulta-Schlucht. Besonders hübsch ist am Schluss der Route auch das Dorf Tamins. Der Blick vom Kirchturm ist grandios.

Kinder: Geht gut. Im Bereich der Ruinaulta-Kante und in der kurzen Hangpassage nach Digg gehören sie beaufsichtigt.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Am Anfang und am Ende. Sehr gut und entsprechend begehrt ist das Restaurant Conn 10 Minuten von der Aussichtsplattform Il Spir entfernt; sensationell sind die Birnenravioli. Reservieren! Das Lokal ist durchgehend geöffnet.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Die Krönung des Sommers

Mario Angst am Donnerstag, den 20. August 2015


Impressionen von Zürich–Gotthard–Zürich mit Zug und Velo. Video: Marc Fehr

Ende Sommer wollten wir das Konzept der Microadventures für einmal bis an seine Grenzen dehnen. Wäre es möglich, in einer normalen Arbeitswoche mit dem Velo den Gotthard, diese berühmte Pforte in den Süden, zu überqueren und auf dem Pass zu übernachten? Und doch wieder rechtzeitig im Büro zu sein?

Es wird zu einem Highlight des Sommers werden. Abendlicht auf der menschenleeren Tremola, die gemütlichste Fahrt auf einen Pass überhaupt, und ein Feierabendbier zwischen den auf dem Gotthard in überraschender Zahl vorkommenden Fröschen.

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Die Frösche sind es denn auch, die Marc ein nicht ganz alltägliches Naturerlebnis bescheren. Wer wacht schon des Öfteren auf, weil ein Frosch auf seiner Brust sitzt? Glücklicherweise kommen beide Parteien mit wohl grosser Verwunderung, aber ohne bleibende Schäden davon.

Was dem Abend aber endgültig die Krone aufsetzt, sind die Sternschnuppen. Ohne es zu wissen, haben wir das Datum der Perseiden für unsere Übernachtung hoch oben fernab der Lichtverschmutzung gewählt. Ziemlich müde, sehen wir zwar nicht viele der Meteoren, aber die, die wir sehen, sind fast so spektakulär wie die Bierpreise im Hospiz.

Nach einer kurzen Nacht zwischen Murmeltieren, Staudämmen und Kuhfladen machen wir uns mit dem ersten Tageslicht auf die Abfahrt nach Göschenen. Mit kühlem Fahrtwind und ohne Verkehr auf 2000 Metern über Meer in den Arbeitstag starten – es gibt Schlimmeres.

Kaffee aus dem Automaten für 80 Rappen (wo gibt es das noch?) überbrückt die Fahrt hinunter nach Zürich. Müde und glücklich endet damit mein Sommer voller Microadventures hier im Outdoorblog. Was nicht enden will, ist meine Begeisterung für das Konzept und seine Botschaft. Für Abenteuer und Naturerlebnisse braucht es keinen Interkontinentalflug, sondern nur etwas Fantasie, einen Schlafsack und ein offenes Herz für die Schönheit der Landschaft im Hinterhof.

mario-angstZwischen Feierabend und Morgen hat ein ganzes Abenteuer Platz. In einer kleinen Sommerserie berichtete Mario Angst über seinen Sommer voller #microadventures.

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Fleece und die kaputte Welt

Natascha Knecht am Mittwoch, den 19. August 2015
Vleece: Weil der Stoff so kuschlig ist, erfreut er sich grosser Beliebtheit. (Foto: Alessandro Valli via flickr.com)

Vleece: Auch weil der Stoff so kuschlig ist, erfreut er sich grosser Beliebtheit. (Foto: Alessandro Valli/flickr.com)

Als Alpinisten wissen wir, wie man in jeder Situation stoisch reagiert. Dank der vielen langen und ausdauernden Touren ist unser Ruhepuls sehr tief. Folglich treibt uns nichts so schnell auf die Palme. Wirft man uns zum Beispiel vor, wir seien Kranke, die einer sinnlosen Beschäftigung nachgehen und den Adrenalinkick suchen – ja, dann reagieren wir mit einem müden Lächeln.

Zugleich sind wir Meister des Verdrängens. Zwar ärgert es uns, dass wir im Handel praktisch nur noch wind- und wetterfeste Jacken und Hosen finden, die von Mutter Natur nie mehr abgebaut werden können, weil sie mit giftigen Chemikalien behandelt wurden. Aber hey, was sollen wir tun? Etwa drei Schichten halbleinige Hosen überziehen, wie die Pioniere der Hochalpen vor 150 Jahren? Schliesslich wissen wir heute im 21. Jahrhundert, dass Baumwolle auch ganz schlecht ist für die Umwelt. Eigentlich noch schlechter als synthetische Fasern. Weil die Baumwolle enorme Wassermengen benötigt, um zu gedeihen. Und Wasser ist bekanntlich ein knappes Gut.

Darum nervt es ein bisschen, dass gewisse Medien aktuell die alte Fleece-Diskussion wieder aufflammen lassen und uns ein schlechtes Gewissen einreden. Fleece – dieser lieblich-flauschig-wärmende Stoff – ist nämlich eine ganz üble Sache. Fleece ist Plastik! Faserpelz ist sozusagen ein Wolf im Schafspelz, eine PET-Flasche in Jackenform. Kommt Fleece in die Waschmaschine, verliert es jeweils ein paar Fasern. Dadurch gelangen unsichtbare Partikel ins Abwasser, von dort ins Meer, in die Fische, Eisbären und Meeresfrüchte. Am Ende landen sie dann auf unserem Teller. Fleecepullis belasten also die Ernährungskette, was wiederum unsere Gesundheit gefährdet.

Mikroplastik überall: Je grösser die orangen Punkte, desto mehr Partikel im Wasser. (Bild via Adventurers and Scientists for Conservation / National Geographics)

Mikroplastik überall: Je grösser die orangen Punkte, desto mehr Partikel im Wasser. (Bild via Adventurers and Scientists for Conservation / National Geographic)

Aber wir Alpinisten leben nach dem Grundsatz: Was uns nicht umbringt, macht uns stärker. Wir gehen davon aus, dass sich der menschliche Körper irgendwann an das Polyester in den Spaghetti Vongole gewöhnt. Übermässige Hygiene finden wir ohnehin absurd. Jedem Kind tut es gut, mal eine Handvoll Dreck zu essen. Klar, die Partikel aus unseren Fleecejacken nehmen wir durchaus ernst. Haftbar machen kann man uns dafür aber nicht. Wir Alpinisten sind eine Mikro-Gemeinschaft, viel zu klein, um die Erde unter den Boden zu bringen.

Denken wir bloss an die Wanderer. Von denen gibt es bedeutend mehr an der Zahl. Sie besitzen ebenfalls eine oder mehrere Fleecejacken. Ebenso die Skifahrer, Fischer, Biker, Camper, Golfer, Spaziergänger. 99 von 100 Outdoorern besitzen Fleece. Selbst Stubenhocker lieben es, sich am Abend vor dem Fernseher in eine flauschige Decke zu kuscheln. Sowieso: Jeder, der die Zähne mit Zahnpasta putzt und sich beim Duschen mit Gel einseift, schwemmt bedenkliche Mengen Mikroplastik in die Atmosphäre. Das Zeug sitzt schliesslich nicht nur im Fleece. Es lauert überall.

Somit versteht sich von selber, wer an der Umweltverschmutzung schuld ist. Wie in den Ferien: Da sind auch immer die anderen die Touristen. Wir sind die Alpinisten. Die stoische Frage lautet darum: Wem ist Naturschutz ebenso wichtig wie Fleece?

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Outdoor

Warum sich Jogger und Power-Walker nicht mögen

Outdoor-Redaktion am Montag, den 17. August 2015

Von Res Strehle*

walking

In der Jogging-Community haben sie nur wenig Freunde: Die Power-Walker. (Bild: Giorgio Minguzzi/Flickr)

Sie begegnen sich häufig im Wald, aber es ist keine Liebe auf den ersten Blick. Jogger und Power-Walker verstehen sich nicht und werden das vielleicht auch nie tun. Womöglich ist es das In-Group/Out-Group-Phänomen, das zur fehlenden Sympathie beiträgt, denn Jogger fühlen sich bekanntlich als Community. Spätestens wenn einer eine Trinkflasche am Gürtel trägt, gehört er bei den Joggern dazu. Das werden Power-Walker nie tun, denn so richtig durstig scheint der Walk mit Stöcken nicht zu machen.

Kommt dazu, dass der Jogger historisch zuerst da war und im Wald damit so eine Art Erstgeburtsrecht beansprucht. Er ist folglich den ersten Power-Walkern vor fünfzehn Jahren mit demselben Misstrauen begegnet wie die Spaziergänger den ersten Joggern vor fünfzig Jahren. Und er ist stolz auf seine freien Hände, überhaupt auf die Tatsache, dass Jogging ohne Ausrüstung auskommt. Bei den kopfhörerlosen Joggern (sie sind eine Minderheit) kommt dazu, dass sie sich von den Geräuschen im Wald inspirieren lassen, den Vogelrufen, dem Rauschen in den Wipfeln, dem Geräusch der ersten Regentropfen auf den Blättern. Und das Klack-klack der Stöcke der Power-Walker am Boden inspiriert nun mal nicht sonderlich zu Phantasien und weckt, wenn denn, Erinnerungen an das Exerzieren einer Truppe. Wobei: Als häufiger Jogger wird man feststellen, dass Power-Walker ihre Stöcke ganz unterschiedlich einsetzen: Es gibt neben den Tambouren auch die Künstler und Sorgsamen, die ihre Stöcke fein, geradezu tänzerisch einsetzen, so sorgsam geführt wie Mikadostäbe. Man wird also auch aus dem Power-Walken Rückschlüsse auf den Charakter ziehen, ganz ähnlich wie beim Joggen.

Die Wärme fehlt gegenseitig: Auch Power-Walkern werden die Jogger nie ans Herz wachsen. Sie sind ihnen zu ungestüm, vielleicht auch zu unrhythmisch unterwegs, schlimmer noch: Sie werden als Störung des eigenen Rhythmus empfunden. Ausserdem überholen sie die Stockgänger oft – und wer lässt sich schon gerne im Vollbesitz seiner Kräfte überholen? Kommt dazu, dass Power-Walker Jogger für Banausen halten, die noch nicht gemerkt haben, dass es Stöcke braucht, um den Oberkörper integral ins Training miteinzubeziehen.

So oder so: Hochmut wird sich auf keiner Seite bezahlt machen. Da war ich doch vor ein paar Jahren im Bleniotal unterwegs, nicht als Jogger, sondern als Wanderer, und hörte hinter mir dieses unverkennbare Klack-klack von Power-Walkern. Als sie an mir vorbeizogen, ging mir als bekennendem Mitglied der Joggerfraktion die eine oder andere Assoziation durch den Kopf, von wegen preussischer Armee und so. Bloss eine Kurve später kreuzte ein für Wanderer nach ein paar vorangegangen Regentagen trockenen Fusses nicht überquerbarer Bach den Weg. Und was taten die Power-Walker? Richtig, sie boten vom anderen Ufer her die Stöcke als Gleichgewichtshilfe bei der Überquerung. Wenn das kein Friedensangebot ist.

*Res Strehle ist Chefredaktor des «Tages-Anzeigers».

Outdoor

Durchs Reich der Fürstbischöfe

Thomas Widmer am Freitag, den 14. August 2015

Diese Woche von Delémont nach St-Ursanne (JU)

Auf drei stattliche Städte stützte sich die Herrschaft der Basler Fürstbischöfe im Jura: Pruntrut, Delémont und St-Ursanne. Die letztgenannten zwei wollen wir zu Fuss verbinden und fahren also nach Delémont.

Gar nicht so einfach loszuwandern: Markttag. Es wäre schön, nun grossflächig einzukaufen. Käse zum Beispiel. Und Wein. Und Kaffee zu trinken in irgendeiner alten Gasse; der Marktort mit seinen Renaissancebrunnen ist eine Attraktion in sich.

Der Wanderweg führt am Schloss vorbei, das den Herren Fürstbischöfen als Sommerresidenz diente. Dann sind wir draussen, gehen zuerst noch auf Asphalt, bald auf Kies und gestampfter Erde, passieren den Ort Algérie. Ob hier ein Emigrant oder Rückkehrer aus Algerien lebte?

Wer ist hier der Esel?

Beim Schloss Domont beäugen uns Esel, als seien wir die Esel. Durch den Wald halten wir Richtung Westen. Les Lavoirs stellt sich als Grossweiher oder Minisee heraus. Séprais streifen wir nur, der Wanderweg führt am oberen Dorfrand vorbei. Eine Hangpassage im Wald mit einem Brücklein lässt kurz Abenteurerfeeling aufkommen. Strapaziös der folgende Aufstieg.

La Caquerelle liegt aussichtsreich auf einem Hochplateau, es gibt eine Kapelle und ein Hotel, in dem ich schon schlief. Wir kehren ein. Am Nebentisch werden einem Paar in Töffmontur Entrecôtes mit Pommes frites serviert, und ich habe alle Mühe, Roland und Josephine davon abzuhalten, auch zuzuschlagen; wir haben vereinbart, dass wir am Schluss in St-Ursanne essen werden. Josephine bestellt einen Käseteller, der als Zwischenmahlzeit durchgehen kann. Und Roland mault.

Unterhalb der Strasse geht es nach Les Malettes. Dort schlägt Ronja eine Abkürzung vor. Statt wieder aufzusteigen und auf gut 940 Metern den Wanderweg nach Outremont zu nehmen, wählen wir die nicht signalisierte Variante 150 Meter tiefer zum selben Ziel. Wir gehen vom Wegpunkt Les Malettes ein paar Meter auf der Strasse westwärts, bis rechts ein Strässchen in den Hang zieht. Angenehm, wir wandern im Folgenden ziemlich genau auf der Höhenlinie auf einem gekiesten Strässchen, das ein paar Höfe erschliesst; danke, Ronja.

Zuerst Forelle, dann Kirche

Nach Outremont ein abrupter Abstieg, dann sind wir da. Durch das Paulstor betreten wir St-Ursanne, ein Wunder von Städtchen, in dem die Zeit gebremst zu fliessen scheint, träger noch als der etwas schlammige Doubs. Im Reich der Fürstbischöfe war St-Ursanne das geistliche und spirituelle Zentrum. Wir bedenken dies kurz und geben den Gedanken dann preis, wir haben Hunger.

Nach einer Forelle im Ours fühlen wir uns besser und erkunden doch noch kurz die Stiftskirche. Vor ihr spielen Kinder am Ursicinus-Brunnen; auf den irischen Wandermönch, der sich zu Anfang des 7. Jahrhunderts in das einsame Tal des Doubs zurückzog, geht der Ort zurück. Wer nicht viel Zeit zum Verweilen hat, schaue sich mindestens das Südportal der Stiftskirche an, späte Romanik. Im Giebelfeld thront Christus, und rechts haben wir Ursicinus.

Es ist Abend, wir müssen heim, und wieder einmal wurmt es mich, dass ich zwar oft in St-Ursanne war, aber nie lange. Dass ich nie übernachtete. Dies muss nachgeholt werden. Die Fortsetzung ist dann klar – am zweiten Tag muss man hinüber nach Pruntrut laufen. Damit hätte man dann die dritte Stadt der Fürstbischöfe erwandert, ihren Hauptstützpunkt im Jura.

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Route: Delémont Bahnhof – Schloss – Algérie – Domont – Les Lavoirs – Cras des Fonnés – La Caquerelle – Les Malettes – Les Grangettes – Outremont – Derrière Le Château – St-Ursanne – St-Ursanne, Bahnhof.

Wanderzeit: 6 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 777 Meter auf-, 699 abwärts.

Wanderkarte: 223 T Delémont und 222 Clos du Doubs, 1: 50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Mit dem Zug von St-Ursanne nach Delémont.

Charakter: Wiese und Wald. Einige coupierte Passagen, ansonsten keine Probleme.

Höhepunkte: Das bischöfliche Schloss von Delémont. Der verwunschene Wald nach Les Lavoirs. Die Einkehr in La Caquerelle. St-Ursanne, St-Ursanne, St-Ursanne: der Doubs, die Stiftskirche, die Forelle auf dem Teller.

Kinder: Keine Probleme.

Hund: Easy.

Einkehr: In Delémont und St-Ursanne. Schloss Domont, Freitag bis Sonntag. In den Ferien zum Teil auch unter der Woche offen. La Caquerelle, Ruhetag Mittwoch. Hier kann man auch übernachten.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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