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Wir und die Nacktwanderer

Thomas Widmer am Freitag, den 29. Mai 2015

Diese Woche von Horw via Rotenflue ins Eigental LU/NW

Als wir in Horw aus dem Zug stiegen, «Horb» ausgesprochen, einem Vorort Luzerns, strahlte die Sonne. Freilich blies auch eine scharfe Bise. Ich schloss meine Wanderjacke bis unters Kinn und dachte: Jetzt nackt sein wäre lebensgefährlich. Mindestens einen Nierenschaden würde es setzen. Oder eine Lungenentzündung.

Einige Zeit zuvor hatte ich in der Zeitung gelesen, dass im Vorjahr am Schwendelberg oberhalb von Horw neun Nacktwanderer unterwegs gewesen waren. Oberhalb des gleichnamigen Restaurants brieten sie, allesamt junge Männer, an einem Waldrand Würste. Die Männer hätten, erzählte ein Restaurantgast in dem Artikel, bloss Hüte und Schuhe getragen. Das dann doch. Inkonsequentes Volk!

Der Mayatempel von Horw

Von Horws Station waren wir schnell am Siedlungsrand, passierten zuvor noch eine Art Kamin, der dick und gedrungen war. Ein Abluftkamin? Eine steile Treppe führte vom Vorplatz an seinen Fuss. An der einen, die Treppe begrenzenden Seitenwand wucherte grünes Blattwerk hoch. Das Ganze erinnerte an einen Mayatempel.

Mit dem Hang begann die Strapaze. Oben beim Schwendelberg schwitzten wir, genossen gleichzeitig vor dem Restaurant, einem beliebten Ausflugslokal, die Sicht auf den tiefblauen Vierwaldstättersee, in dem der Bürgenstock wie eine Insel hockte. Nachdem wir noch höher gestiegen waren und dabei die Buholzerschwändi geschätzt hatten, eine Wiesenlichtung von grünstem Grün, war die Sicht bei der Roteflue noch besser: Sie offerierte dasselbe Sensationsszenario bei noch mehr Seefläche. Gut, dass es einen Zaun gab, zu unseren Füssen fiel das Gelände brutal steil ab.

Via Schönenboden kamen wir zur Trämelegg, stiegen und stiegen, der Waldboden war wurzeldurchsetzt und von Buschwerk überwuchert. Dazwischen machten moorige Senken das Gehen schwer. Meine Karte zeigte an, dass wir zeitweilig knapp nicht mehr im Kanton Luzern, sondern in Nidwalden unterwegs waren. Nacktwanderer waren nicht auszumachen, kein Mensch weit und  breit. Endlich senkte sich der Pfad wieder, wir hatten den Kulminationspunkt unserer Route auf etwas unter 1300 Metern hinter uns, uff.

Wir unterquerten die Gondelbahn von Kriens zur Fräkmüntegg; weiss jeder, dass «Fräkmünt» von lateinisch fractus mons kommt? «Zerborstener Berg» hiess einst der Pilatus, der im weissen Wintergewand unser Grüpplein überragte.

Hernach ein Ort namens Mülimäs. Keine Ahnung, wie der Flurname zu erklären ist; freilich fiel mir ein, dass ich als kleines Kind statt «Mayonnaise» immer «Meiermäs» verstand und sagte. Ich meinte, die Ware aus der Tube komme von einem Herrn Meier.

Ötziwear

Nach dem stillen Wald der Dornegg und einer kleinen Gegensteigung langten wir beim Chräigütsch an, einer Art Minipass, dem Seiteneinstieg ins knapp 100 Meter unter uns sich erstreckende Eigental. Das letzte Stück war ein zufriedenes Auslaufen; wir erblickten von oben das Hotel-Restaurant Hammer, bewunderten bald darauf die Wallfahrtskapelle des Tals, liefen im Eigenthalerhof ein, in dem ich reserviert hatte.

Beim Essen fielen mir wieder die Nacktwanderer ein. Was für ein absurdes Tun! Schon der Alpenwanderer Ötzi trug vor mehr als 5000 Jahren Kleider. Leggins aus Schaffell, eine Schaffelljacke und eine Mütze aus Wolfsfell.

++

Route: Horw, Station - Schwendelberg - Buholzerschwändi - Roteflue - Schönenboden - Mülimäs - Dornegg - Rosshütte - Chräigütsch - Eigental, Kapelle - Eigenthalerhof.

Wanderzeit: 41/2 Stunden.

Höhendifferenz: 1004 Meter aufwärts, 425 Meter abwärts.

Wanderkarte: 235 T Rotkreuz und 245 T Stans, 1:50'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus von der Haltestelle beim Eigenthalerhof direkt zum Bahnhof Luzern.

Charakter: Ziemlich steil. Zum Teil Moorboden, feucht und dreckig. Unglaublich aussichtsreich. Nach einsamen Partien hat es am Schluss im Eigental meist viel Volk.

Höhepunkte: Der Blick von der Roteflue, einem der schönsten Panoramen der Schweiz. Die Einkehr im Eigenthalerhof.

Kinder: Vorsicht auf der Roteflue!

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Schwendelberg. April bis September täglich offen ab 11 Uhr. Eigenthalerhof. Mo/Di Ruhetag. Alternative im Eigental: Hotel-Restaurant Hammer.

Rückkehr zum Ausgangspunkt: Bus nach Luzern, S-Bahn nach Horw.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Arme Fische? Arme Kinder!

Natascha Knecht am Montag, den 25. Mai 2015
CARPE, CARP, CYPRINUS CARPIO, KIND, FISCHFANG, FISCH, FISCHEN, FISCHER,

Armer Fisch? Ein Junge kämpft mit einem Karpfen. Foto: Keystone

Frage: Was ist langweiliger als Fischen? Antwort: Beim Fischen zuschauen! Früher fand ich diesen Witz lustig. Aber vor einigen Tagen beobachtete ich zwei Buben beim Fischen. Zwei gut ausgerüstete Zwölfjährige ganz allein eifrig und konzentriert bei der Sache. Langweilig war das nicht.

Die Geschichte ereignete sich im grünen Berner Mittelland. Mein Sportsfreund und ich joggten um einen See. Zufällig kamen wir bei den Jungs vorbei und legten interessiert einen Stopp ein. Die Buben schienen ein eingespieltes Team zu sein. Neben sich hatten sie einen weissen Plastikeimer. Darin schwammen zwei kleine Fische. Eine bescheidene Beute nach zwei Stunden, wie sie etwas enttäuscht erklärten. Deshalb wollten sie nun ihren Standplatz wechseln. Um die Beute mitzunehmen, konnten sie diese nicht einfach aus dem Eimer nehmen und an der Luft verenden lassen. Sie mussten sie hier und jetzt ins Jenseits befördern: zielsicherer Schlag auf den Kopf, dann mit dem Sackmesser Kiemen durchschneiden. Das machten die Buben fachmännisch. Wahrscheinlich hatten sie einen Kurs besucht.

Beeindruckt liefen wir weiter und kamen auf den Schweizer Tierschutz zu sprechen, der Kindern neuerdings «das Töten von Fischen» verbieten will. Man ist der Meinung, solche Handlungen könnten zu einer «Abstumpfung gegenüber tierischem Leid» führen und das Verhalten prägen, da Kinder Gewalteindrücke besonders stark wahrnähmen. Mein Sportsfreund meinte, dies sei eine Idee, die «nur Städtern in den Sinn kommen kann». «Wäre es gescheiter gewesen, diese Buben hätten den schönen Nachmittag vor dem Fernseher verbracht?», fragte er. Oder am Computer? Am Handy?

Ich selber war als Kind zwar nie fischen. Aber ich erinnere mich, dass wir im Berner Oberland noch andere tierische Dinge auf Lager hatten: Wir schnitten mal einen Regenwurm in zwei Hälften, um zu sehen, ob er sich trotzdem noch bewegt. Wir spiessten Käfer auf. Wir hoben die Katze am Schwanz vom Boden. Aber vor allem waren wir jede freie Minute draussen in der Natur. Zu jeder Jahreszeit. So wie diese zwei Buben. Heutzutage sehe ich nicht einmal mehr auf dem Land viele Kinder, die «unbegleitet» an der frischen Luft spielen, auf Entdeckungsreise durch Wiesen und Wälder streifen, auf Bäume klettern – oder eben leidenschaftlich gerne fischen. In der Stadt, wo ich jetzt lebe, sowieso nicht.

Ein weiter Sportsfreund arbeitet in Zürich als Lehrer. Unter anderem unterrichtet er Turnen. Er sagt, die meisten der 14-Jährigen seien nicht in der Lage, einen Purzelbaum geradeaus zu schlagen. Einfache Balanceübungen auf einem Bein bringen sie nicht zustande. Körperspannung, was ist das? Das Einzige, was sie richtig flink bewegen können, sind ihre Daumen am Handy und ihre Zeigefinger an der Computermaus.

In der Schweiz lebende Kinder zwischen 10 und 14 Jahren treiben laut neustem Bericht des Bundesamts für Sport immer weniger Sport. Wäre «Scrollen» bereits als Sportart anerkannt, wäre das Resultat ein anderes.

Abstumpfung gegenüber tierischem Leid. Abstumpfung gegenüber körperlicher Aktivität. Arme Jugend! Fast wie die gefangenen Fische.

Was ist Ihre Meinung?

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Was kommt zuerst: Das Alpstöbli oder der Regen?

Thomas Widmer am Freitag, den 22. Mai 2015

Diese Woche von der Schwägalp-Passhöhe via Hinterfallenchopf und Mistelegg nach Hemberg SG


Schlierig der Himmel, warm die Luft. Am Nachmittag kämen von Westen Gewitter, hat der Radiomorgenmann gesagt. Wir sind erstens in der Ostschweiz und zweitens früh dran, es sollte also reichen, dass wir vor dem Unwetter ans Ziel kommen, nach Hemberg.

Bei der Schwägalp-Passhöhe steigen wir aus dem vollen Bus. Autos, Velos, Töfffahrer, was für ein Rummel!

Häslibeier?

Indem wir als Nahziel den Chräzerenpass wählen, sind wir all das schnell los. Noch besser: Uns wird ein Naturidyll geschenkt. Ruppig ist der Waldpfad, es geht auf und ab, Wurzeln bringen uns ins Stolpern, in den Senken ist der Boden moorig mit hilfreichen Holzstegen. Hier wachsen Heidelbeeren, Häslibeier genannt in meinem Dialekt, der zehn Kilometer entfernt gewachsen ist.

Den Chräzerenpass, einen längst bedeutungslosen Übergang vom Toggenburg ins Ausserrhoder Hinterland, haben wir schnell hinter uns. Im Gebiet Horn geraten wir in klassisches Alpgelände, wandern längere Zeit auf einem Fahrsträsschen. Gut so, bald ist da zur Rechten ein unheimlicher Abgrund. Tief unten ist das Ofenloch zu erahnen, aus dem der Necker entspringt; davon ein andermal mehr.

Bei der Alp Ellbogen beginnt der rampenartige Aufstieg zum Hinterfallenchopf, einem ziemlich unbekannten Aussichtspunkt. Rundum gupft es grün, mancherorts freilich zerschneidet eine Nagelfluh-Wand scharf den Samt. Oben Sehglück: Säntis, Stockberg, Speer und so weiter und so fort. Man erlaube mir, keine weiteren Gipfel aufzuzählen, sonst ist die Kolumne frühzeitig am Ende, weil ihr Platz ausgeschöpft ist.

Wir steigen wieder ab zur Hinteren Chlosteralp, steigen wieder auf, es kommt ein zweiter, genauso schöner und dabei ebenso unbekannter Aussichtspunkt, die Gössigenhöchi. Das Bänkli lädt zum Verweilen und Schauen, doch leider hat sich der Himmel verdüstert. Mindestens die Mistelegg wollen wir trockenen Fusses erreichen, dort unten im engen Tal des jungen Neckers gibt es eine Wirtschaft, in der ich schon als Kind war.

Also weiter. Die nächsten Kilometer geht es eigentlich nur abwärts vorbei an verwitterten Hemetli durch Wiesen und Wald in seltener Harmonie. Der Alpsteinriegel verhüllt sich nach und nach. Doch wir erreichen die Mistelegg rechtzeitig. Hinten sichtbar am nahen Horizont das Kretendorf Hemberg. Aber zuvor soll eingekehrt werden.

Wie der Vater, so der Sohn

Das Alpstöbli in der Mistelegg ist eine alte Bauernwirtschaft, wie ich sie liebe. Echt, unaffektiert, gemütlich mit einer Stube in Holz. Wirt Markus Nef, der im Winter übrigens auch Schneeschuhtouren anbietet, begrüsst uns. Als ich in den Siebzigerjahren mit den Eltern hier war, wirtete sein Vater, der Nationalrat Georg Nef. Nun also der Sohn. Gute Spätzli macht er.

Während wir essen, setzt draussen kraftvoll der Regen ein. Josephine hat keine Lust auf 50 Minuten Aufstieg nach Hemberg; sie fragt den Wirt, ob er nicht mit dem Auto… Ja, sagt er. Wir anderen verzichten heroisch, wir wollen konsequent zu Fuss gehen. In Hemberg bei der Post sind wir triefnass, im Postauto nach Wattwil laufen Wasserrinnsale über den Boden. Wir sind klamm und schlottern, Josephine hats gemütlich. Draussen ist alles grau, von der Schönheit der Landschaft nichts mehr zu sehen. Macht nichts, sie ist nun in uns als Erinnerung.

++

Route: Schwägalp-Passhöhe (Bus ab Bahnhof Nesslau-Neu St. Johann oder ab Bahnhof Urnäsch) - Chräzerenpass - Horn - Ellbogen - Hinterfallenchopf - Hintere Chlosteralp - Gössigenhöchi - Chochiwees - Ritteren - Grundlosen - Geeren - Mistelegg - Alpstöbli (Restaurant) - Eggli - Hemberg Post.

Wanderzeit: 51/4 Stunden.

Höhendifferenz: 640 Meter auf-, 980 abwärts.

Wanderkarte: 227 T Appenzell, 1:50'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Hemberg mit dem Postauto zum Bahnhof Wattwil.

Kürzer: Keine sinnvollen Kurzvarianten.

Charakter: Wandern im Vorland des westlichen Alpsteins, später im Neckertal. Je länger man wandert, desto einsamer. Herrliche Bergblicke.

Höhepunkte: Der Tiefblick ins Ofenloch vom sicheren Fahrsträsschen vor der Alp Ellbogen. Die Eroberung des Hinterfallenchopfs und die Aussicht rundum. Dito die Eroberung der Gössigenhöchi und die Aussicht rundum. Die Einkehr im Alpstöbli in der Mistelegg.

Kinder: Vorsicht zwischen Horn und Ellbogen auf der Höhe der Ofenlochschlucht. Der Wanderweg verläuft auf einem breiten Fahrsträsschen. Rechts der Strasse fällt das Gelände senkrecht ab. Kinder im Auge behalten.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Am Anfang und am Schluss. Sowie eine knappe Stunde vor Wanderende im Alpstöbli. Mi, Do Ruhetag.

Rückkehr zum Ausgangspunkt: SBB-Fahrplan konsultieren.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Girlsride – ohne Männer geht’s besser

Jürg Buschor am Donnerstag, den 21. Mai 2015


Wenn Männer stressen

Männer sind die Samariter des Bikesports. Sie bieten der Frau alles, was es für eine perfekte Tour braucht: Tourenplanung, Navigation, die Reparatur auf dem Trail und die gut gemeinten Fahrtechnik-Tipps. Irrtum! Spätestens bei den Worten «Jetzt fahr doch einfach und lass die Bremshebel los», ist bei ihr der Spass vorbei. «Männer und Frauen gemeinsam auf Tour – das funktioniert oft nicht», sagt deshalb Maria Müller, verantwortlich für das Women's Marketing beim Bikehersteller Specialized. «Denn: Wenn Männer dabei sind, trauen wir Frauen uns viel weniger, das Klima ist ganz anders», erklärt die passionierte Bikerin. Männer müssten immer zeigen, wer der Beste ist. In reinen Frauengruppen gehe es vor allem darum, die Schwächste zu unterstützen – miteinander statt gegeneinander.

Unter Frauen

Kurz darauf auf dem Specialized Women's Ride: Zwölf Frauen reissen nach einer gelungenen Spitzkehre einer Kollegin schrill jubelnd die Arme in die Höhe, als hätten sie gerade von der Verlobung ihrer besten Freundin erfahren. «Mit Frauen ist es lustiger, das Klima ist echt ein anderes», sagt eine Teilnehmerin, die sonst eher mit Männern auf Tour geht. «Und wenn man sieht wie eine Frau eine schwere Stelle fährt, gibt einem das schon Sicherheit.» Die erste Erkenntnis: In reinen Frauengruppen ist die Stimmung definitiv anders. Das gilt für's Kaffeekränzchen genauso wie für den Trailausflug. Die Atmosphäre führt zu Erfolgserlebnissen mit denen sich Frauen später auch in gemischten Gruppen sicherer fühlen.

Keine Angst vor der Angst

Die zweite Erkenntnis folgt gleich auf dem nächsten Flachstück: Im Dahinrollen plaudert Teilnehmerin Dyana mit Guide Anni über ihre Ängste beim Biken auf ausgesetzten Wegen. Es folgt ein kurzer Plausch und freundschaftliches Lachen bis das Vorderrad in den nächsten Spitzkehren-Abschnitt kippt. «Dieser Austausch ist super wichtig», erklären die Frauen unisono. Zugegeben: Über Ängste zu reden, ist nicht die grosse Stärke von Männern. Und Angst ist oft ein entscheidender Faktor, wenn es an knifflige Passagen geht. «Meine ersten Sprünge habe ich nur mit Frauen gemacht. Wenn Männer dabei sind, stresst mich das», sagt Dyana. Frauen müssen Probleme oft anders lösen, meint sie. Da fruchten die gutgemeinten Tipps von Mitfahrern nicht immer – auch wenn der klassisch männliche Spruch «Geschwindigkeit stabilisiert» viel Wahres hat.

Gefährlicher Ehrgeiz

Aber nicht immer steht ein starker Kerl einem schwächeren Mädel gegenüber. Eine Frau, die auf dem Trail schneller unterwegs ist – das packen die wenigsten Männer. «Wenn ich als Frau einem Mann in der Abfahrt am Hinterrad klebe, geht das oft nicht gut aus. Da habe ich schon haarsträubende Dinge erlebt», sagt Specialized-Botschafterin Julia Schade. «Gasgeben und die Dame abhängen», heisst dann die Devise im klischeehaften Männerkopf. Ist die Frau zu schnell endet der gemeinsame Run für den Mann oft schmerzhaft. «Nach dem dritten Sturz eines Vorherfahrenden habe ich echt keine Lust mehr gehabt und lieber selbst geschoben», erzählt Julia stirnrunzelnd. Ausnahme oder Alltag?

Bei all den Problemen und Schwierigkeiten: Nachdem sich Mann und Frau unter ihresgleichen ausgetobt haben, freuen sich beide auch wieder auf eine gemeinsame Ausfahrt. «Manchmal funktioniert das auch ganz prima», sagt Maria Müller. Also bleibt doch noch Hoffnung auf entspannte Bikerunden mit Männlein und Weiblein. Und die bikenden Herren haben die Möglichkeit, weiter an ihrem Samariter-Image zu feilen.

Geschlechtertrennung oder gemischte Gruppen – wie gehen Sie am liebsten auf Tour? Welche Probleme erleben Sie dabei? Konkurrenz bei Männern, Miteinander bei Frauen: Vorurteil oder Realität?

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Dichtestress zu Lande, zu Wasser und in der Luft

Outdoor-Redaktion am Mittwoch, den 20. Mai 2015

Ein Gastbeitrag von Thomas Hürzeler*:

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Hier ist Rücksichtnahme fehl am Platz: Schwimmbad Oberer Letten in Zürich. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Ich gestehe, wohl nahezu als einziger Alpinist auf unseren Strassen, dass ich schlecht Auto fahre. 30 Jahre Unfallfreiheit sind doch ein untrügliches Zeichen dafür, dass es mir für den herrschenden Verkehrskrieg an Aggressivität fehlt, dass ich zu geduldig bin, mein Vortrittsrecht nicht eisern durchsetze und mich nicht konsequent an der Verkehrserziehung meiner Mitmenschen beteilige. Man müsste mir, kurz gesagt, endlich das Billett wegnehmen.

Am Sonntagabend, auf der Rückkehr von einer Bergtour, fuhr ich auf die einspurige Oberlandautostrasse, die mit 80 km/h beschildert ist, und setzte wie immer bei 85 km/h den Tempomaten. Es dauerte nur kurz, bis mir einer der unzähligen rasend guten Autofahrer mit Dauerhupe und Scheinwerfern aufhockte und mir mit obszönen Gesten zu verstehen gab, wie schlecht ich Auto fahre. Meine Frau forderte mich auf, schneller zu fahren, damit der Gutmensch uns in Ruhe lässt. Dies mündete, nebst einer Ehekrise, darin, dass ich vorzeitig die Ausfahrt Jona nahm und meine Frau ans Steuer liess, da sie viel besser fährt als ich.

Am folgenden Montag fuhr ich mit dem Velo von Dietlikon nach Regensdorf zur Arbeit. Abgesehen von den üblichen Bagatellen, etwa einem riesigen Offroad-Kampfpanzer, der mir über die Stoppstrasse den Weg abschnitt, verlief die Fahrt recht entspannt. Für den Rückweg wählte ich den Glattuferweg und bummelte auf dem menschenleeren Pfad gemütlich vor mich hin. Bis mich ein nervöses Dauerklingeln aufschreckte. Ich drehte den Kopf und sah einen kleinen Cancellara mit aerodynamischem Strassenrennhelm auf einem Carbon-Singletrail-Fully-Suspended-Mountainbike an mein Hinterrad geklebt. Sofort drückte ich mich nach rechts in die Brennnesseln. Ferdy Kübler zeigte mir im Vorbeirauschen den Stinkefinger, begleitet von einem keuchenden, aber durchaus herzhaften «Lueg doch, wott härefaarsch, du Idiot!!»

Was jetzt? Auto fahren kann ich nicht, Velo fahren offensichtlich auch nicht. Am Berg nestle ich manchmal so lange an den Karabinern rum, bis die Nachfolgenden schon mal ihren Biwaksack oder das Portaledge bereit machen. Als Gleitschirmpilot hocken mir jeweils die schnelleren Deltas auf und schiessen mich aus dem Thermikschlauch raus. Bleibt nur noch das Wasser. Wenn Sie also diesen Sommer von einem Idioten auf einer Luftmatratze in Ihrem Geltungsdrang behelligt werden, dann rufen Sie einfach irgendwas Obszönes. Ich werde sofort den Stöpsel rausziehen und mich ersäufen.

Um Ihnen Platz zu machen. Gute Fahrt!

Thomas Hürzeler.

Thomas Hürzeler.

*Thomas Hürzeler ist Autor, Fotograf, Musiker, Gleitschirmpilot und Unternehmer mit der ersten klimaneutralen Druckerei der Schweiz. 2003 gelang ihm die Erstbesteigung des Uetlibergs MIT Sauerstoff.

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Die wachsende Zahl der Unvernünftigen

Pia Wertheimer am Montag, den 18. Mai 2015
HALBMARATHON, GREIFENSEELAUF, LEICHATHLETIK,

Marathon – der Durst nach dem Leben? (Keystone/ Steffen Schmid)

Existierten nur Vernunftmenschen, gäbe es keine Marathonläufer. Sie sind von Leidenschaft getrieben – so lautet ein freiübersetztes Zitat des irischen Mittelstreckenläufers und Mitbegründers des Dublin Marathons Noel Carroll. Tatsächlich braucht es eine gehörige Portion Torheit gepaart mit Vergesslichkeit, Übermut und Leidenschaft, um die 42,195 Kilometer in Angriff zu nehmen. Das gilt besonders für Wiederholungstäter – denn sie wissen, was sie tun! Jeder rationale und nüchterne Mensch winkt angesichts der Strapazen ab, die er bis zur Ziellinie und in vielen Fällen darüber hinaus erdulden muss. Und dennoch: Es gibt zahlreiche Unverbesserliche, die immer wieder an der Marathonstartlinie stehen.

Weltweit steigt die Anzahl Marathonläufer sogar Jahr für Jahr. Ein repräsentatives Bild hierzu liefert die Statistik der Wettkämpfe in den Vereinigten Staaten: Während 1975 rund 25'000 Sportler die 42-Kilometer-Distanz liefen, waren es 2005 rund 395'000. Im bisherigen Rekordjahr 2013 (neuere Zahlen sind noch nicht erhältlich) nahmen gar 541'000 Läufer an amerikanischen Marathons teil. Genauso eindrücklich sind die Finisher-Zahlen aus Wien: 1984 liefen 794 Teilnehmer über die Ziellinie des Vienna City Marathons, 2014 waren es deren 6348. Ähnlich sieht das Bild in Paris aus: Der Marathon der französischen Hauptstadt verzeichnete 28'857 Finisher im Jahr 2005 und 2014 waren es bereits 38'116.

Rational erklären lässt sich das Marathonphänomen nicht. Was also steckt dahinter? Eine vieldiskutierte Frage, die zu oft mit einer Modeerscheinung abgetan wird. Die Gründe, die Königsdistanz in Angriff zu nehmen, sind so vielfältig wie die Marathonteilnehmer. Einige stecken in einer Midlife-Krise, andere haben eine kräftezehrende Trennung hinter sich oder haben den Mammutanteil ihrer Zeit ins Geschäfts- oder Familienleben gesteckt. Marathonlaufen ist ein mehrere Monate andauerndes Projekt mit ungewissem Ausgang. Eines, bei dem es nur einen einzigen Verantwortlichen gibt oder eben nur einen einzigen Schuldigen – je nach Ergebnis. Der Langstreckler Jeff Galloway traf mit seiner Definition den Nagel auf den Kopf: «Marathon ist ein Wettstreit zwischen deinem Willen und deinen Möglichkeiten.» Darum geht es all den Mittfünfziger, die es nochmals wissen wollen – aber nicht nur. Es ist eine wertvolle Wahrnehmung bei Kilometer 37 zur Erkenntnis zu gelangen, dass der Tank zwar leer ist, der Wille aber die nötigen Reserven anzapft, um es ins Ziel zu schaffen. Eine Erfahrung, die danach sowohl im Berufs- wie auch im Familienleben immer wieder Gold wert ist. Ein Unbekannter charakterisierte just diesen Moment mit dem Satz: «Du weisst nie, wie stark du bist, bis stark zu sein, die einzige Möglichkeit ist, die dir bleibt.»

Genau in diesem Augenblick verschiebt ein Marathonläufer seine ganz persönliche Grenze – oder wie Henry Ford, Gründer des gleichnamigen Automobilherstellers, zu sagen pflegte: «Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.» Denn obschon nur ganz wenige vorne um ehrenhafte Titel kämpfen, hat jeder, der an die Startlinie tritt, in der Regel einen sehr ernst zu nehmenden Gegner: sich selbst.

Oder in den Worten des Nobelpreisträgers und Schriftstellers William Faulkner: «Versuche nicht, besser zu sein als deine Zeitgenossen oder Vorgänger. Versuche besser zu sein als du selbst.» Denn Hand aufs Herz, wen schert es, ob in der Kategorie «Normalsterblich» am Schluss der Rang 575 oder 550 herausspringt? Trotzdem sollen sich Training und Strapazen auszahlen. Deshalb nehmen es etliche Marathonis mit ihrer persönlichen Bestzeit auf. Sie fordern sich selbst heraus.

Anderen ist die unberechenbare Distanz Ziel genug. Für Nike-Mitbegründer Bill Bowerman hat bereits dieser Vorsatz ganz einfach mit Mut zu tun: «Es ist nicht das Ziel, ein Rennen zu gewinnen, sondern die Grenzen des menschlichen Herzens auszuloten.» Viele der Erstlinge wissen erst hinter der Ziellinie, ob sie dem Abenteuer Marathon gewachsen sind oder nicht. Sie treten zuvor einerseits gegen die Zweifler in ihrem Umfeld an, gegen die Armee der Zeigefinger, die brüllt: «Du spinnst!» (Pur). Und geniessen im Ziel ein ganz besonderes Plaisir – oder frei nach dem französischen Dramatiker Marcel Aymé: «Das grösste Vergnügen im Leben besteht darin, Dinge zu tun, die man nach der Meinung anderer Leute nicht fertigbringt!» Andererseits beweisen sie sich selbst, dass sie zu mehr fähig sind, als sie sich selbst zutrauen. Und das ist die grösste Genugtuung! Auch diese Erkenntnis prägt nachhaltig und ist ein wertvolles Instrument in herausfordernden Situationen.

Eine der grössten Figuren der Marathonwelt, der mehrfache Olympionike in den Mitteldistanzen, Emil Zatopek, sagte vor Jahrzehnten: «Wenn du laufen willst, lauf eine Meile. Wenn du ein neues Leben kennen lernen willst, dann lauf Marathon.» Mit dieser charakteristischen Aussage zur Königsdistanz hätte er heute den Finger auf einen wunden Punkt unserer Gesellschaft gelegt. Von der allgegenwärtigen Forderung nach «alles haben und zwar sofort» diktiert, gewinnen jene Dinge an Wert, bei welchen es keine Abkürzungen gibt. Ein Beispiel: Während früher das Traumauto nur erschwinglich war, wenn man über Jahre hinweg Geld auf die hohe Kante legte, ist es heute oft eine Frage von Wochen, bis der Kredit oder das Leasing steht. Das ist beim Marathon keine Option – 42,195 Kilometer bleiben 42,195 Kilometer. Am anspruchsvollen Training führt einfach kein Weg vorbei. Dies macht den Lauf – aber bereits auch die Vorbereitungen – zu einem Erlebnis, das kein Kredit auf der Welt möglich macht. Es braucht Leidenschaft, Mut, Wille und Geduld. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

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Mit einem Pfadi auf dem Sprung

Thomas Widmer am Freitag, den 15. Mai 2015

Diese Woche von Airolo durchs Bedrettotal nach All'Acqua TI

Airolo, Gehstart, Tröpfelwetter. Doch um es vorwegzunehmen – der Regen kam bis zum Schluss nicht. Schwarze Wolken dräuten zwar aus Norden heran, scheiterten aber beim Versuch, auch das Tessin zu belästigen. So genoss ich eine glückliche Wanderung ins Bedrettotal.

Sie begann am Bahnhof von Airolo. Die ersten zwanzig Minuten präsentierten ein Geschlinge und Gemenge von Strassen und Autobahn, Industriebauten, Elektriztitätsanlagen, Stauvorrichtungen. Ich kam an einer Wandnische mit der Heiligen Barbara vorbei, Schutzpatronin der Tunnelbauer, überquerte auf einer hohen Brücke den jungen Tessin, erreichte bei der Pesciüm-Seilbahn eine Schaukäserei.

Botta am Hang

Hernach beruhigte sich die Gegend. Rechterhand hoch am Hang sah ich die Schlingen der Gotthard-Passstrasse sowie allerlei Militärbauten, so auch Mario Bottas Kasernenbau. Darüber hohe Berge. Es reihten sich der Pizzo Lucendro, Pizzo Pesciora, Pizzo Rotondo und - fertig poetische Latinità - das Chüebodenhorn.

Zwei Dörfer tangierte der Weg, ich mochte Fontana und hernach Ossasco um ihrer rührenden Kleinheit wegen. Das Bedrettotal serbelt, die Jungen wandern ab, der Tourismus in der warmen Jahreshälfte bringt etwas Einkommen, aber wohl nicht genug. Ein Grund mehr, hinzuwandern und Geld auszugeben.

Nach Ossasco zog der Weg wieder etwas höher in den Hang. Ich traf einen Mann mit einem Sichtmäppchen, darin ein Block und ein Kugelschreiber. Ein Tessiner Pfadfinder am Rekognoszieren für ein Lager. Zusammen meisterten wir mit Bravour eine schwierige Stelle bei Schiavù. Ein Wildbach hatte einen Steg weggerissen, wir mussten springen und aufpassen, bei der Landung nicht auszurutschen; immer gut, in solchen Situationen einen Pfadi an der Seite zu haben.

Bei Gana senkte sich der Pfad wieder zur Bedrettostrasse, die ich in Sichtweite eines unschönen Schrottplatzes überquerte, um nun (in Gehrichtung gesehen) rechterhand des Tessin zu wandern. Gleich war ich wieder im lichtem Wald und fand, dass dies eine wirklich schöne Route war. Es war sozusagen bereits das Fazit. Bei All’Acqua nämlich, dem letzten Dorfweiler des Tals vor der eigentlichen Nufenen-Passstrecke, hatte ich mein Ziel erreicht.

Büdree?

Ich kehrte im Ristorante All'Acqua ein, bestellte, hatte bald eine saftige Kalbshaxe mit Gemüse und Polenta vor mir, dazu einen Boccalino mit Rotwein. Vom Dialekt der Einheimischen hinter mir verstand ich nur jedes zehnte Wort. «Bedretto» sprechen sie übrigens, hatte ich gelesen, «Büdree» aus.

Nach dem Essen besuchte ich das Kapellchen beim Restaurant. Dann der letzte Akt der Wanderung: Um die oberste dauerhaft bediente Haltestelle der Postautolinie durchs Tal zu erreichen, ging ich am Rand der Passstrasse 15 Minuten abwärts bis Cioss Prato - Vorsicht Autos, liebe Nachmacher!

Hübsches Zwischenspiel beim Warten: zwei ausgemergelte und ausgepumpte Holländer auf Rennvelos hielten und tranken, nein soffen aus ihren Bidonflaschen. Kurz darauf hielt ein Kleinbus. Zwei Frauen, wohl ihre Gattinnen, riefen durch das offene Fenster mir unverständliche, frech klingende Dinge und fuhren kichernd weiter. Die zwei Passhelden aber stiegen wieder auf und pedalten im Schneckentempo Richtung Nufenen.

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Route: Airolo Bahnhof - Schaukäserei/Pesciümbahn - Tamblina - Fontana - Ossasco - Schiavù - Gana - All'Acqua. Danach auf der Strasse in 15 Minuten hinab zur obersten auch im Frühling täglich bedienten Postautohaltestelle im Tal, Cioss Prato.

Wanderzeit: 4 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 627 Meter auf-, 220 abwärts.

Wanderkarte: 265 T Nufenenpass, 1:50'000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Buslinie Cioss Prato - Airolo.

Charakter: Leichte Wanderung, die Höhenmeter sind gut verteilt. Meist geht man abseits der Dörfer. Vorsicht am Schluss auf der Nufenenstrasse zwischen All'Acqua  und Cioss Prato! - Schöne Berge rundum, stilvolle Dörfer (die meisten sieht man aus der Distanz).

Höhepunkte: Die Dörflein Fontana und Ossasco. Die Ankunft im Restaurant All'Acqua und der erste Schluck Rotwein aus dem Boccalino.

Kinder: keine besonderen Probleme. Vorsicht auf den 15 Gehminuten am Rand der Strasse.

Hund: Problemlos.

Einkehr: Ristorante All'Acqua in All'Acqua. Die Öffnungszeiten hängen in dieser Jahreszeit u.a. vom Wetter und vom Zustand der Passstrasse ab. Am besten ruft man zuvor an: 091 869 11 11.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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Warum die Everest-Touristen nerven

Natascha Knecht am Mittwoch, den 13. Mai 2015
Bis hier schafft es jeder: Gruppenbild im Basislager. Foto: Kyle Taylor (Flickr)

Bis hier schafft es jeder: Gruppenbild im Basislager. Foto: Sam Hawley (Flickr)

Mit dem grossen Mount Everest ist es schon so weit, dass eigentlich jede Neuigkeit von diesem Berg nervt. Der erste 83-Jährige, der erste HIV-Positive, der erste Einbeinige. Für sie heisst das Ziel nicht Gipfel, sondern Eintrag ins «Guinnessbuch der Rekorde». Um dies zu erreichen, sind sie bereit, an gefrorenen Leichen vorbeizustampfen, Müll zu hinterlassen und andere unmenschliche Dinge zu tun. Jedenfalls ist das Image der «Pistenalpinisten» am höchsten Erdengipfel ramponiert.

Hier bei uns – weit weg vom Himalaja – brennt sich die Vorstellung ein, die Teilnehmer einer organisierten Everest-Expedition seien keine Bergsteiger, sondern dekadente Egoisten. Die Sherpas müssten sie hinauf- und hinuntertragen. Weil die «Ice Doctors» Brücken und Leitern durch den Khumbu-Eisbruch legen, weil der Weg bis auf den Gipfel tipptopp gespurt und mit Fixseilen versehen wird, sei das keine respektable Leistung. Nicht zu vergessen der künstliche Sauerstoff. Damit ist eine Besteigung ohnehin «nicht richtig». Doping, Beschiss. Mit diesen Hilfsmitteln komme jeder rauf. Eben auch der 83-Jährige, der HIV-Positive, der Einbeinige.

Die Geringschätzung der «Everest-Touristen» ist nach dem Erdbeben nochmals gewachsen. Foto: Kyle Taylor (Flickr)

Die Geringschätzung der Touristen ist nach dem Beben gewachsen. Foto: Kyle Taylor (Flickr)

Die verbreitete Geringschätzung der «Everest-Touristen» ist in diesem Frühling nochmals gewachsen. In Nepal starben durch das Erdbeben 8000 Personen, Tausende wurden verletzt, Millionen obdachlos. Am Everest befanden sich zum Zeitpunkt des Bebens 100 Bergsteiger, Sherpas und Köche im Lager 1. Alle blieben körperlich unversehrt, aber es gab Nachbeben, sie fürchteten einen Wetterumschwung, und die präparierte «Piste» zurück durch das Khumbu-Gletscherlabyrinth war zerstört. Sie konnten nicht mehr absteigen, waren auf 6100 Meter gestrandet. Unten im Basislager starben 19 Personen in einer Lawine, auch Einheimische.

Die News, dass die «Everest-Touristen» ausgeflogen wurden, bevor die Helikopter in Nepals verwüstete Gebiete flogen, bewirkte weltweit eine Flut empörter Kommentare und Leserbriefe. Reinhold Messner sprach von Zynismus und «Zweiklassenrettung» – womit er selbstverständlich recht hat. Geld spielte den Expeditionen offenbar keine Rolle. Zumindest im Moment. In der Eile handelten sie nämlich keinen verbindlichen Preis für die Rettungsflüge aus. «Macht euch keine Sorgen um den Preis», habe das Helikopter-Unternehmen Fishtail Air gesagt, und präsentiert jetzt eine saftige Rechnung. 12'000 Dollar pro Rotation, die je 4 Minuten dauerte. Zehnmal so viel wie üblich. «Es ist mies, dass die Firma aus unserer Notlage Profit schlagen will», lässt sich ein amerikanischer Expeditionsleiter vom «Spiegel» zitieren.

Im Basislager starben 19 Personen in einer Lawine, auch Einheimische. Foto: Kyle Taylor (Flickr)

Im Basislager starben 19 Personen in einer Lawine. Foto: Kyle Taylor (Flickr)

Klar ist das mies. Trotzdem hält sich das allgemeine Mitleid in Grenzen. Warum wohl? Persönlich hege ich grosses Verständnis, dass die Bergsteiger keine Lust hatten, auf 6100 Meter auszuharren. Aber wie will man das Luxusleid am Everest ernst nehmen, solange Betroffene frischfröhlich twittern, Videos ins Netz stellen, via Satellitentelefon Interviews geben – und am Ende jammern, sie seien für die Rettung übers Ohr gehauen worden? Muss das sein? Was ist Ihre Meinung?

Outdoor

Der Outdoorblog gegen den Rest der Schweiz

Pia Wertheimer am Dienstag, den 12. Mai 2015
Die App SRF bewegt die Schweiz – auch Sie? Fotos: SRF, Outdoorblog

Die App SRF bewegt die Schweiz – auch Sie? Fotos: SRF, Outdoorblog

Mit einer Smartphone-App wollen die Kollegen von SRF die Schweizer Couchsurfer in Bewegung bringen. Die Applikation reagiert auf Bewegung, misst somit jeden Schritt – egal ob Sie dabei tanzen, hüpfen oder shoppen. Velofahrer und Inliner können die App mit einem dafür vorgesehenen Velozeichen starten. Mit dem Handy messen inzwischen mehrere Tausend Nutzer, wie viele Kilometer sie per pedes oder auf dem Fahrrad zurücklegen. In der nationalen Rangliste führt «Luser» aus dem Kanton Bern mit circa hundert Kilometern vor «Rundschau»-Moderator Sandro Brotz. Der aktivste Kanton ist bisher Basel-Stadt (mit durchschnittlichen 31,4 km pro registrierten Nutzer), der Kanton Zürich rangiert auf dem 4. Platz mit 20,7 km im Durchschnitt. Die bisher beste Gruppe nennt sich Siedler Alarm. Ihre Teilnehmer haben bisher ein Total von 375,1 km zurückgelegt.

Hopp, Andy! Die Gruppe Outdoorblog macht die ersten Kilometer.

Hopp, Andy! Die Gruppe Outdoorblog legt los.

Noch handelt es sich um einen Test, bei welchem die SRF-Kollegen ihre Applikation prüfen und möglichst viele Nutzer generieren wollen. So richtig ernst gilt es dann am Montag, 8. Juni. Dann stellen sie den Zähler auf null. Bis am Freitag, 12. Juni, sammeln die registrierten Nutzer und Gruppen dann so viele Kilometer wie nur irgendwie möglich – und mit ihnen Sie, liebe Outdoorblog-Leser.

Wir sind nämlich überzeugt, dass die Gruppe Outdoorblog mit vereinten Kräften – ob in den Laufschuhen oder im Velosattel – den Rest der Schweiz in den Schatten stellt. Der Sieger innerhalb unserer Gruppe erhält am Schluss der Aktion die Möglichkeit, sich mit einem Gastbeitrag im Outdoorblog vorzustellen und von seinen Erfahrungen oder Ärgernissen zu berichten.

Ausreden gibt es nicht, denn Mitmachen ist einfach:
1. App herunterladen für Android-Geräte oder für iOS.
2. Als Nutzer registrieren.
3. Der Gruppe Outdoorblog beitreten (jeder Nutzer kann nur einer Gruppe angehören).
4. Action!
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Outdoor

Wenn es plötzlich nicht mehr weitergeht

Outdoor-Redaktion am Montag, den 11. Mai 2015

Ein Beitrag von Liliane Minor*

Outdoor

Ein Ärgernis: Gesperrter Fussweg auf dem Uetliberg. Foto: Thomas Burla

Wer öfters im Wald unterwegs ist, kennt das Phänomen: Man wandert, joggt, spaziert, hündelt oder radelt ganz unschuldig vor sich hin. Und plötzlich versperrt ein rot-weisses Etwas den Weg. So jetzt gerade wieder am Uetliberg, weil ein Weg abgerutscht ist. Viel öfter aber passiert es im Winter, bevor die Bäume so richtig im Saft sind. Wenn Holz geschlagen wird. Oder wenn Treibjagd ist. Durchgang verboten. Weg gesperrt. Aha.

Das nervt. Das nervt sogar ungemein. Natürlich hat man Verständnis für die Waldarbeiter. Die wollen ja nicht, dass einem Läufer ein Baum auf den Kopf fällt. Oder dass ein Wanderer samt Erdrutsch den Hang hinunterbollert. Und Jäger, so stellt man sich vor, wollen Rehe schiessen, nicht Biker. Kein Verständnis aber hat man für die Selbstverständlichkeit, mit der ein Weg einfach zugemacht wird ohne jede Alternative.

Wobei, vielleicht gäbe es die Alternativen ja schon. Nur kennt man sie nicht. Weil sich kein Waldarbeiter, kein Jäger die Mühe macht, die Leute zu informieren über Umleitungen oder Dauer der Sperre. Und so steht man dann da wie ein Esel am Berg. Und weiss nicht weiter. Etwa weil man keinen Handyempfang hat. Keine Karte dabei. Immer denselben Weg geht. Oder einer ausgeschilderten Route folgt.

Neulich zum Beispiel fanden wir uns auf einer ausgeschilderten Biketour vor einem Verbotsschild wieder. Mit Hungerast, nach einem strengen 10-Kilometer-Anstieg, knapp zwei Kilometer vor dem rettenden Bergrestaurant. Was wir getan haben? Das, was die meisten Wanderer, Spaziergänger, Jogger, Biker in der Situation tun. Nein, wir haben keinen Umweg gesucht. Zu riskant mit Hungerast. Sie kennen das ja auf Waldwegen: Die sind meist nicht besonders logisch angelegt und kringeln sich irgendwie durch die Bäume, da hat man sich ruckzuck verfahren. Nein, wir ignorierten das Schild grosszügig. So, wie Dutzende Spaziergänger es derzeit auch am Uetliberg tun.

Die grosse Frage ist nun: Wissen das die Waldarbeiter und Jäger nicht? Ist es ihnen egal, weil all die sport- und freizeitlustigen Leute im Wald sowieso nur stören? Oder denken sie, alle kennten sich so gut aus wie sie? Hätten Handy und Karte dabei? Oder wollen sie ganz einfach nur sicherstellen, dass sie an einem allfälligen Unfall nicht schuld wären? Dann würde aber ein einfaches «Betreten auf eigene Gefahr» reichen.

Minor* Liliane Minor ist Redaktorin beim «Tages-Anzeiger».

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