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Die Griswolds attackieren die Geschmacksnerven

Fabian Kern am Mittwoch, den 19. August 2015

«Vacation» läuft ab 20.8. im Küchlin und im Rex.

«Vacation» läuft ab 20.8. im Pathé Küchlin und im Rex.

Amerika liebt es, sich selbst zu feiern. Seine Traditionen, seine militärische Stärke, sein – zugegeben wunderschönes – Land. Dass dies sogar mit einer gehörigen Portion Selbstironie möglich ist, bewiesen Chevy Chase und Co. mit der «National Lampoon’s Vacation»-Reihe in den Achtziger- und Neunziger-Jahren. Die chaotische Vorstadt-Familie Griswold legte damals jedes ihrer Urlaubsziele in Schutt und Asche, ganz abgesehen von zahlreichen Kollateralschäden auf dem Weg dorthin. Nun ist der damals halbwüchsige Sohn Rusty selbst Vater von zwei Kindern und möchte die – aus seiner Sicht – schönen Ferienerinnerungen aus seiner Jugend mit seiner eigenen Familie aufleben lassen: mit einem Roadtrip in den kalifornischen Vergnügungspark «Walley World».

Highlight: Chris Hemsworth (r.) als Schwager Stone.

Highlight: Chris Hemsworth (r.) als Stone.

Mineralquelle oder Kloake? Die Antwort dürfte klar sein.

Mineralquelle oder Kloake? Die Antwort ist klar.

Die Sache mit dem Humor wurde an dieser Stelle schon mehrfach abgehandelt. Das Urteil bleibt: es ist Geschmackssache. Aber gerade der Geschmack wird von den Griswolds der zweiten Generation auf eine harte Probe gestellt. Alle möglichen Körperflüssigkeiten sowie Magen- und Darminhalte werden regelmässig eingesetzt, um – ja was eigentlich? Die Leute zum Lachen zu bringen? Naja, wers mag. Auf nüchternen Magen ist die Komödie jedenfalls nicht zu empfehlen. Dabei hätte Ed Helms («Hangover»), der als Rusty ziemlich nervt, vor zwei Jahren Anschauungsunterricht gehabt, wie man eine Komödie über eine Familie auf Roadtrip zum Brüllen komisch gestaltet, denn er spielte im Sommerhit «We’re the Millers» ebenfalls mit. Jener Film schaffte die so schwierige Gratwanderung zwischen Slapstick, Gags unter der Gürtellinie und guter Unterhaltung meisterlich.

Griswolds mit Grosseltern

Die erste und zweite Generation der Griswolds.

Diese Gesten sind ein steter Begleiter der Griswolds.

Diese Gesten sind steter Begleiter der Griswolds.

Auf solche Lobeshymnen müssen wir im Fall von «Vacation» leider verzichten. Zwar ist der Cast mit Ed Helms, Christina Applegate («Eine schrecklich nette Familie», «Anchorman»), Leslie Mann («The Other Woman», «This ist 40») oder dem herrlich überdreht spielenden Chris Hemsworth («Thor») vielversprechend und treibt die Fahrt quer durch die Vereinigten Staaten jedem Verkäufer von US-Reisen Freudentränen in die Augen, aber nur Haudrauf-Humor und groteske Szenen zum Fremdschämen sind heutzutage nicht mehr gefragt. Das mag zu den besten Zeiten von Chevy Chase und Beverly d’Angelo so gewesen sein. Aber dass diese vorbei sind, sieht man beim ersten Blick auf die Hauptdarsteller der 80er-Griswolds: Der eine hat den Frust eimerweise in sich hineingefressen, die andere ihre Gagen beim Schönheitschirurgen verprasst. Man hätte die Griswolds besser im Filmarchiv gelassen.

«Vacation» läuft ab 20. August 2015 in den Kinos Pathé Küchlin und Rex in Basel.

Weiterer Kinostart in Basel am 20. August: Southpaw.

Superman wird Superagent

Fabian Kern am Mittwoch, den 12. August 2015

«The Man from U.N.C.L.E.» läuft ab 13.8. im Küchlin.

«The Man from U.N.C.L.E.» läuft ab 13.8. im Küchlin.

Das Revival des Agentenfilms hat nun auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. James Bond wurde in den Neunziger-Jahren durch Pierce Brosnan entstaubt und später durch Daniel Craig ins dritte Jahrtausend katapultiert – beeinflusst nicht zuletzt durch die Jason-Bourne-Reihe mit Matt Damon. Dieser wiederum ist eigentlich schon längst zurückgetreten, nimmt nun aber Anlauf für ein Comeback und damit den Kampf mit Tom Cruise auf, welcher sich als Ethan Hunt bereits durch die fünfte Mission Impossible kämpft. Ist es deshalb nötig, dass nun auch noch Guy Ritchie seine Helden in dieses Agentengetümmel wirft? Brauchen wir das wirklich? Nach dem Genuss von «The Man from U.N.C.L.E.» muss die deutliche und unmissverständliche Antwort lauten: Ja!

Der Amerikaner: Napoleon Solo (Henry Cavill).

Der Amerikaner: Napoleon Solo (Henry Cavill).

Der britische Kultregisseur («Lock, Stock and Two Smoking Barrels», «Snatch», «Sherlock Holmes») ist einfach anders als die anderen. Er gräbt eine Serie aus den 60er-Jahren aus, übersetzt sie aber nicht in die Gegenwart, sondern inszeniert sie als altmodischen Agentenfilm, leichtfüssig, fast spielerisch inszeniertund mit seinem unvergleichlichen Humor gespickt. Ein Eyecatcher ist schon der interessant zusammengestellte Cast. Henry Cavill muss im Jahr 1963 als Superagent der CIA nach intensiver und genussvoll zelebrierter Feindschaft mit den Russen plötzlich mit seinem KGB-Pendant Armie Hammer Seite an Seite kämpfen, um das Gleichgewicht der Supermächte im Kalten Krieg zu halten. Super Man und Lone Ranger – eine gewagte, aber auch reizvolle Mischung. Das Einzige was nervt, ist der schwere schwedische Akzent von Alicia Vikander (sie ist halt Schwedin!), wenn sie deutsch spricht.

Die Deutsche: Gaby Teller (Alicia Vikander).

Die Deutsche: Gaby Teller (Alicia Vikander).

In Italien sich nämlich das grössenwahnsinniges Unternehmerehepaar Vinciguerra eine Atombombe, was weder Amerikaner noch Russen oder Briten toll finden. Also werden die beiden besten Männer der jeweiligen Geheimdienste als schlagkräftiges Team nach Ostberlin geschickt, um über Gaby Teller (Alicia Vikander, «Ex Machina»), die Tochter eines verschwundenen deutschen Wissenschaftlers, den Vinciguerras auf die Fährte zu kommen. Das zusammengewürfelte amerikanisch-russisch-deutsche Trio kann jedoch überhaupt nichts miteinander anfangen. Der US-Ladykiller und der von einem Vater-Komplex gehemmte Sowjet scheinen einfach zu verschieden. Vielmehr droht die Mission an den Eitelkeiten der Agenten zu scheitern – oder spielt gar die scheinbar unbeteiligte Gaby ein doppeltes Spiel?

Der Russe: Illya Kuryakin (Armie Hammer).

Der Russe: Illya Kuryakin (Armie Hammer).

Guy Ritchie ist nicht in eine Schublade zu stecken. Aus jedem Stoff macht er etwas Einzigartiges. Der Ex-Mann von Madonna zündet in «The Man from U.N.C.L.E.» kein Effekte-Feuerwerk in der Manier von James Bond, kein Stunt-Spektakel à la Ethan Hunt und keine atemlose Jagd wie jene auf Jason Bourne. Vielmehr unterlegt er die Action-Sequenzen mit Musik und nimmt ihnen so die Wichtigkeit. So liegt das Gewicht auf den Figuren und den witzigen Dialogen. Damit ist Ritchie ein entspannter und kurzweiliger Film unter zwei Stunden gelungen, an dessen Ende man sich darüber freut, dass das erst der Auftakt zu einer Serie ist.

«The Man from U.N.C.L.E.» läuft ab 13. August 2015 im Kino Pathé Küchlin in Basel.

Weitere Kinostarts in Basel am 13. August: Fantastic Four, Self/less, Anime Nere, Trainwreck.

Das Model und der Streber

Fabian Kern am Mittwoch, den 29. Juli 2015

«Paper Towns» läuft ab 30.7. im Küchlin und im Rex.

«Paper Towns» läuft ab 30. Juli im Pathé Küchlin und im Rex.

Sich zum ersten Mal zu verlieben ist einfach, erwachsen zu werden schwierig. Auf diese Aussage lässt sich «Paper Towns» wohl ungefähr herunterbrechen. Die Coming-of-Age-Geschichte von Jake Schreier («Robot & Frank») ist die zweite Verfilmung eines Romans von John Green. Wer die Bücher nicht kennt, sondern nur den ersten Film «The Fault in Our Stars», muss jetzt nicht gleich wegklicken. Denn im Gegensatz zu jenem arg auf die Tränendrüsen drückenden Krebsdrama ist «Margos Spuren», so der deutsche Titel, eine leichtfüssige Schnitzeljagd, ein Roadmovie auf der Strasse ins Erwachsensein. Wer diese Phase einigermassen untraumatisiert überstanden hat, wird sich in einigen Szenen selbst wieder erkennen und sich entsprechend amüsieren, auch wenn die uramerikanische Fixierung auf den Abschlussball der High School für uns Europäern wohl nie ganz nachzuvollziehen sein wird. Wer selbst in diesem Alter ist, für den ist das schon fast Reality-TV.

Partners in Crime: Margo macht Quentin zum Komplizen.

Partners in Crime: Benutzt Margo Quentin nur?

Der 17-jährige Quentin Jacobson (Nat Wolff) ist seit neun Jahren unsterblich in das Nachbarsmädchen Margo Roth Spiegelman (Cara Delevingne) verliebt. Es war Liebe auf den ersten Blick – unerwiderte Liebe. Denn die beiden erlebten eine völlig unterschiedliche Jugend. Während Streber Quentin gute Noten nach Hause bringt und abends brav ins Bett geht, lebt Margo nur für den Moment. Die Liebe verwandelt sich Schritt für Schritt in eine Sehnsucht nach dem Abenteuer deren Erfüllung jeweils an der Vernunft scheitert. Bis eines Abends kurz vor dem Abschlussball, dem Ende einer Ära, dem ersten Schritt ins Erwachsensein, Margo in Quentins Zimmer steigt und ihn zu einem Rachefeldzug gegen ihren untreuen Ex-Freund überredet. Das Präfix «Ex» reicht dabei schon, um Quentins Vernunft ausser Gefecht zu setzen, und tatsächlich fühlt sich der Musterschüler bei all den Streichen und Gesetzesübertretungen zum ersten Mal richtig lebendig. Und hofft natürlich auf Erwiderung seiner neu entflammten Leidenschaft für die schöne Margo.

Hinterlässt Spuren auf der Flucht: Margo.

Hinterlässt Spuren auf der Flucht: Margo.

Doch daraus wird nichts. Vorerst zumindest, wie Quentin sich sagt. Denn Margo lässt sich nach dieser Nacht weder in der Schule noch zu Hause blicken, verschwindet – aber nicht spurlos. Quentin findet Hinweise, die ihm Margo hinterlassen hat, und macht sich zusammen mit seinen Streberfreunden Ben (Austin Abrams) und Radar (Justice Smith) sowie Margos bester Freundin Lacey (Halston Sage) auf eine Schnitzeljagd nach Margo, die zusehends zu einer Suche nach sich selbst wird. Die Story ist geschickt aufgebaut und entspricht genau dem Verhalten von angehenden Erwachsenen. Die Unbeschwertheit, die kompromisslose Hingabe eines Gefühls führt erst nach einer gewissen Zeit zur Selbstreflexion, die einen reifen lässt. Exemplarisch auch die Darsteller. Dem momentanen britische Über-Model Cara Delevingne mit ihren ausdrucksstarken Augen unter den buschigen Brauen würde jeder pubertierenden Teenager hoffnungslos verfallen, während Nat Wolff mit seiner Körpersprache perfekt ausdrückt, dass er weiss, dass ein Mädchen wie Margo für einen Normalo wie ihn ausser Reichweite ist. Aber Träumen ist in diesem Lebensabschnitt nicht nur erlaubt, sondern unabdingbar.

«Paper Towns» läuft ab 30. Juli 2015 in den Kinos Pathé Küchlin und Rex in Basel.

Weitere Kinostarts in Basel am 30. Juli: Pixels, Der kleine Rabe Socke 2, Ich seh, ich seh.

Max Bollags persönlichster Fall

Fabian Kern am Dienstag, den 21. Juli 2015

BuchcoverNein, geändert hat er sich nicht. Noch immer kann Max Bollag nicht die Finger von einem Fall lassen, auch wenn es ihn der mürrische Kripochef Neuenschwander zehn Mal verbietet. Vielmehr wird seine Lust am Ermitteln durch Widerstand nur noch mehr angestachelt. Je mehr Leute ihm untersagen, die Nase in eine Angelegenheit zu stecken, umso mehr verbeisst sich der Starreporter des Liestaler «Tagblatt» in einen Fall. Und in diesem neusten Fall, dem dritten seit seiner Erschaffung durch den Baselbieter Krimiautor Rolf von Siebenthal, ist der Widerstand so gross wie noch nie.

Dass der eigentlich in Freundschaft verbundene Neuenschwander nicht möchte, dass Bollag mit seiner vorwitzigen Nase in einem Mordfall herumschnüffelt, ist schon Tradition in den Liestaler Krimis. Doch mit dem Ersten Staatsanwalt Matthias Baumann und dem neuen Tagblatt-Verleger Franz Heusser erwachsen dem Journalisten mächtige Feinde, die durch selbstsüchtige Motive angetrieben werden. Baumann möchte den Erzfeind aus Jugendzeiten um jeden Preis hinter Gitter bringen, und Ständerat Heusser ist scharf auf den Bundesratssitz von Bollags Lebensgefährtin Petra Mangold, weshalb das Tagblatt plötzlich eine Hetzjagd auf seinen eigenen Reporter inszeniert. Denn Bollag ist unter Mordverdacht.

Rolf von Siebenthal (Jg. 1961) ist selbstständiger Journalist und Texter.

Rolf von Siebenthal (Jg. 1961) ist selbstständiger Journalist und Texter. (Bild: Lucian Hunziker)

Das wäre dem ehemaligen Bundeshauskorrespondent im Grunde egal, aber nicht in diesem Fall. Denn ermordet wurde mit Tanja Schneider seine Kollegin und Freundin, der er sich als Mentor eng verbunden fühlte. Den Täter zu überführen, das ist er ihr schuldig. In seinen Ermittlungen zu Schneiders Tod – ihre Leiche wurde ihn ihrem Auto im Allschwiler Weiher gefunden – findet er Unterstützung durch die junge Tagblatt-Volontärin Rebecca Tobler. Das ist umso wichtiger, weil Mangold ausgerechnet jetzt von ihrem Regierungsamt überfordert ist und gar keine Zeit für ihren Liebhaber hat. Also stürzt sich Bollag umso wilder in die Arbeit, immer auf der Hut vor der Polizei. Eine Spur führt zur letzten Geschichte, die Schneider recherchierte: Versicherungsbetrug durch absichtlich herbeigeführte Autounfälle. Doch liegt darin wirklich der Grund für ihre Ermordung?

Von Siebenthal bleibt seinem Stil treu. Von Kapitel zu Kapitel springt er von einer Figur zur anderen und erzählt aus deren Perspektive. Das hält den Leser bei der Stange, das Buch liest sich in Windeseile. Ebenso wird der Schatz an Baselbieter Schauplätzen immer reicher. Diesmal kommt vor allem das Unterbaselbiet zum Zug, was Spass macht, wenn man sich in der Region auskennt. Dennoch hätten zwanzig, dreissig Seiten mehr nicht geschadet. Der Streit zwischen dem starrköpfigen Bollag und Petra Mangold ist sehr schnell und ohne grosse Diskussionen beigelegt, und auch einige andere Handlungsstränge sind nicht abgeschlossen. Schade ist auch, dass Bollags ehemaliger Intimfeind Rieder, der inzwischen zum Chefredaktor des Tagblatts aufgestiegen ist, keine aktive Rolle mehr spielt. Dafür hat von Siebenthal den einen oder anderen erfrischenden Twist eingebaut.

Vielleicht sind die kleinen Abstriche dem strengen Jahresrhythmus geschuldet, den sich der Autor auferlegt hat – welcher wiederum beim Leser höchst willkommen ist. Denn nichtsdestotrotz ist «Schlagzeile» dringend zu empfehlen und für die Stammleserschaft ohnehin Pflichtlektüre.

Rolf von Siebenthal: Schlagzeile. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2015. 280 Seiten, ab Fr. 13.20.

Die weiteren Bollag-Krimis: Schachzug (2013), Höllenfeuer (2014).

«Bruce Banner ist ein Weichei»

Fabian Kern am Donnerstag, den 23. April 2015

«Avengers: Age of Ultron» läuft ab 23.4. in Capitol, Küchlin und Rex.

«Avengers: Age of Ultron» läuft ab 23.4. in Capitol, Küchlin und Rex.

Superhelden-Fans weltweit haben sich den 23. April dick in ihrer Agenda angestrichen. Endlich kommt die Fortsetzung des Mega-Blockbusters von 2012 in die Kinos. Das Ergebnis ist grösser und teurer, so wie der natürliche Auftrag an Fortsetzungen von derartigen Kalibern aussieht: lauter, spektakulärer und mit nochmals massiv erhöhtem Materialverschleiss. Die Schauplätze werden mit Südafrika, Südkorea und Europa internationaler, die Avengers erhalten nach dem Zusammenbruch von S.H.I.E.L.D. ein neues supermodernes Hauptquartier in New York, und neue Superhelden werden ins Avengers-Universum eingeführt. Während Hydra-Bösewicht Baron Strucker (Thomas Kretschmann) in irgendeinem fiktiven osteuropäischen Staat die Vernichtung der Welt plant, hat sich Tony Stark (Robert Downey jr.) nach der Schlacht von New York zum Mastermind der Avengers entwickelt. Zusammen mit Bruce Banner (Mark Ruffalo) kreiert er «Ultron», ein Abwehrsystem, das die Erde vor weiteren ausserirdischen Angriffen schützen soll. Leider aber wird das Projekt zum Bumerang, denn Ultron entwickelt ein böses Eigenleben, macht sich alle Ressourcen von Stark Industries zu eigen und wird zum mächtigen Gegenspieler der Avengers. So viel zur Story, die selbstredend nur Nebendarstellerin ist. «Avengers: Age of Ultron» lebt von den starken Figuren. Aber wer ist denn nun der Coolste der Superhelden-Crew? Ein Streitgespräch zwischen Schlaglicht-Redaktor Fabian Kern und BaZ-Online-Praktikant Serkan Abrecht zeigt, dass das gar nicht einfach ist.

Ohne Superkräfte: Hawkeye.

Ohne Superkräfte: Hawkeye (Jeremy Renner).

Abrecht: Eigentlich ist Hawkeye charakterlich am coolsten, weil er diesmal als Einziger einen bodenständigen, menschlichen Hintergrund erhält. Und vielleicht auch der einzig ernst zu nehmende Charakter ist.

Kern: Das stimmt, auch hinsichtlich Mut. Schliesslich sind er und Black Widow die Einzigen, die keine Superkräfte besitzen. Insofern ist ihr Risiko im Kampf gegen all die Roboter und Ausserirdischen grösser als das der Anderen. Wer aber gar nicht geht, ist der humorlose Captain America, oder?

Abrecht: Stimmt! In seinem Latex-Anzug sieht er trotz seiner Muskeln einfach nur tuntig aus.

Kern: Und seine moralin-schwangeren Einwände nerven nur. Ein Glück, gibt es da noch den zynischen Gegenpol Tony Stark aka Iron Man…

«Lusche mit Schild»: Captain America (Chris Evans).

«Lusche mit Schild»: Captain America (Chris Evans).

Abrecht: Ja, ansonsten wäre diese Lusche mit Schild gar nicht zu ertragen. Bei Iron Man habe ich allerdings das Problem mit der zeitlichen Einordnung: Im dritten Teil seiner eigenen Serie hat Tony Stark schliesslich mit Iron Man abgeschlossen und seine ganze Infrastruktur in Schutt und Asche gelegt…

Kern: Ja, das geht nicht ganz auf, denn «Avengers 2» muss zeitlich nach «Iron Man 3» angelegt sein… Aber egal, das wissen vielleicht die Marvel-Hardcore-Fans. Wir sind vom Thema angekommen. Was hältst du von Tony Stark?

Abrecht: Er ist immer noch zynisch, selbstherrlich und dreist, aber ein wenig zum Idealist geworden. Er lädt sich die Verantwortung für die Menschheit auf, das passt nicht so ganz zu seinem alten Ego.

Cooles Duo mit Nerd: Thor (Chris Hemsworth), Tony Stark (Robert Downey jr.) und Captain America.

Cooles Duo mit Nerd: Thor (Chris Hemsworth), Tony Stark (Robert Downey jr.) und Captain America.

Kern: Dennoch ist er immer noch sehr cool, auch wenn ich nicht so auf Roboter als Superhelden stehe. Ich finde halt auch Chris Hemsworth als Thor Weltklasse.

Abrecht: Stimmt. Für mich sieht er wie ein Zimmermann auf intergalaktischer Walz aus. Er ist fast eher die moralische Instanz als Captain America, auch weil man den göttlichen Hammermann einfach ernster nehmen kann als den anderen. Den posttraumatischen Kriegsveteran nehmen ja nicht einmal die anderen Avengers ernst. Zu etwas anderem: Was mich grundsätzlich stört, ist, dass alle immer miteinander sprechen können, egal in welcher Sphäre sie sich gerade aufhalten.

Kern: Tony Stark wird wohl irgend ein revolutionäres Funksystem entwickelt haben, das für uns Normalsterbliche viel zu kompliziert ist, um es überhaupt zu erklären. Aber du schweifst schon wieder ab. Ich tu mich schwer mit Hulk. Er ist viel zu unbeherrscht, um ein Avenger zu sein.

Grüne Schale, weicher Kern: Hulk (Mark Ruffalo).

Grüne Schale, weicher Kern: Hulk (Mark Ruffalo).

Abrecht: Ich finde die brachiale Gewalt von Hulk faszinierend. Er zerstört eine halbe Stadt, ohne dass ihn jemand daran hindern könnte. Nun hat Tony Stark ja sogar eine spezielle Iron-Man-Rüstung gebaut, um Hulk zu stoppen, aber auch diese hilft nichts. Nur Natasha Romanoff hat einen Zugang zu dem Biest. Bruce Banner allerdings ist ein Weichei. Dass er nicht beim kleinsten Flirt über Scarlett Johannsson herfällt, ist unrealistisch.

Kern: Ja, Bruce Banner. Der ist halt der klassische Wissenschaftler, Kopfmensch durch und durch – eben das pure Gegenteil von Hulk. Aber du gibst das Stichwort, bei dem jeder Mann ins Schwärmen gerät: Black Widow. Ja, als Frau hat man es einfach, die coolste Figur zu wählen!

Schlagende Argumente: Black Widow (Scarlett Johannsson).

Schlagende Argumente: Black Widow (Scarlett Johannsson).

Abrecht: Sie hat nur schlagende Argumente: Sie ist im Nahkampf nicht zu bezwingen, fährt die coolsten Motorräder und trägt die schnittigsten Outfits…

Kern: …die aber nicht jedem stehen. Dich möchte ich jedenfalls nicht im Latex-Anzug mit Decolleté sehen… Wenn wir also zusammenfassen: Wer ist denn nun der Coolste? Ich lege mich fest: Thor.

Abrecht: Für mich ist es Hawkeye. Den haben sie sehr aufgewertet. Und was hältst du von Ultron als Bösewicht?

Kern: Wie bei den Helden tue ich mich auch bei Bösewichten schwer mit Maschinen. Sie haben ihm zwar versucht, Ultron menschliche Züge zu verleihen, aber dennoch war Loki im ersten Teil in einer ganz anderen Liga unterwegs.

Charakterloser Bösewicht: Ultron (James Spader).

Charakterloser Bösewicht: Ultron (James Spader).

Abrecht: Nein, an Loki kommt Ultron niemals heran. Er ist ein wenig wie der nervige Computer in «Matrix». Der hatte auch keinen Charakter.

Kern: Ja, das kühle, logische Böse lässt einen eher kalt. Wohl auch deshalb fällt der zweite Teil etwas gegenüber dem ersten ab.

Abrecht: Ja, «Age of Ultron» ist ein guter Action-Science-Fiction-Film, aber nicht so kultig wie das Original.

«The Avengers: Age of Ultron» läuft ab 23. April 2015 in den Basler Kinos Capitol, Pathé Küchlin und Rex.

Weitere Kinostarts in Basel am 23. April: Big Eyes, Ex Machina, Das Deckelbad, Viktoria: A Tale of Grace and Greed.

Carl Mørck auf Abwegen

Fabian Kern am Dienstag, den 21. April 2015

BuchcoverKopenhagen ist das Revier von Carl Mørck. In der dänischen Grossstadtfühlt sich der Ermittler wohl. Oder zumindest so wohl, wie sich der mürrische Carl Mørck eben fühlen kann. Von seinem ungeliebten Chef in den Keller des Polizei-Dezernats verbannt, ist er froh, wenn er in Ruhe gelassen wird, ungestört rauchen kann und auch mal die Füsse für ein kleines Nickerchen auf seinem Schreibtisch platzieren kann. Entsprechend harsch reagiert der Leiter des Sonderdezernats Q, das sich alten ungelösten Fällen widmet, als ihn der Hilferuf eines verzweifelten Kollegen von der Insel Bornholm erreicht. Weil der Polizist kurz nach der telefonischen Abfuhr bei seiner Pensionierungsfeier vor all seinen Kollegen Selbstmord begeht, wird es sogar Mørck mulmig. Motiviert von seiner schrägen Truppe, der schrillen Rose, dem syrischen Immigranten Assad und dem rückgratlosen Gordon, muss der Chef sein gewohntes Terrain verlassen und auf die Insel vor der Südspitze Schwedens fliegen, wo er selbst aufgewachsen ist.

Dänische Exklave: Die Insel Bornholm.

Dänische Exklave: Die Insel Bornholm.

Dummerweise lässt sich dieser Ausflug auch noch mit der Beerdigung seines nervigen Cousins Ronny verbinden, womit Mørck endgültig die Ausreden ausgehen, seine Eltern mal wieder zu besuchen. Der Fall selbst scheint aussichtslos. Der Todesfall einer jungen Frau, die kopfüber in einem Baum hing, wurde als Autounfall mit Fahrerflucht ad acta gelegt. Der Polizist wollte das nicht glauben und war sein restliches Leben besessen von der Jagd nach dem Phantom. Zahllose Fährten hat er aufgenommen, die nun das Sonderdezernat mühselig sichten und aufarbeiten müssen. Dennoch zeichnet sich bald eine schwache Spur zu einem charismatischen Mann aus dem Umfeld des Opfers ab.

Bestseller-Autor Jussi Adler Olsen (64).

Bestseller-Autor Jussi Adler Olsen (64).

Jussi Adler-Olsen weiss, wie er seine Stammleserschaft bei der Stange halten kann. Auch im sechsten Teil seiner Erfolgsserie über das Sonderdezernat Q hält er die Spannung mit verschiedenen Handlungssträngen hoch. Einerseits wird parallel zum aktuellen Fall das Schicksal einer jungen Frau aus London aufgerollt, die einer mysteriösen Sonnensekte verfällt. Andererseits treibt er die persönlichen Geschichten der Hauptfiguren voran. Drei Jahre sind seit dem Fall Marco («Erwartung») vergangen, und immer noch weiss Mørck nicht, was Assad, der zu seinem besten Freund geworden ist, für Leichen im Keller hat. Klar ist nur, dass dieser nicht der harmlose Einwanderer ist, für den er sich ausgibt, sondern irgendeine militärische Vergangenheit im Nahen Osten hat. Auch in den «Druckluftnagler-Fall», den traumatischen Erlebnis, das Mørcks Freund Hardy ein Leben im Rollstuhl bescherte und Carl noch immer schwer belastet, kommt plötzlich wieder Bewegung. Schliesslich wäre da noch Mørcks verkorkstes Liebesleben, in welchem er kein Fettnäpfchen auslässt. Er macht einen ersten kleinen Schritt, um seine grosse Liebe, die Psychologin Mona Ibsen, zurück zu gewinnen.

All diese Ingredienzien lassen das Urteil erahnen. Adler-Olsen hat nach dem etwas harzigen fünften Buch zu seinem gewohnt rasanten Erzählstil, gewürzt mit viel trockenem Humor, zurückgefunden. Die schlechte Nachricht ist gleichzeitig die gute: Alle Geheimnisse werden noch nicht gelüftet – nach der letzten Seite geht sofort das Warten auf Band sieben los.

Jussi Adler-Olsen: Verheissung – Der Grenzenlose. Thriller. dtv Verlag. München, 2015. 596 Seiten, ca. 23 Franken.

Die Bände 1 bis 5 der Thriller-Serie: Erbarmen – Die Frau im Käfig (2007), Schändung – Die Fasanenmörder (2008), Erlösung – Flaschenpost von P (2009), Verachtung – Akte 64 (2010), Erwartung – Der Marco Effekt (2012).

Al Pacinos Erbe und Hollywoods Frau der Stunde

Fabian Kern am Mittwoch, den 8. April 2015

«A Most Violent Year» läuft ab 9.4. im Küchlin.

«A Most Violent Year» läuft ab 9.4. im Küchlin und im Rex.

80er-Nostalgiker sind gerade in Hollywood weit verbreitet. Auf eine ganz dunkle Ecke dieses Jahrzehnts richtet nun aber Regisseur J. C. Chandor seinen unerbittlichen Fokus. Auf 1981, das Jahr mit der bis heute höchsten Kriminalitätsrate in der Geschichte von New York City. Die Metropole an der amerikanischen Ostküste wird erschüttert von Morden, Vergewaltigungen, Überfällen. Auch die Heizöl-Transporter von Abel Morales (Oscar Isaac) werden regelmässig überfallen – und das hat seinen Grund. Der aufsteigende Unternehmer hat soeben das Vorkaufsrecht auf ein strategisch wichtiges Grundstück erworben, das ihn an die Spitze der Branche bringen könnte. Die Verluste aus den Überfällen drohen aber den Kredit zum Platzen zu bringen, weshalb sich Morales entscheiden muss, wie weit er gehen möchte, um sein Lebenswerk zu verteidigen. Er, ein aufrechter Einwanderer, dessen wichtigstes Prinzip immer Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit war.

Abel und der verängstigte Fahrer Julian.

Abel und der verängstigte Fahrer Julian.

Die Fallen sind ausgelegt für Morales. Einerseits sind die Fahrer derart verängstigt, dass die Gewerkschaft darauf besteht, sie zu bewaffnen. Sollte allerdings einer der Fahrer mit einer Pistole jemanden verletzen, dann platzt der Bankkredit. Die Konkurrenz schreckt auch nicht davor zurück, Abels Familie einzuschüchtern. Zudem rückt ihm die Staatsanwaltschaft auf die Pelle und ermittelt wegen Steuerhinterziehung. Abel ist sich seiner weissen Weste sicher, bis ihm seine Frau Anna (Jessica Chastain) gesteht, dass sie schon seit Jahren Gelder auf ein sicheres Konto abzweigt. Abel sieht seinen vorgezeichneten Weg ganz nach oben, den amerikanischen Traum, den er schon sein ganzes Leben lang verfolgt, in höchster Gefahr.

Anna muss die Polizei das Haus durchsuchen lassen.

Anna muss die Polizei das Haus durchsuchen lassen.

Es gibt verschiedene Gründe, sich «A Most Violent Year» anzusehen. Erstens ist die Story von Beginn an packend und vielschichtig – ein intelligenter Thriller, der mit einem Minimum an Action und gänzlich ohne Effekte auskommt. Zweitens hält der Spannungsbogen über die vollen zwei Stunden Spielzeit. Chandor («Margin Call») schafft eine bedrückende, graue Grundstimmung und legt darüber eine dichte, nervenaufreibende Atmosphäre, die einem mit zunehmender Dauer die Luft zu nehmen scheint. Der Zuschauer wird ständig von Fragen belauert: Ist das mehr Drama oder Thriller? Was für ein Ende erwartet mich? Von Bankrott bis Durchbruch, von Selbstzerstörung bis Happy End, von Kampfscheidung bis Familienidylle scheint alles möglich für Abel Morales.

Ausdrucksstarkes Duo: Oscar Isaac und Jessica Chastain.

Ausdrucksstarkes Duo: Oscar Isaac und Jessica Chastain.

Und damit wären wir beim dritten und wichtigsten Argument für diesen Film: den Darstellern. Wem der Name Oscar Isaac nicht viel sagt, dem sei verziehen. Der 35-Jährige Sohn einer guatemaltekischen Mutter und eines kubanischen Vaters, der in Miami aufwuchs hatte, fiel bisher erst durch seine Rolle als fieser Prinz John in Ridley Scotts «Robin Hood» auf, als «Llewyn Davis» der Coen Brothers und vielleicht noch im Schatten von Ryan Gosling in «Drive». Nach «A Most Violent Year» dürfte sich das ändern. Isaac könnte der nächste Al Pacino sein. Mit seinem intensiven Blick und seiner entschlossenen Ausstrahlung wirkt er wie der Sohn der lebenden «Godfather»-Legende. Bei so einer Leistung kann der weibliche Co-Star eigentlich nur verblassen… wenn dieser nicht Jessica Chastain heissen würde. Die Frau gilt seit «Zero Dark Thirty», spätestens aber seit «Interstellar» als die begehrteste Schauspielerin der Traumfabrik. Der ausdrucksstarke Rotschopf – in «A Most Violent Year» für einmal blond –  vereint Charakter, Intelligenz und Sex-Appeal zu einer faszinierenden Mischung, der man sich nicht verschliessen kann. Die beiden verleihen dem Retro-Look den nötigen Glanz. Was also kann ein Film mehr bieten?

«A Most Violent Year» läuft ab 9. April 2015 in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Weitere Kinostarts in Basel am 9. April: Mall Cop 2, Une heure de tranquillité.

Kinder, Kinder

Fabian Kern am Donnerstag, den 26. März 2015

BuchcoverBuchcoverVerbrechen an Kindern sind die schlimmsten überhaupt. Kinder sind unschuldig, haben das ganze Leben vor sich. Vielleicht deshalb sind sie immer wieder Thema in Krimis – ob Buch oder Film. Weil uns diese Fälle besonders erschüttern. Weil wir besonders mit den Ermittlern mitfiebern. Dennoch sind diese Geschichten über Missbräuche nicht jedermanns Sache. Wer selbst Nachwuchs hat, dem können die Fälle auch schon mal zu sehr an die Nieren gehen. Im deutschen Sprachraum, ja sogar im selben Verlag sind kurz hintereinander zwei Krimis zu diesem Thema erschienen: «Kinderland» von Marco Sonnleitner und «Januskinder» von Marcus Richmann. Wir zeigen Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf und sagen, ob sie auch für Eltern empfehlenswert sind.

Die Parallelen

Die Gemeinsamkeiten beginnen schon bei den Autoren. Sowohl der Bayer Sonnleitner als auch der Zürcher Richmann legen mit diesen Romanen ihren zweiten Krimi vor, beide Erstlinge erschienen im Jahr 2013 («Blutzeugen» bzw. «Engelschatten»). Beide setzen in ihrem aktuellen Werk auf Missbräuche an Kindern. Entsprechend tief sind die menschlichen Abgründe, in welche die Ermittler mit Grausen blicken müssen. «Kinderland» beginnt mit dem Fund eines Kinderfingers im Bauch eines Fischs, der in der Küche der Hauptfigur aufgeschlitzt wird, kurz darauf findet man den Rest der Leiche in einem See. Richmann geht sogar noch weiter und schockiert mit dem Fund eines erfrorenen Säuglings auf einer Baustelle in Zürich.

Die Unterschiede

Wurzeln in Georgien und Russland: Autor Marcus Richmann.

Wurzeln in Georgien und Russland: Roman- und Drehbuchautor Marcus Richmann.

Ehemaliger Gymnasiallehrer, Autor von 25 Bänden «Die drei ???»: Der Münchner Marco Sonnleitner (Jg. 65).

Ehemaliger Gymnasiallehrer, Autor von 25 Bänden «Die drei ???»: Der Münchner Marco Sonnleitner (Jg. 65).

Damit wären wir bereits bei den Unterschieden. Denn die Geschichten entwickeln sich in völlig andere Richtungen. Im urbanen Zürich werden immer wieder Babys entführt, ohne dass eine Lösegeldforderung folgen würde oder sonst ein Konzept ersichtlich wäre. Südlich von München, in der ländlichen Umgebung des Starnberger Sees hingegen deuten die Entführungen von Kindern zwischen fünf und zehn Jahren schon bald einmal auf einen Kinderhändlerring hin. Auch die Protagonisten sind höchst unterschiedlich. Bartholomäus Kammerlander (welch ein Name!) ist ehemaliger Kriminalkommissar und führt im beschaulichen Berg am Starnberger Sees ein Hotel. Er wird von seinen ehemaligen Kollegen der Kripo München immer dann um Hilfe angefragt, wenn ein besonders kniffliger Fall ansteht. Er ist glücklich verheiratet, trägt aber ein dunkles Geheimnis von einem Fall in den USA, als ihm ein Serienmörder entwischte, mit sich herum.

Demgegenüber ist das Leben von Maxim Charkow von der Kantonspolizei Zürich weniger geordnet. Der Polizist georgisch-russischer Abstammung steht in der Lebensmitte und hat ein Problem mit Liebesbeziehungen. Gerade hat er sich von einer Psychologin getrennt, mit der er aber beruflich zusammenarbeiten muss. Seine Seelenverwandte ist aber eine Pathologin, deren Freundschaft er aber nicht zugunsten einer romantischen Beziehung aufs Spiel setzen möchte, obwohl er weiss, dass sie in ihn verliebt ist. Dass er im Laufe der Ermittlungen im Rotlicht-Milieu auch noch auf eine attraktive russische Clubbesitzerin trifft, die heftig mit ihm flirtet, macht die Sache auch nicht einfacher.

Auch die Erzählstruktur weist Differenzen auf. Sonnleitner setzt auf einen in Deutschland verbreiteten Krimi-Stil, bei dem er immer zwischen Täter- und Ermittler-Perspektive wechselt. Dadurch hält er den Leser bei der Stange. Richmanns Roman hingegen nimmt langsamer Fahrt auf, wird aber immer schneller, dichter und nimmt unerwartete Wendungen. Er installiert viele flankierende Erzählstränge, was den Nebenfiguren mehr Gewicht gibt.

Das Fazit

Sonnleitners «Kinderland» ist gradliniger und dank des bayrischen Humors etwas heller in der Grundstimmung als «Januskinder». Richmann schafft eine etwas trostlose Atmosphäre mit lauter Beziehungen, die keine Zukunft zu haben scheinen. Dafür hat er es sich zur Aufgabe gemacht, in jedem seiner Romane ein Stück dunkler Schweizer Geschichte anzusprechen. Das Thema Missbrauch an Kindern ist gerade für Eltern aber in beiden Fällen sehr schwierig. Zart Besaitete sollten sich überlegen, ob sie es lesen möchten, denn man leidet mit den Angehörigen der Kindern mit, auch wenn es nur Fiktion ist. Die Entscheidung ist hart, denn auf die Begleitung der tollen Figuren Kammerlander und Charkow möchte man eigentlich nicht verzichten. Und die Fortsetzung derer persönlicher Geschichten zeichnet sich deutlich ab. Kammerlander muss sein Trauma verarbeiten und Charkow endlich zu seiner grossen Liebe findet. Deshalb: Augen zu und durch. Denn auch wenn Kinder als Opfer fast nicht zu ertragen sind, sind sie das in der Realität leider immer wieder.

Marco Sonnleitner: Kinderland. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2014. 373 Seiten, Fr. 18.30.

Marcus Richmann: Januskinder. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2015. 373 Seiten, Fr. 20.90.

Geheimer als James Bond

Fabian Kern am Mittwoch, den 11. März 2015

«Kingsman» läuft ab 12.3. in Capitol und Küchlin.

«Kingsman» läuft ab 12.3. im Capitol und im Küchlin.

Frage: «Warum nennst du deinen Hund JB? Steht das für James Bond oder für Jason Bourne?» Antwort: «Für Jack Bauer.» Dieses kurze Gespräch zwischen Arthur (Michael Caine) und Gary «Eggsy» Unwin (Taron Egerton) zeigt: Eggsy ist nicht in eine Schublade zu stecken. Er selbst kämpft mit dem Label «Unterschicht», das ihm auf der Stirn zu kleben scheint. Von seinem jähzornigen und handgreiflichen Stiefvater klein gehalten, hat er die Hoffnung auf eine anständige Zukunft aufgegeben. Stattdessen schlägt sich der eigentlich überdurchschnittlich intelligente junge Mann mit dumpfen Kleinkriminellen herum – bis ein Mann im feinen Zwirn auftaucht, mit Schirm und Charme. Nur die Melone fehlt für die Anlehnung an einen britischen Agenten-Klassiker. Aber vielleicht wird «Kingsman: The Secret Service» ja selbst zum modernen Klassiker.

Mentor und Schützling: Galahad und Eggsy

Mentor und Schützling: Galahad und Eggsy.

Dem Mann ist Eggsy schon einmal begegnet. Als kleiner Junge kam der Mann zu ihm nach Hause und teilte ihm und seiner Mutter mit, sein Vater sei als Held im Geheimdienst gestorben. Als Erinnerung erhält Eggsy ein Amulett mit einer eingravierten Nummer, die er wählen soll, wenn er Hilfe braucht. Als er in Untersuchungshaft sitzt, setzt Eggsy den einen erlaubten Telefonanruf dazu ein, diese Nummer zu wählen und ist im Handumdrehen frei. Aber nicht ohne Bedingung: Harry Hart alias Galahad (Colin Firth) möchte ihn zu den Eintrittsprüfungen zu «Kingsman» aufbieten. Das ist eine so geheime Organisation, dass sie nicht einmal die internationalen Geheimdienste kennen. «Wir sind die Ritter unserer Zeit», erklärt Arthur, der Vorsitzende der an die König-Arthur-Sage angelehnten Tafelrunde. Die Anzug und Krawatte sind die Rüstungen der modernen Kreuzritter, der Schirm ihr Schild und die Pistole ihr Schwert. Weil Lancelot (Jack Davenport) dem ebenso genialen wie grössenwahnsinnigen Technik-Genie Richmond Valentine (Samuel L. Jackson) zum Opfer gefallen ist, braucht die Tafelrunde Nachwuchs. Im harten Casting auf einem alten englischen Landsitz muss sich Eggsy deshalb erst einmal gegen die aristokratische Elite durchsetzen, bevor er die Welt retten kann.

Auf ein Gläschen mit dem Chef: Eggsy und Arthur.

Ein Gläschen mit dem Chef: Eggsy und Arthur.

Matthew Vaughn («Kickass», «X-Men: First Class») versucht mit «Kingsman» nichts weniger als einen Spagat: einen Agentenfilm, der Action, Thriller und Komödie vereint. Ein hoher Anspruch – dem der Film aber tatsächlich gerecht wird. «Kingsman» hätte leicht ins Lächerliche abgleiten können, mit dem steifen Colin Firth, der dem pöbelnden Nachwuchstalent Taron Egerton Manieren und Biss vermitteln will. Doch Vaughn fügt auch ernste und beinharte Szenen ein, die den Zuschauer überraschen, aber nicht vor den Kopf stossen. Die Inszenierung kommt leichtfüssig und nicht einmal überdreht, obwohl die mit tödlichen Prothesen wirbelnde Sofia Boutella und der mit einem nervigen Lispeln ausgestattete Samuel L. Jackson eigentlich ein lächerliches Bösewichte-Duo abgeben. Natürlich hilft der Einsatz von britischen Elite-Darstellern wie Michael Caine, Colin Firth und Mark Strong (als Merlin, dem «Q» der Kingsmen), aber dennoch ist es beachtlich, wie unterhaltsam «Kingsman» daherkommt. Während Daniel Craig als 007 eher tiefere Jahrgänge bei der Stange hält, bekommt nun auch die Jugend ihr Agenten-Idol. «Kingsman» hat das Zeug zur Erfolgsreihe.

«Kingsman: The Secret Service» läuft ab 12. März in den Basler Kinos Capitol und Pathé Küchlin.

Weitere Filmstarts in Basel am 12. März: Cinderella, La famille Bélier, Leviathan.

Will Smith und die Verlockungen

Fabian Kern am Mittwoch, den 4. März 2015

«Focus» läuft ab 5.3. im Küchlin.

«Focus» läuft ab 5. März im Küchlin und im Rex.

Geld und Frauen, Frauen und Geld. Das sind jene Verlockungen, bei denen Mann Prinzipien und Vernunft in den Wind schlägt. Nicky Spurgeon (Will Smith) passiert das nicht. Der Sprössling einer berüchtigten Betrüger-Dynastie hat sich ein eigenes KMU aufgebaut, wenn es darum geht, ahnungslosen Bürgern an Grossanlässen das Geld aus der Tasche zu ziehen – sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn. Ob Taschendiebstahl, Skimming oder falsches Glückspiel, die Opfer sind Nickys Fertigkeiten gegenüber ahnungs- und machtlos. In dieses absolut gewinnorientierte Unternehmen hineinzukommen, schaffen nur die Besten. Als die ambitionierte Anfängerin Jess (Margot Robbie) Nicky bei einem dilettantischen Betrug kennenlernt, möchte sie unbedingt von ihm ausgeblidet werden. Bei einem grossen Fischzug rund um den Superbowl in New Orleans überzeugt die Schöne den Meister von ihren flinken Fingern. Jess kommt aber weiter ins Team hinein als alle anderen, denn Nicky kann ihren Reizen nur eine bestimmte Zeit widerstehen und wird seinem Prinzip untreu, das er von seinem Vater gelernt hat: «Es ist kein Platz für die Liebe in diesem Geschäft. Sie kann dich umbringen.» Doch sind seine Gefühle wirklich echt oder ist Jess nur Teil einer seiner Betrügereien?

Eine Bekanntschaft mit Zukunft?

Eine Bekanntschaft mit Zukunft?

Offensichtlich stimmt es auch im privaten Bereich.

Offensichtlich stimmt es auch im privaten Bereich.

Wer kann dieser Frau widerstehen?

Welcher Mann kann dieser Frau widerstehen?

Die Handlung von «Focus» kann man schnell unterschätzen. Immer wieder ertappt man sich beim Glauben, die verschiedenen Wendungen zu durchschauen, immer wieder wird man eines Besseren belehrt. Genauso wie Jess kann sich auch der Zuschauer nie ganz sicher sein, was echt ist und was gespielt. Ist das nun eine Liebeskomödie oder ein ernsthafter Gaunerfilm? Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, was gleichzeitig Stärke und Schwäche des Streifens von Glenn Ficarra und John Requa (die Schreiber von «Crazy, Stupid, Love») ist. So ist «Focus» ebenso leichtfüssig wie leichtgewichtig, so unterhaltend wie harmlos. Der Spannungsbogen hält einigermassen, weil man nicht weiss, wohin die Geschichte steuert. Die bis ins Detail aufgelösten Betrügereien sind absolut kreativ, der Cast reizvoll. Der 46-jährige Superstar Will Smith und der 24-jährige Shootingstar Margot Robbie («The Wolf of Wall Street») als ständig flirtendes Paar ist eine gewagte Kombination, die aber gar nicht so schlecht funktioniert. Ergänzt werden die beiden Eyecatcher durch Rodrigo Santoro («300», «The Last Stand»), Routinier Gerald McRaney («House of Cards) sowie den fülligen Spassmacher Adrian Martinez («American Hustle»). Abgerundet wird das bunte Gesamtpaket von den attraktiven Drehorten New Orleans und Buenos Aires. Kurzweilige Unterhaltung ist garantiert, einen bleibenden Eindruck hinterlässt der Streifen aber nicht, denn so raffiniert wie zum Beispiel die diebischen Magier in «Now You See Me» ist auch Nicky nicht. Am Ende des Tage ist ist auch er nur ein Mann.

«Focus» läuft ab 5. März 2015 in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Weitere Filmstarts in Basel am 5. März: Chappie, Still Alice, Seventh Son.

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