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Max Bollags persönlichster Fall

Fabian Kern am Dienstag, den 21. Juli 2015

BuchcoverNein, geändert hat er sich nicht. Noch immer kann Max Bollag nicht die Finger von einem Fall lassen, auch wenn es ihn der mürrische Kripochef Neuenschwander zehn Mal verbietet. Vielmehr wird seine Lust am Ermitteln durch Widerstand nur noch mehr angestachelt. Je mehr Leute ihm untersagen, die Nase in eine Angelegenheit zu stecken, umso mehr verbeisst sich der Starreporter des Liestaler «Tagblatt» in einen Fall. Und in diesem neusten Fall, dem dritten seit seiner Erschaffung durch den Baselbieter Krimiautor Rolf von Siebenthal, ist der Widerstand so gross wie noch nie.

Dass der eigentlich in Freundschaft verbundene Neuenschwander nicht möchte, dass Bollag mit seiner vorwitzigen Nase in einem Mordfall herumschnüffelt, ist schon Tradition in den Liestaler Krimis. Doch mit dem Ersten Staatsanwalt Matthias Baumann und dem neuen Tagblatt-Verleger Franz Heusser erwachsen dem Journalisten mächtige Feinde, die durch selbstsüchtige Motive angetrieben werden. Baumann möchte den Erzfeind aus Jugendzeiten um jeden Preis hinter Gitter bringen, und Ständerat Heusser ist scharf auf den Bundesratssitz von Bollags Lebensgefährtin Petra Mangold, weshalb das Tagblatt plötzlich eine Hetzjagd auf seinen eigenen Reporter inszeniert. Denn Bollag ist unter Mordverdacht.

Rolf von Siebenthal (Jg. 1961) ist selbstständiger Journalist und Texter.

Rolf von Siebenthal (Jg. 1961) ist selbstständiger Journalist und Texter. (Bild: Lucian Hunziker)

Das wäre dem ehemaligen Bundeshauskorrespondent im Grunde egal, aber nicht in diesem Fall. Denn ermordet wurde mit Tanja Schneider seine Kollegin und Freundin, der er sich als Mentor eng verbunden fühlte. Den Täter zu überführen, das ist er ihr schuldig. In seinen Ermittlungen zu Schneiders Tod – ihre Leiche wurde ihn ihrem Auto im Allschwiler Weiher gefunden – findet er Unterstützung durch die junge Tagblatt-Volontärin Rebecca Tobler. Das ist umso wichtiger, weil Mangold ausgerechnet jetzt von ihrem Regierungsamt überfordert ist und gar keine Zeit für ihren Liebhaber hat. Also stürzt sich Bollag umso wilder in die Arbeit, immer auf der Hut vor der Polizei. Eine Spur führt zur letzten Geschichte, die Schneider recherchierte: Versicherungsbetrug durch absichtlich herbeigeführte Autounfälle. Doch liegt darin wirklich der Grund für ihre Ermordung?

Von Siebenthal bleibt seinem Stil treu. Von Kapitel zu Kapitel springt er von einer Figur zur anderen und erzählt aus deren Perspektive. Das hält den Leser bei der Stange, das Buch liest sich in Windeseile. Ebenso wird der Schatz an Baselbieter Schauplätzen immer reicher. Diesmal kommt vor allem das Unterbaselbiet zum Zug, was Spass macht, wenn man sich in der Region auskennt. Dennoch hätten zwanzig, dreissig Seiten mehr nicht geschadet. Der Streit zwischen dem starrköpfigen Bollag und Petra Mangold ist sehr schnell und ohne grosse Diskussionen beigelegt, und auch einige andere Handlungsstränge sind nicht abgeschlossen. Schade ist auch, dass Bollags ehemaliger Intimfeind Rieder, der inzwischen zum Chefredaktor des Tagblatts aufgestiegen ist, keine aktive Rolle mehr spielt. Dafür hat von Siebenthal den einen oder anderen erfrischenden Twist eingebaut.

Vielleicht sind die kleinen Abstriche dem strengen Jahresrhythmus geschuldet, den sich der Autor auferlegt hat – welcher wiederum beim Leser höchst willkommen ist. Denn nichtsdestotrotz ist «Schlagzeile» dringend zu empfehlen und für die Stammleserschaft ohnehin Pflichtlektüre.

Rolf von Siebenthal: Schlagzeile. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2015. 280 Seiten, ab Fr. 13.20.

Die weiteren Bollag-Krimis: Schachzug (2013), Höllenfeuer (2014).

«Bruce Banner ist ein Weichei»

Fabian Kern am Donnerstag, den 23. April 2015

«Avengers: Age of Ultron» läuft ab 23.4. in Capitol, Küchlin und Rex.

«Avengers: Age of Ultron» läuft ab 23.4. in Capitol, Küchlin und Rex.

Superhelden-Fans weltweit haben sich den 23. April dick in ihrer Agenda angestrichen. Endlich kommt die Fortsetzung des Mega-Blockbusters von 2012 in die Kinos. Das Ergebnis ist grösser und teurer, so wie der natürliche Auftrag an Fortsetzungen von derartigen Kalibern aussieht: lauter, spektakulärer und mit nochmals massiv erhöhtem Materialverschleiss. Die Schauplätze werden mit Südafrika, Südkorea und Europa internationaler, die Avengers erhalten nach dem Zusammenbruch von S.H.I.E.L.D. ein neues supermodernes Hauptquartier in New York, und neue Superhelden werden ins Avengers-Universum eingeführt. Während Hydra-Bösewicht Baron Strucker (Thomas Kretschmann) in irgendeinem fiktiven osteuropäischen Staat die Vernichtung der Welt plant, hat sich Tony Stark (Robert Downey jr.) nach der Schlacht von New York zum Mastermind der Avengers entwickelt. Zusammen mit Bruce Banner (Mark Ruffalo) kreiert er «Ultron», ein Abwehrsystem, das die Erde vor weiteren ausserirdischen Angriffen schützen soll. Leider aber wird das Projekt zum Bumerang, denn Ultron entwickelt ein böses Eigenleben, macht sich alle Ressourcen von Stark Industries zu eigen und wird zum mächtigen Gegenspieler der Avengers. So viel zur Story, die selbstredend nur Nebendarstellerin ist. «Avengers: Age of Ultron» lebt von den starken Figuren. Aber wer ist denn nun der Coolste der Superhelden-Crew? Ein Streitgespräch zwischen Schlaglicht-Redaktor Fabian Kern und BaZ-Online-Praktikant Serkan Abrecht zeigt, dass das gar nicht einfach ist.

Ohne Superkräfte: Hawkeye.

Ohne Superkräfte: Hawkeye (Jeremy Renner).

Abrecht: Eigentlich ist Hawkeye charakterlich am coolsten, weil er diesmal als Einziger einen bodenständigen, menschlichen Hintergrund erhält. Und vielleicht auch der einzig ernst zu nehmende Charakter ist.

Kern: Das stimmt, auch hinsichtlich Mut. Schliesslich sind er und Black Widow die Einzigen, die keine Superkräfte besitzen. Insofern ist ihr Risiko im Kampf gegen all die Roboter und Ausserirdischen grösser als das der Anderen. Wer aber gar nicht geht, ist der humorlose Captain America, oder?

Abrecht: Stimmt! In seinem Latex-Anzug sieht er trotz seiner Muskeln einfach nur tuntig aus.

Kern: Und seine moralin-schwangeren Einwände nerven nur. Ein Glück, gibt es da noch den zynischen Gegenpol Tony Stark aka Iron Man…

«Lusche mit Schild»: Captain America (Chris Evans).

«Lusche mit Schild»: Captain America (Chris Evans).

Abrecht: Ja, ansonsten wäre diese Lusche mit Schild gar nicht zu ertragen. Bei Iron Man habe ich allerdings das Problem mit der zeitlichen Einordnung: Im dritten Teil seiner eigenen Serie hat Tony Stark schliesslich mit Iron Man abgeschlossen und seine ganze Infrastruktur in Schutt und Asche gelegt…

Kern: Ja, das geht nicht ganz auf, denn «Avengers 2» muss zeitlich nach «Iron Man 3» angelegt sein… Aber egal, das wissen vielleicht die Marvel-Hardcore-Fans. Wir sind vom Thema angekommen. Was hältst du von Tony Stark?

Abrecht: Er ist immer noch zynisch, selbstherrlich und dreist, aber ein wenig zum Idealist geworden. Er lädt sich die Verantwortung für die Menschheit auf, das passt nicht so ganz zu seinem alten Ego.

Cooles Duo mit Nerd: Thor (Chris Hemsworth), Tony Stark (Robert Downey jr.) und Captain America.

Cooles Duo mit Nerd: Thor (Chris Hemsworth), Tony Stark (Robert Downey jr.) und Captain America.

Kern: Dennoch ist er immer noch sehr cool, auch wenn ich nicht so auf Roboter als Superhelden stehe. Ich finde halt auch Chris Hemsworth als Thor Weltklasse.

Abrecht: Stimmt. Für mich sieht er wie ein Zimmermann auf intergalaktischer Walz aus. Er ist fast eher die moralische Instanz als Captain America, auch weil man den göttlichen Hammermann einfach ernster nehmen kann als den anderen. Den posttraumatischen Kriegsveteran nehmen ja nicht einmal die anderen Avengers ernst. Zu etwas anderem: Was mich grundsätzlich stört, ist, dass alle immer miteinander sprechen können, egal in welcher Sphäre sie sich gerade aufhalten.

Kern: Tony Stark wird wohl irgend ein revolutionäres Funksystem entwickelt haben, das für uns Normalsterbliche viel zu kompliziert ist, um es überhaupt zu erklären. Aber du schweifst schon wieder ab. Ich tu mich schwer mit Hulk. Er ist viel zu unbeherrscht, um ein Avenger zu sein.

Grüne Schale, weicher Kern: Hulk (Mark Ruffalo).

Grüne Schale, weicher Kern: Hulk (Mark Ruffalo).

Abrecht: Ich finde die brachiale Gewalt von Hulk faszinierend. Er zerstört eine halbe Stadt, ohne dass ihn jemand daran hindern könnte. Nun hat Tony Stark ja sogar eine spezielle Iron-Man-Rüstung gebaut, um Hulk zu stoppen, aber auch diese hilft nichts. Nur Natasha Romanoff hat einen Zugang zu dem Biest. Bruce Banner allerdings ist ein Weichei. Dass er nicht beim kleinsten Flirt über Scarlett Johannsson herfällt, ist unrealistisch.

Kern: Ja, Bruce Banner. Der ist halt der klassische Wissenschaftler, Kopfmensch durch und durch – eben das pure Gegenteil von Hulk. Aber du gibst das Stichwort, bei dem jeder Mann ins Schwärmen gerät: Black Widow. Ja, als Frau hat man es einfach, die coolste Figur zu wählen!

Schlagende Argumente: Black Widow (Scarlett Johannsson).

Schlagende Argumente: Black Widow (Scarlett Johannsson).

Abrecht: Sie hat nur schlagende Argumente: Sie ist im Nahkampf nicht zu bezwingen, fährt die coolsten Motorräder und trägt die schnittigsten Outfits…

Kern: …die aber nicht jedem stehen. Dich möchte ich jedenfalls nicht im Latex-Anzug mit Decolleté sehen… Wenn wir also zusammenfassen: Wer ist denn nun der Coolste? Ich lege mich fest: Thor.

Abrecht: Für mich ist es Hawkeye. Den haben sie sehr aufgewertet. Und was hältst du von Ultron als Bösewicht?

Kern: Wie bei den Helden tue ich mich auch bei Bösewichten schwer mit Maschinen. Sie haben ihm zwar versucht, Ultron menschliche Züge zu verleihen, aber dennoch war Loki im ersten Teil in einer ganz anderen Liga unterwegs.

Charakterloser Bösewicht: Ultron (James Spader).

Charakterloser Bösewicht: Ultron (James Spader).

Abrecht: Nein, an Loki kommt Ultron niemals heran. Er ist ein wenig wie der nervige Computer in «Matrix». Der hatte auch keinen Charakter.

Kern: Ja, das kühle, logische Böse lässt einen eher kalt. Wohl auch deshalb fällt der zweite Teil etwas gegenüber dem ersten ab.

Abrecht: Ja, «Age of Ultron» ist ein guter Action-Science-Fiction-Film, aber nicht so kultig wie das Original.

«The Avengers: Age of Ultron» läuft ab 23. April 2015 in den Basler Kinos Capitol, Pathé Küchlin und Rex.

Weitere Kinostarts in Basel am 23. April: Big Eyes, Ex Machina, Das Deckelbad, Viktoria: A Tale of Grace and Greed.

Carl Mørck auf Abwegen

Fabian Kern am Dienstag, den 21. April 2015

BuchcoverKopenhagen ist das Revier von Carl Mørck. In der dänischen Grossstadtfühlt sich der Ermittler wohl. Oder zumindest so wohl, wie sich der mürrische Carl Mørck eben fühlen kann. Von seinem ungeliebten Chef in den Keller des Polizei-Dezernats verbannt, ist er froh, wenn er in Ruhe gelassen wird, ungestört rauchen kann und auch mal die Füsse für ein kleines Nickerchen auf seinem Schreibtisch platzieren kann. Entsprechend harsch reagiert der Leiter des Sonderdezernats Q, das sich alten ungelösten Fällen widmet, als ihn der Hilferuf eines verzweifelten Kollegen von der Insel Bornholm erreicht. Weil der Polizist kurz nach der telefonischen Abfuhr bei seiner Pensionierungsfeier vor all seinen Kollegen Selbstmord begeht, wird es sogar Mørck mulmig. Motiviert von seiner schrägen Truppe, der schrillen Rose, dem syrischen Immigranten Assad und dem rückgratlosen Gordon, muss der Chef sein gewohntes Terrain verlassen und auf die Insel vor der Südspitze Schwedens fliegen, wo er selbst aufgewachsen ist.

Dänische Exklave: Die Insel Bornholm.

Dänische Exklave: Die Insel Bornholm.

Dummerweise lässt sich dieser Ausflug auch noch mit der Beerdigung seines nervigen Cousins Ronny verbinden, womit Mørck endgültig die Ausreden ausgehen, seine Eltern mal wieder zu besuchen. Der Fall selbst scheint aussichtslos. Der Todesfall einer jungen Frau, die kopfüber in einem Baum hing, wurde als Autounfall mit Fahrerflucht ad acta gelegt. Der Polizist wollte das nicht glauben und war sein restliches Leben besessen von der Jagd nach dem Phantom. Zahllose Fährten hat er aufgenommen, die nun das Sonderdezernat mühselig sichten und aufarbeiten müssen. Dennoch zeichnet sich bald eine schwache Spur zu einem charismatischen Mann aus dem Umfeld des Opfers ab.

Bestseller-Autor Jussi Adler Olsen (64).

Bestseller-Autor Jussi Adler Olsen (64).

Jussi Adler-Olsen weiss, wie er seine Stammleserschaft bei der Stange halten kann. Auch im sechsten Teil seiner Erfolgsserie über das Sonderdezernat Q hält er die Spannung mit verschiedenen Handlungssträngen hoch. Einerseits wird parallel zum aktuellen Fall das Schicksal einer jungen Frau aus London aufgerollt, die einer mysteriösen Sonnensekte verfällt. Andererseits treibt er die persönlichen Geschichten der Hauptfiguren voran. Drei Jahre sind seit dem Fall Marco («Erwartung») vergangen, und immer noch weiss Mørck nicht, was Assad, der zu seinem besten Freund geworden ist, für Leichen im Keller hat. Klar ist nur, dass dieser nicht der harmlose Einwanderer ist, für den er sich ausgibt, sondern irgendeine militärische Vergangenheit im Nahen Osten hat. Auch in den «Druckluftnagler-Fall», den traumatischen Erlebnis, das Mørcks Freund Hardy ein Leben im Rollstuhl bescherte und Carl noch immer schwer belastet, kommt plötzlich wieder Bewegung. Schliesslich wäre da noch Mørcks verkorkstes Liebesleben, in welchem er kein Fettnäpfchen auslässt. Er macht einen ersten kleinen Schritt, um seine grosse Liebe, die Psychologin Mona Ibsen, zurück zu gewinnen.

All diese Ingredienzien lassen das Urteil erahnen. Adler-Olsen hat nach dem etwas harzigen fünften Buch zu seinem gewohnt rasanten Erzählstil, gewürzt mit viel trockenem Humor, zurückgefunden. Die schlechte Nachricht ist gleichzeitig die gute: Alle Geheimnisse werden noch nicht gelüftet – nach der letzten Seite geht sofort das Warten auf Band sieben los.

Jussi Adler-Olsen: Verheissung – Der Grenzenlose. Thriller. dtv Verlag. München, 2015. 596 Seiten, ca. 23 Franken.

Die Bände 1 bis 5 der Thriller-Serie: Erbarmen – Die Frau im Käfig (2007), Schändung – Die Fasanenmörder (2008), Erlösung – Flaschenpost von P (2009), Verachtung – Akte 64 (2010), Erwartung – Der Marco Effekt (2012).

Al Pacinos Erbe und Hollywoods Frau der Stunde

Fabian Kern am Mittwoch, den 8. April 2015

«A Most Violent Year» läuft ab 9.4. im Küchlin.

«A Most Violent Year» läuft ab 9.4. im Küchlin und im Rex.

80er-Nostalgiker sind gerade in Hollywood weit verbreitet. Auf eine ganz dunkle Ecke dieses Jahrzehnts richtet nun aber Regisseur J. C. Chandor seinen unerbittlichen Fokus. Auf 1981, das Jahr mit der bis heute höchsten Kriminalitätsrate in der Geschichte von New York City. Die Metropole an der amerikanischen Ostküste wird erschüttert von Morden, Vergewaltigungen, Überfällen. Auch die Heizöl-Transporter von Abel Morales (Oscar Isaac) werden regelmässig überfallen – und das hat seinen Grund. Der aufsteigende Unternehmer hat soeben das Vorkaufsrecht auf ein strategisch wichtiges Grundstück erworben, das ihn an die Spitze der Branche bringen könnte. Die Verluste aus den Überfällen drohen aber den Kredit zum Platzen zu bringen, weshalb sich Morales entscheiden muss, wie weit er gehen möchte, um sein Lebenswerk zu verteidigen. Er, ein aufrechter Einwanderer, dessen wichtigstes Prinzip immer Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit war.

Abel und der verängstigte Fahrer Julian.

Abel und der verängstigte Fahrer Julian.

Die Fallen sind ausgelegt für Morales. Einerseits sind die Fahrer derart verängstigt, dass die Gewerkschaft darauf besteht, sie zu bewaffnen. Sollte allerdings einer der Fahrer mit einer Pistole jemanden verletzen, dann platzt der Bankkredit. Die Konkurrenz schreckt auch nicht davor zurück, Abels Familie einzuschüchtern. Zudem rückt ihm die Staatsanwaltschaft auf die Pelle und ermittelt wegen Steuerhinterziehung. Abel ist sich seiner weissen Weste sicher, bis ihm seine Frau Anna (Jessica Chastain) gesteht, dass sie schon seit Jahren Gelder auf ein sicheres Konto abzweigt. Abel sieht seinen vorgezeichneten Weg ganz nach oben, den amerikanischen Traum, den er schon sein ganzes Leben lang verfolgt, in höchster Gefahr.

Anna muss die Polizei das Haus durchsuchen lassen.

Anna muss die Polizei das Haus durchsuchen lassen.

Es gibt verschiedene Gründe, sich «A Most Violent Year» anzusehen. Erstens ist die Story von Beginn an packend und vielschichtig – ein intelligenter Thriller, der mit einem Minimum an Action und gänzlich ohne Effekte auskommt. Zweitens hält der Spannungsbogen über die vollen zwei Stunden Spielzeit. Chandor («Margin Call») schafft eine bedrückende, graue Grundstimmung und legt darüber eine dichte, nervenaufreibende Atmosphäre, die einem mit zunehmender Dauer die Luft zu nehmen scheint. Der Zuschauer wird ständig von Fragen belauert: Ist das mehr Drama oder Thriller? Was für ein Ende erwartet mich? Von Bankrott bis Durchbruch, von Selbstzerstörung bis Happy End, von Kampfscheidung bis Familienidylle scheint alles möglich für Abel Morales.

Ausdrucksstarkes Duo: Oscar Isaac und Jessica Chastain.

Ausdrucksstarkes Duo: Oscar Isaac und Jessica Chastain.

Und damit wären wir beim dritten und wichtigsten Argument für diesen Film: den Darstellern. Wem der Name Oscar Isaac nicht viel sagt, dem sei verziehen. Der 35-Jährige Sohn einer guatemaltekischen Mutter und eines kubanischen Vaters, der in Miami aufwuchs hatte, fiel bisher erst durch seine Rolle als fieser Prinz John in Ridley Scotts «Robin Hood» auf, als «Llewyn Davis» der Coen Brothers und vielleicht noch im Schatten von Ryan Gosling in «Drive». Nach «A Most Violent Year» dürfte sich das ändern. Isaac könnte der nächste Al Pacino sein. Mit seinem intensiven Blick und seiner entschlossenen Ausstrahlung wirkt er wie der Sohn der lebenden «Godfather»-Legende. Bei so einer Leistung kann der weibliche Co-Star eigentlich nur verblassen… wenn dieser nicht Jessica Chastain heissen würde. Die Frau gilt seit «Zero Dark Thirty», spätestens aber seit «Interstellar» als die begehrteste Schauspielerin der Traumfabrik. Der ausdrucksstarke Rotschopf – in «A Most Violent Year» für einmal blond –  vereint Charakter, Intelligenz und Sex-Appeal zu einer faszinierenden Mischung, der man sich nicht verschliessen kann. Die beiden verleihen dem Retro-Look den nötigen Glanz. Was also kann ein Film mehr bieten?

«A Most Violent Year» läuft ab 9. April 2015 in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Weitere Kinostarts in Basel am 9. April: Mall Cop 2, Une heure de tranquillité.

Kinder, Kinder

Fabian Kern am Donnerstag, den 26. März 2015

BuchcoverBuchcoverVerbrechen an Kindern sind die schlimmsten überhaupt. Kinder sind unschuldig, haben das ganze Leben vor sich. Vielleicht deshalb sind sie immer wieder Thema in Krimis – ob Buch oder Film. Weil uns diese Fälle besonders erschüttern. Weil wir besonders mit den Ermittlern mitfiebern. Dennoch sind diese Geschichten über Missbräuche nicht jedermanns Sache. Wer selbst Nachwuchs hat, dem können die Fälle auch schon mal zu sehr an die Nieren gehen. Im deutschen Sprachraum, ja sogar im selben Verlag sind kurz hintereinander zwei Krimis zu diesem Thema erschienen: «Kinderland» von Marco Sonnleitner und «Januskinder» von Marcus Richmann. Wir zeigen Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf und sagen, ob sie auch für Eltern empfehlenswert sind.

Die Parallelen

Die Gemeinsamkeiten beginnen schon bei den Autoren. Sowohl der Bayer Sonnleitner als auch der Zürcher Richmann legen mit diesen Romanen ihren zweiten Krimi vor, beide Erstlinge erschienen im Jahr 2013 («Blutzeugen» bzw. «Engelschatten»). Beide setzen in ihrem aktuellen Werk auf Missbräuche an Kindern. Entsprechend tief sind die menschlichen Abgründe, in welche die Ermittler mit Grausen blicken müssen. «Kinderland» beginnt mit dem Fund eines Kinderfingers im Bauch eines Fischs, der in der Küche der Hauptfigur aufgeschlitzt wird, kurz darauf findet man den Rest der Leiche in einem See. Richmann geht sogar noch weiter und schockiert mit dem Fund eines erfrorenen Säuglings auf einer Baustelle in Zürich.

Die Unterschiede

Wurzeln in Georgien und Russland: Autor Marcus Richmann.

Wurzeln in Georgien und Russland: Roman- und Drehbuchautor Marcus Richmann.

Ehemaliger Gymnasiallehrer, Autor von 25 Bänden «Die drei ???»: Der Münchner Marco Sonnleitner (Jg. 65).

Ehemaliger Gymnasiallehrer, Autor von 25 Bänden «Die drei ???»: Der Münchner Marco Sonnleitner (Jg. 65).

Damit wären wir bereits bei den Unterschieden. Denn die Geschichten entwickeln sich in völlig andere Richtungen. Im urbanen Zürich werden immer wieder Babys entführt, ohne dass eine Lösegeldforderung folgen würde oder sonst ein Konzept ersichtlich wäre. Südlich von München, in der ländlichen Umgebung des Starnberger Sees hingegen deuten die Entführungen von Kindern zwischen fünf und zehn Jahren schon bald einmal auf einen Kinderhändlerring hin. Auch die Protagonisten sind höchst unterschiedlich. Bartholomäus Kammerlander (welch ein Name!) ist ehemaliger Kriminalkommissar und führt im beschaulichen Berg am Starnberger Sees ein Hotel. Er wird von seinen ehemaligen Kollegen der Kripo München immer dann um Hilfe angefragt, wenn ein besonders kniffliger Fall ansteht. Er ist glücklich verheiratet, trägt aber ein dunkles Geheimnis von einem Fall in den USA, als ihm ein Serienmörder entwischte, mit sich herum.

Demgegenüber ist das Leben von Maxim Charkow von der Kantonspolizei Zürich weniger geordnet. Der Polizist georgisch-russischer Abstammung steht in der Lebensmitte und hat ein Problem mit Liebesbeziehungen. Gerade hat er sich von einer Psychologin getrennt, mit der er aber beruflich zusammenarbeiten muss. Seine Seelenverwandte ist aber eine Pathologin, deren Freundschaft er aber nicht zugunsten einer romantischen Beziehung aufs Spiel setzen möchte, obwohl er weiss, dass sie in ihn verliebt ist. Dass er im Laufe der Ermittlungen im Rotlicht-Milieu auch noch auf eine attraktive russische Clubbesitzerin trifft, die heftig mit ihm flirtet, macht die Sache auch nicht einfacher.

Auch die Erzählstruktur weist Differenzen auf. Sonnleitner setzt auf einen in Deutschland verbreiteten Krimi-Stil, bei dem er immer zwischen Täter- und Ermittler-Perspektive wechselt. Dadurch hält er den Leser bei der Stange. Richmanns Roman hingegen nimmt langsamer Fahrt auf, wird aber immer schneller, dichter und nimmt unerwartete Wendungen. Er installiert viele flankierende Erzählstränge, was den Nebenfiguren mehr Gewicht gibt.

Das Fazit

Sonnleitners «Kinderland» ist gradliniger und dank des bayrischen Humors etwas heller in der Grundstimmung als «Januskinder». Richmann schafft eine etwas trostlose Atmosphäre mit lauter Beziehungen, die keine Zukunft zu haben scheinen. Dafür hat er es sich zur Aufgabe gemacht, in jedem seiner Romane ein Stück dunkler Schweizer Geschichte anzusprechen. Das Thema Missbrauch an Kindern ist gerade für Eltern aber in beiden Fällen sehr schwierig. Zart Besaitete sollten sich überlegen, ob sie es lesen möchten, denn man leidet mit den Angehörigen der Kindern mit, auch wenn es nur Fiktion ist. Die Entscheidung ist hart, denn auf die Begleitung der tollen Figuren Kammerlander und Charkow möchte man eigentlich nicht verzichten. Und die Fortsetzung derer persönlicher Geschichten zeichnet sich deutlich ab. Kammerlander muss sein Trauma verarbeiten und Charkow endlich zu seiner grossen Liebe findet. Deshalb: Augen zu und durch. Denn auch wenn Kinder als Opfer fast nicht zu ertragen sind, sind sie das in der Realität leider immer wieder.

Marco Sonnleitner: Kinderland. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2014. 373 Seiten, Fr. 18.30.

Marcus Richmann: Januskinder. Kriminalroman. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2015. 373 Seiten, Fr. 20.90.

Geheimer als James Bond

Fabian Kern am Mittwoch, den 11. März 2015

«Kingsman» läuft ab 12.3. in Capitol und Küchlin.

«Kingsman» läuft ab 12.3. im Capitol und im Küchlin.

Frage: «Warum nennst du deinen Hund JB? Steht das für James Bond oder für Jason Bourne?» Antwort: «Für Jack Bauer.» Dieses kurze Gespräch zwischen Arthur (Michael Caine) und Gary «Eggsy» Unwin (Taron Egerton) zeigt: Eggsy ist nicht in eine Schublade zu stecken. Er selbst kämpft mit dem Label «Unterschicht», das ihm auf der Stirn zu kleben scheint. Von seinem jähzornigen und handgreiflichen Stiefvater klein gehalten, hat er die Hoffnung auf eine anständige Zukunft aufgegeben. Stattdessen schlägt sich der eigentlich überdurchschnittlich intelligente junge Mann mit dumpfen Kleinkriminellen herum – bis ein Mann im feinen Zwirn auftaucht, mit Schirm und Charme. Nur die Melone fehlt für die Anlehnung an einen britischen Agenten-Klassiker. Aber vielleicht wird «Kingsman: The Secret Service» ja selbst zum modernen Klassiker.

Mentor und Schützling: Galahad und Eggsy

Mentor und Schützling: Galahad und Eggsy.

Dem Mann ist Eggsy schon einmal begegnet. Als kleiner Junge kam der Mann zu ihm nach Hause und teilte ihm und seiner Mutter mit, sein Vater sei als Held im Geheimdienst gestorben. Als Erinnerung erhält Eggsy ein Amulett mit einer eingravierten Nummer, die er wählen soll, wenn er Hilfe braucht. Als er in Untersuchungshaft sitzt, setzt Eggsy den einen erlaubten Telefonanruf dazu ein, diese Nummer zu wählen und ist im Handumdrehen frei. Aber nicht ohne Bedingung: Harry Hart alias Galahad (Colin Firth) möchte ihn zu den Eintrittsprüfungen zu «Kingsman» aufbieten. Das ist eine so geheime Organisation, dass sie nicht einmal die internationalen Geheimdienste kennen. «Wir sind die Ritter unserer Zeit», erklärt Arthur, der Vorsitzende der an die König-Arthur-Sage angelehnten Tafelrunde. Die Anzug und Krawatte sind die Rüstungen der modernen Kreuzritter, der Schirm ihr Schild und die Pistole ihr Schwert. Weil Lancelot (Jack Davenport) dem ebenso genialen wie grössenwahnsinnigen Technik-Genie Richmond Valentine (Samuel L. Jackson) zum Opfer gefallen ist, braucht die Tafelrunde Nachwuchs. Im harten Casting auf einem alten englischen Landsitz muss sich Eggsy deshalb erst einmal gegen die aristokratische Elite durchsetzen, bevor er die Welt retten kann.

Auf ein Gläschen mit dem Chef: Eggsy und Arthur.

Ein Gläschen mit dem Chef: Eggsy und Arthur.

Matthew Vaughn («Kickass», «X-Men: First Class») versucht mit «Kingsman» nichts weniger als einen Spagat: einen Agentenfilm, der Action, Thriller und Komödie vereint. Ein hoher Anspruch – dem der Film aber tatsächlich gerecht wird. «Kingsman» hätte leicht ins Lächerliche abgleiten können, mit dem steifen Colin Firth, der dem pöbelnden Nachwuchstalent Taron Egerton Manieren und Biss vermitteln will. Doch Vaughn fügt auch ernste und beinharte Szenen ein, die den Zuschauer überraschen, aber nicht vor den Kopf stossen. Die Inszenierung kommt leichtfüssig und nicht einmal überdreht, obwohl die mit tödlichen Prothesen wirbelnde Sofia Boutella und der mit einem nervigen Lispeln ausgestattete Samuel L. Jackson eigentlich ein lächerliches Bösewichte-Duo abgeben. Natürlich hilft der Einsatz von britischen Elite-Darstellern wie Michael Caine, Colin Firth und Mark Strong (als Merlin, dem «Q» der Kingsmen), aber dennoch ist es beachtlich, wie unterhaltsam «Kingsman» daherkommt. Während Daniel Craig als 007 eher tiefere Jahrgänge bei der Stange hält, bekommt nun auch die Jugend ihr Agenten-Idol. «Kingsman» hat das Zeug zur Erfolgsreihe.

«Kingsman: The Secret Service» läuft ab 12. März in den Basler Kinos Capitol und Pathé Küchlin.

Weitere Filmstarts in Basel am 12. März: Cinderella, La famille Bélier, Leviathan.

Will Smith und die Verlockungen

Fabian Kern am Mittwoch, den 4. März 2015

«Focus» läuft ab 5.3. im Küchlin.

«Focus» läuft ab 5. März im Küchlin und im Rex.

Geld und Frauen, Frauen und Geld. Das sind jene Verlockungen, bei denen Mann Prinzipien und Vernunft in den Wind schlägt. Nicky Spurgeon (Will Smith) passiert das nicht. Der Sprössling einer berüchtigten Betrüger-Dynastie hat sich ein eigenes KMU aufgebaut, wenn es darum geht, ahnungslosen Bürgern an Grossanlässen das Geld aus der Tasche zu ziehen – sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn. Ob Taschendiebstahl, Skimming oder falsches Glückspiel, die Opfer sind Nickys Fertigkeiten gegenüber ahnungs- und machtlos. In dieses absolut gewinnorientierte Unternehmen hineinzukommen, schaffen nur die Besten. Als die ambitionierte Anfängerin Jess (Margot Robbie) Nicky bei einem dilettantischen Betrug kennenlernt, möchte sie unbedingt von ihm ausgeblidet werden. Bei einem grossen Fischzug rund um den Superbowl in New Orleans überzeugt die Schöne den Meister von ihren flinken Fingern. Jess kommt aber weiter ins Team hinein als alle anderen, denn Nicky kann ihren Reizen nur eine bestimmte Zeit widerstehen und wird seinem Prinzip untreu, das er von seinem Vater gelernt hat: «Es ist kein Platz für die Liebe in diesem Geschäft. Sie kann dich umbringen.» Doch sind seine Gefühle wirklich echt oder ist Jess nur Teil einer seiner Betrügereien?

Eine Bekanntschaft mit Zukunft?

Eine Bekanntschaft mit Zukunft?

Offensichtlich stimmt es auch im privaten Bereich.

Offensichtlich stimmt es auch im privaten Bereich.

Wer kann dieser Frau widerstehen?

Welcher Mann kann dieser Frau widerstehen?

Die Handlung von «Focus» kann man schnell unterschätzen. Immer wieder ertappt man sich beim Glauben, die verschiedenen Wendungen zu durchschauen, immer wieder wird man eines Besseren belehrt. Genauso wie Jess kann sich auch der Zuschauer nie ganz sicher sein, was echt ist und was gespielt. Ist das nun eine Liebeskomödie oder ein ernsthafter Gaunerfilm? Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, was gleichzeitig Stärke und Schwäche des Streifens von Glenn Ficarra und John Requa (die Schreiber von «Crazy, Stupid, Love») ist. So ist «Focus» ebenso leichtfüssig wie leichtgewichtig, so unterhaltend wie harmlos. Der Spannungsbogen hält einigermassen, weil man nicht weiss, wohin die Geschichte steuert. Die bis ins Detail aufgelösten Betrügereien sind absolut kreativ, der Cast reizvoll. Der 46-jährige Superstar Will Smith und der 24-jährige Shootingstar Margot Robbie («The Wolf of Wall Street») als ständig flirtendes Paar ist eine gewagte Kombination, die aber gar nicht so schlecht funktioniert. Ergänzt werden die beiden Eyecatcher durch Rodrigo Santoro («300», «The Last Stand»), Routinier Gerald McRaney («House of Cards) sowie den fülligen Spassmacher Adrian Martinez («American Hustle»). Abgerundet wird das bunte Gesamtpaket von den attraktiven Drehorten New Orleans und Buenos Aires. Kurzweilige Unterhaltung ist garantiert, einen bleibenden Eindruck hinterlässt der Streifen aber nicht, denn so raffiniert wie zum Beispiel die diebischen Magier in «Now You See Me» ist auch Nicky nicht. Am Ende des Tage ist ist auch er nur ein Mann.

«Focus» läuft ab 5. März 2015 in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Weitere Filmstarts in Basel am 5. März: Chappie, Still Alice, Seventh Son.

Leichen-Leo in Hochform

Fabian Kern am Montag, den 2. März 2015

BuchcoverTalente gibt es viele. Eine gar aussergewöhnliche Gabe besitzt Polizeiobermeister Leonhard Kreuthner. Seinen Spitznamen «Leichen-Leo» hat er sich redlich verdient, denn wenn immer im bayrischen Landkreis Miesbach jemand zu Tode kommt, ist Kreuthner derjenige, der die sterblichen Überreste findet. Ein Leichenfund an sich ist schon gruselig genug, aber diesmal geht sogar der hartgesottene Kreuthner der Allerwerteste auf Grundeis, denn der Polizist, der es selbst mit dem Gesetz nicht immer ganz genau nimmt, ist selbst in den Fall verwickelt. Er hat das betrunkene Opfer mit Kollegen als Strafe für eine Wettschuld selbst in dessen Auto in einen Fluss gesetzt – am nächsten Morgen ist der Bestattungsunternehmer tot.

Doch damit nicht genug im sonst eigentlich beschaulichen Miesbach. Eine junge Frau verschwindet, ihr Auto wird später in der Wolfsschlucht gefunden – aufgespiesst von einem Maibaum. Auch das riecht wieder verdächtig nach Kreuthner, zumindest der Maibaum-Aspekt. Damit aber nicht genug, denn die beiden Fällen weisen nach Aufnahme der Ermittlungen immer mehr Berührungspunkte auf, zu viele, als dass sie nicht zusammenhängen könnten. Kripo-Kommissar Clemens Wallner ist gefordert, und dabei hat er doch schon an der Trennung von seiner Frau Vera zu knabbern und mit seinem Grossvater Manfred ohnehin genug am Hals. Der rüstige Senior hat auch im reifen Alter von 84 Jahren immer noch viele Flausen im Kopf und hält die Polizei auf Trab. Manfreds Schwäche für das weibliche Geschlecht ist im ganzen Dorf bekannt, doch im Falle der attraktiven «Hexe» Stefanie Lauberhalm scheint mehr dahinter zu stecken. Was geht da nur vor in Miesbach?

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Andreas Föhr (Jg. 1958) schreibt auch Drehbücher für TV-Krimis.

Gewisse Formate nutzen sich ab. Bei der einen oder anderen Krimiserie wäre nicht verkehrt, wenn man sie auch mal abschliessen und gut sein lassen würde. Nicht so bei Andreas Föhrs Tegernsee-Krimis, die der gelernte Jurist im Jahrestakt herausgibt. Die verschlingt man innert weniger Stunden und will danach mehr von Wallner, Kreuthner und Co. Der Autor schafft das Kunststück, den Fall und die persönliche Geschichte der Figuren so miteinander zu verstricken, dass beides gleichermassen interessiert. Die Charaktere werden mit nur wenigen Merkmalen so gut skizziert, dass man sofort mit Wallner über seine Kälteempfindlichkeit diskutieren und mit Kreuthner gern die eine oder andere «Halbe» trinken gehen würde. Und das Krimivergnügen leidet überhaupt nicht darunter. Hoffentlich bleibt Miesbach die kriminelle Energie noch lange erhalten. Zumindest in der Fiktion.

Andreas Föhr: Wolfsschlucht. Kriminalroman. Knaur Verlag. München, 2015. 394 Seiten, Fr. 19.45.

Die weiteren Miesbach-Krimis in der richtigen Reihenfolge: Der Prinzessinnenmörder (2011), Schafkopf (2012), Karwoche (2013), Totensonntag (2014).

Silberrücken, Amazonen und eine Unerhörtheit

Joel Gernet am Freitag, den 13. Februar 2015

Da geht was in der Basler Rapszene: Gemeint sind nicht nur die Meisterwerke von Chilz und Zitral, sondern auch zahlreiche Veröffentlichungen der letzten Stunden und Monate – von Vybesbildern bis Samoon. Etwas aber geht gar nicht!

Herausragend: Chilz über den Dächern Basels. (Bild: Screenshot «Swiss Steet Life»)

Herausragend: Chilz über den Dächern Basels. (Bild: Screenshot «Swiss Steet Life»)

Wenn diese beiden Silberrücken Silben spucken, hagelt es Punchlines im Sekundentakt. Chilz und Zitral, beide um die dreissig, beide Teil einer grossen Basler Allstar-Rapcrew, beide seit über eineinhalb Dekaden am Mikrophon – und beide blutige Anfänger in Sachen Solo-Album. Das Warten hat sich gelohnt: Die in Eigenregie realisierten Debüts von Chilz und Zitral ragen aus den Basler Rap-Releases der vergangenen Monate heraus wie der Roche-Turm aus dem Wettstein-Quartier. So weit, dass man sogar in der Restschweiz in die Richtung dieser dopen Basler schielt.

Während Chilz auf «Innere Zirkel» lyrisch mit einer breiten Palette zwischen Wucht und Deepness auftrumpft, dreht sich bei Zitral alles nur um das Eine: «Rapmusig», angerichtet mit einer deftigen Portion Funk und einem Flavour, der seinesgleichen sucht. Zitral tauft sein Album übrigens diesen Samstag, 14. Februar, in der Kaserne Basel.

Beginnen wir den Besprechungs-Marathon bei Chilz, dessen Album «Innere Zirkel» (erhältlich auf Rappartment.ch oder iTunes) im November erschienen ist. Als Mitgründer der Basler Rapcrew K.W.A.T. (Köpf wo andrs tikke) hat der 31-Jährige in den vergangenen Monaten regelmässig bewiesen, dass er ein technisch versiertes Reimemonster ist. Aggressive Punchlines, die Kinnladen in mehrfacher Hinsicht austicken lassen, durchsetzt mit smarter Gesellschaftskritik und Strassenrap-Rhetorik – so kannte man ihn bisher. Zuletzt etwa bei der grossen «Bounce Cypher» auf SRF Virus (ab Min. 11:08).

Die Gretchenfragen beim Solo-Debüt lauten nun: Überzeugt der Protagonist auch abseits seiner Crew? Und kann er den Hörern neue Facetten präsentieren? Ja! Er kann! Auf dem Song «02.01.1984» thematisiert Chilz eindrucksvoll die Suche nach seiner Mutter und bei «Uf mim Pfad» wird schonungslose Selbstanalyse betrieben. Noch mutiger für einen Strassenrapper: Chilz ist sich nicht zu schade für eine Liebeserklärung an die Mutter seiner Kinder («Nr. 1»). Auch diese Fremdschäm-Hürde nimmt er locker und ohne dabei peinlich zu wirken – was auch am unsentimentalen Beat liegt.

Kontraste wie diese machen aus «Innere Zirkel» ein facettenreiches Album, das kaum eine Schattierung auslässt zwischen Gassen-Elend und Familien-Glück. Die textlichen Gegensätze sorgen dafür, dass Zwischentöne noch subtiler wirken – und sie machen bissige Punchline-Songs noch wuchtiger. Etwa bei Bangern wie «Swiss Street Life» oder dem Titeltrack «Innere Zirkel» mit K.W.A.T.-Kumpel Kush. Bewährte Strassenrap-Kost mit deftigen Kopfnicker-Beats, perfekt fürs Autoradio. Elektronisch-experimentell wird es beim Party-Tune «Presslufthammer» und dem sphärisch-obskuren «Anderi Wält».

Einen spannenden Mix von Lokalpatriotismus und Gesellschaftskritik gibts auf der Schweiz(er)-Hymne «Goodman» und dem sehr originellen «Mir wei luege». Ein Song, auf dem Chilz mit Sam (Rapreflex/K.W.A.T.) liebevoll die Baselbieter Macken und die Hassliebe zwischen Stadt- und Landkanton aufs Korn nimmt. Herrlich, wie die beiden im Baselbiet aufgewachsenen Rapper den Spagat zwischen Land-Idylle und Grossstadt-Hustle auf den Punkt bringen! Der differenzierte, selbstironische und kritische Umgang mit «Gangsterrap» steht Chilz gut an und lässt ihn umso authentischer wirken – gerade auch durch die Kontraste und Widersprüche, die das Leben mit sich bringt.

Abgesehen von den K.W.A.T.-Homies kommen die Gastbeiträge von ausserhalb: So geben sich auf «Innere Zirkel» der Zürcher Rapper Steezo, Webba aus Bern und die in Luzern lebende Baselbieter Raplegende Shape MC die Klinke in die Hand. Noch breiter gefächert ist die Sound-Palette: Die Album-Beats stammen von neun verschiedenen Produzenten, von denen das PW-Records-Trio um Jakebeatz, Sandro Purple Green und Manoo das Herzstück bildet. Letztgenannter war auch für die künstlerische Leitung und das herausragende «Swiss Street Life»-Video zuständig.

Die Schwachstelle des Albums ist die schwankende Beatqualität. Stellenweise wirkt die Soundunterlage etwas schmalbrüstig neben dem Powerrap von Silberrücken Chilz. Dieser, das bestätigt sich auf «Innere Zirkel» eindrücklich, präsentiert wie erhofft die geballte Wortwucht. Es sind Boxhiebe eines Bären, durchsetzt mit subtilen Zwischentönen.

Boxhiebe eines Bären – das sind auch die unverschämten Punchlines des Birsfelder Rappers Zitral, der sein Debüt-Album «Rapmusig» (erhältlich bei Rappartment.ch oder auf iTunes) am 14. Februar in der Kaserne Basel tauft. Ansonsten aber kommt der TripleNine-Member ganz anders daher als Chilz: Persönliches? Fehl am Platz! Ein Heer an Produzenten? Nie und nimmer! Dieses Album ist das Gegenteil von vielseitig – und das ist gut so. Denn der Flavour und die Frechheit, mit der Zitral die Musik und sich selber huldigt, wiegt auf, was man bei anderen Rappern schmerzhaft vermissen würde. Ignoranz und Selbstverliebtheit kann so sympathisch sein.

10959843_10205111533020416_7104907161365043374_nHier gilt es anzufügen, dass der Autor nicht aus neutraler Warte schiessen kann: Zitral ist sein Bandkollege bei der Basler Allstarcrew TripleNine. Im Gegenzug kann der Schreibende dem Beschriebenen nach einem gelungenen Rap-Part direkt sagen, dass er ein Arschloch ist. Hurra! Warum? Weil Zitral seine Zeilen so locker aus dem Handgelenk schüttelt, dass jedes gegenüber verdammt alt aussieht.

Zitrals Debut «Rapmusig» ist so etwas wie der Running Gag des Basler Raps: Vor Jahren vollmundig angekündigt, wollte es partout nicht zur Vollendung kommen. Das Album ist quasi die Basler Version von «Detox», dem ominösen Album von US-Rapstar Dr. Dre – dieses wurde 2004 angekündigt, ist aber bis dato nie erschienen. Allerdings hat Zitrals Erstling nun tatsächlich das Licht der Welt erblickt!

Abgesehen von vereinzelten Querschlägern rappt der Birsfelder auf 22 Songs über nichts anderes als Rap. Eigentlich haarsträubend. Aber: Was anderswo zur Tortur wird, entwickelt sich beim 32-jährigen Grossmaul zum Hörgenuss: Die Raps von Zitral sind irrwitzig, tollkühn und unvorhersehbar, verschachtelt oder so genial einfach, dass man sich fragt, warum das bis jetzt noch niemand so straight formuliert hat. Kurz: Beste Unterhaltung auf höchstem Niveau.

Auf Refrains verzichtet Zitral mit Vorliebe, stattdessen erhalten sein Stuuberocker-Bandkumpel DJ Freak und Brandhärd-Plattendreher Johny Holiday viel Platz für ihre Scratch-Orgien. Für den roten Faden sorgt TripleNine-Hausproduzent SimonAyEm, mit dem Zitral seit 1998 als kongeniales Duo funktioniert. Der Basler Sample-King hat sämtliche Album-Beats auf seinem MPC-Sequencer zusammengeschustert. Beats, wie massgeschneidert für Funklord Zitral. Die rappenden Gäste auf «Rapmusig» sind wohldosiert und umso effektvoller: Neben dem Berner Alleskönner Greis (Chlyklass) sind dies Zitrals TripleNine-Kumpel Abart, Cinzoman und SimonAyEm.

Knochentrockene Drumsets, gepaart mit herzerwärmenden Funk-, Soul- und Jazzsamples, gelegentlich mit obskuren Untertönen. In seiner Gesamtheit ergibt das eine HipHop-Platte im Vibe des amerikanischen Eastcoast-Rap der 90er Jahre. Zitral ist so zeitlos, dass er der Zeit fast schon wieder voraus ist.

Natürlich sind die überragenden Solo-Alben von Chilz und Zitral nicht die einzigen Basler Rap-Releases der vergangenen Monate. Deshalb hier ein kurzer alphabetischer Überblick über die jüngsten Releases von Abart, Dritte Stock, E-Light, Einzelgänger, Jean Deig und Samoon.

Zuvor unterbrechen wir das Programm aber kurz für eine soeben eingetroffene Sondermeldung; Heute Freitag, 13. Fabruar, haben sechs Ladies aus der Region via Soundcloud die Free-EP «Skillz on Fire» lanciert. Der Zusammenschluss der Rap-Amazonen nennt sich Vybezbilder und umfasst mit Nefera, Bina, Sista Lin, Merl, Luana und Pearlbeatz praktisch jede Basler Rapgeneration. Zusammengefunden haben die Damen bei Black Tigers 83-Minuten-Monster «1 City 1 Song».

Zurück zum alphabetisch angeordneten Release-Programm der vergangenen Monate: Neben Zitral war auch dessen Bandkumpel Abart alles andere als untätig. Klar! Dieser hat schliesslich den Titel als produktivster TripleNiner zu verteidigen. «Zur Sunne und zrugg» (ZSUZ) heisst der Gratis-Release, veröffentlicht im Dezember via Soundcloud. Die EP umfasst vier Songs und ein Thema: Hier wird eine Beziehung vom Verlieben bis zum bitteren Ende seziert. Persönlich, ehrlich und solid, untermalt mit Beats von Silenus, dem jüngsten TripleNine-Zuwachs. Das gemeinsame Projekt 787 hat inzwischen konkrete Formen angenommen. Bevor es soweit ist, lanciert aber Abart bald seine neuste Free-EP «Schädel». Soviel zum Thema aktivster TripleNiner.

Seit Herbst im Umlauf ist das auf Mundart und Englisch gehaltene Debut-Album «Dritti Art» (Free-Download) des jungen Basler Trios Dritte Stock um MicG, InteLekt und Mastermind Sherry-Ou. Dieser ist bereits bei der letzten Staffel des Swiss Video Battle Turniers positiv aufgefallen. Im Kreis der Crew wird sein Talent noch offensichtlicher: Sherry-Ou rappt so rund wie sein Name klingt. Seine Kumpel hingegen holpern phasenweise etwas gar hölzern durchs Alphabet. Vor allem die englischen Raps sind hart an der Schmerzgrenze.

Wenn schon Schweizer Rap auf Englisch, dann bitte so smooth wie beim Aargauer Duo Nefew, deren neues Album «Rise of the Antihero» Kritiker wie Fans gleichermassen verzückt – völlig zurecht. An der Beat-Front gibts im Dritten Stock nachdenkliche Pianoläufe, sphärische Synthies und gelungene Ausflüge in Richtung Drum and Bass und Dubstep. Die Texte drehen sich vorzugsweise um die Liebe zu Musik und um die Träume und Tragödien des Alltags. Dritte Stock sind verspielt und experimentell – vor allem aber noch ganz am Anfang. Ein zartes Pflänzchen. Mit Fleiss und Hartnäckigkeit könnte das noch etwas werden – ansonsten sollte sich Sherry-Ou ernsthaft Solo-Pläne machen.

Frische Kost gibts auch aus Oberdorf im Waldenburgertal. Also von dort, wo um die Jahrtausendwende unter dem legendären Label «WB-Tal» einige der damals erfolgreichsten Schweizer Rap-Platten entstanden sind. Der Junge heisst E-Light, ist noch keine zwanzig Jahre jung und hat im Oktober seine Debüt-EP «Nüt und trotzdäm meh» veröffentlicht. Gut möglich, dass nach eineinhalb Dekaden wieder Grosses entsteht im Oberbaselbiet: E-Light ist hungrig, verspielt, raptechnisch versiert und thematisch vielseitig. Vor allem aber legt er eine Euphorie an den Tag, die ansteckend wirkt. Kein Wunder, hat es der Teenager nicht nötig, verkrampft den Macker zu markieren. Talent statt Testosteron. Wenn E-Light so weiter macht und seine bisweilen etwas überhastet gerappten Zeilen um die ein oder andere Silbe kürzt, kommt das sehr gut. Ein Versprechen für die Zunkunft – auf dass das legendäre «WB-Tal» wieder von sich reden macht.

Wir bleiben im Baselbiet. Und zwar bei einem Phänomen namens Einzelgänger. Der junge Leimentaler ist seit Jahren hartnäckig am Ball. Nachdem er sich quasi in Isolation das Rappen und Beat-Produzieren beigebracht hat, tritt er inzwischen mit diversen Kollabo-Projekten in Erscheinung. Auf das Album «Antarctica» mit Kaotic Concrete folgte nun «Rune & Legände» mit dem Walliser Rapper Sevsnite. Die gebotene Musik macht dem sagenumwobenen Albumtitel alle Ehre und kommt pathetisch und brachial auf dem Schlachtross daher geritten – in Sachen Text und Beat. Hier sind offensichtlich keine Feinmotoriker am Werk, aber das passt ganz gut so: Rap mit Heavy-Metal-Attitüde ist in der Schweiz nicht so verbreitet. Das macht sie um so unverwechselbarer. Und es soll im selben Stil weitergehen: Für diesen Sommer kümmert Einzelgänger das Album seines Projekts Underground Legends an. Der passende Name: «The Clash Of The Titans». Mit von der Partie sind Tekneek (UK), Kaotic Concrete, Mr.G und Micky Gargano.

Der Baselbieter Rapper Jean Deig – früher unterwegs mit der Crew Unter Umständ – ist fast das pure Gegenteil zu Einzelgänger: Seine Musik erforscht nicht die düsteren Ecken vergangener Mythen, sondern eher die sonnigen Seiten des Alltags. Folgerichtig ist der Name des Solo-Debuts: «Uff die guete Ziite» (iTunes). Ein Album voller Humor und Ironie («Anerkennig») mit nachdenklichen Zwischentönen («Vater») und funky Momenten («Besserwüsser»). Die gesungenen Hooks sind Geschmackssache.

Jean Deigs Soundunterlagen stammen alle vom Berner (?) Produzenten Bone Beatz – die vielen guten Ansätze werden leider über weite Strecken durch ein generelles Manko an Durchschlagskraft beschnitten. Eines der stimmungsvollsten Samples hat man zudem schon 2011 bei Kool Savas gehört («Aura»). Das ist fast so dreist wie der Berner Feature-Gast (Name unbekannt), der schamlos den Rapstil von Chlyklass-Rapper Baze kopiert. Das geht gar nicht!

Einer der Höhepunkte des Albums: Der Song «Genau darum», auf dem Primarlehrer Jean Deig seine Arlesheimer Schulklasse ans Mikrophon bittet. Sehr originell mit einem lüpfigen Akkordeon- und Xylophon-Beat. In Anbetracht der vielen guten Ansätze fragt man sich, warum Jean Deig nie böse wird in seinen Raps. Hat er Angst, seine Schüler zu verstören? Das Album lässt eher einen anderen Schluss zu: Hier rappt ein gut gelaunter, positiver Mensch, der genügend selbstbewusst ist, um nicht künstlich den Harten zu markieren. Sehr erfrischend!

Richtig cool daher kommt das Album «Gueti Miene zum böse Spil» des Duos Samoon um Hunter S. Thompson und Red Cap. Seit rund zehn Jahren aktiv, spitten die beiden Baselbieter nun zum ersten Mal auf Albumlänge zusammen. Dabei harmonieren die beiden so gut, wie kaum ein anderes Schweizer Zweiergespann zur Zeit: Die beiden übergeben sich das Zepter am Mikrophon teilweise so rasch, dass der Hörer kaum weiss, wer das Wort hat. Das ist abwechslungsreich, spannend und – trotz der vielen Wechsel – absolut harmonisch. Ein Zahnrad greift perfekt ins andere. Eine gut geschmierte Reim-Maschine, die beweist, dass viele Rapper ihre ellenlangen Ego-Ergüsse innerhalb eines Crew-Tracks gerne zurecht stutzen dürfen – zum Wohl des Gesamtprodukts. Inhaltlich bieten die beiden neben dem gewohnten Auf-die-Fresse-Rap auch Gesellschaftskritik («Statussymbol») und Nachdenkliches («Schicksalsschlag»).

Ganz stark ist der Song «Räptourischte», in dem Samoon über einen fröhlichen Beat alle Mode-Rapper in die Einzelteile zerlegen. So machts Spass! Abgerundet wird das Ganze durch die Scratches von DJ Steel (Makale), der einmal mehr sein Ausnahmekönnen unter Beweis stellt. Achja, was ich in Bezug auf Samoon schon lange loswerden will: Heute feiern alle (zu recht) Comptons neuen Rapstar Kendrick Lamar und seine unverkennbar weinerliche Stimmlage beim rappen – lasst euch gesagt sein: Samoon-Spitter Hunter S. Thompson hat schon so gerappt, als Kendrick Lamar noch von «Swimming Pools» träumte. Vielleicht sollte Hunter den Nachahmer aus Amerika einmal zur Rede stellen.

Bevor wir zur Aussicht auf das Basler Rapjahr 2015 kommen, müssen wir noch über die grösste Unverschämtheit 2014 reden: Kuzco hat aufgehört zu rappen, um sich auf seine Karriere als «echter» Musiker zu fokussieren! Da hat Basel endlich wieder einmal einen überfreshen Newcomer und Hoffnungsträger (wir berichteten) – und dann bricht dieser die Fahrt ab, bevor der Panzer ins Rollen kommt. Eine bodenlose Frechheit ist das! Perlen vor die Säue! Aber vielleicht kommt mit dem Alter ja die Vernunft. Immerhin hat Kuzco zum Abschied ein letztes Video hinterlassen…

Und was steht uns 2015 bevor? Hier ein intuitiver und unvollständiger Ausblick für (mögliche) Veröffentlichungen des angelaufenen Rapjahres: Endlich wieder mal mit einem Solo-Release bescheren sollte uns Black Tiger, tüchtig gewerkelt wird auch beim Basler Label Rappartment, wo Pyro an seinem nächsten Solo-Streich türftelt. Im Chilz-Umfeld K.W.A.T. sollten Kush & Levo hoffenlich bald mit einem Kollabo-Projekt kommen – und die Rapreflex-Jungs, die mit DJ Johny Holiday an einem Mixtape werkeln. Neues könnte auch von Kalmoo – der dieser Tage mit Temple Of Speed released hat – und (?) seiner Crew TNN kommen.

Gespannt sein darf man auch auf die angekündigten Alben des «heissesten Schweizer Rappers» S-Hot und von Ensy (Uslender Productions), der kürzlich einen vielversprechenden Video-Vorboten zum Album von der Leine gelassen hat.

Aus dem Zitral-Umfeld TripleNine steht neben der Abart Free-EP «Schädel» zudem das Abart & Silenus-Projekt «787» an. Und wer weiss: vielleicht kommt dieses Jahr gar ein neues Brandhärd Album. Höchste Zeit, dass die faulen Säcke den Finger aus dem Allerwertesten nehmen!

Den Abschluss machen gute Neuigkeiten aus dem Oberbaselbiet: Der Sissacher Rapper Rudee (Falschi Verbindig) hat sein Debut-Album «Leerlauf» ins Presswerk geschickt und entfacht bereits jetzt die Vorfreude mit einem vielversprechenden Snippet…

This is it. Peace & out!

Willkommen zurück, Keanu!

Fabian Kern am Donnerstag, den 12. Februar 2015

«John Wick» läuft ab dem 12.2. im Küchlin.

«John Wick» läuft ab dem 12.2. im Küchlin.

Keanu Reeves ist dieser Tage ein oft gesehener Gast in Basel – und auch ein gern gesehener. Knapp eine Woche nach seiner Gauguin-Lesung in der Fondation Beyeler tritt der 50-Jährige auch auf den hiesigen Kino-Leinwänden wieder einmal in Aktion. Und schiebt seine Karriere als Action-Schauspieler nochmals kräftig an. Als «John Wick» lässt er Flops wie «Constantine» (2005) oder «The Day the Earth Stood Still» (2008) vergessen und besinnt sich nach den jüngsten, wenig lukrativen Ausflügen nach Fernost («Man of Tai Chi» und «47 Ronin») wieder auf seine Stärken, die er in «Speed» (1994), der «Matrix»-Trilogie (1999-2003) und «Street Kings» (2008) eindrucksvoll demonstrierte.

John Wick hat nichts mehr zu verlieren.

John Wick hat nichts mehr zu verlieren.

John Wick trauert. Der legendäre frühere Auftragskiller für die russische Mafia in New York verlor seine Frau (Bridget Moynahan), für die er sich vor fünf Jahren in den Ruhestand versetzen liess, und lebt alleine und unglücklich in seiner Luxusvilla. Was ihm noch von ihr bleibt, ist eine Blumenarmkette und ein kleiner Beagle namens Daisy, welchen ihm seine Frau posthum zuschicken liess. Ein kleiner Lichtblick, ein Hoffnungsschimmer im Trauerschleier. Als Daisy dieser bei einem nächtlichen Einbruch brutal getötet wird, schwört Wick gnadenlose Rache und gräbt seine alten «Werkzeuge» im Keller aus. Zielscheibe seiner Wut: Iosef Tarasov (Alfie Allen), der Sohn seines Ex-Bosses Viggo Tarasov (Michael Nyqvist). Dieser setzt sofort seine Killer-Armee auf Wick an, im Wissen, dass wohl auch diese das Ableben seines schnoddrigen Sprösslings nicht werden verhindern können. Denn ein John Wick lässt sich von nichts und niemandem stoppen.

Drastische Erziehung: Iosef und Viggo Tarasov.

Drastische Erziehung: Iosef und Viggo Tarasov.

Wick mischt sein altes Revier gnadenlos auf. Wo er durchgefegt ist, steht selten noch jemand. Von wilden Schiessereien in der Egoshooter-Optik eines Baller-Games über explosive Verfolgungsjagden durch die Strassenschluchten bis zu ausgedehnten Nahkampfduellen in Wellnesszonen und Hotelzimmern – der Actionthriller von Chad Stahelski befriedigt die Genre-Fans. Doch er weiss sich auch von der Konkurrenz abzuheben, denn New Yorks Unterwelt in seiner Version präsentiert sich nicht einfach brutal, sondern auch mit einem gewissen Stil. Die Szenen im das Hotel Continental, dem Zufluchtsort aller liquiden Gangster, sind von einem feinen Humor und stellen einen schönen Kontrast zu den bleihaltigen Szenen dar. Und auch der wohl ausgesuchte Cast mit einem hochkarätigen Darsteller wie Willem Defoe in einer Nebenrolle trägt zum Gelingen von «John Wick» bei.

Stilvoller Rächer: Keanu Reeves als John Wick.

Stilvoller Rächer: Keanu Reeves als John Wick.

John Wick hat Kultpotenzial und ist genau das, was Keanu Reeves braucht, um wieder in die Blockbuster-Spur zu kommen – wenn er das denn will. Der Film hält das, was er verspricht, zu hundert Prozent ein: gradlinige Action, harte Martial-Arts-Duelle, spannende Handlung, witzige Szenen und einen Keanu Reeves, der sich fast ganz in Schwarz durch ein düsteres Setting kämpft. In diesem Sinne: Willkommen zurück, Keanu!

Wesentlichen Anteil an diesem Beitrag leistete BaZ-Praktikantin Anna Janietz.

«John Wick» läuft ab 12. Januar 2015 im Pathé Küchlin.

Weitere Filmstarts in Basel am 12. Februar: Fifty Shades of Grey, Inherent Vice, National Gallery, Domino Effect, GET – der Prozess der Viviane Amsalem, Sponge Bob Movie, Tibetan Warrior.

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