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«Robin hat mir mit seinen Kronjuwelen fast das Auge blau geschlagen»

Joel Gernet am Freitag, den 19. Dezember 2014
Disco-Indianer: Dominique Heller und Robin Rehmann im Basler Atlantis, wo 2011 die erste «Party Hart» gefeiert wurde.

Disco-Indianer: Dominique Heller und Robin Rehmann im Basler Atlantis, wo 2011 die erste «Party Hart» gefeiert wurde.

Ein seriöser DJ lässt sich so etwas nie gefallen lassen. Nie im Leben. Ein DJ ist keine Jukebox! Ganz anders der Party-Schlachtruf von Dominique Heller und Robin Rehman: «Du bist der DJ» lautet das Motto ihrer Eventreihe «Party Hart». Heller und Rehmann sind dabei Jukebox, Clown und Hypeman zugleich – stets bewaffnet mit Konfettikanonen und ulkigen Outfits.

Nach fast fünf Jahren Disco-Gaudi mit über 50 Parties von Arosa bis Zürich blasen die beiden Radio-Moderatoren nun zum grossen Rückzugsgefecht im Atlantis Basel (20.12.) und im Riders Palace Laax (03.01.). Im Interview erklärt Dominique Heller, Morgenmoderator bei Energy Basel, wie es zum Party-Tag-Team mit der Zürcher SRF-Allzweckwaffe Robin Rehmann kam – und warum es bei ihnen musikalisch (fast) keine Schmerzgrenze gibt.

Dominique Heller, warum hört ihr auf mit eurer Partyreihe? Sind Robin und du langsam zu alt für harte Parties?
Stimmt! Wir sind jetzt beide über 30 Jahre alt, haben erste Falten und können das Party-Tempo der Jungen nicht mehr mithalten. Die Musik ist uns zu laut und nach zwei Stunden hinter den Plattenspieler haben wir am nächsten Tag Muskelkater.

Oder ist es für dich einfach nicht mehr lustig, mit einem nüchternen Robin zu feiern? Der Herr hat ja kürzlich öffentlichkeitswirksam seine Abstinenz kund getan.
Stimmt zum Zweiten! Ein nüchterner Robin Rehmann und eine Party Hart – das passt einfach nicht zusammen. Da können wir gleich rosarote Luftballons aufhängen.

Tag-Team: Robin Rehmann und Dominique Heller.

Tag-Team: Robin Rehmann und Dominique Heller.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Du mit Robin Rehmann Parties organisierst?
Wir wollten immer zusammen eine Radioshow machen. Da aber kein Programmleiter bereit war, uns gemeinsam auf die Hörer loszulassen, musste ein Plan B her. Wir überlegten uns, was wir neben dem Quatschen sonst noch gut können. Da nur das Partymachen dabei rauskam, musste es also eine eigene Partyreihe sein.

Seid ihr am Anfang bei den angefragten Clubs auf Skepsis gestossen oder war euer Konzept ein Selbstläufer?
Uns ist der Erfolg – ausnahmsweise – wirklich in den Schoss gefallen. Das Basler Atlantis hat uns mit der Idee einer Wunschkonzert-Party mit offenen Armen und viel Bier empfangen. Nach zwei erfolgreichen Ausgaben in Basel, kamen plötzlich die Zürcher auf uns zu und wollten auch auf den Zug aufspringen – um jeden Preis und mit noch mehr Freibier. Dieser Zug rollte dann weiter bis nach Aarau und hoch in die Berge nach Laax und Arosa.

Feiern die Leute in Basel anders als in Zürich oder Arosa?
Die Basler waren – musikalisch – immer die anspruchsvollsten Gäste. Sobald sie aber einmal warmgelaufen waren und die ersten Drinks intus hatten, gab es kein Halten mehr und wir brachten die Leute bei Clubschluss fast nicht mehr raus. Der Zürcher legt sehr viel Wert, dass auch bei den Backstreet Boys seine Gelfrisur und die Gucci-Tasche noch sitzt. Und in den Bergen nehmen die Leute nach vier Bier die Hütte auseinander und begatten sich mitten auf der Tanzfläche. Dort haben wir Dinge gesehen, die wir hier nicht näher ausführen sollten…

Ihr seid keine herkömmlichen DJs und habt auch kein in sich geschlossenes Sound-Konzept. Warum hattet ihr trotzdem Erfolg?
Die Welt ist voll mit einheitlichen, abgestimmten Konzepten. Langweilig! Wir machen das Gegenteil, spielen ohne Konzept wild durcheinander – und es funktioniert. Wir haben ja auch gleich zu Beginn klargestellt, dass wir keine DJs, sondern einfach Entertainer sind. Daher auch unser Claim: «Du bist der DJ». Party-Hart-Besucher dürfen sich ihre Lieblingssongs wünschen und wir spielen diese. Das war sicher der Schlüssel zum Erfolg. Wir als DJs nehmen uns nicht zu wichtig und liefern eine Show mit Verkleidungen und viel Konfetti.

Welche Songs haben am besten funktioniert, welche gar nicht? Müsstet oft an die Schmerzgrenze gehen soundmässig – sprich, billigsten Pop auspacken?
Wir sind Kommerzschlampen daher war uns beim spielen fast nichts peinlich. Was wir aber nicht abgenommen haben, waren Schlagernummern. Das war uns zu fest Bierzelt. Ansonsten lief eigentlich alles. Meistens wünschen sich die Leute zuerst einfach die grossen HipHop-, House- oder Elektro-Hits. Je später die Nacht, desto wilder werden dann die Wünsche – und desto billiger der Pop. Bei Barbie Girl oder Scooter sind die Leute erst richtig aus sich rausgekommen und haben den Alltag weggetanzt. Da musste auf dem Dancefloor keiner mehr gut aussehen. Es ging nur noch um den Spass. Und das ist doch das Entscheidende im Ausgang oder?

Welche Erlebnisse werden in besonderer Erinnerung bleiben?
Als Robin im «Borat»-Outfit auf der Bühne tanzte und mir mit seinen dicken Kronjuwelen fast das Auge blau geschlagen hat. Und in Laax hat ein junger Herr unsere Wuko-Box auseinander genommen – nur weil sein Wunschsong nicht gleich gespielt wurde. Einige Leute boten uns sogar Geld, Drogen oder Sex, nur damit ihr Wunschsong im Club lief. Natürlich haben wir immer Abgelehnt!

Morgenmoderator und Party-Organisator – beisst sich das nicht? Bist du jetzt ein Nacht- oder ein Frühmorgenmensch?
Weder noch. Ich stehe eigentlich nicht gerne früh auf, kann aber auch nicht mehr zu lange in die Nacht hineinfeiern. Ich habe also die falschen Jobs angenommen, wie ich hier in diesem Interview gerade feststellen muss. Braucht ihr bei der BaZ noch ein Laufbursche oder so?

Oder gehst Du gelegentlich direkt nach dem Ausgang arbeiten? Bei Deinen Aufstehzeiten scheint sich ja Schlaf je nachdem kaum zu lohnen.
Das würde nicht funktionieren. Der Wecker haut mich unter der Woche um 03:00 aus dem Federn und die Energy-Hörer verdienen einen ausgeschlafenen Moderator. Da die Partys aber immer am Wochenende sind und die Morgenshow unter der Woche, funktioniert das mit dem Schlafen eigentlich ganz gut. Ausser das es IMMER zu wenig ist.

Was wirst Du vermissen, wenn die Partyreihe wegfällt?
Das Freibier!

Die «Party Hart»-Abschiedstour:
Sa. 20. Dezember 2014, Atlantis Basel, Eintritt: 15.- CHF, Doors: 22.00h.
Sa. 3. Januar 2015, Riders Palace Laax, Abendkasse: 15.- CHF, Doors: 23.00h.

Starpower im Engadin

Fabian Kern am Mittwoch, den 17. Dezember 2014

«Sils Maria» läuft ab 18.12. im Atelier.

«Sils Maria» läuft ab 18.12. im kult.kino Atelier.

Lautlos schleicht das schmale Wolkenband über den Malojapass und den Silsersee. Immer dichter wird der weisse Dunst und füllt jedes Tal im Oberengadin: Das Wolkenphänomen mit dem mystischen Namen «Maloja-Schlange» kündigt schlechtes Wetter an. In dieser wunderbaren Landschaft bereitet sich Maria Enders (Juliette Binoche) auf ihre Rolle im gleichnamigen Theaterstück vor. Ein Theaterstück, in dem sie bereits 20 Jahre zuvor schon eine Hauptrolle gespielt hatte. Diesmal aber soll Maria nicht die jugendliche Verführerin Sigrid verkörpern, sondern das etwas in die Jahre gekommene «Opfer» Helena. Für Sigrid ist Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz) vorgesehen, ein 19-jähriges Hollywood-Sternchen, das mit ihren Skandalen weniger die Feuilleton-Seiten füllt, als vielmehr die Klatschspalten. Maria überwindet ihre Hemmungen und stellt sich der Herausforderung Alter.

Rollenspiel vor Naturkulisse: Maria und Valentine.

Rollenspiel vor Naturkulisse: Maria und Valentine.

Mit einem frischen Kurzhaarschnitt macht sich Maria zusammen mit ihrer Assistentin Valentine (Kristen Stewart) auf die Fahrt von Zürich, wo sie eine Laudatio auf den verstorbenen Autor des Stücks, ihren Mentor Wilhelm Melchior, hält, ins Engadin. In dessen Haus in Sils Maria bereitet sie sich auf ihre Rolle vor. Doch die Perspektive der Sigrid kann sie nicht so leicht abschütteln. Alles an Helena kommt ihr verachtenswürdig vor. Nur Valentine hält dagegen und verteidigt die Figur, die der jungen Sigrid verfällt und von dieser schliesslich in den Selbstmord getrieben wird. Das enge Aufeinanderhocken im Chalet und das ständige Üben der Rollen nagt an den beiden Frauen. Realität und Fiktion beginnen sich für Maria zu vermischen. Wo hört Helena auf und wo beginnt Maria?

Diva und Regisseur: Maria und Klaus Diesterweg.

Diva und Regisseur: Maria und Klaus Diesterweg.

Mit der Philosophie ist es so eine Sache. Sie hat keinen Anfang und kein Ende – und jeder sieht es ein wenig anders. Und genau das macht zugleich Reiz und Schwäche von «Sils Maria» aus. Das Aufweichen der Grenzen zwischen dem Stück und Marias Leben ist genial gemacht und das herbstliche Engadin einfach perfekt für die Auseinandersetzung mit Alter und Vergänglichkeit. Vor der grossartigen Bergkulisse weiss man nie, ob Maria oder Helena, Valentine oder Sigrid. Nur leider löst sich dann der rote Faden auf wie die Maloja-Schlange. Maria erkennt, dass die Welt eine andere geworden ist in den letzten zwanzig Jahren, aber auch, dass sich ihr Blick darauf verändert hat. Dieser Erkennungsprozess zieht sich über lange 124 Filmminuten hin und findet nicht wirklich ein Ende. Das ist von Regisseur Olivier Assayas so gewollt, aber sicher nicht jedermanns Sache. Aber eben: Philosophie ist subjektiv.

Absolut objektiv kann man festhalten, dass die Natur atemberaubend in Szene gesetzt wurde – ein wahrer Werbefilm für Engadin Tourismus – und mit Juliette Binoche, Kristen Stewart und Chloë Grace Moretz quasi Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der internationalen weiblichen Top-Garde verpflichtet. Letzteres allein ist schon fast philosophisch.

«Sils Maria» läuft ab 18. Dezember 2014 im kult.kino Atelier.

Weitere Filmstarts in Basel am 18. Dezember: The Homesman, Night at the Museum: Secret of the Tomb, The Tale of Princess Kaguya, Timbuktu, Il ricco, il povero e il maggiodormo, Der kleine Drache Kokosnuss.

Das Gegenteil eines Selfie-Schnappschusses

Joel Gernet am Freitag, den 12. Dezember 2014
Foto-Poet: Demian Bichsel zeigt seine Bilder in der Freien Strasse.

Foto-Poet: Demian Bichsel zeigt seine Bilder in der Freien Strasse.

Demian Bichsel ist kein Freund von Schnell- und Schnappschüssen. «Ich finde Strassenfotografie schrecklich – normalerweise bin ich ohne Kamera unterwegs», erklärt der 31-jährige Basler. Auch mit dem Smartphone schiesst er kaum Fotos. Die Umgebung, sie soll ungefiltert erlebt werden. Ohne Display dazwischen. «Diese dauerknipsenden Touristen tun mir leid», findet Bichsel.

Bevor er überhaupt die Kamera zückt, lässt er sich auf einen Ort ein, setzt sich mit seinem Charakter auseinander, und lässt das Erlebte wirken. Wenn er mit etwas zeitlichem Abstand dann merkt, dass ihn dieses Sujet beschäftigt, Bichsel nennt das «emotional hängen bleiben», wird fotografiert. «Für das Pfeilerbild an der Spree bin ich dreimal nach Berlin gereist.»

Demian Bichsel: Abandoned Pillar in Belgrade, Danube 2013 C-Print.

Demian Bichsel: Abandoned Pillar in Belgrade, Danube 2013 C-Print.

«Abandoned Pillar in Water Berlin» heisst das besagte Bild, das zusammen mit zwei weiteren Werken aus Bichsels Pfeiler-Serie in Basel gezeigt wird. Dies als Zwischennutzung an bester Lage in den ehemaligen Räumen der Basler Galerie Hilt an der Freien Strasse 88. Zu sehen gibt es insgesamt drei Konzeptreihen, die eine Collage-Serie aus Beldgrad umfassen – und zwei milchige Bilder, auf denen man bei genauem Hinsehen den unscharfen St. Chrischona-Turm im Nebelmeer verschwinden sieht. Faszinierend und mysteriös zugleich. «Der Autofokus meiner Kamera hat wegen dem Nebel nicht funktioniert – das fand ich spannend», erklärt der gebürtige Riehener sein Experiment. Abgesehen vom Chrischona-Nebelbild sind Bichsels Werke das Elixir ausgedehnter Reisen von Lissabon über Berlin und Rotterdam bis nach Sarajevo, Belgrad oder Budapest.

Die dabei entstandenen Bilder sind oft urban angehaucht, stets Menschenleer, und von eher dezenter Farbgebung. Poesie statt Effekthascherei. Bild-Collagen, zusammengesetzt aus bis zu 70 Einzelfotos. Die subtilen Wimmelbilder sind das Gegenteil der extrovertierten Selfie-Schnappschüsse, mit denen wir heute auf allen Kanälen zugeballert werden. Der auf den ersten Blick unspektakuläre Ansatz passt nicht nur zur durchdachten Entstehung der Werke, er bietet auch einen willkommenen Kontrast zum vorweihnachtlichen Trubel vor der Tür. Kunden, die unter dem Konsumrausch zu kollabieren, finden hier eine ruhige Bildwelt, in die sie sich flüchten können. Dazu passt auch der Titel der temporären Show: «Time & Reality II». Falls der Konsum dann doch wieder durchdrückt: Die Werke gibts zu kaufen zu Preisen zwischen 700 und 1900 Franken. «Auf Verkäufe bin ich nicht unbedingt angewiesen», erklärt Bichsel während er sich eine Zigarette dreht. «Ich mache diese Ausstellung, weil ich Spass daran habe und ich diese Gelegenheit nutzen wollte.»

Ermöglicht wurde Bichsels zweite Solo-Ausstellung auch dank der Mithilfe von Lionel Schüpbach und Marius von Holleben, zwei junge Basler Kunstvermittler, die in Bichsel einen willkommenen Partner gefunden haben. «Hier haben wir den bestmöglichen Ort», sagt Bichsel, der sich eigentlich gar nicht als Fotograf sieht. Als was denn sonst? Nach längerer Denkpause meint er schliesslich: «Ein Bündel Licht und Liebe, das ein paar Jahre auf dieser Erde verbringt.» Licht und Liebe, denkt man sich da, das sind auch wichtige Mosaiksteine der Bilder dieses Fotografen, der keiner sein will.

Demian Bichsel, Time & Reality II, Freie Strasse 88, Basel, 13. - 20. Dezember 2014, 10 - 18 Uhr.

Woody tuts in Südfrankreich

Fabian Kern am Mittwoch, den 3. Dezember 2014

«Magic in the Moonlight» läuft ab 4.12. im Atelier und im Küchlin.

«Magic in the Moonlight» läuft ab 4. Dezember im Atelier und im Küchlin.

Woody Allen ist ein Phänomen. Der Mann dreht und dreht und dreht. Und wenn er gerade mal nicht dreht, dann schreibt und schreibt und schreibt er. Meistens die eigenen Filme. Seit 1982 kann sich die Filmwelt auf mindestens einen Allen pro Jahr verlassen, seit 2002 hat er sich auf genau ein jährliches Werk beschränkt – in dem er selbstredend sowohl für das Drehbuch als auch die Regie verantwortlich zeichnet. Nach einem kurzen Comeback als Hauptdarsteller in einem Film – in John Turturros «Fading Gigolo» mischte er sich allerdings auch massgeblich in den Plot ein – liefert er nun auch 2014 seinen obligaten Film ab. Und nach dem Oscar-prämierten «Blue Jasmine» stand der diesmal unter einem gewissen Erwartungsdruck.

Medium oder Betrügerin? Die betörende  Sophie Baker.

Medium oder Betrügerin? Die betörende Sophie.

Der Altmeister, von dem man sagt, er könne seine Stars alle dazu überreden, auf ihre Gage zu verzichten, pendelt, seit er sich von New York etwas abgenabelt hat, zwischen den USA und Europa. Dieses Jahr hat es ihn wieder einmal auf den alten Kontinent gezogen. Im Berlin des Jahres 1928 der weltbeste Magier Wei Ling Soo, hinter dessen Maskerade sich der egozentrische und äusserst arrogante Brite Stanley Crawford (Colin Firth) verbirgt, von seinem Zauberer-Kollegen Howard Burkan (Simon McBurney) mit einem besonderen Auftrag betraut. Crawfords unbestechliches Auge soll in Südfrankreich den faulen Zauber eines Mediums aufdecken. Denn für ihn steht ebenso wie für Burkan fest: «Es gibt keine Geisterwelt.» Entsprechend selbstsicher nimmt Crawford die Herausforderung an, zumal er bei dieser Gelegenheit seiner geliebten Tante Vanessa (Eileen Atkins) in der Provence wieder einmal seine Aufwartung machen kann.

Zyniker durch und durch: Stanley mit Sophie.

Zyniker durch und durch: Stanley mit Sophie.

In der überaus grosszügigen Residenz der Catledges ist Sophie Baker (Emma Stone) derweil schon der Liebling aller. Das junge Medium geniesst den grössten Respekt der Mutter Grace (Jacki Weaver), mit deren verstorbenem Mann sie Kontakt aufnehmen soll und hat Sohn Brice (Hamish Linklater) mit ihrem attraktiven Äusseren bereits so weit gebracht, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Stanley schafft es schon mit seinem ersten, vor Zynismus und Überheblichkeit triefenden Auftritt alle gegen sich aufzubringen – ausser Sophie selbst. Während sich die vermeintliche Betrügerin in den zahlreichen gemeinsam verbrachten Tagen an der malerischen Côte d'Azur in den steifen Briten zu verlieben beginnt, kommen bei Stanley ernsthafte Zweifel an seinem eigenen Weltbild auf, denn Sophies Wahrsagungen sind sehr überzeugend...

Akteure auf Augenhöhe: Emma Stone und Colin Firth.

Auf Augenhöhe: Emma Stone und Colin Firth.

Ob Colin Firth und Emma Stone für «Magic in the Moonlight» ohne Gage vor der Kamera standen ist nicht bekannt. Falls sie es aber taten, dann hat sie dies in ihrer Leistung nicht gehemmt. Im Gegenteil: Das auf den ersten Blick ungleiche Paar harmoniert in der Sonne Südfrankreichs hervorragend. Firth, der Paradeschauspieler für einen arroganten Engländer, ist sehr fein in seiner Darstellung der feinen Risse in Stanleys rationaler, streng nach naturwissenschaftlichen Regeln aufgebauter Welt, den stetig wachsenden Zweifeln an seiner Weltanschauung, seinem Glauben und auch seiner Gefühle. Er wird von den Fesseln der Rationalität richtiggehend befreit und ist empfänglich für die Schönheiten und Geheimnisse dieser Erde. An seiner Seite brilliert Stone als theatralisch agierendes Medium, das sich der betörenden Wirkung seines auf seine Umwelt absolut bewusst ist und diese auch einzusetzen weiss. Entsprechend wird ihr Selbstbewusstsein erschüttert, als Stanley komplett immun gegenüber ihren weiblichen Reizen zu sein scheint. Die Entwicklungen dieser beiden Figuren gibt dem leichtfüssigen Film eine Dynamik, die hervorragend unterhält.

Unermüdlicher Altmeister: Woody Allen.

Unermüdlicher Altmeister: Woody Allen.

Woody Allen holt sein Stammpublikum auch dieses Jahr wieder ab. Nicht mit einem Meilenstein wie letztes Jahr mit «Blue Jasmine», aber mit einem leichtfüssigen, sonnendurchfluteten Film. Ein Theater-ähnlicher Aufbau in einem herrlichen Setting, wunderbar gefilmt – nur das Ende wirkt etwas abrupt. Hier hätten fünf Minuten mehr nicht geschadet. Aber vielleicht macht der «Stadtneurotiker» das schon 2015 wieder besser. Sein nächstes Projekt ist bereits im Kasten. Einen Titel hat es noch nicht, aber Emma Stone in der Hauptrolle und Amerika turnusgemäss als Drehort. Auf Woody ist eben Verlass. Auch mit bald 79 Jahren.

«Magic in the Moonlight» läuft ab 27. November 2014 im kult.kino Atelier und im Pathé Küchlin in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 27. November: Paddington, Alles ist Liebe, Freifall – eine Liebesgeschichte, Mulhapar, The Disappearance of Eleanor Rigby: Him.

Leichenzählen auf norwegisch

Fabian Kern am Mittwoch, den 26. November 2014

«Einer nach dem anderen» läuft ab 27.11. im Atelier.

«Einer nach dem anderen» läuft ab 27.11. im Atelier.

Die Beziehung zwischen Norwegern und Schweden ist nicht ganz einfach. Vergleichbar ist sie mit jener zwischen Schweizern und Österreichern, einfach noch viel intensiver. Die beiden skandinavischen Nachbarn können einander nicht ausstehen. Umso mehr Bedeutung bekommt deshalb die Auszeichnung des schwedischen Einwanderers Nils Dickman (Stellan Skarsgård) zum Bürger des Jahres in einem kleinen Nest in der Nähe des Osloer Flughafens. Das ist dann aber auch schon der letzte Lichtblick in einem weiteren strengen norwegischen Winter für den Schneeräumer, denn kurz darauf wird sein einziger Sohn mit einer Überdosis Drogen im Blut tot aufgefunden. Für Nils und seine Frau bricht eine Welt zusammen.

Ungewöhnliche Häufung an Leichen in Norwegen.

In Norwegen häufen sich die Leichen.

Mit einem Gewehrlauf im Mund und dem Finger am Abzug wird der trauernde Vater aber von einem Freund seines Sohnes am Selbstmord gehindert, der unter Tränen gesteht, als Kokainkurier eine Lieferung abgezweigt und Nils' Sprössling mit hineingezogen zu haben. Der resolute Schneepflugfahrer macht sich umgehend auf nach Oslo, um die Mörder seines Sohnes zur Rechenschaft zu ziehen – und entdeckt, dass der Verlust eines Kindes einem jegliche Skrupel rauben kann. Nils mordet sich in der Hierarchie des Drogenrings des legendären «Grafs» nach oben. Weil dieser aber meint, die Serben, mit denen er sich den Osloer Drogenmarkt teilt, wollten ihm an den Kragen, artet die Angelegenheit zu einem blutigen Bandenkrieg in der friedlichen Winterlandschaft aus.

Schneeräumer als Racheengel: Nils Dickman.

Schneeräumer als Racheengel: Nils Dickman.

Schweizer als serbischer Gangster: Bruno Ganz.

Schweizer als serbischer Gangster: Bruno Ganz.

Fans der Serie «Lilyhammer» können sich freuen. Der köstliche schwarze Humor der Norweger kommt in «Einer nach dem anderen» auf der Kinoleinwand zur vollen Entfaltung. Hans Petter Moland inszeniert die morbide Geschichte als irrwitzigen Bodycount in einer faszinierenden Winterlandschaft, gespickt mit schrägen Dialogen und grandiosen Figuren. Trottelige Polizisten erhalten ebenso ihren Auftritt wie ein schwules Killerpaar, ein dänischer Japaner mit dem Übernamen «der Chinese», eine cholerische Thailänderin und ein veganer Drogenbaron, der sich ständig mit seiner Ex-Frau um das Sorgerecht für seinen Sohn streitet. Zwei bekannte Gesichter verleihen der nordischen Thrillerkomödie gar ein wenig internationales Flair: die Hollywood-Grössen Stellan Skarsgård («Pirates of the Caribbean», «Thor», «The Avengers») und der Schweizer Bruno Ganz («Der Untergang»).

Doch die grossen Namen hat der Film nicht einmal nötig. Der Plot ist absolut durchdacht und der Humor so trocken wie der norwegische Schnee. Kurze melancholische Momente sorgen dafür, dass «Einer nach dem anderen» nie in den Klamauk ins Groteske abdriftet. Deshalb ist die Befürchtung berechtigt, dass bald ein amerikanisches Remake davon gedreht wird. Das kann aber nur schlechter sein. Freunde des schwarzen skandinavischen Humors: Ergreift die Möglichkeit jetzt – auch wenn ihr Schweden seid.

«Einer nach dem anderen» läuft ab 27. November 2014 im kult.kino Atelier in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 27. November: Nightcrawler, Horrible Bosses 2, Die Pinguine von Madagaskar, Electroboy.

Belgien sehen und sterben

Fabian Kern am Mittwoch, den 29. Oktober 2014

«Hin und weg» läuft ab 30.10. im Rex.

«Hin und weg» läuft ab 30. Oktober im Kino Rex.

Ja, das hat noch gefehlt. Spätestens seit wir durch die auf allen Kanälen präsente «Ice Bucket Challenge» gelernt haben, dass ALS die Abkürzung für «Amyotrophe Lateralsklerose» ist, war ein Film darüber absehbar. Nach all den Filmen über Krebspatienten im Endstadium (zuletzt «The Fault in Our Stars») und sonstigen Todgeweihten, die den Rest ihres viel zu kurzen Lebens in bewundernswert vollen Zügen ausleben, ist nun die degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems dran, bei dem die Opfer langsam die Lebenskräfte ausgehen. Den Leidgeplagten gibt ein Hochgelobter des deutschen Films. Florian David Fitz spielt den ALS-Patienten Hannes, der zweieinhalb Jahre nach der fatalen Diagnose sein Ende nahen sieht. Für ihn ist das kein Grund, die jährliche Velotour mit seinen Freunden sausen zu lassen – im Gegenteil. Da er und seine Frau Kiki (Julia Koschitz) diesmal mit der Wahl der Destination dran sind, verbindet Hannes das Angenehme mit dem Nützlichen: Am Ziel der Reise in Belgien hat er einen Termin mit der Sterbehilfe.

Tour de Vie: Kiki, Hannes und ihre Freunde.

Tour de Vie: Kiki, Hannes und ihre Freunde auf dem Weg nach Belgien.

Ein Hoch aufs Leben: Hannes (3.v.l.) und seine Freunde.

Ein Hoch aufs Leben: Hannes (3.v.l.) und Co.

Seine Freunde, der Frauenheld Michael (Jürgen Vogel), das Ehepaar Mareike (Victoria Mayer) und Dominik (Johannes Allmayer) und sogar sein jüngerer Bruder Finn (Volker Bruch) hatten davon keine Ahnung. Erst beim Zwischenhalt bei Hannes' und Finns Mutter Irene (Hannelore Elsner) kommt die Wahrheit auf den Tisch. Hannes erklärt, dass er nicht denselben schleichenden und schmerzhaften Zerfall durchleiden möchte wie sein Vater. Zu seiner Überraschung macht keiner der Gefährten einen Rückzieher. Die Gruppe startet in ihr letztes gemeinsames Abenteuer, das gewürzt ist mit Mutproben, die sich die Mittdreissiger gegenseitig stellen. Die Reise bewegt sich zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt und lässt keinen kalt. Ebenso wenig wie das Publikum.

Das Wichtigste ist die Liebe: Kiki und Hannes.

Das Wichtigste ist die Liebe: Kiki und Hannes.

Warum soll man sich so einen Film antun? Klar, die Darsteller gehören zum Besseren, was das deutsche Kino zu bieten hat und wird sogar noch durch die talentierte Schweizerin Miriam Stein ergänzt. Schnell klar wird einem aber auch, dass die Geschichte frei von Pathos ist und ziemlich ungeschminkt darstellt, wie unerbittlich diese heimtückische Krankheit ist. Und wie traurig es ist, wenn man direkt oder indirekt davon betroffen ist. Sehenswert macht den Streifen aber in erster Linie der Umgang von Hannes und Kiki mit dem bitteren Schicksal. Es ist ein Hoch aufs Leben – solange es eben dauert. Regisseur Christian Zübert zeigt uns anhand von realistischen Figuren mit vielen Schwächen auf, dass jeder Einzelne die Verantwortung für sein Lebensglück hat und die Prioritäten aktiv setzen muss. Das kann man sich nicht oft genug bewusst machen. Mein Bedarf an emotional so fordernden Filmen ist für den Rest des Jahres dennoch gedeckt.

«Hin und weg» läuft ab 30. Oktober 2014 im Kino Rex in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 30. Oktober: Liebe und Zufall, Anna in Switzerland, Deux jours, une nuit, ThuleTuvalu.

Die Lebensrolle des Zach Braff

Fabian Kern am Mittwoch, den 22. Oktober 2014

«Wish I Was Here» läuft ab 23.10. im Küchlin.

«Wish I Was Here» läuft ab 23.10. im Küchlin.

Gewisse Rollen haften einem ein Leben lang an. Sie werden so sehr damit identifiziert, dass der Zuschauer das Gefühl hat, der Schauspieler sei in Realität genau so, wie seine Paraderolle. Zach Braff gehört zu dieser Kategorie. Er gilt wohl für immer als der Arzt mit der grossen Klappe, der aber einige Komplexe mit sich herumträgt und das Loser-Image nie ganz loswird. Der sich ständig einredet, dass er glücklich ist, sich das aber selbst nicht abnimmt. Braff hat dieses Bild in seinem ersten Kinofilm «Garden State», bei dem er auch noch Regie führte, gar selbst weiter gepflegt. Auch in jener Hommage an den Staat New Jersey war er der ewige Jugendliche, der in seinen Kindheitsträumen nachhängt, anstatt der Realität ins Gesicht zu schauen.

Fürs Eheglück brauchts immer zwei: Sarah und Aidan.

Fürs Eheglück brauchts zwei: Sarah und Aidan.

Nun kommt Braffs zweite Regiearbeit auf die Leinwand – und es scheint gleich weiter zu gehen. Zwar hat Aidan Bloom (Zach Braff) mit Sarah (Kate Hudson) eine bildhübsche Frau und zwei süsse Kinder, wohnt in einem grossen Haus mit Pool im sonnigen Los Angeles. Doch seit seiner Kindheit möchte er ein Held sein, weshalb er eine Schauspiel-Karriere anstrebt. Seine Karriere aber will einfach nicht in die Gänge kommen. Er eilt von Casting zu Casting, von Enttäuschung zu Enttäuschung, während Sarah die Familie mit ihrem Lohn für einen grauen Bürojob mehr schlecht als recht durchbringt. Völlig auf den Kopf gestellt wird das Familienkonzept durch die Krebs-Erkrankung von Aidans Vater Gabe (Mandy Patinkin). Eine neuartige Therapie macht es diesem unmöglich, die Gebühren für die jüdische Privatschule seiner Enkel weiter aufzubringen. Aidan muss seine Prioritäten neu setzen und beschliesst, das Glas mit den Bussen für das Fluchen, das eigentlich für die Ausbildung der Kinder gedacht war, für einen wichtigeren Zweck einzusetzen. Im Versuch, für seine Kinder dazusein und gleichzeitig sich und seinen faulen Bruder Noah (Josh Gad) dem kranken Vater anzunähern, entdeckt er die Rolle seines Lebens.

Leben, da sind wir: Tucker, Grace und Aidan.

Leben, da sind wir: Tucker, Grace und Aidan.

Die Produktion hing an einem seidenen Faden, konnte erst dank Crowd-Funding finanziert werden. Die Hälfte des 6-Millionen-Dollar-Budgets wurde so hereingeholt. Zum Glück. Dass die bittersüsse und sehr warmherzige Tragikomödie am Sundance Film Festival, dem Woodstock des Indie-Films, gefeiert wurde, ist kein Wunder. Denn nicht nur die gut ausgewählten Darsteller überzeugen. «Wish I Was Here» ist ein Film zum Lachen und Weinen, in dem man sich wiedererkennen kann. Man sieht die Schwächen der Figuren, die sie so menschlich und sympathisch machen. Dass jedermann immer wieder vor grossen und kleinen Entscheidungen steht. Dass einen Traum zu haben gut ist, sich dieser aber im Lauf des Lebens ändern kann. Dass man für die Menschen, die man liebt, manchmal etwas aufgeben kann. Und man sieht einen Zach Braff, der sich den Herausforderungen stellt und zum ersten Mal wirklich reif und erwachsen auftritt. Vielleicht ist das ein Schritt weg von seinem «Scrubs»-Image. Wie er wohl in Wirklichkeit ist?

«Wish I Was Here» läuft ab 21. Oktober 2014 im Kino Pathé Küchlin in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 21. Oktober: Northmen – A Viking Saga, The Boxtrolls, Dark Star – HR Gigers Welt, Cure, Blind Dates.

Duell der Dickköpfe

Fabian Kern am Mittwoch, den 15. Oktober 2014

«The Judge» läuft ab 16.10. in Küchlin.

«The Judge» läuft ab 16.10. im Küchlin und im Rex.

Eigentlich sollte dies ein Artikel über Robert Downey Jr. werden. Über das so talentierte Enfant Terrible Hollywoods. Den Suchtmenschen, der den Absprung vom Koks in den letzten Jahren zumindest so gut gemeistert hat, um zu einem der begehrtesten Schauspieler der Traumfabrik aufzusteigen. Der Sherlock Holmes und Tony Stark alias Iron Man mit derselben unwiderstehlichen Mischung aus Arroganz, Zynismus und augenzwinkerndem Humor darstellte, dass man keinen anderen in diesen Rollen mehr sehen will. Sollte. Wird es aber nicht. Denn «The Judge» ist der falsche Anlass für eine Hommage an einen einzelnen Schauspieler. Es ist einer der besten Filme des Jahres.

Entzweite Familie: Hank, Glen, Dale und Richter Joseph Palmer.

Entzweite Familie: Hank, Glen, Dale und Richter Joseph Palmer.

Das beschauliche Carlinville, Indiana scheint ein schönes Fleckchen Erde zu sein. An einem Fluss gelegen, der seine Wassermassen durch ein bewaldetes, wildromantisches Tal wälzt, scheint sind die Palmers seit Jahren ansässig. Nur der mittlere der drei Söhne des Richters konnte es nicht erwarten, der Dorfidylle den Rücken zu kehren und seine provinzielle Herkunft möglichst zu verwischen. Doch seine Vergangenheit holt einen irgendwann ein. Auch Hank Palmer (Robert Downey Jr.), den aalglatten, arroganten Chicagoer Staranwalt. Als seine Mutter plötzlich stirbt, kehrt er erstmals nach rund zwanzig Jahren wieder in seine Heimat zurück. Der Empfang seiner Brüder Glen (Vincent D'Onofrio) und Dale (Jeremy Strong) fällt kühl aus, jener des Vaters (Robert Duvall), der von allen nur seiner Position gemäss «Richter» genannt wird, noch etwas kühler. Und auch wenn Hank, dem eine Scheidung bevorsteht, seine immer noch sehr attraktive Jugendliebe Sam (Vera Farmiga) wieder über den Weg läuft, die er damals stillos sitzen liess, will er nichts als nach der Beerdigung so schnell wie möglich wieder in die Grossstadt entfliehen.

Lichtblick in der Männerwelt: Hanks Jugendliebe Sam.

Lichtblick in der Männergesellschaft: Hanks schöne Verflossene Samantha.

Will den Richter verknacken: Staatsanwalt Dwight Dickham.

Will den Richter verknacken: der beinharte Staatsanwalt Dwight Dickham.

Doch so einfach kommt Hank nicht wieder von Indiana fort. Als er ins Mietauto steigen will, macht der Sheriff den Palmers seine Aufwartung. Die Schrammen am richterlichen Auto passen zu einem nächtlichen Verkehrsunfall, der einen Velofahrer das Leben kostete. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich beim Todesopfer ausgerechnet um Mark Blackwell handelt. Jenen Taugenichts, den der Richter einst laufen liess, und der dann ein Mädchen umbrachte. Hat der alte Palmer tatsächlich Selbstjustiz walten lassen? Hank anerbietet sich als Verteidiger, insbesondere weil mit Dwight Dickham (Billy Bob Thornton) ein hochkarätiger Staatsanwalt die Anklage führt. Doch sein sturer Vater verweigert zunächst jegliche Einmischung des schwarzen Schafs der Familie. Erst, als sich Hank aufrichtig seiner Vergangenheit stellt, kommt er näher an den Richter heran und erkennt, dass es hier um mehr als «nur» Recht geht.

Sohn und Vater: Hank wird vom Richter beschimpft.

Dickkopf gegen Dickkopf: Hank erhält vom Richter die Leviten gelesen.

Jack Nicholson und Tommy Lee Jones waren ursprünglich für die Titelrolle als ehrenwerter Joseph Palmer vorgesehen. Gut wurden sie es nicht. Wir wollen den beiden hochbegabten Herren nicht zu nahe treten, aber es darf ernsthaft bezweifelt werden, dass den herrischen, dickköpfigen und dennoch mit Witz und Mitgefühl ausgestatteten Richter irgend jemand besser hätte darstellen können als Robert Duvall. Der oft unterschätzte Altmeister ist einer der grossen Charakterdarsteller unserer Zeit und bildet mit Robert Downey Jr. ein faszinierendes Duo. Die Geschichte steht dem Cast in nichts nach. «The Judge» ist ein vielschichtiges Geflecht aus Justizfilm und Familiendrama, brillant inszeniert von David Dobkin, der mit seichten Komödien wie «Wedding Crashers» oder «Shanghai Knights» in seiner Filmografie nicht eben als ernsthafter Regisseur bekannt war. Das wird sich jetzt schlagartig ändern. «The Judge» ist packendes, emotionales Kino, das höchsten Ansprüchen genügt. Über Robert Downey Jr. kann man noch genug oft schreiben.

«The Judge» läuft ab 16. Oktober 2014 in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Weitere Filmstarts in Basel am 16. Oktober: The Maze Runner, The Cut, Teenage Mutant Ninja Turtles, Sleepless in New York, The Love Punch, We Are the Best!, Die Vampirschwestern 2.

Ein Fall für Denzel

Fabian Kern am Mittwoch, den 8. Oktober 2014

«The Equalizer» läuft ab 9.10. in Capitol, Küchlin und Plaza.

«The Equalizer» läuft ab 9. Oktober in den Kinos Capitol, Pathé Küchlin und Pathé Plaza.

Viel karger kann der Alltag eines Mannes nicht aussehen: Den ganzen Tag in einem Baumarkt arbeiten, dann in die spartanisch eingerichtete Wohnung in einem grauen Bostoner Quartier, Abendessen allein, Abwasch, fertig. Nachts um zwei ist dann fertig mit Schlafen, dann gehts mit einem Klassiker der Weltliteratur unter dem Arm und einem säuberlich in eine Serviette eingewickelten Teebeutel in der Brusttasche ins ewig gleiche Diner auf den ewig gleichen Platz, wo der Tee mit ewig gleichen Handgriffen zubereitet und im Buch gelesen wird. Was hat dieser Mann für ein Geheimnis? Das fragen sich nicht nur die Menschen, die dem Mann vom Kinosessel aus zusehen, sondern auch seine Arbeitskollegen, die Wetten abschliessen, was er wohl vor seiner handwerklichen Arbeit beruflich gemacht hat. Sie werden es noch herausfinden.

Robert wacht am Tag über seine Kollegen im Baumarkt...

Robert wacht über seine Kollegen im Baumarkt...

... und nachts über die Prostituierte Teri.

... und nachts über die Prostituierte Teri.

Manchmal muss ein Mann einfach zur Waffe greifen.

Robert McCall (Denzel Washington) kann sich tarnen, aber er kann nicht aus seiner Haut. Man muss auch ohne den Trailer gesehen zu haben kein Profiler zu sein, um herauszufinden, dass der Mann als Elitekämpfer irgendwo in der militärischen oder Agenten-Ecke zu Hause war. Und dass er dem Töten abgeschworen hat. Bis ihn die Umstände dazu zwingen, eine Ausnahme zu machen. Oder auch zwei. Oder drei. Und ab dann kommt es auch nicht mehr drauf an. Diese Umstände bescheren dem freundlichen Home-Mart-Angestellten gemeine Männer. Denn McCall hat seine ganz persönlichen Schützlinge. Da wäre zum Beispiel sein übergewichtiger Mitarbeiter Ralphie (Johnny Skourtis), dem er hilft abzunehmen und den Traum vom Beruf des Wachmanns zu erfüllen. Oder Teri (Chloë Grace Moretz), die jugendliche Prostituierte, mit der er sich jeweils nachts im Diner unterhält, die offensichtlich keinen zart besaiteten Zuhälter hat. Wenn Polizei, FBI und CIA nicht verhindern können, dass solch netten Menschen Schaden zugefügt wird, dann muss das jemand wieder in Ordnung bringen. Jemand, der sich nicht zu schade ist, sich auch mal die Finger blutig zu machen, um für Gerechtigkeit zu sorgen: der «Equalizer».

Böser tätowierter Russe: Teddy.

Böser tätowierter Russe: Teddy.

Mit diesem Actionthriller hat sich Regisseur Antoine Fuqua zumindest halbwegs für seinen peinlichen pathetischen Ausrutscher «Olympus Has Fallen» rehabilitiert. Dass er dazu seinen alten Weggefährten aus «Training Day»-Zeiten ins Boot geholt hat, war die richtige Entscheidung, denn wer wäre besser für die Rolle des melancholischen Rächers geeignet als Denzel Washington? Herrlich auch, wie er jeden Übeltäter erst vor die Wahl stellt, das Richtige zu tun, bevor er ihn büssen lässt. Und mit Teddy (Martin Csokas) hat Fuqua einen richtig fiesen Gegenspieler installiert, der als Aufräumer der Russen-Mafia McCall den Garaus machen soll. Die Karten sind verteilt, der Rest ist Zurücklehnen für Fans von soliden Actionthrillern. Keine Hänger, keine allzu krassen Twists, aber viel handfeste und ziemlich kompromisslose Action – «The Equalizer» erfüllt die Erwartungen. Das ist mehr, als viele Filme von sich behaupten können. Und beim nächsten Besuch eines Baumarkts betrachtet man die Werkzeuge mit ganz anderen Augen.

«The Equalizer» läuft ab 9. Oktober 2014 in den Basler Kinos Capitol, Pathé Küchlin und Pathé Plaza.

Weitere Filmstarts in Basel am 9. Oktober: Annabelle, Get on Up, L'abri, Saint Laurent.

Finchers Psychospiel mit Ben Affleck

Fabian Kern am Mittwoch, den 1. Oktober 2014

«Gone Girl» läuft ab 2.10. in Küchlin, Plaza und Rex.

«Gone Girl» läuft ab 2.10. in Küchlin, Plaza und Rex.

Asche auf mein Haupt. Ich habe bis zur Ankündigung dieses Films noch nie von «Gone Girl» gehört. Der Bestseller von Gillian Flynn ist total an mir vorbeigegangen. Was aber nicht an mir vorbeigegangen ist, ist der Name David Fincher. Jeder Regiearbeit mit diesem Label ist erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. Herausragend aus der Liste seiner Werke sind die cineastischen Meilensteine «Seven» und «Fight Club» jeweils mit Brad Pitt in der Hauptrolle. Das Markenzeichen des 52-jährigen Kaliforniers sind unvorhersehbar Twists in der Handlung. Diese Überraschungseffekte werden natürlich von Film zu Film schwieriger.

Ausnehmend schwierig, ja gar unmöglich war es bei «Gone Girl», jene Zuschauer aus den Socken zu hauen, die das Buch von Gillian Flynn gelesen haben. Dazu gehöre ich, wie gesagt, nicht – zum Glück. Denn das erhöht den Thrill erheblich. Die Ausgangslage ist knifflig. Just an ihrem fünften Hochzeitstag verschwindet Amy Dunne (Rosamund Pike) spurlos. Zumindest fast spurlos, denn ihr Mann Nick (Ben Affleck) findet Kampfspuren im gemeinsamen Haus. Amys Eltern ziehen gleich das ganz grosse Kino auf, richten Hotline und Website für die Suche nach ihrer Tochter, die sie als Vorbild für die beliebten Kinderbuchfigur «Amazing Amy» zur nationalen Bekanntheit gemacht haben.

Wie aufrichtig ist Nicks Aufruf für Amy?

Wie aufrichtig ist Nick Dunnes Aufruf für seine verschwundene Frau Amy?

Über Nick hingegen bricht die öffentliche Empörung herein. Die omnipräsenten und aggressiven Medien schiessen sich grossflächig auf ihn als Möder seiner wunderschönen und beliebten Gattin ein. Als Zuschauer hingegen ist man von Beginn weg auf der Seite des Beschuldigten, weil man ihn von Beginn weg begleitet, wie er die Spuren im Haus findet und die Polizei alarmiert. Aber warum soll Amy ihre Ermordung vortäuschen? Zudem benimmt sich der arbeitslose Journalist, dem das Leben durch seine aus gutem Hause stammende Frau finanziert wird, zunehmend verdächtig. Erst zeigt er keine Emotionen, dann beginnt er der ermittelnden Polizistin Rhonda Boney (Kim Dickens) Dinge zu verheimlichen, die helfen könnten, Licht ins Dunkel zu bringen. Zudem ist die Last der Indizien erdrückend. Hat er doch etwas mit Amys Verschwinden zu tun? Oder ist Amys Ex-Freund und Stalker Desi Collings (Neil Patrick Harris), der plötzlich auftaucht, in die Sache verstrickt?

Regie-Oscargewinner lernt von Regie-Altmeister: Ben Affleck und David Fincher.

Regie-Oscargewinner lernt von Regie-Altmeister: Ben Affleck und David Fincher.

Fincher demontiert das Bild der perfekten Ehe kontinuierlich und sehr geschickt. Mit Auszügen aus Amys Tagebuch wird die Geschichte der Beziehung Stück für Stück aufgerollt und die zunehmenden Probleme aufgedeckt. Bis man zum Schluss kommt, dass ein gewaltsames Ende nur logisch wäre... Atmospärisch ist das trotz Thriller-Überlänge von knapp zweieinhalb Stunden sehr dicht gestrickt. Dichter noch als das Buch, wie man hört. Insofern ist im Vorteil, wer unbelastet ins Kino geht. «Gone Girl» ist kein Meilenstein à la «Fight Club». Aber Fincher holt das Maximum aus Story sowie Darstellern heraus und fesselt einen bis zum Schluss an den Kinosessel. Ein Thriller wie gemacht für kühle Herbstabende.

«Gone Girl» läuft ab 2. Oktober 2014 in den Basler Kinos Pathé Küchlin, Plaza und Rex.

Weitere Filmstarts in Basel am 2. Oktober: Dracula Untold, Männerhort, Les vacances du petit Nicolas, Phoenix, Yalom's Cure.

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