Sport


10 Jahre nach dem EM-Titel

Mämä Sykora am Donnerstag den 24. Mai 2012


In wenigen Tagen startet die Europameisterschaft der Grossen, gleichzeitig dürfen wir in der Schweiz das 10-Jahres-Jubiläum des einzigen EM-Titels feiern, den wir je geholt haben. Das war zwar «nur» bei der U-17-EM, aber gleichwohl eine kleine Sensation. Heute sind diese Spieler im besten Fussballeralter. Höchste Zeit, mal wieder nachzuschauen, was aus den Helden von Dänemark geworden sind, die Trainer Markus Frei zum Titel führte.

Swen König, Torhüter (5 Einsätze an der EM)
Weder bei seinem damaligen Verein FC Aarau noch bei den folgenden Stationen (Vaduz, Wohlen, Luzern, GC) schaffte es König über die Rolle des Ersatztorwarts hinaus. In dieser Saison war er bei der AC Bellinzona zum ersten Mal die Nummer 1.

Tranquillo Barnetta, Mittelfeld (5 Einsätze)
Trotz einigem Verletzungspech schaffte es der St. Galler über Hannover zu Leverkusen in die Bundesliga und zum Nationalspieler. Nach 187 Bundesligaspielen sucht er nun eine neue Herausforderung.

Arnaud Bühler, Verteidigung (6 Einsätze)
Seine Auftritte beim FC Aarau brachten ihm einen Transfer zu Sochaux (F) ein, wo er indes kaum zum Zug kam. Nach nur einem Jahr kehrte er zurück und gehört seither zum Stamm des FC Sion.

Henri Siqueira Barras, Verteidigung (5 Einsätze)
Trotz starker Leistungen an der Endrunde brachte er es weder bei GC, noch bei Winterthur, Xamax oder Locarno zum Stammspieler. Siqueira Barras wagte ein Abenteuer und versuchte sich bei kleinen rumänischen und zypriotischen Vereinen, ehe er vor vier Jahren zurückkehrte und seither bei der AC Bellinzona spielt.

Philippe Senderos, Verteidigung (5 Einsätze, 1 Tor)
Wechselte ein Jahr nach dem EM-Titel von Servette zu Arsenal, wo er stets Ergänzungsspieler blieb. Auf Leihbasis spielte er für Milan und Everton, heute ist er bei Fulham.

Yann Verdon, Mittelfeld (3 Einsätze)
Hat es nie in den Profifussball geschafft. Für Bulle, Baulmes und heute Fribourg spielte er in der 1. Liga.

Marko Milosavac, Mittelfeld (6 Einsätze, 3 Tore)
Als einer der auffälligsten Spieler des Turniers schaffte er es weder bei GC noch beim FCZ in die erste Mannschaft. Auf Amateurlevel spielte er beim FC Baden und bei Rapperswil-Jona, nach zwei Auftritten für FC United Zürich hat er die Fussballschuhe nun an den Nagel gehängt.

Goran Antic, Sturm (5 Einsätze)
Immerhin drei Saisons durfte er mit dem FC Aarau die Super League erleben und erzielte dort acht Tore. Heute spielt er wieder in der Challenge League für den FC Winterthur.

Slavisa Dugic, Sturm (4 Einsätze, 2 Tore)
Er versuchte es in jeder Spielzeit woanders: Kriens, Servette, Aarau, Catania, Yverdon, Wohlen, Buochs… Dann kehrte er der Schweiz definitiv den Rücken und heuerte nach einem Umweg über Bosnien in Zypern an. Der Zweitligist APEP Pitsilia ist bereits sein vierter Verein auf der Ferieninsel.

Reto Ziegler, Verteidigung (5 Einsätze, 1 Tor)
Bereits in vier Ländern (England, Deutschland, Italien, Türkei) war der Nationalspieler aktiv, heute ist er Stammspieler bei Fenerbahçe.

Boban Maksimovic, Mittelfeld (5 Einsätze, 2 Tore)
Der Halbfinal-Held gegen England konnte sich bei YB nicht durchsetzen, nach Abstechern zu Baden und Winterthur versuchte er es in der Heimat seiner Eltern beim Traditionsverein Roter Stern Belgrad. Wegen eines Kreuzbandrisses blieb er dort ohne Einsatz und kehrte bald in die Schweiz zum FC Biel zurück. Heute kickt er beim FC Breitenrain in der 1. Liga.

Diego Würmli, Torhüter (1 Einsatz)
Den Traum Profifussball hat der Keeper aufgegeben. Heute spielt er beim FC Regensdorf in der 2. Liga – als Stürmer.

Giona Preisig, Verteidigung (4 Einsätze)
Auch der Lausanner schaffte es nicht bis nach oben. Chiasso, Lugano, Malley und heute Serrières (1. Liga) waren seine Stationen.

Sandro Burki, Mittelfeld (6 Einsätze, 3 Tore)
Mit Lahm und Schweinsteiger spielte er im Nachwuchs von Bayern München. Danach landete er über YB, Wil und Vaduz beim FC Aarau, wo er seit sechs Jahren spielt und es 2008 zu seinem einzigen Länderspiel brachte.

Marco Schneuwly, Sturm (5 Einsätze)
Nach langen Jahren bei YB wechselte er auf diese Saison zum FC Thun und brachte es bislang insgesamt auf 26 Tore in der Super League.

Michael Diethelm, Verteidigung (1 Einsatz)
Durfte beim FC Luzern nur kurz Super-League-Luft schnappen, momentan ist er für den SC Cham in der 1. Liga aktiv.

Stefan Iten, Verteidigung (5 Einsätze)
Bei GC schaffte er den Durchbruch nicht, er ist heute Captain des FC Winterthur.

Christian Schlauri, Verteidigung (6 Einsätze)
Der Winti-Junior spielte jahrelang für Schaffhausen in der Challenge League, erst in dieser Saison durfte er sein Super-League-Debüt feiern. Der Servette-Ergänzungsspieler ist nur einer von drei U-17-Europameistern, die heute in der höchsten Schweizer Spielklasse spielen.

Von der damaligen Mannschaft sind also 2 in einer der Top-5-Ligen gelandet, 3 spielen in der Super League, 4 kamen zu einem Einsatz in der A-Nati und 6 haben es nicht in den Profifussball geschafft. Damit liegen die Europameister von 2002 ziemlich im Schnitt, wie eine Untersuchung der U-17-WM-Finalisten zeigte.

Ein Antidepressivum namens Deutschland

Alexander Kühn am Mittwoch den 23. Mai 2012
Gute Besserung: Nati-Trainer Hitzfeld mit dem heutigen Captain Inler, Mai 2010. (Bild: EQ Images)

Gute Besserung: Nati-Trainer Hitzfeld mit dem heutigen Captain Inler, Mai 2010. (Bild: EQ Images)

Während der FC Basel auf europäischer Ebene dank einer herausragenden Champions-League-Saison den Ruf eines gefürchteten Wadenbeissers geniesst und die Schweizer U-21 als EM-Finalist bei den Olympischen Spielen in London antreten darf, steckt die A-Nationalmannschaft in einer sportlichen Depression. Trotz eines Weltklassetrainers wie Ottmar Hitzfeld und international begehrten Spielern wie Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka. Das wirksamste Antidepressivum liegt für die Schweizer aber schon bereit. Es handelt sich um ein elfköpfiges Monstrum mit 22 Beinen und ebenso vielen Füssen. Sein Name: deutsche Nationalmannschaft. Nichts würde das Innenleben und die äussere Wahrnehmung der SFV-Equipe positiver beeinflussen als ein Sieg über den grossen Nachbarn, der beim Blick auf die Statistik noch ein bisschen grösser erscheint.

Seit über 70 Jahren hat die Schweiz die Deutschen nicht mehr besiegt. Zuletzt gelang dieses Kunststück einer SFV-Abordnung am 1. Februar 1942. Damals setzten sich die Schweizer vor 35’000 Zuschauern im Wiener Praterstadion gegen das sogenannte Grossdeutsche Reich mit 2:1 durch. Die Expedition nach Wien ist trotz des Sieges kein Ruhmesblatt in der helvetischen Fussball-Historie, genauso wenig wie der 2:1-Heimerfolg in Bern am 20. April 1941, dem 52. Geburtstag des Diktators Adolf Hitler nebenbei bemerkt. Damals traten ausser der Schweiz nur Länder gegen die Deutschen an, die entweder mit den Nazi-Diktatoren verbündet oder von deren Truppen besetzt waren. Der schreckliche Umgang der Nationalsozialisten mit Juden, poltischer Opposition, Homosexuellen und anderen Unschuldigen war längst hinlänglich bekannt, die Verkündung der Nürnberger Rassegesetzte ebenso geschehen wie die kriegerischen Überfälle auf Polen und die Sowjetunion.

Der letzte Sieg über Deutschland, auf den der Schweizerische Fussball-Verband stolz sein darf, ist daher schon beinahe 74 Jahre her – das legendäre 4:2 im Wiederholungsspiel des WM-Achtelfinals von 1938 im Pariser Prinzenpark (siehe Video unten). Die aus verspielten Österreichern und vierschrötigen Deutschen zusammengesetzte DFB-Auswahl lag zwar nach etwas mehr als 20 Minuten und einem Schweizer Eigentor 2:0 in Führung, liess sich vom Anschlusstreffer durch Eugen Wallaschek kurz vor der Pause aber derart verunsichern, dass Fredy Bickel und dem Doppeltorschützen Trello Abegglen nach dem Seitenwechsel noch die spektakuläre Wende gelang. Es war ein Triumph, der die ganze demokratische Welt freute. Als Reaktion auf die aggressive Aussenpolitik der Nationalsozialisten waren die deutschen Spieler sogar mit Tomaten und Eiern beworfen worden.

Am Samstag hat das Spiel Schweiz-Deutschland – Gott sei Dank – keine politische Bedeutung mehr. Die beiden Völker sind friedlich und einander freundlich gesinnt. Trotz Steuerstreit, Kavallerie-Sprüchen à la Peer Steinbrück oder populistischen Forderungen von SVP-Blondchen Natalie Rickli, man möge doch die Zuwanderung der Deutschen in die Schweiz kontingentieren. Die sportliche Rivalität aber ist unbestritten. Und so bekommen die Schweizer Fans doch noch so etwas wie eine kleine EM mit Beteiligung der eigenen Mannschaft zu sehen. Kurz und gut: Der Vergleich mit Deutschland ist ein Freundschaftsspiel, aber eines, bei dem die Schweizer viel gewinnen können: Respekt, Motivation und nicht zuletzt Goodwill. Eine positive Stimmung ist in der Qualifikation zur WM 2014 in Brasilien viel wert. Fragen Sie einmal die Deutschen: Deren 4:1-Erfolg im Testspiel gegen Spanien nach der katastrophalen EM 2000 mit dem Knockout in der Vorrunde war der erste Stein beim Wiederaufbau der DFB-Elf.

Von 25 Experten für das Fussballmagazin Zwölf zum grössten Schweizer Spiel aller Zeiten gewählt: Der 4:2-Sieg gegen Deutschland an der WM 1938.

Chelsea ist kein unverdienter Sieger

Mämä Sykora am Montag den 21. Mai 2012
Die Erlösung: Chelsea jubelt nach Drogbas entscheidendem Penalty. (Bild: EQ Images)

Die Erlösung: Chelsea jubelt nach Drogbas entscheidendem Penalty. (Bild: EQ Images)

20:1 Eckbälle, 24:6 Torschüsse, 55:45 Prozent Ballbesitz. Und am Ende jubelten doch die Blauen und versauten damit den Bayern die erhoffte grosse Feier nach dem «Finale dahoam». Nicht wenige Zuschauer und auch einige Journalisten liessen in der Folge ihrem Frust freien Lauf und klagten über die himmelschreiende Ungerechtigkeit des Resultats.

Matthias Sammer etwa ärgerte sich über den Ausgang der dramatischen Partie und meinte: «Dass dies einen Titel bringt, ist ungerecht.» Ungerecht war es bestimmt nicht, wenn überhaupt, dann war es unverdient. Und selbst da würde ich Herrn Sammer widersprechen. Es konnte niemanden überraschen, wie Chelsea am Samstagabend aufgetreten ist. Nicht erst seit der Ankunft von Di Matteo setzen die Blues ganz auf ihre defensiven Stärken und vertrauen auf den stets gefährlichen Didier Drogba. Zudem waren ihre Stammspieler Terry, Ivanovic, Ramires und Meireles gesperrt, ein Ersatz war etwa der 22-jährige Ryan Bertrand, der als erster Spieler überhaupt sein Champions-League-Debüt in einem Finale gab. Angesichts der bisherigen Erfolge in diesem Wettbewerb mit der gleichen Taktik und den zusätzlichen personellen Probleme war der Spielverlauf des Endspiels in München schon vorgezeichnet.

«Wir haben uns eingebunkert, das war nicht schön. Aber wir haben gerade die Champions League gewonnen!», kommentierte Chelsea-Captain Frank Lampard das Spiel. Wer kann es Chelsea verübeln, dass sie sich aufs Abwarten und Kontern verlegten? Warum soll ein Team seine grössten Stärken aufgeben und gegen jegliche Logik versuchen mitzuspielen, nur um dann allenfalls mit wehenden Fahnen unterzugehen? Wer von den Kritikern hätte an Stelle von Di Matteo mit diesem Spielermaterial eine andere Taktik gewählt? Es wäre ein Irrsinn gewesen.

Natürlich wollen alle am liebsten leichtfüssig und locker ohne Unterbruch nach vorne spielen und damit leichte Siege einfahren. Nur funktioniert der Fussball nicht so einfach. Will eine Mannschaft Erfolg haben, muss sie sich ihrer Stärken und Schwächen bewusst sein und diese richtig einschätzen können. Kein Chelsea-Fan wird behaupten, sein Team sei den Bayern spielerisch ebenbürtig, hingegen werden alle die sensationelle Verteidigungsarbeit loben. Und darauf bauen die Erfolge, daran hält man fest. Chelsea wird nie der FC Barcelona sein.

Wenn ein Robben unendlich oft versucht, von rechts in die Mitte zu ziehen und zum Abschluss zu kommen und jedes Mal durchschaut wird, wenn ein Kroos zum zehnten Mal seinen Distanzschussversuch geblockt sieht, wenn 20 Ecken harmlos wie Meerschweinchen in den Strafraum fliegen, dann kann man zwar konstatieren, dass die Bayern mehr fürs Spiel gemacht haben, aber wer weniger Aufwand betreibt, ist bestimmt nicht automatisch ein unverdienter Sieger. Mit Sicherheit aber deutlich effizienter. Unverdient gibt es nicht. Wer kein Mittel gegen eine Mauertaktik findet, der muss sich an der eigenen Nase nehmen.

Chelsea ist ideal besetzt für eine hochkarätige K.o.-Runde à la Champions League. Der Angstgegner aller grossen Teams, der das Spieldiktat den anderen überlässt und ihm dank des Abwehrbollwerks dennoch kaum Chancen zulässt. Und vorne, da sorgt Drogba für Panik bei den Verteidigern, selbst wenn er allein auf weiter Flur ist. So spielt Chelsea nun mal. Damit gewinnt man keinen Schönheitspreis, und in der heimischen Meisterschaft, wo man auch selber mal das Spiel machen sollte, funktioniert das nicht immer. Aber eine Champions League kann man so gewinnen. Und zwar weder ungerechtfertigt noch unverdient. Sondern einfach nach Chelsea-Art.

Und nebenbei: Abramowitschs Millionen hin oder her – ich mag’s den alten Chelsea-Recken wie Petr Čech, Didier Drogba und Frank Lampard wirklich von Herzen gönnen. Sie haben es – Ironie des Schicksals – wahrlich verdient.

35 Milliarden Euro für Fernbeziehungen

Alexander Kühn am Samstag den 19. Mai 2012
Weltweiter Jubel: Barcelona-Fans feiern den Champions-League-Titel 2009. (Bild: Keystone)

Weltweiter Jubel: Barcelona-Fans feiern den Champions-League-Titel 2009. (Bild: Keystone)

Als Basler war man früher einfach FCB-Fan, als Berner unterstützte man die Young Boys und als Zürcher entweder GC oder den FCZ – je nachdem, zu welchem der beiden Clubs der Vater eine Affinität besass und was für ein Verhältnis man zum Vater hatte. Heute denken viele Fussball-Fans global und fiebern auch mit Vereinen, deren Stadien sie noch nie betreten haben.

Wie aus einer Studie des Champions-League-Sponsors Mastercard hervorgeht, kann man ein Drittel der Fussball-Supporter, nämlich 41 Millionen, als sogenannte Fans ohne Grenzen bezeichnen. Sie geben jedes Jahr 35 Milliarden Euro für ihre ausländischen Fussball-Liebschaften aus. Geld, mit dem man zehnmal die Münchner Allianz-Arena bauen oder 372-mal Real Madrids Torjäger Cristiano Ronaldo verpflichten könnte.

Die beiden Löwenanteile der 35 Milliarden Euro entfallen auf Ausgaben für Pay-TV (7,5 Milliarden) und die Reisen zu den Spielen inklusive Unterbringung (8,75 Milliarden).  25 Prozent der Anhänger ausländischer Equipen verfolgen die Partien ihrer fernen Lieblingsclubs tatsächlich auch live vor Ort. «Die zunehmende Mobilität und die Gelegenheit, weltweit einfacher und günstiger zu reisen, ermöglichen es den Fans auch ausländische Vereine anzufeuern. Neue Medienkanäle erlauben es den Supportern, ohne grossen Aufwand an Informationen über ihren Lieblingsverein zu gelangen und Kontakt zu anderen Fans im Ausland zu pflegen, was wiederum den Fans ohne Grenzen ein tieferes Gefühl von Zugehörigkeit zum jeweiligen Club vermittelt», erklärt Prof. Dr. Sascha Schmidt, der Leiter des Institute for Sports, Business & Society der European Business School im deutschen Oestrich-Winkel.

Das Aufkommen von globalen Spitzenspielern und -trainern mit Prominentenstatus führe überdies Fans aus unterschiedlichen Ländern zusammen, über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg, hält Schmidt fest. Von den in der Mastercard-Studie untersuchten Fans ohne Grenzen gehören elf Prozent dieser Kategorie an, sie lassen sich unter dem Sammelbegriff Star Followers führen. Sie haben nicht einen bestimmten Lieblingsverein, sondern sind von einem Spieler oder einem Trainer begeistert. Diesen Personen bleiben sie auch bei einem Clubwechsel verbunden. So liefen zum Beispiel mit dem Transfer von Cristiano Ronaldo von Manchester United zu Real Madrid zahlreiche Bewunderer des Portugiesen ins Lager des spanischen Rekordmeisters über. Die Liste der beliebtesten ausländischen Clubs führt der FC Barcelona (29 Prozent) vor Real Madrid (10 Prozent) und Manchester United (8 Prozent) an.

Weitere Untergruppen der Fans ohne Grenzen sind die sogenannten Highlight Fans – sie machen rund zwei Drittel der Fans ohne Grenzen aus – und die Regional Affinity Fans, die meist eine enge Verbindung zur Heimatstadt ihres Lieblingsvereins besitzen. Sie decken etwa zwölf Prozent der ganzen Gruppe ab. Von ihnen besuchen 55 Prozent regelmässig die Region ihres Clubs. Diese Supporter entsprechen innerhalb der Fans ohne Grenzen am ehesten dem traditionellen Fussball-Anhänger.

Für Puristen stellt sich nun die Frage, ob man tatsächlich ein echter Fan eines Clubs sein kann, wenn man diesen nur aus dem Internet, dem Fernsehen oder den Zeitungen kennt. Irgendwie, so könnte man sagen, ist es doch, als wäre man ernsthaft der Meinung, in eine Hollywood-Schönheit verliebt zu sein, die man im realen Leben noch nie zu Gesicht bekommen hat.

Was meinen Sie, liebe Steilpass-Leser: Gibt es so etwas wie die grosse Fussball-Liebe aus der Distanz? Können diese sportlichen Fernbeziehungen so intensiv sein, wie die Verbindung zum lokalen Verein, bei dessen Partien man Woche für Woche in der Kurve steht? Diskutieren Sie mit!

Düsseldorfs Aufstieg darf nicht zählen

Alexander Kühn am Mittwoch den 16. Mai 2012


Nach dem chaotischen Relegations-Rückspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC, bei dem Raketen auf den Rasen flogen und Fortuna-Fans den Platz stürmten, gibt es nur Verlierer. Die Düsseldorfer, weil das Verhalten der Krawallmacher die nach 15 Jahren errungene Bundesliga-Rückkehr wieder infrage stellt. Die Berliner, weil sie sportlich untergingen. Die friedlichen Fans, weil Idioten stärker waren als sie. Die Polizei, weil sie wieder einmal den Kopf hinhalten musste. Und schliesslich der Deutsche Fussball-Bund (DFB), weil er nun ein ganz unangenehmes Urteil zu fällen hat und auch einen Grossteil der Schuld an der Eskalation trägt.

Die Relegation spült dank der Direktübertragung im Fernsehen viel Geld in die Kassen des DFB. Sie ist aber nicht nur spektakulär, sondern auch risikobehaftet. Schliesslich geht es für die beteiligten Vereine in einer von oben verordneten Finalissima-Situation ums sportliche Überleben, was bei den Anhängern erfahrungsgemäss die Sicherungen durchbrennen lässt. Dass es schon am Montag nach der Zweitliga-Relegation zwischen dem Karlsruher SC und Jahn Regensburg zu wüsten Randalen mit 75 Verletzten, unter ihnen 18 Polizisten, kam, ist beileibe kein Zufall.

«So darf man nicht aufsteigen», schreibt die «Welt» heute mit Blick auf die Szenen in Düsseldorf und trifft den Nagel damit auf den Kopf. Die Fortuna war als Gastgeber der brisanten Partie ganz offensichtlich nicht in der Lage, die Sicherheit im Stadion zu gewährleisten. Dem Geschick von Schiedsrichter Wolfgang Stark und dem Zufall ist es zu verdanken, dass die Situation nicht völlig ausser Kontrolle geriet. Was wäre passiert, wenn Stark das Spiel abgebrochen und damit eine Neuansetzung notwendig gemacht hätte? Wie hätte der Mob reagiert, wäre der Hertha in der Nachspielzeit noch das rettende dritte Tor gelungen? Fragen, die man lieber gar nicht erörtern will. «Wir haben nur weitergespielt, um ein Blutbad zu verhindern», sagte Hertha-Anwalt Christoph Schickhardt zu «Bild». Die Berliner Spieler hätten unter Todesangst gelitten. Das mag etwas überspitzt formuliert sein, liegt aber doch nicht allzu weit weg von der Wahrheit.

Wie muss der DFB nun also reagieren? Auf jeden Fall mit grosser Härte. Erstens muss die Schandnacht von Düsseldorf Konsequenzen haben, welche die fehlbare Fortuna auch tatsächlich schmerzen. Zweitens haben die Verbandsoberen die Latte mit dem erstinstanzlichen Pokalausschluss gegen ihren Lieblingssündenbock Dynamo Dresden in dieser Saison sehr hoch gelegt. Zur Erinnerung: Dynamo wurde dafür bestraft, dass Hooligans im fast 500 Kilometer entfernten Dortmund randalierten. Aufs Feld lief damals keiner, einen fast halbstündigen Unterbruch wie gestern in Düsseldorf gab es nicht.

Hätten sich nicht auch die Berliner Anhänger in Düsseldorf daneben benommen und Leuchtraketen in Richtung Rasen geschossen, wäre moralisch noch nicht einmal ein Wiederholungsspiel gerechtfertigt. Dann gäbe es nur eine vertretbare Konsequenz aus den Geschehnissen: nämlich eine Forfait-Niederlage der Fortuna. Erst recht, weil deren Captain Andreas Lambertz nach dem Schlusspfiff noch die Dreistigkeit besass, den Aufstieg mit verbotenem Feuerwerk in der Hand mit den Platzstürmern zu zelebrieren.

Die von besonders strengen Moralwächtern geforderte Rückstufung beider Clubs in die 2. Bundesliga ist keine ernsthafte Option. Soll die oberste Spielklasse 2012/13 etwa nur aus 17 Teams bestehen? Oder will man die sportlich abgestiegenen Kölner begnadigen, deren Fans am letzten Spieltag bekanntlich auch auf die Barrikaden gingen? Nein, das Urteil muss abschreckend sein, aber auch nachvollziehbar und im Dienste des Fussballs. So wäre ein Wiederholungsspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit – garniert mit einer saftigen Geldstrafe im siebenstelligen Bereich und einem Punktabzug für die kommende Saison – durchaus vertretbar. Bleibt es bei einer Geldstrafe und dem einen oder anderen Geisterspiel, macht sich die deutsche Fussball-Justiz lächerlich und letztlich gar zur Komplizin der Randalierer.

Tevez hat das Recht auf Provokation

Alexander Kühn am Mittwoch den 16. Mai 2012

Carlos Tevez hat auf der Meisterfeier von Manchester City ein Plakat mit der Aufschrift «RIP Fergie» (Ruhe in Frieden, Fergie) in die Luft gehalten. Als Replik auf eine drei Jahre alte Bemerkung von ManU-Trainer Sir Alex Ferguson, wonach die United zu seinen Lebzeiten niemals im Schatten der Citizens stehen werde. Auf Tevez’ vielleicht etwas ungehobelten Scherz folgte die demütige Entschuldigung. «Das Plakat ist geschmacklos und verwerflich. Carlos hat einen grossen Fehler begangen», kommunizierte Manchester City. «Ich habe den Kopf verloren und wollte Sir Alex Ferguson nicht beleidigen, denn ich achte ihn als Trainer und Menschen sehr», schob Tevez selbst hinterher.

Das klingt alles vernünftig, und doch ist es Quatsch. Denn in diesem Fall trifft der Spott keinen Unschuldigen. Die freundlichen Worte sind also nicht nur heuchlerisch, sondern auch fehl am Platz. Wer austeilen kann, der muss auch einstecken können. Selbst dann, wenn er sich wegen seiner Verdienste um den britischen Fussball Sir nennen darf. Ferguson ist nicht nur der grösste Trainer im Vereinigten Königreich, sondern auch ein ebenso grosser Provokateur. Als er 2009 beschloss, seinen damaligen ManU-Schützling Tevez nach Ablauf der Leihe nicht von West Ham United zu übernehmen, trat er noch verbal nach. «Tevez ist ganz einfach keine 25 Millionen Pfund wert», so Fergusons Spruch, der den Argentinier nach 63 Spielen und 19 Toren geschmerzt haben muss.

Auch nach dem Herzschlagfinale in der Premier League am vergangenen Wochenende zeigte sich Sir Alex alles andere als diplomatisch. Vielmehr bemühte er zum wiederholten Mal das Bild der unverdient zu viel Geld gekommenen Citizens und meckerte, der Stadtrivale werde nun neuerlich ein Vermögen für neue Spieler und deren irrwitzige Saläre ausgeben. Auf eine Entschuldigung seitens der United wartet man derweil vergebens.

Generell ist es schlicht und einfach naiv, in den Grössen des Weltfussballs moralische Instanzen zu sehen. Es gibt Spieler, die schiessen Tore mit der Hand und brüsten sich auch noch damit, es gibt Spieler, die spannen ihren Mitspielern die Ehefrau aus, und es gibt eben Spieler, die sich bisweilen im Ton vergreifen. Wer noch nie bei der Arbeit geschummelt hat, nie fremdgegangen ist und nie gegen jemanden ausfällig geworden ist, möge Tevez für sein Plakat mit aller Inbrunst verurteilen. Alle anderen sollten schweigen.

Jene Leute, die sich im Fussball-Business wirklich daneben benehmen, sind die Idioten, welche die Gewalt in die Stadien tragen. Die Idioten, die Raketen in die gegnerischen Fanblocks schiessen. Die Idioten, die Polizisten behandeln, als wären diese gefühllose Roboter. Dem Trainer Ferguson, der Millionen verdient und selbst kein Kind von Traurigkeit ist, schmiert man schon wegen einer Lappalie wie dem Tevez-Plakat Honig ums Maul, ein Polizist müsste im Krankenhaus landen, um eine annähernd so mitfühlende Behandlung zu bekommen. Das ist der wahre Skandal, nicht das spöttische Transparent von Manchester.

Der Wahnsinn von Manchester

Mämä Sykora am Montag den 14. Mai 2012

Ein Finale, das für alle die schon frühzeitig entschiedenen Meisterschaften in Europa in dieser Spielzeit entschädigte. Ein absoluter Wahnsinn, ein Thriller. Diese dramatischen letzten Minuten der englischen Premier League werden in die Geschichte eingehen und in Zukunft in einem Atemzug genannt werden mit dem legendären Champions-League-Finale von 1999 in Barcelona zwischen Manchester United und dem FC Bayern München.

Schon die Ausgangslage war wie von einem Drehbuchschreiber ausgedacht: Die beiden Erzrivalen aus Manchester nach 37 Spielen punktgleich. Die United, Dominator der Premier-League-Ära mit 12 Titeln in 20 Jahren, musste noch gegen Sunderland antreten; City, die «noisy neighbours», deren Besitzer Scheich Mansour bin Zayed al-Nahyan in den letzten drei Jahren die unglaubliche Summe von 1,2 Milliarden Franken investiert hat, empfing zu Hause die in akuter Abstiegsgefahr schwebenden Queens Park Rangers.

44 lange Jahre waren seit dem letzten Titelgewinn der Citizens vergangen. Auch damals, 1968, kam es in der letzten Runde zum Fernduell um den Kübel, und schon damals musste die United gegen Sunderland ran – und verlor. In der Folge fiel City tief, zwischenzeitlich gar in die dritte Liga. Der Popularität – vor allem in der Stadtbevölkerung – tat dies keinen Abbruch. Mehrere Grössen des Showbiz’ gelten als grosse Anhänger von City – etwa Liam und Noel Gallagher von Oasis– und die Supporter weisen gerne darauf hin, dass bei United nur ein Viertel der Stadionbesucher auch in der Stadt wohnt, während es bei City 61 Prozent sind.

Die riesige Erwartungshaltung nach Jahrzehnten der Enttäuschung war in jedem Gesicht im Etihad Stadium zu sehen. Sowohl beim schwerreichen Eigentümer wie bei jenen Familienvätern, die noch den letzten Meistertitel erlebt haben. Und nach dem Führungstreffer durch Zabaleta brachen alle Dämme. Diese Freude, diese Erleichterung, Hüpfen und Schreien, das Ziel so nah vor Augen. Da vergisst man, dass ein zusammengekauftes Starensemble für diese Emotionen verantwortlich ist und freut sich einfach nur mit diesen Leuten mit, denen der Verein so viel bedeutet.

Deren Wechselbad der Gefühle begann indes erst danach. Erst musste der überragende Assistgeber Yaya Touré verletzt ausgewechselt werden, dann unterlief Lescott ein folgenschwerer Schnitzer, der zum Ausgleich führte. Wenig später wieder überbordende Freude, weil sich der QPR-Bösewicht Joey Barton eine doppelte Tätlichkeit leistete und vom Platz musste. Gefolgt von einem weiteren Schock, denn in Unterzahl gelang QPR tatsächlich mit dem zweiten Torschuss die Führung.

Die Verzweiflung war greifbar, sowohl auf dem Rasen wie auf den Rängen. 19:0 Ecken, 35:3 Torschüsse, ungezählte weggeköpfte Flanken. Das 1:2 war ein absurdes Resultat. Während die United-Spieler nach der Pflichterfüllung in Sunderland auf die Vollzugsmeldung warteten, belagerten die Citizens weiter den QPR-Strafraum. Und das Unmögliche wurde tatsächlich erzwungen. Die dramatischste Meisterschaftsentscheidung seit Ewigkeiten. In der 92. Minute traf Dzeko per Kopf, in der 94. Minute Agüero. 3:2. Meister. Und im Etihad Stadium wurden die Glückshormone gleich kiloweise ausgeschüttet. Ich kann mich nicht erinnern, jemals derart starke Emotionen in einem Stadion mitverfolgt zu haben. 44 Jahre Frust, weggesprengt innerhalb weniger Sekunden. Und ich fühlte mich in dem Moment auch ein bisschen als City-Supporter, als würde ich auch seit Jahren auf so einen Triumph warten.

Trotz so vielen Spielen und so vielen Entscheidungen, die Fussballfans schon verfolgt haben, ist es immer wieder einfach nur erstaunlich, was es auslösen kann, wenn man 22 Männern beim Ballspiel zuschaut. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Eine Aktion kann alles auf den Kopf stellen. Für solche Achterbahnen der Gefühle wie gestern muss man den Fussball einfach lieben.

Aegerter soll nicht jammern

Alexander Kühn am Samstag den 12. Mai 2012
Der Captain geht: Ein enttäuschter Silvan Aegerter nach einer Niederlage in Basel, 2010. (Bild: EQ Images)

Der Captain geht: Ein enttäuschter Silvan Aegerter nach einer Niederlage in Basel, 2010. (Bild: EQ Images)

Mangelnde Professionalität konnte man dem scheidenden FCZ-Captain Silvan Aegerter bis zu seiner öffentlichen Abrechnung mit der Vereinsspitze am Freitag nicht vorwerfen. Und trotzdem ist es richtig, dass sich die Zürcher vom Mittelfeldspieler trennen. Aegerter war in der Krise des FC Zürich schlicht und einfach der falsche Mann am falschen Ort. Ein durchaus passabler und fleissiger Fussballer zwar, aber alles andere als ein charismatischer Leader, der es versteht, eine Mannschaft ohne Selbstvertrauen und Biss aus ihrer Lethargie zu reissen. Und genau das wäre nötig gewesen, erst recht seit dem Beginn der Regentschaft der überfordert wirkenden Interims-Trainer Harald Gämperle und Urs Meier.

Der FCZ konnte Aegerter vor fünf Jahren zwar aus dem beschaulichen Thun in die selbsternannte Weltstadt an der Limmat lotsen, das beschauliche Berner Oberland brachten die Verantwortlichen aber nicht aus ihm heraus. Als es dem FC Zürich gut lief, war das kein Problem, in der verpfuschten Saison 2011/12 zeigte sich aber, dass die Fussstapfen seines Vorgängers Hannu Tihinen für Aegerter zu gross waren. Der Finne war auch kein Mann der grossen Worte, aber einer, der aus dem Kollektiv herausragte. Sogar wenn er schwieg. Tihinen wurde nicht erst seit seinem Hackentreffer gegen die AC Milan in der Champions League von den Fans verehrt. Sondern weil er eine enorme Ausstrahlung auf dem Platz besass und seinen Teamkollegen Sicherheit vermittelte.

Der FCZ hat schon im Winter mit den Verkäufen von Ricardo Rodriguez, Admir Mehmedi, Dusan Djuric, Xavier Margairaz und Alexandre Alphonse den Umbruch eingeleitet. Dass er ihn nun mit der Trennung von Aegerter weitergeht, ist nur konsequent. Zumal der Kontrakt des 32-Jährigen, für den einst die Mutter der Ex-Freundin einen Vertrag aushandelte, ohnehin ausläuft. Der Captain muss der verlängerte Arm des Trainers sein, und der designierte FCZ-Coach Rolf Fringer hat sich offensichtlich einen anderen verlängerten Arm gewünscht. Einen, der auch einmal unbequem in die Parade fährt, die Mitspieler zusammenstaucht und dies nicht dem nur beim Lamentieren noch frischen Ludovic Magnin überlässt. Anders formuliert: Aegerter ist nicht zu schlecht, aber zu brav, um beim Wiederaufbau des Trümmerhaufens FC Zürich eine tragende Rolle zu spielen.

Die deftigen Worte, mit denen der Aussortierte seinen Präsidenten Ancillo Canepa und Sportchef Fredy Bickel in der gestrigen «Blick»-Ausgabe bedacht hat, ändern dies nicht. Jetzt, wo ohnehin schon alles bachab gegangen ist, wirkt die Kritik weinerlich statt kämpferisch. «Wer hat das Team zusammengestellt? Wer hat all diese sogenannt charakterlosen Spieler verpflichtet?», fragte Aegerter. Als Captain hätte er handeln müssen, als er noch Autorität besass.

Der neue FCZ-Captain muss ein Mann ohne Altlasten sein – und er muss vor allem eines haben: Ecken und Kanten. Tomislav Puljic vom FC Luzern wäre so ein Mann. Der 29-jährigen Verteidiger ist mit seinen 1,92 m und 90 kg schon allein physisch eine imposante Erscheinung. Zudem kennt er Fringer aus der gemeinsamen Zeit beim FCL und weiss, wie der frühere Schweizer Nationalcoach tickt. Im Sommer kursierte das Gerücht, der Bundesligist VfB Stuttgart wolle Puljic aus seinem bis 2014 datierten Vertrag herauskaufen. Keine schlechte Referenz. Der Karlsruher SC, der noch gegen den Abstieg aus der 2. Bundesliga kämpft, dürfte für den FCZ kein ernsthafter Konkurrent sein, wenn es darum geht, Puljics Unterschrift zu bekommen.

Anders als Aegerter, der in Interviews mehr wie ein Pfarrer als wie eine sportliche Führungsfigur rüberkam, scheut sich Puljic nicht vor klaren Worten. Ein Muster seiner Qualitäten als Kritiker lieferte er im vergangenen November ab, nachdem ein nicht nachvollziehbarer Platzverweis gegen ihn Luzerns 1:3-Niederlage in Thun eingeleitet hatte. «Diese Entscheidung ist ein Skandal. Sogar in Bosniens zweiter Liga hat es bessere Schiedsrichter als in der Schweiz», polterte er. Mann kann sich leicht denken, dass Puljic nicht nur dem Referee die Meinung geigt, wenn er sauer ist. Und genau das macht ihn zum valablen Kandidaten für das Captain-Amt in einem Team, dessen Spieler den Niedergang erst nicht erkennen wollten und dann nicht bekämpfen konnten.

Niedere Gefühle im Fussball

Mämä Sykora am Donnerstag den 10. Mai 2012


Schadenfreude, Rachegefühle, Genugtuung: Zokora kickt Emre zwischen die Beine. (Quelle: Youtube)

Es ging um viel am vergangenen Sonntag in der Partie Trabzonspor gegen Fenerbahçe Istanbul. Fener liefert sich mit Galatasaray einen Zweikampf um den Titel, Trabzonspor will sich direkt für die Europa League qualifizieren. Und für zwei Akteure ging es um noch mehr: Nach der letzten Begegnung dieser beiden Mannschaft beschuldigte der Ivorer Didier Zokora Fener-Star Emre Belözoglu an der Pressekonferenz des Rassimus. Der Türke habe ihn während des Spiels mehrfach als «pis zenci» (auf deutsch: «dreckiger Neger») bezeichnet. Emre gab vor, sich nicht mehr genau erinnern zu können, räumte aber ein, dass solche Worte im Eifer des Gefechts durchaus gefallen sein könnten.

Für ein solches Vergehen sieht der türkische Fussballverband vier bis acht Spielsperren vor, für Emre gab’s dennoch nur zwei. Und dies, obwohl der türkische Internationale schon mehrfach ausfällig geworden war. Alleine in seiner Zeit bei Newcastle meldeten seine Gegenspieler Tim Howard, Joleon Lescott, Joseph Yobo, El-Hadji Diouf und Al Bangoura rassistische Beleidigungen des kleinen Mittelfeldspielers. Dennoch wurde er nie länger aus dem Verkehr gezogen.

Vielleicht war es die Enttäuschung darüber, gewiss lag aber auch eine Portion Wut in jenem Tritt, den Didier Zokora – der schon mit Tottenham mehrmals gegen Emre gespielt hatte – seinem Kontrahenten kurz vor dem Halbzeitpfiff verpasste. Mit Anlauf, mitten in die Weichteile. Eine dieser Aktionen, die Männer mit schmerzverzerrtem Gesicht verfolgen, begleitet von einem «Aaaaaiii», also ob sie selber getroffen worden wären.

Ich dieses Mal nicht, ich muss es zugeben. Es war mehr ein Gefühl der Befriedigung. Vergleichbar mit dem Gefühl, das sich einstellt, wenn etwa der Bösewicht eines dreistündigen Films zum Schluss seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Und Didier Zokora in der Rolle des unerschrockenen Rächers. Einer, der den Slogan «Let’s kick racism out of football» etwas gar wörtlich nimmt. Einer, der es selber in die Hand nimmt, sich jenen Spieler vorzuknöpfen, über den ich mich seit Jahren aufrege wie über keinen zweiten.

Unvergessen ist jenes unwürdige Spiel der Schweizer Nati im Sükrü-Saracoglu-Stadion in Istanbul im November 2005. Von der ersten Minute an führte sich Emre schlicht unmöglich auf. Er foulte, provozierte, schauspielerte, rief ständig aus, bedrängte bei jeder Gelegenheit den Schiedsrichter, trat auf auf dem Boden liegende Schweizer Spieler, und kam dennoch mit einer einzigen gelben Karte davon. Seinen Ruf festigte der «Giftzwerg» in den folgenden Spielzeiten, seither steht er in meiner persönlichen Rangliste der unsympathischsten Spieler unangefochten auf dem ersten Platz. Noch vor Treter Pepe, Daniele De Rossi oder Schwalbenkönigen wie Pedro oder Didier Drogba.

Obwohl ich dem schönen Fussball zugeneigt bin, technische Feinheiten lieber sehe als Dauergrätscher mit eisernem Willen, obwohl mir die Fairness über alles geht und ich nicht einmal einen echten Herzensverein habe, können solche Momente wie jener mit Zokora und Emre in den Hauptrollen so richtig niedere Gefühle erwecken. Schadenfreude, Rachegefühle, Genugtuung. Alles dabei. Dank Leuten wie Emre merkt man beim Fussballschauen immer wieder, wie weit man doch davon entfernt ist, ein grundguter Mensch zu sein. Ist vielleicht auch ganz gut so, so hat man immerhin noch Verbesserungspotenzial. Andrerseits: Auf dieses befriedigende Gefühl, wenn ein «Erzfeind» so richtig was abbekommt, will ich eigentlich nicht verzichten. Es dürften sogar noch mehr Emres sein. Vorschläge?

Der Glücksbringer mit dem Genickbruch

Alexander Kühn am Mittwoch den 9. Mai 2012


Vom Kriegsgefangenen zum Fussballer des Jahrs: Bert Trautmanns wundersame Karriere. (Quelle: Youtube)

Wenn es sich der Fussball-Gott nicht doch noch anders überlegt, wird Manchester City am kommenden Samstag kurz vor 18 Uhr zum ersten Mal seit 44 Jahren englischer Meister. Der Titel wäre nicht nur für die leidgeprüften Anhänger ein grosses Geschenk, sondern auch für Bert Trautmann, der Citys Geschichte prägte wie kein anderer. 545-mal stand der heute 88-Jährige zwischen 1949 und 1964 im Tor der Himmelblauen, den Meisterpokal durfte er aber nie in die Höhe stemmen. Nun trennt den Verein seines Herzens nur noch ein Sieg gegen den Tabellensiebzehnten Queen’s Park Rangers vom grossen Triumph. Nicht zuletzt deshalb, weil die Citizens in der Person von Joe Hart wieder einen ganz grossen Keeper besitzen, wie Trautmann findet. «Joe ist derzeit zweifellos der beste Torhüter im Vereinigten Königreich», schwärmt der gebürtige Bremer, der im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangener nach England kam.

Trautmann ist ein Glückskind, und so wäre es nur logisch, wenn er auch in seiner Funktion als Maskottchen endlich Erfolg hätte. Zumal ihm Fortuna im Monat Mai schon einmal treu zur Seite stand: Am 5. Mai 1956 überlebte er im Endspiel um den FA-Cup vor den Augen von 98’982 Zuschauern einen Genickbruch. Trautmann, der nichts von der schweren Verletzung wusste, spielte die Partie gegen Birmingham City nach dem fatalen Zusammenstoss in der 75. Minute zu Ende und hatte grossen Anteil am 3:1-Sieg seiner Citizens. Dass er nicht auf dem Platz starb, sondern folgenlos weiter durch den Strafraum hechtete, gilt bis heute als medizinischen Wunder.

Die Queen ehrte ihn für sein Zutun an die deutsch-britische Freundschaft: Bert Trautmann mit seinem Orden in Berlin, 2004. (Bild: Reuters)

Die Queen ehrte ihn für sein Zutun an die deutsch-britische Freundschaft: Bert Trautmann mit seinem Orden in Berlin, 2004. (Bild: Reuters)

Ein Wunder anderer Art hatte ihm über ein Jahrzehnt zuvor die Flucht aus einem sowjetischen Gefangenenlager ermöglicht, die folgende Internierung in Grossbritannien war letztlich die glücklichste Wendung in seinem Leben. Noch heute erheben sich die Menschen in Manchester von den Sitzen und applaudieren, wenn der beliebteste Deutsche und Honorary Officer of the Most Excellent Order of the British Empire die Arena betritt. Im alten City-Stadion an der Maine Road wurden nach Trautmanns Rücktritt die Pfosten ausgetauscht, da kein anderer als der einstige Gefangene zwischen ihnen stehen sollte.

Überhaupt ist Manchester City ein ganz besonderer Verein, auch wenn den Puristen die steinreichen Clubbesitzer aus Abu Dhabi nicht passen. Schon alleine ihrer Standhaftigkeit wegen haben die Fans der Citizens der Titel weit mehr verdient als die erfolgsverwöhnten Fans von Manchester United, die seit 1993 nicht weniger als zwölf Premier-League- und zwei Champions-League-Trophäen feiern durften. Wer den FCZ in den Zeiten der GC-Dominanz unterstützte, kann sich vorstellen, wie hart es über zwei Dekaden war, dem City-Lager anzugehören.

Auf Seiten von Manchester United sieht man das naturgemäss ganz anders. Der mächtige Trainer Sir Alex Ferguson, der beim letzten Derby einen Streit mit seinem City-Konterpart Roberto Mancini anzettelte, mag dem lange unterlegenen Stadtrivalen die neue Kraft nicht recht gönnen und kritisiert dessen wirtschaftliches Gebaren. «Niemand kann City auf finanzieller Ebene schlagen. Der Transfermarkt ist ausser Kontrolle geraten, das haben Teams wie City zu verantworten. Sie können sich jeden Spieler kaufen, das macht es für andere Vereine schwer, ein Wörtchen mitzureden», gab der Schotte zu Protokoll. Mit Verlaub, Ferguson als Anwalt der kleinen Clubs ist mehr als unglaubwürdig. Schliesslich erdrückte seine United die Konkurrenz über Jahre mit ihrer monetären Potenz.

City-Coach Mancini sollte im Fall des Titelgewinns gleich auch noch zum Ehrendoktor für Psychologie ernannt werden – als Lohn für seine Fähigkeiten, das Mannschaftsklima trotz der exzentrischen Lohnbezüger Carlos Tevez und Mario Balotelli auf einem angenehmen Niveau zu halten.

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