Wirtschaft


Never Mind the Markets

Eine italienische Ehe

Mark Dittli am Freitag 25. Mai 2012
Angela Merkel im Bundestag, 24. Mai 2012.

Für welche Lösung der Eurokrise wird sich Deutschland stark machen? Angela Merkel im Bundestag in Berlin, 24. Mai 2012. (Keystone)

Kopflosigkeit. Das ist das treffendste Wort, um den gegenwärtigen Zustand in der Politlandschaft der Eurozone zu beschreiben. Völlig unkoordiniert wird hier über Austerität und dort über Wachstumsimpulse geplappert, während – einmal mehr – die Peripheriestaaten und mit ihnen das europäische Finanzsystem auf den Abgrund zurauschen.

In Ländern wie Griechenland und Spanien findet ein Bank Run statt, ihr Bankensystem verliert Liquidität: eine enorm gefährliche Situation.

Kollege Markus Diem Meier hat in seinem letzten Beitrag (hier) eine zornige Abrechnung mit den europäischen Führungsfiguren über die letzten zwei Jahre vorgelegt. Er hat recht. Konstant wurden die Probleme negiert, Symptome mit Ursachen verwechselt und – als Resultat mittlerweile unzähliger Gipfeltreffen – lächerliche Flickwerke als Lösungen präsentiert.

Versuchen wir also mal, den Tageslärm aus Athen, Madrid und Berlin auszublenden und plausible Szenarien für die Zukunft aufzuzeichnen.

Zunächst eine Feststellung: Die ursprüngliche Annahme der politischen Väter des Euros – Delors, Mitterrand, Kohl – war, dass die verschiedenen Volkswirtschaften der Mitgliedsländer unter dem Dach der Gemeinschaftswährung konvergieren würden.

Das ist seit 1999 definitiv nicht geschehen. In den zwölf Jahren der Währungsunion haben sich zwischen den Staaten enorme Leistungsbilanz-Ungleichgewichte und Divergenzen in der Wettbewerbsfähigkeit gebildet.

Daher die heutige Situation: Die ökonomischen Kräfte zwischen den Ländern wirken zentrifugal – sie reissen die Währungsunion auseinander. Die sich dagegen stemmende, zentripetale Kraft, ist der politische Wille der Mitglieder, dieses Prestigeprojekt nicht scheitern zu lassen.

Über die nächsten Monate und Jahre wird alles daran hängen, welche dieser Kräfte – die zentrifugale oder die zentripetale – stärker sein wird.

Ich sehe vier mögliche Zukunftsszenarien, die sich daraus ableiten lassen. In zwei davon werden die ökonomischen Kräfte, in den anderen zwei die politischen Kräfte stärker sein. Schauen wir sie uns der Reihe nach an:

Szenario 1: Der Zusammenbruch.

Die zentrifugalen Kräfte gewinnen, der politische Wille wird am Ende auch in Deutschland nicht stark genug sein, das Projekt Euro zusammenzuhalten. Die EWU wird in ihrer heutigen Form nicht überleben. Griechenland wird als erstes Land – ob es freiwillig geht oder verbannt wird, ist in dieser Betrachtung irrelevant – in einem chaotischen Prozess den Euro aufgeben. Das Chaos wird sich im europäischen Bankensystem ausbreiten, die Ansteckung wird nicht zu stoppen sein, und über einen mittelfristigen Zeitraum werden auch Portugal, Spanien, Italien, Belgien und sogar Frankreich den Euro fallen lassen. Zurück bleibt ein Rumpfgebilde um Deutschland.

Szenario 2: Der geordnete Ausstieg.

Auch hier: Der politische Wille wird nicht stark genug sein, die EWU wird in ihrer heutigen Form nicht überleben. Griechenland wird austreten, aber der Prozess wird einigermassen geordnet ablaufen. Diverse Staaten müssen ihre Banken retten, und die EZB sowie der Stabilitätsfonds EFSF/ESM müssen massiv in Anspruch genommen werden, um Portugal, Spanien und Italien zu schützen. Die Länder verbleiben bis auf weiteres in der EWU. Trotzdem wird der Austritt Griechenlands ein Fanal sein: Die damals bewusst gewählte Klausel, wonach kein Mitglied die EWU verlassen kann, wurde gebrochen. Der Euro ist damit keine echte Währungsunion mehr, sondern bloss noch ein rigides Währungsregime analog des Goldstandards – das Regierungen ohne grosse Hemmungen fallen lassen, falls in ökonomisch schlechten Zeiten die «Hardship» im Land zu unerträglich wird.

Szenarien 3 und 4: Alles wird gut, oder die italienische Ehe

In diesem und im nächsten Szenario wird der politische Wille – insbesondere in Deutschland – stark genug sein, um die ökonomischen Kräfte zu schlagen. Die deutsche (und österreichische, finnische, luxemburgische, niederländische) Regierung wird einsehen, dass die Währungsunion unmöglich überleben kann, wenn sie nicht in eine Fiskalunion im Stile eines Bundesstaates wie der Schweiz und der USA eingebunden ist. Konkret heisst das: Die Staaten der EWU geben einen beträchtlichen Teil ihrer Steuerhoheit an ein Europäisches Finanzministerium ab. Dieses wird Steuern erheben und sich am Finanzmarkt mit Euro-Bonds finanzieren können, die von allen Staaten solidarisch garantiert werden. Teil dieser Fiskalunion werden institutionalisierte Transferzahlungen von den wirtschaftlich starken zu den wirtschaftlich schwachen Regionen der Union sein. Sozialpolitische Eckwerte wie das Rentenalter werden über alle Mitgliedsländer hinweg harmonisiert. Zudem wird «Brüssel» die Aufsicht und Regulierungsautorität über das europäische Bankensystem übernehmen.

Diese Beschreibung wird sowohl für Szenario 3 wie auch für Szenario 4 gelten. Jetzt die Unterscheidung:

Im Szenario 3 («Alles wird gut») findet unter dem Dach der Europäischen Fiskal- und Währungsunion tatsächlich die ursprünglich erhoffte Konvergenz statt. Die Leistungsbilanzen der einzelnen Mitglieder normalisieren sich, die südeuropäischen Länder gleichen ihre Wettbewerbsfähigkeit derjenigen Deutschlands an. Arbeitsfähige Menschen aus Regionen mit überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit ziehen in Länder, wo die Nachfrage nach Arbeitskräften höher ist. Europa wird an Dynamik gewinnen und sich Wirtschaftskraft neben den USA und Asien etablieren.

Und jetzt das Szenario 4, die italienische Ehe (ein Begriff, den die Europa-Ökonomen von Morgan Stanley in Anlehnung an den Film mit Sophia Loren geprägt haben):

Auch unter dem Dach der Fiskal- und Währungsunion findet die ökonomische Konvergenz nicht statt. Statt dass die Peripherieländer, inklusive Frankreich, dynamischer, effizienter und wettbewerbsfähiger werden, werden sie grösstenteils zu permanenten Empfängern von Transferzahlungen seitens der starken Länder. Sie werden dauerhaft deutlich niedrigere Wachstumsraten und deutlich höhere Arbeitslosenzahlen als die nördlichen Kollegen ausweisen.

Wieso heisst dieses vierte Szenario «italienische Ehe»? Weil es genau dem Modell Italiens entspricht. Mit der Vereinigung des Landes 1861 gesellten sich die wirtschaftlich dynamischen Regionen Norditaliens in eine Fiskal- und Währungsunion mit dem deutlich schwächeren Süden. Über einen Zeitraum von 150 Jahren hat nie eine Konvergenz der beiden Teile stattgefunden; Italien bleibt ein schiefes Konstrukt aus zwei wirtschaftlich komplett unterschiedlichen Zonen, das nur dank permanenten Transferzahlungen vom Norden in den Süden funktioniert. Das könnte das Muster sein, dem die gesamte Europäische Fiskal- und Währungsunion im Szenario 4 folgt.

Frau Merkel: Pick your poison.

Warum funktioniert Griechenland so schlecht?

Tobias Straumann am Mittwoch 23. Mai 2012
Kundgebung in Athen vor den griechischen Wahlen, 4. Mai 2012. (Keystone)

Die griechische Verwaltung kann die Rechtssicherheit nicht garantieren: Kundgebung in Athen vor den Wahlen, 4. Mai 2012. (Keystone)

Warum sind Griechenlands Institutionen so schlecht? Die Verwaltung ist nicht in der Lage, Steuern ordnungsgemäss einzuziehen, hat keine Übersicht über den Staatsbesitz und kann die Rechtssicherheit nicht garantieren. Griechenland ist nicht gerade ein gescheierter Staat («failed state») wie Afghanistan, aber der tiefe Standard der öffentlichen Dienstleistungen ist besorgniserregend.

Als Grund für die institutionellen Mängel wird meist die Militärdiktatur genannt. Das «Obristenregime» hielt sich aber nur von 1967 bis 1974 an der Macht. Diese Zeitspanne reicht nicht aus, um die Regeln von Politik und Recht dauerhaft zu verändern. Auch die traumatische Besetzung während des Zweiten Weltkriegs und der anschliessende Bürgerkrieg erklären das Phänomen nicht wirklich. Griechenland war schon im 19. Jahrhundert ein schlecht funktionierender Staat. Wie der Ökonom Daron Acemoglu, der Politikwissenschaftler James Robinson und viele andere seit Jahren betonen, beruhen institutionelle Defekte auf langlebigen historischen Strukturen.

Das zeigt sich besonders deutlich, wenn wir die Entwicklung Lateinamerikas und Nordamerikas miteinander vergleichen. Während die USA und Kanada seit langem demokratische Verfassungen und ein hohes Pro-Kopf-Einkommen haben, haben die lateinamerikanischen Länder bis in die jüngste Zeit Schwierigkeiten gehabt, funktionierende Institutionen zu schaffen und kontinuierliches Wirtschaftswachstum zu generieren. Laut den beiden Wirtschaftshistorikern Stanley Engerman und Kenneth Sokoloff lässt sich dies mit der Art der Kolonisierung erklären: Während in Mittel- und Südamerika Plantagenarbeit vorherrschte, die von einer kleinen weissen Minderheit kontrolliert wurde, dominierten in Nordamerika Millionen von Siedlern, die über eigenes Land verfügten und eine grosse politische Autonomie genossen (Link zum Paper).

Griechenland hat eine ähnliche Vergangenheit wie die lateinamerikanischen Staaten. Von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zur Unabhängigkeit 1827 war Griechenland Teil des Osmanischen Reiches. Diese lang andauernde Fremdherrschaft führte dazu, dass die Griechen sich angewöhnten, die Behörden so gut wie möglich für ihre eigenen Zwecke einzuspannen oder sie zu boykottieren. Verschärfend kam hinzu, dass die Besetzer eine andere Religion als die Griechen hatten. In einem solchen Umfeld können sich keine funktionierenden Institutionen ausbilden.

Mit der Unabhängigkeit schien sich dies zu ändern, aber wie in Lateinamerika setzten sich alteingesessene Familien an die Stelle der Osmanen und führten dasselbe autokratische Regime fort. Bis in die jüngste Zeit haben die Ministerpräsidenten immer dieselben Namen getragen. Eine tief greifende Demokratisierung hat seit 1827 nie stattgefunden.

Wegen dieser langen Kultur des Misstrauens stehen die Chancen auf erfolgreiche institutionelle Reformen eher schlecht. Vor allem wird es unmöglich sein, den Wandel von aussen zu steuern. So wenig wie man den Irak durch eine militärische Intervention in eine blühende Demokratie verwandeln kann, so wenig wird es der EU gelingen, die griechischen Institutionen mit Ratschlägen und Drohungen zu verbessern. Vielleicht kommen dank des Zerfalls der alten politischen Ordnung neue Kräfte ans Ruder, die eine Erneuerung einleiten. Aber wie das Beispiel Italien gezeigt hat, folgte auf das Ende der Ersten Republik nicht ein Reformer, sondern ein Selbstdarsteller, der das Zeug hatte, die ganze Nation in den Ruin zu reiten.

Zwei Jahre für die Katz

Markus Diem Meier am Montag 21. Mai 2012
Gewerkschafter demonstrieren vor den Nationalbank in Athen, April 2012. (Keystone)

Die Griechen haben bereits Milliarden ins Ausland verschoben: Gewerkschafter demonstrieren vor den Nationalbank in Athen, April 2012. (Keystone)

Wieder stehen in der Eurozone die Zeichen auf Sturm. Etwas mehr als zwei Jahre dauert das Drama insgesamt an. Ein Blick auf die Entwicklung seither fällt verheerend aus: Nichts hat sich verbessert – weder auf den Märkten, noch in den politischen Debatten noch in der Realwirtschaft der Eurozone. Im Gegenteil.

Zuerst ein paar Fakten zum aktuellen Zustand:

  • Vieles deutet darauf hin, dass auf die Banken in Griechenland und Spanien ein Run eingesetzt hat. Allein am vergangenen Montag sollen von griechischen Banken gemäss Präsident Karolos Papoulias 700 Millionen Euro ins Ausland verschoben worden sein. Allein von der spanischen Bank Bankia hiess es am Freitag, innert einer Woche sei mehr als 1 Milliarde Euro abgezogen worden. Beide Zahlen wurden von den Regierungen relativiert und das Gerücht von einem Bankenrun zurückgewiesen. Doch was könnten sie auch anderes sagen? Ein Rückzug der Einlagen wäre aus Sicht der Depositäre alles andere als irrational. Allein diese Meldungen müssten alle Alarmglocken schrill läuten lassen. Ein Bankrun lässt sich mit einem Schneeball vergleichen, der rasch zur Lawine wird, wenn die Kapitalabzüge einmal einen gewissen Grenzwert überschritten haben. Dann kollabiert ein Finanzsystem in Windeseile.
  • In ihrer Eingabe (Formular 20-F) an die US Börsenaufsicht «Securities Exchange Commission» (SEC) hat die spanische Grossbank BBVA unter den Risiken, die mit Spanien und der Eurozone zusammhängen gleich zweimal (Seite 12 und Seite 67) erwähnt, die Lage sei schlimmer als im Oktober 2008 nach dem Kollaps von Lehman Brothers. Hier die Aussage von Seite 12:

Third, the connection between EU sovereign concerns and concerns for the health of the European financial system has intensified, and financial tensions in Europe have reached levels, in many respects, higher than those present after the collapse of Lehman Brothers in October 2008.

  • Dramatisch auch das Bild aus der Realwirtschaft. Unten die jüngsten Daten der OECD zur Jugendarbeitslosigkeit in den Mitgliedsländern. Die blauen Balken zeigen die Jugend-Arbeitslosenraten im Dezember 2007. Viel wichtiger sind die kleinen Punkte, die die gleichen Raten im März 2012 zeigen. Von mir rot eingekreist sind die Punkte, die auf gefährdete Euroländer verweisen. Wie die OECD schreibt, unterschätzen selbst diese Daten noch den wahren Zustand, da viele arbeitssuchende Jugendliche gar nicht erst erfasst werden. Die starke Zunahme in den letzten Jahren macht auch darauf aufmerksam, dass diese hohe Jugendarbeitslosigkeit nicht nur strukturell bedingt sein kann.

Schlimmer noch als der Stand der Krise ist aber, dass auch auf der Ebene der politischen Debatten und Massnahmen nicht der geringste Fortschritt hin zu einer brauchbaren Lösung festzustellen ist. Der Reihe nach.

  • Noch immer werden harte sofortige Einschnitte von den Krisenländern gefordert, wie wenn das etwas bringen würde und obwohl nüchtern betrachtet von Beginn weg klar war, dass das angesichts fehlender wirtschaftspolitischer Alternativen in der Eurozone (Geld- und Währungspolitik) nicht funktionieren kann: Wenn in einer Rezession mit Schuldendruck die Konsumenten auf die Bremse treten, wenn zudem die Unternehmen wegen ausbleibenden Absatzchancen, wegen der hohen privaten Verschuldung und/oder wegen einem fehlenden Zugang zu Krediten nicht mehr investieren und wenn auch die Exporte wegen einer nicht möglichen Abwertung nicht mehr zulegen können, dann bleibt der Staat die einzige potenzielle Nachfragequelle. Spart er auch, kann die Gesamtnachfrage nur noch weiter einbrechen und damit auch die Lage der Staatsfinanzen. Denn dann sinken die Steuereinnahmen, während Sozialausgaben und Arbeitslosengelder zunehmen. Diese einfache Logik führt denn auch überall zu den erwartbaren Ergebnissen: Eine weiter einbrechende Wirtschaft mit steigenden Arbeitslosenquoten und sich weiter verschlechternde Staatsfinanzen. Wenn die Privaten überschuldet sind, muss der Staat Luft verschaffen und erst dann auf hart auf die Sparbremse treten, wenn das Wachstum von privater Seite wieder anzieht. (Mehr dazu hier). Die neu hinzugekommene Wachstumsdebatte ist nicht mehr als ein schlechter Marketinggag – ohne jeden nützlichen konkreten Inhalt (mehr dazu hier).
  • Noch immer werden die Probleme diskutiert, wie wenn es die Währungsunion als solche gar nicht gäbe, bzw. so, wie wenn deren einziger Zweck in der Disziplinierung ihrer Mitglieder bestehen würde. Selbstverständlich kann ein Land ohne Zugang zum Kapitalmarkt, das gleichzeitig mehr ausgibt, als es einnimmt, nicht anders, als seine Ausgaben zu reduzieren. Doch bei einem Euro-Mitgliedsland verschlechtert das die Wirtschaftslage und selbst die Finanzlage weiter, denn ihm sind die wirtschaftspolitschen Reaktionsmöglichkeiten unzugänglich, über die andere Länder verfügen: Eine unabhängige Geld- und Währungspolitik und die Möglichkeit, das Finanzsystem mit einer eigenen Notenbank (in ihrer Funktion als «Lender of the Last Resort») zu retten, wenn ein einbrechendes Finanzsystem die gesamte Volkswirtschaft mit sich hinunterzureissen droht. In funktionierenden «Währungsunionen» mit unterschiedlich prosperierenden Regionen (wie der Schweiz oder den USA) ergänzt ein fiskalischer Ausgleich die Verantwortung, die die Regionen für ihre Staatsfinanzen selbst haben. Doch in der Eurozone ist das noch immer ein Tabu.
  • Noch immer wird das Problem in der Eurozone vor allem in der Verschuldung der gefährdeten Länder gesehen. Ja, einige Länder geben mehr aus als sie einnehmen, was die Verschuldung erhöht hat. Aber das ist nicht die Ursache des ganzen Schlamassels. Spanien und Irland waren gerade auch im Vergleich zu Deutschland über lange Zeit des Eurozonen-Bestehens die bewunderten Musterschüler (zum Sonderfall Griechenland gleich mehr). Hier die Daten dazu. Das Problem sind die Institutionen der Eurozone selbst. Die einheitliche Geldpolitik hat zu Beginn der Währungsunion Ländern wie Irland, Spanien und Griechenland zu tiefe Zinsen beschert (wegen der Rezession in Deutschland), so dass es in Irland und Spanien zu massiven Übertreibungen der Privatwirtschaft kam und in Griechland zu solchen des Staates. Die Folge waren steigende Preise und am Ende platzende Immobilienblasen in Spanien und Irland. Vor allem die Rettung der Banken und die Rezession haben dort die Schulden explodieren lassen. Und jetzt verhindert die einheitliche Geldpolitik und der fehlende fiskalische Ausgleich jede wirtschaftspolitische Massnahme zur Linderung der Lage.
  • Noch immer werden die hohen Renditen für Staatsanleihen als Beleg dafür gesehen, dass eben die hohe Verschuldung eben doch das wichtigste Problem ist und ihr rascher Abbau zu tieferen Sätzen führen werden. Auch das ist Unsinn. Nochmals: Die Schulden sind die Folge der strukturellen und konjunkturellen Ungleichgewichte, die sich im Eurozonen-Korsett verschärfen. Das wird sofort klar, wenn man weit stärker verschuldete Länder mit einer eigenen Währung anschaut, wie die USA, Japan oder Grossbritannien. Deren Sätze befinden sich auch auf Rekordniveaus – rekordtiefen Niveaus allerdings. Die Sätze sind in der Eurozone derart hoch, weil das Risiko von Zahlungsausfällen durch die fehlende eigene Währung und Zentralbank sehr viel höher ist. Das hat der Ökonom Paul De Grauwe ausgezeichnet erklärt. Hier mehr dazu.
  • Noch immer setzen die Europolitiker als Lösung auf Rettungspakete, die für den Zweck, den sie verfolgen sollen, ohnehin ungenügend ausgestattet sind und sie schaffen nicht den nötigen fiskalischen Ausgleich, ohne den eine Währungsunion nicht existieren kann.
  • Noch immer wird die Eurokrise als moralisches Lehrstück aufgefasst: Länder, die überbordet haben, sollen nun eben dafür büssen. Nochmals: Ausser Griechenland galten einige der heutigen Krisenländer vor kurzem noch als fiskalische Vorbilder und Italien hat seine Verschuldung aus den 1990er-Jahren verringert. Griechenland dagegen erfüllt die Vorurteile, die gegenüber allen Krisenländern vorgebracht werden. Hier haben tatsächlich unverantwortliche Politiker überbordet. Doch unabhängig von den Ursachen der Probleme funktioniert auch in Griechenland die Euro-Medizin nicht. Aus dem bisherigen sollte auch klar geworden sein, dass ein Autritt Griechenlands aus der Eurozone ohne neue Institutionen und eine neue Politik auf gar keinen Fall das Ende der Krise bedeuten würde – ganz abgesehen von den unmittelbaren Schockwellen eines solchen Austritts. Denn dann wäre allen klar, was am Ende droht, wenn Länder an den Anforderungen des Eurokorsetts zerbrechen: ungeordnete Bankrotte von Staaten, Banken und Privaten, massive Währungsturbulenzen und wahrscheinlich auch politische Unruhen mit ungewissem Ausgang.
  • Noch immer zählen fragwürdig gewordene ökonomische Dogmen mehr, als pragmatische Lösungsansätze: zum Beispiel in der Frage, wie viel Inflation die Eurozone erträgt. Das Beharren auf 2 Prozent im Durchschnitt hat zur Folge, dass in der Praxis die gefährdeten Länder der Peripherie eine Deflation benötigen, um ihren Kostennachteil wieder aufzuholen, der ihnen die Inflation der Boomjahre beschert hat. Doch eine Deflation ist angesichts einer hohen Verschuldung vor allem auch der Privaten der Weg ins Verderben – mehr dazu hier, hier oder hier.
  • Noch immer wird die politische Dimension der ganzen Entwicklung und des Versagens unterschätzt. Dies allein birgt neue Gefahren für die politische Stabilität nicht nur der Eurozone insgesamt, sondern auch in ihren Mitgliedsländern. Dazu mehr hier.

Total konzeptlos

Tobias Straumann am Mittwoch 16. Mai 2012
Der griechische Präsident Karolos Papoulias (M.) trifft sich mit den Führern verschiedener Parteien, 15. Mai 2012. (Keystone)

Der griechische Präsident Karolos Papoulias (M.) trifft sich mit den Führern verschiedener Parteien, 15. Mai 2012. (Keystone)

Man hat sich in den letzten zwei Jahren allmählich daran gewöhnt, dass das Management der Eurokrise alles andere als optimal ist. Aber was wir in den letzten Tagen beobachten konnten, übertrifft selbst die geringsten Erwartungen. Die Griechen haben mit ihrem Wahlzettel klar zu verstehen gegeben, dass sie weitere Sparmassnahmen ablehnen, aber die Eurozone-Länder und die EU-Kommission bestehen darauf, dass weiter gespart wird und eine Regierung eingesetzt wird, die diese Sparziele umsetzt. Es wäre ehrlicher, man würde den Griechen das Wahlrecht entziehen.

Die Anweisung aus Brüssel ist auch deshalb verfehlt, weil die Sparstrategie ganz offensichtlich gescheitert ist. Griechenland ist in einen Abwärtsstrudel geraten, aus dem es aus eigener Kraft nicht mehr herauskommt. Sparen macht nur dann Sinn, wenn es einen Beitrag liefert zu einem späteren Aufschwung, aber selbst nach vier Jahren ist weit und breit kein Ende der Krise in Sicht. Die griechische Wirtschaft ist nicht wettbewerbsfähig, weil die relativen Lohnstückkosten mindestens 30 Prozent höher liegen als bei den wichtigsten Handelspartnern. Sparen verbessert die Wettbewerbsfähigkeit nicht, sondern würgt die Binnenwirtschaft ab. Mit anderen Worten: Griechenland erlebt eine Depression à la 1930er-Jahren.

Man müsste also einen neuen Vorschlag machen, um Griechenland aus dem Abwärtsstrudel zu befreien. Aber nichts dergleichen, Brüssel ist total konzeptlos. Da und dort wird wieder vor einem Exit Griechenlands gewarnt. Aber alle wissen, dass der Exit früher oder später sowieso eintritt, wenn alles weiter läuft wie bisher.

Vielleicht geht es auch nur noch darum, den Griechen die Schuld für den Exit in die Schuhe zu schieben. Dieses Spiel beobachtet man immer wieder vor Währungsabwertungen. Wer eine Abwertung offen anspricht, läuft Gefahr, sie auszulösen, worauf man ihm oder ihr alle Schuld gibt, obwohl die Abwertung früher oder später sowieso eingetreten wäre.

Auch die gegenwärtigen Warnungen vor einer Abwertung findet man in der Geschichte immer wieder. So hiess es vor der Abwertung des argentinischen Peso im Januar 2002, das werde ausser Inflation gar nichts bringen. Genau das Gegenteil ist passiert: Nach einem tiefen Taucher 2002 ist das Wachstum emporgeschnellt, das Pro-Kopf-Einkommen ist heute höher als vor der Abwertung.

Auch bei Griechenland ist eine Abwertung nach aller historischer Erfahrung die einzige Möglichkeit, wieder wettbewerbsfähig zu werden. Griechenland war auch füher ein armes Land mit schlecht funktionierenden politischen Institutionen, dennoch hat man immer wieder investiert, weil es ein günstiger Standort war – zum Beispiel Landis & Gyr in Korinth (die Produktion läuft bis heute). Warum soll es nicht erneut zu Investitionen kommen, wenn Griechenland wieder ein günstiger Standort wird? Auch der griechische Tourismus würde von einer Abwertung profitieren. Dasselbe hat man in der Türkei nach der Abwertung vor zehn Jahren beobachten können.

P.S.: Oft wird gesagt, dass der Euro nur deshalb eingeführt wurde, weil Frankreich ohne Euro die deutsche Wiedervereinigung blockiert hätte. Ich habe das selber auch lange Zeit geglaubt, aber es scheint nicht zu stimmen. David Marsh, der ehemalige «Financial Times»-Korrespondent in Deutschland und Frankreich, der zu allen wichtigen Entscheidungsträgern Zugang hatte und als einer der besten Kenner der Euro-Entstehung gilt, schreibt es klar in seinem Buch «The Euro» (Paperback Edition 2011):

«The historical record, as set out by this book, demonstrates that Germany did not give up the D-Mark as part of a bargain for German unification, which would have happened anyway whether nor not it was accompanied by a political process that included EMU. German unity lent extra impetus to the decades-long quest for a single currency, but led to no significant German concessions on the make-up of the new monetary order.» (S. 17)

Auch Kenneth Dyson und Kevin Featherstone, die das Standardwerk zum Vertrag von Maastricht geschrieben haben, kommen zu diesem Schluss. Diese Korrektur der historischen Legende ist wichtig, weil sie mit der Idee aufräumt, die Einführung des Euro sei eine zwangsläufige Folge der damaligen Umstände gewesen. Auch die deutschen Politiker, allen voran Hans-Dietrich Genscher, Helmut Kohl und Theo Waigel, wollten den Euro. Alles auf die Franzosen abzuschieben ist allzu billig.

Die Systemfrage

Markus Diem Meier am Montag 14. Mai 2012

Dass die Europäische Währungsunion in ihrer aktuellen institutionellen Ausprägung auf die Dauer nicht funktionieren kann, war  ihren politischen Pionieren in den 1990er-Jahren durchaus klar. Ökonomen konnten sich ohnehin kaum dafür begeistern. Der Euroraum ist und war offensichtlich besonders weit weg von einem «optimalen Währungsraum» und ein ausgleichendes Pendant bei den Staatsfinanzen zur einheitlichen Geldpolitik war noch nicht einmal vorgesehen (wie das sonst jeder «Währungsraum» kennt – auch jener der Schweiz). Die Politiker haben darauf gesetzt, dass der Euro notwendige institutionelle Änderungen und das Zusammenwachsen der europäischen Länder automatisch zur Folge haben, bzw. erzwingen werde. Wie sich jetzt zeigt, ist das Experiment gerade auch in dieser Hinsicht gescheitert: Das Projekt trennt die Länder immer mehr und schlimmer noch, es führt zu einer Entfremdung der Politiker innerhalb der Länder von ihrem Wahlvolk.

Die politische Dimension der Eurokrise führt damit zur Frage, unter welchen politischen Rahmenbedingungen Gesellschaften wirtschaftlich gedeihen können und unter welchen nicht. Genau dieser Frage geht ein aktuelles Buch der Ökonomen Daron Acemoglu und James Robinson unter dem Titel «Why Nations fail» nach. Das folgende kurze Video mit Acemoglu macht in aller Kürze klar, worum es geht:

Vor der Auseinandersetzung mit dem Inhalt noch ein paar Worte zu den Personen im Kurzinterview: Der 1967 geborene Daron Acemoglu gilt als Jungstar der Ökonomenszene. 2005 hat er die so genannte «John Bates Clark»-Medaille abgeräumt, die bis 2009 nur jedes zweite Jahr für den wertvollsten Beitrag an die Wissenschaft an Ökonomen unter 40 Jahren verliehen wurde (seither wird sie jährlich verliehen). Die Medaille gilt als ebenso begehrt wie der Nobelpreis und die damit Geehrten erhielten nicht selten später auch noch diese Auszeichnung. Hier die Gallerie der Ausgezeichneten. Die Fragen an Acemoglu stellt Ryan Avent, Redaktor der Zeitschrift «Economist» und Autor von dessen Blog «Free Exchange». Acemoglu und Robinson unterhalten ebenfalls einen lesenswerten Blog zum gleichen Thema und unter dem gleichen Namen wie ihr Buch: «Why Nations fail».

Damit zurück zum Thema: Wie das Interview schon vermuten lässt, dreht sich auch das Buch nicht um die Währungsunion. Warum seine Thesen dafür dennoch relevant sind – genauso wie für die weitere Entwicklung der USA oder Chinas oder warum sie eine Erklärung für den relativen Erfolg der Schweiz liefern, sollte bald klar werden. Hier nun die wichtigsten Thesen:

  • Für wirtschaftliche Prosperität haben angemessene politische Institutionen eine herausragende Bedeutung.
  • Institutionen, die die Macht der Eliten (bzw. einflussreicher Sondergruppen) gegen sie gefährdende Einflüsse abschotten und so ihren Einfluss bewahren, schaden der wirtschaftlichen Fortentwicklung. Acemoglu und Robinson bezeichnen eine solche Gesellschaft als «extraktiv», weil es den Eliten hier gelingt, auf die eine oder andere Art ihre Bevölkerung auszubeuten. Damit untergräbt eine solche Gesellschaft auch die Legitimität der politischen Macht in der Bevölkerung und behindert den politischen Wettbewerb genauso wie den wirtschaftlichen. Damit werden zukunftsträchtige Innovationen verhindert, die zu besseren, effizienteren und günstigeren Produkten, Prozessen oder politischen Lösungen führen. Solche Innovationen sind immer eine potenzielle Bedrohung von hergebrachten Strukturen, insbesondere auch hergebrachten Machtstrukturen.
  • Umgekehrt gedeihen «inklusive» Gesellschaften besonders gut. Inklusive Gesellschaften sind solche, wo es den Eliten (und einflussreichen Sondergruppen) eben gerade nicht gelingt, ihre Macht zu zementieren. Das sind Gesellschaften, die die Rechte der Einzelnen achten und auf den demokratischen Wettbewerb setzen. Sie haben genau die umgekehrten Wirkungen wie die oben beschriebenen extraktiven Gesellschaften und gedeihen daher besonders gut.
  • Grundsätzlich sind moderne westliche Gesellschaften laut Acemoglu und Robinson «inklusiv» und daher auch erfolgreicher als andere. Doch die Autoren machen auch klar, dass es erstens verschiedene Stufen von Inklusivität gibt und zweitens diese Inklusivität stets gefährdet bleibt, da Eliten bzw. machtvolle Sondergruppen überall und immer versuchen werden, ihren eigenen Einfluss zu zementieren.
  • Entscheidend sind daher politische Institutionen, die diesen Versuch von Eliten und machtvollen Sondergruppen von vorneherein möglichst verunmöglichen.

Damit jetzt zur Schlussfolgerung zuerst für die Eurozone:

  • Die Eurozone mit ihren Regeln geht gerade in die gegengesetzte Richtung von Inklusivität. Die Selbstbestimmung der Bevölkerung in den einzelnen Mitgliedsländern wird zum Problem für das Gesamtkonstrukt. Die Eurozone insgesamt verfällt dem Technokraten-Irrtum.
  • Lösungen werden daher in einer zunehmenden politischen Endmündigung der einzeldemokratischen Prozesse gesucht – was im Kontext der Währungsunion auch gar nicht anders möglich ist. Die Erklärung dafür ist das doppelte Trilemma.
  • Als Folge davon wächst die Macht einflussreicher Gruppen – vor allem aus der Bürokratie – die ihre Vorstellungen und Erwägungen nicht mehr einem breiten Wettbewerb aussetzen müssen und die auch nicht mehr durch die Bevölkerung legitimiert sind. Für Lobbygruppen wird es hier viel einfacher, sich Einfluss zu verschaffen und zu bewahren. Einkünfte und Einfluss über das Lobbyieren zu suchen, wird so zu einer gefährlich vielversprechenden Alternative zum Versuch, über echte Innovationen das eigene Wohl (und damit jenes der Gesellschaft) zu befördern.
  • Dadurch zerfällt aber immer mehr die Legitimität des gesamten Systems. Damit verbunden ist eine steigende politische Instabilität und Verdrossenheit gegenüber der hergebrachten Politik. Extremisten aller Art können sich das zunutze machen. Genau das können wir momentan in der Eurozone viererorts beobachten.

Was lässt sich aus den Thesen für die Schweiz schliessen?

  • Die politischen Institutionen hier sind ausgesprochen stark auf politische Integration und Kompromisse ausgelegt. Das sorgt für eine ausserordentlich grosse Legitimation des Gesamtsystems und einer entsprechenden politischen Stabilität.
  • Eliten und mächtige Sondergruppen gibt es auch hier. Dank einem System, das an allen Ecken und Enden auf Verhinderung von Machtkonzentration ausgelegt ist, kann sich niemand vom Rest absetzen und auf Dauer das System zu seinen Gunsten ausbeuten.
  • Ein zentrales Element dieses Systems von verhinderter Machtkonzentration sind die direktdemokratischen Mitbestimmungsmöglichkeiten. Letztlich muss jede Sondergruppe in Konkurrenz mit anderen Sondergruppen ihre Anliegen vor der Allgemeinheit begründen und verteidigen.
  • Damit kommen vielleicht nicht immer die besten Lösungen zustande, aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist weit grösser als nur schon in einer repräsentativen Demokratie, wo Sondergruppen und Eliten nur gerade eine Regierungspartei oder führende Parlamentarier für sich gewinnen, bzw. kontrollieren müssen.
  • In der Schweiz selbst wurde dieses System immer wieder als zu langsam und nicht mehr zeitgemäss kritisiert (das war Thema meines vorletzten Buches). Tatsächlich ist dieses System ein wichtiger Pfeiler des wirtschaftlichen Erfolgs der Schweiz.

Was ist nun mit China: Die Diktatur der Kommunisten dort ist offensichtlich kein Beispiel von Inklusivität und dennoch hat das Land ein beachtliches Wachstum hingelegt.

  • Daron Acemoglu und James Robinson sind überzeugt, dass China ohne dramatische politische Reformen sich nicht mehr so weiter entwickeln kann wie bisher. Den Erfolg bisher schreiben sie einer Reihe besonderer Umstände zu. Einer davon ist, dass es den Chinesen lange gut gelang, die Innovationen anderer Länder zu adaptieren («Catch-up»-Effekt). Hier finden sich weitere Gründe in einer Zusammenfassung. Die Ökonomen weisen darauf hin, dass lange auch die Sowjetunion für ihr starkes Wachstum bewundert wurde und im Westen die Ansicht weit verbreitet war, diese einstige militärische Grossmacht werde auch wirtschaftlich den Westen überrunden.

Und wie steht es um die USA?

  • Wenn die zunehmende ökonomische Ungleichheit zu einem faktischen politischen Ausschlusssystem führt, dann wird sich das negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung niederschlagen – meint Daron Acemoglu im Interview. Der feine Unterschied hier ist wichtig: Die Ungleichheit kann Ergebnis des Erfolgs besonders innovativer Leistungen Einzelner sein und ist dann kein Problem, sondern Zeichen einer erfolgreichen gesellschaftlichen Entwicklung. Wenn dieser Erfolg aber dazu führt, dass die politische Pluralität und Mitbestimmung gefährdet wird, weil sich die wirtschaftlich erfolgreiche Elite ein Übermass an Einfluss sichern und zementieren kann, dann wird diese Ungleichheit zur Gefahr für die weitere wirtschaftliche Entwicklung.

Die Party, die sich als Krieg entpuppte

Mark Dittli am Freitag 11. Mai 2012
Die Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart. (Keystone)

Die Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart. (Keystone)

Schulden haben eine enorm mühsame Eigenschaft: Sie verschwinden nicht einfach, wenn man sie loshaben will. Schulden sinken nur, wenn a) man sie durch harte Arbeit und durch Konsumverzicht abzahlt, b) sie vom Gläubiger freiwillig oder unfreiwillig abgeschrieben werden oder c) ihr realer Wert durch Inflation erodiert wird.

Makroökonomisch betrachtet haben Schulden noch eine weitere ungemütliche Eigenschaft: Sind sie zu hoch, hemmen sie das Wirtschaftswachstum. Die Ökonomen Carmen Reinhart, Vincent Reinhart und Kenneth Rogoff – Erstere und Letzterer sind die Autoren von «This Time is Different», des nach wie vor wichtigsten Buches zur Finanzkrise – haben nun in einer Studie mit dem Titel «Debt Overhangs: Past and Present» diesen wachstumshemmenden Effekt zu quantifizieren versucht.

Die Resultate sind unerfreulich.

Zunächst ist eine kurze Unterscheidung nötig. Für eine Volkswirtschaft sind im Wesentlichen vier Arten von Schulden kritisch: die Staatsschulden; die kumulierten Schulden des Privatsektors; die kumulierten externen Schulden – das sind öffentliche und private Schulden, die sich in den Händen ausländischer Investoren befinden; sowie die buchhalterisch meist nicht erfassten Eventualverpflichtungen des Staates im Altersvorsorge- und Gesundheitssystem.

Reinhart/Rogoff haben sich im ersten Teil ihrer nun publizierten Arbeit primär den Staatsschulden gewidmet.

Bereits vor drei Jahren haben Carmen Reinhart und Rogoff nachgewiesen, dass eine Volkswirtschaft in der Regel eine markante Wachstumsverlangsamung erlebt, wenn der Stand der Staatsschulden die Marke von ungefähr 90Prozent des BIP überschreitet. Mehrere andere Studien, etwa diese hier von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, haben in der Zwischenzeit die These bekräftigt.

In ihrer aktuellen Arbeit definieren Reinhart/Rogoff als Schuldenüberhang («Debt Overhang»), wenn ein Land während mindestens fünf Jahren eine Staatsschuld von mehr als 90 Prozent des BIP aufweist. In 22 untersuchten Industrieländern über einen Zeitraum von 1800 bis heute haben sie insgesamt 26 derartige Schuldenüberhang-Episoden identifiziert.

Die ernüchternde Erkenntnis: Im Durchschnitt fällt das Wirtschaftswachstum in Jahren mit einem Schuldenüberhang um 1,2 Prozentpunkte niedriger aus als in «normalen» Jahren. Konkret: Länder mit Schuldenüberhang expandierten im Betrachtungszeitraum im Durchschnitt mit realen jährlichen Wachstumsraten von 2,3 Prozent, veglichen mit 3,5 Prozent für Länder, die Staatsschulden von weniger als 90 Prozent des BIP aufwiesen.

Die durchschnittliche Dauer der beobachteten Schuldenüberhang-Episoden einzelner Länder beläuft sich auf 23 Jahre. Wer nun denkt, eine Wachstumsverlangsamung von 1,2 Prozentpunkten sei nicht so erheblich, sollte sich den Zinseszinseffekt vergegenwärtigen: Ein Land, das mit 3,5 Prozent pro Jahr wächst, weitet sein BIP über 23 Jahre von 100 auf 221 aus. Mit einem jährlichen Wachstum von 2,3 Prozent  resultiert bloss ein Anstieg von 100 auf 169.

Diese Grafik aus der Studie illustriert schön den Unterschied:

Ein sehr gutes Beispiel für das wachstumshemmende Schuldenüberhang-Problem liefert Italien: Im beobachteten Zeitraum von 1861 bis 2011 wies das Land während insgesamt 69 Jahren eine Staatsschuld von mehr als 90 Prozent des BIP auf – die letzte dieser Episoden begann 1988 und dauert bis heute an. In diesen 69 Jahren wuchs Italiens Wirtschaft im Durchschnitt real mit 1,1 Prozent. In den Jahren ohne Schuldenüberhang waren es 3,9 Prozent.

Die meisten der anderen beobachteten Länder kamen in aller Regel nach grossen Kriegen in die Situation eines Schuldenüberhangs: Grossbritannien und die Niederlande beispielsweise nach den Napoleonischen Kriegen, Frankreich und Grossbritannien nach dem Ersten und mehrere Länder nach dem Zweiten Weltkrieg.

Jetzt sind wir wieder soweit? Wie IWF-Chefin Christine Lagarde am Montag in ihrer Rede an der Universität Zürich erwähnte, liegt die durchschnittliche Verschuldung aller Industrieländer derzeit auf leicht über 100 Prozent. Hier eine Grafik aus dem Papier von Reinhart/Rogoff, die die durchschnittliche Verschuldung von 22 Industrie- und 25 Entwicklungsländern zeigt:

Sehr schön zu sehen, wie der Schuldenstand der Industrieländer (rot) in den vergangenen Jahren explodiert ist und heute höher liegt als unmittelbar nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Die Exzesse im Boom vor 2007 haben uns einen grösseren Schuldenberg hinterlassen als die grossen Kriege des letzten Jahrhunderts.

Ebenfalls schön zu sehen ist der Schuldenauf- und –Abbau der Emerging Markets (blau) in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Heute sind wir die wahren Schwellenländer.

Besonders gefährlich für ein Land ist gemäss Reinhart/Rogoff die externe Verschuldung, also die kumulierten öffentlichen und privaten Schulden, denen ausländische Gläubiger gegenüberstehen. Gefährlich deshalb, weil der Zufluss des ausländischen Kapitals abrupt stoppen kann (das Thema «Sudden Stop» haben wir in diesem Blogbeitrag beschrieben) und weil private Schulden in einer Finanzkrise in aller Regel früher oder später auf die Bilanz des Staates wandern.

Dieser Effekt ist momentan in Spanien beispielhaft an der staatlichen Rettungsaktion für die viertgrösste Bank des Landes, Bankia, zu beobachten.

Und nun schauen Sie sich diese Grafik von Reinhart/Rogoff an. Sie zeigt die durchschnittliche externe Verschuldung der untersuchten 22 Industrieländer und 25 Entwicklungsländer:

Haarsträubend, wie die externe Verschuldung in den Jahren nach 2000 in die Höhe geschossen ist, nicht wahr? (Wer mehr über diesen grössten Schuldenaufbau aller Zeiten erfahren will, findet in diesem Blogbeitrag mehr Informationen.)

Ähnlich wie bei den Staatsschulden haben Reinhart/Rogoff auch bei den externen Schulden die Schwelle von 90 Prozent des BIP identifiziert, deren Überschreiten oft eine markante Wachstumsverlangsamung verursacht. Besonders akut ist dieser Fall gemäss den drei Ökonomen derzeit in der Eurozone, wo die externe Verschuldung der Länder im Durchschnitt auf über 180 Prozent des BIP liegt.

Das also steht uns, der westlichen Welt, nach aller Erfahrung der vergangenen 200 Jahre bevor: Lange Jahre mit deutlich unterdurchschnittlichen Wachstumsraten. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit, die heute schon in zahlreichen Ländern herrscht, ist das keine schöne Aussicht.

Übrigens: Die einzigen von Reinhart/Rogoff untersuchten Länder, die in 200 Jahren nie einen Schuldenüberhang (mindestens fünf Jahre mit mehr als 90 Prozent Staatsschulden/BIP) erlebt haben, sind: Österreich, Dänemark, Finnland, Deutschland, Norwegen, Schweden, die Schweiz, Portugal und Island. (Im Fall letzterer zwei sind die Staatsschulden allerdings im Jahr 2009 respektive 2010 auf über 90 Prozent gestiegen.)

Ach ja, und vielleicht interessiert es Sie, welches der untersuchten Länder klar am schlechtesten abschnitt und in einem Beobachtungszeitraum von 163 Jahren während satten 91 Jahren unter einem Schuldenüberhang litt?

Richtig. Griechenland.

© baz.online