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Brief an Ailan

Mamablog-Redaktion am Freitag, den 4. September 2015

Ein Gastbeitrag von Nadia Meier*

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«So hätte er heute Nacht liegen sollen (…)», twitterte Sengül Hablemitoglu, Professorin aus Ankara. Die Zeichnung stammt von ihr.

Lieber Ailan

Gestern war ein Foto von dir in der Zeitung. In allen Zeitungen. Du lagst am Strand von Bodrum. Ertrunken im Mittelmeer. Wie dein Bruder Galip. Wie deine Mutter Rehan. Jetzt kennt dich die ganze Welt.

Letztes Jahr bist du mit deiner Familie geflüchtet aus der Stadt Kobane in Syrien. Ihr seid Kurden und musstet von den bösen Männern vom Islamischen Staat fliehen. Ich habe gelesen, dass du eine Tante hast in Kanada. Sie wohnt seit 20 Jahren dort und arbeitet als Coiffeuse. Es gibt keine Bomben. Man muss nicht Angst haben, dass die Männer mit den schwarzen Masken die Mama mitnehmen. Oder den Papa mit dem Gewehr erschiessen.

Deine Eltern wollten mit Galip und dir nach Kanada reisen. Damit ihr in Sicherheit aufwachsen könnt. In die Schule gehen. Fussball spielen, Lesen lernen. Deine Tante hat Geld geschickt, damit ihr in der Türkei wohnen könnt. Aber nur eine Weile. Weil die Türkei kein gutes Land ist für eine kurdische Familie wie deine. Tante Teema hat viele Blätter vollgeschrieben, damit ihr nach Kanada weiterreisen könnt, und Geld gesammelt. Aber Kanada hat Nein gesagt. Wahrscheinlich hatten deine Eltern keine gültigen Pässe. Viele Kurden bekommen in Syrien keine Pässe. Vielleicht hatten deine Eltern Probleme, als Flüchtlinge anerkannt zu werden.

Aber dein Papa hat nicht aufgegeben. Er hatte eine andere Idee. Mit dem Schiff nach Griechenland. Dann eine lange Wanderung, eine Busfahrt. Ein paar Tage warten an einem Bahnhof in Ungarn, am Boden schlafen, wie Camping ohne Zelt. Dann vielleicht im Zug nach Österreich. «Dort fliegen Flugzeuge nach Kanada», hat dein Papa gesagt. Und du flogst in den Himmel, Ailan. Aber nicht mit dem Flugzeug.

Ihr seid zum Strand gegangen, vielleicht war es noch dunkel. Dein Vater hat dich getragen, er ist gerannt. Im Wasser schaukelten zwei Boote, kleine. Viele Leute stiegen ein, es war eng. Deine Mutter nahm dich auf den Schoss und sang leise dein Lieblingslied. «Bald sind wir da», sagte dein Papa. Dein Bruder weinte. Ein Mann schrie ihn an und schlug ihm ins Gesicht. Dein Vater hob schützend die Arme. «Galip», sagte er, «sei schön brav, dann kauft dir Papa morgen Schokolade.» Und dann kamen die Wellen. Plötzlich war alles nass. Du wusstest nicht mehr, wo oben war und wo unten. Deine Mama hast du nicht mehr gesehen. Aber gehört. «Ailan!», hat sie geschrien. «Ailan! Galip! Ailan!»

Dann hat dich das Meer verschluckt. Deinen Bruder, deine Mutter. Andere Kinder, andere Mütter, Männer, Schwestern, Menschen. Aber dein Papa, Abdullah, ein starker Mann, schaffte es ans Ufer. Er rief euch. Er suchte euch. Nichts.

Das Meer gab dich gestern zurück. Die Wellen spülten dich an den Strand, wo sonst die Kinder Sandburgen bauen. Ein Mann hat dich fotografiert. Ein anderer hat dich hochgehoben, weggetragen. Du fliegst nicht nach Kanada.

Dein Vater möchte dich in Kobane begraben. Mit deinem Bruder Galip, mit deiner Mutter Rehan. Und er möchte neben euch liegen, sagen seine Verwandten. Wozu noch leben, wenn einem alles genommen wurde? Ich verstehe das, ich bin auch eine Mutter.

Lieber Ailan. Ich frage mich, was aus dir geworden wäre. Wenn deine Eltern eine sicheren Fluchtweg hätten nehmen können. Wenn sie ein neues Leben hätten anfangen können, bei deiner Tante in Kanada. Oder hier bei uns in der Schweiz.

Deine Eltern wollten dir eine Zukunft bieten. Ein Leben in Sicherheit. Ich würde das für meine Kinder auch tun. Ich würde sie ohne Schwimmweste in ein überfülltes Boot setzen, wenn es nicht anders ginge, und hoffen und beten. Deine Eltern wollten nur das Beste für dich. Wie alle Eltern. Dein Papa hätte diesen Weg niemals gewählt, wenn ein Leben in Syrien für euch möglich gewesen wäre. Er hat seine Heimat verlassen. Das Leben seiner Familie riskiert, um das Leben seiner Familie zu retten. Und alles verloren. Seine Söhne, seine Frau, seinen Lebensmut.

Dein Foto, lieber Ailan, werde ich nie vergessen. Es macht mich ganz fest traurig. Ich bekomme kaum Luft. Ich möchte keine Welt, in der Menschen ertrinken müssen im Meer oder ersticken in einem Lastwagen – weil sie leben wollen. Und ich hoffe, dass alle Leute dein Foto anschauen und sagen: «Das will ich nicht. Bei uns hat es Platz. Wir müssen endlich etwas tun.»

SONY DSC*Nadia Meier ist Texterin und Hörspielautorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Bern. Die Hintergrund-Informationen für ihren Brief hat sie aus diesem Artikel im kanadischen «Nationalpost».

Mehr zum Thema: Der «Tages-Anzeiger» hat sich in verschiedenen Artikeln mit dem Bild Ailans am Strand von Bodrum auseinandergesetzt: «Ein Foto erschüttert Europa» etwa beschreibt, wie das Foto um die Welt ging; in «Soll man dieses Bild zeigen?» äussern sich zwei Redaktoren in einem Pro & Contra, und in «Das Unfassbare zeichnen» geht es um die Versuche, der Erschütterung auf zeichnerische Art und Weise Ausdruck zu verleihen.

Wie bloss nennen wir das Kind?

Mamablog-Redaktion am Donnerstag, den 3. September 2015

Ein realer Dialog von Claudia Schmid*

«Was hältst du von Gina?»
«Erinnert mich an Vagina. Die wird sicher gehänselt.»
«Da wäre ich nie drauf gekommen. Du hast immer Hintergedanken. Gina klingt doch elegant!»
«So elegant wie die überschminkte italienische Schauspielerin Gina Lollobrigida? C’mon. Gina ist schlecht.»
«Weisst du was Besseres?»
«Ben, wenn es ein Junge wird. Kann man in jeder Sprache brauchen. Ist kurz. Das ist wichtig. Oder willst du ein Leben lang VALENTINA schreien?»
«Ben ist aber einer der beliebtesten Name der Welt und in den Top Ten in der Schweiz
«Shit. Omar?»
«Omar wie der Drogenhändler in der Serie ‹The Wire›?»
«Ja, Seriennamen sind doch geil. Streetsmart. Als Omar wird man wenigstens nicht vermöbelt als Schweizer.»
«Omar Schmid, das ist aber nicht dein Ernst?»
«Okay, das klingt etwas fies. Als zweiten Namen fänd ichs aber geil. Luis, Luca?»
«Vollkommerz, sorry. Louis, Luis, Leo, Luca, alle L-Trend-Jungennamen gehen nicht. So wie du Claudia heisst und nie alleine warst in einer Klasse als Claudia, wird auch Luca nie alleine sein.»
«Nora?»
«So heisst eine enge Freundin, lieber nicht.»
«Mann, warum sind alle guten Namen schon besetzt? Wir sind viel zu spät dran. Max wäre gut gewesen. Aber dein Neffe heisst Maxim. Luzius ist schön, aber so heisst der Sohn deiner Cousine.»
«Ist doch egal. Nennen wir ihn trotzdem Max.»
«Nein, das ist nicht egal. In deiner Familie gibt es zwei Salomés – Tante und Nichte. Da wusste man nie, von welcher man sprach.»«Ich glaube, wir müssen auf den jüdischen Friedhof. Ist ein Tipp einer Freundin, man finde dort offenbar viele schöne jüdische Namen.»
«Warum stehst du eigentlich so auf hebräische Namen? Nur weil du die Männer in Tel Aviv so scharf findest?»
«Diese Namen verleiden wenigstens nicht so schnell und klingen bildungsbürgerlich. Elias, Janif, Uriel…»
«Sorry, das sind Nerd-Namen. Und vergiss nicht deinen Familiennamen. Mit Schmid klingt alles langweilig. Die heissen dann nicht Elias Mandelbaum oder Rosenstock oder so.»
«Wer sagt denn, dass das Kind nach mir heisst?»
«Weil du die Frau bist und Kinder nach der Frau benannt werden, wenn man nicht verheiratet ist.»
«Da bin ich bis heute sehr froh drum, dass wir nicht verheiratet sind. Aber kann man den Nachnamen für das Kind nicht einfach bestimmen, auch wenn man nicht verheiratet ist?»
«Keine Ahnung. Müssen wir mal googeln. Findest du Bühler, meinen Familiennamen, denn besser?»
«Läuft schon ein wenig besser, Schmid ist so bäm, so hart, so eine Silbe.»
«Dann also etwas mit Bühler. Brunhild Bühler, BB?»
«Natürlich, die altdeutschen Namen! Da gibt es geile Sachen: Witolf, Wittekind, Winfrieda, Kunigunde, Kunibald. Sind sicher bald wieder in. Oder hättest du je geglaubt, dass Ida, Ada und Uma wieder kommen? Ah, diese Namen sind so 2014! Ich stehe ja als halbe Romande auf französische Namen…»
«No way! Die Zürcher können kein Französisch. Ein Jean-Pierre wird zum ‹Schopier›, und Julie, eine Freundin, hat mir tatsächlich erzählt, ihr Name sei schon als ‹Schüli› geschrieben worden.»
«Schade, ich fände eben Pauline noch gut.»
«Die wird dann zu ‹Polin›, die Zürcher können doch dieses helle, französische a nicht aussprechen.»
«Pierrette?»
«Wie diese Gumsel aus unserem französischen Schulhassbuch ‹Bonne Chance›? Nein. Warum nicht Fritz oder Peter? Keep it simple.»
«Warum schlägst du eigentlich immer Männernamen vor? Glaubst du denn, es wird ein Bub, nur weil du selbst einer bist?»
«Okay, dann sagen wir – Sonngard? Wir können ja noch ein wenig drüber nachdenken.»

Claudia Schmid, foto: bruno schlatter

* Claudia Schmid ist Redaktorin bei der «SonntagsZeitung». Sie bloggt auch für den Kunst-Blog Private View.

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Schwiizerdüütsch, kännsch?

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 2. September 2015

Ein Papablog von Rinaldo Dieziger*

Kinder spielen in der Spielgruppe "Spielparadies Holligen" an der Freibourgstrasse am Mittwoch 30. November 2011 in Bern. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Verständigung ohne Sprachgrenzen: Zwei Kinder amüsieren sich – Schweizerdeutsch hin oder her. Archivfoto: Marcel Bieri (Keystone)

Bei uns zu Hause heissen die Auberginen Melanzane. Italienisch statt Französisch. Statt Deutsch eigentlich. Aso Schwiizerdüütsch natürli. Meine Töchter wachsen zweisprachig auf. Mit Mama Italia und Papa Schweiz. Wir wohnen in Tsüri. Im Kreis 5. Und seit vorletztem Montag weiss ich, dass hier so gut wie alle Kinder zwei Sprachen in die Wiege gelegt bekommen. Von den 17 Mädchen und Buben in unserem Kindergarten spricht ein einziges Meitli nur Schweizerdeutsch. Isch krass, odr?

Das dachte vor vier Jahren eine Mehrheit der Bevölkerung des Kantons Zürich. 53,9 Prozent stimmten im Mai 2011 dafür, das mer im Chindsgi nur no dörf Mundart rede. Die Stimmbeteiligung betrug 34 Prozent. Wie viele der Stimmberechtigten zwei- oder sogar mehrsprachig aufgewachsen sind, ist unbekannt. Ich rechne die heissgeliebten Röstigraben-Überbrücker Hochdeutsch und Schulfranzösisch mal nicht mit. Die Initianten aus der Kuhglocken-Fraktion haben erreicht, dass die heimatmüden Schulglocken nur noch auf Schwiizerdüütsch bimmeln dürfen. Was nur logisch ist: Kuhglocken sind halt monophon.

Der Bezirk Zürich lehnte die Initiative übrigens als einziger Bezirk mit 58,3 Prozent ab. Hier leben Multi und Kulti. Und hier leben Eltern, die mit ihren Kindern Grosses vorhaben. «Hey little Pumpkin», hörte ich es einmal an einem Kindergeburtstag aus der Küche rufen. Es waren keine Expats. Schweizer Eltern, die mit ihren Kids Englisch sprechen. Wow.

Irgendwann wünscht sich jeder, er hätte eine zweite, und am liebsten auch noch eine dritte Sprache gratis mitbekommen. Spätestens dann, wenn die internationale Karriere im Big Apple durchstartet, der Traum vom Auswandern immer heisser glüht, die Villetta in der Toskana ruft, das Weingut in der Provence lockt oder die Schmetterlinge im Bauch bis nach Kuba oder Thailand geflogen sind. Dann ist Polyphonie gefragt. Die Arbeit an der Klangqualität beginnt. Euphorisch. Schleppend. Krächzend. Und dann verstummt die Hoffnung auf ein zweites Ich nur allzu oft in den Migros-Klubschulen dieses Landes, in denen es an Fachkräften aus dem Ausland mangelt. Ganz still und leise.

Nur wenig prägt eine Kultur so sehr wie die Sprache. Und eine Halskrankheit als gemeinsamen kulturellen Nenner zu fixieren, hat was furchtlos Mutiges. Man kann unsere Chuchischäschtli-Sprache liken oder hassen. Auf jeden Fall wäre es schampar schade, wenn sie ausstirbt. Sicher ist aber auch, dass sie nicht so bleibt, wie sie ist. Viva la evolución. Das Schwiizerdüütsch entwickelt sich weiter. Vermischt sich mit Balkan-Slang und LOLs. Ein Gopfriedstutz gilt heute bereits als Retro.

Ich bin gespannt, wie sich die Sprachenvielfalt an unserem Kindergarten entfaltet. Oder ob sie in der Mundart-Zwangsjacke verkümmert. Vielleicht wird aus einem der Kinder mal ein bauernschlauer Ingenieur. Und sie oder er erfindet die erste polyphone Kuhglocke. Bimm Bamm!

rinaldo*Rinaldo Dieziger ist Unternehmer und Autor. Seine besten Papablogs sind als Taschenbuch erschienen. Er lebt mit Frau und Kindern in Zürich.

Haben es Eltern in Zürich besonders schwer?

Gabriela Braun am Dienstag, den 1. September 2015
TA 26.01.2006 : Schaufester im Januar IV, Tram Linie 13, Bildtext: Tram 13: Schwieriger Einstieg mit Kinderwagen

Trameinstieg mit Kinderwagen – nichts für schwache Nerven. Archivfoto: Sabina Bobst

Glaubt man einem Artikel im «Tagblatt der Stadt Zürich» von letzter Woche, ist die Stadt Zürich für Frauen mit kleinen Kindern ein Unort. «Eiszeit für junge Zürcher Mütter» lautete die Überschrift. Im Bericht ist von Gleichgültigkeit gegenüber Müttern die Rede und wie wenig hilfsbereit die Menschen seien. Der Verfasser des Textes glaubt, das habe mit der Mentalität der Zürcher zu tun: Vor allem im Tram manifestiere sich diese, «und das ist vor allem für junge Mütter kein erbauliches Erlebnis».

Zwei Frauen erzählen von den alltäglichen Hürden, die sie erleben. Etwa von den Schwierigkeiten, mit Kindern und Kinderwagen in Tram und Bus zu steigen: Ab und zu schauten Erwachsene lieber weg oder wechselten gar den Eingang, um ihr ja nicht helfen zu müssen, sagt die eine Mutter. Die andere erzählt vom kalten Wind, der ihr in Zürich entgegenwehe, von der allgemein abweisenden Haltung gegenüber Kindern, vom Konkurrenzkampf unter Müttern, aber auch vom Alleinsein.

Zürich, ein toller Ort für Financiers, aber nichts für Frauen mit Kindern? Stimmt das Klischee des cool-distanzierten Städters?

Ich kann dieses Bild nicht bestätigen, obwohl ich während der ersten vier Lebensjahre meines Kindes mitten in Zürich wohnte und immer mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs war. Klar nervte es mich hin und wieder, dass es schwierig war, mit dem Kinderwagen in gewisse Trams zu steigen: zu schmal der Türeingang, zu hoch die Treppen. Meist holte ich mir bei anderen Menschen Hilfe, indem ich sie direkt ansprach und charmant darum bat. Sie halfen bereitwillig, den Wagen mit Kind in Tram oder Bus zu bugsieren. Waren wir drin, erkundigten sich viele sogleich, bei welcher Haltestelle wir aussteigen müssten, so könnten sie mir abermals zur Hand gehen.

Zürich, ein gegenüber Müttern eiskalter Ort? Keineswegs.

Tatsache ist allerdings, dass man an stark frequentierten Orten die Menschen häufig ansprechen muss, um sie um einen kleinen Gefallen zu bitten. Die anderen sehen es einem nicht an, dass man womöglich Hilfe benötigt. Die meisten Pendler oder Reisenden sind mit sich selbst beschäftigt, befinden sich in ihrem eigenen Film. Sie starren aufs Handy, hängen ihren Gedanken nach und bewegen sich im Trott des Alltags. Je grösser eine Stadt, desto mehr verschwindet man in der Masse und desto anonymer ist der Einzelne. Eine Mutter mit Kinderwagen in der Stadt ist wohl eher auf sich alleine gestellt als eine, die sich in der Kleinstadt oder einem Dorf bewegt, wo sich die Menschen – wenn auch nur flüchtig – kennen.

Die Behauptung, dass in der Stadt Zürich Menschen gegenüber jungen Müttern weniger hilfsbereit sein sollen als an anderen Orten, ist aber Unsinn. Interessant sind in diesem Zusammenhang die vielen Reaktionen, die der «Tagblatt»-Artikel auf Facebook auslöste. Der Verein «Single mit Kind» hatte auf seiner Facebook-Seite die Community gefragt, ob es Müttern an anderen Orten ähnlich ergehe wie den zitierten Frauen im Bericht. Die mehreren Dutzend Kommentarschreiber teilten sich in zwei Lager: Die eine Hälfte kommentierte: Ja, in Bern, Biel oder Basel machten sie ähnliche Erfahrungen – und auch in Neuenburg, Genf und diversen Kleinstädten seien die Menschen wenig hilfsbereit und kalt. «Das ist doch überall so», schreibt eine Frau. Die anderen Mütter und Väter schrieben dagegen: Nein, sie hätten bislang wohl Glück gehabt, ihnen werde immer geholfen, auch in Zürich.

Was uns dies zeigt? Egal wo, Menschen sind sich überall ähnlich. Gewisse machen einen Schritt auf ihr Gegenüber zu, andere lassen es bleiben. Es hat zufriedene Menschen und es hat Nörgler. Menschen, die sich selbst zu helfen wissen, und solche, die sich lieber in der Opferrolle sehen. Ob das Glas halb voll oder halb leer ist, ist schlicht Ansichtssache.

Was ist Ihre Meinung? Zeigen Bewohner grosser Städte zu wenig Herz für Eltern mit kleinen Kindern?

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Der Grillparty-Männerzirkel

Jeanette Kuster am Montag, den 31. August 2015
(iStock)

Gemütliche Männerrunde: Mit beneidenswerter Selbstverständlichkeit sezten Männer ihre Bedürfnisse durch. (iStock)

Letztens waren wir zu einer grossen Grillparty eingeladen. Ein fröhliches Fest mit vielen süssen Kindern und tollen Eltern. Moderne Väter, die mit ihren Kleinen ins Vaki-Turnen gehen und mehr als nur Ernährer sein wollen. Emanzipierte Mütter, die genau wie ihre Männer erwerbstätig sind und auch sonst auf Gleichberechtigung pochen. Dennoch kam es, wie es immer kommt an solchen Partys: Nach ein bisschen Herumgekicke mit den Kindern versammelten sich die Männer mit ihrem Bier in der Hand in einer Ecke. Sie stellten sich kreisförmig auf, Rücken gegen aussen, lachten, prosteten sich zu und blendeten alles aus, was sich ausserhalb ihres Männerzirkels abspielte.

Will heissen auch die Kinder. Denen rannten unterdessen die Mütter nach. Wischten ihnen den Mund ab, gingen mit ihnen aufs WC und zogen sie auf dem Bobbycar hinter sich her. Manchmal versuchte ein Kind, den Kreis zu durchbrechen mit Rufen, Stupsen und Zerren an den väterlichen Beinen. Doch keine Chance – «Später», hiess es jeweils, «ich komme später.»

Ich irrte eine Zeit lang auf der Wiese herum, unentschlossen, wo ich hingehörte. Hin wollte. Irgendwann landete ich drinnen bei einer befreundeten Mutter. Obwohl ich nicht vorhatte, mich an diesem Abend in die Rolle der alleinigen Kinderbetreuerin drängen zu lassen, sass ich schliesslich mit ihr auf dem Boden und spielte mit den Kindern, damit diese aufhörten, das Fussballtor draussen auseinanderzunehmen.

Wir kamen auf das Phänomen des männlichen Grillparty-Zirkels zu sprechen. Zuerst beklagten wir uns über die Männer, die sich ohne Absprache mit uns die Freiheit nehmen, trotz anwesendem Nachwuchs freizumachen. Und zeigten uns erstaunt, dass das auch hier und jetzt noch so ist, obwohl wir doch alle so gleichberechtigt sind. Dann schlug ich ihr vor, den Spiess beim nächsten Grilltreffen einfach umzudrehen: Wir würden uns demonstrativ in eine Ecke stellen, gemeinsam ein Gläschen trinken und die Kinderbetreuung durch pure Verweigerung an die Männer delegieren. Worauf sie meinte, dass die Idee schön und gut sei, aber illusorisch: «Wir müssten schon die Location wechseln, wenn wir das durchziehen wollen. Sonst können wir gar nicht anders, als doch wieder zu unseren Kindern zu rennen, wenn eines weint oder schreit.»

Vielleicht fehlt uns Frauen einfach diese Selbstverständlichkeit, mit der die Männer ihre eigenen Bedürfnisse durchsetzen. Und so sehr ich mich manchmal darüber aufrege, so sehr beneide ich sie auch darum. Denn ich bin zwar überzeugt, dass ich die Verweigerungshaltung einen Abend lang durchziehen könnte. Ich würde mich dabei aber wahrscheinlich nie so entspannt fühlen wie ein Vater, der völlig relaxed in seinem Männerzirkel steht und gar nicht auf die Idee käme, etwas anders machen zu müssen.

Der Vorschlag der anderen Mutter, die Frauenrunde gleich an einen anderen Ort zu bewegen, ist deshalb womöglich gar nicht so falsch. Es wäre zumindest interessant zu sehen, wie die Männer auf den plötzlichen Grillparty-Exodus ihrer Frauen reagieren würden.

Kennen Sie das Phänomen des männlichen Grillparty-Zirkels? Wie gehen Sie als Mutter damit um? Und rotten Sie, liebe Väter, sich bewusst zusammen, oder passiert das jeweils ganz von alleine?

 

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