Blogs

Ebola und Enthauptungen am Familientisch

Andrea Fischer Schulthess am Donnerstag, den 18. September 2014
Ein Kind betrachtet einen an Ebola erkrankten Mann in Monrivoa, Liberia. Foto: Abbas Dulleh (Keystone)

Die Perspektive ist entscheidend: Ein Kind betrachtet einen an Ebola erkrankten Mann in Monrovia, Liberia. Foto: Abbas Dulleh (Keystone)

Ebola, Enthauptungen, Erdgasengpässe von Putins Gnaden und Kinder, die als Selbstmordattentäter angeheuert werden. Mal ehrlich, wer hat irgendwas davon nicht mitgekriegt? Und mal noch ehrlicher, wer muss nicht dagegen ankämpfen, von einer Woge von Ebola-Kinderattentäter-Kampfjets-Panik erfasst zu werden? Unsere behagliche Existenz wird pausenlos gepiesackt von Nachrichten jeglichen Grässlichkeitsgrades.

Gut, es stimmt. So schnell wie diese Panikwellen heranrollen, so rasch ebben sie wieder ab. Dann nämlich, wenn das reale Jetzt unsere Aufmerksamkeit fordert. Eine leere Flasche Milch, eine Mathenote oder eine Blase am Zeh sind durch ihre grosse Nähe perspektivisch nun mal grösser als eine Kriegsflotte.

Dennoch ist unser Alltag geprägt von einer überfordernden Dichte und Härte von Nachrichten. Es ist schlicht unmöglich zu erfassen, was sie bedeuten. Damit müssen wir fertig werden. Etwas anderes gibt es nicht.

Nicht nur für Kinder unerklärbar: Der Brite David Haines (l.) kurz vor seiner Enthauptung durch die Hand des Islamischen Staates. Foto: Keystone

Nicht nur für Kinder schwer verständlich: Der Brite David Haines (l.) kurz vor seiner Enthauptung im Namen des Islamischen Staates. Foto: Keystone

Als Kinder durften wir die «Tagesschau» nicht sehen, und schon waren wir in Watte gepackt und hatten Kapazität, uns mit unseren eigenen Alltagssorgen herumzuschlagen. Damit waren wir voll und ganz beschäftigt. Als Teenies haben wir dann gegen die US-Atomwaffen in Europa protestiert und gegen das Waldsterben. Aber auch das war überschaubar. Beziehungsweise glaubten wird das damals.

Das mit der «Tagesschau» ist längst zur herzigen Anekdote geworden. Wir haben keine Chance mehr, unseren Kindern die Vorgänge in der Welt vorzuenthalten. Sie wissen, dass wieder einer geköpft wurde und dass die WHO Ebola für «ausser Kontrolle» erklärt. Und zwar schon mit acht, neun Jahren. Trotzdem sind diese Tatsachen für sie so abstrakt, dass sie diese vor allem für Gesprächsstoff halten. Letzthin kam ich an einem Notarztwagen vorbei, der vor einem Haus stand. Die zwei Teenies vor mir sagten mit einem Seitenblick: «Oh, Ebola. Haha.» Damit hatte es sich. Und im Schulhort ist aus Ebly halt Ebola geworden. Logisch. Denn mehr können die Kids damit nicht anfangen. Und ich bin froh.

Letztlich kann ja auch ich nichts von dem wirklich erfassen, was ich da täglich erfahre. Ich kann Hunderte von Petitionen auf Facebook unterschreiben, ich könnte mir sogar irgendwas über den Kopf schütten — mein Unvermögen zu begreifen, was alles wirklich und tatsächlich geschieht auf dieser Welt, bleibt. Dennoch muss ich Bescheid wissen, und sei es nur, weil meine Kinder es eben auch tun.

Aber ich gebe zu: Ich stehe oft wie der Esel am Berg. Ich kann die schlechten News weder schönreden noch wegmachen. Also muss ich versuchen, meinen Kindern vorzuleben, dass man nicht gelähmt, nicht panisch und aber eben auch nicht gleichgültig werden soll. Und dass sie täglich im Kleinen entscheiden sollen, wo und wie sie selber die Welt ein Krümelchen besser machen könnten, auch wenn sie kaum Einfluss auf furzende Kühe und versinkende Südseeinseln haben. Ich will, dass sie wissen, wie wichtig es ist, die Mechanismen hinter Diktatoren, Wirtschaftsmultis und Castingshows verstehen zu können. Und seis nur in den Grundzügen.

Allen, die jetzt hämisch lachen ob meines naiven Glaubens an den Versuch, ein Gutmensch zu sein – nur zu, lassen Sies raus, bloss keine falschen Hemmungen. Weder Sie noch ich werden den Lauf der Welt ändern.

Dennoch: Ich persönlich ziehe den Glauben an das Kleine der Resignation und dem Zynismus vor. Das mag blauäugig und durchaus ein wenig selbstgerecht sein. Aber es ist das, was ich meinen Kindern mitgeben will. Und kann. Etwas anderes habe ich der Flut von Nachrichten und Katastrophen nämlich nicht entgegenzusetzen.

Und wie gehen Sie und Ihre Familie mit der täglichen News-Lawine um?

Einen Mann für meinen Sohn!

Gabriela Braun am Dienstag, den 16. September 2014
Mit Manneskraft: Vin Dieser als militärisch gedrillter Kinderbetreuer in «The Pacifier».

Mit militärischem Drill: Vin Diesel als Elitesoldat und Kinderbetreuer in «The Pacifier».

Ich wünsche meinem Sohn Männer. Egal ob sie sportlich sind, in einem Baumhaus leben oder auf schnelle Autos stehen. Ob gross, klein, stark oder fein. Hauptsache, sie mögen Kinder und machen ihren Job als Pädagogen gut.

Als ich damals erfuhr, dass seine Krippe keinen Betreuer hatte, war ich enttäuscht. Ich hätte es geschätzt, wenn mein 16 Monate altes Kind an den zwei Tagen in der Krippe von einem Mann umgeben gewesen wäre. Doch auch im Kindergartenalter waren seine externen Bezugspersonen Frauen: die Kindergärtnerin, die Hortmitarbeiterinnen, die Schwimmlehrerin. Neidisch lauschte ich den Berichten von Bekannten, deren Kinder im Waldkindergarten von jungen, engagierten Männern unterrichtet wurden.

Männliche Pädagogen sind zu meiner Enttäuschung in der krassen Unterzahl. Ich war deshalb erfreut zu hören, dass ein junger Mann im Schülerhort meines Sohnes ein Praktikum machen würde. Kaum da, wurde er die Attraktion auf dem Schulgelände. Die Kinder liebten es, mit ihm zusammen zu sein. Sie spielten Fussball, Basketball, Hüpf- oder Brettspiele und vieles mehr. Die vielen Jungs blühten auf. Sie rangelten mit dem Grossen, bewunderten ihn. Die meisten Mädchen übrigens auch.

Leicht euphorisch wurde ich dann, als uns die Schulpflege in einem Brief mitteilte, dass mein Sohn einen Lehrer für die zweite Hälfte seiner Primarschulzeit haben würde. Er geht zu einem Mann, juchzte ich und schrieb einer Freundin eine begeisterte Kurznachricht.

Man mag meine Männereuphorie nun einfältig finden, undifferenziert, ja etwas gar fokussiert auf das Geschlecht. Doch ich bin weder frauenfeindlich, noch halte ich Pädagoginnen für unfähig. Ich halte es lediglich für ideal, wenn das Kind auch ausserhalb der Familie mit beiden Geschlechtern zu tun hat. Mein Sohn soll von Männern lernen, wie auch von Frauen. Er soll ein vielfältiges Bild des Lebens und der Gesellschaft erhalten. Ich bin davon überzeugt, dass dies Kindern guttut – sowohl Buben als auch Mädchen. Sie erfahren zudem schon in jungen Jahren, dass die Berufe nicht Rollenklischees entsprechen müssen. Auch Männer können einen sozialen Job ausüben, genauso wie Frauen einen technischen.

Absolut unverständlich sind mir deshalb Berichte, wonach männliche Lehrpersonen – allen voran Kindergärtner oder Krippenmitarbeiter – ihres Geschlechts wegen diskriminiert werden. In einer Zürcher Gemeinde bekam ein Mann eine Stelle als Kindergärtner nicht, weil er ein Mann ist. Und in vielen Kinderkrippen und Schülerhorten sind männliche Angestellte latent dem Verdacht ausgesetzt, womöglich pädophil zu sein – und achten deshalb peinlich genau darauf, in keine falsch zu verstehende Situation zu geraten.

Wie misstrauisch zahlreiche Eltern gegenüber männlichen Kinderbetreuern sind, zeigen Reaktionen aus dem eigenen Umfeld: Eine Bekannte, die aus denselben Motiven wie ich über eine Kinderbetreuungsagentur nach einem männlichen Betreuer für ihre drei kleinen Kinder suchte, erntete blankes Entsetzen, als sie dies zwei Kolleginnen erzählte. Sie fanden es schlicht fahrlässig, die drei Kleinkinder – das jüngste ein zehn Monate altes Mädchen – einem Mann anzuvertrauen, der selbst noch kinderlos ist. Ihre ablehnende Haltung begründeten sie mit mangelndem Vertrauen: Als Eltern würde man nie erfahren, wenn der Mann das Baby missbrauchte: Ein Kleinkind sei noch nicht in der Lage zu reden und könne demnach auch nicht von einem Übergriff erzählen.

Bei solchen Gedanken, die bei vielen Menschen reflexartig aufzublitzen scheinen, schaudert es mich. Männer, die mit Kindern arbeiten, stehen offenbar unter Generalverdacht, potenzielle Missbrauchstäter zu sein. Das kommt zum einen sicher von schrecklichen Einzelfällen, die mediale Aufmerksamkeit erlangen. Zum anderen aber auch von der Klischeevorstellung, dass Kinder eben Frauensache sind und daher mit Männern, die sich für diese Arbeit interessieren, «irgendwas nicht stimmt».

Was ist Ihre Meinung dazu?

Sind Laienlehrer gut genug?

Jeanette Kuster am Sonntag, den 14. September 2014
schoolofrock

Mit Begeisterung bei der Sache: Jack Black gibt in der Komödie «School of Rock» als Aushilfslehrer und Metal-Fan den Ton an. Foto: PD

Was macht einen guten Lehrer aus? Ist es sein riesiges Fachwissen? Seine Freude an der Arbeit, die auf die Schüler überschwappt? Seine Fähigkeit, auch die kompliziertesten Zusammenhänge einfach zu erklären? Oder vielleicht ein bisschen von allem?

Ich habe in meiner Schulzeit einige tolle und auch ein paar grässliche Lehrer erlebt. Den Französischlehrer, der sich unserer Aufmerksamkeit mit seiner locker-witzigen, aber doch nicht zu legeren Art fast immer gewiss war. Den Mathematiklehrer, der zwar total trocken und streng daherkam, dabei aber authentisch wirkte und vor allem eine Begeisterung für sein Fachgebiet spüren liess. Und dann gabs da auf der anderen Seite den jungen Lateinlehrer, zwar sehr engagiert, aber offenbar (noch) wenig fähig, sein Wissen weiterzugeben, weshalb er uns trotz aller Motivation oft rat- und planlos zurückliess. Oder den Geschichtslehrer, der nur auf seine Pensionierung zu warten schien und mich dazu brachte, mir ein paar Jahre nach der Matura ein Buch über die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu kaufen, weil ich das Gefühl hatte, im Gymnasium nichts darüber gelernt zu haben.

Aber kommen wir zurück ins Hier und Jetzt und zum Grund, weshalb ich über den idealen Lehrer nachdenke: «20 Minuten» berichtete letzten Monat über sogenannte Laienlehrer. Leute also, die offiziell als Lehrer unterrichten, ohne eine pädagogische Ausbildung zu haben. Es war die Rede von einem Koch, der als Hauswirtschaftslehrer angestellt wurde und «mit seinen Siebtklässlern anstelle einer gesunden Gemüsebrühe eine alkoholhaltige Suppe köchelte». Und von einem weiteren Laien-Hauswirtschaftslehrer, der mit seinen Schülern eine Menükarte gestaltete, die «mit Rechtschreibfehlern übersät» gewesen sei.

Solche Laien landen aus der Not am Mann im Klassenzimmer. Es mangelt an Lehrkräften, besonders in Fächern wie Werken, Musik oder eben Hauswirtschaft. Also stellt man halt einen Schreiner, einen Cellisten oder einen Koch an, um die Lücken zu füllen.

Liest man Beispiele wie das zweite, könnte man ganz schnell ausrufen, dass das doch so nicht gehe. Unsere Kinder sollen schliesslich etwas lernen in der Schule und nicht von Leuten unterrichtet werden, die selber keinen geraden Satz schreiben können. Und doch sehe ich persönlich diese Laienlehrer auch als grosse Chance, weil ich überzeugt bin, dass viele von ihnen mit grosser Begeisterung bei der Sache sind. Schliesslich haben sie sich ihren Beruf irgendwann bewusst ausgesucht, weil er ihnen liegt und ihnen Spass macht. Und genau dieser Spass an der Sache dürfte es ihnen leicht machen, auch die Schüler von ihrem Fachgebiet zu begeistern. Womit sie schon einen grossen Schritt auf dem Weg zum guten Lehrer gemacht hätten.

Um wirklich einer zu werden, benötigen sie allerdings zwingend die Fähigkeit, Wissen vermitteln und mit Schülern richtig umgehen beziehungsweise auf sie eingehen zu können. Hierfür müssten die Laienlehrer meiner Meinung nach eine Ausbildung besuchen. Die dürfte ruhig kurz sein, eine Schnellbleiche in pädagogischem Basiswissen sozusagen. Vorausgesetzt, bei Problemen stünde den Laien ein erfahrener Lehrer zur Seite, der sie beraten und coachen würde.

So müsste es doch möglich sein, aus der Not eine Tugend zu machen und mit den Handwerkern und Köchen hochmotivierte, auf ihrem Fachgebiet hervorragend ausgebildete Leute für diese Randfächer zu finden. Leute, die möglicherweise auch wegen ihrer etwas anderen Herangehensweise das Zeug zum guten Lehrer haben. Oder stelle ich mir das alles viel zu einfach vor? Was denken Sie?

Ist uns der Schutz der Kinder nichts wert?

Mamablog-Redaktion am Freitag, den 12. September 2014

Ein Gastbeitrag von Claudia Hafner*

(Bild: Keystone/Yoshiko Kusano)

Jede teure Platzierung betrifft ein Kind, das sich nicht selber schützen kann. (Bild: Keystone/Yoshiko Kusano)

«Eine schrecklich teure Familie» titelte der «Tages-Anzeiger» letzten Samstag und berichtete darüber, wie eine asylsuchende Familie mit ihren fünf Kindern nicht in ihre Wohngemeinde integriert ist. Schlimmer noch: Die Familie bereitet den örtlichen Behörden immense Schwierigkeiten und Kosten. Die wirtschaftliche Hilfe, die sozialpädagogische Familienbegleitung sowie die Heimbetreuung von vier Kindern kostet den betreffenden Wohnort eine halbe Million Franken pro Jahr. Das ist ein Fünftel des gesamten Steueraufkommens der Gemeinde. Oder anders gesagt: Jeder Einwohner beteiligt sich im Schnitt mit 400 Franken.

Kein Wunder fielen die Reaktionen von Leserinnen und Lesern dazu zahlreich und heftig aus. Es ist symptomatisch für den Kindesschutz, dass sich die öffentliche Diskussion mit den Eltern befasst, mit teuren Platzierungen, nicht integrierten Asylsuchenden und warum die Familienbegleiterin mit einer Mutter einkaufen geht.

Wer dabei allerdings nicht erwähnt wird und vergessen geht, sind die betroffenen Kinder. Das stört mich.

Ich habe keine Kenntnis vom beschriebenen Fall. Doch Fakt ist, dass in den überwiegenden Fällen, in denen eine Platzierung von Kindern im Raum steht, die betroffenen Eltern ihre Kinder lieben. Gleichzeitig sind viele Eltern derart von ihren eigenen Problemen (Gewalt in der Partnerschaft, psychische Erkrankung, Sucht, finanzielle Probleme) absorbiert, dass ihnen jegliche Energie fehlt, sich auch noch mit den Kindern auseinanderzusetzen.

Fakt ist ebenfalls, dass diese Umstände dazu führen, dass Kinder sozial und emotional verwahrlosen. Was passiert mit Kindern, wenn niemand da ist, der sie tröstet, wenn sie sich weh tun? Wenn niemand da ist, der sie lehrt, Bitte und Danke zu sagen, oder den Unterschied zwischen Mein und Dein? Wenn zu Hause keine Mahlzeiten gekocht werden und die Familie nie gemeinsam isst? Wenn sich die Eltern mangels Energie nicht auch noch darum sorgen können oder wollen, ob die Hausaufgaben gemacht sind oder nicht? Wenn sich niemand in der Familie darum sorgt, wo die Kinder sich aufhalten und was sie machen? Wenn Zehnjährige nachts um 22 Uhr noch alleine draussen sind?

Nach Art. 310 des Zivilgesetzbuches hat die Kindesschutzbehörde das Kind den Eltern wegzunehmen, wenn das Kindeswohl gefährdet ist und die Eltern nicht von sich aus Abhilfe schaffen können. Wenn nicht schon im Kleinkindalter klar ist, dass eine Platzierung unausweichlich ist – beispielsweise wegen aktiven Drogen- oder Alkoholkonsums der Eltern – hat jede Platzierung eine Vorgeschichte. Es wird wenn immer möglich versucht, die Eltern mittels Beratung oder speziellen Programmen wie Familienbegleitung dazu zu bringen, ihre Erziehungsverantwortung wahrzunehmen.

Die Eltern müssen sich vor Ort mit ihren eigenen Erziehungssituationen auseinandersetzen. Dies kann durchaus bei einem Einkauf passieren (Kind rennt auf die Strasse, Kind nimmt Sachen aus dem Regal, Kind wirft sich auf den Boden und schreit, wie sollen die Eltern darauf reagieren?).

Wenn eine Platzierung unausweichlich wird, sind die Kinder meist schon in der öffentlichen Schule nicht mehr tragbar. Wegen der grossen sozialen Auffälligkeit benötigen verwahrloste Kinder eine enge Betreuung – meist Eins-zu-eins-Betreuung durch geschulte Sozialpädagogen. Die Heime müssen 24-Stunden-Betreuung bieten, eine interne Schule, viele Kinder benötigen eine Therapie – und das alles kostet.

Wenn uns die Kinder das nicht mehr wert sind, müssten wir zum Verdingkindersystem zurückkehren – aber wollen wir das wirklich?

Worüber sich die Politik Gedanken machen müsste, ist das System der Kostentragung von Platzierungen. Ist es richtig, dass jede Gemeinde «ihre» Kindesschutzmassnahmen selber finanzieren muss? Dass reichere Gemeinden geschont werden, weil finanzschwache oder Einelternfamilien dort sowieso keine Wohnung finden?

In der Schweiz hat jedes Kind laut Verfassung und Gesetzen Anrecht darauf, vor Misshandlung, Ausbeutung und Verwahrlosung geschützt zu werden, egal wer die Eltern sind. Kinder sind verletzlich und können sich nicht selber schützen – daher hat der Gesetzgeber diese Aufgabe der professionellen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde übertragen. Im Übrigen zeigen die neuesten Statistikzahlen, dass die Anzahl der angeordneten Platzierungen im Kanton Zürich seit der Einführung der professionellen Kesb im Januar 2013 zahlenmässig abgenommen hat.

Mamablog_Hafner*Claudia Hafner ist Vizepräsidentin Kesb (Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde) des Bezirks Dietikon.

Überlebensset für Mütter

Andrea Fischer Schulthess am Donnerstag, den 11. September 2014
Komme, was wolle: Eine Mutter geht mit ihren Kindern und dem voll bepackten Kinderwagen spazieren. (Bild: Flickr/swong95765)

Komme, was wolle: Eine Mutter geht mit ihren Kindern und dem voll bepackten Kinderwagen spazieren. (Bild: Flickr/swong95765)

Vielleicht erinnern Sie sich noch daran, vielleicht stecken Sie auch noch mittendrin: Mit kleinen Kindern zu leben, ist eine Materialschlacht. Vermutlich habe ich damals ziemlich übertrieben, vor allem wenn ich unterwegs war, aber ich wollte immer für alle Fälle gerüstet sein (was ich dann natürlich doch nicht war). Das gab mir Sicherheit.

Konkret hiess das: Kinderwagen, Bananen, Schoppen, Wasser, Kräcker, Windeln, Feuchttücher, Reservebodys, Sonnencreme, Reservesocken, Reservenuggis, Büechli, Jäckchen, Pflästerli, Fenistil, Bepanthen, geladenes Handy, Bargeld, Schminksachen, eine Handarbeit für den Fall, dass die Kleinen schlafen oder ich stundenlang auf einem Spielplatz sitzen würde. Dazu kamen Kuscheltiere und Kuscheldecken sowie irgendwelche Traktoren oder Gummiviecher, die aktuell unbedingt mit mussten. Ganz zu schweigen vom psychischen Rüstzeug wie Nerven aus Stahl, der Fähigkeit, stundenlang einer Schnecke beim Kriechen zuzusehen und ohne Schlaf zu überleben.

Es stimmt, ab und zu sehe ich mir heute Zwei-, Dreijährige an und kann nicht fassen, wie süss die sind und sehne mich einen Lidschlag lang nach dieser intensiven Zeit zurück. Aber dann muss ich nur einen Blick auf das Gepäck und die Aufgaben der Eltern werfen. Und schon freue mich wieder darüber, dass ich längst nur noch meine Handtasche brauche, um aus dem Haus zu gehen, egal ob mit oder ohne meine Kinder. Die ist wahrlich schon schwer genug.

Was mir von damals geblieben ist, ist die Überzeugung, dass es mir wesentlich wohler ist, wenn ich wenigstens daheim und mental ein gewisses Basic-Überlebensset für die nicht ganz souveräne Mutter bereit habe. Dazu gehören:

  • Kekse und Cracker für den häufigen, unangekündigten Besuch
  • ein Trostgetränk für Mutter (ändert immer mal wieder, im Moment ist es Schweppes Tonic)
  • ein guter Film
  • eine halbe Stunde freie Zeit, um abzuhören, was alles in der Schule passiert ist. Wird zwar oft nicht in Anspruch genommen, aber wehe, ich habe sie nicht zur Verfügung oder biete sie zu proaktiv an...
  • sieben Liter Fleckenspray
  • ein paar Erinnerungen an die Mathe- und Französischstunden von damals im Mittelalter, um im Bedarfsfall wenigstens die Aufgabenstellung bei den Ufzgi zu kapieren
  • Taschentücher für den Fall eines Nervenzusammenbruchs oder von Weltschmerz, bei wem auch immer
  • eine Extraportion Selbstbewusstsein, um gegebenenfalls zu kontern, dass ich mir Kritik gern gefallen lasse, aber nicht in jedem Ton
  • ein Stapel Comics für besuchende Kids, die nicht recht wissen, was sie mit sich selbst anfangen sollen, wenn ich sie nicht gamen lasse
  • ein paar Gramm realistischer Zuversicht, dass ich eines Tages nur noch das Puff von mir und meinem Mann aufräumen werde
  • ein paar Kilo naive Zuversicht, dass mich meine Kinder auch dann noch mit haufenweise Zärtlichkeiten bedenken werden
  • ein grosser Berg Liebe. Kann man immer und überall gebrauchen und ist ein guter Joker, wenn mal was von dieser Liste fehlen sollte

Und was brauchen Sie, um zu überleben?
Cheers!

© baz.online