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Kinderhaltung in fünf Schritten

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 22. Oktober 2014

Ein Papablog von Raphael Diethelm.

Alles im Griff, liebe Eltern? Kind an der Leine. Foto:  Eric E Castro (Flickr)

Eltern könnten es leichter haben: Kind an der Leine. Foto: Eric E. Castro (Flickr)

«Youtube war mein Trainer», sagte der Schwinger vor seinem ersten Gang vor Publikum. Dieses quittierte das Geständnis mit schallendem Gelächter um das Sägemehl in einer modernen Graubündner Zweitwohnungssiedlung. Als der untersetzte Überraschungsgast dann Mal für Mal auf dem Rücken landete, lachte niemand mehr. Schliesslich wurde da gerade Youtubes Ruf in der Schwingszene aufs Kreuz gelegt.

Dabei kann man durchaus von Youtube lernen. Im grössten Videoportal im Internet findet man alles, was sich filmen lässt – auch Tipps für die Erziehung von Kindern. Die folgende Auswahl zeigt, wie leicht es Eltern haben könnten. Drücken Sie ein Auge zu und verfolgen Sie fünf nicht nur ernst gemeinte Schritte durch den Alltag mit Kindern:

1. Kinder wecken
Zugegeben, normalerweise geschieht das im Kinderzimmer, nicht im Auto. Aber Musik hilft eigentlich überall. Esteban Reyes greift bei der folgenden Demonstration an seinem dreijährigen Halbbruder zu «Breed» von Nirvana, und das mit erstaunlicher Wirkung.

2. Kinder anziehen
Wer sich bei Youtube als HilariousHouseWife registriert, muss etwas auf dem Kasten haben. Etwas, um das man sie beneidet. Weil es einem täglich viel Zeit sparen würde. Oder kennen Sie jemanden, der drei Kinder in zehn Minuten aus dem Bett holt und in Kleider steckt?

3. Kinder füttern
Warum einfach, wenn es kompliziert geht? Spaghetti und Wienerli können kreativ kombiniert werden. Das sieht gut aus und ist angeblich «das beste Kinderessen der Welt» – mit drei Ausrufezeichen.

4. Kinder begeistern
Damit Lernen kein Muss, sondern ein Spass ist, greife man zu einprägsamem, wenn auch zweifelhaftem Liedgut. Das gezeigte Beispiel aus dem frühenglischen Sprachraum bringt diese pädagogische Geheimwaffe wunderbar auf den Punkt.

5. Kinder einspannen
Will Reid, den wir an anderer Stelle schon vorgestellt haben, erklärt seinen Kindern mit einfachen Videos die Welt des Haushaltens. Nach dem Ersetzen der WC-Rolle folgt hier sein zweites «Teenage Instructional Video»: das Befüllen der Geschirrwaschmaschine.

An diesem Punkt dürfte es für manche Eltern erst richtig interessant werden. Wir hören aber hier nicht auf, weil es am schönsten ist, sondern weil wir gespannt sind, welche Youtube-Videos Ihnen bei der Erziehung geholfen bzw. gerade noch gefehlt haben oder Aspekte der Kinderhaltung besonders eindrücklich hervorheben. Für einmal lassen wir in den Kommentaren also auch Links auf das Video Ihres Vertrauens gelten – solange es mit dem Thema zu tun hat. Denn: Youtube macht vielleicht (noch) keinen Schwingerkönig, aber laufend bessere Eltern.

Raphael DiethelmRaphael Diethelm (*1978) ist seit Mai 2011 Produzent bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet. In seiner Freizeit nutzt er Youtube auch, allerdings eher zur Unterhaltung («Also gut, noch zwei Folgen ‹Shaun the Sheep›») und Weiterbildung («Das ist ein Luftkissenboot!») seiner beiden älteren Kinder.

Zehn lausige Tipps

Andrea Fischer Schulthess am Dienstag, den 21. Oktober 2014
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Ratzekahl abschneiden ist das allerletzte Mittel: Machen Sie Läuse zu etwas Normalem! Foto: Reuters

Wieder mal Ferienende. Wieder mal Lauszeit. Zum gefühlten 1012. Mal. Im Ernst, ich weiss nicht mehr, wie viele Lauskuren wir mit unseren Kindern schon durchexerziert haben. Was die verschiedenen Mittel, Ammenmärchen und Tricks angeht: Fragen Sie mich. Ich hab sie fast alle gesehen. Ja, ich erinnere mich sogar noch an die vorsintflutliche Methode, bei der mein Bruder und ich uns zwei Tage lang unter juckendem Turban gelangweilt haben. Die Quarantäne war uns so peinlich, als hätten wir Lepra, Krätze und Pickel gleichzeitig. Deshalb hier ein paar Tipps, sozusagen «schöner Leben mit Läusen».

  1. Keep cool. Falls Sie neu sein sollten im Laus-Business, möchte ich Sie hiermit erst mal beruhigen. Regen Sie sich ab! Alles andere lohnt sich nicht. Läuse sind eklig, sie fressen einem Geld und Zeit vom Kopf, und sie nerven. Das ist alles wahr. Aber sie sind nicht peinlich. Wenigstens nicht peinlicher als volle Windeln, ungewaschene Kompostkübel oder die Stilleinlage, die man versehentlich bei Freunden auf dem Sofa liegen gelassen hat.
  2. Schluss mit den Ammenmärchen. Jeder kann Läuse kriegen. Sogar die hysterischsten Sauberkeitsfanatiker. Die haben einfach eine noch grössere Krise als wir Normalos, wenns krabbelt. Das ist der einzige Unterschied. Deshalb rate ich Ihnen: Setzen Sie auf Wissen statt auf Panik. Und Wissen gibt es ganz viel, zum Beispiel auf Kopflaus.ch. Die Site ist zwar hässlicher als jede Laus und wird von einer Pharmafirma finanziert, aber sie ist gut.
    Wenn Sie auch nach dieser Lektüre noch das irrationale Gefühl haben sollten, die Dinger verfolgten Sie und Ihre Familie persönlich bis ans Ende der Welt, kann ein Besuch bei der Lausberatung des Schulärztlichen Dienstes helfen. Spätestens dort werden Sie locker werden. Versprochen. Ich habs getestet.
  3. Machen Sie Läuse zu etwas Normalem. Mir hilft es, die Sache mit den Läusen in den gleichen Topf zu werfen wie Erkältungen, Grippen oder Magenverstimmungen. Läuse und Bazillen bewohnen nun mal die Erde gemeinsam mit uns. Wenn sie sich unsere Leiber als Zuhause aussuchen, ist das noch keine Katastrophe. Es ist einfach etwas, mit dem man rechnen muss. Darum haben wir immer eine Flasche Lausmittel bereit (ein Silikonprodukt, welches man nur eine Stunde einwirken lassen muss, also nicht viel länger als eine Schönheitsmaske).
  4. Verschonen Sie Ihre Wohnung. Wenn Sie Läuse haben, müssen Sie deswegen weder umziehen noch Ihre Wohnung durchdesinfizieren noch die ganze Bettwäsche und alle Stofftiere tiefgefrieren. Läuse interessieren sich nämlich nicht für Ihre Möbel und den anderen Kram. Sie wollen Köpfe. Und gehen deshalb nur von Kopf zu Kopf.
  5. Seien Sie ein Kontrollfreak. Alle Köpfe einer befallenen Familie müssen kontrolliert und allenfalls behandelt werden. (Ausser Sie haben entweder kaum Haare, wie mein Mann, oder die vorhandenen Haare sind so heftig gefärbt, dass keine Laus Ihren Schädel auch nur mit dem kleinen Zeh betreten würde, wie bei mir.)
  6. Reden Sie über Ihre Läuse! Ich mag es nicht, wenn Menschen über ihre Verdauung referieren, und auch auf Details ihres Liebeslebens bin ich nicht sonderlich erpicht. Aber über Läuse muss man reden. Der Fairness halber. Es ist Ehrensache, Bekannte zu informieren und Läuse sofort zu behandeln. Geteiltes Leid ist hier definitiv nicht halbes Leid.
  7. Seien Sie stur. Halten Sie sich an die Infos der Packungsbeilage des Lausmittels. Machen Sie alle drei Wiederholungen zum richtigen Zeitpunkt. Kontrollieren Sie die Haare der Kinder während der Behandlungsdauer alle zwei Tage mit dem Lauskamm, möglichst mit Pflegespülung im Haar. Dabei flutschen auch unentdeckte Nissen (Eier) raus. Das ist zwar sehr, sehr langweilig. Aber vor dem TV gehts, und es ist immer noch besser als Chipsessen oder Nägelkauen.
  8. Keinen Sündenbock suchen. Sparen Sie sich die Spekulationen, woher die Läuse gekommen sein könnten. Das bringt nichts und kann Kinder in eine missliche Lage bringen. Es reicht schon, dass es die Kleinen ständig juckt.
  9. Fummeln Sie. Lassen Sie mal wieder die Affenmama raus. Geniessen Sie es, ganz offiziell an Ihren Kindern rumzupfen und kraulen zu dürfen. Muss vielleicht ja nicht grad an der Ladenkasse oder auf dem Pausenplatz sein. Aber im Ernst: Wenn Sie eine Nisse sehen, schnappen Sie sie. Sonst ist sie für immer weg wie ein Geistesblitz vor dem Einschlafen.
  10. Und last, but not least: Wechseln Sie einfach mal die Perspektive. Und sehen Sie sich diesen kleinen Film an:Hart ist das Läuseleben: Szene aus «South Park». Video: Youtube

 PS: Wenn Sie besonders viel Geld und besonders wenig Nerven haben, gibt es neu noch den Rundumservice: www.antilaus.ch

Schauermärchen aus der Vergangenheit

Jeanette Kuster am Sonntag, den 19. Oktober 2014
Negerli

Unvergessliche Schallplatten: «Vom dumme Negerli» und «De gföhrlich Heiwäg». Foto: Mamablog

Ich dachte an nichts Böses, als ich vor zwei Wochen im Brockenhaus die Hörspielsammlung durchstöberte und plötzlich den Titel «Vom dumme Negerli» vor mir hatte, erzählt von Märlikönigin Trudi Gerster. Leicht schockiert hielt ich einen Moment inne. Natürlich weiss ich, dass vor nicht allzu langer Zeit noch andere Massstäbe gegolten haben und gerade mit Afrikanern in Kindererzählungen wenig zimperlich umgegangen wurde – der «Tages-Anzeiger» hat auch schon darüber berichtet. So plötzlich und unerwartet ein solches, aus heutiger Sicht rassistisches Kinderprodukt in den Händen zu halten, hat mich dennoch zutiefst irritiert.

Ich stellte die Platte zurück ins Regal und stiess wenig später auf ein Hörspiel, auf dessen Cover ein Mann im Auto abgebildet ist, der einem kleinen Mädchen ein Bonbon hinstreckt. «De gföhrlich Heiweg» stand über dem Bild. Auf der Rückseite erklärte die Erzählerin den Kindern, dass es den «bösen Mann» wirklich gebe. «Und er kann euch gefährlich werden, wenn ihr ihn nicht rechtzeitig erkennt.» Sie ermahnte die Kinder, sich die Geschichte mehrmals anzuhören. «Denn mehrmals gehört, werdet ihr alles besser verstehen und ausserdem auch nicht so schnell wieder vergessen

Auch ich konnte die Geschichte nicht vergessen. Und so ging ich zwei Tage später zurück ins Brockenhaus, um mir die beiden Platten zu kaufen und herauszufinden, was darauf wirklich erzählt wird.

Als ich leicht beschämt ab meinen Einkäufen an der Kasse stand, fing die Brockenhausverkäuferin plötzlich an zu lachen: «Oh, ‹De gföhrlich Heiweg› hatte ich als Kind auch!» Ich fragte sie, ob sie sich beim Zuhören denn nicht gefürchtet habe. Worauf sie entgegnete, sich nicht zu erinnern – «aber geblieben ist mir die Platte offenbar».

Nachdem ich mir die Geschichte angehört habe, überrascht mich das nicht. Zwar wird nichts explizit erzählt, aber die Kinder bekommen zu hören, dass diese «bösen Männer» die Kinder «schüüli plaged» und es auch Kinder gebe, denen niemand mehr habe helfen können. Die kleinen Zuhörer werden eindringlich vor allen Fremden gewarnt und es wird mehrmals wiederholt, dass so etwas jedem und überall passieren könne.

Hätte ich mir das als Kind angehört, wäre ich danach vermutlich nur noch voller Angst durch die Strassen gehetzt und bei jedem Fremden, der mir im Auto oder auf dem Trottoir entgegengekommen wäre, in Panik ausgebrochen. Erwischt hätte mich so zwar vermutlich keiner dieser «bösen Männer». Aber Spass hätte ich auf dem Schulweg auch keinen mehr gehabt.

Bei der Geschichte «Vom dumme Negerli» erschreckte mich beim Zuhören das «dumm» mehr als das «Negerli». Die Mutter nennt ihren Jungen nämlich immer wieder «dumme, dumme Bueb», ja einmal gar «de dümmschti Bueb vo Afrika». Bloss weil er, der doch alles richtig machen will, vor lauter Eifer immer alles falsch macht.

Ich sass stellenweise mit offenem Mund vor dem Lautsprecher. Mitanzuhören, wie eine andere (wenn auch fiktive) Mutter immer wieder ihr Kind beschimpft, war mir richtig zuwider. Trudi Gerster hingegen sagte noch vor wenigen Jahren in einem Interview, dass die Kinder «Wumbo, Wumbo» – wie die Geschichte später getauft wurde – heute immer noch sehr gerne haben.

Sind also wir modernen Eltern (denn mein Mann hat genau gleich reagiert) überempfindlich, wenn wir die «Geschichte vom kleinen Buben, der immer Dummheiten macht» als nicht kindertauglich taxieren? Übertreiben wir es mit unserer sanfteren Erziehung, bei der wir so grossen Wert auf die richtigen Worte legen und auf kinderfreundliche Aufklärung statt Angstmacherei setzen? Ich glaube nicht. Meiner Meinung nach ist es richtig und wichtig, dass wir heute gerade im Umgang mit Kindern stärker auf Formulierungen achten und uns bewusst sind, dass auch Worte verletzen können. Das Kind wegen einer Dummheit zu rügen, ist völlig legitim, es deswegen dumm zu schimpfen, sicher nicht.

Sehen Sie das genauso? Und erinnern Sie sich noch an Märchen, die Ihnen als Kind gefallen haben, Ihnen heute jedoch die Haare zu Berge stehen lassen?

Kann die noch mehr als Lippenstift tragen?!

Mamablog-Redaktion am Freitag, den 17. Oktober 2014

Ein Gastbeitrag von Doris Aebi*

Selbstbewusst und gönnerhaft – wer hier die Chefs sind, ist klar: Szene aus der TV-Serie «Mad Men». Foto: AMC

Ein ziemlich rauer Wind blies mir entgegen, als ich als junge Managerin bei einer Grossbank arbeitete. Je höher in der Hierarchie, desto härter die Konkurrenz. Klar. Ab und zu spielten missgünstige Kollegen aber auch die Geschlechterkarte aus. «Kann die noch mehr als hübschen Lippenstift tragen?!», zischte etwa einmal ein Büronachbar, als ich nach einer guten Präsentation Lob erntete.

Ja, diese stereotypen Rollenbilder kennen wir Frauen alle in irgendeiner Form. Wenn sie sich im beschriebenen Rahmen bewegen, kann frau sie sportlich und mit einem charmanten (!) Lächeln wegpusten. Doch wenn sie unausgesprochen oder unbewusst in die Entscheide der Vorgesetzten hineinspielen oder tief in der Firmenkultur verankert sind, dann wird es schwierig – und das Unternehmen vergibt so eine wertvolle und wirtschaftlich relevante Karte. Der Weg daraus führt dahin, den Vorgesetzten den Einfluss der traditionellen Rollenbilder bewusst zu machen und so Verhaltensänderungen hinsichtlich Pluralität einzuleiten.

Gerade in der Schweiz scheint dies eine hartnäckige Aufgabe zu sein. Hierzulande sind Frauen deutlich weniger in Vorgesetztenpositionen vertreten als in den umliegenden Nachbarländern oder in Europa insgesamt, wie ein Blick in die Statistik zeigt. In den Ländern der Europäischen Union stieg der Anteil der Beschäftigten, die eine Frau als Vorgesetzte haben, zwischen 2005 und 2010 von 25 auf 29 Prozent. In der Schweiz stagnierte dieser Wert bei ungefähr 20 Prozent. Bei alleiniger Betrachtung von Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten fällt dieser Wert nochmals markant tiefer aus, obschon zunehmend mehr gut ausgebildete Frauen zur Verfügung stehen.

Dabei gibt es Studien, die belegen, dass Firmen, die Frauen in höheren Positionen gut integrieren können, wirtschaftlich erfolgreicher sind. Dies nicht etwa, weil Frauen besser wären als Männer, sondern weil diese Firmen die Fähigkeit haben, das Potenzial von Mitarbeitenden mit unterschiedlichen Eigenschaften und Rahmenbedingungen im Betrieb zu integrieren und zu nutzen.

Als «Standard» gilt aber in vielen Firmen immer noch der männliche Manager, 40, mit den üblichen Diplomen, kinderlos oder mit einer Frau im Rücken, die dafür sorgt, dass seine Kinder für den Job keine Rolle spielen. Wer anders ist, also beispielsweise eine Frau, muss oft zusätzliche Barrieren überwinden. Da braucht es auch in meinem jetzigen Job als Recruiterin ein besonderes Sensorium, muss ich doch erkennen, wenn im Hinterkopf meines Auftraggebers beispielsweise der Gedanke aufblitzt, ob sie das mit den Kindern neben der Karriere auch wirklich lösen kann oder dem harten Umgang in Verhandlungen psychisch gewachsen ist. Genau das ist das Hinterhältige an der Rollenbildfalle: Sie beeinflusst Entscheide meist unausgesprochen und oft unbewusst. Klischees werden generalisiert.

Ein Beispiel dazu: Die Organisation des Weihnachtsessens wird automatisch der jungen Frau übergeben, «weil sie das doch so gut kann», das Projekt zur strategischen Neuausrichtung des Unternehmens dafür ihrem jungen Kollegen, weil man ihn als zukünftigen Manager sieht. Auch bei der Weiterbildung – das zeigen die Statistiken – ist die Rollenbildfalle wirksam. Der Chef schätzt zwar die hervorragenden Leistungen seiner jungen Mitarbeiterin und sieht deren Potenzial. Trotzdem finanziert er die Weiterbildung nicht ihr, sondern dem männlichen Kollegen, schliesslich könnte sie ja die Karriere zugunsten der Familie aufgeben. Nicht verwunderlich, dass Frauen in diesem Umfeld die Option Karriere häufiger an den Nagel hängen und irgendwann die «Corporate World» verlassen oder auf Teilzeit reduzieren. Denn wer engagiert sich schon gerne für ein Unternehmen, wenn dies nicht honoriert wird?

Für mich ist klar: Wenn es gelingen soll, die mittlerweile grosse Anzahl gut ausgebildeter Frauen in der Wirtschaft zu halten, müssen wir sensibler für Rollenbildfallen werden. Die heutigen Entscheidungsträger tun gut daran, schnell mit dieser Transformation zu beginnen, denn mit der zukünftigen Generation Y entsprechen nicht nur die berufstätigen Frauen, sondern zunehmend auch die jungen Männer nicht mehr den traditionellen Rollenbildern.

Deshalb rufe ich zu einem «Rollenbildfallen-Programm» auf:

  • Wirtschaftsverbände müssen die Rollenbildfalle zum Thema machen und ihren Mitgliedern in Veranstaltungen das Bewusstsein dafür schärfen
  • Management-, Führungs- und HR-Ausbildungen an Universitäten und Fachhochschulen müssen die Thematik der Rollenbildfalle im Lehrplan aufnehmen
  • Unternehmen müssen das Erkennen und den Umgang mit Rollenbildfallen in ihre Führungsausbildung integrieren und zum Bestandteil des Qualifikationsgesprächs machen
  • Verwaltungsräte müssen bei ihrer eigenen Zusammensetzung und bei der Zusammensetzung der Geschäftsleitung darauf achten, dass die in die Gremien gewählten Persönlichkeiten auf die Rollenbildfalle sensibilisiert oder bereit sind, sich diesem Thema konstruktiv anzunehmen
  • Führungskräfte müssen bei ihren Entscheiden stets einen kritischen Selbstcheck machen und sich hinterfragen, ob sie in eine Rollenbildfalle tappen. Sie müssen ausserdem eine offene Feedbackkultur bezüglich Rollenbildfallen im Betrieb fördern
  • Männliche Kollegen müssen sich bewusst werden, dass die Andersartigkeit der Frau nicht ein Problem, sondern eine Chance ist
  • Frauen müssen nicht nur darauf achten, dass sie nicht selber in eine Rollenbildfalle tappen, sondern darauf aufmerksam machen, wenn Männer dies tun. Und Frauen müssen auch selbstkritisch sein und nicht automatisch hinter jedem Entscheid eine Rollenbildfalle sehen

Zu aufwendig und zu wenig schnell in der Wirkung? Nein! Nur mehr Frauen in den Managementpositionen und Verwaltungsräten genügt nicht. Damit daraus der wirtschaftliche Nutzen entstehen kann und die Frauen langfristig und motiviert der Wirtschaft erhalten bleiben, ist eine breite Verhaltensveränderung notwendig. Es gilt, dass neben den traditionellen Rollenbildern neue Rollenbilder der Frau (und des Mannes) zur Selbstverständlichkeit werden. Erst dann können auch die Organisationsstrukturen den neuen Bedürfnissen von Frauen und Männern erfolgreich angepasst werden.

 

Bild 1 Doris Aebi_100* Doris Aebi promovierte in Wirtschaftssoziologie und arbeitete von 1994 bis 2000 in leitenden Positionen bei UBS und Credit Suisse. Sie ist Mitbegründerin der Firma aebi+kuehni AG, welche auf die Direktsuche von Führungskräften im Management und von Verwaltungsräten spezialisiert ist. Zudem ist sie Vizepräsidentin des Verwaltungsrates des Migros-Genossenschafts-Bundes. Sie ist die zweite Mutter der vier heute erwachsenen Kinder ihres Mannes.

 

Die Wurzel aller Übel?

Mamablog-Redaktion am Donnerstag, den 16. Oktober 2014

Ein Gastbeitrag von Monika Zech*

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Antiautoritär erzogene Kinder werden nicht zu Monstern, sondern zu selbstständigen – und selbstständig denkenden – Menschen. Foto: Emmanuel Szép (Flickr)

Die Mär, die antiautoritäre Erziehung mache aus Kindern kleine Monster, hält sich bis heute. Monster, die Erwachsene malträtieren. In schöner Regelmässigkeit finden schauderhaft witzige Geschichten mit einem derart «verzogenen» Kind in der Hauptrolle den Weg in die Öffentlichkeit. Interessanterweise spielen sie sich, wie das unlängst im Mamablog publizierte Joghurt-Filmchen, stets in der Schlange vor der Supermarktkasse ab. Man stösst beim Googeln immer wieder auf dieselben Schilderungen (etwa hier), in Nuancen dem jeweiligen Publikum angepasst.

Seit Jahrzehnten wird daran gearbeitet, die antiautoritäre Erziehung als die schlimmste aller Erziehungsformen darzustellen. Der Begriff ist heute das Synonym für alle Missstände in Schule und Elternhaus, ja, für den Wertezerfall in der ganzen Gesellschaft. Wieso eigentlich? Was ist falsch daran, einem Kind das Recht einzuräumen, um seiner selbst willen geachtet und geliebt zu werden und sich nach seinen Fähigkeiten und Interessen entwickeln zu dürfen, statt ihm etwas aufzuzwingen, was ihm überhaupt nicht entspricht? Aber: «Wenn eine junge Mutter meint, ihr Kind müsse die Haustüre mit roter Tinte bemalen, damit es sich frei ausdrücken kann, hat sie die Bedeutung von Selbstbestimmung nicht begriffen.»

Dieser Satz stammt aus dem Buch «Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung» von Alexander Sutherland Neill, dem Gründer der Summerhill-Schule und Verfechter einer gewaltfreien Erziehung. Das Buch, 1960 erschienen, galt damals vielen als Evangelium und Neill als so etwas wie der Messias der antiautoritären Erziehung. Was ihm, wie es heisst, überhaupt nicht gefiel. Denn schliesslich wollte er mit der Erziehung zur Freiheit vor allem der blinden Autoritätsgläubigkeit der Masse entgegenwirken, die für ihn die Wurzel aller Übel auf der Welt war: Krieg, Verbrechen, Hass.

Und Neill schrieb schon damals: «Es ist erstaunlich, wie viele Eltern, die von der Idee begeistert sind, sie missverstehen.» Immer wieder betonte er, dass es nicht darum gehe, Kinder zu verwöhnen und ihre Rechte über diejenigen der Erwachsenen zu stellen. «In einem Heim, in dem Disziplin herrscht, haben die Kinder keine Rechte. In einem Heim, in dem sie verwöhnt werden, haben sie alle Rechte. In einem guten Heim haben Kinder und Eltern jedoch gleiche Rechte.» Ständig versuchte er, den Unterschied zwischen Freiheit und Zügellosigkeit zu erklären. Offensichtlich vergeblich, wenn alles, was es dazu bis heute zu berichten gibt, klischierte Kind-macht-Terror-im-Supermarkt-Storys sind.

Demzufolge müssen Steuerbetrüger und Sozialschmarotzer, Vergewaltiger und Schläger, Rassisten und Kriegstreiber – alle, die so falsch herausgekommen sind – Früchtchen der antiautoritären Erziehung sein. Wer das glaubt, sollte dieses Buch endlich einmal lesen und dann darüber nachdenken, welche Erziehungsmethoden wir heute noch hätten, wenn Neill und andere Reformpädagogen nicht gegen das verbreitete Schlagen und Strafen von Kindern angetreten wären.

Statt über die antiautoritäre Erziehung zu schimpfen, sollte man sich vielmehr darüber ärgern, dass ihr Einfluss nicht nachhaltiger und umfassender war: Dass immer noch Menschen wie Schafe (Ver-)Führern hinterher blöken und sich von ihnen für dumm verkaufen lassen. Dass Doppelmoral und Heuchelei immer noch verbreitet sind. Dass Religion immer noch Mittel zur Unterdrückung und Anlass für Kriege ist. Die Liste lässt sich, wie man täglich erfahren kann, beliebig verlängern.

Robert Misik: «Eine Verteidigung der antiautoritären Erziehung»Quelle: DerStandard.at, Youtube

Interview mit Alexander Sutherland Neill (in Englisch)Quelle: Education Options TV, Youtube

Promo-Film der Summerhill-Schule heuteQuelle: Youtube

Monika*Monika Zech war von 2005 bis 2010 Chefredaktorin bei «Wir Eltern». Heute arbeitet sie als freie Journalistin sowie als Redaktorin bei der «Tierwelt». Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern, Grossmutter von drei Enkelkindern und aufgewachsen mit neun Geschwistern.

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