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Mütter, die keine sein wollen

Jeanette Kuster am Freitag, den 17. April 2015
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Viele Mütter wünschen sich mehr Freiraum. (Donnie Ray Jones/Flickr.com)

Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie dann noch einmal Mutter werden, mit dem Wissen, das Sie heute haben? 23 israelische Mütter haben diese Frage mit Nein beantwortet und im Rahmen einer Studie offen und ehrlich über ihre Gefühle und die Gründe dafür geredet. Seit die «Süddeutsche Zeitung» (SZ) Anfang April über die Studie berichtet hat, wird das Thema im Internet heftig diskutiert.

Die Stimmen derer, die diese 23 Mütter nicht verstehen und ihnen Undankbarkeit für das grösste Geschenk überhaupt vorwerfen, sind zahlreich. Doch es gibt auch die anderen. Diejenigen, die froh sind, dass diese Diskussion endlich geführt wird. Nicht unbedingt, weil sie selber es bereuen, Kinder in die Welt gesetzt zu haben. Sondern weil sie unter dem Bild der perfekten, dauerlächelnden, nimmermüden Mutter leiden.

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Die Soziologin Orna Donath (Bild: Daniel Tchetchik)

Studienautorin Orna Donath nennt dieses Mutterbild ein «kulturelles und historisches Konstrukt». Erst mit der Industrialisierung nämlich ist die Mutter zur Hausfrau und Kinderverantwortlichen geworden. Dennoch ist dieses Bild der idealen Mutter heute fest in unseren Köpfen verankert. Zusammen mit der Annahme, dass jede Frau Kinder wolle. «Es ist die Gesellschaft, die entscheidet, dass Frauen Kinder wollen, wollen sollen – oder irgendwann, früher oder später in ihrem Leben, wollen werden», so Donath. Diese ureigene weibliche Aufgabe nicht nur zu verneinen, sondern die Geburten der eigenen Kinder zu bereuen, ist ein Tabubruch sondergleichen. Das haben auch die Reaktionen auf unsere Blog-Beiträge vom vergangenen Herbst gezeigt, in denen zwei Mütter über ihre zu wenig ausgeprägte oder gar nicht vorhandene Mutterliebe geschrieben haben.

Anders als unsere anonyme Blog-Gastautorin, die damals sagte, sie habe «keine innere Verbindung zu ihren Kindern, ich mag sie einfach», geben die 23 Studienteilnehmerinnen an, ihre Kinder durchaus zu lieben. Die 38-jährige Doreen etwa sagt: «Ich bereue es, Kinder bekommen zu haben – aber ich liebe die Kinder, die ich bekommen habe.» Solch gegensätzliche Gefühle sind laut Experten nichts Aussergewöhnliches. «Ambivalenz bei Müttern ist ganz normal», zitiert die SZ eine Psychologin.

Und tatsächlich kennen wir Mütter diese ambivalenten Gefühle, wenn auch in etwas weniger krasser Form, doch alle. Wir lieben unsere Kinder über alles und vermissen sie schrecklich, wenn sie weg sind – doch kaum sind sie zurück, wünschten wir uns die Ruhe zurück. Wir durchleben Phasen, in denen wir am liebsten mit unseren Kleinen verschmelzen würden. Gerade mit Kleinkindern kommt aber auch irgendwann der Moment, in dem man sich als Mutter wieder etwas Raum für sich wünscht. Einmal auf die Toilette gehen, ohne dass jemand mitkommt. Eine Schublade, die nur einem selber gehört und von der die Kinder ihre tapsigen Händchen lassen. Ein Abend mit Freundinnen ohne fixe Heimgehzeit und ohne Kinderthemen.

Das alles heisst ja nicht, dass man sich der Mamarolle verweigert oder sich seine Kinder weg wünscht. Man hört einfach wieder etwas mehr auf seine eigenen Bedürfnisse, anstatt sich nur für die Familie aufzuopfern. Und das ist gut so. Denn diese völlige Selbstaufgabe macht auf Dauer nicht nur unglücklich, sondern erschöpft einen auch.

Und das Mutterleben ist schliesslich auch ohne diese Aufopferung anstrengend genug. Laut sagen darf man das laut der SZ zwar nicht, «das ist gesellschaftlich nicht erwünscht». Ganz so extrem ist es in meinem Umfeld zum Glück nicht. Ich sage meinen Freundinnen ganz offen, wenn ich am Anschlag bin, schwierige Erziehungsphasen durchlebe oder mich als Mutter wieder einmal komplett unfähig gefühlt habe. Und wissen Sie was? Noch nie hat mich eine von ihnen deswegen ausgelacht. Vielmehr habe ich als Antwort jeweils ein «ich verstehe, was du meinst» zu hören bekommen – und mich gleich wieder besser gefühlt.

Darum: Reden wir darüber, dass auch Mütter nur Menschen und keine Maschinen sind. Menschen mit eigenen Bedürfnissen, welche mit dem klassischen Mutterbild (zu Hause sitzen, Nachwuchs betreuen und Haushalt schmeissen) nichts zu tun haben. Weit entfernt von perfekt, oft müde, genervt und erschöpft. Menschen, die sich manchmal nach ihrem früheren Leben sehnen oder sich wünschten, eine schwierige Lebensphase wäre schon überstanden. Menschen, die manchmal aber auch einen verdammt guten Job machen mit ihren Kindern und überglücklich sind dabei. Normale Menschen eben.

 

Ein Bericht dazu in der SRF-Sendung «10 vor 10» von letztem Dienstag.

Das Gefühl, nie gut genug zu sein

Mamablog-Redaktion am Donnerstag, den 16. April 2015

Ein Gastbeitrag von Claudia Senn*

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Persönliche Krisen schlagen sich schnell in den Schulnoten nieder: Schüler einer zweiten Sekundarklasse. Foto: Keystone

In einem Gespräch zu ihren eher prekären Semesternoten in Wirtschaft sagte eine Schülerin seufzend zu mir: «Frau Senn, meine Eltern glauben sowieso nicht an mich

Der grosse Druck, der auf den Schultern der Schülerin lastete, war spürbar. Ich bot ihr Unterstützung an und bohrte nach, was sie damit meine. Nach dem Gespräch kam ich zum Schluss, dass wohl ein grosser Teil ihres Drucks hausgemacht ist: Die Erwartungen an sich selbst, Erwartungen an die eigene Rolle in der Gesellschaft und zusätzlich die Einstellung: «Ich werde es den anderen schon zeigen.»

Dennoch blieb ein schaler Nachgeschmack, die Aussage über ihre Eltern liess mir keine Ruhe. In einem Gespräch mit ihnen zeigte sich jedoch, dass diese ihre Tochter sehr wohl unterstützen und es ihr von Herzen gönnen würden, wenn sie diese Lehre packt und gute Noten schreibt. Und dass sie keine Ahnung haben, wie sie ihr das klarmachen können, denn egal was sie sagen, es ist sowieso verkehrt. Teenager eben.

Die jungen Heranwachsenden sind in ihrer Jugend mit vielen Veränderungen konfrontiert. Von allen Seiten prasseln Ansprüche auf sie ein: Eltern, Lehrer, Freunde, die erste grosse Liebe, die Ausbildung, die Gesellschaft, alle wollen etwas von ihnen. Dazu kommen all die körperlichen und kognitiven Entwicklungen, die das Leben über den Haufen werfen. Sie treten als Kinder in die Grundbildung ein und verlassen diese als junge Erwachsene, bereit fürs «echte» Leben. Im Spannungsfeld dieser Ansprüche entsteht von vielen Seiten Druck auf die Jugendlichen. Sie sollen schön, schlau und selbständig sein. Anständig, fleissig und verantwortungsbewusst. Und das, obwohl ihnen in dieser Zeit so überhaupt nicht danach ist. Sie suchen nach ihrem Selbst, ihrer Identität, sollen aber gleichzeitig zukunftsorientiert und zielstrebig denken. Ein nicht ganz leichtes Unterfangen.

Erwarten wir also zu viel von den Jugendlichen? Sollten wir sie weniger unter Druck setzen? Ich denke nein. Gewisse Identitätskrisen sind Teil des Erwachsenwerdens und müssen ausgestanden werden. Solange Eltern ihr Kind nicht zum Lernen ins Zimmer einschliessen und erst wieder rauslassen, wenn es ihnen alle Englischvokabeln auswendig vorgebetet hat, ist wohl alles im grünen Bereich. Am meisten leiden nämlich die Schülerinnen und Schüler, deren Eltern mit der Peitsche hinter den Schulbüchern (und ihrem Leben) stehen – in jedem Alter. Wenn sie die vermeintlichen Erwartungen der Eltern nicht erfüllen können, nagt das empfindlich am Selbstwert und gibt ihnen das Gefühl, nie gut genug zu sein.

Dennoch ist es wichtig, gerade in diesem Alter genau im Auge zu behalten, wie es den Kindern geht. Meine Indikatoren sind die Teilnahme am Unterricht (obwohl die nach Tagesform stark variieren kann) und natürlich die Noten. Als sich eine Schülerin innerhalb eines Semesters um mehr als eine halbe Note verschlechtert hatte, bat ich sie um ein kurzes Gespräch. Sie klagte über Überforderung, Müdigkeit und Schlafstörungen. Und über immer mehr Angst vor den Prüfungen, weil sich das alles wie ein Teufelskreis verschlimmere. Ich habe ihr ein paar Tipps gegeben und ihr Mut gemacht. Kurz darauf haben sich ihre Noten wieder auf gewohntem Niveau eingependelt. Natürlich ist es nicht immer so einfach, aber manchmal wirken auch nur ein bisschen Aufmerksamkeit und ein gutes Wort Wunder.

ClaudiaSenn*Claudia Senn (30) ist Lehrerin für Wirtschaft & Gesellschaft. Sie unterrichtet Berufslernende im Alter von 15 bis 20 Jahren an einer kaufmännischen Berufsschule im Kanton Luzern.

Sex und andere Fragen

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 15. April 2015

Ein Papablog von Nils Pickert*

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Eltern können nicht alle Fragen beantworten: Teenager am Heitere Openair in Zofingen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Im Sommer kommt meine Tochter auf die weiterführende Schule. Im Sommer wird sie zehn Jahre alt. ZEHN!?! Verflixt noch mal, wann ist das passiert? Nur eine Erinnerung entfernt habe ich sie noch zum Lachen gebracht, damit sie den Mund aufmacht und ich sie mit Brei füttern kann (sie hat Löffel gehasst). Und jetzt besteht sie praktisch nur noch aus Beinen und ihrem eigenen, eisenharten Willen, der der Vehemenz gutmeinender elterlicher Ansagen in nichts nachsteht.

Gut, manchmal sagt sie, dass sie gar nicht erwachsen werden will. Dann beschliessen wir, dass ich nie eine Glatze bekommen darf, damit sie mir immer durch die Haare wuscheln kann, und dass ich sie auch umarmen darf, wenn andere Leute zuschauen. Viel zu oft wirkt meine Tochter jedoch bereits wie eine etwas klein geratene Mitbewohnerin, die sich von mir aber mal gar nichts sagen lässt. In beiden Fällen schwingen für mich Freude und Wehmut mit. Nichts wird mehr so sein, wie es war, und dabei war es doch so unfassbar gut. Wer weiss, was die Zukunft bringt. Augenblick, verweile doch. Goethe und alles. Schade, scheisse, aber normal.

Ich ertappe mich dabei, wie ich sie immer häufiger beobachte, wenn sie gerade nicht hinsieht, und Entscheidungen darüber zu treffen versuche, was für ein Vater ich ihr in den nächsten Jahren sein will, sein kann und sein muss. Als sie noch auf meinen Unterarm gepasst hat, habe ich mir tatsächlich noch einreden können, so etwas würde man einmal mit sich ausmachen und dann gelte es für immer. Aber so naiv kann ich nicht mehr werden, allenfalls sentimental. Schiller und so.

Stattdessen weiss ich inzwischen, dass man jeden einzelnen Tag mit seiner ganzen Seele für das Elterndasein haftet. Für die enttäuschten Blicke und für diese Momente, wenn man ihr Gesicht in Händen hält. Für all die unzähligen Verletzungen und für den Triumph des Fahrradfahrenlernens. Für das eine Mal, wo sie dir sagen, dass du nicht mehr ihr Vater bist, und für das andere Mal, wo du ja schon immer und ewig der beste Papa der Welt warst. Nichts und niemand kann einen auf diese Dinge vorbereiten. Oder darauf, was sie mit einem machen. Man kann sich nur mitreissen lassen und versuchen, so gut wie möglich obenauf zu schwimmen. Bislang hat das ganz gut geklappt.

Allerdings, so fühlt es sich zumindest rückblickend an, bin ich bislang nur in eher seichten Gewässern herumgeplanscht. In Sichtweite warten die richtigen Stromschnellen. Schlimmer noch: Zu sehen waren sie schon lange, zu erahnen noch viel länger. Und vielleicht bin ich sogar ein bisschen gegen den Strom geschwommen, um das Unvermeidliche hinauszuzögern. Ja genau, das Unvermeidliche: In ein paar Jahren, also quasi gleich direkt nach jetzt gerade, wird meine Tochter aller Wahrscheinlichkeit nach Sex haben. Und alles, was ich bisher an Aufklärungsarbeit geleistet habe, wird für diesen Fall nicht ausreichen.

Denn Kinder aufzuklären ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Es ist ein ständiger K(r)ampf, nicht zu weit voraus zu stürmen oder dabei abgehängt zu werden.

Gerade meint man, sich noch auf seinen Lorbeeren ausruhen zu können, weil sie mit vier Jahren inmitten einer Gruppe älterer Kinder angesichts kopulierender Nashörner einfach ganz cool feststellen: «Die haben Sex.» Und ganz sicher schätzt man sich glücklich, dass einen 2012 nicht wie so viele Eltern in Deutschland «Die Rache der Wanderhure» ereilt hat – also jene in vielen Grossstädten plakatierte Romanverfilmung, die landauf, landab die berechtigte Frage von Kindern an ihre Eltern nach sich zog, was denn eigentlich eine Wanderhure sei. Aber dann, allerspätestens in der weiterführenden Schule, langt es nicht mehr, etwas von Mama und Papa, die sich lieb haben, zu erzählen. Oder so zu tun, als bestünde Aufklärung nur aus der Erklärung, wie Babys gemacht werden.

Als Teenager werden ganz andere Fragen wichtig:
Was machen die da eigentlich alle, wenn es in Wirklichkeit doch fast nie darum geht, ein Kind machen zu wollen?
Warum bekomme ich weiche Knie, wenn der oder die mich so anschaut?
Wie schütze ich mich vor sexualisierter Gewalt? Wie kann ich mich dagegen zur Wehr setzen?
Was ist Pornografie und wie verhält sie sich zur sexuellen Wirklichkeit?
Wie übernehme ich Verantwortung für meinen Körper und meine Sexualität? Wie erkenne ich, dass andere das tun?
Wie kann ich mich mit mir und meiner Sexualität wohlfühlen – egal, mit welcher Präferenz und unter welchen Vorzeichen?
Wie gehe ich mit Menschen um, mit denen ich einmal nah und intim gewesen bin, es aber nicht mehr sein möchte? Und wie werden sie mit mir umgehen, wenn sie davon erfahren?
Was gebe ich von mir preis und was lasse ich andere von mir wissen?
Was ist Prostitution?
Und so vieles mehr …

Ich weiss nicht, ob ich, wenn es so weit ist, in der Lage bin, all diese Fragen zu beantworten. Ich kann ja noch nicht einmal genau sagen, was eine Wanderhure ist. Aber es schadet sicher nicht, sich damit schon jetzt auseinanderzusetzen. So kurz vor gleich direkt. Vielleicht hilft mir dabei ja mein neues Mantra, das ich seit einer Weile immer öfter in meinem Kopf abspiele:

Ich bin Vater und nicht der Türsteher der Sexualität meiner Tochter.
Ich bin Vater und nicht der Türsteher der Sexualität meiner Tochter.
Ich bin Vater…

pickert150x150*Nils Pickert lebt mit seiner Familie in Süddeutschland. Er hat eine monatliche Kolumne auf Standard.at, in der er sich mit den männlichen Seiten der weiblichen Emanzipation beschäftigt.

Die grosse Karrierelüge

Mamablog-Redaktion am Dienstag, den 14. April 2015

Ein anonymer* Gastbeitrag

Starbereit:

Startbereit: Viele ambitionierte Frauen warten auf eine Karrierechance. Foto: Marius Boatca/Flickr

Ja, ich habe es getan. Ich habe bereits ein Kind grossgezogen. Als «bestes Mami der Welt» auf verstaubten Muttertagskarten und krakeligem Krippen-Weihnachtsgebastel, «mehr schlecht als recht» in meiner aktuellen Selbstwahrnehmung und unter der Tochter unerbittlichem Kritikerinnenblick (sie ist 15, ich 39).

Schwierig. Sehr. Aber auch ein guter Moment, Bilanz zu ziehen und über das eine oder andere Thema nachzudenken. Sich vielleicht die Frage zu stellen, die sich Frauen meines Alters – zumindest in meinem Umfeld – noch stellen: Will ich (noch) ein Kind? Oder, die gängigere Formulierung: Was darfs denn sein: Kind oder Karriere?

Was für eine blöde Frage. Und was für eine verdammte Lüge. Um diese Frage beantworten zu können, ist nämlich eine Voraussetzung absolut zwingend: dass es überhaupt eine Karriere gibt, für die ich mich entscheiden kann.

Eigentlich bin ja ich diesbezüglich besser aufgestellt als meine gleichaltrigen Genossinnen. Ich bin bald 39 Jahre alt, mit zwei abgeschlossenen Studien gut ausgebildet und seit fast 20 Jahren berufstätig. Ich habe grosse nationale und internationale Projekte geleitet, mit Termin- und Budgetverantwortung, internationale Teams von Mitarbeitern geführt, unter widrigsten Umständen, unter Zeitdruck. Mit Erfolg. Und doch arbeite ich jetzt als «normale» Angestellte, Teilzeit wider Willen, ohne Aussicht auf Beförderung.

Was mich aber von den meisten gleichaltrigen Frauen vor allem unterscheidet: Die Kinderfrage ist bereits geklärt, die Betreuungsfrage auch. Ist meine Tochter krank, kann sie sich selber eine Suppe kochen. Sie bringt sich mittlerweile sogar ganz gut selbst ins Bett.

Flexible Arbeitseinsätze und Überstunden sind also kein Problem. Ich arbeite engagiert und zuverlässig, auch in hektischen Momenten selbstständig, strukturiert, exakt und wirtschaftlich. Ich bin es gewohnt, Prioritäten zu setzen und auf Änderungen angemessen zu reagieren. Ich pflege einen kooperativen Führungsstil. Überhaupt fast alles, was in den Inseraten so gefragt ist. Und, das Wichtigste: Ja, ich will! Ich will Verantwortung übernehmen! Ich will entscheiden! Ich will führen!

Ideale Voraussetzungen. Eine perfekte Karrierekandidatin. Ein HR-Glücksfall. Eine zu Fördernde. Könnte man meinen. Vor allem, da sich ja angeblich so wenig Frauen für eine Karriere begeistern lassen. Oder eignen. Oder sich getrauen. Oder was weiss ich. Bloss: Eine Karriere ist weit und breit nicht in Sicht. Während viele gleichaltrige Männer in meinem Umfeld Führungspositionen angeboten bekommen und ihre Löhne sprunghaft steigen, kann ich froh sein, dass ich überhaupt einen Job habe.

Nun gut – könnte ja sein, dass es an mir liegt. Vielleicht fehlt es mir am einen oder anderen. Vielleicht bin ich nicht so gut, wie ich denke. Oder ich trete falsch auf (zu wenig selbstbewusst oder zu selbstbewusst?). Oder ich äussere mich unangebracht (zu fordernd vielleicht oder zu wenig fordernd?). Oder bin ich schlicht: zu ungeduldig? Zu unklar? Undankbar gar? Irgendetwas mache ich jedenfalls falsch. Offensichtlich.

Bereits eine Umfrage unter meinen gleichaltrigen Freundinnen – die vielleicht nicht repräsentativ, dafür verdammt gut gebildet sind – zeigt: Mein Problem scheint nicht nur meins zu sein. Nach endlosen Praktika und zahllosen Jobs als unterbezahlte Hilfskraft können die meisten Frauen froh sein, wenn sie sich endlich eine unbefristete Festanstellung ergattern. Ein Branchenproblem? Eher nicht: Die Freundinnen stammen aus der Architektur, der Kultur, aus den Medien. Aber auch aus der Werbung, dem Kaufmännischen, der Forschung, der Werbung, der Wirtschaft.

Unter diesen Umständen wird frau sich hüten, mehr Lohn zu fordern, geschweige denn, nach Weiterbildung oder gar Aufstiegsmöglichkeiten zu fragen. Tut frau es doch, wird schnell genug darauf hingewiesen, dass frau sich eine solche Förderung erst verdienen müsse, ein Aufstieg noch kein Thema sein könne – und überhaupt (in meinem Fall), ob denn das Kind derweilen gut betreut sei. (Nochmals: Sie ist 15. Und hat auch einen Vater. Und eigentlich geht es sowieso niemanden etwas an.)

Ernsthaft: Ich bin keine Praktikantin mehr. Ich bin eine gestandene Berufsfrau, mit Studium, jahrzehntelanger Erfahrung, Führungserfahrung gar. Kind oder Karriere? Ich habe mich schon längst entschieden. Bloss: Wen interessierts?

*Name der Redaktion bekannt

Wann ist ein Kind überbehütet?

Jeanette Kuster am Montag, den 13. April 2015
Mamablog Überbehüten

Gemeinsame Entwicklung: Für Eltern ist es oft schwer, den richtigen Moment des Loslassens zu erwischen. (Flickr/Mattias)

Sei es beim Thema Schulweg, Schlafen oder Erziehung. Egal, wovon im Mamablog die Rede ist, fast immer taucht in der Kommentarspalte irgendwann das Thema Überbehütung auf. Da ist die Rede von Helikoptereltern, die aus Angst ununterbrochen über den Kindern kreisen. Oder von Müttern und Vätern, die den Nachwuchs als ihr Lebensprojekt ansehen, ihm alles ermöglichen wollen und ihn dadurch völlig verhätscheln.

Und die Kommentierenden sind nicht die Einzigen, die das Thema regelmässig zur Sprache bringen. Auch die Medien mögen das überbehütete Kind. Die NZZ etwa spricht von der «Tyrannei der Elternliebe» und nennt die Distanz den Schlüssel zur guten Erziehung. Der «Spiegel» zitiert in einem Artikel über die wachsende Anzahl verhaltensauffälliger Kinder den Erziehungsexperten Jesper Juul mit der Aussage, dass «Verwahrlosung, Ignoranz und Desinteresse weniger Schaden in Kinderseelen anrichten als jener Narzissmus, der den Nachwuchs glücklich und erfolgreich sehen will».

So gut gemeint all diese Experten-Warnungen und Medienberichte auch sind, sie verunsichern Eltern zusätzlich. Man bekommt als Mutter und Vater zuweilen den Eindruck, dass man nur verlieren kann. Hält man den Nachwuchs zu lange zurück aus Angst, er sei noch nicht reif genug für mehr Selbstständigkeit, bremst man ihn unnötig. Traut man ihm jedoch zu früh zu viel zu, überfordert man ihn. Wie findet man also das richtige Mass in Sachen Sichkümmern und Behüten? Wann engt man das Kind ein, wann schenkt man ihm zu wenig Aufmerksamkeit?

Fragen, die man sich als Eltern immer wieder von neuem stellen muss. Denn so, wie sich das Kind entwickelt, entwickelt sich auch die Qualität und Intensität der elterlichen Betreuung. Während es etwa bei einem Neugeborenen selbstverständlich ist, es (fast) keinen Moment aus den Augen zu lassen, wäre ein solches Verhalten bei einem 4-jährigen Kind nicht mehr angebracht. Den richtigen Moment zu erwischen, in dem man das Kind ein weiteres Stückchen loslässt, ist aber gar nicht so einfach.

Mein Mann und ich verliessen uns in solchen Fragen bis jetzt vor allem aufs Bauchgefühl. Manchmal sind wir uns dabei einig, wie etwa vorige Woche, als unsere 5-Jährige allen Ernstes alleine zum Primarschulhaus radeln wollte, das doch ein ganzes Stück entfernt liegt. Und uns unglaublich gemein fand, als wir ihr das nicht erlaubten. Nicht selten aber zögert der eine, während der andere der Meinung ist, die Zeit sei reif für den nächsten Schritt. In der Regel setzt sich dann der Mutigere von uns durch. Das war bisher immer gut so.

Spannenderweise zögert mein Mann eher, wenn es um die Tochter geht. Ich hingegen dann, wenn unser Sohn etwas zum ersten Mal alleine bewerkstelligen will. Womöglich liegt es daran, dass er der Jüngste in der Familie ist. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass ich als Mutter gemeinsam mit ihm endgültig der Kleinkindphase entwachse. Und bei aller Freude darüber auch ein wenig Wehmut mitschwingt.

Denn mit jedem Schritt, den man die Kinder alleine machen lässt, macht man natürlich auch als Eltern einen Ablöseprozess durch. Mein (nicht mehr so) Kleiner und ich verlassen also nicht nur die Kleinkindphase gemeinsam, sondern lösen uns dabei auch ein klitzekleines Stückchen voneinander. Da ist es fast schon sinnbildlich, dass er jeweils zwar noch fröhlich neben mir her spaziert, dabei aber seit kurzem auf keinen Fall mehr meine Hand halten will: Wir gehen unseren Weg noch gemeinsam, bestimmt noch eine ganze Weile lang. Aber festhalten tu ich ihn nur noch auf den gefährlichen Passagen.

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