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Das stresst Eltern am meisten

Gabriela Braun am Sonntag, den 31. August 2014
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Überfordert und unter Druck: Vor allem Eltern von Kleinkindern und Jugendlichen fühlen sich so. (Foto: iStock)

Wenn das Kind trotzt, schreit und sich allem verweigert, empfinden Eltern oft Ohnmacht, Verzweiflung, allenfalls Wut. Unabhängig davon, ob es drei oder dreizehn Jahre alt ist.

Meist kommen Mütter und Väter ohne fremde Hilfe aus einer solchen Situation heraus. Eltern und Kind beruhigen sich und schaffen es, den Streit gemeinsam zu verarbeiten. Doch was tun, wenn man als Eltern nicht mehr weiterweiss? In einer solchen Situation bietet sich der Elternnotruf an, Tel. 0848 35 45 55. Die Beratungsstelle ist zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar, Anrufe sind kostenlos.

Britta Went ist eine von neun Beraterinnen, die im Schichtbetrieb für den Elternnotruf arbeiten. Sie berät bei Problemen in der Erziehung, bei Überforderung oder in akuten Situationen. Einer internen Statistik zufolge kontaktieren vor allem zwei Elterngruppen die Beratungsstelle: Mütter und Väter von Kleinkindern bis zu vier Jahren – sowie Eltern von Teenagern: «In diesen beiden Phasen stellen sich den Eltern besonders viele Herausforderungen», sagt die Beraterin.

Die folgenden Themen beschäftigen Eltern gemäss Britta Went besonders oft: 

  • Wut und Aggressionen. «Viele Eltern schämen sich deswegen. Sie getrauen sich nicht, mit ihrem Partner über Gedanken zu sprechen wie "Ich komme nicht mehr weiter" oder "Ich kann meine Kinder nicht ertragen". Es ist wichtig, dass sie es trotzdem tut. Erziehung ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Sich Rat zu holen, ist eine Stärke.»
  • Streit. «Das Wichtigste ist, aus der Eskalation herauszukommen. Wenn die Gemüter hochkochen, kommt eh nichts Gutes heraus. Auseinandersetzungen gehören dazu. Sie machen keinen Spass, aber sie sind nötig für die Entwicklung. Kann man den Streit klären, ist man einen Schritt weiter.»
  • Erschöpfung. «Vor allem Eltern mit mehreren kleinen Kindern sind oft am Rand der Erschöpfung. Wir suchen gemeinsam mit ihnen nach Lösungen. Kann der andere Elternteil mehr Aufgaben übernehmen, können Verwandte, Nachbarn oder allenfalls ein Sozialjahr-Praktikant helfen? Die Eltern müssen sich selbst gegenüber Verantwortung übernehmen.»
  • Grenzen ziehen. «Lassen Sie sich vom Kind nicht manipulieren. Sagen Sie auch mal Nein, das ist wichtig. Nehmen Sie sich kleine Auszeiten während des Alltags, auch als Eltern mit Kleinkindern. Lesen Sie Zeitung, gönnen Sie sich eine Mittagsruhe.»
  • Probleme mit Teenagern. «Jugendliche können sehr verletzend sein. Denken Sie daran: Wirkliche Wertschätzung muss man sich selbst geben. Machen Sie Dinge, die Ihnen persönlich gut tun. Anerkennen Sie, was gut läuft. Loben Sie den Jugendlichen auch, statt bloss Vorwürfe zu machen. Achten Sie darauf, die Beziehung zum Kind nicht zu verlieren.»
  • Überforderung. «Viele Eltern haben zu hohe Erwartungen an sich selbst, sind gestresst und verunsichert. Setzen Sie Prioritäten und schauen Sie, dass Sie zur Ruhe kommen. In ruhigen Momenten kann man sich in der Regel auf sein eigenes Gefühl verlassen.»

Went_WebsseiteBritta Went ist Pädagogin (lic. phil. I) und Mutter dreier Kinder. Sie wird heute ab 14 Uhr während einer Stunde auf Ihre Kommentare und Fragen reagieren.

Die Beratungsstelle hatte im letzten Jahr schweizweit rund 5000 Kontakte. Die Beraterinnen und Berater beantworteten knapp 4000 Anrufe, mehrere 100 Mails und berieten Eltern in Einzelsitzungen. Die Hälfte aller Anrufe und Mails geht abends oder an Wochenenden ein, pro Anruf nehmen sich die Angestellten im Schnitt 40 Minuten Zeit. Die Beratungsstelle gibt es seit 31 Jahren. Verein Elternnotruf, Spendenkonto: Postkonto: 80-32539-6 / IBAN ZKB: CH29 0070 0111 40101823 1


Die grosse Kindergarten-Krise

Jeanette Kuster am Freitag, den 29. August 2014
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«So, lass uns jetzt wieder nach Hause gehen»: Nicht selten haben Kinder in den ersten Wochen auch mal genug vom Kindergarten. Foto: Keystone

Der Tag hatte richtig gut begonnen: Alle waren einigermassen zügig abmarschbereit, mein Mann war gerade mit dem Kleinen in die Kita geradelt und ich wartete mit meiner Grossen auf die Nachbarsmädchen. Da legte meine Tochter ihre Tasche und den Chindsgibändel plötzlich in die Ecke und verkroch sich mit den Worten «Ich gehe heute nicht in den Kindergarten!» ins Bett.

Die erste Kindergartenwoche war absolut problemlos verlaufen, sie rannte jeden Morgen begeistert los und schien sich schon am zweiten Tag zu Hause zu fühlen in der neuen Umgebung. Und dann plötzlich dieser Sinneswandel.

Ich war völlig überrumpelt. Wenn Probleme auftauchen würden, so dachte ich, dann an den ersten zwei, drei Tagen. Aber doch nicht erst eine Woche später? Ich fragte sie nach den Gründen, ob etwas vorgefallen sei, von dem ich nichts wusste. Doch das einzige Problem schien zu sein, dass es ihr schlicht zu viel Kindergarten geworden war. «Ich will einfach wieder einmal zu Hause sein», sagte sie, «wieder einmal etwas mit dir machen und nicht immer in den Kindergarten gehen.»

Nach einem längeren Gespräch brachte ich sie schliesslich aus dem Bett und wir gingen gemeinsam los. Alles war gut, bis wir vor der Kindergarten-Tür standen und sie in Tränen ausbrach. Ich tröstete sie, so gut ich konnte, und gab ihr zum Abschied meinen kleinen Schutzengel in die Hand, damit sie mich den Tag hindurch ein Stück weit bei sich haben und sich beschützt fühlen würde. Dann musste ich sie schluchzend zurücklassen und es zerriss mir fast das Herz.

Ich fühlte mich machtlos, der Situation völlig ausgeliefert, als ich ihr den Rücken zukehrte und davonlief. Weil ich keine andere Möglichkeit hatte, als meine Tochter gegen ihren Willen dorthin zu bringen und sie traurig zurückzulassen. Und ich konnte sie nicht einmal damit trösten, dass sie dafür morgen zu Hause bleiben dürfe. Ob sie will oder nicht, sie muss am nächsten Tag wieder hingehen.

Völlig verspätet auf dem Weg zur Arbeit, schüttete ich meinen Freundinnen via Whatsapp mein Herz aus. Und ich war überrascht zu hören, dass solche Kindergarten-Krisen ein paar Wochen nach dem Start gar nicht so selten sind. Eine Mama erzählte mir, ihr Junge sei zuerst zwei Wochen lang strahlend aus dem Haus gegangen. Jetzt, in der dritten Woche, habe er plötzlich enorm Mühe. Eine andere hatte gestern fast genau das Gleiche erlebt wie ich, und bei der dritten gab es zwar keine aktive Chindsgi-Verweigerung, dafür lagen beide Kinder eine Woche nach Schulbeginn krank im Bett.

Es scheint, dass ganz vielen Kindern der neue Alltag erst nach ein, zwei Wochen so richtig bewusst wird und sie erst dann realisieren, dass sie nun jede Woche Montag bis Freitag das heimische Nest verlassen müssen. Vielleicht setzt auch plötzlich die grosse Erschöpfung ein, nachdem die erste Aufregung verflogen ist.

Die Kindergartenlehrerin sagte mir heute Morgen (als Erklärung und wohl auch zum Trost), dass die Kleinen in der Regel etwa sechs Wochen bräuchten, bis sie sich wirklich an den neuen Lebensabschnitt gewöhnt haben. Gut möglich also, dass wir bis zu den Herbstferien noch ein paar Mal mit solchen Anfangsschwierigkeiten zu kämpfen haben werden.

Deshalb bin ich heute besonders gespannt auf Ihre Kommentare: Haben Sie spezielle Tipps auf Lager, um solche emotionalen Durchhänger aufzufangen? Und wie geht es Ihrem Kind zwei, drei Wochen nach Schulbeginn? Hat es heute auch mehr Mühe als am ersten Tag?

Bloss keine Gymi-Panik!

Andrea Fischer Schulthess am Donnerstag, den 28. August 2014
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Nur ein Kind, das unbedingt aufs Gymnasium will, soll sich mit Zusatzaufgaben herumplagen müssen. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Da die Gemüter grad so schön erhitzt sind, wenn es um Akademikermütter geht, möchte ich die Abwärme nutzen und gleich noch in populistischen Worten ein anderes Anliegen loswerden: Stoppt die Verakademisierung der Gesellschaft!

Damit mich keiner falsch versteht: Bildung gilt auch mir als eines der allerwichtigsten Güter einer Gesellschaft. Dass ungebildete Gesellschaften sich selbst gefährlich werden, muss wohl keinem mehr erklärt werden. Schon gar nicht denjenigen, die daraus Kapital schlagen.

Aber es gibt eben nicht nur eine Art der Bildung, wie man manchmal glauben möchte, wenn im Herbst wieder die Gymiprüfungspanik ausbricht. Nicht überall, aber vielerorts wird fast die Hälfte der Schulklassen in Vorbereitungskurse fürs Gymnasium geschickt, oft sogar in mehr als einen. Und so leiden Horden von Kindern wieder bis zu den Sportferien unter Zusatzaufgaben, welche schon lange nicht mehr das Ziel haben, Primarschulstoff besser verständlich zu machen. Vielmehr wird neuer, zusätzlicher Stoff verlangt. Das bedeutet: Selbst ein sehr intelligenter und guter Schüler schafft die Gymiprüfung nicht, wenn er oder sie keinen Zusatzkurs besucht. Ausser seine Vornoten sind so hoch, dass er sich damit auf einen genügenden Schnitt hochstemmen kann.

Ich begreife, dass Eltern das Beste für ihre Kinder wollen. Das müssen wir ja auch. Aber ich bin nicht sicher, ob es das Beste für sie ist, wenn wir sie um jeden Preis ins Langzeitgymnasium drillen. Oder, so sie das nicht schaffen (schon die Formulierung spricht für sich), eben nach der zweiten oder dritten Sek oder dem Zusatzjahr ins Kurzzeitgymnasium. Dabei gibt es nur einen einzigen Grund, ein Kind ins Langzeitgymnasium zu schicken, ins Gymnasium überhaupt: wenn es das unbedingt will, weil es gerne zur Schule geht, gern lernt, gern liest und gern selbstständig und freiwillig zusätzliche Arbeiten erledigt. Oder weil es einen tief verwurzelten Berufswunsch hat, für den es alles tun würde und für dessen Erfüllung die Matura Voraussetzung ist.

Alle anderen Kinder sollen bitte weiterhin in Ruhe tanzen, Fussball spielen, malen, im Quartier mit Freunden rumhängen oder sonst wie möglichst lang Kind sein, statt sich täglich mindestens eine zusätzliche Stunde zum normalen Pensum abzuplagen. Sie haben deswegen keine schlechteren Chancen im Leben. Die Zeiten sind längst vorbei, als es nur ein einziges Treppchen nach oben gab. Im Gegenteil: Heute gibt es ein nahezu undurchschaubares Geflecht an Wegen, die ans Ziel führen. Vielen liegt die praktische Berufslehre zugrunde, die auf Wunsch mit Modulen bis zum Fachhochschulabschluss ausgebaut werden kann. Erfrischende Perspektiven in einer Gesellschaft, die wie jene um sie herum zu verakademisieren droht, wie auch Alt-Nationalrat Rudolf Strahm in seinem viel diskutierten Buch «Die Akademisierungsfalle» schreibt.

Natürlich brauchen wir Anwälte, Wirtschaftswissenschaftler und Psychologen, aber doch nicht zu Abertausenden – und viel anderes kommt einem Grossteil der Maturanden bei der Studienwahl nicht in den Sinn. In Italien beispielsweise nimmt die Zahl arbeitsloser Akademiker pro Jahr um 40 Prozent zu. Trotzdem fordert die Europäische Union in ihrer Strategie «Europa 2020», den Anteil der 30- bis 34-Jährigen mit Hochschulabschluss auf mindestens 40 Prozent zu erhöhen. Länder wie Frankreich und Spanien haben dieses Plansoll längst erfüllt. Und wir sind auch auf gutem Weg dazu. Weil auch Schweizer Eltern vermehrt auf Akademisierung setzen, sind in der Schweiz viele Lehrstellen frei, Tendenz steigend. Darum mein Plädoyer: Entspannen und nur jene Kids in den Gymikurs schicken, die das selber unbedingt wollen. Und wenns doch nicht klappt: Tee trinken und beraten lassen – zum Beispiel bei Job-shop.ch.

Viele Wege führen ins Glück – und das Gymi ist nicht zwingend einer davon.

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Grafik: Bundesamt für Statistik

 

Hilfe, mein Kind ist weg!

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 27. August 2014

Ein Papablog von Daniel Böniger*

Mamablog

Ich bin dann mal weg: Wenn die Kleinen sich unbemerkt davonmachen, durchleben ihre Eltern für einen Moment ihre schlimmsten Ängste. Foto: Keystone

Nur ganz kurz habe ich mich weggedreht, zwei Auberginen bei der Marktverkäuferin bestellt – und schon ist mein Sohn verschwunden. Er kennt sich ja schon gut aus auf dem Helvetiaplatz, wir sind jede Woche hier, also lasse ich meine noch unbezahlten Einkäufe einfach liegen, spurte als Erstes zum Veloanhänger, mit dem wir gekommen sind. Dort muss er sein.

Doch meine Vorstellung von einem gemütlichen Einkaufsbummel am Freitagmorgen zerplatzt wie eine Seifenblase: keine Spur vom Dreijährigen! Ich werde hektischer, renne durch die Gänge zwischen den Ständen. Blicke zum Restaurant Volkshaus. Sage einer Bekannten, die nahe der Langstrasse grad Fleisch einkauft, was der Bub anhat: ein rot-grau gestreiftes T-Shirt mit Blumenaufdruck. Ein Fotograf, von dem ich grad noch dachte, er sei ein ziemlicher Angeber mit seinen drei riesigen Kameras um den Hals, hat die Szene beobachtet – und erkundigt sich ebenfalls nach dem Signalement meines Sohns.

Da frage ich, dort frage ich. Renne vom Verwaltungsgebäude zur Stauffacherstrasse. Vom Käsestand zu den Fischverkäufern, vom Kartoffelbauern zu den Pflanzensetzlingen. Ich bin mit Sicherheit schon sieben-, achtmal über den ganzen Platz gerannt. Wo ist mein Junge? Hätte ich vielleicht beim Gemüsestand auf ihn warten sollen? Sucht er mich jetzt womöglich auch? Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich inzwischen schwitze. Und dass ich mich zu fragen beginne, wie ich meiner Frau dieses Missgeschick erklären soll. Wenn er dann auf irgendeinem Polizeiposten wieder auftaucht

Dann plötzlich sehe ich – den Mann mit den vielen Fotoapparaten um den Hals, der mir schmunzelnd zuwinkt. Er hat den Jungen entdeckt. Wo? Im Veloanhänger, in dem der kleine Bub sich so hingesetzt hat, dass man ihn von aussen nicht sehen kann. Er schaut mich an, lächelt und tut, als ob nichts gewesen wäre. Und mein Fotograf? Nie mehr werde ich so vorschnell Vorurteile zulassen, denke ich mir. Und bedanke mich beim Helden mit den Kameras mehrmals. Nehme meinen Sohn in den Arm. Nein, ich schimpfe nicht. Erkläre ihm, dass er es doch vorher sagen soll, wenn er sich langweile.

Doch das Beste daran: Niemand hat blöde Sprüche gemacht, von wegen Papas, die nicht auf ihre Kinder schauen können. (Was auch schon passiert ist, als der Bub noch ganz klein war und im Tram schrecklich weinen musste – es hiess «eine Mutter wüsste jetzt was tun …») Ganz im Gegenteil: Eine Frau im mittleren Alter erzählt mir spontan, wie sie mich beobachtet habe und ihr alles wieder hochgekommen sei. Auch sie habe mal ihr Kind verloren, vor vielen Jahren, sie wisse es noch genau – und es danach stets mit einem Armbändeli mit Telefonnummer gekennzeichnet. Nein, belehrend hat sie es bestimmt nicht gemeint.

Offenbar geschieht solches allen einmal, so weiss ich jetzt. Hoffentlich nur einmal.

*Daniel Böniger ist Teilzeit-Hausmann und Redaktor des «Tages-Anzeigers». Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Sympathie für Neinsager

Mamablog-Redaktion am Dienstag, den 26. August 2014

Ein Gastbeitrag von Martina Marti*

Mamablog

In dieser Situation ein NEIN!! zu vermeiden, dürfte äusserst schwierig sein. Foto: iStock

Kunterbunt türmen sich die Zvieri-Leckereien auf dem Loungetisch. Das jüngste Mitglied unserer fröhlichen Mutter/Kind-Runde – ein acht Monate alter Sonnenschein, der sich seit wenigen Tagen fortbewegen kann – robbt begeistert auf die Auslage zu, zieht sich hoch und krallt sich voller Elan eine Erdbeere. Seine Mutter erblickt den Früchtegrapscher in dieser Sekunde, brüllt laut «N-e-e-e-i-n!», vollzieht eine Hechtrolle, klaubt ihm die mittlerweile zerquetschte Köstlichkeit aus seinen Fingerchen und sagt: «Nein, nein, das darfst du nicht!» (Anmerkung: Der Kleine hat eine Erdbeerenunverträglichkeit – darum ihre Reaktion).

So weit, so gut. Was dann jedoch folgt, macht mich stutzig: «Ach Mensch, jetzt habe ich es schon wieder gesagt!», beschimpft sich die besagte Mutter selber. «Das Wort Nein sollte ich einfach streichen.» Und zu ihrem Nachwuchs gewandt: «Also, das ist nichts Gutes für dich. Nimm lieber das...» – und winkt verheissungsvoll mit einem Roggencracker.

Als jedes der sechs Kinder etwas Leckeres zwischen den Beisserchen hat, frage ich nach: «Wie war das? Wieso sollst du nicht Nein sagen?» Das habe sie aus dem Ratgeber «Wie sag ich’s meinem Kind», erklärt sie mir: «Kinder verstehen das Wort Nein nicht. Darum sollte man es meiden und andere Formulierungen verwenden. Aber ich tappe immer wieder in die Falle.» Meine Anschlussfrage, warum Kinder ein Nein nicht verstehen sollen, geht leider bereits wieder im Kinderlärm unter: Die Rasselbande hat den Zvieri beendet.

Das Thema lässt mich jedoch nicht los. Jede Theorie hat schliesslich meistens ihren guten Ansatz. Zumal das Buch hoch gelobt wird. Und so wage ich den Selbsttest. Meine Tochter: «Kann Anna heute bei uns übernachten?» Ich: «Ich fände es besser, du würdest alleine schlafen.» Sie: «Bitte! Ich möchte unbedingt!» Ich: «Unter der Woche ist das kein Thema.» Sie: «Aber wir bleiben auch sicher nicht lange wach, versprochen!» Ich: «Ich möchte wirklich nicht.» Sie: «Aber wieso...?» (Ab da kribbelts schon nervös in meiner Magengegend): «Nein! Ich möchte, dass du fit bist für die Schule. Plant das fürs Wochenende.» Ein kurzes Schnauben – Thema gegessen.

Ich zu meinem Sohn: «Eine halbe Stunde ist um, Game-Zeit beendet.» Er: «Nur noch fünf Minuten!» Ich: «Nnn... äh... die vereinbarte Zeit ist jetzt um.» Er: «Aber ich war noch auf der Toilette in der Zeit, darum darf ich jetzt etwas länger!» Ich: «Guter Versuch, bitte ausschalten.» Er mit Dackelblick: «Biiiiitte... können wir eine Lösung finden?» (Den Satz kenne ich doch!) Ich: «Ähh... nein! Ausschalten. Jetzt.» Das iPod-Display wird schwarz.

Ich suche auch nach einer positiven Herangehensweise für die Kinder. Und stelle mir folgendes Szenario auf dem Pausenplatz vor: «Komm, probier doch auch mal eine Zigarette!» – «Ich atme lieber frische Luft.» – «Ach komm jetzt, du Spiesser!» – «Ich bevorzuge wirklich andere Dinge.» – «Willst du nicht cool sein?» – «Ich möchte nicht.» – «Wieso denn nicht?» Und so weiter...

Irgendwie endet jedes Thema in einer uferlosen Diskussion – und das, obwohl mein Standpunkt von Anfang an klar war. Zumindest, nachdem der Nachwuchs mehr als nur «Dada» sagen kann. Mit den Kindern reden: Unbedingt! Erziehungsentscheide erklären: Auf jeden Fall! Aber wieso darf davor nicht schon ein klares Nein stehen?

So vertrete ich nach wie vor die Haltung: Nur wer klar Nein sagen kann, kann auch von Herzen Ja sagen. Und angesichts von diversen Selbstwertseminaren für Erwachsene, die das Neinsagen lernen müssen, bin ich überzeugt, meinen Kindern nichts Falsches vorzuleben. NEIN, das denke ich wirklich nicht.

Film: Der Ja-Sager (Trailer)

bild_martina_marti* Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, www.martinamarti.ch. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.

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