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Andrea Fischer am Dienstag den 18. Juni 2013

Mama zwischen Taksim-Platz und Alltag

Der heutige Mamablog ist ein Interview mit einer 45-jährigen türkischen Mutter, die gemeinsam mit ihrer Tochter die Proteste auf dem Taksim-Platz in Istanbul miterlebt hat. Aus Angst vor Repressalien möchte sie anonym bleiben.

Wie erklärt man seinem Kind, dass die Polizei auf der «falschen» Seite steht? Eine Frau protestiert am 16. Juni 2013 gegen die Räumung des Gezi-Parks in Istanbul. (Keystone/Burhan Ozbilici)

Was läuft in Istanbul im Moment? (Stand Montagmittag, 17. Juni 2013)

In den Tagen vor Samstag waren wir so zuversichtlich. Wir glaubten, wir hätten das Schlimmste überstanden und die Regierung halte sich nun an die Vereinbarung. Weil es so friedlich war, ging auch das normale Volk wieder in den Park. Viele von uns haben unsere Kinder mitgenommen. Auch ich war mit meiner neunjährigen Tochter Ende Woche dort. Ich wollte ihr zeigen, dass es möglich ist, mit friedlichen Mitteln gemeinsam etwas zu erreichen. Sie war sehr glücklich und es war ein unglaubliches Erlebnis für uns. Sie hat viele Fotos gemacht und einige ihrer Bücher für die Bibliothek im Park gespendet. Am Samstag kam dann plötzlich ohne Vorwarnung die Aufforderung der Polizei, den Park innert 20 Minuten zu räumen. Wir hatten Glück und waren gerade nicht dort. Aber viele befreundete Familien wurden getroffen, sogar Alte und Kinder wurden verletzt! Wir sind sehr besorgt.

Wie erlebst du inmitten dieser dramatischen Ereignisse den Alltag mit einem Kind? Kann deine Tochter noch draussen spielen und zur Schule gehen?

Wir leben nicht in der unmittelbaren Nähe des Taksim-Platzes. Daher kann meine Tochter grundsätzlich normal aus dem Haus. Aber in ganz Istanbul hat sich die Situation sehr verschärft und die Gewaltbereitschaft der Polizei ist überall zu spüren.

Hast du Angst um euch und um dein Kind?

Ja, Angst haben wir. Alles ist im Moment sehr unberechenbar. Aber wir müssen trotzdem weitermachen. Es ist wichtig. Wir sind jedoch vorsichtig, und achten auch darauf, was wir auf Facebook stellen. Zurzeit herrscht hier ein sehr raues Klima: Sogar 14-jährige Schüler wurden mit Tränengas angegriffen!

Wie erklärst du das alles deiner Tochter?

Ich sage ihr unzimperlich alles, was abläuft. Sie soll Bescheid wissen.

Wie reagiert sie darauf?

Sie hat gefragt, ob Erdogan der einzige Präsident sei, den wir hätten oder ob man einen anderen nehmen könne. Zudem ist sie sehr verwirrt, was denn nun die Aufgabe einer Polizei ist: Einerseits soll sie helfen und andererseits greift sie harmlose Leute an.

Befürchtest du einen Bürgerkrieg?

Nein. Ich bin zuversichtlich. Grundsätzlich sind wir nur gegen die Regierung, das Volk kämpft nicht gegeneinander. Im Gegenteil. Auch wenn wir ein Land mit Menschen unterschiedlichster Herkunft und Hintergründesind, wollen wir alle dasselbe: in Ruhe und Frieden leben, ohne dass jemand über uns bestimmt. Wir haben alle genug von Unruhen und Gewalt.

Wie steht es um die Versorgung der Verletzten?

Ärzte und Pflegepersonal haben die Weisung, sich nicht um Verletzte zu kümmern. Wer es dennoch tut, wird verhaftet. Wie viele andere, sind daher auch zwei Ärzte aus meiner Familie dabei, heimlich Pflegezentren einzurichten.

Möchtest du mit deiner Tochter vor den Unruhen flüchten?

Am 30. Mai, am Tag bevor alles angefangen hat, hatte ich eine Arbeitssitzung. Dabei habe ich unter anderem gesagt, dass ich mit dem Gedanken spiele, das Land mit meiner Tochter zu verlassen, damit sie nicht unter dieser konservativen Regierung aufwachsen muss. Ich hatte wirklich genug davon. Aber jetzt, nachdem ich die Solidarität und die Bereitschaft zum friedlichen Zusammenleben der unterschiedlichsten Menschen auf dem Taksim-Platz erlebt habe, möchte ich gemeinsam mit meiner Tochter unbedingt hier bleiben.

Jeanette Kuster am Sonntag den 16. Juni 2013

Mädchen bleib in deinem pinken Gärtchen


Werfen Sie mal einen Blick in die Spielecke Ihres Kindes: Erkennt man sofort, ob dort ein Mädchen oder ein Junge spielt? In den meisten Fällen lautet die Antwort wohl Ja. Würden Sie denselben Blick in Ihr früheres Kinderzimmer werfen, sähe das ganz anders aus.

Elizabeth Sweet, Doktorandin an der University of California, ging der Frage nach, wie sehr Kinderspielzeug und die Werbung dafür aufs Geschlecht ausgerichtet ist. Und hat herausgefunden, dass Spielzeug-Werbung Mitte der Siebziger, zur Blütezeit des Feminismus, mehrheitlich geschlechtsneutral daherkam, ja dass die Geschlechter-Stereotypen teilweise sogar bewusst vertauscht wurden. Sprich: Mädchen spielten Flugkapitän, Jungs standen in der Spielküche. «Die Trennung in Jungs-Spielzeug und Mädchen-Spielzeug schien damals zu verschwinden», schreibt Sweet in der «NYTimes», «aber schon 1995 befanden wir uns wieder auf dem Level der Fünzigerjahre und heute ist die Geschlechterunterscheidung noch extremer.» Ja es sei mittlerweile unglaublich schwierig geworden, überhaupt noch ein Spielzeug zu finden, das nicht (explizit oder unterschwellig) auf ein Geschlecht gepolt sei.

Das geht vielen Eltern zu weit. Und so ist in England eine Bewegung namens «Let Toys Be Toys» (LTBT) entstanden, die die Anbieter dazu bringen will, «Spielsachen nicht mehr mit den Labels ‹Für Mädchen› oder ‹Für Jungs› zu versehen und dadurch die Interessen der Kinder künstlich einzuschränken». Denn Spielsachen seien da, um Spass zu haben, etwas zu lernen, die Fantasie und Kreativität anzuregen. Das Kind soll deshalb mit dem Spielzeug spielen können, das ihm am meisten zusagt und nicht mit dem, das angeblich am besten zu seinem Geschlecht passt.

Nach wenigen Monaten hat LTBT bereits erreicht, dass grosse Ladenketten nicht nur reagiert, sondern tatsächlich etwas verändert haben. So hat Boots versprochen, seine Verkaufsregale künftig nicht mehr mit «Boys» und «Girls» anzuschreiben – und Asda hat diese Unterteilung in seinem Onlineshop sogar bereits aufgehoben. Tesco wiederum hat auf seiner Website öffentlich zugegeben, dass ein verkauftes Chemie-Set nicht als «Jungsspielzeug» hätte angeschrieben werden dürfen. Und Marks&Spencer hat angekündigt, seine (bisher geschlechtsspezifisch ausgerichtete) Spielzeugwerbung rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft zu überarbeiten.

Nun mag man einwenden, dass es Aufgabe der Eltern, nicht der Spielzeugläden ist, diese Stereotypen zu durchbrechen und den Kindern klarzumachen, dass sie spielen dürfen, womit sie möchten. Das stimmt natürlich. Doch ganz so einfach ist es eben nicht.

Im Spielzeugarsenal unserer Tochter zum Beispiel befinden sich Puppen und ein pinkes Little Pony ebenso wie ein Holzzug und ein Werkzeugset. Wir haben sie also spielzeugtechnisch geschlechtsneutral erzogen. Und trotzdem erklärt sie ihrem jüngeren Bruder heute gelegentlich, dass der pinke Puppenwagen «im Fall nöd für Buebe» sei – weil sie das irgendwo ausserhalb der Familie so mitbekommen hat.

Und nachdem meine Kleine auf ihrem neuen, himmelblauen Fahrrad ganz zufrieden ein paar Runden durchs Quartier gedreht hatte, fragte sie mich plötzlich nachdenklich, ob sie wirklich ein Jungs-Velo habe – weil ihr ein Mädchen gesagt hatte, Blau sei eine Buben-Farbe.

Wobei die Reaktionen im Falle der Mädchen in der Regel zurückhaltend ausfallen. Ganz anders bei Jungs, die mit «Mädchensachen» spielen. Die werden von den anderen Kindern schon mal ausgelacht und sogar mancher moderne Mann reagiert irritiert, wenn sein Junge mit Puppen spielt – obwohl die Väter selber den Kleinen genau diese Rolle heute aktiver und selbstbewusster als je zuvor vorleben.

Wir mögen als Gesellschaft mittlerweile also ein ganzes Stück vorwärts gekommen sein in Sachen Gleichberechtigung, in vielen Hinterköpfen sind die alten Bilder trotzdem noch verankert. Und scheinen besonders gerne auf die spielerische (und deswegen vermeintlich harmlose) Art ausgelebt zu werden – eben im Spiel mit beziehungsweise beim Spielzeugkauf für die Kleinen. Dort wird es einem eben auch besonders einfach gemacht mit all den pink-rosa Prinzessinnen-Utensilien für Girls und den militärgrünen Abenteuersets für Boys. Doch genau so geben wir die überholten Geschlechter-Stereotypen an die nächste Generation weiter, anstatt sie endgültig auszurotten. Und das wollen wir unseren Kindern doch nicht wirklich antun, oder?

Andrea Fischer am Freitag den 14. Juni 2013

Wenn Deutsch eine Fremdsprache ist

Eine Carte Blanche von Muriel Masciave (19)*.

Es braucht mehr Schulmaterial, das auf die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler mit fremder Muttersprache angepasst werden kann: Ein Junge besucht in Basel den Deutschunterricht, 30. März 2004. (Keystone/Monika Flückiger)

Rund 1000 Schüler und Schülerinnen ohne oder mit nur wenigen Deutschkenntnissen treten pro Jahr in die Zürcher Volksschule ein. Dies entspricht etwa einem Drittel aller schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen. Kinder, für welche die Erstsprache nicht Deutsch ist, brauchen unter guten Bedingungen rund fünf bis sechs Jahre, um die Deutschkompetenz eines gleichaltrigen Kindes zu erlangen. Gute Bedingungen bedeuten in diesem Fall unter anderem, dass die Kinder in nicht allzu grossen Gruppen arbeiten und dass in der Schule eine intensive Betreuung gewährleistet ist.

Da der Leitgedanke der Zürcher Volksschule ist, allen Kindern unabhängig von Alter, Geschlecht und Herkunft die gleichen Chancen zu bieten, muss die Schule die elfjährige Schulzeit optimal nutzen und einen qualitativ hoch stehenden DaZ-Unterricht anbieten (DaZ steht für «Deutsch als Zweitsprache»). Dieser DaZ-Unterricht soll den Kindern helfen, dem regulären Unterricht zu folgen und so Anschluss an die Regelklassen zu finden. Dabei sollen die Lehrpersonen möglichst gut unterstützt werden. Aus diesem Grund erarbeitet das Schulamt derzeit einen so genannten DaZ-Schlüsselbund. Er stellt Lehrpersonen mit Schülern, für die Deutsch eigentlich eine Fremdsprache ist, spezielles Unterrichtsmaterial zur Verfügung, mit dem sie die Schüler und Schülerinnen begleiten und fördern können. Im Rahmen meines Praktikums an der Handelsmittelschule arbeite ich bei diesem Projekt mit.

Seit ich letzten Winter im Schulhaus Auzelg in Zürich eine DaZ-Schulstunde mit fremdsprachigen Kindern besuchten durfte, kann ich mir auch selber viel mehr unter diesem «Deutsch als Zweitsprache» vorstellen. Ich habe dort auch mitbekommen, aus welch schwierigen Verhältnissen diese Kinder manchmal kommen. Es können sogar Kriegsflüchtlinge darunter sein. Bei diesen Kindern sind die Integration und das Lernen der deutschen Sprache noch viel problematischer, da sie traumatisiert sind von all den schlimmen Dingen, die sie schon erlebt haben.

Bei den ausländischen Kindern können die Eltern meistens kaum Deutsch und müssen ausserdem den ganzen Tag arbeiten, um die Familie zu ernähren. Gerade weil die Eltern nicht Deutsch sprechen und den Kindern nicht bei den Hausaufgaben und der Prüfungsvorbereitung helfen können, finde ich es sehr wichtig, dass die Schüler und Schülerinnen in der Schule die nötige Betreuung und Förderung erhalten.

Damit den Lehrpersonen das einfacher gelingt, bietet der DaZ-Schlüssel eine neue Art von Material, die im Baukastenprinzip aufgebaut ist. Das heisst, dass die Lehrpersonen die von uns zur Verfügung gestellten Materialien entweder so nutzen können, wie sie von uns vorgegeben sind, oder sie individuell auf ein Kind anpassen, erweitern oder verändern können, weil ja eben die Kinder ganz unterschiedliche Hintergründe haben.

Konkret gehören zum DaZ-Schlüsselbund diverse ausgedruckte Materialien wie z. B. Karteikarten, mit denen die Kinder die wichtigsten im Grundwortschatz enthaltenen Wörter lernen können. Ein meiner Meinung nach sehr wichtiger Bestandteil der Materialien ist auch ein grosses Wimmelbild. Auf diesem sind fünf verschiedene Szenen abgebildet. Mit dem Wimmelbild rückt das Lernen in den Hintergrund, da es sehr farbig ist und Spass macht – so lernen die Kinder spielend.

Zwar sind schon jetzt einige Lehrmittel für den Deutsch als Zweitsprache-Unterricht auf dem Markt. Jedoch denke ich, dass ein Unterrichtsmaterial wie der DaZ-Schlüsselbund noch fehlt, da die Materialien individuell anpassbar sind und auf das einzelne Kind zugeschnitten werden können.

Ich bin auf jeden Fall sehr stolz, in einem Projekt mitzuwirken, welches ein im Moment so wichtiges Thema aufgreift. Ausserdem finde ich es sehr innovativ von der Stadt Zürich, dass sie ein Projekt finanziert, das vielen Kindern und Jugendlichen helfen soll, Deutsch zu lernen, dabei Spass zu haben und so bei der Integration in die Regelklasse von grossem Nutzen ist. Und ich hoffe, dass der DaZ-Schlüsselbund auch die Lehrpersonen in ihrem Auftrag einen qualitativ hochstehenden Unterricht anzubieten, unterstützen wird.

mbMM*Muriel Masciave macht ein Praktikum beim Schulamt der Stadt Zürich.

Mamablog-Redaktion am Donnerstag den 13. Juni 2013

Meine Frau hatte eine Fehlgeburt

Ein Gastblog von Reto Schmid*.

Fehlgeburten sind ein traumatisches Erlebnis: Gräber für Fehlgeburten in einem Dubliner Friedhof. (Foto: Flickr/infomatique)

Meine Frau kam damals im Januar 2012 ganz leise ans Bett, weckte mich auf und sagte mir mit einem Lächeln auf dem Gesicht, dass wir in neun Monaten zum zweiten Mal Eltern werden würden. Die Freude war natürlich riesig! Dieses Mal hatte es sogar beim ersten Versuch geklappt. Unser kleiner Sohn und unsere besten Freunde bekamen die Nachricht als erste mitgeteilt und freuten sich natürlich dementsprechend. Trotzdem lautete die Devise «Bitte nicht weitersagen!». Man weiss ja nie.

Die Schwangerschaft an sich verlief  problemlos, ohne die üblichen Beschwerden. Laut der Frauenärztin war es ausreichend, die erste Kontrolle in der 12. Woche zu machen. Einen Tag vor diesem Termin wachte meine Frau morgens auf, ging ins Bad und schrie plötzlich los. Innert Sekunden stand ich neben ihr. Die Toilettenschüssel war vollgespritzt mit Blut. Ich konnte die Situation erst gar nicht erfassen. Meine Gedanken rasten. Geht es dem Kind gut? Kann ein Kind in der 12. Woche überleben? Die aber mit Abstand schlimmste Frage war – und das verfolgt mich heute noch – ist das Kind bereits rausgekommen und schwimmt jetzt in der Toilettenschüssel?

Ich packte meine Frau ins Auto und fuhr mit ihr und unserem kleinen Sohn in die Notaufnahme, wo ich nur noch auf die blutgetränkte Hose zeigen musste, worauf wir innert Minuten abgeholt wurden. Meine Frau wurde erstmal gründlich untersucht und ich bin während dieser Zeit mit meinem Sohn auf den Flur rausgegangen und sass dort geistesabwesend auf dem Boden vor ihrem Zimmer. In dieser Zeit rief ich auch meinen Vater an, dass er den Kleinen abholen kommen soll. Wir seien im Spital. Wir hätten wahrscheinlich eine Fehlgeburt.

Gedenkstätte für Fehlgeburten

Nachdem mein Vater den Kleinen abgeholt hatte, ging ich dann wieder zurück ins Zimmer. Meine Frau sass im Bett und weinte. Die Ärztin klärte mich dann direkt auf, dass sie leider keine Schwangerschaft mehr feststellen konnte. Peng! Wie jetzt? War sie etwa gar nie schwanger gewesen? Das war damit natürlich nicht gemeint, ganz im Gegenteil. Sie erläuterte mir dann, dass aufgrund der Hormone im Blut das Kind wohl nachweislich bis vor wenigen Stunden noch gelebt haben musste und erst vor kurzem «abgestorben» wäre. Warum sagt man bei Ungeborenen eigentlich abgestorben und nicht gestorben?

Ich versuchte in diesem Moment dann einfach, für meine Frau da zu sein. Ich selbst war noch zu keiner Gefühlsregung im Stande. Die Ärztin erklärte mir dann noch, wie sie normalerweise in einem solchen Fall verfahren würden und dass sie die Asche der Überreste von Fehlgeburten bei einer kleinen Gedenkstätte aufbewahren und so den Eltern einen Ort zum Abschied geben wollten. Zu diesem Zeitpunkt begriff ich zum ersten Mal, dass ein kleines, ungeborenes Kind gestorben war. Unser Kind.

Die weiteren Stunden bestanden dann aus der Benachrichtigung von Götti und Gotti und meiner Mutter sowie der Durchführung der sogenannten «Ausschabung», um alles noch vorhandene tote Gewebe aus der Gebärmutter herauszubekommen und Entzündungen zu verhindern. Irgendwann um 23 Uhr durften wir dann nach Hause und schliefen beide überraschend schnell ein. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war meine Frau bereits im Wohnzimmer. Ich kam die Treppe herunter und sah, wie sie mit dem Schwangerschafts- Tagebuch da stand. Tränen in den Augen. Sie hatte ein kleines Bild in das Tagebuch geklebt, ein verwelkter Löwenzahn in Schwarzweiss und oben das Datum und den Namen «Sternli». In diesem Moment sind wir beide weinend zusammengebrochen.

Fehlgeburten sind ein Tabuthema

In den folgenden Tagen gab es viele Beileidsbekundungen und doch haben wir eines ganz stark gemerkt: Fehlgeburten sind in unserer Gesellschaft ein absolutes Tabuthema. Darüber spricht man nicht. So haben wir erst nach diesem Erlebnis von diversen Bekannten und Freunden erfahren, dass auch sie Fehlgeburten hatten, teilweise mehrere hintereinander. Aus diesem Grund sind wir der Meinung, dass man sehr viel offener über dieses Thema sprechen muss und eventuell auch die Nachbetreuung zum Thema machen sollte. Insbesondere auch deshalb, da eine solche Fehlgeburt doch ein sehr einschneidendes und unter Umständen sogar äusserst traumatisierendes Erlebnis darstellen kann und bei weitem nicht alle gleich gut damit klarkommen.

«Sternli» war 12 Wochen in Mama’s Bauch, bevor es uns am 10. März 2012 verlassen hat. Ende März 2013 hat dann unser zweiter Sohn Thiago das Licht der Welt erblickt. Er wurde von derselben Ärztin entbunden, die uns damals an diesem schicksalshaften Tag beigestanden hatte.

mb*Reto Schmid wohnt mit seiner Frau und den beiden Söhnen in Mellingen.

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 12. Juni 2013

Die weibliche Definitionsmacht

Ein Gastblog von Walter Hollstein*.

Viele männliche Problemfelder, etwa Armut, werden zu wenig thematisiert: Ein alter Mann sucht in Spanien in einem Abfalleimer nach Verwertbarem, 8. Juni 2013. (AP/Andres Kudacki)

Seit dem Feminismus in den Siebzigerjahren steht der Mann in der Kritik von Frauen. Dabei werden von Frauen Forderungen an den Mann gestellt, neue Männerbilder entworfen und die Erwartungen der Frauen an den Mann beschrieben. Der Mann selber als soziale Wirklichkeit kommt dabei nicht vor, ebenso wenig wie seine Bedürfnisse und Wünsche.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Vorlesungsreihe «Der Mann», die soeben an der Universität Zürich zu Ende gegangen ist. Ausschliesslich Frauen haben diese Veranstaltungen konzipiert; die meisten Referentinnen waren Frauen; die wegweisende Abschlussdiskussion «Wann ist ein Mann ein Mann» wurde von einer Feministin geleitet. Ganz einfach und bescheiden stellt sich die Frage, wie es wohl aufgenommen worden wäre, wenn eine Gruppe von Männern sich erdreistet hätten, einen vergleichbaren Anlass zu offerieren, bei dem sie sich ausgiebig über Frauen ausgelassen und deren Zukunft definiert hätten. Die Antwort erübrigt sich in diesem Falle.

Das zweite Ärgernis betrifft die Einseitigkeit der Themen. Männliche Problemfelder – wie sie die empirischen Sozialwissenschaften schon seit langem ausgewiesen haben – wurden in der gesamten Vorlesungsreihe nicht einmal peripher angesprochen. Nennen wir einige Beispiele: die – im Vergleich zu Frauen – höhere Sterblichkeit und schlechtere Gesundheit, die fast viermal höhere Suizidquote, die seit Jahren höhere Arbeitslosigkeit, der strukturelle Tatbestand, dass klassische Männerberufe immer mehr erodieren und die damit verbundenen Identitätsprobleme für Männer, die Entstehung eines männlichen Prekariats, die gravierenden Probleme nach Trennung und Scheidung, Ungerechtigkeiten im Rechts- und Sozialsystem, die Ignoranz der Geschlechterpolitik gegenüber Männern, Förderungsmassnahmen, die sich exklusiv an Frauen und Mädchen richten, und nicht zuletzt: die zunehmenden und inzwischen stellenweise dramatischen Schwierigkeiten mit dem eigenen Rollenbild.

Nichts davon, nicht einmal ansatzweise, in dieser Vorlesungsreihe. Kein Wunder. Auf die Frage von Michèle Binswanger, ob der Mann «heute das benachteiligte Geschlecht sei», reagiert die Initiantin der Veranstaltung, Brigitte Liebig in einem Interview auf Tagesanzeiger.ch, eindeutig und harsch: «In keiner Weise.» Sicher wäre es Unfug, Männer nun universal als das benachteiligte Geschlecht zu bezeichnen; doch der Benachteiligungen gibt es mittlerweile genug – so wie es auch auf Frauenseite spezifische Benachteiligungen gibt. Solches überhaupt nicht einmal in den Blick zu nehmen, ist ein Verstoss gegen die einfachsten Gesetze der Wissenschaftlichkeit. Doris Bischof-Köhler, die lange in Zürich doziert hat, hat dazu an anderer Stelle festgestellt: «Wenn man als empirische Wissenschaftlerin sozialisiert ist, hat man gelernt, Spekulationen nicht für bare Münze zu nehmen, nur weil sie originell klingen. Man bemüht sich, das Regulativ der empirischen Kontrolle zu respektieren, auch wenn es den Erwartungen widerspricht. Die Genderbewegung hat, soweit ich erkennen kann, kein Interesse an Objektivität. Hier scheint ein konstruktivistisches Weltbild vorzuherrschen, demzufolge so etwas wie eine objektive Wirklichkeit, die es zu erforschen gilt, nicht existiert.»

Das wird bei der monierten Vorlesungsreihe noch dadurch verschlimmert, dass dem Ganzen von vornherein ein feministisches Korsett übergestülpt wird. In diesem Sinne wird das Eingangsreferat vom amerikanischen Soziologen Michael Kimmel gehalten, der sich ja schon immer als Feminist verstanden hat und gerade einen feministischen Ratgeber für Männer geschrieben hat. Auf die Frage von Michèle Binswanger an dieser Stelle, was man sich unter Männerforschung eigentlich vorzustellen habe, antwortet die Initiantin der Vorlesungsreihe: «Leitend ist hier das Konzept einer hegemonialen Männlichkeit, wie sie die Männerforscherin Raewyn Connell beschreibt.» Das ist entweder unsinnig oder bösartig oder beides. Männerforschung ist die Analyse der historisch gewachsenen Lebensbedingungen von Männern. «Hegemoniale Männlichkeit» ist hingegen ein feministisches Konstrukt, das empirisch niemals belegt wurde. Es sei noch hinzugefügt, dass «die Männerforscherin Connell» bis vor kurzem ein Männerforscher war und sich dann für das andere Geschlecht entschieden hat. Ein im Übrigen durchaus konsequenter Schritt, nachdem sie über Jahrzehnte Männerablehnung gepredigt hatte.

Zurück zum Grundsätzlichen. In einem Kommentar zu einem Artikel von Bettina Weber war auf Tagesanzeiger.ch zu lesen: «Genau besehen ist es doch unverschämt, dass sich Frauen die alleinige Deutungshoheit in Geschlechterfragen – und insbesondere in der Klassierung des Mannes – herausnehmen. Oder lasen Sie schon einmal einen Artikel aus der Feder eines Mannes, der sich in gleich infamer Weise über Frauen auslässt, wie dieser hier sich über den Mann?»

Wo er Recht hat, hat er Recht.

*Em. Prof. für politische Soziologie, u. a. Gutachter des Europarates für Männerfragen, Autor von «Was vom Manne übrig blieb» (2o12).

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