Der heutige Mamablog ist ein Interview mit einer 45-jährigen türkischen Mutter, die gemeinsam mit ihrer Tochter die Proteste auf dem Taksim-Platz in Istanbul miterlebt hat. Aus Angst vor Repressalien möchte sie anonym bleiben.

Wie erklärt man seinem Kind, dass die Polizei auf der «falschen» Seite steht? Eine Frau protestiert am 16. Juni 2013 gegen die Räumung des Gezi-Parks in Istanbul. (Keystone/Burhan Ozbilici)
Was läuft in Istanbul im Moment? (Stand Montagmittag, 17. Juni 2013)
In den Tagen vor Samstag waren wir so zuversichtlich. Wir glaubten, wir hätten das Schlimmste überstanden und die Regierung halte sich nun an die Vereinbarung. Weil es so friedlich war, ging auch das normale Volk wieder in den Park. Viele von uns haben unsere Kinder mitgenommen. Auch ich war mit meiner neunjährigen Tochter Ende Woche dort. Ich wollte ihr zeigen, dass es möglich ist, mit friedlichen Mitteln gemeinsam etwas zu erreichen. Sie war sehr glücklich und es war ein unglaubliches Erlebnis für uns. Sie hat viele Fotos gemacht und einige ihrer Bücher für die Bibliothek im Park gespendet. Am Samstag kam dann plötzlich ohne Vorwarnung die Aufforderung der Polizei, den Park innert 20 Minuten zu räumen. Wir hatten Glück und waren gerade nicht dort. Aber viele befreundete Familien wurden getroffen, sogar Alte und Kinder wurden verletzt! Wir sind sehr besorgt.
Wie erlebst du inmitten dieser dramatischen Ereignisse den Alltag mit einem Kind? Kann deine Tochter noch draussen spielen und zur Schule gehen?
Wir leben nicht in der unmittelbaren Nähe des Taksim-Platzes. Daher kann meine Tochter grundsätzlich normal aus dem Haus. Aber in ganz Istanbul hat sich die Situation sehr verschärft und die Gewaltbereitschaft der Polizei ist überall zu spüren.
Hast du Angst um euch und um dein Kind?
Ja, Angst haben wir. Alles ist im Moment sehr unberechenbar. Aber wir müssen trotzdem weitermachen. Es ist wichtig. Wir sind jedoch vorsichtig, und achten auch darauf, was wir auf Facebook stellen. Zurzeit herrscht hier ein sehr raues Klima: Sogar 14-jährige Schüler wurden mit Tränengas angegriffen!
Wie erklärst du das alles deiner Tochter?
Ich sage ihr unzimperlich alles, was abläuft. Sie soll Bescheid wissen.
Wie reagiert sie darauf?
Sie hat gefragt, ob Erdogan der einzige Präsident sei, den wir hätten oder ob man einen anderen nehmen könne. Zudem ist sie sehr verwirrt, was denn nun die Aufgabe einer Polizei ist: Einerseits soll sie helfen und andererseits greift sie harmlose Leute an.
Befürchtest du einen Bürgerkrieg?
Nein. Ich bin zuversichtlich. Grundsätzlich sind wir nur gegen die Regierung, das Volk kämpft nicht gegeneinander. Im Gegenteil. Auch wenn wir ein Land mit Menschen unterschiedlichster Herkunft und Hintergründesind, wollen wir alle dasselbe: in Ruhe und Frieden leben, ohne dass jemand über uns bestimmt. Wir haben alle genug von Unruhen und Gewalt.
Wie steht es um die Versorgung der Verletzten?
Ärzte und Pflegepersonal haben die Weisung, sich nicht um Verletzte zu kümmern. Wer es dennoch tut, wird verhaftet. Wie viele andere, sind daher auch zwei Ärzte aus meiner Familie dabei, heimlich Pflegezentren einzurichten.
Möchtest du mit deiner Tochter vor den Unruhen flüchten?
Am 30. Mai, am Tag bevor alles angefangen hat, hatte ich eine Arbeitssitzung. Dabei habe ich unter anderem gesagt, dass ich mit dem Gedanken spiele, das Land mit meiner Tochter zu verlassen, damit sie nicht unter dieser konservativen Regierung aufwachsen muss. Ich hatte wirklich genug davon. Aber jetzt, nachdem ich die Solidarität und die Bereitschaft zum friedlichen Zusammenleben der unterschiedlichsten Menschen auf dem Taksim-Platz erlebt habe, möchte ich gemeinsam mit meiner Tochter unbedingt hier bleiben.




*Muriel Masciave macht ein Praktikum beim Schulamt der Stadt Zürich.
*Reto Schmid wohnt mit seiner Frau und den beiden Söhnen in Mellingen.
*Em. Prof. für politische Soziologie, u. a. Gutachter des Europarates für Männerfragen, Autor von «Was vom Manne übrig blieb» (2o12).
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich. 





































































