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«In der Schweiz sind Kinder Randfiguren»

Mamablog-Redaktion am Montag, den 2. März 2015

Ein Gastbeitrag von Joëlle Weil*

Akzeptiert oder erwünscht? Kinder im Spielraum im Reka-Feriendorf Urnäsch. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Akzeptiert oder erwünscht? Kinder im Reka-Feriendorf Urnäsch. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die Zürcherin Caro lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern (9 und 6) in Israel. Ein Land, das punkto Kinder vieles anders macht. Die letzten zwei Jahre hat sie in der Schweiz verbracht und zieht nun ein Fazit.

Es ist Nachmittag, das Café ist voll, die Mutter sitzt vor ihrem Salat, ihr Kind auf dem Schoss. «Soll ich dir dein Kind abnehmen? Dann kannst du essen.» Die Mutter übergibt der Fremden ihr Kleines und isst. Alltag in Tel Aviv.

Es ist Abend. Im Restaurant spielen Kinder am Boden. Sie sind etwas laut, lachen, schreien. Die Leute am Nebentisch schauen zu den Kindern und lächeln. «Wie alt sind sie?» – «Neun und sechs Jahre alt.» – «Süss.» Alltag in Tel Aviv.

Dies sind nur zwei Szenarien, aber zwei, die den wesentlichen Unterschied im Umgang mit Kindern in Israel zur Schweiz beschreiben. Und vor allem sind es Szenarien, die Caro Apter-Barkan (41) schätzen lassen, als Schweizerin in Israel Mutter sein zu dürfen.

«In der Schweiz sind Kinder Randfiguren der Gesellschaft. In Israel sind sie ein Teil davon», sagt sie. Caro ist in Zürich aufgewachsen. Mit 23 Jahren hat sie sich entschieden, nach Israel auszuwandern, wo sie ihren Mann kennen gelernt und ihre Kinder geboren hat. Vor zwei Jahren zog sie aus beruflichen Gründen mit der Familie zurück in die Schweiz, in wenigen Monaten wird sie wieder nach Tel Aviv zurückkehren. «Nach zwei Jahren in der Schweiz finde ich den Umgang mit Kindern in meiner alten Heimat mehr als befremdend», sagt sie. «In der Schweiz ist ein Kind nicht sozialtauglich. Aber in Israel erlebt man es als Bereicherung und freut sich, wenn es da ist.»

Caro Apter und ihre Familie. Foto: zVg

Muttersein als Lebensziel: Caro Apter und ihre Familie. Foto: zvg

Caro kennt die Schweiz und ihre Kultur. Aber sie ist kein Teil mehr davon. Ihre Kinder wurden beide über ein Jahr lang gestillt. Ein kontroverses Thema. «Es ist hier etwas sehr Ungewöhnliches, sein Kind länger als 10 Monate lang zu stillen.» Caro kennt die Blicke, wenn sie von ihrem Stillverhalten berichtet. In der Öffentlichkeit stillen? Über solche Sachen hat sie sich in Tel Aviv nie Gedanken gemacht. In Israel sehe man stillende Mütter an jeder Ecke. Es sei das Normalste der Welt.

Wenn Caro zurückdenkt, dann erinnert sie sich, immer Kinder gehabt haben zu wollen. Muttersein als Lebensziel. Eine Familie als oberste Priorität. Als unemanzipiert oder altmodisch würde sie sich aber nicht bezeichnen. «In Israel wollen praktisch alle Frauen Mutter werden. Das wird auch offen kommuniziert und ist eigentlich ein legitimes und erstrebenswertes Ziel.» Man überlege nicht jahrelang, inwiefern ein Kind die Lebensplanung behindere, im Gegenteil: «In der Schweiz überlegt man häufig, was man durch ein Kind aufgeben muss, anstatt zu sehen, was man durch ein Kind gewinnt. Kinder sind keine Hindernisse, sondern eine Bereicherung.» Das sieht man auch an der Statistik: Eine Schweizerin hat im Schnitt 1,5 Kinder. Eine Israelin fast 3. Caro hat oft mit Schweizerinnen über Familienplanung geredet oder sie reden gehört. «Der Zwiespalt Kind oder Karriere ist in der Schweiz omnipräsent. Irgendwann ist man zu alt, um welche haben zu können, und dann bereut man es.»

Vieles sei mit Kindern in Israel schöner und einfacher. Aber es gibt auch Kehrseiten. «Die Kinder in Israel werden zu sehr verhätschelt.» Kurz vor Weihnachten war sie mit ihren Kindern auf der Weihnachtsfeier der Schule. Die Feier fand draussen statt, fast bei Minustemperaturen. «Israelische Eltern hätten nie geduldet, dass ihre Kinder in der Kälte herumstehen. Das finde ich in der Schweiz sehr angenehm. Die Kleinen werden hier zu mehr Selbstständigkeit erzogen.» Das beinhalte auch das Hin- und Nachhauselaufen von der Schule und dem Kindergarten. Zudem sei das Schulsystem der Schweiz lobenswert. Ihre beiden Kinder Shirelle (9) und Liam (6) konnten jetzt fast zwei Jahre lang davon profitieren, und dafür sei Caro dankbar.

Trotzdem freut sie sich wieder auf Tel Aviv und auf eine Gesellschaft, in der – wie sie sagt – «Kinder nicht akzeptiert, sondern erwünscht sind».

Joëlle Weil*Joëlle Weil (26) lebt in Tel Aviv und arbeitet dort als freie Journalistin und Kolumnistin. 

 

 

 

Braucht es einen Streik?

Gabriela Braun am Freitag, den 27. Februar 2015
FRAUENDEMONSTRATION, FRAUENBEWEGUNG, FRAUENSTREIKTAG,

Genug ist genug: Pfeifkonzert einer am nationalen Streiktag, 2011.

In einem Interview mit der deutschen Zeitung «Zeit» rufen zwei prominente Schweizer die Frauen dazu auf, endlich für sich einzustehen: Fordert Tagesschulen, wehrt euch, seid politisch aktiv, tretet in den Arbeitsstreik! Das proklamieren der bekannte Kinderarzt Remo Largo und die angesehene Ökonomin Monika Bütler. Was ist geschehen?

«Was Familien wirklich helfen würde», lautet die Überschrift des Gesprächs mit Remo Largo und Monika Bütler von letzter Woche. Die beiden Experten sind sich mehrheitlich einig in der Antwort darauf: Elternzeit, kostengünstige und qualitativ gute Krippen und Ganztagesschulen sowie Unternehmen, die Verständnis für Familie zeigen. Das alles soll Familien helfen.

Solche Forderungen sind nicht neu. Den Ruf nach besseren Bedingungen für erwerbstätige Mütter und Väter hört man seit vielen Jahren schon. Remo Largo glaubt daher, dass vor allem Frauen mehr für ihre Anliegen kämpfen sollten. «Die nächsten Jahre werden entscheidend sein», sagt Largo. «Nun müssen die Frauen ihre Forderungen für eine kind- und familiengerechte Gesellschaft stellen. Leider halten sie sich immer noch vornehm zurück.» Wenn der Staat fordere, dass mehr Frauen erwerbstätig seien, müsse er sie unterstützen.

Prof. Dr. Monika Bütler

Ökonomin Monika Bütler.

Monika Bütler nimmt diesen Steilpass gerne auf. Sie fordert etwa, dass die «übermässige Besteuerung des Zweiteinkommens in der Schweiz» gesenkt werde. Sie verhindere, dass gut ausgebildete Frauen mehr arbeiten würden. Bütler glaubt, dass die Frauen mitverantwortlich sind dafür, dass in dieser Hinsicht nicht viel passiert. Weil die Krippen- und Schulzeit der Kinder relativ kurz sei, würden sich die Mütter irgendwie arrangieren. Danach interessierten sie sich nicht mehr für Anliegen zur Verbesserung der Situation von erwerbstätigen Müttern mit kleinen oder schulpflichtigen Kindern. Doch wenn sie keine Ansprüche gegenüber den Arbeitgebern hätten, so Bütler, «dann passiert halt nichts».

KINDERARZT, AUTOR,

Kinderarzt Remo Largo.

Remo Largo bringt sogar das Druckmittel Streik ins Spiel, um bessere Strukturen für Familien zu erkämpfen. Wir Schweizerinnen sollten fordern: «Wir arbeiten nicht mehr, bis ihr die Rahmenbedingungen für die Familien verbessert habt.» Wir Frauen müssten verlangen, dass unsere Steuererträge mehrheitlich zur Unterstützung der Familien eingesetzt werden.

Vor 24 Jahren schon, 1991, legten am Frauenstreiktag eine halbe Million Schweizer Frauen ihre Arbeit während eines Tages nieder. Zum Streik aufgerufen hatte der Schweizerische Gewerkschaftsbund. Anlass war das zehnjährige Bestehen des Verfassungsartikels «Gleiche Rechte für Mann und Frau». Die Forderungen damals? Endlich eine tatsächliche Lohngerechtigkeit – sowie eine bessere Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben. Also vielleicht, liebe Frauen, sollten wir tatsächlich mal wieder streiken.

Was ist Ihre Meinung? Was sollte verbessert werden? Was hilft Familien wirklich?

FEMINISMUS, EMANZIPATION, FRAUENDEMONSTRATION, FRAUENBEWEGUNG, FRAUENSTREIKTAG, MENSCHENMASSE, TRANSPARENT, ZYTGLOGGETURM

Streikende Zürcherinnen am 1. Frauenstreiktag 1991. Fotos: Keystone

Die Eltern-Pubertät

Andrea Fischer Schulthess am Donnerstag, den 26. Februar 2015
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Fragt sich, für wen die Pubertät einschneidender ist: Die Kinder oder die Eltern? Szene aus «Gregs Tagebuch 2». Screenshot: 20th Century Fox Pictures

Zwei kleine, eigentlich völlig unbedeutende Erlebnisse kommen mir in letzter Zeit immer wieder in den Sinn. Das erste: Als ich zwanzig war, hatte ich eine Freundin, die viel älter war als ich und Mutter dreier pubertierender Töchter. Sie war Hausfrau. Als ich sie fragte, ob sie sich denn nicht langweile, jetzt wo die Kids doch grösser würden, sagte sie: «Nein, die Mädels brauchen mich jetzt fast noch mehr als früher.» Ich gebe zu: In meiner selbstgerechten Jugend hielt ich das damals für eine etwas fadenscheinige Ausrede, damit meine Freundin sich keinen Job suchen musste. Jetzt weiss ich, was sie damit meinte.

Ich hätte nie gedacht, dass man als Mutter von Vor- und effektiven Teenies so präsent sein muss. Ich soll am besten einfach immer da und verfügbar sein, auch auf die Gefahr hin, dass mich keiner braucht, geschweige denn will. Aber wehe, man ist nicht da, wenn die Seele grad übersprudeln will, oder die Tränen. Oder wenn die Hausaufgaben sich zu einem bedrohlichen Berg auftürmen und ein anständiger Pep-Talk gefragt ist. Der Job als Teenie-Mutter hat was von einem Knebelvertrag in einer Sommerkneipe: Man ist ständig auf Standby, für den Fall, dass die Sonne scheint und wenn nicht, hockt man rum, stets gefasst auf den nächsten Anruf.

Sorgen entsorgen: «Elternklappe» in Zürich. Foto: Pro Juventute (Flickr)

Sorgen entsorgen: Kampagne mit «Elternklappe» in Zürich. Foto: Pro Juventute (Flickr)

Das zweite Erlebnis, das damals noch nicht von der Sorte «Aha» war, hatte ich als junge Lehrerin. Ich teilte das Vorbereitungszimmer mit einer älteren Lehrerin, die ständig mit einem Junglehrer rumhing. Es war so unsäglich offensichtlich, dass da was Romantisches lief, dass ich Mühe hatte, mir meine scheinheilige Empörung nicht anmerken zu lassen. Die Gute hatte doch Kinder und einen Mann. Also wirklich!

Nein, ich schreibe hier jetzt nicht, dass ich sie verstehe und meinen Mann verlassen möchte. Das möchte ich erstens nicht und falls ich es je wollen täte, wäre dies bestimmt nicht der Ort, das kund zu tun. Aber ich verstehe den Hunger dieser Frau nach all den Jahren daheim, die Welt zurückzuerobern. Sei das in der Liebe oder beruflich oder sonst wie.

Denn dass Kinder in die Pubertät kommen, weiss jedes Kind. Was ich aber nicht wusste ist, dass auch wir Eltern in die Pubertät kommen. Es gibt Momente, in denen es menschlich so eng wird in der Wohnung, dass ich mir vorstelle, wie schön es wäre, eine eigene Wohnung zu haben, traumhaft eingerichtet, sauber, still. Als meine Tochter mir letzthin in einem Einrichtungsgeschäft vorschwärmte, wie sehr sie sich auf ihre erste Wohnung freue, rutschte mir sogar raus: «Ja, ich auch.» Sie nahm es mit Humor. Danke.

Ich brauche natürlich keine eigene Wohnung. Denn mit eng meine ich nicht die Räume an sich, sondern die Beziehungen in der Familie. Ich spüre manchmal, wie mir der kindliche Kummer, der Freundinnenzoff, die wahren und die eingebildeten Wehwehchen und auch der Druck in der Schule zusetzen, als wäre ich selbst meine Kinder und kein eigenständiger Mensch. Solange sie bei mir sind, spult mein Herz ganz automatisch das Mama-Programm ab. Ich will anteilnehmen, helfen, trösten, füttern, wiegen und beraten. Und doch keimt etwas Neues in mir auf: Ich will manchmal abhauen. Denn eigentlich weiss ich, dass meine Kinder schon so vieles allein bewältigen können. Könnten. Aber solange wir uns so nah sind, mische ich mich ein und leide über Gebühr mit.

Da stelle ich mir dann gern ab und an vor, wie es wäre, gar nicht zu wissen, dass sie gerade Bauchweh haben oder Streit mit einer Freundin. Ich male mir aus, wie sie das alleine lösen und schon alles verdaut ist, wenn sie mich, das Mami halt, mal für Kaffee und Kuchen besuchen.

Dann wieder flüstert diese Stimme in mir: «Du undankbare Kuh, geniess es, solange du all das noch hast, es ist schneller vorbei, als du denkst.» Und schon will ich gleich doppelt trösten und herzen und Kuchen backen. So schleudert es eben nicht nur meine Kinder, sondern auch mich hin und her zwischen dem Wunsch nach Nähe und jenem nach Unabhängigkeit. Auch ich bin mich am Ablösen und auch ich will es nur zum Teil und fürchte mich davor. Der einzige Unterschied zu meinen Kindern ist: Ich bestimme das Tempo nicht. Und ich muss dieses Wechselbad der Gefühle mit mir selbst ausmachen und nicht mit ihnen. Sie müssen schliesslich wissen, dass ich im Härtefall immer für sie da bin, egal was passiert.

Nicht immer ganz einfach das Ganze. Aber gottseidank gibt es ja noch meinen Mann und gute Freunde.

«Mein kleiner Maximilian-Jason kriegt noch MuMi»

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 25. Februar 2015

Ein Papablog von Markus Tschannen*

Mamablog

Sehr, sehr besorgt und lieber auf der sicheren Seite: Das Forenmutti. Foto: Steve Debenport

Im Internet treffen Welten aufeinander und bieten dabei mehr Unterhaltung als das Privatfernsehen beim Niveaulimbo. Manch ein Forenbeitrag hat mich schon an den Rand eines Psychologiestudiums getrieben. (Den Rand, an dem das Studium beginnt.) Haustierforen seien besonders schlimm, hört man. Aber auch Babyforen bieten viel Komik.

Hätte ich eine Frage, würde ich die im Babyforum ungefähr so formulieren:
markus1234 (Neuling, 1 Beitrag) schreibt: «Mein Baby (10 Monate) kratzt sich seit 5 Tagen oft am Ohr. Ansonsten ist alles normal. Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht und weiss, woran das liegen könnte?»

Viel eher liest man in Babyforen aber das hier:
Biggylein78 (Profimutti, 39'518 Beiträge) schreibt: «Meine kleine süsse Maus (41W+4, korrigiert 39W+2) hat gestern den ganzen Tag normal gespilt (mit ihrer Rassel und den Holzbauklözzen, die mag sie am liebsten) am Nachmittag war sie etwas quengelig aber ich habe mir noch nichts dabei gedacht. Dan kamen meine Eltern zu Besuch (sie waren zufällig in der Gegend ) und meiner Mutter ist aufgefallen das sich Mia ( sie hat keinen ZN, wir finden das schöner) mehrmals am Ohr gekratzt hat . Ich habe es dann auch gesehen und war ziemmlich besorgt. Kann es eine Mittelohrenzündung sein? Oder etwas schlimmeres? Neurodermitis oder ein Krebsgeschwühr am Ohr? Wir sind natürlich sofort in den Kindernotfall vom KH gefahren und heute morgen gleich zum KiA. Beide sagten ich soll mir keine Sorgen machen wenn das Kind normal isst und zufrieden wirkt. Gelegentliches Kratzen am Ohr sei ganz normal !!! Dazu muss ich sagen, das Mia in der Nacht noch MuMi kriegt und tagsüber Brei. Sie hat gestern den MiB (Biokarotten und Pastinacken) nicht ganz aufgegessen (ca 130ml) den NaB (Mango-Apfel, Mia verträgt keine Bananen) und AB (Dinkelfloken mit MuMi) aber schon. Was soll ich tun? Ich konnte letzte nacht vor Sorgen kaum Schlafen. Mein ältester hatte das auch mal, als er 2Jahre alt war. Jack hat sich in der Nacht am rechten Ohr gekratzt und am Morgen ist es plötzlich abgefallen…»

Mamablog

Selbst ist das Baby: Der Nachwuchs googelt schon einmal selbst.

Gut, am Ende gingen die Pferde mit mir durch, aber ansonsten entspricht das fiktive Beispiel durchaus der Realität. Beantwortet wird so ein Beitrag typischerweise von sieben weiteren Müttern, die ausnahmslos empfehlen, eine Dritt-, Viert- und Fünftmeinung einzuholen. Mit den Ohren sei bekanntlich nicht zu spassen, das wisse man ja. Ausserdem solle man einen Naturheilpraktiker beiziehen und zur Sicherheit schon mal Globuli geben. Die Stimmung kippt, als ein Vater schreibt, dass mit dem Kind bestimmt alles in Ordnung sei. Ihm wird umgehend Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. Eine Mutter droht mit der KESB.

Ich will keinen Geschlechterkrieg heraufbeschwören. Aber wer Babyforen liest, stellt fest, dass darin fast ausschliesslich Mütter aktiv sind. Auch nicht jede Art Mutter, sondern nur der Typus «Forenmutti»:

  • Sie ist stets sehr, sehr besorgt. («SOFORT zum KiA!!! »)
  • Ihr Mitteilungsbedürfnis ist bemerkenswert. («Thorben LIEBT Schwarzwurzeln»)
  • Sie mag Abkürzungen. («Dustin war schon während der SS sehr aktiv»)
  • Abgesehen vom Namen ihres Kindes schreibt sie kein Wort richtig. (Beim Namen weiss man es ja nicht: Entweder heisst das Kind tatsächlich Bényamïnn, oder die Familienkatze jagte den Goldhamster über die Tastatur.)

Die Forenmuttis stören mich übrigens nicht. Ich habe sie gar ins Herz geschlossen, denn sie unterhalten mich, und ihre Beiträge sind durchaus nützlich. Immerhin verbringen Forenmuttis ihre Freizeit beim Kinderarzt und schreiben dessen Diagnose zu jedem erdenklichen Babyproblem nieder. Ich wundere mich allerdings über die komplette Abwesenheit aller anderen Elterntypen. Weshalb sind Väter und sachlich schreibende Mütter in Foren nicht vertreten? Ich habe zwei Theorien:

  1. Sie lesen nur passiv mit, weil die Forenmuttis schon alles geschrieben haben, was man nur schreiben kann. Das Baby bieselt nach der Erkältung in einem leicht dunkleren Gelbton? Irgendeine Forenmutti war damit bestimmt bei fünf Ärzten.
  2. Die Forenmuttis schrecken andere mit ihrem Schreibstil ab und ziehen Gleichgesinnte an. Es findet eine virtuelle Ghettoisierung statt (oder Gentrifizierung, je nach Blickwinkel).

An mir selber kann ich beides beobachten: Ich lese gern Babyforen, aber selber aktiv bin ich in diesem Umfeld nicht. Die Welt der «süssen Mäuse», «kleinen Motten» und «mein Kurzer» ist nicht meine Welt. Oder wie es die geschätzte Twitterkollegin @MmeDisaster kürzlich formuliert hat:

Vielleicht erzähle ich in meinem nächsten Papablog davon, wie das Baby vom Sofa fiel, während ich daneben sass. Es soll ja niemand denken, ich würde mich für etwas Besseres halten.

tschannen*Markus Tschannen lebt mit Frau und Baby wochenweise in Bern und Bochum. Unter dem Pseudonym @souslik nötigt er auf Twitter rund 8000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.

Die Grossmutter solls richten

Mamablog-Redaktion am Dienstag, den 24. Februar 2015

Ein Gastbeitrag von Monika Zech*

Vermittlerin gesucht: Wenn die Kommunikation zwischen Sohn und Mutter nur noch laut ist, wäre die Grossmutter gefragt. Foto: Alamy

Grosseltern haben, weil abgeklärt und weise, mehr Verständnis für die Kinder als deren Eltern. Deshalb sind sie für die Enkel, besonders in Krisen, wichtige Ansprechpartner – sagen Erziehungsexperten. Grosseltern reagieren weniger hysterisch auf Launen ihrer Enkel als die Eltern, die in der alltäglichen Auseinandersetzung mit ihrem Nachwuchs den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen können. Logisch, oder?

Die Tochter, die ihrer Mutter in ihrer Pubertät weiss Gott oft genug schlaflose Nächte bereitet hat, ist jetzt selber Mutter eines 16-Jährigen, der sie zur Verzweiflung bringt. In letzter Zeit öfters. Und da ist jetzt eben die vermittelnde Rolle der Grossmutter gefragt, die weiss, dass alles nicht so heiss gegessen wie gekocht wird. Doch wie kommt sie an den Bengel ran? Seine Beziehung zu ihr ist schon seit einigen Jahren, sagen wir, fragil. Zu Weihnachten und an den Geburtstagen findet er die Grossmutter unverzichtbar. Aber sonst? Eine Grossmutter halt – im grossen Ganzen ganz okay, doch wie alle Alten checkt sie nicht mehr, was wirklich wichtig ist.

Sie versuchts trotzdem. Via Whatsapp (klar, SMS ist total out) nimmt sie Kontakt zu ihm auf, fragt, wie es ihm so geht. Ihn grad in den Senkel zu stellen, so ihre Überlegung, wäre wohl nicht kommunikationsförderlich. Siehe da – das Handy klingt, er antwortet: «Ok.» Zwei Buchstaben, aber die Grossmutter ist entzückt. Ihr Enkel würde ihr von nun an all seine Sorgen und Wünsche mitteilen, sie würde die Bilderbuch-Grossmutter sein! Zwei Tage lang Funkstille, dann kommt wieder eine Nachricht, seine Fussballschuhe seien ihm zu klein geworden und seine Eltern wollten ihm keine neuen kaufen. Dabei bedeute ihm doch Fussball so viel.

Die Grossmutter whatsappt ein paar kritische Fragen und entschliesst sich, einzuspringen. Schliesslich müssen Grosseltern auch nicht so streng sein wie Eltern, sagen die Experten ebenfalls, ja, sie dürften sogar ein bisschen verwöhnen. Der Enkel reagiert jedenfalls begeistert, mit mehreren Nachrichten. Nebst überschwänglichen Dankeschöns schickt er diverse Links zu den Anbietern seiner Wunschfussballschuhe. Zwei Tage später die Frage, wann sie wohl kämen.

Kurz, es gab während ein paar Tagen einen regen Austausch auf Whatsapp zwischen Grossmutter und Enkel bis zur Übergabe der Schuhe. Danach wieder Funkstille.

Mittlerweile hat der Enkel mit Fussballspielen aufgehört. Von seiner Mutter weiss die Grossmutter, dass die Lämpen zu Hause nicht weniger geworden sind. Und auch, dass ihre Tochter ein bisschen enttäuscht ist von ihren Fähigkeiten als Vermittlerin. Angesichts dessen, dass das einzig greifbare Resultat ein paar fast neue, aber nutzlose Fussballschuhe sind, versteht sie den Frust ihrer Tochter auch. Aber wie sie es hätte angehen sollen, ist der Grossmutter bis heute ein Rätsel. Als sie ihren Enkel zwischendurch einmal als verzogenen Rotzlöffel bezeichnete, machte sie alles noch schlimmer. Die Tochter war sauer, weil sie darin eine Kritik an ihrer Erziehung sah, und der Enkel schrieb: «Hör uuf!» Jaja, sie hat verstanden – aber was sagen die Experten, die von der Rolle der Grosseltern so schwärmen, dazu?

Monika*Monika Zech war von 2005 bis 2010 Chefredaktorin bei «Wir Eltern». Heute arbeitet sie als freie Journalistin sowie als Redaktorin bei der «Tierwelt» und dem Magazin «Grosseltern». Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern, Grossmutter von drei Enkelkindern und aufgewachsen mit neun Geschwistern.

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