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Wir sind Supermamas!

Jeanette Kuster am Montag, den 25. Mai 2015
Revellers dress as comic character Superwoman during the 23nd Street Parade dance music event in Zurich

Wir haben alle auch ein «S» auf der Brust: Drei Frauen an der Street-Parade. Foto: Reuters

Vermutlich kennen Sie diese Momente, in denen man als Mutter das Gefühl hat, alles falsch zu machen. Weil die Kleinen nicht zuhören, egal was man sagt. Weil man aus Übermüdung herumschreit oder am Morgen vergisst, den Znüni ins Kindergartentäschli zu packen. Zum Glück gibt es auch die Momente am anderen Ende der emotionalen Skala, auch wenn diese in der Regel spärlicher gesät sind. Die, in denen man sich nicht nur als einigermassen annehmliche Mutter fühlt, sondern als Supermama. Etwas hoch gegriffen, sagen Sie? Das war auch der Einwand einer Freundin, die sich selber auch in den wunderbarsten Mama-Momenten nie als Superwoman sieht, sondern vielmehr als «Mutter, die zum Glück doch nicht ganz alles falsch macht».

Andere Freundinnen hingegen konnten mir sofort eine Geschichte erzählen, in der sie sich als Supermutter gefühlt haben. Ich habe ihre und meine Supermama-Momente gesammelt. Als Inspiration für uns alle. Damit wir uns wieder einmal bewusst werden, dass man nicht immer auf die eigenen Fehler und Schwächen fokussieren sollte, sondern mindestens genauso viel Energie in die Freude über die eigenen Heldentaten investieren darf. Auch wenn einem diese noch so banal erscheinen.

  • «Wenn mein Sohn unruhig schläft, muss ich nur meine Hand auf seinen Bauch legen, schon atmet er wieder ganz gleichmässig. Das fühlt sich fast so an, als hätte ich Superkräfte.»
  • «Ich fühle mich als Supermama, wenn mein Sohn freiwillig mit mir Fussball spielen gehen will und ich es sogar schaffe, ein paar Tore zu schiessen.
  • «Manchmal helfen weder das bunteste Pflaster noch das am schönsten gesungene ‹Heile, heile Säge› der Grossmutter, wenn meine Tochter hingefallen ist. Sie will dann einfach nur von mir in den Arm genommen werden und hört innert Sekunden auf zu weinen. Ein wunderbares Gefühl.»
  • «Das klingt vielleicht seltsam, aber ich bin nicht nur stolz, wenn meine Jungs freundlich Bitte und Danke sagen, sondern fühle mich dabei ein bisschen als Supermama. Weil mir das zeigt, dass ich Ihnen das richtige Verhalten vorlebe und es sich lohnt, ihnen solche Regeln mit viel Geduld beizubringen.»
  • «Tickt meine Tochter wieder einmal aus und ich schaffe es, ruhig und geduldig an ihrer Seite zu bleiben, bis alles vorbei ist, fühle ich mich als richtige Supermutter. Weil ich mich trotz der schwierigen Umstände genau so verhalten habe, wie ich es von der idealen Mutter erwarten würde.»
  • «Wenn meine Tochter mir sagt, dass ich richtig gut Playmobil spielen kann, fühle ich mich ein klitzekleines bisschen wie Supermama. Sie ist schliesslich die Spielexpertin schlechthin und geht mit solchen Komplimenten äusserst zurückhaltend um.»
  • «Früher war es für mich selbstverständlich, eine gute Gastgeberin zu sein. Haben wir heute Besuch und es brennt nichts an, die Kleinen benehmen sich vorbildlich und ich kann meine Aufmerksamkeit zumindest phasenweise auch den Gästen widmen, fühle ich mich wirklich als Superwoman.»
  • «Dass mein Kind mit anderen teilt, macht mich sowieso stolz. Teilt es aber sogar sein letztes Gummibärchen mit der Freundin, verleiht mir das ein solches Glücksgefühl, dass ich mich in dem Moment als Supermama fühle. Mein Kind, so selbstlos – überirdisch schön!»

In welchen Momenten fühlen Sie sich als Supermama?

Schön kitschig: «Superwoman», gesungen von den Superfrauen Glady Knight, Patti LaBelle und Dionne Warwick. Quelle: Youtube

Einfach weils so schön Power gibt: «Eye of the Tiger» (bitte im Text einfach «man» durch «woman» ersetzen), The Survivors. Quelle: Youtube

Vertraut euren Schulkindern

Mamablog-Redaktion am Freitag, den 22. Mai 2015

Dieser Beitrag ist Teil der Serie #Schulewohin. Der «Tages-Anzeiger» beleuchtet im Monat Mai die grössten Herausforderungen der Volksschule.

Ein Gastbeitrag von Marianne Kuhn*

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Kinder müssen lernen, selbstständig zu denken und zu handeln – und das vom ersten Schultag an. Foto: iStock

Spätestens mit dem ersten Schultag eines Kindes beginnt der Ernst des Lebens. Nichts darf mehr schiefgehen. Wird ein Defizit nicht sofort aufgedeckt, kann das Folgen für den Rest des Lebens haben, sind viele Eltern der Meinung. Viele Mütter und Väter sind verunsichert und kontrollieren und analysieren alles, was ihre Kinder und deren Lehrer in der Schule tun oder nicht tun. Da werden Tests kopiert und mit denen der besten Freundin verglichen. Ist man mit einer Bewertung nicht einverstanden, schreibt man dem Lehrer eine Nachricht, Fehler des Lehrers werden der Schulleitung gemeldet.

Bringt das Kind nicht die erwarteten Bestleistungen nach Hause, muss etwas unternommen werden. Der Telefondraht unter den Eltern läuft heiss. Geht es anderen Kindern ähnlich? Vermittelt die Lehrerin den Stoff richtig, wird von den Kindern zu viel verlangt – oder zu wenig?

Um dem Kind zu helfen, wird das Arbeitsblatt schon mal in einer Nachtschicht von der Mutter ausgemalt. Papi liest derweil noch einmal seine Asterix-Sammlung durch, um die Fragen des Antolin-Leseförderungsprogramms im Netz zu beantworten – und so wertvolle Punkte für seinen Sprössling zu sammeln. Der Grossvater kennt doch da noch ein paar mathematische Tricks, die dem Kind bestimmt weiterhelfen. Die Kollegin weiss von einer Therapie, welche auf jeden Fall nützen wird. Und die Tochter der Bürokollegin hat grosse Fortschritte gemacht, seit sie mit der neuen App auf ihrem Tablet übt.

Ja, stimmt etwas mit der heutigen Schule nicht? Oder können Schüler heute weniger als früher? Ich bin der Meinung, nichts von beidem stimmt. Tatsache ist allerdings, dass die Welt und die Schule sich in den letzten Jahren verändert haben. Die Schüler müssen heutzutage viel mehr und anderes können als früher. Die Lehrer kennen ihre Aufgaben und geben sich in der Regel grosse Mühe, alle Kinder optimal zu fördern. Sie haben ihre Schüler gern. Sie sind gut ausgebildet und werden von entsprechenden Behörden unterstützt und kontrolliert. Manchmal machen sie, wie jeder andere Mensch auch, Fehler, und dann sollen diese auch korrigiert werden.

Ständige Kritik an der Schule von allen Seiten ist allerdings nicht nötig. Es verunsichert viele engagierte Lehrer und ist auf die Dauer nur frustrierend. Ich rate deshalb allen Eltern: Habt Vertrauen in eure Kinder! Sie müssen lernen, selbstständig zu denken und zu handeln, Verantwortung zu übernehmen und starke, eigenständige, ehrliche Persönlichkeiten zu werden. Dazu brauchen sie Vorbilder. Menschen, die ihnen zeigen, dass man auch einmal straucheln und dann wieder aufstehen kann, dass man Probleme selber bewältigen kann. Die auch hinter ihnen stehen, wenn sie nicht Klassenbeste sind. Kinder müssen für Fortschritte gelobt werden und Fehler machen dürfen. Sie müssen ausprobieren und lernen, Grenzen zu akzeptieren. Eltern müssen für ihre Kinder da sein, ihnen Mut machen und sie unterstützen, wenn sie Hilfe brauchen. Kinder können viel! Oft viel mehr, als wir uns vorstellen können. Trauen wir es ihnen einfach zu!

MB_portrait_kuhn_150* Marianne Kuhn arbeitet als Lehrerin und Heilpädagogin an der Oberstufe. Sie lebt mit ihrer Familie im Kanton Aargau.

Auch ich hätte wohl kein behindertes Kind gewollt

Mamablog-Redaktion am Donnerstag, den 21. Mai 2015

Ein Gastbeitrag von Ingrid Eva Liedtke*

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Dora ist anders: Die behinderte Hauptfigur in Stina Werenfels' Film «Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern» entdeckt die Welt sinnlicherweise. Screenshot: Dschoint Ventschr

Das war eine heisse Nacht! Nein, leider nicht so, wie man denken könnte. Eigentlich müssten die Scheiben beschlagen sein, so habe ich vor mich hin gedampft. Ein Artikel in der Zeitung «Die Zeit» hatte mich aufgewühlt. Es ging um das Thema pränatale Diagnostik oder auch präimplantale Diagnostik.

«Ich hätte auch keines gewollt!», lautete die Überschrift. Das hat mich sehr getroffen, und natürlich habe ich mich gefragt, wieso. Denn wenn ich ehrlich zu mir selber bin, dann habe ich vor zwanzig Jahren auch meinen Frauenarzt nach all diesen Untersuchungen gefragt, weil ich auf gar keinen Fall ein behindertes Kind wollte. Um Menschen mit einer Behinderung habe ich bis dahin immer einen Bogen gemacht, selbst um Blinde. Ich war ziemlich verklemmt und gehemmt und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich habe mich in jungen Jahren daran orientiert, was ich für cool und schön hielt, was Behinderung automatisch ausschloss. Das gab mir scheinbaren Halt.

Glücklicherweise konnte ich aber schon damals denken und werde diese Radiosendung nie mehr vergessen, die ich mir hochschwanger angehört habe. Ich sass im Auto, und mein damaliger Mann unterzeichnete gerade den Vertrag für das Haus, das wir für unsere bald stark vergrösserte Familie gemietet hatten. Ich erwartete Zwillinge und sah deshalb von pränataler Diagnostik ab, weil mein Frauenarzt meinte, dass es in diesem Fall ja eh nicht viel bringe oder schwierig sei. Wie und was genau das bedeutete, hatte ich mir damals gar nicht überlegt, weil ich überzeugt war, dass es mich gar nicht betreffe. Die Aussicht, mit meinem dreijährigen Sohn und zwei Babys durch den Tag zu kommen, erforderte so schon all meine Vorstellungskraft. Ausserdem wog mein Bauch eine Tonne, und ich hoffte, ihn bald loszuwerden, wollte einfach gebären und mich in meinem Körper wieder allein zu Hause fühlen, mich damit wieder leicht und kraftvoll bewegen können.

Da sass ich also mit schmerzenden, geschwollenen Beinen, eingezwängt auf dem Beifahrersitz und hörte diese Sendung über pränatale Diagnostik. Und da war diese Nonne, die sagte, dass man Menschen, die nicht unserer Norm entsprächen, nicht verhindern solle, weil sie uns ein Spiegel seien und wir viel von ihnen lernen könnten über all diese Dinge, die wir aus unserem perfekten, schönen Leben ausgeschlossen hätten, Dinge wie Menschlichkeit, Mitgefühl, Akzeptanz, Demut und Liebe.

Wie gesagt, ich konnte auch damals schon denken, und mir war sofort klar, wie recht sie hatte. Ich habe es noch meinem Mann erzählt und dann vergessen, in der Überzeugung, dass mich das nicht persönlich etwas anging, sondern nur so auf philosophischer Ebene ein interessanter Gedanke war.

Doch weit gefehlt! Es kam, wie man ahnt, anders. Meine Zwillinge kamen zur Welt, der Kleine normal, die Kleine behindert – einmal mehr scheint mir das Vokabular dazu schrecklich unpassend. Annina hat ein Downsyndrom. Ich möchte es an dieser Stelle nochmals wirklich mit äusserstem Nachdruck betonen: Meine Tochter leidet nicht am Downsyndrom. Es macht sie nur speziell. Sie kann einiges nicht so gut wie wir anderen Normalos, aber einiges kann sie auch besser.

So, und wenn wir jetzt wieder zum Thema kommen, dann passiert es mir des Öfteren, dass ich hören muss: «Ah, ein Downsyndrom, das sind Sonnenkinder, so liebenswerte Menschen, das ist ja auch nicht so schlimm, wie wenn ein Kind zum Beispiel autistisch ist.» Da gelange ich schnell in diese Position, wo ich nicht mehr viel zu melden habe, nicht wirklich mitreden kann, weil mein Fall ja gar nicht schlimm ist. Klar, ich sehe das auch so, aber vielleicht nicht alle Betroffenen.

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Die Autorin mit ihrer Tochter Annina.

Ich habe Glück gehabt! Stimmt! Sehr grosses Glück sogar. Das grösste war, dass ich nicht gewusst habe, dass Annina speziell ist. Ich habe es erst nach der Geburt erfahren und musste mich ganz neu darauf einstellen. Eine Herausforderung, ja, aber ich habe sie angenommen und sie gemeistert. Die ganze Familie hat das erstaunlich schnell und einfach hingekriegt. Ich bin sehr stolz auf mich und uns deswegen. Wir haben sehr viel lernen dürfen in den letzten zwanzig Jahren, über unsere Stärke, über die Liebe, über Mitgefühl, Akzeptanz, Menschlichkeit und über das Leben eben. Es gab auch viel Stress. Der hing aber eher mit der Zwillingskonstellation und meinem armen, entthronten Dreijährigen zusammen. Wir hatten aber auch sehr viel Spass mit Annina, denn sie hat einen unvergleichlichen Humor.

Ich gebe zu, dass ich es hätte wissen wollen, hätte ich die Wahl gehabt. Ich bin immer für Offenheit und eigentlich überzeugt davon, dass jeder Mensch seinen Weg selber wählen und gehen soll.

Ich hätte wohl auch keines gewollt!
Ein Glück, dass es anders gekommen ist.

In dieser ganzen Geschichte mit der Lebensplanung steckt doch immer auch dieses Moment, das wir nicht kennen, diese paar Schrauben, an denen die Schöpfungsintelligenz, Gott, oder wie auch immer wir es nennen wollen, dreht, ohne unser Zutun, weil wir noch etwas lernen dürfen, etwas erfahren sollen, von dem wir einfach noch nichts wissen können. Es ist das Unvorhersehbare, das uns schicksalhaft umhauen kann, uns manchmal windelweich schlägt, uns in tiefe Zweifel oder sogar ins Unglück stürzen kann, das nicht alle Menschen gleich gut tragen können und worin nicht jeder einen Sinn finden kann.

Es ist mir völlig klar, dass es mir nicht zusteht, ein Kind mit Beeinträchtigung als grosse schöne Lebensaufgabe für jede Familie zu bewerten, denn ich weiss nichts über deren Umstände und Schwierigkeiten. Ich kann nur aus meiner Erfahrung schöpfen, davon ausgehen und von mir sprechen. Ich bin überzeugt, dass meine Welt eine ärmere wäre ohne Menschen mit Downsyndrom und auch ohne alle Erfahrungen, die ich unterdessen durch Begegnungen mit Menschen verschiedenster Beeinträchtigung machen durfte. Die Offenheit, die es dazu braucht, habe ich durch meine Tochter erlangt.

Ich glaube daran, dass unsere Welt ärmer wird, wenn wir uns all dieser Erfahrungen berauben, die unvorhersehbar und nicht planbar sind. Leider sind wir auf dem Weg dazu, alles planbar zu machen!

Doch ich glaube auch, dass das Leben und die Natur immer wieder Wege finden, uns auszutricksen, wenn wir zu anmassend werden!

MB_porträt_150*Ingrid Eva Liedtke, Autorin, psychologische Beraterin und Coach. Sie schreibt den Blog Herzenblühen.

Lesen Sie auch den Beitrag vom Dienstag «Deshalb ist es sinnvoll, Embryonen zu testen».

Mein Baby schmust nicht mit mir

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 20. Mai 2015

Ein Papablog von Markus Tschannen*

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Ach, wie schön wärs, mit dem eigenen Baby zu schmusen, wie das andere Väter tun. Foto: Flickr/Family O'Abé

Wie geklont lagen sie nebeneinander auf dem Wickeltisch. Gleich alt, gleich gross und aus demselben Grund im Vorzimmer des Kinderarztes:

• Philipp (1), Windelgrösse 4, ein fremdes Baby, das mit seiner Mutter auf den Impftermin wartete.

• Mein Baby (1), Spitzname «Brecht», Windelgrösse 4, mit seinem Vater ebenfalls zur Impfung angereist.

Die Stimmung war betont locker, Babys und anwesende Eltern erfreuten sich guter Laune. Philipp grinste einen Plüschteddy an. Seine Mutter reichte ihm das Stofftier und Philipp begann es zu beschmusen. Auch die Mutter schmuste sofort mit. Leise erklangen Engelsgesänge, während güldenes Licht den Raum füllte. Ein Schmetterling flog tänzelnd um den Wickeltisch.

Der Brecht und ich starrten uns derweil schweigend an. Doch während sein Blick als Warnung zu verstehen war, strahlte meiner eine gewisse Sehnsucht aus: Wie gern hätte ich in dem Moment auch mit meinem Baby geschmust. Aber der Brecht will nicht schmusen. Nie.

Er ist ein zufriedenes Kind, lacht oft und spielt gerne. Auch den Körperkontakt sucht er, aber schmusen kann man das nicht nennen. Der Brecht kneift, beisst und rammt mit dem Kopf jede empfindliche Körperstelle seiner Eltern. Das wirkt selten bösartig, sondern wie von einer inneren Unruhe getrieben. Um zu schmusen, müsste sich das Baby auch mal entspannen. Doch das ist ihm nicht gegeben.

Selbstverständlich akzeptieren wir seinen Charakter und machen uns auch keine grossen Sorgen. Und dennoch schlich sich in einer bedächtigen Minute dieser typische Elternzweifel ein: «Habe ich etwas falsch gemacht?»

Aber was könnte ich denn falsch gemacht haben? Mir fielen spontan ein paar heikle Momente ein:

• In Eile und bereits sehr gestresst, zerriss ich einmal eine Windel, als ich sie unter dem Kindsfüdli zurechtrücken wollte. Das brachte mich derart in Rage, dass ich dem Windeleimer einen kräftigen Tritt verpasste. Immerhin: Geistesgegenwärtig hatte ich die aufgestaute Aggression vom Baby weggelenkt.

• Ein andermal wollte ich dem Baby beim Rumblödeln ins Gesicht pusten. Dabei spuckte ich ihm versehentlich meinen Kaugummi in den Rachen. Den Titel «Vater des Jahres» konnte ich so natürlich vergessen. Zum Glück konnte ich den Kaugummi sicher aus dem Kind entfernen.

Einmal biss ich dem Baby sogar ins Bein. Wir balgten uns auf dem Wickeltisch, während wir auf ein Bisi warteten. Spielerisch schnappte ich dabei nach Babys nacktem Oberschenkel, als plötzlich das Bisi einschoss. Vor Schreck klappte mein Gebiss zu und hinterliess einen leichten Abdruck. Das schlechte Gewissen verfolgte mich über Wochen, aber das Baby nahm vermutlich keinen emotionalen Schaden. Zumindest liess es sich rasch trösten.

Während ich diese wenig ruhmreichen Momente noch einmal vor meinem inneren Auge passieren liess, dämmerte mir. Vielleicht balge ich mich etwas gar oft mit dem Brecht. Will ich dann einmal schmusen, erkennt er meinen Stimmungswechsel nicht und bleibt im Balgmodus. So lautete meine Theorie, und natürlich brauchte ich auch eine passende Massnahme. Zusammen mit der Frau entschied ich mich für eine Charmeoffensive, denn als gute Eltern wissen wir: Kinder sind Nachahmer.

Also schmusten Mama und Papa wieder mehr miteinander, und zwar demonstrativ vor dem Kind. Interessierte Blicke und erste sanftere Annäherungen liessen hoffen. Doch die Charmeoffensive schoss rasch übers Ziel hinaus. Als ich das Baby kürzlich durch eine belebte Fussgängerzone trug, guckte es mich plötzlich eindringlich an. Dann schloss es seine Augen und kam näher. Und als ich fragen wollte: «Äh Brecht, was mach…», klebte sein offener Mund schon in meinem Gesicht. Ich kann mich täuschen, aber ich meinte, ich hätte sogar ein Zünglein gespürt.

Das Baby in seiner Entwicklung zu beobachten, ist spannend. Man lernt täglich hinzu. Was ich in diesem Fall unter den Augen verstörter Passanten gelernt habe: Kinder sind sehr exakte Nachahmer, und wir Eltern müssen künftig etwas züchtiger miteinander schmusen.

Dieses Baby küsst wenigstens einen Fisch. Quelle: Youtube

tschannen*Markus Tschannen lebt mit Frau und Baby wochenweise in Bern und Bochum. Unter dem Pseudonym @souslik nötigt er auf Twitter rund 8000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.

Deshalb ist es sinnvoll, Embryonen zu testen

Mamablog-Redaktion am Dienstag, den 19. Mai 2015

Ein Gastbeitrag von Anke Fossgreen*

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Glücklich schwanger: Präimplantations-Diagnostik hilft auch erblich vorbelasteten Paaren. Foto: Flickr.com/kris krüg

Dürfen werdende Eltern und Fruchtbarkeitsmediziner Embryonen aussuchen, die gesunden für eine Schwangerschaft verwenden – und die kranken verwerfen?

Darum geht es am 14. Juni, wenn wir über eine Änderung in der Bundesverfassung abstimmen. Wird die Initiative angenommen, dürfen künftig so viele Embryonen bei einer Fruchtbarkeitsbehandlung entwickelt werden, dass eine Auswahl möglich wird.

Eine solche Änderung ist dringend nötig. Mit dem Embryonen-Check bei einer künstlichen Befruchtung können Ärzte spätere Abtreibungen verhindern und den Erfolg einer künstlichen Befruchtung erhöhen. Der Grund dafür ist, dass Paare, die sich einer Fruchtbarkeitsbehandlung unterziehen, bereits vor einer Schwangerschaft den Embryo testen lassen können. Schon heute werden diese Tests bei natürlichen Schwangerschaften praktiziert und sind anerkannt: Genetiker fahnden mittels Fruchtwasseruntersuchung, Chorionzottenbiopsie und Bluttest nach Erbkrankheiten oder Chromosomenveränderungen beim Ungeborenen.

IN, VITRO, IVF, BEFRUCHTUNG, BEFRUCHTEN, EI, EIZELLE, ZELLE, SPERMA, SPERMIEN, SAMEN, SAMENZELLE, FERTILITAET, UNFRUCHTBARKEIT, MIKROPIPETTE, PIPETTE, NADEL, RETORTENBABY, KUENSTLICH, KUENSTLICHE, PRAEIMPLATATION, EMBRYO, TEST, GENETIK, FORSCHUNG

In der Schweiz versuchen 6000 Paare jährlich mit künstlicher Befruchtung ein Kind zu zeugen. Foto: Keystone

Die neue Regelung betrifft ausschliesslich Paare, die mittels künstlicher Befruchtung Eltern werden möchten. Das sind jährlich rund 6000 Paare in der Schweiz. Für etwa 700 von ihnen käme eine sogenannte Präimplantationsdiagnostik – also eine frühzeitige Untersuchung des Embryos – infrage. Darunter sind Betroffene mit einer Erbkrankheit in der Familie, die eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, ein unheilbar krankes Kind zu bekommen. Aber auch verzweifelte Paare, bei denen die Frau nicht schwanger werden kann oder Fehlgeburten erlitten hat. Ein Grund dafür ist ein höheres Alter der Mutter. Bereits ab 35 Jahren zeigen etwa 30 Prozent der Eizellen Chromosomenveränderungen, bei einer 40-Jährigen sogar 50 bis 70 Prozent.

Die heutige Praxis bei einer künstlichen Befruchtung ist absurd: Erlaubt ist, dass eine Frau schwanger wird und abtreibt, wenn sie bei einem vorgeburtlichen Test feststellt, dass ihr Ungeborenes das Gen für die Erbkrankheit besitzt oder eine Chromosomenveränderung zeigt. Diese «Schwangerschaft auf Probe» ist psychisch äusserst belastend. Manch ein Paar lehnt diese Prozedur ab, verzichtet auf Kinder oder lässt sich im Ausland behandeln.

Der Grund, weshalb die Präimplantationsdiagnostik dennoch so umstritten ist, sind ethische Bedenken: Mediziner sortieren kranke Embryonen aus. Es wird mehr überzählige Embryonen geben, tiefgefroren gelagert. Ist die Fruchtbarkeitsbehandlung abgeschlossen, werden sie vernichtet oder können der Forschung gespendet werden.

Aber ist nicht jeder Embryo ein ungeborenes Leben? Zweifellos sind die verschmolzenen Ei- und Spermienzellen etwas Besonderes, Gebilde mit dem Potenzial, sich zu einem Menschen zu entwickeln. Nicht weniger – aber auch nicht mehr.

Ein Embryo besitzt weder Menschenrechte noch die Würde eines Menschen. Das ist eine praktikable Entscheidung, die Ethiker auf die Frage zuspitzen: Wen soll ein Feuerwehrmann aus einer brennenden Fruchtbarkeitsklinik retten, das fünfjährige Mädchen oder den Tank mit den 100 tiefgefrorenen Embryonen?

Die Embryonen, die sich im Labor entwickeln, bestehen aus höchstens 200 Zellen und sind so klein wie der Punkt am Ende dieses Satzes. Wenn sie sich nicht im Mutterleib einnisten können, sterben sie in diesem Stadium – auch in der Natur: Von 6 befruchteten Eizellen überstehen 4 bis 5 nicht den fünften Tag. Sie werden unbemerkt von der Frau mit der Monatsblutung ausgeschwemmt. Auch die Spirale als Verhütungsmittel schädigt nicht nur Spermien, sondern verhindert zudem, dass sich Embryonen einnisten.

Wird die Verfassungsänderung angenommen, so bleibt der Embryo speziell geschützt: Embryonen dürfen nach wie vor nicht nach Geschlecht, Haarfarbe oder Intelligenz ausgewählt oder ihre Gene manipuliert werden – und das ist gut so.

Lesen Sie dazu auch den Artikel der «SonntagsZeitung» «Wie weit darf die Fortpflanzungsmedizin gehen?»

Anke Fossgreen*Anke Fossgreen, Wissenschaftsredaktorin bei der «SonntagsZeitung»/«Tages-Anzeiger».

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