Als die Jugend revoltierte

1968 steht für gesellschaftlichen Aufbruch und das Verlangen nach Freiheiten. Der Fortschritt wurde mit Rebellionen erkämpft.

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Ein Student wirft während der Strassenkämpfe im Pariser Quartier Latin einen Stein in Richtung Polizei. (25. Mai 1968, Keystone)

«Wir können eine Gesellschaft gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat», proklamierte Rudi Dutschke, der deutsche Studentenführer, vor genau 50 Jahren. Sein linksutopischer Furor gegen herrschende Machtverhältnisse und für eine universale Menschheitsbefreiung entsprach dem Zeitgeist, der in einer weltumspannenden Protestbewegung mündete – mit teils dramatischen Ereignissen. Im April wurde Dutschke bei einem Attentat in Berlin lebensgefährlich verletzt. Die Linksaktivisten reagierten mit Demonstrationen und Brandanschlägen gegen den Springer-Verlag, dessen «Bild»-Zeitung gegen Dutschke gehetzt hatte. Ein Teil der Aktivisten radikalisierte sich, spätere RAF-Terroristen verübten erste Anschläge in Deutschland.

Studentenführer Rudi Dutschke mit Megafon während einer Demonstration in Frankfurt. (1968, Keystone/Getty Images)

Truppen der Roten Armee und verbündete Streitkräfte aus Ungarn, Polen, Bulgarien und der DDR beenden am 20. und 21. August 1968 den sogenannten Prager Frühling. (Keystone-France/Gamma-Keystone via Getty Images)

Ein Polizist beobachtet Bewohner der Resurrection City in Washington. Die von circa 3000 Aktivisten und während 6 Wochen bewohnte Zeltstadt wurde im Zuge der Poor People’s Campaign errichtet. (Mai 1968, Jill Freedman/Getty Images)

Polizisten werden aus einem besetzten Gebäude in der Nähe der Sorbonne von Aktivisten mit Steinen beworfen. (12. Juni 1968, Reg Lancaster/Daily Express/Hulton Archive/Getty Images)

Russische Soldaten während der sowjetischen Invasion in Prag. (Bill Ray/The Life Picture Collection/Getty Images)

Demonstration gegen den Vietnamkrieg auf der Sheep Meadow im Central Park New York. (27. April 1968, Robert Walker/New York Times Co./Getty Images)

Ein berittener Polizist verfolgt im Central Park einen Teenager, der während einer Antikriegskundgebung eine amerikanische Flagge verbrannt hatte. (12. Oktober 1968, David Fenton/Getty Images)

Demonstranten besetzen im Grant Park in Chicago während des Parteitags der Demokratischen Partei eine Statue. (1. August 1968, Julian Wasser/The Life Images Collection/Getty Images)

Schaulustige stehen in Chicago vor einem brennenden Gebäude, das während der Unruhen nach der Ermordung Martin Luther Kings in Brand gesetzt wurde. (5. April 1968, Lee Balterman/The Life Picture Collection/Getty Images)

Auch in Zürich kommt es zu Ausschreitungen. Jugendliche forderten von der Stadtregierung vergeblich ein Jugendhaus im sogenannten Globusprovisorium beim Central. (29. Juni 1968, Keystone)

Mitglieder der Black Panther Party stehen vor dem New Yorker Gerichtsgebäude unter einem Abraham-Lincoln-Quote. (11. April 1968, David Fenton/Getty Images)

Ein verhafteter Demonstrant macht in Chicago im Polizeiauto sitzend das Peace-Zeichen. (1. August 1968, Julian Wasser/The Life Images Collection/Getty Images)

Demonstranten tragen auf dem Berliner Kurfürstendamm ein Holzkreuz mit sich. (Süddeutsche Zeitung)

Am 6. Mai fordern über 10’000 Demonstranten die Freilassung ihrer drei Tage zuvor verhafteten Kameraden. Es kommt erneut zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. (Jack Garofalo/Paris Match via Getty Images)

Am Ende des Poor-People-Marschs versammeln sich Tausende in Washington D.C. (19. Juni 1968, Arnold Sachs/AFP)

Ein Knabe fährt auf einem Dreirad an Soldaten vorbei, welche nach der Ermordung Martin Luther Kings die Strassen bewachen. (1968, Getty Images)

Polizisten und Passanten stehen in Chicago vor einem geplünderten Geschäft. (April 1968, Sister Julia of Marillac House/Chicago History Museum/Getty Images)

Ein jugendlicher Demonstrant klettert in der Nähe des Prager Radiosenders auf einen russischen Panzer (25. August 1968, Getty Images)

Eine wegweisende internationale Bedeutung hatten die Mai-Unruhen in Paris. Dabei war es den Studenten gelungen, auch die Arbeiter zu mobilisieren. Einer der Studentenführer war Daniel Cohn-Bendit. Frankreich stand am Rande einer Revolution. Ein paar Wochen später, am 29. Juni, kam es in Zürich zu den Globus-Krawallen. Das war der Auftakt für die 68er-Bewegung in der Schweiz. Proteste gab es auch auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs. In der damaligen Tschechoslowakei richteten sie sich gegen die Zerschlagung des Prager Frühlings, der einen «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» zum Ziel hatte, aber von sowjetischen Panzern beendet wurde.

In den USA häuften sich die Aufstände der Schwarzen, nachdem der Bürgerrechtler Martin Luther King von einem Rassisten ermordet worden war. Gleichzeitig gingen immer mehr Amerikaner gegen den schmutzigen Vietnamkrieg auf die Strasse. Und in Mexiko protestierten Studenten gegen die korrupte Regierung. Die Gleichzeitigkeit von Protesten rund um den Globus machte «68» zu einer weltgeschichtlichen Chiffre. Unabhängig von den nationalen Besonderheiten der Rebellionen ging es immer um das Verlangen nach gesellschaftlicher Gerechtigkeit und persönlichen Freiheiten.

1968 hat die Welt nicht auf einen Schlag verändert. Marxistische Utopien blieben Hirngespinste. Sozialdemokratische und linksliberale Ideen änderten aber das politische Selbstverständnis einer Generation. Die stärkste Wirkung, die von den Rebellionen ausging, war die Emanzipation der Frauen. Fortan waren auch neue Lebensstile möglich. 1968 trug dazu bei, dass die westlichen Gesellschaften in den folgenden Jahrzehnten offener, liberaler und toleranter wurden.

9 Kommentare zu «Als die Jugend revoltierte»

  • blume sagt:

    es ist an der zeit für eine wiederholung

  • Beat Adler sagt:

    Das Pendel schlägt zurück, eine der nächsten Generation wird dann wieder eine „68-er“ sein. Und wenn wir schon dabei sind: History teach us nothing, leider

  • Rolf Hefti sagt:

    Danke für EURE Ehrlichkeit !

  • Samuel Müller sagt:

    Nach dem letzten Satz dieses Artikels wäre zu ergänzen:
    Heute bewegen wir uns jedoch im Laufschritt rückwärts. Die Enkel der 68er träumen von Heirat, Haus im Grünen und gutem Job auf der Bank. Die Angepassten werden belohnt, die Prüderie greift um sich und gewählt wird rechtsbürgerlich. Von den 68ern bleiben nur leere Schlagworte übrig, der Rest des damaligen Zeitgeists ist inzwischen verglimmt wie ein ausgerauchter Joint. Oh Brave New World!

    • Deutsch sagt:

      Da gibt es nichts zu ergänzen ….

    • Verena sagt:

      100% Zustimmung, ein Trauerspiel, welches leider Realität worden ist. Was ist bloss aus unseren Idealen und Zukunftsvisionen geworden? Der Jagd nach Geld und Konsum haben wir alle Ideale geopfert.

    • Marco Marazzi sagt:

      Es hat sich sehr viel verändert. Man muss aber genau hinschauen … googeln ist nicht genug.

    • Erasmus sagt:

      So ist es. Dafür gibt es einen simplen Grund: Geld regiert die Welt. Das gilt ganz besonders auch für die Generation der 68er, die heute fast alle zum Establishment gehören. Dem Lockruf des Geldes kann kaum jemand widerstehen. Da nützen auch hohe Ideale nichts. Und das wird sich widerholen, solange der Mensch existiert.

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