Das Geheimnis des Gewöhnlichen

Der Zürcher Francisco Paco Carrascosa feiert das Unscheinbare und Alltägliche.

Noch sind uns die Fotobände, die Francisco Paco Carrascosa unter dem Titel «Johnnie Walker on the Beach» 2014 herausgab, so frisch in Erinnerung, wie wenn wir sie gestern angeschaut hätten. Serielle Fotografie. Schnelle Bilder. Das gewöhnliche Leben. Ausschnitte des Alltags. Ein Bild gibt das andere. Es ist ein hinreissender, zum Bilderfluss gewordener Stream of Consciousness.

Atemlos blättern wir durch den ersten von insgesamt sieben neuen Bänden, die nun im Wiener Verlag für moderne Kunst vorliegen. «Black and White with Friends» ist der Titel. Es ist die zweite Lieferung eines als Trilogie angelegten gewaltigen Fotoprojekts. Der Umfang sprengt alle Grenzen: Insgesamt 3696 Seiten und ebenso viele Fotografien sind es geworden. Trotz dieser ungewöhnlichen Bildermasse entwickeln die Bände einen derartigen Sog, dass wir uns beim Anschauen keine Sekunde langweilen.

Befanden wir uns mit «Johnnie Walker» auf den Spuren der Menschen, folgen wir nun dem Fotografen auf den Spuren der Tiere, die er sowohl im Winter wie im Sommer, am Boden wie in der Luft aufnimmt. Stadtvögel. Spatzen, Amseln, Raben – manchmal können auch Hunde oder Katzen zum wiederkehrenden Sujet von Bildsequenzen werden. Die ungewöhnliche Perspektive wie der mutige Schnitt – oft erscheinen die Menschen nur ausschnitthaft – gehören ebenso zu dieser spontanen Fotografie, wie das, was es neben den Tieren, gewissermassen als atmosphärisches Beiwerk, von unserer Welt und den Menschen auf die Bilder geschafft hat.

Wir folgen Carrascosa in die Stadt und zum Skifahren. Wir schauen mit ihm hinüber auf den Balkon des Nachbarhauses und wandern mit in die Berge oder fahren zum Strand. Und was hält diesen nicht enden wollenden, so ganz dem Kleinen und Unscheinbaren zugewandten Bilderfluss zusammen? Es sind wohl die formalen und inhaltlichen Ähnlichkeiten der Einzelbilder, die sich in der chronologischen Montage aufeinander beziehen und zu einer vibrierenden Alltagserzählung ordnen.

 

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Francisco Paco Carrascosa: «Black an White with Friends». Verlag für moderne Kunst, Wien, 2019, 7 Bände à 528 S., ca. 350 Fr.

8 Kommentare zu «Das Geheimnis des Gewöhnlichen»

  • Max Pinscher sagt:

    Die Banane mit dem Klebeband war ungefähr gleich wertvoll wie diese Bilder. Aber die konnte man wenigstens essen.
    Eigentlich stimmt es schon, was andere hier gschrieben haben. Wenn man unbrauchbare Fotos macht, muss es Kunst sein. Und tatsächlich gibt es Journalisten, welche atemlos durch tausende dieser Fotos blättern, aber nur deshalb atemlos werden, weil die Fotobücher so schwer sind, und sie so lange herumblättern müssen..

  • Andrea Kessler sagt:

    Zum Glück erscheint dieser Beitrag nur Online. Jeder cm2 Papier wäre reine Verschwendung für die Bildli.

  • Pjotr Müller sagt:

    Kommt mir so vor, als hätte da jemand viel Geld für Fotobücher ausgegeben, die nicht so richtig zu gefallen vermochten.
    Jetzt werden sie zu hoher Kunst hochstilisiert.
    Vielleicht steigt nun der Wert?

  • Stefan sagt:

    So eine haltlose, undifferenzierte und geradezu anbiederische Kunstkritik habe ich schon seit Jahren nicht mehr gelesen. Schrieb der Künstler selbst? Oder ein naher Verwandter. In einem kurzen Moment dachte ich an „Mickey Blue Eyes“ … nun ja.

  • Roman Müller sagt:

    Ich vermisse ja die Zeit, als man statt „feiern“ noch würdigen sagte. Es hatte etwas … nunja … würdevolleres.

  • tigercat sagt:

    Im allgemeinen landen solche Fotos bei mir jeweils im Papierkorb. Wahrscheinlich stelle ich zu hohe Ansprüche daran, was ein gutes Bild ist.

  • Lasse Andersson sagt:

    Einfach grossartig, die alltäglichen Situationen und Szenarien die wir alle eigentlich sehen könnten aber nicht wahrnehmen. So wunderbar spannend hier zu uns gebracht, ein grosser Augenöffner zum Leben. Danke sehr Paco!

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