Brüste, Brände, Bundesräte

Zum 60. Jubiläum blickt die älteste Boulevardzeitung der Schweiz zurück und zeigt, warum sie von Anfang an auf die Kraft der Bilder setzte.

Am 30. Oktober 1959 finden sich in Bern Studenten zu einem Fackelzug zusammen, um das neue, ungeliebte Boulevardblatt feierlich in einem Sarg zu verbrennen. Auf Kartontafeln fordern sie: «Schweizervolk, öffne deine Augen!», und beklagen: «Jeder Trottel liest den ‹Blick›.» Bild: Jost Camenzind

Vor 60 Jahren, am 14. Oktober 1959, erschien die erste «Blick»-Ausgabe: sechs Seiten für 20 Rappen. Zwischen Lawinendrama, Terroristen und Kindermord zeigte man gross im Bild Grace Kelly zu Besuch bei de Gaulle. Nun hatte also auch die Schweiz eine Boulevardzeitung, die auf der Strasse sehr schnell sehr gut ankam, aber kaum jemand gelesen haben wollte. «Es gibt wohl kein besseres Symbol für die Bigotterie des Schweizer Bürgertums der Sechzigerjahre als die ‹NZZ avec› – der ‹Blick›, von der Kioskfrau im Falz des Elitetitels versteckt», schreibt Herausgeber Peter Wälty im Vorwort des Jubiläumsbildbandes «Blick war dabei – Boulevardfotografie von 1959 bis 2019». Viele der darin gezeigten rund 400 Fotografien sind aus einer Zeit, als kaum eine andere Tageszeitung Bilder auf der Frontseite drucken wollte. Bilder galten  als unseriös, für den «Blick» waren sie das wichtigste Verkaufsargument.

Eine Stripteasetänzerin bei der Arbeit im ersten Stock des Zürcher Cafés Odeon. Im Jahr 1968 befindet sich dort nach wie vor das Cabaret, das im Film «Café Odeon» (1959) von Kurt Früh schweizweit Bekanntheit erlangte. Bild: Milou Steiner

Bundesrat Adolf Ogi (SVP) landet nach einer Schussfahrt im heimischen Kandersteg BE im Tiefschnee. Bild: Karl-Heinz Hug, 1993

Der TV-Serien-Superstar David Hasselhoff am Muttertag 1989 auf dem Zürcher Bürkliplatz-Blumenmarkt. Bild: Federico Naef

Niki Lauda 1983 bei der «Blick»-Lektüre im Cockpit seines McLaren. Bild: Ferdi Kräling

So entsteht auf der Redaktion ein Symbolbild für die erste grosse «SonntagsBlick»-Serie «Schweizerin, das ist dein Mann». Bild: Felix Aeberli, 1969

Alfred Hitchock will mit seiner Anwesenheit der Premiere seines neuen Werks «Frenzy» im Kino Rex an der Bahnhofstrasse den nötigen Glanz verleihen. Der heute 79-jährige Polizeibeamte Bruno Gabrisch (r.) erinnert sich noch gut an den Tag: «Hitchcock alberte mit uns herum und liess sich für die Zuschauer von uns festnehmen. Das Bild hängt heute noch bei mir in der Stube!» Bild: Urs Hämmerle

Der Countrymusiker John Brack reitet ein Velosolex. Bild: Bruno Torricelli, 1992

Die Söhne von Radrennfahrer Erich Buchmüller als «SonntagsBlick»-Verkäufer. Bild: Walter Bösiger, 1974

Vegetarier auf dem Gemüsemarkt: Ein Nilpferd des Circus Knie wird im Jahr 1962 auf dem Marché de Plainpalais in Genf verpflegt. Bild: Donald Stampfli

Alexandra Feybli aus Uitikon ZH (links) und Rekha Datta aus Winkel ZH, zwei Finalistinnen der Miss-Schweiz-Wahl 2008, im Missen-Camp in Andalusien. Bild: Nicolas Righetti

Rasende «Blick»-Reporter hechten in ihre Dienstwagen. Der Volkswagen Variant ist bereits 1967 mit einer Autotelefonanlage ausgerüstet. Bild: RDB

Der 7. Februar 1972 sollte das Leben des 24-jährigen Bernhard Russi für immer verändern. Der Urner mit der Startnummer 4 gewinnt in Sapporo die olympische Goldmedaille in der Abfahrt. Bild: Felix Aeberli

18. August 1993, 0.51 Uhr. Die Kapellbrücke in Luzern brennt. «Blick»-Reporter Seppi Ritler berichtet: «Am rechten Reussufer angekommen, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Die stolze Holzbrücke, das weltweit bekannte Wahrzeichen der Leuchtenstadt Luzern, brannte lichterloh. Ich hockte auf den Gehsteig, ein Luzerner Politiker nahm neben mir Platz, und wir weinten beide.»

Studenten, Lehrlinge, Rocker und Hippies bescheren der Stadt Zürich im Jahr 1968 einen heissen Sommer. Die Jugendlichen fordern das Globus-Provisorium als Jugendzentrum, die Stadt lehnt ab, und es kommt zur Gewalteskalation. Bild: Felix Aeberli

Der Komiker Viktor Giacobbo mit Kunstfurzer Mister Methane 1994 in einer Pilotsendung der geplanten TV-Show «Tabula rasa» mit Kurt Aeschbacher. Es kommt aber nie zu einer Ausstrahlung der Sendung im ARD-Programm. Bild: Philippe Rossier

Die Rolling Stones bei der Ankunft in Zürich-Kloten zu ihrem ersten Schweizer Konzert am 14. April 1967. Bild: Sigi Maurer

Das Bild zeigt den Stützlisex-Gründer Godi Müller bei seiner Verlobungsfeier 1978 am Arbeitsort seiner Tänzerinnen. Vier Jahre lang ist ihm das Glück hold, doch dann wird seine Peepshow von den Behörden geschlossen. Nach wie vor gibt er das Geld mit vollen Händen aus – und verarmt schliesslich völlig. 1995 strandet er in Pfarrer Siebers Obdachlosenheim Suneboge, wo er die letzten Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 2004 verbringt. Bild: Bruno Torricelli

Renato Walder aus Eschenbach SG ist SVP-Fan. Aus diesem Grund liess er sich die Politiker Lukas Reimann, Christoph Blocher, Christoph Mörgeli und Nathalie Rickli (von links) auf die Brust tätowieren. Das zweite Tattoo von links zeigt ihn selbst. Bild: Mirko Ries, 2014

«Blick»-Reporter Rudolf Rohr beim Entwickeln seiner Bilder in einem improvisierten Fotostudio an der Tour de Suisse 1968. Bild: Sigi Maurer

Cover_1

Das Buch ist ab dem 18. November 2019 im Schweizer Buchhandel zum Preis von 75 Schweizer Franken erhältlich.

19 Kommentare zu «Brüste, Brände, Bundesräte»

  • Hans Meier sagt:

    75 Franken für ein Fotobuch? Der Blick hat’s scheinbar nötig.

  • karl-heinz hug sagt:

    ich bin einer der fotografen!! habe vor meiner fotografe-ausbildung 1980 schon als bub unterwegs mit meinem puch maxi, unfälle für den blick fotografiert. heute, 40 jahre später, bin ich bundeshausfotograf und immer noch ( auch für die blick-gruppe) unterwegs und es gilt halt immer noch der spruch: ein gutes bild sagt mehr als tausend worte!!! habe im übrigen 14 fotos in diesem buch aus einer auswahl von 7 millionen bildern….
    herzliche grüsse karl-heinz hug

  • Jack Stoffel sagt:

    Die Bildauswahl hier macht neugierig. Ich staune immer wieder, wie viel eine einzige Fotografie über eine ganze Epoche aussagen kann. Leider ist der Preis des Buches, sagen wir mal, sehr viel höher als das fast schon sprichwörtliche „Blick“-Niveau…
    Ich weiss nicht, ob ob die folgende Anekdote wahr ist oder in die Kategorie „se non è vero, è ben trovato“ gehört: Da soll mal im „Blick“ die dramatische Riesenschlagzeile „Fritzli starb den Flammentod“ gestanden haben. Beim Betrachten des dazu gehörenden Bildes und beim Lesen des Artikels sei dann klar geworden, dass Fritzli ein Wellensittich war.

  • Walter Cheswick sagt:

    Der Blick, ob man ihn mag oder nicht, gehört zur Medienlandschaft in der Schweiz. Natürlich ist Vieles zweifelhaft, aber er hat(te) tatsächlich Einfluss. Und die, welche am meisten dagegen wettern, schauen ihn vermutlich auch. Und das mit „ich lese den Blick nur wegen des Sportteils“, na ja…

  • Peter Buckel sagt:

    Vielleicht spiegelt der Blick die Gesellschaft nur so roh wie sie tatsächlich ist. Ohne es zu beschönigen. Die Menschen klatschen und tratschen und wollen es wissen. Wie das eigentlich ist!

  • Rolf Raess sagt:

    Fehlt im Titel: „Lügen & Rassismus…“, wenn ich an die Aera Übersax & Co. denke! Und das lange vor Trump… aber getreu dem Deutschen Bild.

  • Christoph Dipner sagt:

    Blick ist für mich seit 4 Jahrzehnten ein no go.
    Möglicherweise nimmt die Lügenpostition zwecks Sensations-Generierung nicht mehr den gleichen skrupellosen / ursprünglichen Stellenwert ein.
    Unbestritten bleibt einzig die Sport-Berichterstattung.
    Die sonst weitgehend schamlose Auflagenhascherei ist verachtenswert, zutiefst unmoralisch.

  • Wendelin Maier sagt:

    Der Blick:-) ja ja. Lohnenswert den Blick zu richten…

  • HU Wartenweiler sagt:

    Es ist ja wirklich interessant. Alle schimpfen über den Blick. Aber ob im Café, in der Militärkantine oder sonst wo – der Blick ist immer die erste Zeitung welche vergriffen ist ! Für mich ist er langsam zu handzahm geworden. Es wäre zu wünschen er würde wieder bissiger und aufmüpfiger

  • Martina Albertin sagt:

    Über die Brücke in Luzern bin ich mal gelaufen und kurze Zeit danach ist sie abgebrannt, ich war ganz schockiert und finde es schön, dass sie wieder restauriert worden ist. Aber es ist ein gutes Gefühl irgendwie über das Original gelaufen zu sein.

  • Othmar Riesen sagt:

    Bestens gemacht, vielen Dank, lieber Tagi. Und danke an den Blick, dass es ihn gibt. Ich lese täglich die internationale englischsprachige Presse (NY Times, Financial Times), aber stets auch und mit Genuss den Blick. Eine super Ergänzung.
    Beste Grüsse
    O.R.

  • Michael sagt:

    «Jeder Trottel liest den ‹Blick›.»

    Beschämend für die ganze Nation, dass diese damaligen Studenten mit dieser Aussage immer noch recht haben. Ok, leider sind noch 20 Minuten und Watson dazukommen.

  • Ueli Furrer sagt:

    Noch heute spricht der Blick zuerst mit der Leiche (Waldmensch oder Bauersucht oder irgendwer)
    Primitiv! – Auflage!
    Juhui: der Papst ist tot. Oder auch nicht. Leute: Kauft den Dreck!

  • Anton sagt:

    Kauft diesen Schmarren nicht. Blick ist eine Beleidigung.

    • Boris Müller sagt:

      man muss boulevardjournalismus nicht mögen, aber aus fotografischer sicht ist der bildband grossartig. und um den gehts hier.

      • Christian Hofstetter sagt:

        Ich bin mit ihnen einverstanden, dass der Bildband ein grossartiges Zeitdokument ist. Lob, wem Lob gebührt, auch wenn ich mit dem Boulevardjournalismus, wie er im Blick produziert wird, nicht einverstanden bin.

Kommentar

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