Ganz viel Leben

Christian Schwarz legt einen weiteren monobaristischen Bildband aus dem Niederdorf vor.
Fast 400 Fotos aus 22 Jahren aus der Züri Bar und dem verbundenen Kon-Tiki.
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Das erste Bild: Ein Mann mit langem Haar, Bart und Hut, aufgenommen 1996 in Schwarzweiss. Das letzte: Eine Frau mit langem Haar, die Arme auf den Tresen gestützt, die Augen geschlossen, aufgenommen in Farbe. Dazwischen liegen 22 Jahre. Christian Schwarz hat die ganze Zeit über fotografiert. Christian Schwarz ist bei diesen Arbeiten der embedded photographer, der eingebettete Fotograf. Er bewegt sich seit immer in seiner Nachbarschaft, er ist selbstverständlicher Teil der Altstadt und ihrer Knellen, ihrer Kneipen und Bars, ihres Nachtlebens. Er kennt alle, alle kennen ihn. Das ist für diese Art der Fotografie essenziell.


Wer wissen will, wie Schwarz arbeitet, der blättert sich durch seinen neuen, schweren Bildband über die Züri Bar und das Kon-Tiki bis zum Bild auf Seite 179, aufgenommen im Jahr 2010. Schwarz hat durch die Scheibe von draussen nach drinnen fotografiert. Da sitzt ein Mann am Tischchen, der mit minimalem Kraftaufwand aus dem Handgelenk heraus ein Bier kippt, die Flasche auf der Unterlippe abgestellt, den Kopf stoisch gerade gehalten. In der Spiegelung zu entdecken: Christian Schwarz, so typisch, wie er da steht, mit Zigi und der Kamera bei der Arbeit. Im nächsten Moment wird er an der Bar drinnen ein Bier trinken und mit seinem Sujet verschmelzen.
Auf diese Weise entstanden (und entstehen weiterhin) schon fast beiläufig Tausende Bilder. So dokumentiert Schwarz das Leben und die Zeit im Niederdorf; sein Leben und seine Zeit. Christian Schwarz sieht sich als Chronist, er arbeitet bei seinen eigenen Projekten immer nach dem Prinzip des offenen Zeitfensters. So etwa auch bei seinem im Eigenverlag erschienenen Buch über die Bodega.
In einem Porträt des Schweizer Fernsehens bezeichnet sich der 63-jährige Schwarz selber als Beobachter, als Voyeur seiner Umgebung. Weil er eben Teil ist, lassen die Menschen Schwarz zu und an sich heran. Seine Bilder bestechen durch Nähe, Unmittelbarkeit, durch das Beiläufige. Das eine Bild für sich mag mittelmässig sein, die Bilder als Gesamtes sind faszinierend. Rahel Sadkowsky beschreibt es im Vorwort zum Buch so: Ihr sei schlecht geworden, als sie entdeckte, was Schwarz fotografisch machte. «Dem Sog seiner Fotografie (…) nichts entgegensetzen zu können, beeindruckte mich tief.» Sie sieht im Bildband ein «Foto-Tagebuch selbsterzählender Bilder».
Da ist auch dieser Mann, dem der Tresen über den Kopf gewachsen scheint. Ob die Zehnernote, die er in der Hand hält, reicht, die Ausstände des Abends zu begleichen? Da sind müde Gesichter, schweissnasse Musiker. Da sind wunderbare Fotos und Zerrbilder. Da ist einer, der auf dem Velosolex aus der Bar fährt. Da sind Hündchen und Hunde und Kinder, und da ist ganz viel Leben.

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Christian Schwarz: «Begegnungen. ­Züri Bar, Kontiki, 1996–2017», Schwarzbuch Edition, Zürich 2017. Erhältlich bei www.christianschwarz.ch

8 Kommentare zu «Ganz viel Leben»

  • Rita sagt:

    Christian fängt mit seinem Können Seelen ein. Danke für so viel lehrreichen Einblick in die Absichtslosigkeit des Augenblicks!

  • Marcel sagt:

    Wurde Francis, das zürcher Obdachlosenurgestein aus Uebersee im ersten mit seinem typischen Gesichtsausdruck auch noch verewigt.
    Schade beginnt das Buch erst 1996, da waren die legendären Barmänner wie Mojo selig, Chläus, Klemens und wie sie alle hiessen glaub schon nicht mehr in der Züri Bar.
    Die ZB war auch mal meine Wohnstube ab Ende der 80er Jahre.
    Schön wurde die ZB nach kurzem Aus doch noch gerettet. Muss glaub auch wieder mal ein Bier dort trinken gehen und mir diesen monobaristischen Bildband mal genauer anschauen, kennen tue ich da sicher noch mehr. König Kraska selig war auch regelmässig dort mit seinen Hofnachrichten.
    Die guten alten Zeiten, als noch niemand permanent auf sein Handy starrte!

  • Denogent-Gautschi Ariane sagt:

    Tolle Bildaufnahmen, danke!

  • Maiorca Meier sagt:

    der einzige Historiker in Zürich, danke vielmals

  • Fenchel Heini sagt:

    BARHÖLL

  • Sissi sagt:

    „…einen weiteren monobaristischen Bildband…“

    Tamediajournis, was für einen Bildband?

    F.G. S.

Kommentar

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