Hallo, schöne Frau …

Komplimente in Sicht: Eine Passantin nähert sich einem Mann, der auf Havannas Strassen Feuerzeuge repariert. Foto: Ariana Cubillos (AP)

Europa? Schön, reich, aber kalt wie eine Leiche. Sagen manche Kubaner nach ihrer ersten Reise auf den Alten Kontinent – und meinen damit nicht die Temperaturen, sondern das zwischenmenschliche Klima. Was man von den Rückkehrern oft hört: In Europa verkümmerst du innerlich.

Männer sagen, da darfst du keiner Frau nachschauen, geschweige denn ihr ein Küsschen zuwerfen. Frauen sagen, da macht dir kein Mann schöne Augen, sie trauen sich nicht mal, dich anzuschauen. Kurz: Viele Kubaner vermissen in Europa die «piropos», die Schmeicheleien und Komplimente, die auf der Insel seit jeher zum Umgangston zwischen den Geschlechtern gehören.

Ein Zuzwinkern, sich in die Augen schauen, verschmitzt oder offen anlächeln, das Aussehen des anderen im Vorbeigehen kommentieren, säuselnd, oder offen und herausfordernd: Was anderswo als Anmache und Machogehabe von gestern gilt, als Übergriff empfunden wird, ist in Kuba quasi ein Kulturgut, ein populär-poetisches Genre.

«Du mit diesen Kurven, und ich ohne Bremsen»

Ein «piropo» kann eine romantische Gedichtstrophe sein, aber eigentlich entsteht der «piropo» nicht am Schreibtisch, sondern spontan, pfeilschnell, aus dem Moment heraus. Der Gärtner, der zu einer vorbeigehenden Frau sagt: «In all meinen Berufsjahren habe ich nie eine Blume wie dich gesehen.» Oder: «Wie die Technologie Fortschritte macht … jetzt können schon Blumen spazieren gehen.» Der Mann im Auto zur Passantin, der er den Vortritt lässt: «Du mit diesen Kurven, und ich ohne Bremsen.» Was in der Übersetzung plump wirken mag, kann im Kubanisch-Spanischen geschmeidig klingen.

Über Geschmack und Qualität kann man wie immer streiten. Im besten Fall sprühen «piropos» vor Einfallsreichtum und Sprachwitz, sind tiefsinnig oder elegant zweideutig, je kürzer und träfer, desto besser, die besten erreichen die Qualität von Sinngedichten oder Aphorismen. Wer nicht ein passendes Zitat aus einem Gedicht parat oder den genialen Geistesblitz hat, macht es eben mit einem Klassiker. «Wenn ich blinzle, entgeht mir ein Augenblick deiner Schönheit.» – «Meine Liebe, wenn die Sonne dich sehen könnte, würde es nie Nacht werden.» – «Glaubst du an die Liebe auf den ersten Blick, oder muss ich nochmals vorbeikommen?»

«Señora, Sie sind wie die Geschichte»: Zwei Kubanerinnen posieren für Touristen. Foto: Jose Goitia (AP)

Kubaner, die eine Vorliebe für ältere Frauen haben, umwerben diese gerne mit dem Satz: «Señora, Sie sind wie die Geschichte – mit vielen Seiten, aber stets interessant.» Die Aufmerksamkeit einer Frau mittleren Alters, die mit einer jüngeren durch die Strasse geht, gewinnt man mit: «Ihr seht aus wie Schwestern.» Diese Worte provozieren meistens ein Lächeln bei beiden. Will der Süssholzraspler in derselben Situation unmissverständlich, aber galant seine bevorzugte Wahl kundtun, sagt er: «Señora, gehen Sie mit Gott, ich bleibe bei Ihrer Tochter.»

Gegen die alte Schule der Schmeichelei

Traditionelle, sprich anständige «piropos» sind Komplimente ohne Absichten. Traditionell ist aber auch, dass jene an die Frau sich fast immer nur auf ihr Äusseres beziehen, jene an den Mann oft auf dessen Körper und Geist. Einen gescheiten Kopf mit Glatze umgarnt eine Frau mit «Mein Lieber, dein Kopf glänzt aussen so sehr wie innen».

Glänzender Kopf: Schauspieler Vin Diesel an einer Chanel-Show von Karl Lagerfeld in Havanna, 2016. Foto: Ramon Espinosa (AP)

Doch «piropo» ist nicht mehr gleich «piropo». Schon seit längerem wird in Kuba der Wertezerfall in der Kultur des Komplimentemachens beklagt. Viele neue «piropos» der jungen Generation stammen aus anzüglichen bis obszönen und frauenverachtenden Liedstrophen aus dem Hip-Hop und Reguetón. Oft pure verbale Gewalt. Für die Damen und Herren der alten Schule der Schmeichelei ein Graus.

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