Als England noch schwarz war

Welttheater

So also sahen die Steinzeit-Briten aus: Rekonstruktion des Gesichtes von Cheddar Man. Foto: Keystone

Cheddar Man lässt seinen Landsleuten keine Ruhe. Dabei liegt er schon seit über hundert Jahren friedlich in seinem Museums-Sarg. Das 1903 in Cheddar Gorge in der Grafschaft Somerset ausgegrabene Gerippe aus der Mittelsteinzeit war seinerzeit ein echter Sensationsfund gewesen. Es erwies sich als das älteste je entdeckte komplette menschliche Skelett auf den Britischen Inseln. Cheddar Man war sozusagen der erste moderne Brite. Er sass in seiner Höhle 10’000 Jahre vor unserer Zeit.

Mit Cheddar Man waren die Forscher auf den Repräsentanten einer Menschengruppe gestossen, deren DNA offenbar noch heute bei zehn Prozent aller Briten zu finden ist. Was ausführlichere Tests jetzt aufdeckten, hat freilich weithin für Überraschung gesorgt. Cheddar Man soll nämlich blauäugig gewesen sein und zugleich von eindeutig dunkler Hautfarbe. Schwarz oder dunkelbraun, davon sind die Gen-Detektive überzeugt.

Diese Enthüllung hat einiges Amüsement hervorgerufen in der schwarzen Bevölkerung Grossbritanniens. Die weissen Immigranten trafen also erst einiges später ein. Die frühneolithischen «Briten» stammten jedenfalls ursprünglich aus Afrika und wanderten über den Nahen Osten und dann über die damals noch problemlos begehbare Nordsee nach England ein.

Spätere Zuwanderungswellen (und gewiss auch das leidige Klima) liessen die Nachfahren Cheddar Mans dann mehr und mehr erbleichen. Aber in Cheddar Gorge, wo Cheddar Man gefunden wurde, sehen sich manche Alteingesessene jetzt nach eigenem Bekunden im Spiegel ganz neu.

Rasse als Mythos

Der pensionierte Geschichtslehrer Adrian Targett, der keine Meile weit von der Höhle entfernt wohnt, registrierte sofort «eine starke Ähnlichkeit». Die Haut des blauäugigen Pädagogen ist leicht angedunkelt: «Und ich hab sogar seine Nase.» Laut DNA-Vergleich ist Targett mütterlicherseits mit Cheddar Man verwandt.

Cheddar Man lebte vor über 9000 Jahren in England. Foto: Getty

Ein schwarzer Schüler an Targetts früherer Schule freute sich darüber mit den Worten: «Wir gehören alle ein und derselben Rasse, der menschlichen Rasse, an.» Rasse sei eh kein biologischer Begriff, sondern bloss ein Mythos, hatte ja schon 1950 die Unesco proklamiert. Probleme bereitet das freilich all denen in Grossbritannien, die das spezifisch «Britische» immer mit weisser Hautfarbe verbanden. Die müssten nun halt umdenken, spotten jetzt scharfe Zungen überall im Land.

Der Satiriker Mark Steel hat just Anti-Einwanderungs-Verbänden geraten, ihre Parolen zu ändern, wenn sie auf die Strassen gehen. Verteidiger des Vaterlandes, meint Steel, müssten nun skandieren: «Das hier war immer ein Land für die britische Rasse! Bis ganz zurück zu den Anfängen! Jetzt aber ist es überrannt von Weissen, die uns unser britisches Wesen kaputt machen wollen. Davon haben wir die Schnauze gestrichen voll!»

Puristen müssen umdenken

Gegen die Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle, meint Steel, könnten Puristen natürlich weiter zu Felde ziehen. Nur müssten sie nun eben anders herum argumentieren: «Wie abscheulich, dass Prinz Harry unseren authentischen britischen Charakter besudelt, indem er sein fremdes weisses Blut mit der natürlichen britischen Schwärze Meghan Markles mischt.» Bedauern müsse man auch gelegentliche schwarze Besucher in der englischen Provinz, in durchgehend weissen Gegenden: «Die müssen sich doch fühlen wie Fremde im eigenen Land.»

Blauäugig oder nicht: Im Grunde stellt Cheddar Man ja nun auch die neueste Kampagne des britischen Innenministeriums infrage, die durch warnende Videoclips Möchtegern-Migranten aus Afrika vom Trip nach Europa (und weiter Richtung Ärmelkanal) abschrecken will.

Wollten sich britische Traditionalisten auf ihre Ursprünge und ihren ältesten Gen-Pool besinnen, müssten sie im Gegenteil möglichst vielen Menschen aus Afrika und Nahost eine Brücke ins Vereinigte Königreich schlagen – also die Zugbrücke nach Calais herablassen. Aber die Chancen dafür sind, trotz Unesco, wohl eher gering.

8 Kommentare zu «Als England noch schwarz war»

  • Mario sagt:

    Was aus meiner Sicht im Artikel völlig für quer herüberkommt, das was da rekonstruiert wurde, ist zwar jemand mit dunkler Hautfarbe, aber ganz bestimmt kein neuzeitlicher Afrikaner. Es kommen auch nicht alle schwarze Menschen aus Afrika. Es gibt in Asien Völkerschaften, die können was dunkle Haut angeht, mit den Afrikanern mithalten, haben mit denen aber genetisch nur das Mensch-sein gemeinsam. Das man überhaupt genetisch feststellen kann, wer schwarz und weiß ist und man auch die Farbe der Augen nachträglich rekonstruieren kann, zeigt doch sehr deutlich das es deutlich unterschiedliche Menschengruppen gab und gibt, die sich genetisch und äußerlich unterscheiden.

  • Peter Meier sagt:

    Der Nordirland Konflikt und die britische Entkolonialisierung sind wohl alles andere als friedlich abgelaufen. Den Ruf der britischen Hooligans rundet das Ganze noch ab. Die Konflikte, die Sie meinen, sind Konflikte aus der tiefsten sozialen Schicht. Daher werden Sie kaum albanische Ärzte in Schweizer Gefängnissen finden. Genausowenig Thurgauer Ärzte, oder aus anderen Kantonen. Die Kriminalitätsrate hat nichts mit Rasse, Ethnie oder Herkunft zu tun.

    • P.Meier sagt:

      Es gibt ein Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Hang zu Kriminalität im Allgemeinen und Gewalt im Besonderen. Junge Männer ohne Ausbildung die weder Lesen noch Schreiben können mittels eines zu weit ausgedehnten Definition von Asylrecht hier her zu locken ist grob fahrlässig. Es braucht bei der Migration ein Punktesystem nach dem Vorbild von Kanada und Australien.

  • lenz sagt:

    Wir sollten da mal grundlegend von der Hautfarbe wegkommen. Er war so, dass Menschen das lebensfreundliche Afrika (wir erwarten hier aktuell -20 Grad, gefällt mir gar nicht) verlassen haben, weil Sie sich von einem Leben woanders Vorteile versprachen. Das Leben hier prägt, die mit einem unangepassten Sozialverhalten verhungerten damals einfach im Winter (fies zu den Nachbarn, keine Vorbereitung, …). Aktuell scheint für viele GB (Sozialhilfe, Dach übern Kopf, …) das bessere Paradies zu sein. Die Hautfarbe erscheint mir einfach nur als eine Anpassung der Körpers an die Umgebung. Vielleicht bleiben die „schwarz“, weil es hier nicht schadet – aber das ist Biologie, da habe ich keine Ahnung von. Ich weiß auch nicht, warum hier manche 1,60m und manche 1,95 sind, schadet aktuell auch nicht.

  • P.Meier sagt:

    England gehört zu den friedlichsten Regionen dieser Welt, wohingegen Afrika eine der gewalttätigsten Regionen dieser Welt ist. Ausserdem neigen junge Männer viel häufiger zu Gewalttaten als andere Bevölkerungsgruppen wie z.b. alte Frauen. Bei der Migrations Kritik geht als nicht um die Hautfarbe, sondern darum, dass es zu sozialen Problemen führt, wenn eine überdurchschnittliche Gewaltbereite Gruppe Menschen (junge Männer) die in der gewalttätigsten Region der Welt (Afrika) sozialisiert wurden, in ein überaltertes und friedliches England migrieren.

    • Thomas W. sagt:

      Aber diese Kritik ist vollkommen einseitig und geschichtsignorant. Dass eine der brutalsten Kollonialmächte und durch Ausbeutung anderer Kontinente reich gewordene, sicherlich einen Haufen Kriegsgüter verkaufende Nation heute friedlich und wohlhabender als der Großteil Afrikas ist, liegt u. a. genau an eben dieser brutalen und ausbeuterischen Geschichte der Nation und den globalen Zusammenhängen ihres Handelns. Viele „britische“ Erfindungen, Entwicklungen und Ressourcen waren nur aufgrund des kolonial erworbenen Wissens und materiellen Reichtums möglich – während viele Ecken dieser Welt einen Teil ihrer gewalttätigen und elenden Kontexte genau diesem Missverhältnis zwischen – grob gesagt – Europa/Norden und Afrika/Süden zu „verdanken“ haben.

      • Thomas W. sagt:

        somit: wo muss die Kritik ansetzen, wenn es zu realen sozialen Problemen im heutigen Großbritanien kommt? An jungen Männern mit Gewalterfahrung? Oder zumindest AUCH an ganz vielen andere Akteuren und Kontexten, dessen Miteinbeziehung jede rechtspopulistische/nationalistische oder damit verwandte Argumentation und Kritik als reduktionisitischen Unsinn dastehen lässt.

        Und vor allem: was ist die „Lösung“? Brexit und das Schwenken von Flaggen wohl absolut gar nicht 😉

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