Busse für spätes Jawort

Eine Hochzeit gibts nur, wenn das Timing stimmt: Hugh Grant und Andie MacDowell in der britischen Komödie «Vier Hochzeiten und ein Todesfall» von 1994. Foto: StudioCanal

Kirchliche Trauungen in England stellen oft die Geduld der Beteiligten auf die Probe. Pfarrer, Chorsänger, Organisten und Glöckner kommen selten zur vereinbarten Zeit. Hochzeitsgäste auf der Insel haben sich daran gewöhnt, eher gemächlich zu Trauzeremonien einzutrudeln. Für manche ist späte Ankunft sogar ein persönlicher Gag, ein theatralisches Muss.

Und auch viele Brautpaare halten Pünktlichkeit nicht mehr für die Zier, die sie einmal war, in den alten Zeiten. Ohne Braut und Bräutigam läuft schliesslich nichts an deren grossen Tag. Die Welt kann ein bisschen warten. Gottes Segen ist garantiert. Die Glocken werden schon läuten. Auch wenn man im Verkehr stecken bleibt auf dem Weg zur Kirche oder das Auto in letzter Minute streikt.

Die «Pünktlichkeitskaution»

Einem Pfarrer in der Grafschaft Kent, im Südosten Englands, ist das Warten auf Hochzeitsgesellschaften aber jetzt zu viel geworden. Der Reverend John Corbyn, der die Heiligkreuzkirche in Bearsted und die Kirche der Heiligen Jungfrau Maria in Thurnham betreut, will nicht länger müssig herumsitzen und auf die Uhr schauen müssen zusammen mit seinem Team.

Zweimal verspäteten sich Brautpaare in Corbyns Kirchen fast um eine halbe Stunde. Und nicht mal entschuldigen mochten die Betreffenden sich. Das, fand der Pfarrer, war niemandem zuzumuten. «Meine Leute hier», erklärte er gegenüber der Printausgabe der Londoner «The Times», «fühlten sich ausgenützt.»

Hat genug von Unpünktlichkeit: John Corbyn, Pfarrer der Holy Cross Church in Bearsted. Foto via skynews

Also kam Corbyn auf die Idee, bei der vertraglichen Vereinbarung von Trauungen zusätzlich zur Traugebühr eine «Pünktlichkeitskaution» in Höhe von 100 Pfund (ca. 132 Franken) in Rechnung zu stellen. Kommt die Trauung binnen zehn Minuten nach der abgesprochenen Zeit in Gang, erhalten die Brautpaare diese 100 Pfund zum Ende der Trauung zusammen mit dem Trauschein wieder überreicht.

Verzögert sich die Zeremonie aber um mehr als zehn Minuten, ohne dass triftige Gründe für die Verspätung vorgebracht werden, dann behält Reverend Corbyn das Geld ein – und verteilt es an seine Mitarbeiter, eben an die einbestellten Glöckner, die Choristen, die Helfer in der Sakristei und an der Orgel. Bei bis zu zwei Dutzend Helfern pro Hochzeit sei das «gerade mal ein Fünfer» für jeden: «Aber es ist wenigstens etwas.»

Auf die Idee gebracht hatte den englischen Pfarrer ein Besuch in Kampala in Uganda, wo er an einem Festtag der Trauung einer grossen Zahl von Paaren, «mit einer Heirat unmittelbar nach der anderen», beiwohnte: «Man bot den Leuten kleine Anreize an, damit es nicht zu Verzögerungen kam.»

Probleme auch im Standesamt

Eher mit kleinen Sanktionen sucht man derweil im Vereinigten Königreich dem Problem der verspätet eintreffenden Hochzeiter beizukommen. In Standesämtern, die sich unter Zeitdruck finden, wird Brautpaaren eh schon seit längerem eingeschärft, dass ihnen höchstens dreissig Minuten im Trauzimmer zustehen – An- und Abmarsch der Gäste inklusive.

Wer nicht rechtzeitig da ist, muss damit rechnen, sein Jawort «in beschleunigtem Tempo» abgeben und danach unverzüglich wieder abrücken zu müssen. Für Hochzeitsfotos und musikalischen Ausklang bleibt in einem solchen Fall keine Zeit.

So weit ist es in der Heiligkreuzkirche von Bearsted und der Kirche der Heiligen Jungfrau Maria in Thurnham noch nicht. Mit der Pünktlichkeitskaution in seinen Kirchen glaubt Pfarrer Corbyn das Problem für sich und die Seinen behoben zu haben. Im vorigen Jahr, meldet er stolz, begann bei ihm keine einzige Trauung mehr später als erlaubt.

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