Fidel Castro lebt!

Kubas Präsident President Raúl Castro salutiert vor dem Grab seines verstorbenen Bruders und Staatsführers Fidel Castro. Foto: Marcelino Vazquez (Reuters, ACN, vi)

Kuba hat kein gutes Jahr hinter sich. Die Insel, von der man ohnehin nicht sagen kann, dass sie mit der rasenden Zeit Schritt hält, ist von der grauen Vergangenheit eingeholt worden. Donald Trump, Raúl Castro und sein engster Veteranenzirkel (in dem alle über 85 Jahre alt sind) haben vieles zunichtegemacht, was gerade eben zaghaft zu wachsen begann.

Frieden mit den USA gab es nur mit Obama, und die Zeiten, in denen die alten Kommunisten jungen Unternehmern nach und nach kleine wirtschaftliche Freiheiten zugestanden, sind auch schon wieder vorbei. Der Staat erlaubt keine neuen, lukrativen Privatgeschäfte mehr und knöpft sich all jene vor, die in den letzten Jahren selbstständig gut Geld verdient haben.

Das Wort «tot» ist tabu

Restaurants, Clubs und andere Betriebe, die brummten, werden zwangsgeschlossen, Besitzer und Chefs eingesperrt, angeklagt und verurteilt. Die Staatsgewalt findet immer etwas, was sie gegen Bürger verwenden kann, die zu erfolgreich wirtschaften und die staatliche Konkurrenz alt aussehen lassen.

The great leader is watching you: Eine Wachfrau sitzt unter einem Bild von Fidel Castro in einem Amtshaus in Havanna. Foto: Alexandre Meneghini (Reuters)

Als wäre das Leben allein nicht genug, müssen die Menschen auch noch tagtäglich das «physische Verschwinden» Fidel Castros ertragen. Nach offizieller Sprachregelung ist der Máximo Líder der Revolution nicht «gestorben» und demnach auch nicht «tot» – beide Worte sind tabu –, sondern eben nur «physisch verschwunden». Heisst: Vor einem Jahr wurde seine körperliche Hülle verbrannt und beerdigt, alles andere von ihm ist noch da, sein Geist, sein Denken, seine Ideen, seine wegweisende Hand, sein drohender Zeigefinger.

Fidel Castro ist in Kuba lebendiger und präsenter denn je. Jeden Tag erscheint er mehrfach in Bild und Wort in den Zeitungen, spricht er im Radio und Fernsehen. Überall blickt er von Plakaten, alten Fotos und neuen Büchern, wird er in Liedern, Gedichten und an Anlässen zitiert. An Veranstaltungen und Vereidigungen wird seine Stimme ab Tonband und über Lautsprecher abgespielt – etwas Passendes findet sich immer, es gibt kein Thema, zu dem Fidel nichts gesagt hat, das Ton- und Bildarchiv ist unermesslich. Der Mann, von dem es gemäss seinem letzten Willen keine Statuen geben darf und nach dem keine Strassen und Gebäude benannt werden dürfen, wird von seinem Staat als Unsterblicher am Leben erhalten, als wäre er nur eben mal kurz weg.

Tonnenschweres Maiskorn

Ein Libretto zu Ehren des Máximo Líder: Im Theatersaal vor der Gedenkfeier. Foto: Alexandre Meneghini (Reuters)

In den letzten zwei Wochen, rund um den ersten Jahrestag seines «physischen Verschwindens», hat dieses «Fidel ist unter uns und überall» hypnotische Züge angenommen. An einer kulturellen Gala war jede Komposition, jedes Libretto, Lied und Gedicht, jede Choreografie eine Lobpreisung auf Fidel. In den vorgetragenen und gesungenen Texten wurde Fidel als Retter, Heilsbringer, Befreier, Führer, Wegweiser, Vater, Prophet, Stern, Licht, Herz, Seele und vieles mehr bezeichnet. Sogar mit Jesus Christus wird er verglichen. Für einen wie Fidel kann es gar nicht genügend Synonyme geben. Die geladenen Gäste der Gala standen immer wieder auf und skandierten «Fidel, Fidel!». Die Nomenklatura sass in der vordersten Reihe.

Nur einer fehlte: Raúl Castro. Am Morgen danach stand er bei Sonnenaufgang dann aber stramm in seiner olivgrünen Uniform vor Fidels Grab, legte eine weisse Rose nieder und salutierte seinem grossen Bruder. Dessen Grab ist ein Stein in der Form eines simplen Maiskorns. Eine Allegorie an einen Satz eines anderen kubanischen Nationalheiligen, dass jeder noch so grosse Ruhm in einem Maiskorn Platz hat. Fidels Maiskorn aus Stein ist ein riesiger Brocken und tonnenschwer.

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