Ein Schimpfwort namens «Velo»

Gilt als lebensmüde: Ein Velofahrer in der Innenstadt von Buenos Aires. Foto: Marcos Brindicci (Reuters)

Die Argentinier sind ein diskussionsfreudiges Volk, und wenn vier zusammensitzen, dann gibt es oft fünf Meinungen. In den letzten Jahren hat sich zudem ein tiefer Spalt aufgetan zwischen denen, die unbedingt Cristina Kirchner zurückholen möchten, und jenen, die alles täten, um das zu verhindern. Dass nun die Kampagne vor den Parlamentswahlen begann, befeuert den Grabenkampf zusätzlich. Doch neulich gab es einen jähen Moment nationaler Eintracht, als alle, von den Trotzkisten bis zu den Ultraliberalen, die Regierung von Mauricio Macri für verrückt erklärten.

Was war passiert?

Überall in den sozialen Medien: María Belén Cardasz. Foto via «Conclusion»

Nun, irgendjemand machte sich die Mühe, das dröge Amtsblatt zu lesen und fand die Nachricht, dass via Dekret Nummer 483/2017 eine «Direktorin für den Velo-Verkehr» ernannt wurde. Die Beamtin sei zu entlohnen auf «Niveau B, Stufe 0, Exekutivfunktion III», und es dauerte nicht lange, bis die Tagespresse das in etwa sieben Mindestlöhne umrechnete. Dass die neue Spitzenbeamtin, die Architektin María Belén Cardasz, erst 29 und – das belegen die von ihrem Facebook-Account geklauten und flugs online verbreiteten Bilder – langhaarig und attraktiv ist, trug ihr zusätzlichen Unflat ein.

«Staatliche Parkplatzvernichtung»

Nun sei deutlich erwähnt, dass Argentinien derzeit darbt. Die Preise steigen schneller als die Gehälter, in den Armenvierteln blüht der Tauschhandel, auch weil die Mittelklasse Gärtner, Kindermädchen und Reinigungskräfte nicht mehr entlohnen kann. Die Regierung Macri, angetreten vor 20 Monaten mit dem Versprechen, die Armut auf null zu senken, hat in den Augen vieler wenig mehr konstruiert als einen gigantischen Schuldenberg, auch weil sie sich nicht traute, den geerbten aufgeblähten Sektor zu reduzieren. Das höchste Budgetdefizit der Geschichte ist wohl der eine Grund für die Empörung. Aber der andere ist Argentiniens Einstellung zum Velo.

Wer hier 10 bis 15 Schimpfwörter aneinandergereiht in einem Satz hören möchte, braucht bloss in einem Taxi das Reizwort «bicicleta» auszusprechen. Unmotorisierte Zweiräder gelten den meisten Argentiniern wahlweise als Kinderspielzeug, Sportgerät, Vehikel für sozial Schwache oder Lebensmüde. Den Bau von Radwegen begreifen viele als staatlich organisierte Parkplatzvernichtung und Raub des asphaltierten Raums, der allein den Motorisierten zustehe, denn nur diese zahlten Steuern.

Eigentlich ein ideales Veloland

Sinnlos blieben bislang alle Versuche des inzwischen autoentwöhnten Autors dieser Zeilen, darauf hinzuweisen, dass ein Grossteil Argentiniens mit mildem Klima und brettebener Topografie ideale Voraussetzungen für ein Umsteigen im grossen Stil mitbrächte. Dass moderne Elektroräder auch die erheblichen Distanzen der weitläufigen Hauptstadt laut- und emissionslos zurücklegen könnten, ohne den Fahrer ins Schwitzen zu bringen. Dass eine koordinierte Planung und Förderung des nicht motorisierten Verkehrs die ständigen Staus reduzieren und damit – jawohl – auch den Autofahrern helfen könnte.

Aber wer will schon über so was gross nachdenken, wenn in einem Land, das ständig streitet, einmal alle einer Meinung sind?

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