Die Metro des Teufels

Türen mit Eigenleben: Neuer russischer U-Bahn-Zug in Budapest. Foto: Kemenymate (Wikimedia)

Sie sind ein Fall für das Museum. Oder für die Schrottpresse. Aber auf der Budapester Metro-Linie M3 fahren sie immer noch: Züge, die in den 70er-Jahren in Russland gebaut und damals in alle Sowjetrepubliken und Trabantenstaaten geliefert wurden: Spartanisch eingerichtet, laut, stinkend, aber unverwüstlich. In den meisten Ländern wurden sie inzwischen durch westliche Produkte ersetzt. Auch in Budapest fahren auf den Linien 2 und 4 mittlerweile Züge der französischen Firma Alstom.

Made in Moscow: Eine alte Komposition von Metrowagonmasch. Foto: Christo (Wikimedia)

Auf der M3 aber sind nach wie vor Züge des legendären Moskauer Maschinenbauers Metrowagonmasch unterwegs. Und das soll nach dem Wunsch der Regierung auch so bleiben. Regierungschef Viktor Orban möchte das gute Verhältnis zu seinem Buddy Wladimir Putin nicht gefährden, und deshalb kauft Ungarn nicht nur ein russisches Atomkraftwerk, sondern ersetzt die alten russischen Metrozüge durch neue russische Metrozüge. Moskau macht ein Angebot, das der Bruderstaat nicht ablehnen kann: Diese Art der Geschäftsanbahnung hat sich ja schon im realen Sozialismus bewährt.

Endstation Westbahnhof

Kaum waren im Frühjahr dieses Jahres die ersten neuen Metrozüge auf Schienen, mussten sie jedoch gleich wieder abgestellt werden. Sie machten nämlich nicht das, was ihre Fahrer wollten. Besonders die Türen entwickelten ein Eigenleben. Einmal blieben sie während der Fahrt offen, ein anderes Mal in der Station – allerdings auf der falschen Seite.

Für noch mehr Aufregung sorgte vor nicht ganz zwei Wochen ein voll besetzter Zug, der in der Station unter dem Budapester Westbahnhof einfuhr und dort mit geschlossenen Türen stehen blieb. Fünf Minuten, zehn Minuten, fast fünfzehn Minuten lang. Der Fahrer entschuldigte sich erst in blumigen Worten bei den Fahrgästen, schob den Zug zurück, versuchte eine weitere Einfahrt in die Station. Nichts half. Die Türen blieben zu.

Alte Züge in neuem Kleid?

Auch die Notverriegelung der Türen liess sich nicht bewegen, nicht einmal von zwei starken Männern. Der Hebel steckte fest. Erst mit der Muskelkraft weiterer Helfer liess er sich umlegen. Als die entnervten Fahrgäste ihr stählernes Gefängnis verliessen, belegten sie nicht nur die russischen Konstrukteure mit derben Flüchen: Auch Ungarns Regierungschef und seine korrupten Freunde kamen nicht gut weg. Sie hatten ja den Kauf eingefädelt.

«Teufel am Werk»: Bürgermeister Tarlos (l.) hinter Premierminister Orban. Foto: Keystone

Zudem wissen die Budapester bis heute nicht, was die Russen ihnen geliefert haben. Alte Züge in neuem Kleid? Oder neue Züge, die in Moskau jahrelang auf Halde standen? Die Budapester Verkehrsbetriebe haben die neuen Züge vorerst aus dem Verkehr genommen und verlangen vom Hersteller Metrowagonmasch Aufklärung und Schadenersatz.

Budapests Bürgermeister Istvan Tarlos macht hingegen für das Schlamassel dunkle Mächte verantwortlich: Bei der Geschichte um die M3-Züge sei «sicher der Teufel am Werk», erklärte der Parteifreund Viktor Orbans. Die Budapester aber fragen sich, welche Überraschungen auf sie noch warten, wenn Russland demnächst nicht nur Metrozüge, sondern gleich ein ganzes Atomkraftwerk liefert.

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