Zehn Minuten Alltag in Kuba

Catch of the Day: Fischverkäufer in Havanna. (Foto: Reuters / Alexandre Meneghini)

In der Quartierapotheke an der Strassenecke San Rafael und Marqués González in Centro Habana sind die Fenster und die Türen weit offen. Es ist Mittag, noch nicht Sommer, aber schon 33 Grad im Schatten. Die zwei Angestellten hängen vor halb leeren Regalen am Tresen und warten auf Kundschaft. Die junge malt sich die Fingernägel an, die ältere zieht müde an einer Zigarette. An der Ecke gegenüber diskutieren fünf Männer hitzig über die neuen Sportgötter in Kuba, Cristiano Ronaldo und Messi. Die Fussballfans tragen Flipflops, Sonnenbrillen und Gold am Hals und an den Armen. Ein ausgemergelter Alter in kaputten Turnschuhen schiebt langsam eine klapprige Holzkarre vor sich her mit einer vergilbten Plastikvitrine darauf, in der die letzten Süssigkeiten liegen. Er ruft: «Guaven- und Kokos-Küchlein, Señoritas, Eclair! Letzte Gelegenheit, ich bin auf dem Heimweg, morgen mach ich frei!»

Einsatz der «Patrulla»

Ecke San Rafael und Marqués González. (Foto: Oscar Alba)

Eine gebückte Alte am Stock steht auf dem Trottoir, macht einen unsicheren Schritt auf die Strasse, sofort eilt einer der Fussballfans zu ihr: «Grossmütterchen, ich helfe dir.» Sie schaut zu ihm hoch, lächelt, sagt «Danke, mein Liebster» und hakt sich bei ihm ein. Die ältere Angestellte in der Apotheke stöhnt über die Hitze und wirft die Zigarettenkippe aus dem Fenster. Im oberen Stockwerk gegenüber lehnt sich eine dicke Frau, die nur einen BH trägt, aus dem mit Brettern halb zugenagelten Fenster und ruft herunter: «Jacinto, vergiss die Kochbananen nicht!»

Vor dem «Salón de Belleza» steht der Friseur in einem weissen Kittel und schaut einer jungen Mulattin nach, die in knappen Shorts und bauchfreiem Shirt wippenden Schrittes vorbeigeht. Er pfeift ihr nach und schmeichelt: «Mami, dein Verlobter ist wirklich zu beneiden.» Von der Altstadt her kommt im schmalen Schatten der Häuserzeile ein drahtiger Typ in Bermudas, Schlarpen und oben ohne daher, in einer Hand eine Angelschnur, an der vier fette Fische hängen. Ein Häuserblock hinter ihm braust eine «Patrulla» um die Ecke und hält brüsk neben ihm. Ein Polizist und ein Beamter in olivgrüner Uniform des Innenministeriums springen aus dem Wagen, salutieren kurz und verlangen den Ausweis. Man hört nicht, was sie reden, den Gesten nach erklärt sich der Mann mit den Fischen. Die Fussballfans machen Pause, und wie die anderen Leute, die sich in der Nähe aufhalten, beobachten sie die Polizei argwöhnisch bei ihrer Arbeit. Der zweite Polizist, der rauchend am Steuer sass, ist inzwischen auch ausgestiegen, sein Kollege spricht etwas ins knisternde Funkgerät.

Die Fussballfans buhen

Dann geht alles schnell: Ein Polizist nimmt dem Mann die Fische weg und legt sie in den Kofferraum. Der vom Innenministerium öffnet die Hecktüre, der Fischmann steigt kopfschüttelnd ein. Die Fussballfans protestieren aus sicherer Distanz: Was soll das? Ist es etwa verboten, mit ein paar Fischen durch die Strasse zu gehen? Von irgendwas muss man ja leben! Ein Polizist dreht sich kurz um, erhebt drohend den Zeigefinger, die Fussballfans pfeifen und buhen. Die anderen Menschen auf der Strasse schweigen oder murmeln etwas vor sich hin; als das Polizeiauto davonfährt, gehen sie weiter.

Beim Friseur lässt sich inzwischen ein Kunde den Schädel kahl rasieren, der Ventilator rattert hin und her und bläst die Haare durch den Raum. In der Apotheke schaut eine Frau mit einem Baby auf dem Arm durch die offene Türe und fragt, ob es nun wieder Aspirin gebe. Die jüngere Angestellte antwortet: «Nein, mein Herz, komm morgen noch mal vorbei.» Ihre Kollegin hat sich die nächste Zigarette angezündet.

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