Aufstand der Abgehängten

(Reuters)

Jetzt steht Trumpland an:  Jubelnder Trump-Anhänger nach der Präsidentschaftswahl. (Reuters)

«Ein Mann, der dem Geruch des Weissen Hauses folgt, ist selten rational, er ist wie ein brünftiges Tier, ein Platzhirsch ist er, der wild durch die Wälder streift, um etwas zum Kopulieren zu finden», beschrieb der unvergleichliche Hunter S. Thompson die Sucht nach der amerikanischen Präsidentschaft. Trump ist jetzt am Ziel, ein Eroberer ist er, der die Eliten an den Küsten aus ihren komfortablen Nestern geworfen hat.

In New York lümmelten sie in der Herbstsonne über ihren Lattes mit Granatapfelextrakt und glutenfreien Streuseln, als Trumps Horden zum Grossangriff mobilisierten. In San Francisco und Seattle mampften sie vegane Hamburger oder zupften an exotischen Früchten aus biologischem Anbau, als das politische Erdbeben losbrach.

Sie hatten keinen Dunst und keine Ahnung schon deshalb, weil sie der neuen Scheibe von Angel Olson unter ihren sündhaft teueren Beats-Solo3-Kopfhörern lauschten. Oder weil sie Courtney Barnett abnickten. Oder die Strokes. Vielleicht vertieften sie sich sogar in das Klavierquintett No. 2 von Ernest Bloch.

Grönland oder noch schlimmer

Natürlich hörten sie nichts von den herannahenden Haufen von Arbeitern und Bauern vom platten Land und aus den Kleinstädten, die sie, die Eliten, bei ihren Reisen von Küste zu Küste überflogen. Terra incognita war das, Grönland oder noch schlimmer. Da unten lagen Kansas und Oklahoma, die Obere Halbinsel von Michigan, die Weiden Wisconsins oder die Hügel Tennessees und die Einöde des ländlichen Nebraskas.

Sie hatten keine Ahnung, was dort los war, und wurden deshalb in der Wahlnacht kalt erwischt. Denn die Landbewohner und Kleinstädter, die weissen Arbeiter und Abgehängten wählten Trump. Er hatte ihnen versprochen, den Sumpf in Washington auszutrocknen, und geschworen, sie in ein gelobtes Land zu führen – ohne Fremdlinge, mit einer Mauer zum Schutz. Alles werde gut, hatte Trump gesagt.

Niemand würde mehr über sie lachen oder ihre Heimat als «Flyover-Zone» verhöhnen und die Stirne runzeln, wenn sie nicht wussten, wie das heisseste Power-Trio in Brooklyn hiess und was der neueste Foodie-Trend war. Sie kannten weder Streichquartette noch Rage Against the Machine.

Modernisierte Version des Bauernstaats

Stattdessen hörten sie Luke Bryan und Carrie Underwood und Kenny Chesney und wischten sich eine Träne ab, wenn Elvis zu Weihnachten trällerte. Von den Clintons hielten sie nichts. Für eine Rede eine Viertelmillion zu kassieren: Davon träumten sie nicht mal. Schon deshalb wollten sie den Clintons keine Erbpacht fürs Weisse Haus einräumen. Hillary war nicht ihr Ding.

Jetzt stehen sie vor den Toren Washingtons, mit Mistgabeln in den Händen. Und mit Trump kommt eine modernisierte Version des Arbeiter- und Bauernstaats. Die Eliten sind geschockt: Ihre Expertise gilt nicht mehr, man wird womöglich ohne sie regieren. Was daraus wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht fällt die Ernte schon im kommenden Jahr schlecht aus. Und vielleicht gibt es statt vieler neuer Jobs wieder mehr Arbeitslosigkeit.

Aber wert war es allemal, die Latte-Trinker aus New York und Washington in ihren Elektroautos mit den Hillary-Aufklebern mit einem qualmenden Chevy-Pickup überholt zu haben. Ihnen den Finger gezeigt zu haben im Vorbeifahren: «Fuck you!» Jetzt steht Trumpland an. Ende Januar geht es los. Und wie!

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