Waschbärenchic und Pandapunk

Welttheater

Junge Chinesen lassen sich heute einiges einfallen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Foto: Lju Lin (AFP)

Frisuren. Finden sich an den erstaunlichsten Orten. Auf dem Kopf. Im Garten. Der Rasen da. Gras in einer solchen Fülle, dass es mich an die Allgäuer Weiden meiner Kindheit erinnert und ich feuchte Augen bekomme. Peking ist Wüste, Rasen kommt hier in der freien Natur eigentlich nicht vor. Wiese auch nicht. Englischer Garten schon gar nicht. Und nun wuchert da, im Garten eines Freundes, wie eine Fata Morgana dieses Monster von Rasen, einen Sommer lang nicht gestutzt, dafür gewaschen und zu Wellen gelegt von den Gewitterstürmen der Vorwoche, hinterher geföhnt von der warmen Spätsommerbrise. Eine Monstermähne, ein Urwaldrasen ausser Kontrolle.

Und ich, ich stehe da vor dem überbordenden, von Regen und Wind zu Wellen gelegten Grün und denke: Orange. Ich stehe vor dem fürchterlichen Rasentier, das wirkt, als sei es bereit, alles zu verschlingen, und denke: Donald Trump. Denke: Sieht aus wie bei Donald Trump auf dem Kopf. Original. Werde plötzlich seltsam froh, weil vielleicht ist das ja die Lösung des Trump-Problems: Eines Morgens wacht Melania auf, und dann liegt auf dem Kissen neben ihr nur noch der orangefarbene Mopp, ohne Mann drunter, und stösst einen zufriedenen Rülpser aus.

Love-Parade der psychedelisch inspirierten Haarpilze

Frisur. Friseur. Irgendwie kam ich da beim lockeren Assoziieren im nächsten Schritt bislang immer auf: Frau. Obwohl man als Mann ja auch Haare hat. Eine Zeit lang. Frisuren eher selten. Die Frau und ihr Friseur aber, das ist ein Topos. Der Friseur meiner Frau heisst Bela. Frauen kennen immer den Namen ihres Friseurs. (Zufällig heisst auch einer unserer Söhne Bela. Jetzt, da ich drüber nachdenke.) Und nun legen die Ereignisse dieses Jahres doch engere Bande zwischen Mann und Friseur nahe. Donald Trump. François Hollande und sein Hofcoiffeur. David Cameron, der den seinen zum Lord adeln liess. Und eigentlich, stimmt, die besten Gespräche in unserer Gasse habe auch ich seit Jahren mit meinem Friseur. Einmal Kopf rasieren, sieben Euro, den Leitartikel gibts gratis dazu in den Block diktiert. Seinen Namen aber kenne ich bis heute nicht.

Unsere Gasse ist nicht bloss eine Fressgasse. In unserer Gasse könnte ich mir auch ein Jahr lang jede Woche einmal die Haare schneiden lassen, ohne am Ende zweimal beim selben Friseur gewesen zu sein. Kennen Sie die Smartphone-Funktion «Beliebte Apps in Ihrer Nähe»? Anderswo ist das meist der U-Bahn-Plan. Bei mir in der Gasse erscheint da an Nummer eins eine App namens «Bobo». Als ich «Bobo» das erste Mal neugierig öffnete, da blies es mir einen Heustadel voller Haar ins Zimmer: Langhaar, Kurzhaar, Pilzkopf, Bob, Irokese, Pompadour, Pony, Franse, Pomade, grau, weiss, gelb, lila, alles dabei.

Und jetzt kommt das Beste: Jeden Tag ab 11.30 Uhr fallen all diese Schöpfe live und wahrhaftig bei uns in der Gasse ein. Dann, wenn der dreistöckige Haarpflegepalast um die Ecke Mittagspause macht und seine «Haardesigner» in unseren Hutong ausschwärmen zur Nahrungssuche. Da schweben orange leuchtende Glühwürmchen vorbei und gebatikte Rasierpinsel. Waschbärenchic und Pandapunk. Der eine trägt den Gamsbart auf seinem Schädel mit rosa Zuckerguss, der andere mit leichtem Schimmel. Eine Love-Parade der psychedelisch inspirierten Haarpilze zieht da Tag für Tag fröhlich quakend vorüber an den ungerührt weiter im Unterhemd ihre Pudel lausenden Altpekingern. Und unterm Pilz fast immer: ein Mann.

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