Eine kranke Kampagne

Schwächeanfall auf der Bühne? Nein, Hillary Clinton konzentriert sich auf Vizepräsident Joe Bidens Rede in Scranton, Pasadena. Foto: Carolyn Kaster (AP)

Schwächeanfall auf der Bühne? Nein, Hillary Clinton konzentriert sich auf Vizepräsident Joe Bidens Rede in Scranton, Pasadena. Foto: Carolyn Kaster (AP)

Jeder amerikanische Präsidentschaftswahlkampf beschert der Wählerschaft griffige Verschwörungstheorien. Schon 1964 schrieb der Historiker Richard Hofstadter einen bahnbrechenden Essay mit dem Titel «Der paranoide Stil in der amerikanischen Politik». Seitdem ist es noch wirrer geworden.

Diesmal ist es besonders schlimm, weil die Aussicht auf eine Präsidentschaft Hillary Clintons ihre zahlreichen Feinde händeringend nach Auswegen sinnen lässt. Momentan erörtern sie drei Möglichkeiten, der lästigen Frau das Amt zu verwehren. Am einfachsten wäre es, wenn sie wegen ihres lässigen Umgangs mit geheimen Mails eingesperrt würde. Das FBI kam indes zum Schluss, dass der Mail-Skandal nicht justitiabel ist. Sie kommt also nicht in den Knast.

Zum Abschuss freigegeben

Die zweite Möglichkeit deutete Trump selber an, als er die Rivalin scheinbar zum Abschuss freigab. Sicher werde sie den Schusswaffen-Freaks ihre Spielzeuge wegnehmen, wenn sie erst einmal Präsidentin sei, hetzte Trump. Die Ballermann-Aficionados müssten dem einen Riegel vorschieben. Knarren hätten sie ja zur Genüge.

Probleme mit den Augen? Die Kandidatin der Demokraten bei einem Auftritt in Washington. Foto: Andrew Harnik (AP)

Probleme mit den Augen? Die Kandidatin der Demokraten bei einem Auftritt in Washington. Foto: Andrew Harnik (AP)

Trumps Äusserungen gingen der Allgemeinheit zu weit, weshalb sie über ihn herfiel. Clinton zu ermorden, geht also nicht. Man muss sich stattdessen mit der dritten Möglichkeit behelfen und behauptet, Clinton sei schwer krank und dürfe deshalb nicht Präsidentin werden. Sie sei ein totales Wrack, eine Hülle nur, in der nichts mehr funktioniere. Erst vor wenigen Tagen sagte Trump, ihr fehle das «psychische und physische Durchhaltevermögen, um den Kampf mit dem Islamischen Staat und anderen Feinden aufzunehmen».

Sieche Greisin im Weissen Haus

So geht es schon seit Monaten. Mal hustet Clinton verdächtig, mal hat sie Zuckungen und Anfälle, mal leidet sie an diesem und jenem Zipperlein. Täglich liefern Trumps Freunde in amerikanischen Medien neue Diagnosen und wundern sich, dass Clinton überhaupt noch lebt. Natürlich hält sie geheim, wie bedenklich es um sie steht. Gut durchdacht ist die Kampagne gegen Clinton allemal: ja keine sieche Greisin ins Weisse Haus wählen!

In diesem Sinne vermelden die Oberverschwörungstheoretiker bei der Website Infowars.com, Clinton leide an Zuckungen und überhaupt an «Anfällen». Sind ihre Synapsen ausgebrannt? Ihre Neuronen kaputt? Ihre Organe ein Sanierungsfall? Infowars zeigte sogar ein Foto, das Clinton beim Straucheln auf einer Treppe zeigt. Ihr Begleiter auf dem Bild sei ein Arzt, in der Hand halte er eine Spritze mit dem Medikament Diazepam gegen die «Anfälle».

Kissen! Grossmutter! «Heatstreet» schiesst Warnpfeile ab.

Mehrere Kissen! Für die Grossmutter! «Heatstreet» schiesst Warnpfeile ab.

Die Spritze ist in Wirklichkeit eine kleine Taschenlampe. Ein entsprechendes Dementi aber bleibt völlig wirkungslos. Trumps Fanclub wittert bereits den Sensenmann. Die Onlinepostille «Heatstreet» liefert unterdessen «Fotos von Hillary Clinton, auf denen sie von Kissen gestützt wird». Und Sean Hannity, ein berüchtigter TV-Talker und Freund Trumps, widmete dem maladen Zustand Clintons Anfang August sogar täglich ein Segment in seiner Show auf Foxnews.

Dass Clintons Ärztin der Kandidatin eine gute Gesundheit attestiert hat, kümmert wenig: Wenn der liebe Gott sie zu sich nimmt, sind wir sie los. Und eine Invalide wollen wir auch nicht im Weissen Haus. Es ist schlimm genug, dass sie eine Frau ist. Aber eine kranke Frau? Ich bitte Sie!

29 Kommentare zu «Eine kranke Kampagne»

  • Arthur Gubler sagt:

    Sie ist eine ganz gefährliche Frau, droht sie doch schon jetzt mit Krieg gegen Russland und China, ganz im Gegensatz zu Trump, der ein gutes Verhältnis mit Putin haben will. Vergessen wir nicht, dass Clinton als Aussenministerin die treibende Kraft für alle Kriege während der Ära Obama war.

  • P.Reinike sagt:

    Ich sehe Clinton auch kritisch und ihre Rolle im Wahlkampf keineswegs naiv. Ich frage mich aber ernsthaft, warum sie sich diese ekelhafte Schlammschlacht antut? Und die Präsidentenjahre würden sicher auch kein Ponyhof…

    Wieso kauft sie sich nicht eine Farm in Vermont und genießt ihr Leben solange sie noch kann anstatt sich mit diesen schmutzigen Taktiken herumzuschlagen, die über den ohnehin üblichen Infamlevel im Politikgeschäft weit hinausgehen…?

  • René Müller sagt:

    Clintons Organe seien ein Sanierungsfall? Was ein Sanierungsfall ist, ist Trumps Gehirn. Ganz früher hies es einmal im schweizerischen Zivilgesetzbuch: „Schwachsinnigen ist die Ehe nicht erlaubt.“ Das sollte auch für amerikanische PräsidentschaftsKANDITATEN gelten.

    • Axel Krause sagt:

      Trump beweist kein Sanierungsfall zu sein. Im Gegensatz zu den anderen republikanischen oder demokratischen „Aspiranten“ muss er ohne bestehendes Polit-Netzwerk auskommen. Die positive Kehrseit ist, dass er sich als self-made Mann genau aus diesem Grund auch um das Polit-Establishement foutiren kann. Das macht Ihn und andere „Populisten“ so unerträglich für das Estabhlishment.

  • Heinrich Frei sagt:

    Martin Kilian klassiert die Website infowars.com unter dem Begriff „Oberverschwörungstheoretiker“. In den USA gibt es aber auch eine langjährige „Verschwörungspraxis“. Erinnert sei an den inszenierten Tonkin Zwischenfall, der dazu diente Nordvietnam zu bombardieren. Auch die Massenvernichtungsmittel von Saddam Hussein war eine Verschwörungslüge um den Irak anzugreifen. Bekannt sind auch all die Lügen die uns aufgetischt wurden bei der Inszenierung von Regimewechseln im Iran, unter Mossadegh, in Guatemala, Chile, Panama, Grenada,usw.
    Was passierte zum Start des Krieges gegen den Terror am 11. September 2001? Siehe http://www.ae911truth.ch, http://pilotsfor911truth.org/, http://www.globalresearch.ca/the-911-reader-the-september-11-2001-terror-attacks/5303012 (Global Research Kanada)

  • Pascal sagt:

    „Die Ballermann-Aficionados müssten dem einen Riegel vorschieben. Knarren hätten sie ja zur Genüge.“

    Das hat er weder so gesagt und nach Ansicht der Originalrede wohl auch nicht so gemeint.

  • Fredi Kriftner sagt:

    Wer das was Martin Kilian von sich gibt ernst nimmt, dem ist nicht zu helfen. Seit Jahren versucht er so ein einseitiges, desolates Bild von den USA den Europäern gebetsmühlenartig einzuflössen, dass es langsam jeder merken sollte. Ich würde mich schämen, so meinen Lebensunterhalt erschleichen zu müssen. Er macht mit seiner verzerrten, sequentiellen Wahrnehmung weder den Europäern noch den Amerikanern damit einen Gefallen. Eigentlich schürt er nur Hass und Missverständnisse.

    • Leo Stern sagt:

      Hallo Fredi, meine Tochter ist jetzt seit vier Jahren „drüben“, ich war letzthin längere Zeit dort. Wir können nur eines sagen: es ist noch viel schlimmer. Es ist halt ein Unterschied, ob man als Tourist in einer Grossstadt ein paar oberflächliche Eindrücke mitbekommt oder im Rust Belt wohnt. Nicht weit vom nächsten Trailerpark (wobei eine Stunde Fahrzeit nicht weit, sondern nah ist). Dort, wo man zum fein Essen in die Systemgastronomie geht. Wo man eine Stunde fahren muss zum nächsten Farmers Market zu kommen damit man frisches Gemüse kaufen kann. Auf alle Fälle ist meine Tochter froh, das sie wieder zurückkommt. Ach ja: ich rege mich gar nicht mehr über die Föhnfrisur auf: sollen die Amis ihn wählen. Wir können eh nix dagegen tun. Wutbürger können nicht zuhören.

  • luise sagt:

    Clinton wird von der Hochfinanz gepimpt sie ist gefährlich. Die Medien sind offensichtlich ihren Herren verpflichtet und schreiben seit Monaten schlecht über Herrn Trump….dabei hat mit vielem recht was er sagt.

    Kennedy und Eisenhower haben schon immer vor bestimmten Entwicklungen in den USA gewarnt…..jetzt haben wir eine Plutokratie in den USA.

    Google Bilder: Hillary+Rothschild

  • ThinkTrifold sagt:

    Ach Herr Kilian, teile und herrsche sowie Brot und Spiele, das ist schon alles was wir aus Washington D.C. erwarten dürfen. Weder Trump noch Clinton sind reife Charakteren und wer ein bisschen über gesunden Menschenverstand und Intelligenz verfügt, weiss was Sache ist. Auch die Biographien sprechen Bände. Warum stellt sich Sanders, der als Einziger eine authentische Biografie und merklich eine geistige Unversehrtheit vorlegen kann, plötzlich hinter Clinton? Wer ist z.B. Jill Stein? Das wären mal kritische Themen als das Langweilige: Doch doch, Hillary ist kerngesund oder Trump hat Antworten. In Washington könnte man einen Roboter als Präsidenten vorschieben, ist piepegal und das Wissen mehr Leute als sie sich das wohl bewusst sind, ansonsten würden sie andere Artikel schreiben.

    • Leo Stern sagt:

      Hallo Think, Sanders stellt sich hinter Clinton, weil er intelligent ist und lernfähig. Er weiss genau, dass ein unabhängiger Kandidat dem demokratischen Kandidaten das Wasser abgräbt und dem Republikaner zum Sieg verhelfen würde. Schon vergessen, dass der unabhängige Nader im Wahljahr 2000 mit seiner Kandidatur dem republikanischen Kandidat Bush den Sieg gebracht hat?

  • Rolf Hefti sagt:

    Da die wählbaren Politiker in den USA immer älter werden, wird als nächstes wohl schwarzer Rauch, nach der Wahl, für Herr Trump und weisser Rauch für Frau Clinten über den weissen Haus zu sehen sein. Die Macht ist stark, bei den Superreichen Rentnern!

  • Stefan W. sagt:

    Am Rande interessant finde ich, dass offenbar, wenn ich Ihren Artikel richtig verstehe, nicht die Staatsanwaltschaft und nicht ein Gericht entscheidet, was „justiziabel“ ist, sondern das FBI.

  • Baumgartner sagt:

    Hillary Clinton For Prison 2016

  • Ela sagt:

    Haben wir nicht genug darüber gelesen?
    Wissen wir nicht insgeheim (obwohl es kaum noch geheim ist ,wer das rennen machen wird?)
    Läuft die USA Elite Empire Maschine noch nicht ölig genug?
    Tut mir leid Herr Kilian. Aber bei aller gut gemeinten Propaganda ……es ist doch langsam gut. Der putzige alte Kontinent hat eigene Sorgen. Aber das wissen Sie ja bestimmt ;).

    *Hofknicks*

  • Martin Fischer sagt:

    Herrlich! Nachdem man Trump genauso ferndiagnostiziert, ihm den üblichen ‚Wahn‘ nachgesagt hat (fehlt nur noch die Einzeltäterthese…), wird nun die halbgesunde geldgeile Altlobbyistin und Inkontinenzwindelträgerin wiederum empört gesundgeschrieben.
    Wenn der Esel den anderen Langohr nennt..

  • Albert Fiechter sagt:

    Scranton liegt in Pensilvanien. Pasadena ist ein Stadtteil von Los Angeles.

    • Hans Hegetschweiler sagt:

      Ach ja, der Tagesanzeiger und Geographie. Korrigiert wurde es aber bisher noch nicht. Tippen würde ich auf Scranton/Pa, da ich nicht denke, dass es in Pasadena ein Quartier gibt, das Scranton heisst.

  • Ralf Schrader sagt:

    Die in New York lebende deutsch/ us- amerikanische Doppelbürgerin Irene Dische sagte unlängst in einem Interview, H. Clinton kann man aus hunderten Gründen nicht wählen, es reicht dafür allein ihre Zustimmung zum Irak- Krieg. Wenn aber Trump die Wahl gewinnt, verlässt sie die USA und geht nach Österreich.

    Beide Kandidaten sind unterirdisch und illustrieren den katastrophalen Zustand eines Staates, welcher einst der Welt ein Beispiel gab. Leider endete ‚einst‘ im August 1945. Seitdem geht es nur noch bergab. Moralisch vor allem, aber auch politisch und wirtschaftlich.

    • Michael sagt:

      Ja das wissen wir nun wirklich. Wurde ja nun tausende und abertausende Male gesagt – weder Trump noch Clinton sind optimale Kansidaten. Das sind nun aber die die aktuell zur Wahl stehen und einer von beiden wird es werden. Damit werden wir uns abfinden müssen und sehen, wie sich der Neue positioniert. Alles vorher ist Stammtisch.

      • Hans sagt:

        Nur schon der Ausdruck „nicht optimale Kandidaten“ ist ein kolossaler Euphemismus.
        Es geht hier wirklich um die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub.
        Summa summarum wäre aber Trump immer noch das geringfügig kleinere Übel.

      • ThinkTrifold sagt:

        Nein ist es nicht. Warum gibt es dann immer wieder solche Artikel? Weil das Kartenhaus Washington wie nie zuvor am Wanken ist. Solche Artikel dienen dazu die Fassade Amerikas in Europa aufrechtzuerhalten. Amerika ist seit Jahren Pleite und eigentlich gäbe es massenweise innenpolitische Themen im oligarchen 3. Weltland. Amerika geht uns alle was an, weil wir uns gar nicht bewusst sind, wieviele amerikanische Themen sich in Europa seit Jahren manifestiert haben.

    • ThinkTrifold sagt:

      Genau das ist die grosse Illusion, sozusagen der nie existierte amerikanische Traum. Amerikas Elitenerfolg begründet sich nur auf Steuern und der Fähigkeit Nutzen aus verursachtem Leid anderer zu ziehen.
      Beim 2. Weltkrieg haben einige Amis massiv abgezockt, denen war es wahrscheinlich Wurst, ob die Allierten oder Hitler gewinnen. Hauptsache Ford konnte Automobile und die Familie Harriman Gleise nach Deutschland liefern. Der selbsternannte Weltpolizist ist im Prinzip lediglich der missratene Junge der auf dem Pausenplatz seit 70 Jahren anderer Kinder ihrer Spielsachen entledigt.

  • Monique Schweizer sagt:

    Dann aber bitte auch subito ein fundiertes neurologisches und psychiatrisches Gutachten mit den Gehirn(dis)funktionalitäten von Donald Trump nebst seiner schon längst überfälligen Steuererklärung!

    • Wenger sagt:

      Denke, dasselbe gilt für sie!

      • adam gretener sagt:

        Schon so früh Niveau-Limbo, Wenger? Dass Trump im Oberstübchen schwerwiegende Defizite aufweist, dafür muss man kein grosser Fachmann sein. Man muss sich nur mal anhöhren, was er den ganzen Tag so vom Stapel lässt. Aber, da müsste man englisch sprechen und vorallem, verstehen und interperetieren können.

        • Lori Ott sagt:

          Gretener, das Problem ist, dass die Trump-Anhänger noch schlimmer z’wäg sind als Trump selber. Deshalb ist es nicht möglich denen die Sachverhalte nahezubringen, geschweige denn zu erklären.

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