Ein historisches Schulterzucken

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Würde ein Oberbefehlshaber Trump die US-Armee in neue Abenteuer schicken? So wie vor fast 50 Jahren Richard Nixon? Fotos: Keystone

Wer sich für eine Stunde vom Trubel des Republikanischen Parteitags in Cleveland verabschieden wollte, konnte kaum etwas Besseres mit seiner Zeit anfangen, als nach Kent zu fahren. Eine halbe Stunde mit dem Auto braucht es, bis die kleine Stadt in Sicht kommt. Sie ist ein Symbol geworden, ein Beleg dafür, wie entscheidend der Ausgang einer amerikanischen Präsidentschaftswahl für den Gang der Geschichte und für die darin verwickelten Menschen sein kann. Hübsch ist Kent, dazu die Heimat der Kent State University, wo 30’000 junge Menschen studieren.

Weltweit bekannt wurde die Universität vor nahezu fünf Jahrzehnten durch eine Tragödie, nämlich den Schusswaffeneinsatz der Nationalgarde Ohios gegen protestierende Studenten. Vier Demonstranten starben, neun wurden teils schwer verletzt. Es war ein Fanal und zugleich ein trauriger Höhepunkt der Bewegung gegen den Vietnamkrieg. Hätte bei den Novemberwahlen 1968 der demokratische Kandidat Hubert Humphrey gesiegt, wären Allison Krause und ihre drei Kommilitonen vielleicht noch am Leben.

Nicht Humphrey aber, sondern Richard Nixon gewann die Präsidentschaftswahl 1968. Er siegte auch deshalb, weil er angeblich einen Plan zur Beendigung des Vietnamkriegs hatte. Es war eine Lüge. Statt Frieden zu bringen, weitete Nixon den Krieg in Indochina aus und intervenierte am 30. April 1970 in Kambodscha. Daraufhin brachen Proteste im gesamten Land aus.

Der gleichgültige Präsident

An der Kent State University versammeln sich am 1. Mai Studenten und verbrennen eine Kopie der amerikanischen Verfassung. Am nächsten Tag wird ein Universitätsgebäude in Brand gesteckt, worauf Ohios Gouverneur James Rhodes die Demonstranten mit Nazis vergleicht und ankündigt, er werde «das Problem ausradieren». Rhodes setzt Truppen der Nationalgarde in Marsch, die am 3. Mai auf dem Campus eintreffen. Am Abend des 3. Mai greifen die Soldaten zu Tränengas, um ein friedliches Sit-in von Studenten aufzulösen.

Als am 4. Mai neuerlich eine Protestkundgebung anberaumt wird, erhalten die Nationalgardisten den Befehl, ihre Gewehre mit scharfer Munition zu laden.  Vierundzwanzig Minuten nach zwölf Uhr wird auf die Demonstranten geschossen, im Verlauf von 13 Sekunden feuern 28 Nationalgardisten 67 Schüsse. Die Studenten versuchen sich in Sicherheit zu bringen, vier aber werden getötet.

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Eine Studentin kniet bei einem Teilnehmer der Anti-Kriegs-Demonstration an der Kent University, der von Sicherheitskräften erschossen wurde. (4. Mai 1970) Foto: John Filo (Keystone)

Nun lädt auf dem Campus ein Denkmal aus Granitblöcken zur Erinnerung an jenen Tag des Schreckens ein. Um das Denkmal wurden 58’175 Narzissen zur Erinnerung an die amerikanischen Toten des Vietnamkriegs gepflanzt. Es bräuchte Millionen von Narzissen, um der toten Vietnamesen, Kambodschaner und Laoten zu gedenken. Still ist es an der Erinnerungsstätte auf dem Campus, unendlich weit entfernt der Lärm von Donald Trumps Parteitag in Cleveland.

Eine Untersuchungskommission kritisierte den Einsatz der Nationalgarde und verurteilte den Schusswaffeneinsatz. Laut einer Umfrage von Gallup aber schob eine Mehrheit den demonstrierenden Studenten und nicht der Nationalgarde die Schuld zu. Nixons Sicherheitsberater Henry Kissinger berichtete, der Präsident habe auf den Tod der Studenten mit «Gleichgültigkeit» reagiert. Der Krieg in Vietnam ging jedenfalls weiter, Tausende Amerikaner und Hunderttausende Vietnamesen starben.

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Präsident Nixon (links) mit James Rhodes, der Gouverneur von Ohio, der für den Einsatz der Nationalgarde verantwortlich war. (6. Februar 1969) Foto: Keystone

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