Eine Busreise, die niemals endet

Seit über einem Monat im defekten Bus gestrandet: 38 Malawier in Guateng. (PD)

Unendliche Warterei: 38 Malawier warten seit über einem Monat im defekten Bus auf die Weiterfahrt. (PD)

Dies ist eine Geschichte, die sich so nur in Afrika abspielen konnte und über das Leben auf dem Kontinent mehr aussagt als manches Semester Ethnologie. Sie begann am 12. Mai in Johannesburg, Südafrika, als 38 Fremdarbeiter aus Malawi zum Besuch ihrer Verwandten nach Hause reisen wollten. Sie hatten einen Omnibus mit Fahrer bei einem Unternehmer bestellt, der für die knapp 2000 Kilometer lange Fahrt insgesamt 50’000 Rand verlangte. Das entspricht 3000 Euro, also pro Person 80 Euro. Ungefähr so viel, wie ein malawischer Gärtner in zwei Wochen verdient.

Schon wenige Kilometer nach der Abfahrt in Johannesburg blieb der Bus zum ersten Mal liegen. Der Fahrer kontaktierte den Eigentümer, der in der 500 Kilometer entfernten Hafenstadt Durban residiert und ausrichten liess, dass sich Fahrer und Insassen selber um die Reparatur kümmern sollten – er sei nun mal zu weit entfernt. Der Fahrer liess den Bus in ein nahe gelegenes Township schleppen, wo sich ein preisgünstiger Mechaniker des Sorgenfalls annahm – die Passagiere blieben so lange im Fahrzeug. Zwei Tage später wurde die Reise wieder aufgenommen, doch schon nach wenigen Kilometern brach der Bus erneut zusammen. Dieselbe Prozedur wiederholte sich noch einige weitere Male, bis die Fahrgäste schliesslich um zusätzliche 30’000 Rand für Reparaturkosten ärmer waren. Drei Wochen nach ihrer Abreise hatten sie es bis zur Tom-Jones-Strasse in Benoni, einem rund 50 Kilometer entfernten Vorort von Johannesburg, gebracht. Dort hatte der Fahrer endgültig die Faxen dicke und machte sich heimlich vom Acker.

Die 38 Fahrgäste blieben. Sie hatten bereits viel zu viel Geld in die Reise investiert und ausserdem ihr schweres Gepäck im Bus. Also übten sie sich in der Disziplin, in der Afrikaner unangefochtene Weltmeister sind: in Geduld.



Seit über einem Jahr gestrandet: 39 Malawier in Gauteng. (Youtube)

Eines Tages wurde das Warten von einem dramatischen Ereignis unterbrochen: Eine Malawierin fiel plötzlich in akute Wehen. Übers Telefon forderten die Reisenden ärztliche Hilfe an, doch noch bevor Stunden später eine Ambulanz eintraf, war das Kind bereits im Bus geboren. Trotzdem kamen die Sanitäter nicht umsonst, denn wie sich alsbald herausstellte, hatte die Mutter – auch für sie völlig überraschend – noch ein weiteres Baby im Bauch. Sinnigerweise wurden die Zwillinge nach dem Namen der Strasse, in der sie geboren wurden, Tom und Jones benannt.

Der doppelte Geburtsvorgang hatte noch den zusätzlichen Segen, dass die Öffentlichkeit über die Sanitäter endlich auf das Schicksal der Gestrandeten aufmerksam gemacht wurde. Wenige Tage später fand sich ein grosszügiger Spender, der die 38 Malawier kostenlos nach Hause transportieren wollte – womit die Geschichte eigentlich ihr Happy End gefunden haben könnte. Wenn sich nicht herausgestellt hätte, dass einige der Pässe der Reisenden inzwischen abgelaufen waren: Sie müssen nun von der malawischen Botschaft verlängert werden. Beim letzten Check stand der Bus immer noch da – um das Überleben der Gestrandeten kümmert sich inzwischen die Heilsarmee, und einer der Zwillinge soll im Krankenhaus gestorben sein.

3 Kommentare zu «Eine Busreise, die niemals endet»

  • Flo sagt:

    einerseits finde ich die Geschichte sehr spannend und zeigt uns was diese Leute alles auf sich nehmen können und wollen.
    anderseits bestärkt diese, an sich interessante, Geschichte meine Zweifel an der Integrationsfähigkeit von Menschen die eine solche Lebenseinstellung haben. und Flüchtlinge aus Malawi soll es auch schon hier bei uns geben. wo und wie will man die in unsere stressige und auf Effizienz ausgerichtete Arbeitswelt integrieren?

    • Tom sagt:

      Ich finde Ihre Zweifel absolut berechtigt, aber meine persönliche Erfahrung mit Afrikanern hier und in ihrem Heimatland ist die, dass sie einer Sache genau so konsequent und souverän nachgehen können wie wir, wenn sich das Ziel lohnt. Und das tut es eben in Afrika oft nicht so wie hier. Wohlstand ist dort weniger eine Frage der persönlichen Leistung als von Zugehörigkeiten und Gefälligkeiten. Aber die afrikanischen IT-Fachleute, Küchenmitarbeiter und Musiklehrer die ich hier kennengelernt habe, haben eher weniger Integrationsprobleme als gewisse Einwanderer aus europäischen Ländern. Das grösste Problem für Afrikaner hier sind die übersteigerten Ansprüche ihrer Grossfamilien im Herkunftsland.

    • Martin sagt:

      Welche „Lebenseinstellung“ soll denn bitte dieser Vorgang belegen? Sich in Geduld zu üben?

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