Die Misere ausländischer Journalisten

Bereits bei den Vorwahlen waren die Medienschaffenden klar verteilt. Zu den bevorstehenden Parteitagen wird der Konkurrenzkampf um die besten Plätze noch härter. Foto: Javier Galeano (Reuters)

Bereits bei den Vorwahlen waren die Medienschaffenden klar verteilt. Zu den bevorstehenden Parteitagen wird der Konkurrenzkampf um die besten Plätze noch härter. Foto: Javier Galeano (Reuters)

Es naht ein Zirkus der besonderen Sorte: Nämlich die Parteitage der Demokraten und Republikaner in Philadelphia und Cleveland. Die Vorbereitungen dafür sind in vollem Gange.

Alle Medienschaffenden müssen sich für den Zirkus anmelden und nachweisen, dass sie nicht zum Vergnügen anreisen. Danach wird ihnen ein Hotelzimmer zugeteilt. Die Ausrichter der Krönungsfeierlichkeiten der beiden Präsidentschaftskandidaten, die Nationalkomitees der Demokraten und Republikaner, haben seit Monaten alle Hotelzimmer am Austragungsort und der Umgebung beschlagnahmt.

Zugewiesen werden die Zimmer nach einem ausgeklügelten Kastensystem. Die Bonzen, also Senatoren, Abgeordnete und Lobbyisten, erhalten Suiten und Zimmerfluchten mit reich bestückten Minibars, drei TVs und mehreren Telefonen, darunter eines auf dem Klo. Man sitzt ab und telefoniert. Wie einst Lyndon Johnson. Hillary und Trump ziehen in die grössten Suiten im obersten Stockwerk ein. In den Nebenzimmern lümmeln ihre Leibwächter.

Die Hotels der Bonzen heissen Intercontinental oder Ritz-Carlton oder Mandarin Oriental. Die Bademäntel sind dort extrem flauschig, Seife und Shampoo exquisit. Sie riechen nach Flieder und verschönern die Haut. Abends bringt ein Hotelangestellter ein Bettmümpfeli und wünscht angenehme Ruhe.

Die Parteitagsdelegierten sowie amerikanische Top-Journalisten und TV-Schönlinge mit exorbitanter Reichweite steigen im Hilton ab. Oder im Hyatt oder im Marriott. Wie alle VIPs können sie zu Fuss zur Kongresshalle gehen. Ihre Bademäntel und Handtücher sind jedoch nicht aus biologisch angebauter Pimabaumwolle.

Danach beginnt abschnittsweise der Abstieg. Weniger renommierte amerikanische Journalisten, etwa vom «Hicksville Plain Dealer», eine Art «Landbote», steigen im Holiday Inn ab oder bei Fairfield oder im Ramada Inn. Zur Kongresshalle sind es mindestens fünf Kilometer, weshalb mindere Lohnschreiber und nicht so schöne TV-Moderatoren mit Autobussen zur Krönungsveranstaltung gekarrt werden. Morgens hin, abends zurück. Minibars gibt es nicht, die Bademäntel sind teils aus Kunstfaser.

Danach kommen ausländische Medienschaffende. Sie werden am Rande der Zivilisation untergebracht. Die Namen ihrer Hotels und Motels signalisieren Frugalität. Oft enthalten sie Wörter wie «Spar» oder «Wert». Oder einfach Zahlen: Motel 9 oder Motel 3. Bademäntel gibt es nicht. Das Wi-Fi funktioniert gelegentlich. Statt Minibars gibt es einbruchsichere Türschlösser. Wer Schnaps will, bringt ihn selber mit. Zum Frühstück werden billige Cerealien serviert. Sie sind grellbunt und schmecken, als ob sie aus Basel, Leverkusen oder Ludwigshafen importiert werden.

Dann heisst es den Bus besteigen. Die Fahrt dauert oft eine Stunde und mehr. Der Bus hält vor schäbigen Motels sowie Hotels mit «Spar» und «Wert». Alle pennen im Bus, weil das Bett grauenhaft war. Zur Dusche gab es Kernseife. Behäbig geht die Fahrt vorbei an Äckern und Feldern und durch Suburbia bis in die Innenstadt, wo gekrönt wird. In der Kongresshalle heisst es weit nach oben bis unters Dach steigen. Dort dürfen ausländische Lohnschreiber den Ereignissen beiwohnen.

Spät am Abend fahren alle wieder aufs platte Land zum Hotel Spar oder Motel 3. Manch einer weint sich in den Schlaf.

4 Kommentare zu «Die Misere ausländischer Journalisten»

  • Ursula Haass sagt:

    Wie wärs‘, wenn „ausländische Medienschaffende“ überhaupt nicht mehr antreten und nichts mehr berichten würden? Das wäre doch mal was anderes. Es würde mich wirklich interessieren, was dann passieren würde. Ueberhaupt sollte man die USA mal ganz links liegen lassen – sie sind nämlich schon lange nicht mehr der Nabel der Welt!!

  • Lori Ott sagt:

    Selber schuld wer diesem jämmerlichen Spektakel zudienen will. Zu bemitleiden jene, welchen diese Zudienerei vom Arbeitsgeber befohlen wird.

  • Maier Tom sagt:

    danke Herr Kilian, wie immer sind ihre Berichte ein Grund zum Schmunzeln und Nachdenken.

  • Florian Müller sagt:

    Amerika als Land der unbegrenzten Möglichkeiten – sowohl nach oben wie auch nach unten. Wie schon Gil Scott Heron sagte: I can pay no doctor bill but whitee’s on the moon. Aber auch: The revolution will not be brought to you by Mobil Oil …. the revolution will not be televised, the revolution will be live.

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