Fressen wie das Volk

Republican presidential candidate Ted Cruz greets supporters after speaking at Hotel Irvine in Irvine, California, United States, April 11, 2016. REUTERS/Lucy Nicholson - RTX29IIH

Auf Tuchfühlung: Ted Cruz an einer Wahlkampfveranstaltung in Irvine, Kalifornien. Foto: Lucy Nicholson (Reuters)

Wie alle Politiker seit Kublai Khan legen die amerikanischen Präsidentschaftskandidaten grossen Wert darauf, volksnah zu erscheinen. Wie du und ich möchten sie sein. Obschon fast alle mit Ausnahme von Bernie reich sind. Und die Reichen sind bekanntlich «anders als du und ich». Das behauptete F. Scott Fitzgerald bereits 1925. Gerade deshalb ist Volksnähe wichtig.

Früher verwiesen die Kandidaten gern auf ihre Herkunft aus einer Blockhütte am Rande der amerikanischen Zivilisation. William Henry Harrison zog 1840 in den Präsidentschaftswahlkampf als Kandidat von «Blockhütte und Apfelmost». Er gewann, verschied aber kurz nach der Amtseinführung. Um viril zu wirken, habe er sich bei der Zeremonie den Mantel ausgezogen. Er sei an einer Lungenentzündung gestorben. Tatsächlich erkrankte der Apfelmost-Präsident an Typhus, weil sich nahe des Weissen Hauses Jauche- und Sickergruben befanden.

Besonders gern prahlen Präsidentschaftskandidaten zum Zwecke der Volkstümlichkeit mit volksnahen Essgewohnheiten. Insgeheim mögen sie Abend für Abend Kaviar und Chateaubriand auf welkem Spinat verdrücken, der Öffentlichkeit aber erzählen sie etwas völlig anderes. Wie etwa der ältere Bush, ein Patrizier, der 1988 log, er liebe geröstete Schwarte vom Schwein. Das Zeug wird verpackt verkauft und erfreut sich grosser Beliebtheit bei Amerikanern, die verrostete Autos und Kühlschränke hinter ihrem Haus parken.

George Herbert Walker Bush wollte wie sie sein. Es war lachhaft. Aber Bush gewann die Wahl. Jetzt versucht sich Senator Ted Cruz an der Volkstümelei. Einer Zeitschrift verriet er allerlei Alltägliches, was ihn zum Mann von nebenan adeln soll. Beispielsweise wurde er von einem Oktopus gebissen. Ausserdem erklomm er den Mount Fuji und spielte als Knabe ein Videogame namens «Pong».

Unweigerlich aber landet auch Ted bei den Viktualien. Er liebt Käse und hasst Avocados. Lümmelt er als Senator allein in Washington herum – die Familie lebt in Texas –, «ist mein Abendessen eine Dosensuppe, davon habe ich Dutzende im Schrank». Ehefrau Heidi schob in einer TV-Sendung nach und identifizierte Teds Lieblingssuppe als «Campbell’s Chunky Soup». «Chunky» steht für «klobig». Die Fleischstücke und überhaupt alles in der Suppe sind «klobig».


Erzählen eine Anekdote aus ihrem Eheleben: Heidi und Ted Cruz. Quelle: CNN / Slate

Kaum seien sie aus den Flitterwochen zurückgekehrt, so Frau Heidi, habe Ted Dosen eingekauft – was Heidi schockte. Sie brachte die Suppen zurück zum Supermarkt, ihre Mutter aber «widersprach», worauf Heidi die Dosen gehorsamst wieder ins Haus schleppte.

Campbell-Suppen sind berühmt. Andy Warhol malte Campbell-Dosen. Sie sind billig und volksnah. Studenten, Arme und Faule ernähren sich davon. Man öffnet eine Dose, giesst den Inhalt, darunter gehörig Natriumchlorid, in einen Topf – und fertig ist das Dinner. Ted Cruz kauft Campbell-Suppen mit Huhn. Und mit Bœuf. Sagt er. Gewiss verzehrt er auch Suppen mit «Landgemüse». Oder mit «Pilzen und Schweizer Burger». Das Sortiment ist riesig.

«Wenn du Hunger hast, brauchst du klobig – die Suppe, die wie eine Mahlzeit schmeckt», wirbt Campbell. Denn «klobige Suppe macht dich satt, ohne dich vollzumachen». Befindet sich Senator Cruz in Washington, speist er klobig. Aber er verspürt kein Völlegefühl. Wie du und ich.

1 Kommentar zu «Fressen wie das Volk»

  • Hobbykoch sagt:

    Dochdoch, Natriumchlorid gehört in eine feine Suppe.
    NaCl ist nämlich die chemische Formel für Kochsalz, Herr Kilian.
    Und ohne wäre das Geschmacksergebnis etwas fad.
    Aber sonst ein ganz feiner Text, weiter so!

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