Was weiss Obama schon von Raketenantrieben?


Er sass wie so oft auch am vergangenen Dienstag vor seinem Fernseher. Einem südkoreanischen Flachbild-TV mit 139 Zentimetern Bildschirmdiagonale. Sein Name und sein Aufenthaltsort müssen vertraulich bleiben. Nur so viel: Er lebt südlich von Washington. Früher war er mal bei den Schlapphüten.

Die Dämmerung umzingelte sein Haus, derweil er gebannt auf die Rakete starrte, die sich hell beleuchtet im Nasa-Raumfahrtzentrum Wallops an der Küste Virginias auftürmte. Eine Antares-Rakete der Firma Orbital Sciences. Sie sollte zwei Tonnen Bier und Frühstückskost, darunter Fruit Loops und Apple Jacks, zu den Astronauten in der Internationalen Raumstation befördern.

Endlich begann der Countdown: Sieben… sechs… vier – hoppla, durchzuckte es ihn, man hat sich verzählt! – drei… zwei… eins… und abheben! Nichts aber hob ab, ja die Rakete löste sich in einem Feuerball auf. Er lehnte sich nach vorne. Vielleicht hatte jemand auf den falschen Knopf gedrückt? «Zerstören» statt «Starten»? Dann erinnerte er sich an Stephen Hawking. Einsteins Relativitätstheorie ermögliche, Raum und Zeit so zu verbiegen, «dass du in einer Rakete abfliegen kannst und zurückkommst, bevor du überhaupt gestartet bist», hatte Hawking gesagt.

US-Präsident Barack Obama begutachtet im Weissen Haus die preisgekrönte Rakete eines Studenten. Foto: Larry Downing (Reuters)

US-Präsident Barack Obama begutachtet im Weissen Haus die preisgekrönte Rakete eines Studenten. Foto: Larry Downing (Reuters)

Wow! Vielleicht war die Zeit verbogen worden und die Antares-Rakete schon wieder zurück? Nein? Er lehnte sich nach hinten. Das Ding war explodiert, dachte er. Bier und Fruit Loops waren hinüber. Seine Synapsen schalteten den Turbolader zu, fiebrige Paranoia setzte ein. Aber klar! Die erste Raketenstufe! Orbital Sciences benutzte einen uralten sowjetischen Raketenantrieb. Den AJ26! Das Ding war konzipiert worden, als Elvis noch rockte. Späte Fünfzigerjahre. Sollte die N-1-Mondrakete der Kommunisten antreiben! Völliger Flop. Die Raketenantriebe wurden in Sibirien eingemottet.

Er war mal dort, als er noch für den «Dienst» arbeitete, damals in den Neunzigern. Verrostete Raketenantriebe stapelten sich in einer Halle am Baikalsee. Treibstoff tropfte heraus, das Metall war korrodiert. Plötzlich ging ihm die Hit-LP der Ramones durch den Kopf: «Rocket to Russia». Es war genau andersherum gelaufen! Die Russen hatten ihre vergammelten Raketenantriebe an Orbital Sciences verkauft. Rocket to America! Zur Hölle mit den Ramones! Er lachte bitter.

Nun war eines dieser Kommunisten-Fossile explodiert. Womöglich hatte Putin den Finger am Drücker gehabt. Per Fernzündung. Putin hasst Apple Jacks und verachtet Fruit Loops. Vierter Knopf von rechts oben – und zack! war die Antares explodiert. Er starrte fassungslos auf seinen Fernseher. Der Russki-Schrott brannte lichterloh. Sein iPhone zeigte einen Tweet von Orbital Sciences an: «Eine Vehikel-Abnormität hat sich ereignet.» Und dann: «Das Vehikel hat einen katastrophalen Defekt erlebt.»

Die Antriebe seien «grundüberholt» worden, hatte es geheissen. Der «Dienst» und er kannten die Wahrheit: Die Russen hatte die AJ26 pink übermalt und die Lecks mit Kaugummi gestopft. Rocket to America! Schon im Mai war ein «grundüberholter» AJ26 auf dem Prüfstand explodiert. Er dachte an die Astronauten: kein Bier, keine Fruit Loops! Wut stieg in ihm hoch.

Obama! Wahrscheinlich hatte er sich den Schrott andrehen lassen und an Orbital Sciences verscherbelt. Was wusste Obama schon von Raketenantrieben? Ein Ziegenhirte aus Kenia! Er zündete sich eine Zigarette an. Vielleicht doch Hawking? Zeit und Raum gekrümmt? Er kniff die Augen zusammen. Die Bildschirmdiagonale seines TV mass nur 139 Zentimeter. Wie konnte jemand auf 139 Zentimetern die verdammte Relativitätstheorie sehen? Die Trümmer der Antares flackerten. Total frustriert ging er ins Bett.


Die Relativitätstheorie für Ihren Bildschirm. Video: Nasa/Reuters

9 Kommentare zu «Was weiss Obama schon von Raketenantrieben?»

  • Obama ist halt immer noch in der „Stifti“. Alles was ihn lehrt besser zu werden zählt eben schon. Also bitte Geduld zeigen. Seine Abschlussarbeit ist ja erst in zwei Jahren.

  • Goran sagt:

    Herr Killian scheint von alles etwas zu wissen! Seine Expertise wird sicherlich von den Verstaendnisvollen vollkommen geschaetzt warden! Er sieht ein bisschen muede aus. Vielleicht braeuchte er eine Erholungskur!

  • Manfred Grieshaber sagt:

    Eine schöne Geschichte. In Wirklichkeit werden solche Fehlschläge oft durch Banalitäten verursacht. Es sind dumme Fehler bei denen man sich im Nachhinein an den Kopf fasst ob soviel Fahrlässigkeit.
    Vor einigen Jahren verlor die NASA zwei Mars-Sonden. Eine Untersuchungskommission fand die Ursache: Um Kosten zu sparen hatte die NASA die Entwicklung einiger Komponenten bei Privatfirmen in Auftrag gegeben. Die US-Rüstungsfirma Fairchild baute die Landungssteuerung. Als Wissenschaftsorganisation verwendet die NASA das metrische Längenmaß, Fairchild als reine US-Firma misst Entfernungen in Meilen. Die NASA-Vorgabe für das Abbremsen forderte eine prozentuale Verringerung der Anfluggeschwindigkeit je Kilometer. Niemand realisierte das Fairchild daraus ein Abbremsen je Meile machte. Und so war die Anfluggeschwindigkeit viel zu hoch, beide Sonden zerschellten auf dem roten Planeten.

    • Gerhard Engler sagt:

      Die europäische ESA vergibt alle Aufträge an Privatfirmen, z.B. auch die äusserst erfolgreiche Ariane.

    • Alain Burky sagt:

      Werter Herr Grieshaber,
      In einem alten Informatik-Kurs, bei einem exzellenten Lehrer, es ging u.a. auch um Dump-Analyse; hatte ich an Hand einem praktischen Beispiel gelernt, warum sogar Raketen, wie Arianes oder so – falsch gehen können. Bei diesem, man denkt simplen Beispiel, ging es um binary fixed (15/16) – oder eben 31:32). PL1 oder so. Also in der IBM-Sprache um Halb-Wort oder Ganz -Wort. Technisch nannte man es einen binary-overflow, wie man gem. dem Dump (viele 100 Seiten) – auch hexadezimal – nachlesen konnte. Machen Sie sich keine Sorgen – ich hatte nicht jedes Detail gelesen 😉

  • Thomas Müller sagt:

    Schön geschrieben! Lustig auch, dass selbst eine solch offensichtlich ironische Sonntagsgeschichte die Putin-Trolle auf den Plan ruft 🙂

  • Rolf Bombach sagt:

    Sonst schreiben Sie doch so nette Kolumnen. Hier drängt sich mir allerdings der Verdacht auf, Sie hätten diesmal etwas zu früh etwas zu viel von Ihrem Lieblingskraut geraucht. Wie war das noch mal? Antares war die Rakete, oder AJ26? Oder war letzteres das Triebwerk, aber warum sollte man das rosa anmalen, oder war das Triebwerk ein Kusnezow NK-33? Oder ein A26-58, also eins, das durch die amerikanische Aerojet umgebaut wurde, für Kistler Aerospace? Aber der Hersteller war doch Orbital sciences? Oder haben wir das jetzt mit dem N-1, äh, nein, das war ja das russische, ich meine K-1 Projekt verwechselt oder mit dem gefloppten Taurus-Projekt? Fragen über Fragen, aber Obama weiss ja nichts von Raketenantrieben, im Gegensatz zu Kilian. Samara am Baikalsee? Hm, 5000km daneben, naja, für Amerikaner sind das schon ganz gute Geographiekenntnisse.

    • rascha kocher sagt:

      Dass heuer der Wettbewerb nicht mehr in allen Farben hinterfragt werden darf ist obsolet. Hat ES damit zu tun, dass das Bier nicht sein Ziel erreichte? Wundert mich um das Wissen hierzulande, wo Samara zu finden sei. Weil ES ist ein aktueller Mädchenname.
      Doch darüber schreiben, wieviel an Schädlichem Raketen, Flugzeuge und Feuerwerk zusammen an Luft kontaminieren, ist wohl der Öffentlichkeit nicht zumutbar. So soll Frieden herrschen, auch wenn man darin ersticken kann.

  • Hofstetter sagt:

    Martin Killian hat hier einen sehr interessanten und guten Artikel zum Nachdenken geschrieben.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.