Der Clinton-Schrein des schlechten Geschmacks


Wieder mal in Rom, wie? Ein bisschen Augustus und Ruinen von zweifelhaftem kunsthistorischem Wert? Oder diesmal doch lieber Versailles und der 16. Ludwig? Vielleicht ein Snob und deshalb in Pyongyang? Bei den Denkmälern der Kims?

Wie wäre es mit einem völlig revolutionären Ort, fernab vom Schuss, aber mit einem Prachtbau? Auf nach Little Rock, der Hauptstadt des Bundesstaats Arkansas! Dort gibt es allerhand zu bestaunen, etwa ein imposantes Denkmal, das sich Bill Clinton errichten liess. Er stammt aus Arkansas und regierte dort als Gouverneur.

Wie alle Präsidenten der jüngeren Vergangenheit baute sich Mr. Bill nach seiner Amtszeit eine «Bücherei» zur Aufbewahrung diverser Unterlagen: 2 Millionen Fotos, 80 Millionen Seiten Dokumente, 21 Millionen E-Mails sowie 79’000 Gegenstände aus der präsidialen Schatzkammer – ein Segen für Little Rock, denn Mr. Bills Sammlung lockt Touristen an und spült Zaster in die Kassen der Stadt.

Rauchschwaden der Selbstbeweihräucherung

Natürlich heissen die Bücherei und die dazugehörige Bildungsstätte nicht einfach «Mr. Bills Bücherei und Zentrum». Immerhin handelt es sich hier um eine Einrichtung für gehobene Ansprüche. Deshalb trägt sie den Namen «William Jefferson Clinton Presidential Center». Dorthin führt allerdings die volkstümliche Bill Clinton Avenue, an der sich ein prall gefüllter Laden mit allerlei Clinton-Schnickschnack direkt aus der Enzyklopädie des schlechten Geschmacks befindet.

Beim Verlassen dieses kommerziellen Schreins der Erinnerung an Mr. Bill fällt das Auge auf einen Palast aus Stahl und Glas, dessen Obergeschoss weit über das Ufer des Arkansas-Flusses ragt. Das kühne Bauwerk soll jene «Brücke zum 21. Jahrhundert» sein, die Mr. Bill stets beschwor. Beginge sie jemand, stürzte er unweigerlich in den Fluss. Aber das nur nebenbei. Für eine Handvoll Dollar Eintritt darf sich der Besucher drinnen an Mr. Bills zwei Amtszeiten weiden, muss jedoch beissende Rauchschwaden clintonscher Selbstbeweihräucherung ertragen.

Die goldenen 90er-Jahre auferstehen in aller Pracht inklusive Mr. Bills Saxofon, seiner Dienstlimousine sowie des offiziellen Porzellans. Hillary ist selbstverständlich mit von der Partie. Nostalgie setzt ein, Sehnsucht nicht nur nach Mr. Bill. Soundgarden, die Smashing Pumpkins und die Beastie Boys, Helmut Kohl und Monica Lewinsky, Königin Beatrix, Windows 95 und O. J. Simpson: Mr. Bills üppige Ausstellung aktiviert die Synapsen, knirschend springt das Langzeitgedächtnis an.

Was schwant uns noch mit Hillary?

Wenn die Neuronen nicht so richtig funken wollen, hilft eine massstabgetreue Nachbildung von Mr. Bills Büro im Weissen Haus nach: Ach, der Mann war ja Präsident! Allerdings ist der Zutritt zum Büro verboten – im Gegensatz zum massstabgetreuen Kabinettszimmer, wo jeder Prolet Platz nehmen und so tun kann, als sei er Mr. Bill oder der Aussenminister.

Der Kopf schwirrt einem in Little Rock, denn kaum ist vorstellbar, was sich Hillary wohl hinstellte, wenn sie nach acht Jahren Präsidentschaft das Weisse Haus 2025 verliesse. Zumal Mr. Bill sicherlich einen Anbau bestellte, der seine Zeit als «Erster Gatte» an der Seite von Präsidentin Hillary abhandelte. Mr. Bills Anbau, die Hillary-Rodham-Clinton-Bücherei, dazu ein fünfstöckiges Einkaufscenter voller Clinton-Souvenirs: Little Rock würde aus den Fugen geraten und Rom mitsamt dem hässlichen Geröll aus der Ära des Vespasian überrunden. Was dem einen sein Kolosseum, ist dem anderen seine Bücherei.

Nach Hillarys präsidialem Zentrum käme 2033 dann die Chelsea-Victoria-Clinton-Bücherei, womit Little Rock zur bibliothekarischen Kultstätte einer blühenden Dynastie mutierte. Die Kims könnten einpacken!


Bill Clinton am Saxofon. Video: Youtube

8 Kommentare zu «Der Clinton-Schrein des schlechten Geschmacks»

  • Daniel sagt:

    Was für eine süffisante, tendenziöse, kleinliche Geschichte. Amerika tickt ein bisschen anders als die Schweiz, schon gemerkt? Dort geht es nicht um Käseexport, Blocher, direkte Demokratie, Schweizer die in Deutschland einkaufen, oder ob man weibliche Elefanten ab jetzt Elefantinnen nennen soll. Nein. Die haben ganz einfach ihr eigenes Ding. Das sind einfach in jeder Hinsicht ganz andere Dimensionen.
    Wenn Sie neutral darüber schreiben würden, bestünde durchaus die Möglichkeit, mir mein eigenes Bild über dieses Museum zu machen. Echt, das traue ich mir zu. Aber so wird’s schon etwas schwieriger. Oder war das etwa als Glosse gemeint?

  • rosita young sagt:

    Ich hab mal in searcy gewohnt als Deutsche,…. 1967.Damals war arkansas ein armer staat. Bill hat viel zur wirtschaftlichen verbesserung beigetragen.Martin ist bestimmt Republikaner.in einem suedlichen Staat.Wenn man nicht gutes sagen kann soll man lieber nichts sagen.Man macht sich nur laecherlich.Uebrigens ich wohne jetzt in Noorth Carolina.

  • Anh Toan sagt:

    „Sehnsucht nach Helmut Kohl“

    echt jetzt?

  • Simon sagt:

    Wer sagt unserem Super-USA-Korrespondenten, dass Hillary in Illinois geboren und aufgewachsen ist? Dass Ihre allfällige Präsidenten-Bibliothek also auch dort gebaut würde? Und das Library nicht Bücherei (Book-Shop) sondern Bibliothek heißt?
    Ist aber nicht das erste Mal, dass dieser „Korrespondent“ mangelndes Faktenwissen mit ziemlich überheblicher Süffisanz zu überspielen versucht.

    • Reto Müller sagt:

      Eine Bücherei ist äquivalent zum Begriff Bibliothek. Das ist schon richtig übersetzt. Der Autor hat einfach die saloppe Variante gewählt, zum Text-Genre passend.

    • Beat sagt:

      @Simon: Nach Duden ist eine Bücherei eine „kleinere [öffentliche] Bibliothek.

  • Pascal Tobler sagt:

    im September war ich in der Clinton Bibliothek. Ich fand es noch amüsant da durchzuschlendern. Brachte es doch gute Erinnerung an die sorglosen 90ziger Jahre zurück. Auf der selben Reise besuchten wir noch die GW Bush Bibliothek in Dallas. Persönlich hat mir die Ausstellung in Dallas besser gefallen, auch wenn ich GWB und seine Politik gar nicht gemocht habe.

  • Roman sagt:

    und ist auf jeden Fall kein Anhänger der Demokraten

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