Am gepolsterten Po der Welt

Wenn schon der Gouverneur wirres Zeug sagt, sollte man einem amerikanischen Bundesstaat eigentlich fernbleiben. «Wer die Todesstrafe nicht mag und auch nicht Bürger, die eine Pistole tragen, sollte nicht nach Texas kommen», warnte Rick Perry. Zur Hölle mit dem Gouverneur: Sein Staat ist mehr als nur Giftspritzen und Machos mit Knarren an den Hüften. Schliesslich ist Texas überlebensgross. Ein «geheimnisvoller Nimbus, fast wie eine Religion» umgebe den Staat, meinte John Steinbeck.

Ausserdem besteht Texas aus zwei Teilen: Es gibt überwiegend republikanische Anglos mit Namen wie Smith und Tatum sowie mehrheitlich demokratische Latinos, die Gonzalez oder Garcia heissen. In der Grosstadt El Paso im westlichsten Texas an der Grenze zu Mexiko geben die Latinos den Ton an. Wenn in der Innenstadt nahe dem Grenzübergang zum mexikanischen Juarez am nahezu ausgetrockneten Rio Grande die Geschäfte öffnen, wird Einheimischen wie Shoppern aus Mexiko eine entschieden hispanische Ästhetik präsentiert.

Schaumstoff fürs kräftige Hinterteil

Extraordinäre Abendkleider aus der Fabrik No.5 in Guangdong und rasante Unterwäsche aus dem Kombinat No.12 in Shentzen sind hier ebenso zum Schleuderpreis zu haben wie extravagante Polyester-Sakkos aus der Industriezone «Roter Sturm» in Fujian. Und offenbar verlangt das weibliche Schönheitsideal in El Paso nach kräftigen Gesässen: Warum sonst würden Schaumstoff-Einlagen zur betrügerischen Vergrösserung des Pos angeboten?

Ausserdem ist es Zeit für ein texanisches Frühstück. Es ist so üppig wie der Staat: Anglos verdrücken Eier, Speck, einen Stapel Pfannkuchen sowie als Beilage ein Steak. Latinos essen einen «Frühstücksburrito» mit allem drin, was hineingeht und zu viel, als dass es aufgezählt werden könnte. Es sprengte den Rahmen dieses Blogs.

Spitzengeschwindigkeit auf dem endlosen Highway

Nach dem Burrito schleppt sich der prall gefüllte Gast, der trotz Rick Perrys unverschämter Warnung angereist ist, zum Auto und stösst ins Innere des Staats vor. Die texanische Swing-Band Asleep at the Wheel plärrt dazu im Radio: «Ich habe Meilen und Meilen von Texas gesehen/ all‘ die Sterne oben im Himmel/ ich habe Meilen und Meilen von Texas gesehen/ und werde dort leben, bis ich sterbe» – ein anrührendes Stück Heimatliebe und insgesamt sehr verständlich, denn endlos ist der Highway. Immerhin darf der Automobilist völlig legal mit 140 Kilometern – ein amerikanischer Spitzenwert! – über die Strassen des unverschämten Rick Perry donnern.

Texas ist eben gross und im Westen extrem leer. Eine Ranch kann dort mehr Quadratkilometer als ein Kanton haben, jawohl. Und wenn sich Fuchs und Hase begegnen, sagen sie sich keineswegs «Gute Nacht». Sie plaudern angeregt gegen die Einsamkeit an, bisweilen organisieren sie womöglich sogar ein spontanes Picknick. Etwa am Rande der Staatsstrasse 118 hinunter nach Alpine, einem Nest hinter den sieben Bergen. Längs des Weges geht es wunderschön zu, zumal in diesen Bergen die weltberühmte McDonald-Sternwarte steht.

Höllisch leer und lecker

Von dort begaffen die Texaner den Kosmos, ohne sonderlich beeindruckt zu sein: «Hell yes, es ist leer da draussen – fast wie zu Hause», zucken sie mit den Schultern. Nicht jedermann ist ein Freund solcher Angeberei. «Wenn ich Texas und die Hölle besässe, würde ich Texas vermieten und in der Hölle wohnen», hetzte einst General Philip Sheridan. Aber er war ein Nordstaatler und verstand nichts von Texas.

Denn sobald der Abend anbricht und Willie Nelson seinen vorletzten Joint rollt, gibt es in Alpine und sonstwo in Texas köstliches Rinderbrust-BBQ und leckere Tacos und Enchiladas. Und darüber kann man glatt vergessen, dass der dämliche Gouverneur gewisse Leute nicht in Texas haben will.


Asleep at the Wheel: «Miles and Miles of Texas»

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