Signora regiert

In Rom regiert die Frau, wenigstens inoffiziell. Männer, die sich nicht daran halten wollten – zum Beispiel Caligula und sein Neffe Nero – fanden ein unrühmliches Ende und haben bis heute einen ziemlich schlechten Ruf. Anders Augustus. Zu Hause gehorchte er aufs Wort seiner Gattin Livia, die er geheiratet hatte, als sie von einem anderen im siebten Monat schwanger war. Wenn man dem antiken Klatschreporter Sueton glaubt, hatte Augustus bei Livia überhaupt nichts zu melden. Draussen durfte er dafür den Herrscher des Weltreichs geben, bis heute hat der Pantoffelheld ein glänzendes Image. Als Friedenskaiser.

Francesco Totti, als ewiger Roma-Captain in seiner Heimatstadt der heimliche König, hält es wie der erste Kaiser Roms. Seit Jahrzehnten versetzt der Fussballer seine Fans ins Delirium – aber zu Hause kommandiert Ilary und zählt dem Über-Römer die Nudeln ab, damit er nicht zu dick wird. Und Totti lutscht nach jedem Tor am Daumen.

«Nach meinem 70. Geburtstag habe ich begonnen, meiner Frau manchmal zu widersprechen», sagt der Vater unserer Freundin Susanna, inzwischen ist er 90, seine Ehe hält seit 65 Jahren. Wozu ändern, was sich in Jahrhunderten bewährt hat? Nur Barbaren müssen gegenüber ihren Frauen den starken Mann markieren. Römer ruhen in sich selbst und lassen die Signora gewähren. Widerstand ist ja sowieso zwecklos.

Am Ende ein demütiges Winseln

Dazu folgende Szene aus einer Trattoria an der zentralen Via Merulana: Am Nebentisch sitzen zwei Männer und eine Frau, alle drei nicht mehr jung, alle sehr gut angezogen, römische Bürger am Samstagabend. Die Männer unterhalten sich angeregt, beide haben vor sich einen Teller mit Weinbergschnecken. Die Dame schaut ostentativ weg vom Tisch, mal zu den anderen Gästen, mal zur Decke. Keine Reaktion. Die Signora hält eine Hand ans Auge, damit sie ihre Begleiter nicht sehen muss und die ihr Gesicht nicht sehen können. Aber die Männer reden ungerührt weiter.

Nun greift sie zur Speisekarte, stellt sie wie eine Mauer zwischen sich und die Mitspeisenden. Die schauen kurz erstaunt auf. Und weiter mit der Debatte, es geht um Politik. Die Signora seufzt. Erst leise, dann immer lauter. Schon trommelt sie mit den Fingern auf den Tisch. «Was ist denn?», fragt einer der Herren, ihr Ehemann, wie sich herausstellt. Denn sie explodiert und zischt ihn an: «Seit 30 Jahren sind wir verheiratet. Du weisst genau, wie sehr ich Schnecken verabscheue. Ich kann sie nicht nur nicht essen, ich kann sie auch nicht riechen und schon gar nicht sehen. Und du bestellst sie trotzdem! Ich ertrage das hier nicht länger. Ich gehe!» Steht auf, donnert die Speisekarte auf den Tisch und rauscht hinaus.

Ruhe am Tisch, Stille im Lokal. Alle sind beeindruckt, die Männer im Raum ziehen vorsorglich die Köpfe ein. Die beiden Schneckenesser zeigen Haltung und essen erst mal weiter, als wenn nichts wäre. Jetzt reden sie über Fussball, endlich ungestört. Drei Minuten verstreichen, allenfalls fünf. «So gut sind die Schnecken auch nicht», sagt der Ehemann. «Wir hätten die andere Spezialität des Hauses nehmen sollen», spottet der Freund. «Die wäre?» – «Kutteln!»

Nach weiteren zwei Minuten schieben Ehemann und Freund die Teller weit von sich. Der Kellner wird gerufen, abräumen bitte. Der Gatte zieht sein Handy. «Amore», säuselt er, «Liebling. Bist du schon zu Hause?» Nicht doch, sie hat draussen vor der Tür gewartet und kehrt triumphal zurück. «Zufrieden?», fragt sie, als sie sich wieder hinsetzt, den Freund ignorierend «Möchtest du noch etwas essen?», winselt demütig ihr Mann. Und sie, eisig: «Mir ist der Appetit vergangen. Aber du bestellst dir jetzt ein Tiramisù!»

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