Lärm über der Hauptstadt

Das gibt es nur in Belgien, der Heimat des Absurden und Skurrilen: Ein neues Startregime für den Flughafen Zaventem sorgt für Dauerbeschallung am Himmel über Brüssel und für politischen Streit vor den nationalen Wahlen diesen Sonntag. Statt über die dünner besiedelte Peripherie starten die Maschinen neuerdings in einem breit ausgefächerten Bogen über die Innenstadt.

Nach den letzten Wahlen von 2010 brauchten Belgiens Parteien die Weltrekordzeit von 541 Tagen, um eine Regierung zu bilden. Diesmal könnte der Streit um den Fluglärm für Verlängerung sorgen. Die frankophonen Parteien machen ein Moratorium und eine Revision des Flugregimes am Brüsseler Flughafen zur Bedingung für eine Koalition mit den Flamen. In Absurdistan gibt es kaum ein Thema, das frankofone und flämische Belgier nicht trennt.

Die Start- und Landebahnen liegen in Zaventem gerade noch auf flämischem Gebiet, während die Hauptstadt zu 90 Prozent französischsprachig ist. Vor dem neuen Regime war es so, dass die Maschinen nach dem Start scharf links oder rechts abbogen und so die dicht besiedelte Hauptstadt vermieden. Das neue Startregime läuft offiziell unter dem Titel «Plan de dispersion». Das könnte man frei mit dem Motto «Lärm für alle» übersetzen.

Hinter verschlossenen Türen ausgehandelt

Tatsächlich leiden heute statt ein paar Tausend Anwohnern in den Flughafengemeinden nun mehr als 400’000 Brüsseler unter der Lärmbelästigung. Der neue Plan war nach jahrelangen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen im Frühling überraschend in Kraft gesetzt worden. Kein Zweifel, die Parteien der flämischen Mehrheit im Land haben die frankofonen Politiker über den Tisch gezogen. Diese spüren jetzt bei Wahlkampfveranstaltungen in der Hauptstadt den Zorn der Wähler und der Bürgerinitiative «Pas Question!», die Zehntausende Unterschriften gesammelt hat.

Welttheater

Die Radaraufzeichnungen zeigen, wie stark die Flugbewegungen über der Stadt (grüner Umriss) seit Einführung des neuen Regimes zugenommen haben. Quelle: «Pas Question!»

Es ist das Gefühl, als würde man unter einer Autobahnbrücke schlafen. Immerhin muss der Brüsseler während der Woche keinen Wecker mehr stellen. Wer am Wochenende ausschlafen will, sollte allerdings besser alle Fenster verriegeln. Punkt 6 Uhr geht es im Minutentakt los und hört erst gegen 23 Uhr wieder auf. Der Lärmpegel vom Himmel kann locker jedes Gespräch bei der Grillparty in den typischen Stadtgärten zum Verstummen bringen. Immerhin fliegen die Maschinen so tief über die Dächer, dass man die Namen der Fluggesellschaften entziffern kann. Beim einen oder andern mag dies Fernweh wecken.

Die benachteiligte Wohngegend trifft es besonders hart

Flämische Kühe würden nun auf Kosten der Brüsseler geschont, sagen böse Zungen. Kein Wunder, Brüssel ist die ungeliebte Hauptstadt der Flamen. Diese pendeln jeden Tag über die Autobahnen aus dem flämischen Umland in die Hauptstadt, sorgen dort für Dauerstau. Da mögen sich die flämischen Politiker gedacht haben, dass ein bisschen mehr Lärm am Himmel auch keinen Unterschied mehr macht. Doppelt trifft es die Zentrumsgemeinden entlang der sogenannten Kanalroute, einer eher benachteiligten Wohngegend mit vielen Einwandererfamilien. In diese Richtung starten besonders schwere Passagier- und nachts selbst die Cargomaschinen im Tiefflug in einer geraden Linie über die Stadt.

Ernste Sicherheitsbedenken gibt es aber auch im Brüsseler Europaviertel, direkt unter der neuen Startroute. Hier hat nicht nur die EU-Kommission ihren Sitz. Dort kommen auch regelmässig die Staats- und Regierungschefs der EU zu ihrem Gipfeltreffen zusammen, einem hochkarätigen Ziel für potenzielle Terroristen.


Ein Brüsseler hört am Morgen dem Gezwitscher der Vögel zu –
bis ein blecherner Riesenvogel alles übertönt. (Quelle: Youtube)


Die Horrorvision der Fluglärmgegner: Die Bevölkerung auf der Flucht.
Das Video wurde zusammenmontiert aus Aufnahmen eines Stadtlaufs und solchen von Flugzeugen über der Stadt. (Quelle: Youtube)


Zum Facebook-Fotostream der «Pas Question!»-Fluglärmgegner geht es hier.


5 Kommentare zu «Lärm über der Hauptstadt»

  • Anton Brunner sagt:

    Ha, dann kommen Sie mal nach Weiningen ins Limmattal… Hier gehts einfach erst um z los 😉

  • Hugentobler Martin sagt:

    Kleine verwöhnte Stadtgöre. Die Grillparty im gemütlichen Stadtgarten zu stören ist ein Unding, dann schon lieber die Grillparty der Landeier. Lärm ja, nur nicht bei mir. Gemäss den Radaraufzeichnungen wurde die Stadt vorher geradezu mit 0 Lärm verwöhnt. Jetzt verteilt sich der Lärm wenigstens. Ist ja nicht so, dass jetzt nur noch die Städter den Lärm hätten.

    • Phil Gra sagt:

      Gerechte Verteilung von Lärm ist für mich, so wenige Leute wie möglich zu belästigen. Lärm ist gesuchdheitsschädigend, kranke Leute gehen zum Artz, schlussendlich tragen alle diese Kosten. Also je weniger Leute leiden, um so weniger trifft es die Allgemeinheit. Und das ist gerecht. Gleich wo, also auch in Zürich.
      Dabei geht es auch um Rechtssicherheit. Wer Jahrzehnte keinen Fluglärm über seinem Eigenheim hatte wird durch den neuen Lärm faktisch enteignet da der Wert seiner Immobilie stark fällt. Andersrum sollte in belasteten Gegenden weniger Leute angesiedelt werden, damit diese eben nicht so belastet werden.

  • Stephan Hess sagt:

    Man muss Absurdistan nicht immer im Ausland suchen. Auch in Zürich werden morgens und abends unnötigerweise Zehntausende vom Fluglärm geplagt, nur weil es die Politiker so wollen.

  • Valentin Sigrist sagt:

    Bild 6/9 ist irreführend. Dieses Flugzeug ist niemals in Brüssel gestartet, sondern überfliegt die Stadt auf mindestens 24,000 Fuss. Bekanntlich entstehen Kondensstreifen ab ca. 8,000 m Höhe.

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