Was uns der Tod übers Leben lehrt

Der Tod ist schwer zu fassen – und dennoch unser ständiger Begleiter. (Foto: iStock)

Über den eigenen nahenden Tod zu sprechen, ist für viele Menschen kein Tabu mehr. Betroffenen hilft es beispielsweise, die oft widersprüchlichen Gefühle im Zusammenhang mit dem Sterben in Form eines (Video-)Blogs festzuhalten. Einen besonders eindrücklichen unter dem Titel «Sterben mit Swag» schrieb der inzwischen verstorbene Dmitrij Panov. Der 25-jährige Deutsche litt an einem unheilbaren Hirntumor und beschrieb seine Krankheit in seinem digitalen Vermächtnis auf ungewöhnliche, ironisch-distanzierte Weise. Er habe seinen Blog zuerst «Sterben mit Stil» nennen wollen, sagte er 2016 in einem Interview mit «Spiegel online». Dummerweise habe es bereits einen Blog mit diesem Namen gegeben. Und noch ärgerlicher: Dieser Blog habe aus nur einem einzigen Beitrag bestanden. Auf die Frage, warum er denn so grossen Wert darauf lege, stilvoll zu gehen, sagte Panov, er wolle halt anders sterben. «Nicht so verrecken. Nicht so traurig … mit einem gewissen Schwung.»

Aber nicht nur direkt Betroffene schreiben über ihren Leidensweg. Auch Menschen, die ihre Liebsten beim Sterben begleiteten, lassen andere an ihren Erlebnissen teilhaben. Ich erinnere mich an durchheulte Nächte, während ich das Buch «Kein Engel an meiner Seite» von Elizabeth Glaser gelesen habe. Elizabeth war die Frau des Schauspielers Paul Michael Glaser («Starsky and Hutch») und wurde 1981 während der Geburt ihrer Tochter Ariel durch eine kontaminierte Blutkonserve mit dem HIV-Virus infiziert.

Elizabeth Glaser mit ihrer Tochter Ariel. (Bild: Elizabeth Glaser Pediatric Aids Foundation)

Und hat dieses unwissentlich während des Stillens nicht nur an ihre Tochter Ariel weitergegeben, sondern später auch ihren Sohn Jake im Mutterleib angesteckt. Nicht nur sie selber, auch ihre beiden Kinder waren so in ständiger Lebensgefahr. Und tatsächlich starb die siebenjährige Ariel 1988 an Aids. Bis zu ihrem eigenen Tod 1994 wurde Elizabeth Glaser zu einer wichtigen Aidsaktivistin, die sich auf höchster politischer Ebene für Kinder mit Aids einsetzte. Eine Stiftung in ihrem Namen führt diese Arbeit heute noch weiter.

Trauern kann auch überraschende Seiten haben

An Elizabeth Glaser und ihre Geschichte musste ich denken, als ich das Buch «Nur über seine Leiche» von Brenda Strohmaier in den Händen hielt, in dem sie über den Tod ihres Mannes schreibt. Ich kannte sie bisher als Lifestyle-Journalistin und mochte ihre gescheiten Artikel in der «Welt». Darum kaufte ich das Buch und las die 326 Seiten in einem Zug durch.

Natürlich lassen sich die beiden Bücher nicht vergleichen, auch wenn das Thema übereinstimmt – der viel zu frühe, schmerzliche Abschied von einem geliebten Menschen. Zehn Jahre waren Strohmaier und der Filmkritiker Volker Gunske ein Paar und nur ein Jahr verheiratet, bevor sie 2016 Witwe wurde. Brenda Strohmaier schreibt über diesen Verlust auf eine solch entwaffnende, humorvolle und selbstironische Weise, dass ich während des Lesens nicht wusste, ob ich lachen oder weinen sollte.

Überraschende Einsichten einer Witwe. Brenda Strohmeier: «Nur über meine Leiche. Wie ich meinen Mann verlor – und verdammt viel übers Leben lernte» (Penguin).

Egal, ob Strohmaier erzählt, wie der ehemalige Fussballfan Volker unter einem Stück Original-Hertha-Rasen liegt. Oder darüber, wie sie das Alleinsein unter Pärchen lernen musste. Oder im Kapitel «Geteiltes Leid, geteiltes Bett», wie sie alle Witwen sehr gut verstehen könne, die sich mit einem Freund oder gar dem Bruder des Toten zusammentäten, weil dieser nämlich die Brücke zwischen Leben und Tod sei. Immer macht sie das auf unkonventionelle Art und beweist so, dass Trauern durchaus auch überraschende Seiten haben kann. Und Volker lebt nicht nur im Buch weiter, er wird auch im Impressum als «Ghostwriter» aufgeführt. Weil er, so Strohmaier, sie durch seinen Tod «verdammt viel» über das Leben lehrte.