Testosteron kann bei Männerdepressionen helfen

Von Kopf bis Fuss

Von einem Testosteronmangel sind vor allem ältere Männer betroffen. Foto: iStock

In den letzten zehn Jahren wurde die Auswirkungen eines Mangels von Testosteron bei Männern, wie er in den Wechseljahren oft vorkommt, klinisch untersucht. Mit den schwindenden Hormonen werden nicht nur ein Libidomangel, sondern auch seelische Verstimmung und Niedergeschlagenheit in Verbindung gebracht. «Allerdings leiden nicht alle Männer unter diesem Mangel», sagt der Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Dr. med Christian Sigg, in meinem Buch «Älterwerden für Anfänger». So hatte beispielsweise Pablo Picasso keine Probleme, wie seine zahlreiche Nachkommenschaft auch in hohem Alter beweist.

Dass Testosteron eine antidepressive Wirkung haben kann, stellten jetzt Forscher aus der Schweiz, Deutschland und Schweden mit einer systematischen Literaturrecherche fest, wie das Deutsche Gesundheits-Portal (DGP) berichtet. Da es sich bei Testosteron um ein «neurologisch wirksames Steroid» handle, sei es «naheliegend, dass es auch auf die Stimmung wirken könnte», heisst es in der Zusammenfassung.

Höhere Dosierungen sind wirksamer

Die Forscher Andreas Walther, Jonas Breidenstein und Robert Miller durchforsteten die medizin-wissenschaftlichen Datenbanken nach klinischen Studien, in welchen Männern mit Placebo oder mit Testosteron behandelt wurden. Ziel des Projekts war, «die Verbindung von Testosteronbehandlung mit der Linderung depressiver Symptome bei Männern» zu untersuchen und «die moderierende Wirkung von Testosteronstatus, Depressionsstatus, Alter, Behandlungsdauer und Dosierung» zu klären, wie es im Original-Abstract bei «Jama Psychiatry» heisst.

Ob Pablo Picassos Depressionen mit einem Testosteronmangel in Verbindung standen, ist fraglich. Seine Zeugungsfähigkeit war jedenfalls nicht davon betroffen. Foto: Keystone

Die Forscher fanden nicht weniger als 7690 Veröffentlichungen, die mit ihren Suchbegriffen übereinstimmten. Davon wurden 469 Studien genauer unter die Lupe genommen und daraufhin überprüft, ob sie verschiedenen inhaltlichen und qualitativen Anforderungen entsprachen. Übrig blieben 27 Studien, in deren Rahmen insgesamt 1890 Männer mit Depressionen erfasst wurden.

Bei der Analyse dieser Studien wurde ein messbarer Effekt festgestellt: «Testosteron konnte im Vergleich zum Placebo klar depressive Symptome lindern», fasst das DGP zusammen. «Dabei war es für die Akzeptanz der Behandlung unerheblich, ob die jeweiligen Teilnehmer mit dem Scheinmedikament oder dem Hormon behandelt wurden. Die Wirksamkeit von Testosteron zeigte sich besonders bei den Teilnehmern, die zu Beginn kaum Schwankungen in ihren depressiven Symptomen zeigten und eine höhere Dosierung des Hormons erhielten.»

Einem Testosteronmangel kann kaum vorgebeugt werden

Obwohl die wissenschaftliche Datenlage klar auf eine antidepressive Wirkung von Testosteron bei Männern hinweise, gebe es noch viele offene Fragen. Denn bei vielen Untersuchungen sei die Hormonlage der Männer vor der Behandlung nicht bestimmt worden. Zudem sei nicht immer die Depression das Kernthema und das Behandlungsziel der Untersuchungen gewesen. Die Linderung der Depression könne zusätzlich von anderen Faktoren beeinflusst sein. Unklar sei ausserdem, «welche langfristigen Effekte eine Erhöhung des Testosteronspiegels bei Männern hat».

Um solche Fragen zu beantworten, seien bessere Untersuchungen notwendig, «die gezielt Männer mit einer Depressionserkrankung hormonell behandeln». Erst daraus könnten klare Behandlungsoptionen entwickelt werden. Was die Forscher jedoch schon jetzt empfehlen: Bei einer erfolglosen Behandlung von Depressionen solle doch auch mal der Hormonspiegel der erkrankten Männer gemessen werden.

Leider kann man einem Mangel an Testosteron nicht wirklich vorbeugen. «Aber ein gut eingestellter Zuckerhaushalt und eine gesunde Lebensweise und vor allem die Vermeidung von Bauchfett tun der männlichen Gesundheit auf alle Fälle gut», sagt Christian Sigg.

7 Kommentare zu «Testosteron kann bei Männerdepressionen helfen»

  • Xavier Christinat sagt:

    Wenn extern Testosteron zugeführt wird (wie auch immer), so hat das immer Wirkung. Siehe Kommentare.
    Eine der wesentlichsten Nebenwirkungen ist, dass ab erster Gabe des Testosterons die Hoden zu schwinden beginnen. Das kann nach Jahren dazu führen, dass die natürlichen Hoden komplett verschwinden.
    Einfach immer auch an die Spätfolgen denken.

    Der Artikel fokussiert wie so oft aufs Nur-Positive und hyped Testosteron zu einem Lifestyle-Medi für alte Männer. Wie bei allen Medikamenten sind die Nebenwirkungen erheblich und für Mann gerade hier spürbar.

  • Markus Kohler sagt:

    Frau Aeschbach muss man für diesen Artikel danken. Die Radikalfeministinnen dominieren derzeit die Geschlechterdiskussion und Testosteron ist dabei ein Begriff, der mit „toxischer Männlichkeit“ in Verbindung gebracht wird.
    Die Mainstream Psychiatrie kümmert sich keinen Deut um Depressionen von Männern. Notgedrungen wird die Psychiatrie hier zunehmend von jungen Psychologinnen dominiert, die viel psychotherapeutisches Know-How mitbringen. Die Therapien sind aber weitgehend auf Frauen zugeschnitten und da medizinisches Wissen auch immer mehr Mangelware wird, kommen wirksame Methoden wie Testo-Substitution nicht zum Zug.
    Es braucht wieder mehr Männer, die Geschlechtsgenossen aus dem Weg aus der Depression unterstützen.

    • Ralf Schrader sagt:

      Wie viele Männer mit einer echten Depression gibt es denn in der Schweiz?

      Jeder Mensch hat ab und an eine depressive Verstimmung. Bei 20% wird es 1, 2 mal im Leben so tief, dass ein Arzt drauf schauen, aber nur schauen sollte. Therapiebedürftig sind dann vielleicht 1-2% der Bevölkerung, davon 90% Frauen.

      Also 1-2 Promille der Männer haben eine Depression und ich wüsste keinen Grund, die anders als Frauen zu behandeln. Ich habe aber auch noch nie gehört, dass sich um die paar Männer weniger gekümmert wird, als um die vielen Frauen.

      Woher beziehen Sie Ihre ‚Kenntnisse‘ der Psychiatrie, bzw. der psychiatrischen Versorgung?

  • Frederik van Nes sagt:

    Mit 80 vermisse ich die nackte Intimität die mit meine Ehefrau irgendwie verloren gegangen ist!
    Alleine Testeron nehmen wird frustrierend sein wo soll man sein sexuelle Energie los werden? Käufliche liebe. Nein nie.

  • Fabian Aebi (Richtiger Name der Redaktion bekannt) sagt:

    In meinem Jugendalter wurde bei mir das Klinefeltersyndrom erkannt. Seit dem nehme ich (jetzt 37 Jahre alt) die empfohlene Tagesdosis Testosteron, damals als Depospritze, dann als Pflaster und seit 16 Jahren das Gel. Dadurch habe ich viel mehr Energie, kaum mehr depressive Verstimmungen (auch durch die positive Einstellung und Lebensweise zum Leben), Einschlaf Störungen ohne Gedankentiefs und die Libido nahm aus meiner Sicht zu stark zu. Alles hat Vor- und Nachteile, das ist im Leben so.

  • Sonusfaber sagt:

    Ich gehe auf die sechzig zu und freue mich sehr auf eine fühlbare Abnahme meiner Libido, die zeit meines Lebens zu stark gewesen ist meinem Empfinden nach: Denn es gibt nichts Schlimmeres als Bedürfnisse und Sehnsüchte, die sich nicht oder kaum erfüllen lassen. Für die meisten Männer stellt eine starke Sexualität zweifelsohne eher ein Problem dar als eine Lustquelle, ein Frust als eine Freude (wer das Gegenteil behauptet, ist entweder ein Glückspilz oder täuscht sich selbst und anderen etwas vor). Ich meine: Unsere Kultur, unsere Gesellschaft ist nur scheinbar stark sexualisiert, in Wirklichkeit dem Eros, der Sinnesfreude (2000 Christentum sei dank) stark abgeneigt. Traurig werde ich daher nicht sein, auf gar keinen Fall …

  • Jens Hafner sagt:

    Ja, Testosteron ist so ein Licht-und Schatten-Hormon: etwas zu wenig, und das Leben wird mager und kraftlos, etwas zu viel und man bringt seine Mitmenschen gegen sich auf wegen der Aggressivität, die man ausstrahlt. Im Bodybuilding war und ist Testosteron verbreitet. Dummerweise senkt eine kalorienarme Ernährung den Testosteronlevel. Anders gesagt: Bist du alt und futterst gesund, läuft bald nichts mehr rund . . .
    Da man sich selbst ab 50plus plötzlich kraftlos erlebt, wird man natürlich auch depressiv („Bin ich das noch? Wo ist meine gute alte Power hin?! Wo meine Jugendlichkeit?“). Schwer zu sagen, was man tun soll: Hormone nehmen? Oder einfach Frieden schliessen mit sich und dem Weg des Alters und der neuen, sinnigen, geruhsamen Zeit, wo halt alles langsamer geht?

Kommentar

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