Ein schönes Gesicht gegen eine hässliche Krankheit

Gisele Bündchen setzt ihre Popularität dafür ein, Angstkrankheiten zu enttabuisieren. (Foto: Getty Images)

Für viele war sie eine der schönsten Frauen der Welt.

Auch heute, mit 38 Jahren, hat Gisele Bündchen nichts von ihrer Attraktivität eingebüsst. Die Brasilianerin kann auf eine unglaubliche Karriere zurückblicken: 15 Jahre war sie das bestbezahlte Model der Welt und zierte rund 7000 Covers internationaler Magazine. Doch im Gegensatz zu heutigen Topmodels wie Gigi und Bella Hadid oder Instagram-Stars wie die Kardashians ist Bündchen (fast) eine Naturschönheit.

Im Jahr 2000 erreichte der Neidpegel vieler einen Höhepunkt, als aus Gisele Bündchen und Leonardo DiCaprio ein Paar wurde. Ich erinnere mich noch gut an Fotos, die die beiden Verliebten an einer Oscar-Verleihung zeigten: Gisele im schlichten, weissen Bandeaukleid, Leonardo im schwarzen Anzug. Und ich dachte: O Gott, was für ein schönes Paar! Als die Beziehung fünf Jahre später scheiterte, herrschte Ungläubigkeit, aber auch Schadenfreude. Anscheinend waren Schönheit, Geld und Erfolg kein Garant für persönliches Glück. Irgendwie tröstlich, oder nicht?

Panikattacken und Selbstmordgedanken

In ihrer kürzlich erschienenen Biografie «Lessons: My Path to a Meaningful Life» gibt Bündchen überraschende Einblicke in jene Zeit, in der sie zwar mit ihrer Attraktivität Millionen entzückte, aber im Inneren nur noch ein Schatten ihrer Selbst war. Dies, nachdem sie 2003 ihre erste Panikattacke erlebte, die in Klaustrophobie überging und es ihr unmöglich machte, in geschlossenen Räumen, Flugzeugen, Zügen und Autos unterwegs zu sein. Am Schluss hatte sie sogar Angst, in der eigenen Wohnung sterben zu müssen. Und dann dachte Gisele an Selbstmord.

Als ihre Autobiografie Anfang Oktober in den USA erschien, stürzten sich die Journalisten nicht nur auf ihr Angst-Outing, sondern auch darauf, dass Bündchen nach der Geburt ihres zweiten Kindes eine Brust-OP machen liess, die sie allerdings später bereute. Gelobt wurde sie aber für den Mut, zu ihrer früheren Angsterkrankung zu stehen. Doch es gab auch Stimmen, die meinten, Bündchen brauche wohl wieder Publicity. Und dass sie einfach ein weiterer Ex-Star sei, der mit seinem angeblichen Schicksal Geld scheffeln wolle.

So ein Blödsinn! Denn:

1. Bündchen hat weder Publicity noch Kohle nötig. Sie führt seit neun Jahren ein glückliches Familienleben mit dem American-Football-Star Tom Brady und ihren beiden Kindern. Zudem engagiert sie sich erfolgreich für verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen.

2. Bündchen hat Vorbildcharakter. Weil sie zeigt, wie man selbst aus zerstörenden Ängsten einen Weg finden kann. So änderte Bündchen ihren Lebensstil und machte eine Therapie. Und sie verzichtete auf alles, was ihr sensibles Nervenkostüm belastete: Egal, ob es die On-off-Beziehung mit DiCaprio oder Suchtmittel wie Zigaretten, Alkohol oder Zucker war. Heute helfen ihr Meditation und Sport, das seelische Gleichgewicht zu halten. Denn, wie jeder weiss, der unter Panikattacken und Co. litt: Es braucht Selbstfürsorge und Disziplin, um gesund zu bleiben.

3. Bündchen macht Mut. Sie setzt ihr schönes Gesicht gegen die hässliche Fratze vieler Angstkrankheiten. Und dies gibt hoffentlich Betroffenen den nötigen Kick, sich ebenfalls zu öffnen und sich Hilfe zu holen.

7 Kommentare zu «Ein schönes Gesicht gegen eine hässliche Krankheit»

  • Ralf Schrader sagt:

    ‚Ein schönes Gesicht gegen eine hässliche Krankheit‘

    Schöne Krankheiten gibt es nicht und schöne Gesichter gibt es nur in der Fantasie des Betrachters. Frauen wollen vor allem für Frauen schön sein und so sehen sie dann auch aus. Mir kann die Dame da oben so gar nicht gefallen, dafür gefallen Frauen, die mir gefallen, anderen Frauen meist nicht.

  • Martin sagt:

    Wer Freunde hat die nicht mehr aus der Wohnung wollen soll sie irgendwohin mitnehmen, in einer kleinen Gruppe Würste braten im Wald oder am Fluss spazieren. Und nicht bedrängen wenn sie dann einfach mitzotteln und nichts sagen.

    • Christine Goldinger sagt:

      Es ist ein grosser Unterschied, ob man nicht mehr aus der Wohnung will, oder es einfach nicht kann. Dann nützen auch die netten Ideen der Freunde nichts, die Angst ist viel grösser. Ich weiss, wovon ich rede, ich habe das während Jahren selber erlebt. In einem solchen Fall braucht es professionnelle Hilfe und – vorübergehend – wohl auch Medikamente.

  • Weber-Fink sagt:

    „Panikattacke … die in Klaustrophobie überging, die es ihr unmöglich machte, … in Flugzeugen … und Autos unterwegs zu sein“. So so, sie also zu ihren vielfachen Fotoshoot-Terminen über Jahre zu Fuss gelaufen oder mit dem Fahrrad gefahren.

    • Christine Goldinger sagt:

      Es gibt Psychopharmaka, mit denen man trotz Angststörung „funktionieren“ kann. Allerdings lauert dainter ein grosses Suchtpotential und sie heilen die Krankheit leider nicht. Aber sie machen es immerhin möglich, beispielsweise zu einem Foto-Termin zu fahren.

    • Martin sagt:

      Die Werbeagenturen können alte Fotos mit neuen Bildlegenden veröffentlichen, dafür haben sie Verträge (und die Models massig Kohle): „Gisele in Honolulu, Gisele in New York“ etc.

      Vor allem :Systematisch aus dem Haus gehen mit Begleitung ist ein Teil, mit sowas fertig zu werden.

    • Silvia Aeschbach sagt:

      Lieber Weber-Fink

      Lassen Sie sich von einer ehemaligen Panikattacken-Patientin sagen: Man kann auch sehr gut gegen Aussen mit einer Angsterkrankung funktionieren. Denn viele Angstkranken verfügen über sehr viel Disziplin und Willen, um sich nichts anmerken zu lassen. Und wie Christine Goldinger bemerkt: Es gibt verschiedene Methoden, wie man mit Angst und Panik umgehen kann.

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