Darum sind probiotische Produkte oft unwirksam

Der Einfluss von probiotischen Lebensmitteln auf die Gesundheit ist umstritten. (Foto: iStock)

Probiotische Produkte, die in unserem Darm überlebende Mikroorganismen enthalten, sind für viele moderne Menschen ein tägliches Muss. Ob probiotische Lebensmittel, in Form von Kapseln, Pulver oder damit angereicherten Lebensmitteln, einen Einfluss auf die Darmflora und das Immunsystem haben und wie gross dieser ist, ist wissenschaftlich allerdings nicht bewiesen und wird immer wieder kontrovers diskutiert. In der EU sind Werbeslogans wie «aktiviert die Abwehrkräfte» oder «fördert die Laktoseverdauung» verboten. In der Schweiz hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) abgeschwächte Aussagen erlaubt wie «reguliert sanft und natürlich die Verdauung» und «trägt zum Darmwohlbefinden bei, indem es die Darmpassagezeit verkürzt und das Aufgeblähtsein reduziert».

Auch wenn für die Gesundheitsförderung dieser Produkte nicht direkt geworben wird, wird doch impliziert, dass diese die Verdauung normalisieren und gegen gewisse Allergien und Magenprobleme helfen können, wenn man sie regelmässig einnimmt. Und in Zeiten, in denen die Darmgesundheit für viele Menschen fast oberste gesundheitliche Priorität hat, weil immer neue Studien und Forschungen belegen, wie wichtig unser «zweites Gehirn» für unser körperliches und seelisches Wohlbefinden ist, ist dieser Hype durchaus verständlich. Vor allem auch, weil es so praktisch und auch günstig ist, einmal täglich einen Drink zu schlucken. Nützts nichts, so schadets auch nicht, ist die Überzeugung vieler Konsumenten.

Hohe Erwartungen, wenig Erkenntnisse

Eine israelische Studie, die im Zellbiologie-Fachmagazin «Cell» veröffentlicht wurde, beweist jetzt allerdings, dass bei der Hälfte der 15 gesunden Probanden die während vier Wochen eingenommenen Milchsäurebakterien in Form eines probiotischen Produkts keinerlei Wirkung zeigen. Dies, weil sie resistent gegen diese sind und die Bakterien sich somit nicht im Darm einnisten können. Bei dem Versuch tranken die Probanden Probiotika mit den elf am meisten bekannten Bakterienstämmen. Und nur bei der Hälfte von ihnen war ein positiver Effekt mithilfe einer Magen- und Darmspiegelung nachweisbar. Eran Segal, Professor am Weizmann Institute of Science in Tel Aviv, sagte dazu: «Die Menschen haben sehr grosse Erwartungen an Probiotika, selbst wenn es keine klare Erkenntnisse über deren Wirksamkeit gibt.» Es gibt also keine universelle Lösung, die für alle Menschen funktioniert. Vielleicht wird die individualisierte Medizin, die momentan auf vielen Gebieten vielversprechende Resultate zeigt, einen Lösungsansatz bieten.

Welche natürlichen probiotischen Lebensmittel durch ihre Milchsäurebakterien einen positiven Einfluss auf unsere Gesundheit haben können, lesen Sie am nächsten Samstag an dieser Stelle.

9 Kommentare zu «Darum sind probiotische Produkte oft unwirksam»

  • Sissi sagt:

    „Darum sind probiotische Produkte oft unwirksam“, deshalb
    esst Scheisse, abermilliarden von Fliegen können sich nicht irren. F.G. S.

  • Beat Kuster sagt:

    „Dies, weil sie resistent gegen diese sind und die Bakterien sich somit nicht im Darm einnisten können.“

    Sorry, Frau Aeschbach, diesen Satz habe ich leider nicht verstanden. Wer ist ’sie‘ und wer ist ‚diese‘? Für kurze Nachhilfe wäre ich dankbar. Resistenz gegenAntibiotika kenne ich, aber was ist hier mit Resistenz gemeint?

  • Widerspenstige sagt:

    Die Natur hat uns so reich mit zahlreichen Frischprodukten wie Kräutern, zu Unrecht übrigens als Unkräuter schlecht gemacht, gesegnet, dass wir nur Zugreifen müssen. Es freut mich sehr, dass so viele Jungköche hinaus in die Natur gehen und Regionales auf den Teller zaubern. Die Kochserien zB im SF2 abends mit ‚Das Glück liegt auf dem Teller‘ hat das eindrücklich vor Augen geführt. Das sind Wohlfühlgerichte mit wenigen Zutagen, ohne Zusätze, frisch gekocht und für die Darmflora sicherlich günstig in der Zubereitungsart. Ich habe früh Abstand genommen von Lightprodukten wie auch solchen Versprechungen wie im Artikel beschrieben. Wer sich ausgewogen ernährt, braucht diese Zusätze nicht. Diverse Kräuter/Gewürze und zB Knoblauch, Zitrone, Chilis, Ingwer sind antiseptisch proaktiv wirkend.

  • Maike sagt:

    Diese Produkte sind beileibe nicht unwirksam ! Sie wirken sich nachweislich positiv auf den Kontostand der Hersteller und negativ auf den der Käufer aus. Mit ganz normalem Joghurt und Quark tut man seinem Darm ebenso gutes. Kann man sogar noch steigern, wenn man es selber herstellt. Und wenn man schwer verdauliche Speisen minimiert, freut’s den Darm ebenso. Wir haben die kleinen graune Zellen da oben zwischen den Ohren nicht umsonst mitbekommen. Wir können sie zum Nachdenken benutzen und abwägen, ob die Werbung uns überhaupt helfen will oder es nur auf unser Geld abgesehen hat.

    • Ralf Schrader sagt:

      Menschen würde es nicht geben, wenn es nicht möglich wäre, fussläufig alles zu finden, was zum Leben notwendig ist.

      Die Idee, man könne das optimieren, stammt aus der Werbung.

  • Christine Goldinger sagt:

    Wow, eine Studie über vier Wochen, mit ganzen 15 Probanden! Das wirft ja wirklich alle bisherigen Erkenntnisse und Erfahrungen über den Haufen!
    Zudem könnte man das Ergebnis auch anders formulieren: Bei der Hälfte (also bei genau siebeneinhalb Teilnehmern???) war die Wirkung positiv. Das klingt doch schon ziemlich anders.
    Ein sehr einseitiger Artikel, leider.

  • Hotel Papa sagt:

    Man muss auch nicht meinen, mann könne bei der Ernährung schlampen und das dann mit den richtigen „Käfern“ ausgleichen. Wenn es denen in deinem Verdauungstrakt nicht gefällt, hat das vermutlich einen Grund. Der kann genetisch sein, aber eben auch ernährungsbedingt.

  • Adrian sagt:

    Logisch wird das kontrovers diskutiert. Stimmt nämlich die Pro- wie auch die Präbiotik im Magen-Darm-Trakt, ist man ziemlich gut gefeit gegen Infektionskrankheiten. Aber das passt der Pharma-Industrie hinten und vorne nicht. Denn die funktioniert ja nur, wenn die Keute krank sind… Liest mal das Buch „Darm mit Scharm“,…

  • Lars Walder sagt:

    Dies ist ein alter Hut. Und vieles zu diesem Thema gibt es auch nachzulesen im Buch: Die Joghurtlüge. Aber schön, dass dieses Thema trotzdem aufgenommen wurde, denn der Leser kann nie zuviel darüber informiert werden, wie die Lebensmittelindustrie mit falschen Versprechungen versucht, die Konsumenten hinters Licht zu führen.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.