Best of: Wenn Keime die Leidenschaft killen

Es sind Sommerferien, auch für unsere Autorin. Deshalb publizieren wir einige Beiträge, die besonders viel zu reden gaben. Dieser Beitrag erschien erstmals am 12. Mai 2016.

(iStock)

Wichtiges und sensibles Thema: Hygiene in Liebesbeziehungen. (iStock)

Der Mann war ein echter Hingucker: charmant, intelligent und humorvoll. Wir waren schon einige Male zusammen ausgegangen, und ich konnte mir gut vorstellen, ihn noch näher kennen zu lernen. Nur eines irritierte mich: Wenn Rolf* während unserer Treffen jeweils auf die Toilette ging, konnte ich kaum einen Schluck trinken, schon sass er wieder am Tisch. Ich dachte mir nichts dabei, fühlte mich sogar ein bisschen geschmeichelt, dass er so schnell wieder bei mir sein wollte.

Die Beziehung wurde enger. Und als er eines Abends beim gemeinsamen Nachtessen aufstand und nach dem Gang auf die Toilette innert 20 Sekunden wieder Platz nahm, sagte ich im Scherz: «Händewaschen wird klar überbewertet.» Er lachte nicht, sondern sagte nur ernsthaft: «Du hast völlig recht, reine Zeitverschwendung.»

Plötzlich wurde mir klar: Die Hände, die mich liebkosten, waren oft ungewaschen. Ich bin definitiv keine Reinlichkeitsfanatikerin, aber die Hände nach einem Toilettenbesuch nicht zu waschen, ist für mich ein No-go. Da ich so verliebt war, versuchte ich das Ganze erst einmal auszublenden, jeder von uns hat ja so seinen Tick, sagte ich mir. Bei Rolf wars nun mal der Verzicht auf das Händewaschen.

Meine Taktik funktionierte nicht. Sassen wir beim Apéro und mein Geliebter griff nach dem Toilettengang in die Erdnüsschenschale, grauste es mir. In dem Schälchen können sich Spuren von Urin der männlichen Gäste eines halben Restaurants befinden. Wann immer ich Rolfs Hände anschaute, fing es an, mir ein bisschen zu «gruusen»; nur ein kleines bisschen, aber es reichte, dass er seine Faszination für mich verlor.

Und ich begann innerlich Buch zu führen und zählte, wie oft Rolf duschte, seine Fussnägel schnitt und seine Haare wusch. Ich war nicht stolz darauf, aber ich konnte nicht anders. Kurz: Was die Hygiene betraf, war bei ihm ziemlich viel Luft nach oben. Und nein, ich sprach Rolf nicht darauf an. Wenn ein Mann mit Mitte vierzig aus Prinzip seine Unterhosen nur zweimal in der Woche wechselt, konnte ich nicht viel machen. Ich war ja nicht seine Mama. Aber ich fragte mich immer öfter, wieso ein Mann, der äusserlich so proper daherkam, so (nach)lässig mit der eigenen Sauberkeit umging.

Die Leidenschaft erlosch wie die Flamme einer abgebrannten Kerze. Mag auch sein, dass ich diesbezüglich etwas neurotisch war, aber ich konnte den Gedanken nicht verdrängen, wie viele Bakterien und Keime an Rolf klebten.

Wenn wir gerade bei Bakterien und Keimen sind, hier ein kleiner Einschub mit ein paar eindrücklichen Fakten zum Thema:

• Auf einer Computertastatur (inklusive Maus) sitzen 400-mal so viele Bakterien wie auf einer regelmässig gesäuberten Toilette.

• Bis zu 500 Keime können sich auf einem Smartphone tummeln. Das hat das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene in Marburg herausgefunden. Schon kleinste Kratzer auf dem Display reichen Keimen, Pilzen und Bakterien als Versteck und Nährboden.

• Eine von fünf Bürotassen ist mit Fäkal- bzw. E.-coli-Bakterien verschmutzt.

• Dass öffentliche Toiletten eklig und hygienisch bedenklich sind, ist nicht neu. Trotzdem setzten sich 16 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer in öffentlichen Toiletten auf die Klobrille, obwohl dort Krankheiten wie Hepatitis A, Herpes, Salmonellen und Filzläuse lauern.

• Mehr als 7 Milliarden Keime sitzen auf einem Spülschwamm.

(Quelle: Doris Preissler, «Schreckliches Wissen», Riva-Verlag)

Natürlich sagte ich Rolf nicht, dass der Trennungsgrund seine mangelnde Hygiene war. Ich sagte einfach, ich hätte mich entliebt. Was natürlich auch stimmte. Die Trennung verlief kühl und emotionslos. Zum Abschied meinte Rolf: «Im Übrigen schnarchst du, wenn du erkältet bist. Das hat mich recht gestört.» Für einen Moment wollte ich sagen: «Und du bisch en Grüsel.» Aber ich liess es. Manchmal ist es besser zu schweigen.

*Name geändert

18 Kommentare zu «Best of: Wenn Keime die Leidenschaft killen»

  • Sportpapi sagt:

    Ich verstehe nicht: Soll ich nun absitzen, wie man es mir seit Jahren vorschreibt, oder doch nicht?
    Und sind jetzt die vielen Frauen, die nicht absitzen, der Grund dafür, dass die anderen auch nicht absitzen können?
    Und obwohl ich mir selbstverständlich auch nach jedem Toilettengang die Hände wasche, weil ich es so gelernt habe, so sehe ich doch nicht ganz den Grund, warum das wirklich so zwingend sein sollte. Ich berühre da nichts Dreckiges, Ekliges, schon gar nicht bei der Benutzung eines Pissoirs. Und halte die Finger nicht in die Exkremente.

  • Andreas sagt:

    >Und nein, ich sprach Rolf nicht darauf an. Wenn ein Mann mit Mitte vierzig aus Prinzip seine Unterhosen nur zweimal in der Woche wechselt, konnte ich nicht viel machen.

    Einfach nur schwach. Wer nicht einmal in einer innigen Beziehung Klartext reden und kommunizieren kann, verdient auch keine gute, da können Sie Ihre „Hilflosigkeit“ rationalisieren wie Sie wollen.

  • albert stucki sagt:

    Ich verstehe die Aufregung nicht so ganz. Was will man sich über ungewaschen Hände mokieren, wo Frau doch hi und da darauf abfährt einen Blowjob zu geben. Eben mein ich doch.

    • Margarethe Faust sagt:

      „Heinrich mir graust vor dir“ kann ich da nur mit Goethe sagen. Waschen Sie nicht mindestens Ihre Genitalien, wenn Sie mit einer Frau ins Bett steigen? Generell würde ich duschen vorschlagen….

  • Beat Feurrer sagt:

    Was für ein Glück geht Frau nicht auf das Männer Klo – sie würde wohl erstaunt sein darüber wie viel Männer ihren Schnidel einpacken und subito aus der Türe spazieren.
    Jedoch sei Frau erinnert, dass sie in Bus, Tram, Zug und wo weiss Gott sonst wo, immer wieder in Kontakt kommt mit Händeabdrücken von Männern die sie nicht kennt und noch nie gesehen hat.
    Dann doch lieber liebkost von bekannten ungewaschenen Händen oder etwa nicht?

  • Mina Peter sagt:

    Frau muss mit Männern Klartext reden, sonst ändert sich auch nichts. Und ich hätte mich auch rasch entleibt. Aber ich hätte ihm gesagt, warum.

  • Maura Hanley sagt:

    Die totale Hygiene hier im CH-Ländli ist ja schon beeindruckend!! Antiseptische Flüssigkeit, Angst vor einem Händedruck, nach Tram fahren antiseptische Flüssigkeit; ja, es kann gruusig sein auf öff Toiletten. Nur frage ich mich, so viele Menschen reisen in Länder, wo Hygiene ein Fremdwort ist. Viele fremde Kulturen kommen hierher, welchen Hygiene ein Fremdwort ist und bleibt… Hygiene ist ein verrücktes Geschäft! Ein regelrechtes System! Reinigungsphobie kann tödlich sein, weil so viele Panikattacken zu Herzproblemen führen können. Keep it clean and simple.

  • Sybille sagt:

    Einfach nichts gesagt: Finde ich echt total schwach.
    Ich spreche es immer an, wenn mir etwas nicht passt. Das hilft!

    • Felix Bader sagt:

      ja so geht Silvia halt weiterhin allein durchs Leben. Und wenn Sie nicht gestorben ist, so ist ihr Immunsystem immer noch stärker als die Paranoia

  • Silvia sagt:

    @RS : NEIN : es stinkt eben !!!

  • Vera sagt:

    Schade, dass diesem Rolf der wahre Grund der Trennung vorgehalten wurde. Ich finde schon, dass er ein Recht hat darauf, zu wissen was er „falsch gemacht“ hat. Auch ich finde es eklig, wenn jemand nach dem Toilettengang seine Hände nicht wäscht. Das würde ich dieser Person aber ehrlicherweise direkt sagen. Man kann das Ganze ja auf eine einfühlsame Art rüberbringen. Trotzdem ist es wichtig, die Person darauf hinzuweisen, was einen stört. Und wenn das Gegenüber das dann überhaupt nicht einsehen würde, hat man es wenigstens versucht. Das Gute ist: So weiss jeder, woran er beim anderen ist. Ehrlichkeit und Kommunikation sind für mich grundlegend für eine funktionierende Beziehung.

  • Martin sagt:

    Und wie soll er das merken wenn ihm nie eine das sagt? Es ist eine Frauenkrankheit, eine der mühsamsten: Sie denken pausenlos dasselbe und sagen nichts. Sie steigern sich rein bis zum Eclat und haben es immer noch nicht gesagt. Sie denken es solange bis sie meinen, sie hätten es gesagt. Haben sie aber nicht.

    Hätten Sie ein einziges Mal am Anfang der Beziehung GESAGT (nicht gedacht)was Sie stört, hätte er es vielleicht gemerkt.

    • Einzelkind sagt:

      Bester Kommentar seit Jahren in diesem Blog! Genau darum halte ich die Zweisamkeit mit einer Frau meist nicht länger als ein paar Stunden aus.
      Ebenso mühsam ist das ständige Hineininterpretieren irgendwelcher Pseudo-Gedanken in einfache Aussagen. Sage ich A, meine ich A; nicht B oder C. Beantworte ich eine Frage mit einem simplen Ja oder Nein, so braucht diese Antwort keine Ergänzung!

      • Jänu sagt:

        Und dann kommt noch dazu, dass es als Beleidigung oder Missachtung aufgefasst wird, wenn man nicht ihre Gedanken lesen kann.
        Es gibt auch noch die, die mit den Augen rollen oder den Mundwinkel verziehen jedes Mal, wenn es ihnen nicht passt, was er tut oder sagt.
        Welche nicht fähig ist, dem Gegenüber zu sagen, was sie stört, die hat selber ein grösseres Problem. Die Hände nicht zu waschen ist wirklich nicht gut, aber dann nichts zu sagen, ist viel schlimmer.

    • tigercat sagt:

      Wenn selbst so elementare Dinge wie Händewaschen noch angemahnt werden müssen, dann ist Hopfen und Malz verloren. Eine Partnerschaft ist ja keine Nacherziehung.

  • Ralf Schrader sagt:

    Die Mikroorganismen gehören zum Leben und sind zu 99.9% unsere Freunde. Ohne Darmbakterien wären wir längst ausgestorben und ohne die Bakterien auf der Haut stände am Ende eines kurzen Lebens der Tod an einer Infektionsgrad.

    Unsere Bakterien sind die Guten, auch die auf der Computertatstatur. Sie verhindern, dass fremde Artgenossen, die uns krank machen könnten, weil das Immunsystem die nicht kennt, sich ansiedeln. Man kann gar nicht genug eigene Bakterien auf der Haut haben und sollte schonend und liebevoll mit denen umgehen. Hände werden zu oft gewaschen und 1x die Woche Duschen oder Baden sollte nicht überschritten werden.

    Auch ohne Mikroorganismen ist die Haut für jeden Waschgang weniger dankbar.

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