Gemeinsam gegen die Einsamkeit

Gefühle prallen an einer gläsernen Wand ab: Nicole Kidman und Colin Farrell in «The Killing of a Sacred Deer». Foto: PD

Gefühle prallen an einer gläsernen Wand ab: Nicole Kidman und Colin Farrell im Thriller «The Killing of a Sacred Deer» (2017). Foto: PD

Vielleicht haben Sie diese Erfahrung auch schon gemacht. Nämlich, dass sich, wenn Sie durch eine bestimmte Lebensphase gehen oder sich mit einem Thema intensiv beschäftigen, all das in verschiedenen Formen manifestiert. Zum Beispiel, wenn man als frisch Verlassene plötzlich überall Männer sieht, die einen an den Ex erinnern. Oder wenn einem auffällt, dass die Stadt voller Kinderwagen ist, nachdem man selbst schwanger geworden ist.

Nachdem ich die vielen interessanten Kommentare zu meinem letzten Beitrag über die Einsamkeit gelesen hatte, blieb ich irgendwie an diesem Thema hängen. Viele Ihrer Gedanken konnte ich nachvollziehen, und irgendwie gab mir das ein gutes und verbindendes Gefühl. Es zeigte mir, dass viele von uns ähnliche Erfahrungen machen. Und die Ehrlichkeit vieler Beiträge berührte mich.

Sogar mit der Wahrnehmung allein

Und so begann ich, mich an eine Phase meines Lebens zu erinnern, in der ich mich besonders einsam gefühlt hatte. Eine nicht ganz schmerzfreie Rückschau. Vor allem, als ich konstatierte, dass mich diese Einsamkeit nicht in «klassischen» Situationen heimsuchte. Als ich mich beispielsweise nach einem Partner gesehnt oder mich im Job unverstanden gefühlt hatte. Oder als ich in einer fremden Stadt mutterseelenallein beim Nachtessen sass, «in Gesellschaft» glücklicher Pärchen.

Die Einsamkeit, die ich am erdrückendsten empfand, war jene in einer unglücklichen Beziehung. Als mein Partner meine Anwesenheit nicht mehr wirklich wahrnahm und wir quasi als Fremde zusammenlebten. Sicher war mein Gegenüber auch nicht mehr glücklich, aber als ich ihn darauf ansprach, meinte er nur: «Findest du? Das ist mir gar nicht aufgefallen.» Die Tatsache, dass ich sogar mit meiner Wahrnehmung allein war, schmerzte doppelt.

Frauen nehmen solche Entwicklungen meistens sensibler wahr als Männer. Und wir unternehmen sicher auch mehr, um diese gläserne Wand, die uns trennt, irgendwie zu überwinden. In diesem Fall waren meine Anstrengungen allerdings umsonst, denn die Beziehung war an diesem Punkt schon gescheitert.

Das Zeichen einer Fremden

Aber zurück zum Anfang und zur Feststellung, dass man, wenn man auf eine Thematik sensibilisiert ist, entsprechende Erfahrungen macht. Als ich am letzten Sonntag meine Schwiegermutter im Altersheim besuchte, fiel mein Blick, bevor ich das Haus betrat, auf eine alte Dame mit schlohweissem, schön frisiertem Haar, die im zweiten Stock am Fenster stand und mir zuwinkte. Trotz der Distanz fiel mir auf, wie elegant sie gekleidet war. Es schien, als würde sie auf Besuch warten, und ich winkte zurück. Sie lächelte und winkte ein weiteres Mal. Das ging drei- bis viermal hin und her.

Als ich das Gebäude nach meinem Besuch verliess, stand die alte Dame immer noch aufrecht am Fenster und winkte mir erneut. Das irritierte mich: War sie hier die ganze letzte Stunde gestanden in der Erwartung auf einen Besuch? Sie winkte mir wieder zu, aber ohne das anfängliche Lächeln. Dann zeigte sie mit einer klaren Handbewegung in Richtung der Eingangstür und zeigte danach auf sich. Diese Geste war klar. Und ebenso war es die Aufforderung: «Komm zu mir. Ich warte auf dich. Ich fühle mich allein.»

Ich winkte ein letztes Mal und stieg ins Auto mit dem Gedanken: «Sie hat mich sicher mit jemandem verwechselt.» Aber, ehrlich gesagt, ich wusste, dass dies nicht der Fall war. Mein schlechtes Gewissen begleitete mich den ganzen Tag. Und ich nahm mir vor, beim nächsten Besuch im Altersheim herauszufinden, wer die alte Dame ist. Mit einem Besuch.