Der «Revenge Body» ist Schwachsinn

Diese Trennung schmerzt auch wegen ihrer Superkräfte: Uma Thurman und Luke Wilson in der Komödie «My Super Ex-Girlfriend» (2006).

Ich bin zum Glück von Freundinnen umgeben, die zwar durchaus Wert auf ihr Äusseres legen, die aber nicht ständig Kalorien zählen und sich jeglichen Genuss verkneifen. Aber natürlich können wir die Augen nicht vor der Realität verschliessen: Je älter wir werden, desto schwieriger wird es, eine einigermassen «bella figura» abzugeben. Mit Betonung auf einigermassen. Und so wechseln sich bei mir Phasen von Disziplin mit einem gewissen Laisser-faire ab, sprich die Besuche im Fitnessstudio halten sich mit jenen im Fonduestübli die Waage.

Etwas ertrage ich allerdings immer schlechter. Die ewige weibliche Jammerei über die «zu üppige Kurvenlage». Und dies natürlich am liebsten während einer Spaghetti-Orgie. Denn scheinbar ist es besonders lustvoll, über die neusten Diäten zu fachsimplen («Ab nächster Woche beginne ich mit dem Intervall-Fasten»), nachdem man mit «ganz schlechtem Gewissen» das zweite Tiramisu bestellt hat. Meine Devise: Entweder geniesst ihr, was auf dem Teller liegt, oder ihr haltet einfach die Klappe! Am besten gleich beides.

Das Gegenteil von Gehenlassen

Ich war vor kurzem also noch der Meinung, dass ich bezüglich des unendlichen Themenspektrums «Frau und Figur» schon ziemlich abgeklärt bin. Aber es gibt durchaus neue Entwicklungen, die mich in Erstaunen versetzen können. Oder haben Sie eine Ahnung, was ein «Revenge Body» ist? Nein, es handelt sich dabei nicht um eine neue Kampfsportart, auch wenn der «Rachekörper» durchaus ein gewisses Agressionspotenzial hat, wie ich kürzlich erfahren habe.

Eine meiner Kolleginnen kam zum gemeinsamen Nachtessen nicht wie wie üblich in Jeans und Wollpulli, sondern in einem eng anliegenden Strickkleid inklusive Wildleder-Overknees. Es war offensichtlich: S. hatte abgenommen. Den Grund dafür erfuhren wir schnell: Nachdem sie kürzlich von ihrem Freund verlassen worden war, hatte sie sich geschworen, ihn mit einer «neuen und schlanken Figur» – einem sogenannten «Revenge Body» – zurückzuerobern.

Eine wahnhafte Wunschvorstellung

Seither hielt sie eisern Diät und stemmte Gewichte. Denn S. war überzeugt, der Grund für das Scheitern ihrer Beziehung sei gewesen, dass sie sich in letzter Zeit habe «gehen lassen». Dass ihre Sichtweise etwas beschränkt war, zeigte die Tatsache, dass sie tatsächlich ein paar Kilo zugelegt hatte, ihr Ex aber sicher das Doppelte. Inspiriert wurde S. übrigens von der US-Reality-Serie «Revenge Body», in der Khloé Kardashian Frauen «hilft», mit einer perfekten Figur Rache zu nehmen.


Dass man mit der «perfekten» Figur vor seelischen Verletzungen geschützt ist, ist eine falsche Vorstellung vieler Frauen: 10 unnötig sexualisierte Filmfiguren. Video: WatchMojo.com, Youtube

Auch ich kenne diese wahnhafte Wunschvorstellung, die mir auch schon über eine schmerzhafte Trennung hinweggeholfen hat. Damals war ich allerdings nicht 57-, sondern 17-jährig. Und ich war mir sicher, dass ich verlassen wurde, weil ich zu dick war. Bis ich meinen Ex mit seiner neuen Freundin sah, die einiges mehr als ich auf den Hüften hatte.

Wer möchte einen solchen Typen zurück?

Merke: Es ist so einfach, seinem Körper für jegliches «Versagen» die Schuld zu geben. Diese ungesunde Mischung aus Aggression gegen sich selber und einer kindlichen Wunschvorstellung («alles wird gut, wenn ich ihm wieder gefalle»), ist echt krank. Denn selbst wenn der Ex plötzlich wieder zu einem zurückkommen würde, weil jetzt die Oberschenkel straffer, die Taille schmaler und der Po weniger ausladend wären: Wer möchte denn einen solchen Typen wieder neben sich im Bett haben?

Es ist Zeit. Zeit, den Kampf mit dem eigenen Körper endlich aufzugeben. Oder sich wenigstens hin und wieder einen Waffenstillstand zu gönnen.