Der Körperwahn wird immer extremer

Weekend ready wearing my new fav 👙 @amoreandsorvete

Ein von Emily Ratajkowski (@emrata) gepostetes Foto am

Sie ist eine Schönheit. Wenn da nicht ihre vertikale Kluft am Bauch wäre. Mit dieser Spalte sieht der braun gebrannte Oberkörper des Models Emily Ratajkowski aus wie ein dünnes Weggli, das im Ofen nicht aufgegangen ist. Die Hungerhysterie im Internet hat mit der Amerikanerin wieder einmal einen neuen Höhepunkt erreicht. Um diese Bindegewebenaht nämlich sichtbar zu machen, muss man nicht nur total trainiert, sondern auch total mager sein. Das neue Objekt der Begierde ist jetzt also der sogenannte Ab-Crack, und viele eifern auf Instagram diesem neuen Trend nach.

Wie bei vielen neuen Internet-Hypes wird hier die Abwesenheit von Fleisch an einer bestimmten Stelle des Körpers bejubelt. Bisher bekannt: Wer unter #tighgap Fotos postet, will einer möglichst grossen Lücke zwischen schmalen Oberschenkeln huldigen, bei der #bikinibridge ist frau stolz darauf, wenn das Höschen nur auf den Hüftknochen liegt. Die #bellybuttonchallenge ist ein ebenso abgedrehtes Phänomen. Dabei muss man seinen Arm hinter dem Rücken um die Taille führen und so den Bauchnabel berühren. Bei Asiatinnen besonders beliebt ist die «Herausforderung» #a4waist. Dabei soll die Taille hinter einem hochformatigen A4-Blatt verschwinden.

Nun kann man ja durchaus der Ansicht sein, es sei jeder selbst überlassen, wie sie ihren Körper präsentieren will. Aber in diesem Zusammenhang frage ich mich: Warum sind es heute die krassen Gegensätze, die medial so ziehen? Um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erreichen, sind nur noch Extreme gefragt. Natürlich ist für die meisten Frauen mager zu sein viel erstrebenswerter, als fett zu sein, aber auch die wirklich Dicken rüsten auf.

Auch richtig Dicke haben Follower

Tess Holliday wiegt 117 Kilo und gilt als das fülligste Übergrössen-Model der Welt. Sich selber sieht Tess als Galionsfigur einer Bewegung gegen den Schönheitsterror. Und sie hat Erfolg, ist sie doch bei der angesehenen britischen Modelagentur Milk Management unter Vertrag. Sie soll das dickste Plus-Size-Model mit Grösse 50 sein. Auf Instagram folgen der 1,67 Meter grossen Amerikanerin fast 500’000 Follower, und Tess Holliday wird nicht müde, zu betonen, wie schön sie sich selber findet, und wie glücklich sie über ihren Körper sei.

Wissen Sie was? Ich glaube ihr kein Wort. Vielleicht gefällt sie sich, wenn ein Dutzend Stylisten sie hergerichtet haben und sie einen Filter über ihre Fotos zieht, aber wenn sie am Morgen ungeschminkt im Bad steht, wird sich ihre Zufriedenheit in Grenzen halten. Ganz zu schweigen von den Gefahren, die eine solche Fettsucht mit sich bringt. Aber auch Emily Ratajkowski wird nicht jeden Tag Jubelschreie über ihren dünnen Körper ausstossen – mit den Kalorien, die sie zu sich nimmt, wird ihr die Kraft dazu fehlen.

Ich sehne mich nach etwas Normalität in den Medien. Langweilig, finden Sie? In der Tat: Da gibt es jenes zynische Argument, dass Frauen gar nicht andere Frauen sehen wollen, die so aussehen wie sie selber. Ich gehöre da nicht dazu. Mich nimmt es wunder, wie in einem Magazin meine favorisierte Jeans an einer Grösse 40 oder 42 aussehen würde. Ich warte jetzt also mal darauf, dass sich unter #normalbody auch Tausende von Bildern finden. Schliesslich brauchen stinknormale Frauen wie ich auch eine Identifikationsmöglichkeit.