Wenn der Sonntagabend-Blues kommt

Und plötzlich ist da diese Leere, und alle Energie ist weg. (iStock)

Und plötzlich ist da diese Leere, und alle Energie ist weg. (iStock)

Je länger der Sonntag dauert, desto mehr schleicht sich bei mir eine gewisse Melancholie ein. Diese seltsame Leere, verbunden mit einer leichten Nervosität, verspüre ich meist so gegen fünf Uhr nachmittags. Ich kenne dieses Gefühl seit ich denken kann. Als Kind hatte ich dann immer das Gefühl, der Himmel würde sich verdunkeln. Und das auch im Sommer.

An solchen Abenden kann ich mich zu nichts aufraffen, am liebsten würde ich mit dem Sofa verwachsen. Es geht mir nicht wirklich schlecht, aber es scheint, als wäre meine Energie, die mich noch am Samstag beflügelte, in ein schwarzes Loch verschwunden. Ich habe mir schon oft überlegt, was mich im Laufe des Sonntags runterzieht. Ist es der Montag, der mir auf dem Magen liegt? Das Nicht-Wissen, was mich erwarten wird? Nein, ich freue mich auf meine Arbeit und meine Bürokollegen. Das Gefühl, nicht alles aus dem Wochenende «rausgeholt» zu haben? Auch das ist es nicht. Die Zeiten der voll verplanten Weekends sind schon lange vorbei. Oder ist es die Tatsache, dass die Strassen meistens leer sind und draussen nichts los ist? Nö, ich bin ja am Sonntagabend selten unterwegs. Zu meiner gedämpften Laune passt es auch, dass ich in der Nacht von Sonntag auf Montag meistens schlecht schlafe. Ich glaube, dass vor allem ein aus dem Lot geratener Schlafrhythmus der Grund sein könnte. Denn ich gehe am Wochenende später ins Bett, und ich schlafe auch länger.

Katerstimmung ohne Feier

Mein Mann hat noch eine andere Vermutung. Er meint, dass mir am Sonntag die berufliche Anerkennung fehle, und dass ich das gegen Abend besonders stark spüre. Das ist natürlich Mumpitz, denn ich bin schliesslich kein Workaholic.

Mit meiner Sonntagabend-Missstimmung bin ich nicht alleine. Bereits in den 1950er-Jahren beobachtete der Wiener Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl das «Gefühl der Öde und Leere, der Inhaltsleere und Sinnlosigkeit des Daseins, wie es gerade beim Stillstand wochentätiger Betriebsamkeit im Menschen aufbricht und zutage tritt.» Diese These ist durchaus nachvollziehbar, aber ich spüre die Missstimmung ja erst am späteren Nachmittag. Ich fühle mich dann so, als wäre ein Fest vorbei und ich sässe an einem langen Tisch mit lauter leeren Gläsern. Die Freunde sind gegangen, nur die überquellenden Aschenbecher und der Geruch von Zigaretten erinnern noch an die lange Nacht.

Wenn ich jetzt Single wäre, könnte ich den Sonntagabend-Blues leichter erklären, denn die Einsamkeit, die man dann oft spürt, kenne ich aus beziehungslosen Zeiten. Das ist aber nicht der Fall, und ich fühle mich in meinem Zuhause geborgen.

Zeit für Melancholie

Ich habe schon einiges unternommen, um meine Baisse auszutricksen. Nonstop fernsehen, inklusive «RTL Exclusiv» und eines «Tatort» hellten meine Laune nicht wirklich auf. Im Gegenteil, so ein «Tatort» ist nicht ein wirklicher Freudenspender. Ich habe Sport getrieben, bin ins Kino gegangen, habe mit meinen Hunden / meinem Mann geschmust, traurig-schöne/fröhliche Musik gehört. Ein üppiges Nachtessen brachte auch nichts ausser Bauchdrücken. Alkohol war auch keine Lösung. Einladungen? Eher nicht, ich will meine Freunde nicht mit meiner schlechten Stimmung langweilen. Und das Onlineshopping, sonst ein Garant für eine gewisse Zufriedenheit, konnte aus Budgetgründen auch nicht immer herhalten.

Aber nicht nur die Psyche ist verstimmt, nicht selten zwickt und zwackt es mich im Verlaufe eines Sonntags, ich spüre oft meinen Magen, oder ich habe Kopfschmerzen. Vielleicht ist das ein psychosomatisches Problem, eine sogenannte Leisure Sickness. Das gleiche Phänomen, wie wenn man immer in den Ferien krank wird. Es kann aber auch sein, dass ich am Sonntagabend einfach zu viel Zeit zum Grübeln habe. Und das tut bekanntlich nie gut.

Vielleicht ist die Akzeptanz der einzige Weg, mit dem ungeliebten Gast umzugehen. Stimmungsschwankungen gibts ja auch unter der Woche, aber dann ist man halt eher abgelenkt. Und vielleicht braucht auch die Melancholie einfach einen Platz in meinem Leben.