Wie die Liebe gelingt

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Liebe wie im Kino ist eine Sehnsucht, die sich im Alltag meistens nicht erfüllt. (Foto: «Für immer Liebe»; Spyglass Entertainment).

Wir alle erwarten zu viel von der Liebe, sind aber zu faul, unsere Beziehung aktiv zu gestalten. Davon sind der Philosoph und Autor Wilhelm Schmid und seine Frau Astrid Scheld überzeugt. Im ersten gemeinsamen Interview plädieren die beiden für Eigenverantwortung in der Partnerschaft. Sie sind überzeugt: Sie ist der Schlüssel zum persönlichen Glück. Die Fragen beantworten sie gemeinsam.

Erwarten wir wirklich zu viel von der Liebe?

Ja, definitiv. Viele Menschen wollen heute, dass die Liebe sie glücklich macht – ausgerechnet die Liebe! Ihr Job ist es, Sinn ins Leben zu bringen. Das kann sie recht gut, und damit kann sie auch das Unglücklichsein gut überstehen, wie es im Leben und in der Liebe gelegentlich vorkommt.

Es tönt so einfach: Man sollte seinen Partner nicht für das eigene Glück verantwortlich machen. Aber das ist schwer umzusetzen. Warum?

Weil die eigene Faulheit gross ist. Statt sich selbst um sich zu kümmern, ist es leichter, den anderen verantwortlich zu machen für etwas, das ich selbst nicht leisten will. Der einzige Ansatzpunkt jedoch, der mir voll und ganz zur Verfügung steht, bin ich selbst. Für unser Leben sind wir selbst verantwortlich, nicht der oder die Geliebte. Wir gewinnen Freiheit und Leichtigkeit für eine gute Beziehung, wenn wir die Verantwortung für unser Leben bei uns behalten und die Verantwortung für das Leben des anderen bei ihm belassen.

Eine der grössten Erwartungshaltungen in einer Beziehung ist: Er oder sie soll mir die Wünsche von den Augen ablesen. Warum ist dieser Wunsch so schwierig für eine Beziehung?

Jede und jeder hat jeden Tag viel zu tun – und dann auch noch Wünsche erraten! Seien wir realistisch, wir fahren im Endeffekt besser, wenn wir sagen, was wir uns wünschen. Dann hat der oder die andere eine reale Chance, uns den Wunsch zu erfüllen oder es eben auch nicht zu tun. Damit haben wir eine gute Grundlage für eine ehrliche Beziehung.

Wenn mein Partner meine Erwartungen nicht erkennt, bringt es etwas, diese klar auszusprechen, oder setze ich ihn/sie damit unter Druck?

Ja, es bringt etwas, Erwartungen auszusprechen, und ja, sie erzeugen meist Druck. Wünsche oder Vorstellungen, die geäussert werden, sind vielleicht der bessere Weg. Der Druck wird geringer, wenn wir nicht zwingend erwarten, dass der andere unsere Vorstellungen erfüllt. Wie so oft liegt der Schlüssel in unserer eigenen Hand: Wir selbst befürchten, dass der andere unseren Erwartungen nicht folgt, sodass wir dann ein Problem haben. Nehmen wir den Druck von uns selbst, nehmen wir ihn auch vom anderen.

Wenn wir auf unsere Wunschträume verzichten, bedeutet das nichts anderes, als die Ansprüche ans Leben und an die Beziehung zu reduzieren.

Wunschträume sind wunderbar, sie sind zutiefst menschlich und zeigen Möglichkeiten auf. Wir sollten uns aber nicht davon abhängig machen, dass sie in Erfüllung gehen. Und wir sollten nicht glauben, dass wir selbst nichts für die Erfüllung zu tun hätten. Entscheidend ist «auf dem Platz», wie man im Fussball sagt.

Was bedeutet dieses «auf dem Platz»?

«Auf dem Platz», das ist in der Liebe der Alltag. Damit leben zu können, dass nicht permanent Leidenschaften da sind, dass die Gefühle nicht immer nur gute sein können, dass es manchmal Ärger gibt, dass die Liebe atmen können muss zwischen Freude und Ärger, Einssein und Alleinsein. Wenn wir das akzeptieren und gut bewältigen, haben wir mehr vom Leben. Und dann ist es zwischendurch unversehens genau so, wie wir es uns erträumt haben. Seien wir wohlwollend und nachsichtig – uns selbst und dem anderen gegenüber.

Warum wagen wir es immer weniger, uns mit zunehmendem Alter ernsthaft auf eine Beziehung einzulassen?

Die Erfahrung hat uns zu diesem Zeitpunkt gezeigt, dass unsere romantischen Vorstellungen von der Liebe eher unrealistisch sind, und wir haben Angst vor weiteren Enttäuschungen. Ein weiterer Grund kann sein, dass wir immer weniger bereit sind, Kompromisse einzugehen, die im Zusammenleben aber erforderlich sind. Und: Es erfordert Energie, sich auf einen anderen Menschen einzulassen … und die haben wir mit zunehmendem Alter weniger.

Romantische Menschen sagen oft, die Liebe sei Schicksal.

Was ist Schicksal? Etwas, das uns geschickt wird. Von wem oder was, das wissen wir nicht. Es könnte auch einfach nur Zufall sein. Und einiges wird von den Beteiligten selbst gemacht. Unser Schicksal als Menschen, vielleicht unsere Natur, ist es, dass wir nicht allein sein wollen, dass wir Gemeinschaft, Geborgenheit und Verständnis suchen. Es muss nicht immer Liebe im engeren Sinne sein, es kann auch Freundschaft sein.

Apropos Freundschaft in der Beziehung: Tötet zu viel Harmonie und Gemeinsamkeit die Spannung und darum auch die Sexualität in einer Beziehung?

Nein, es ist nicht die Gemeinsamkeit, zu viel Gleichgültigkeit tötet. Manche mögen es eher spannungsreich, manche eher soft, Menschen sind unterschiedlich. Aber eine Grundspannung sollte da sein, und die braucht unterschiedliche Pole, das weiss jeder Elektriker und auch jeder Erotiker.

Fehlende Spannung gleich schlechter Sex?

Vielleicht kommt es darauf an, ob es eine spannungsreiche, abwechslungsreiche oder eine eher langweilige, gleichförmige Harmonie ist. Ungut wäre eine Harmonie, die aus lauter Angst, die Harmonie zu stören, starr und leblos ist. Da können dann keine Schwingungen entstehen. Spannung bedeutet nicht zwingend Streit, sondern dass es immer wieder spannend ist zwischen den Beteiligten. Dass Bewegung da ist.

Kann eine langjährige Beziehung auch ohne Sexualität erfüllend sein?

Klar, wenn die Beteiligten damit einverstanden sind. Es kann auch sein, dass eine Beziehung seelisch-geistig erfüllt ist und der Sex ausserhalb dieser Beziehung stattfindet. Wir sollten uns hüten, mit zu festen Vorstellungen an das Liebesleben heranzugehen. Menschen sind zu allem in der Lage, die Bandbreite des Möglichen ist schier unvorstellbar. Nur ein Beispiel für Ehe ohne Sex sind Lou Andreas-Salomé, die mit Männern wie Nietzsche, Rilke und Freud zu tun hatte, und ihr Ehemann Friedrich Carl Andreas. Entscheidend ist, dass etwas die Partner verbindet, das können auch die geistige Ebene und gemeinsame Interessen sein.

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Wilhelm Schmid und Astrid Scheld sind seit 33 Jahren ein Paar, verheiratet, leben in Berlin und haben zwei Kinder. Von Wilhelm Schmid erschien 2011 das kleine Buch «Liebe: Warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt» (Insel-Verlag, klicken Sie hier für die Leseprobe). 2015 ist das Buch «Sexout. Und die Kunst, neu anzufangen» (Insel-Verlag, klicken Sie hier für die Leseprobe) erschienen.

Wilhlem Schmid und Astrid Scheld.

Wilhelm Schmid und Astrid Scheld.

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