Alter Sack sucht alte Schachtel

Wenn es nach dem Machern des Schweizer Onlineportals «Date a Rentner» geht, wäre auch Sharon Stone (58) eine ziemlich «alte Schachtel». (Reuters/Mario Anzuoni)

Wenn es nach den Machern des Schweizer Onlineportals «Date a Rentner» geht, wäre auch Sharon Stone (58) eine ziemlich «alte Schachtel». (Reuters / Mario Anzuoni)

Letzthin blätterte ich im People-Magazin «Gala». Im sogenannten Schweizer Split, bei dem Schweizer Stars und Sternchen vorgestellt werden, fand ich einen Artikel über Sarah Hiltebrand, die Schwester der erfolgreichen Schweizer Köchin Meta Hiltebrand. Sarah, so erfuhr ich, ist nicht nur «eine erfolgreiche Werberin», sondern hat auch ein findiges Köpfchen. Sie hat nämlich, zusammen mit zwei Partnern, eine Onlineplattform für Menschen über 55 geschaffen, die sich «Date a Rentner» nennt. Falls Sie dieser Name an «Rent a Rentner» erinnert, liegen Sie richtig. Mit diesem Projekt vermittelt Sarah Hiltebrand Senioren für die verschiedensten Arbeiten in und rund ums Haus. Eine durchaus coole Idee.

Mit ihrem zweiten Projekt will nun die findige Kupplerin reife Männer und Frauen zusammenbringen. Im Interview sagte sie: «Wir haben dank unserer Plattform gemerkt, dass viel zu viele Menschen über 55 Jahre allein sind. Das ist traurig! Man soll den Lebensabend nicht allein verbringen.»

Lebensabend? Hallo? Ich zähle, wenn es nach Sara Hiltebrand geht, also mit meinen 55 Jahren bereits zu den Seniorinnen? Na, dann gute Nacht! Dabei höre ich zurzeit auf allen Kanälen, dass ich zu den begehrten «Silver Agern» gehöre – zahlungskräftig, aktiv und durchaus noch attraktiv. Und jetzt soll ich zum alten Eisen gehören? Und nein, ich bin nicht in meiner Eitelkeit verletzt, ich bin mir durchaus der Vor- und Nachteile meines Alters bewusst. Ich ärgere mich einfach über ein solch klischiertes Weltbild und darüber, dass Frauen und Männer im besten Alter einfach als «alter Sack» und «alte Schachtel» schubladisiert werden.

Zusätzlich erscheint mir diese ganze Strategie doch ziemlich kontraproduktiv, ist doch die Wirtschaft ziemlich scharf auf gut verdienende ältere Menschen. Darum relativiert Hiltebrand auch: «Es ist unglaublich, dass die ältere Generation immer noch zu wenig in den Marketing- und Werbeanstrengungen berücksichtigt wird.»

Was sollen ältere Menschen, wenn es nach «Date a Rentner» geht, mit Gleichgesinnten unternehmen? Auch auf diese Frage hat Frau Hiltebrand attraktive Vorschläge parat: «Es muss ja nicht immer die grosse Liebe sein … Wir vermitteln gemeinsame Freizeitaktivitäten wie zum Beispiel zusammen wandern … oder auch mal nur einen Kaffee trinken.» Potz Blitz! Und nur dass niemand auf falsche Gedanken kommt: Als rüstige/r Rentner/in hat man keinen Sex, dafür ein bisschen Fun und viel frische Luft. Und wird es dann doch langweilig, kann man ja eine Partie Rommé spielen.

Aber vielleicht habe ich die Ironie der «ehrlichen, fairen Schweizer Plattform» nicht verstanden. Ich schaue mir den Onlineauftritt von «Date a Rentner» an: eine ziemlich lieblos gestaltete Seite mit Protagonisten, die genau so aussehen, wie ich mir das Alter nicht vorstellen möchte, selbst wenn ich zwanzig Jahre mehr auf dem Buckel hätte. Frauen mit Dauerwellen und Männer, die lustige Caps tragen. Und als Synonym für die Kundinnen und Kunden werden eben eine (alte) Schachtel und ein (alter) Sack abgebildet, die gemeinsam auf einem Bänkli sitzend in den Sonnenuntergang schauen. Das ist aber richtig «jöh». Und ein bisschen beleidigend.

«Alleinsein ist doof» – unter diesem sehr aussagekräftigen und irgendwie an einen Schulhof mit kichernden Teenies erinnernden Motto soll man also das passende Gegenüber für Freizeitaktivitäten und mehr finden? Meine Erfahrung mit älteren Menschen zeigt mir, dass viele mindestens so viel Coolness, Geschmack und Selbstbewusstsein haben wie die jüngere Generation und es höchstens «doof» finden, auf einem Bänkli sitzend ihre Zeit zu verplempern. Denn es gibt viel zu tun, auch für die Männer und Frauen, die keine 30 mehr sind. Oder wie die 94-jährige New Yorker Lebenskünstlerin Iris Apfel sagt: «Ich will busy, busy, busy bleiben. In Rente zu gehen, ist für mich schlimmer als der Tod.»