Haltung, bitte!

Von Kopf bis Fuss

Gute Haltung macht gute Laune. Foto: Troels Graugaard (iStock)

Der moderne Mensch hat es nicht leicht, wenn es um seine gesundheitlichen Belange geht. Die Liste der Dinge, die wir tun und lassen sollten, um fit und leistungsfähig zu bleiben, wird immer länger, die Ansprüche an uns selber werden immer grösser.

Es genügt nicht mehr, ausgewogen zu essen, «Clean eating» ist das Motto der Stunde. Ein bisschen Gymnastik oder eine Runde auf dem Hometrainer, womöglich in den ausgebeulten Trainerhosen: ein No-go! Mit Hightech-Gadgets «bewaffnet» und im aerodynamischen Outfit rennen wir gegen den inneren Schweinehund an. Wir kasteien uns, hecheln und motivieren uns, um jeden Tag erfolgreich zu meistern.

Doch zum Glück gibt es die kleinen Dinge im Leben, die zu unserem Wohlbefinden beitragen. Für die wir uns nicht zu überwinden brauchen und auch keinen Kampf mit unserem inneren Schweinehund austragen müssen, den wir sowieso in den meisten Fällen verlieren.

Ich sage nur: Haltung bewahren! Denn ein krummer Rücken hat nicht nur einen Einfluss auf unsere körperliche Grösse, sondern kann auch unsere physische und mentale Gesundheit beeinflussen. In der Körperhaltung drückt sich nicht selten der emotionale Zustand eines Menschen aus. Am langsamen, schlurfenden Gang und dem leicht nach vorn geneigten Rumpf ist eine niedergeschlagene Stimmung schon von weitem erkennbar.

Eine Studie der San Francisco State University mit 110 Studenten hat den Zusammenhang zwischen einem gebeugten, mutlosen Gang und ängstlichen, depressiven Gefühlen festgestellt. Strafften die Probanden ihr Rückgrat, verbesserte sich ihre Stimmung augenblicklich. Erik Peper, Professor of Health Education, bewies so, dass ein aufrechter Gang nicht nur die Stimmung, sondern auch das Energielevel steigert. Peper zieht damit die Parallele zum Lächeln und zum Sprichwort: «Fake it ’til you make it.» Tue so als ob. Lächle, auch wenn du dich mies fühlst, dann geht es dir augenblicklich besser.

Der Begriff «Haltung bewahren» begleitet uns das ganze Leben lang. Und damit ist nicht das autoritäre «Sitz gerade!» in der Schule gemeint, sondern das Prinzip, sich auch in schwierigen Zeiten nicht hängen zu lassen. Haltung bewahren ist die Fähigkeit, auch in herausfordernden Situationen, bei Angriffen und in Niederlagen, wenn möglich auch innere Ruhe und Contenace zu bewahren.

Natürlich ist es oft bequemer, schlaff in den Seilen zu hängen. Ich bewundere Tänzer, deren Haltung Grazie und Selbstbeherrschung ausdrücken. Wenn ich mich zufällig im Alltag im Spiegel betrachte, erschrecke ich oft ob meiner schlechten Haltung, die an einen traurigen Nussgipfel erinnert. Dann straffe ich die Schultern, nehme einen tiefen Atemzug. Und fühle mich sofort besser.

Weitere Vorteile einer gute Haltung:

Weniger Muskelschmerzen und Müdigkeit. Manchmal schmerzt unser Körper und fühlt sich steif an. Laut der Kansas Chiropractic Foundation kann eine schlechte Haltung dazu führen, dass unsere Muskeln härter arbeiten müssen, um uns aufrecht zu halten. Vor allem Muskelschmerzen in Nacken, Rücken, Armen und Beinen sind zu einem grossen Teil auf jahrelange schlechte Haltung zurückzuführen. Wer also auf seine Haltung achtet, läuft weniger Gefahr, in späteren Jahren an Arthrose zu erkranken.

Weniger Stress. Eine Studie der Columbia University und der Universität Harvard zeigt auf, dass Stress oftmals durch eine schlechte Haltung ausgelöst wird. Die Untersuchung beweist, dass Menschen mit offenen Schultern und aufrechtem Gang ein 20 Prozent höheres Testosteron-Level und ein 25 Prozent tieferes Cortisol-Level hatten.

Mehr Selbstvertrauen. Eine schlechte Haltung beeinflusst nicht nur, wie wir fühlen, sondern hat auch einen Einfluss, wie uns andere wahrnehmen. Im Tierreich zeigen die Tiere ihre Kraft oft durch expansive Gesten. Wir müssen uns nicht unbedingt wie ein Affe auf die weit geöffnete Brust schlagen, um Selbstbewusstsein zu demonstrieren, ein gerader Rücken zeigt unsere Selbstachtung ebenso.

Wie verbessere ich meine Haltung?

Richtig bewegen: Neben dem bewussten Gehen, stärken Yoga und Pilates die Körpermitte, und damit auch unseren Rücken.

Richtig sitzen: Dauersitzen ist eine Strapaze für den Rücken. Rückenschmerzen lassen sich vermeiden, wenn die Regeln des ergonomischen Sitzens beachtet werden und Bewegung in den Arbeitsalltag eingebaut wird. Stühle mit dynamischer Rückenlehne, Steh-Sitz-Tische und regelmässige Bildschirmpausen unterstützen das. Aufrechtes Sitzen mit mindestens einem rechten Winkel bei Knie und Ellenbogen verhindert Fehlbeanspruchungen in den Schultern, im Rücken, bei Armen und Beinen.

Richtig stehen: Das Brustbein wird ein wenig nach vorne geschoben und angehoben. Kein Hohlkreuz machen. Das Becken etwas nach hinten schieben. Die Füsse stehen leicht auswärts gedreht, hüftbreit auseinander und sind gleichmässig belastet. Arme locker und einfach fallen lassen. Locker stehen. Um nicht ins Hohlkreuz zu fallen, sollten die Beine nicht vollkommen durchgestreckt sein. Abwechselnd mal das eine und mal das andere Bein belasten.