Alice wer?

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Also, ich stehe so am Bahnhof Hardbrücke in Zürich, liebes Publikum, und da ist vorübergehend ein Intercity-Zug der SBB geparkt, und derselbe trägt den Namen Alice Rivaz. Siehe Bild. Alice Rivaz war eine zu Lebzeiten ziemlich unbekannte Autorin aus der Westschweiz. Inzwischen ist sie immer noch ziemlich unbekannt und ausserdem tot. Letzteres ist eine Voraussetzung, um Namensgeberin für einen Intercity-Zug zu werden. Weitere Voraussetzungen sind nicht unbedingt sofort erkennbar. Wer entscheidet das eigentlich bei einem öffentlichen Unternehmen wie den Schweizerischen Bundesbahnen? In der Privatwirtschaft, der Automobilindustrie zum Beispiel, muss ein Name für ein Fahrzeug schützbar und idealerweise auch interkulturell gut verständlich sein, er sollte darüber hinaus einem bestimmten Hersteller (also einer bestimmten Autofamilie) zuzuordnen sein, mithin einen Bestandteil von Corporate Identity und Corporate Design und Branding bilden. Und wenn man dann noch die gewünschten positiven Evokationen dazunimmt, wird man nicht überrascht sein, dass sich Hersteller den richtigen Namen in der Regel einiges kosten lassen und dafür Spezialisten und Agenturen beschäftigen. Und dann kommt da bisweilen so was Wunderbares raus wie: Le Car.

Le Car – das war doch einer der besten Autonamen überhaupt, so hiess in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts eine in die USA exportierte, zusätzlich verchromte und aufgerüstete Variante des Renault 5 (damals war das Französische very chic in den Vereinigten Staaten, wie der dazugehörige legendäre Werbespot mit dem R5 – pardon: Le Car – in San Francisco zeigt). Früher war überhaupt mal wieder alles einfacher: Die besten deutschen Autos beispielsweise waren schlicht nach ihren Herstellern benannt, und Informationen über Hubraum, Preisklasse und Sozialprestige wurden über Zahlensysteme (höchstens in Verbindung mit einzelnen Buchstaben) sehr wirkungsvoll vermittelt. In Amerika mit seinem Kult der Beweglichkeit, physisch wie sozial, und seiner ungebrochenen Freude am Materiellen gab und gibt es oft auch die ungenierteren, direkteren, kräftigeren Modellbezeichnungen: Der Traum von der Mobilität, der Traum davon, energetisch und agil zu sein, die gesamte amerikanische Autokultur mit ihren wunderbaren Errungenschaften wie 24-Stunden-Drugstores oder Drive-thru ATMs spiegeln sich wider in Namen wie: Pontiac Firebird, Dodge Viper, Ford Mustang. Hier ist pure Jugendlichkeit weniger wichtig als Kraft und – ein bisschen Bestialität. Hier wird das Auto gerade nicht vermenschlicht, sondern zu etwas Animalischem, Wildem, Unbezähmbarem – wenngleich nicht weniger emotionalisiert.

Nun haben natürlich öffentliche Verkehrsmittel auch Repräsentations- und Botschafterfunktion. Flugzeuge, zum Beispiel der Swiss, werden gerne nach heimischen Landstrichen getauft; und eben Züge, zum Beispiel die der SBB, nach historischen Persönlichkeiten. Auch Flughäfen werden neben ihrer Destinationsbezeichnung vorzugsweise nach Persönlichkeiten benannt, aber wirklich gebraucht werden diese Namen oft nur, wenn eine Agglomeration mehrere Landeplätze hat, wie zum Beispiel New York mit La Guardia und JFK oder Paris mit Orly und Charles de Gaulle. Andererseits ist die Neigung, einen Flughafen beim Namen zu nennen, offenbar auch eine kulturelle Frage: Der Versuch, «Unique», den Namen seiner Betreibergesellschaft, meinem Heimatflughafen Zürich anzuhängen, ist weitgehend gescheitert und offenbar eingestellt worden. So ein Name wie Unique ist für das pragmatische schweizerische Gemüt viel zu pompös und trutschig, ganz abgesehen davon, dass Unique Airport schon fast klingt wie Munich Airport, und das ist natürlich unpraktisch. Berlin dagegen hat zum Beispiel, jedenfalls im Moment noch und zum Glück, zwei Flughäfen, die einfach nach ihren Standorten Schönefeld und Tegel genannt werden, und kein Mensch – und schon gar kein Berliner – käme auf die Idee, etwa statt von Tegel von Otto Lilienthal zu reden, nach welchem Pionier der Luftfahrt der Flughafen Tegel immerhin seit 1988 offiziell benannt ist. Was den Berliner nicht davon abhalten kann, auf die Frage nach einem Flughafen Otto Lilienthal zu erwidern: «Wat? Wat is kaputt?»

Nur die Amerikaner, die es durch ihre Kultur von Mäzenatentum und Sponsorenschaften seit jeher gewohnt sind, dass Krankenhäuser, Museumsflügel oder Sportarenen nach Personen heissen, haben keinerlei Mühe, George Bush Intercontinental zu sagen, wenn sie den internationalen Flughafen von Houston meinen. Dieses Beispiel zeigt auch, dass man in den USA beileibe nicht tot sein muss, damit ein Flughafen nach einem benannt wird. Die Namensgebung wird in Übersee lockerer gehandhabt – und ich für meinen Teil plädiere dafür, dass wir im alten Europa uns endlich an der amerikanischen Unverkrampftheit ein Beispiel nehmen, und deshalb lautet mein Vorschlag für den nächsten SBB-Intercity: Joan Collins. Oder wenigstens: Le Zug. Aber damit stosse ich sicher mal wieder auf taube Ohren.