Wie misst man schwul?

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Michele Bachmann ist jetzt Schweizerin. Thurgauerin. Und wer war schon wieder Michele Bachmann? Das ist die Frau, neben der Sarah Palin wirkt wie Eveline Widmer-Schlumpf. Michele Bachmann, 56, aus Stillwater, Minnesota, republikanische Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses und wie Palin Exponentin der leicht reaktionären Tea-Party-Bewegung, wollte bis Anfang dieses Jahres amerikanische Präsidentin werden. Jetzt unterstützt sie seit kurzem Mitt Romney als republikanischen Präsidentschaftskandidaten (nachdem sie bereits im Januar erklärt hatte, Romney würde Obama nie schlagen können). Vor rund vier Monaten ist Michele Bachmann aus dem Rennen geschieden. Dabei standen ihre Chancen zunächst gar nicht mal so schlecht, denn Frau Bachmann repräsentiert eindeutige Positionen. Die kann man ungefähr so zusammenfassen: Gott und Atomkraft. Michele Bachmann ist gegen die Globalisierung, gegen Abtreibungen und gegen Homosexualität. Letztere hält sie für eine Persönlichkeitsstörung. Deshalb kämpft sie gegen die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, die in den USA inzwischen in sechs (ab nächster Woche: sieben) Staaten sowie im Bundesdistrikt Washington legal ist.

Auch Barack Obama hat sich jetzt für die Homo-Ehe ausgesprochen. Doch ungefähr zur gleichen Zeit, da Michele Bachmanns neue doppelte Staatsbürgerschaft bekannt wurde, begab es sich, dass die Bürger des US-Bundesstaates North Carolina dafür stimmten, in die Verfassung ihres Staates aufzunehmen, dass die einzige Form der «legalen häuslichen Partnerschaft» die Ehe zwischen Mann und Frau sei. Die Homo-Ehe ist in North Caroline bereits gegen das Gesetz, aber besagte Verfassungsänderung macht es noch schwieriger, daran je etwas zu ändern. Damit wird North Carolina zum 29. Bundesstaat der USA, der die Homo-Ehe per Verfassung bannt. Und warum erzähle ich Ihnen all das zum Wochenende? Weil es die Notwendigkeit von Bildung illustriert. Eine ganz andere Art von Bildung indes betreibt Michele Bachmanns Ehemann, Marcus Bachmann. Der ist Sohn von Schweizer Auswanderern, weshalb seine Gattin also nun den Schweizer Pass bekam, einen Pass, den auch ich stolz mit mir trage, stolz auf die Zivilisiertheit dieses Landes und seine Tradition, den anderen erstmal so sein zu lassen wie er ist. Dies ist allerdings nicht der Ansatz der Bachmanns: Marcus Bachmann führt in Minnesota eine Art christlich orientiertes Therapie-Institut, dem vorgeworfen wird, Umpolungssitzungen für Homos anzubieten, nach dem Motto: «Pray The Gay Away».

Und dann bekamen die Bachmanns ein Problem. Es ist nämlich so, dass Marcus Bachmann irgendwie selbst ziemlich schwul rüberkommt. Und zwar nicht auf diese classy Is-he-is-he-not-George-Clooney-Art. Sondern mehr auf diese Offensively-Stereotypically-Flamboyishly-Camp-Beyond-Your-Wildest-Dreams-Art. Also ungefähr so, als sei er vom Tuntenbaum gefallen und hätte auf dem Weg nach unten noch jeden tuntigen Ast gestreift. Das jedenfalls stellten in den USA immer mehr Kommentatoren fest, nicht nur viel gelesene nationale Blogs wie «Gawker» und Twitter-Instanzen wie die Showgeschäftsveteranin und Homo-Sachverständige Cher, die über Marcus Bachmann folgenden Tweet absetzte: «schwulschwulschwul ohne Stil». Schliesslich griff der populäre Talk-Show-Gastgeber Jon Stewart in seiner politischen Nachrichtensatire «The Daily Show» die Sache auf, und zwar zusammen mit der Komikerlegende Jerry Seinfeld. Clips von Stewarts und Seinfelds minutenlanger Bachmann-Attacke landeten auch auf den Websites so traditionsreicher Blätter wie der «Washington Post» und «The Atlantic».

Was ist «gay»?

Ganz nebenbei haben Jon Stewart und Jerry Seinfeld, zwei heterosexuelle Bastionen der amerikanischen Unterhaltungsindustrie, mit ihren Witzen über Marcus Bachmann auch einen Katalog dessen serviert, woran man «schwul» erkennt. Die Kriterien waren recht simpel und sozusagen klassisch, nämlich: 1. Körpersprache und Bewegung (in Bachmanns Fall besonders sein Tanzstil); und 2. Stimme und Modulation, also die Art, wie jemand redet. Das sind übrigens auch zwei Faktoren, die das Urban Dictionary, diese enzyklopädische Instanz der Strassenweisheit im 21. Jahrhundert, als Indikatoren für «Gayness» nennt, nebst Körperform und Garderobe. Und ich als Homo kann dazu nur sagen: In der Tat. Das ist richtig. Diese Kriterien haben eine ziemlich hohe Trefferquote, wenn es darum geht, jemanden als «gay» zu identifizieren. Allerdings fasst «gay» im Englischen «schwul» und «tuntig» gewissermassen im kulturellen Sinne zusammen, indem es sowohl das eine wie das andere, meist aber beides zusammen bedeutet; mehr noch, es steht darüber hinaus für einen Komplex von Eigenschaften und Präferenzen, die man klassischerweise (und das heisst: stereotyp) mit Homos verbindet: Wenn man ein Mann ist, dann ist es «gay», die Farbe Fuchsia zu mögen (oder zu wissen, dass Fuchsia überhaupt eine Farbe ist – wie uns Fran Drescher in «Happily Divorced» erklärt). Unabhängig davon, ob der Mann schwul ist oder nicht.

Und andererseits gehört es inzwischen, im 21. Jahrhundert, ebenso zum Strassenwissen, dass «schwul» durchaus nicht immer «tuntig» impliziert – und umgekehrt. Man kann schwul sein, ohne tuntig zu sein, und man kann (wenn auch seltener) tuntig auftreten, ohne schwul zu sein, wie uns die Garderobenentscheidungen von Thomas Gottschalk immer wieder beweisen. Diese letztere Kategorie «tuntig, aber nicht schwul» könnte man nun vorschnell als «metrosexuell» klassifizieren, doch hier ist Vorsicht geboten, denn Metrosexualität heisst einfach bloss, dass ein Mann sowohl Frauen wie auch deren Pflegeprodukte mag. Dass also heterosexuelle Männer an sich selbst Eigenschaften zulassen und kultivieren, die man konventionellerweise als «weiblich» bezeichnet, wie zum Beispiel eine hingebungsvolle Fixierung auf den eigenen Körper oder brennendes Interesse an Mode. Ausserdem sind Metrosexuelle ausgestorben und bestanden eigentlich sowieso immer nur aus David Beckham. Der Begriff ist völlig obsolet. Heute ist die Befassung von heterosexuellen Männern mit Äusserlichkeiten derart mainstream, dass man dafür keine Extrakategorie mehr braucht.

Der gesellschaftliche Fortschritt besteht nicht darin, politisch korrekte Definitionen von sexuellen Identitäten zu liefern

Hingegen könnte man die Frage stellen: Sind solche vermutungsweisen Blossstellungen Marcus Bachmanns nicht trotzdem ein bisschen homophob? Und ist es nicht erschütternd, dass man in unseren post-aufgeklärten Zeiten, wo eine sogenannte Gender Theory sich sonstwas abbricht, um eine vermeintliche Performativität des Geschlechts als kulturelles Konstrukt zu etablieren, immer noch mit so schlichten und quasi-intuitiven Massstäben operiert, wenn es darum geht, was jemanden «gay» macht? Ich finde: Nö. Nicht wirklich. Manche Sachen sind eben zeitlos easy. Der gesellschaftliche Fortschritt liegt nicht darin, möglichst komplexe und politisch korrekte Definitionen von sexuellen Identitäten zu etablieren, sondern schlicht darin, dass Homos und Nicht-Homos zusammen darüber lachen, wenn ein effeminierter Jesus-Fundamentalist wie Marcus Bachmann Schwule als «Barbaren» bezeichnet.

Inwiefern das Michele Bachmanns politischer Karriere wirklich schadet, ist freilich eine andere Frage. Denn zunächst greift ja der Vorwurf der Heuchelei bei Marcus Bachmann nicht wirklich, im Gegenteil: wenn ein christlicher Hardliner eine schwule Regung verspürt, so wäre es ja perverserweise gerade folgerichtig für ihn, der Idee anzuhängen, dass man das wegbeten und auf diese Weise kontrollieren kann, für sich und für andere. Noch gewichtiger aber ist hier wohl jener Aspekt der fundamentalistischen Psyche, auf den Michelle Cottle im «Daily Beast» hingewiesen hat: Charaktere wie Michele Bachmann sind überzeugt, Gottes Arbeit zu vollrichten, und zwar in einer gottlosen Welt. Angriffe, gerade solche moralischer Natur, werden von ihnen als Probe ihrer Gläubigkeit und Beweis ihrer Auserwähltheit verstanden – und bestärken sie in ihrem Sendungsbewusstsein. Dieser einfache Teufelskreis hat sogar eine eigene Syndrombezeichnung: «Christian Persecution Complex». Das ist was für Leute, die sich in Ermangelung realer Aufopferungsmöglichkeiten in ein religiös verbrämtes politisches Ersatz-Märtyrertum flüchten. Also für Leute, denen, wie allen Fundamentalisten, unter anderem eine Qualität abgeht, die man als grundlegend «gay» bezeichnen könnte (obschon sie leider auch etlichen Homos fehlt): Distanz zu sich selbst.

38 Kommentare zu «Wie misst man schwul?»

  • Dante Eggenberger sagt:

    Seit vielen Jahren wieder mal an einen Tinglertext gewagt. Immer noch dasselbe Schautherichbinsolustig-Gelabber. Schwulengelabber. Halt, weshalb zensieren? Er sagt ja selber, er sei es (kein neues Fakturm sowieso), und er versucht hier, lustig zu sein mit den paar Merkmalen, die man gemeinhin der Schwulizität zuschreibt (viell hatte er so was wie ironische Distanz im Kopf (?)). Also weshalb sollte man als Hetero nicht sagen, was Sache ist. Ohne Wertung von schwul, aber von Gelabber.

  • Alex sagt:

    Bin schwul und einverstanden.Was mich aber stört, ist die besserwisserische Haltung der Schweizer (bin Schweizer) gegenüber den USA. Und: dank der Wehrpflicht nur für Männer (in den USA ist es freiwillig, ein grosses stück Freiheit!) dürfte einem Amerikaner dieser Artikel nicht gezeigt werden. Denn im CH-Militär werden ja Männer zu Männern. Dort hört man ständig Wtze über Schwule. Coming Out im Militär? Fehl am Platz, da kommt nur Mobbing. Also, was ist schlimmer: die Wehrpflicht in der Schweiz, welcher kein Mann entgeht – oder ein freiwilliger Besuch eines Bachmann-Meetings? Fly down Schweiz

  • marie sagt:

    ähm… mir fehlen die worte. „pray the gay away“? ist ungefähr so, wie wenn eine frau nach 20 kindern und entspr. nach breastfeeding aussieht und sich den hängebusen wegbeten will…
    hr tingler und an alle lesben und schwulen: bleibt, seid und lebt so, denn das ist gut so.
    eure marie

  • Gerhard sagt:

    Also in meinem Bekanntenkreis – beruflich und privat – sind / waren alle immer total „gayfriendly.“ Als meine Bekannten dann Kinder bekamen und diese zu pubertieren begannen, hab ich mal nachgefragt, wie es denn wäre, wenn der Sohn schwul würde. Die Antworten: Um Himmels Willen! Nein! Schliesslich möchte man mal eine Schwiegertochter haben… und Enkel… Fazit: Schwul sein dürfen gerne die Anderen, aber ja nicht der eigene Sohn…

  • Hans sagt:

    Etwas eigenartig finde ich die Aussage, die Schweiz hätte eine Tradition, den anderen erstmal so sein zu lassen wie er ist. Au contraire!
    Es gibt kaum eine westliche Gesellschaft wo die soziale Kontrolle so stark und einschränkend ist wie in der Schweiz – alles andere als „leben und leben lassen“.
    Auch die Akzeptanz gegenüber Gays hat in diesem Land keineswegs eine lange Tradition. Die heutige Situation musste mühsam erkämpft werden und noch vor wenigen Jahrzehnten sah es diesbezüglich sehr viel schlechter aus.

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