Daddy’s Girl

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Das amerikanische Fernsehen, meine Damen und Herren, ist ein Füllhorn, ein Zauberland, in dem man verloren gehen kann, reich auch an Realitäten – sofern sich diese Wirklichkeiten French Nails aufkleben und Hyaluronsäure über die Wangenknochen spritzen lassen (oder sich am scheinbar entgegengesetzten Ende der Skala bewegt, wie bei «Extreme Couponing»). Dann gelangen wir zu so wundervollen Formaten wie «Braxton Family Values» oder «Joan & Melissa» oder, natürlich, zu den Realen Hausfrauen. The Real Housewives. «The Real Housewives» ist ein Pseudo-Reality-Fernseh-Format, das der amerikanische Rummelplatzkanal Bravo im Jahre 2006 als Pseudo-Reality-Abklatsch der immer fürchterlicher werdenden ABC-Serie «Desperate Housewives» begann. Also: pseudo-reale (oder: über-reale) Hausfrauen in ihren überrealen Lebensräumen – wie Orange County, New York City, Atlanta, New Jersey, Beverly Hills, Miami. Jede Ortschaft kriegt ihre eigene Real-Housewives-Serie; jedenfalls, sofern sich dort genügend Reale Hausfrauen vom Bravo-Typus finden lassen. Die phänotypischen Gemeinsamkeiten dieses Typs hat gerade sehr schön eine Würdigung der Real-Housewife-Franchise im Magazin «The Atlantic» zusammengetragen: neben lohfarbener Sprühbräune und Botox-Stirnen und angeschweissten Haaren ist demnach Folgendes unabdingbar für eine Echte Reale Hausfrau: the wincing air kisses with which they greet one another, and the cries of «You look hot!» or «You’re so skinny!»; the shifting alliances and behind-the-back bitcheries; the viperous lunch parties, with their protestations of friendship.

Ich persönlich habe offen gestanden bisweilen Schwierigkeiten, die Real Housewives auseinanderzuhalten, denn nicht nur in Beverly Hills und Miami, sondern eigentlich bei allen Lokalablegern haben wir es mit denselben Antlitzen zu tun, moduliert von jener Sparte der Chirurgie, die nicht immer zu Recht als die ästhetische bezeichnet wird: leicht überspannte Augenpartien, Schlauchbootlippen, Zähne, die im Dunkeln leuchten, und für immer gefrorene Gesichtszüge, oder, wie «The Atlantic» es ausdrückte: «the reaction shots that show no reaction. To be a real housewife is to be in a cage match with middle age. Existence is weightless but, oh, gravity – it drags at the sagging epidermis.» Wer ein solches Format in Europa umsetzen wollte, hätte wohl in jedem Land der Alten Welt Schwierigkeiten, genügend Ortschaften mit genügenden Real-Housewife-Populationen aufzuspüren, was ein Grund dafür sein mag, dass die Franchise bisher nicht so richtig exportiert worden ist – aber in den USA boomt die Marke: «The Atlantic» spricht vom «Housewife-Industrial Complex», als einer «irrsinnigen Mischung zwischen Klatschmaschine und Dauer-Infomercial», eine Melange, die längst ihre eigenen Produktlinien, Warenwelten und Spin-offs inspirierte («Vanderpump Rules»!).

Die Attraktivitätsstandards sind also strikt – das Frauenbild der Real Housewives hingegen etwas diffus: zwar ist zu gefallen eines der obersten Ziele der Protagonistinnen, doch irgendwie legen sie auch  deklarierten Wert auf Eigenständigkeit und Unabhängigkeit (jedenfalls materielle) und also auch irgendwie auf eine Karriere, wenn auch schwerpunktmässig zumeist in den Bereichen Handtaschendesign / Kosmetik / Sextoys / Kochbuch / Workout DVDs, also nicht gerade durch das Studium der komparativen Linguistik in Yale. «Real Housewife» selbst erscheint schliesslich als plausible Karriere-Option der Celebrity-Gesellschaft.

Nicht mit den Real Housewives zu verwechseln sind übrigens jene Damen, die uns unlängst in einer Dokumentation des britischen Senders Channel 4 vorgestellt wurden: auch diese Geschöpfe tragen falsche Bräune, falsche Oberweite, falsche Zähne und falsche Wimpern zu Markte; doch ihnen geht es um etwas anderes: Rinsing. Was man notdürftig übersetzen könnte mit: Professionelles Beschenktwerden. Besagte Damen, die man also folgerichtig als Rinsers oder auch Real Rinsers ansprechen muss, publizieren online Listen von Dingen, die sie begehren und sich schenken lassen wollen. In der Regel von Männern. Völlig fremden Männern. To «rinse» ist eigentlich «spülen», und das heisst hier: die Männer bezahlen lassen. Im Austausch für … ja, was? Nichts, im Grunde. Sex zum Beispiel kommt nicht in Frage. Und Charme geht den Damen ab.

Und das bringt uns endlich zum obigen Schuh, den ich fotografiert habe, irgendwo in einem Schuhladen in Mittleren Westen der USA. Und damit sind wir schliesslich angekommen bei den Auswüchsen einer pseudoübersexualisierten Jugendkultur, wo Mädchen sich selbst als bitches begreifen; Mädchen, die sich so geben und anziehen, wie Männer das mutmasslich wollen, so eigentlich nach der Melodie von «I Enjoy Being a Girl», wie Doris Day es einst zu Mad-Men-Zeiten sang, bloss ist es diesmal eine scheinbar bewusst gewählte Haltung und wird jedenfalls mit der entsprechenden Etikette versehen, wie Sie an diesem abscheulichen Schuh sehen. Unsere post-post-moderne Gesellschaft hat die Eigenschaft, auch ihre Rückschritte marktschreierisch anzupreisen, und wenn Sie mich fragen, sollten Erziehungsberechtigte, die ihre Tochter in solchem Schuhwerk rumlaufen lassen, verpflichtet werden, ein paar Wochen lang den Müll neben der Autobahn aufzusammeln. Vielleicht lernen Sie so etwas Selbstachtung. Die sie dann an ihre Kinder weitergeben können.