Geschichte einer Nymphomanin

Fünf Gründe, Leïla Slimani zu lesen.

Die Autorin Leïla Slimani an der Buchmesse in Frankfurt 2017. Foto: Arne Dedert (Keystone)

Der soeben auf deutsch erschienene Erstlingsroman der inzwischen berühmten französisch-marokkanischen Schriftstellerin Leïla Slimani ist skandalös und phänomenal. Dabei interessiert mich weniger die Debatte, ob das nun feministische oder postfeministische Literatur sei oder nicht. Literatur hat universell zu sein, oder sie taugt nichts. Hier sind fünf Gründe, «All das zu verlieren» zu lesen:

  1. Die elegante Lakonie von Slimanis Prosa entfaltet eine Sogwirkung, zu der auch ihre melancholische Grundierung beiträgt.

  2. Slimani behandelt ein Thema von universeller Bedeutung: Die Sorge, nicht richtig zu leben. Die Angst des Ich, sich selbst zu verfehlen, in der Spannung zwischen konventionellem Glück und individuellem Begehren.

  3. Diese Geschichte einer Nymphomanin ist auf paradoxe Weise auch ein Liebesroman: Adèle und Richard, das Paar, das im Mittelpunkt steht, ist verbunden durch wechselseitige liebende Sehnsucht: Jeder verkörpert für den anderen das andere Leben, das ihn anzieht.

  4. Leïla Slimani hat erklärt, die Hauptfigur Adèle sei eine Metapher für Marokko und seine sexuelle Schizophrenie. Adèle ist aber auch eine Metapher für unsere Gesellschaft und ihre Schizophrenie der Wahrnehmung und Bestätigung über den Körper, das leibliche Begehrtwerden als Flucht und Kontrolle.

  5. Am Ende steht die Hoffnung.

3 Kommentare zu «Geschichte einer Nymphomanin»

  • christopher robert sagt:

    Ich gebe zu, das Buch nicht in der hier beschriebenen deutschen Übersetzung gelesen zu haben, sondern im französischen Original.
    Gut geeignet, mein manchmal einrostendes Französisch zu reaktivieren, vor allem was die sprachlichen Feinheiten anbelangt (die wohl schwierig zu übersetzen sind).
    Und gerade im französischen Original merkt man klar, dass sich der Ausdruck „nymphoman“ nicht 1:1 von französisch auf deutsch übersetzen lässt, weil er hier doch eine etwas andere Bedeutung hat.
    .
    Die Gegensätze sind Erfindung der Sprache, die das verwirrt, was sie zu erfassen glaubt. (Antoine de Saint-Exupéry)

  • Max sagt:

    Aber Schizophrene behandelt man doch in der Psychiatrie? Mit den baldigen Gentherapien bald sehr nachhaltig. Die schizophrene Gesellschaft: Wir sind alle schizophren, aber ich (der Einzelne) nicht (die Schizophrenen (Einzelne) sind die in der Klinik). Also das macht logisch keinen Sinn…

  • Burkard Markus sagt:

    Ich habe das Buch nicht gelesen. Es soll in Frankreich sehr erfolgreich sein. In der Regel schaue ich Literaturclub und Co. und lasse mich gerne begeistern. Ich habe die Interviviews von Leïla Slimani im Spiegel und der französischen Presse gelesen, die sie im Rahmen der metoo-Debatte gegeben hat. Dabei habe ich das Interesse, das Buch zu lesen, verloren.

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