Du schon wieder

Über die zunehmende Beschleunigung in der Mode.

Präsentiert sich derzeit gerne in «Vintage Versace»: Kim Kardashian. (Foto: Getty Images/ Montage: Kelly Eggimann)

Ein Aspekt der Digitalisierung unserer Lebenswelt ist auch deren Beschleunigung, meine Damen und Herren. Sowie die damit einhergehende lebensweltliche Ungeduld (Sie wissen schon: Man rastet aus, wenn irgendeine Internetseite mehr als fünf Sekunden braucht, um vollständig dargestellt zu werden). Und, das stellen wir an dieser Stelle regelmässig fest, die Überhitzung auch des Konsums. Wir leben in einer Zeit, die mehr an Erwerbungen glaubt als an Fortschritt.

Kann es dreijährige Vintagestücke geben?

Ein Phänomen, an dem sich diese Überhitzung besonders gut beobachten lässt, ist die Mode. Was ist Mode? Ein perennierendes Wechselspiel von Anpassung und Bruch der Konvention, von Dazugehörenwollen und Abgrenzung. Mode vollzieht sich notwendig in Wellen. Der erste und der letzte Vertreter einer Mode wirken stets lächerlich. Allerdings auf grundverschiedene Art. Warte lang genug, die Mode kommt zurück. Das galt jedenfalls früher. Heute, in einer Zeit, in der die Logik des Besonderen regiert, gilt nur noch der zweite Teil: Die Mode kommt zurück. Warten ist nicht mehr. Denn die Abstände zwischen den Wellen werden immer kürzer (und die Wellen selbst wohl auch seichter, werden Kulturpessimisten anfügen).

Das, was gemeinhin als «Vintage» bezeichnet wird, also das repräsentative und authentische Teil aus einer vergangenen Stilepoche, ist heute unter Umständen nicht älter als fünf Jahre. Oder drei. Was den Begriff «Vintage» als popkulturelle Kategorie ad absurdum führt. Auch diese Entwicklung wäre selbstverständlich undenkbar ohne die Beschleunigungswirkungen der sozialen Medien, die nicht nur zur Kreation neuer Stile beitragen, sondern auch beispielsweise den Handel mit Second-Hand-Kleidung oft genug vermitteln. Wir leben schliesslich im Zeitalter der Selbsterschaffung und Stilsouveränität des Einzelnen im Rahmen einer Konsumgesellschaft, in der Auswahl und Kombinationsmöglichkeiten unendlich scheinen.

Im Revival der frühen 2000er

«Ist Vintage-Kleidung vorbei?», fragte angesichts dieser Dynamisierung folgerichtig unlängst die «New York Times» und warf in diesem Zusammenhang einen besorgten Blick auf die Kardashians, die immer vorzüglich als Zeuginnen des kulturellen Niedergangs taugen. Oder wenigstens für einen besorgten Blick. Kim Kardashian West präsentiere sich in letzter Zeit vorzugsweise in «Vintage Versace» und ihre jüngere Schwester Kylie Jenner gerne in Gucci-Modellen aus den Neunzigerjahren (Guccis Tom-Ford-Ära). Doch lässt die «New York Times» nicht nur die Kardashians auftreten, sondern auch Amber Butchart, Modehistorikerin am London College of Fashion, und zwar mit der Einschätzung: «Die Mode-Industrie befindet sich definitiv im Umbruch, und ihre Zyklen werden kürzer. Früher belief sich ein Modezyklus auf 20 Jahre, aber heute können es auch nur fünf sein. Wir sehen Trends auch schon nach nur fünf Jahren zurückkehren.»

Wir befinden uns mitten im Revival der frühen 2000er. Aber was kennzeichnete eigentlich jene Epoche? Was war stilprägend? Kann sich irgendjemand erinnern? Auch hier hilft die «New York Times» uns weiter. Ich sage nur: Dior-Satteltaschen. Oder: Tiefbundjeans. Damit müssen wir jetzt fertig werden. Was mich daran erinnert: Ich muss unbedingt diesen tonnenschweren, grobmaschigen Ralph-Lauren-Pullover mit Wappen und Querstreifen wieder rausholen. Der ist zwar nicht fünf, sondern rund 30 Jahre alt, aber ich habe das Gefühl, Wappen kommen zurück. Big time. Und hier haben Sies zuerst gelesen.

4 Kommentare zu «Du schon wieder»

  • Anh Toan sagt:

    Es gibt keine Mode mehr. Anything goes.

    Ich habe jetzt wieder einen Pilzkopf und eine John Lennon Brille: Falls dies wieder kommt, werde ich es ändern müssen, oder auch nicht, wenn es mir noch gefällt.

    • LiFe sagt:

      Wie es keine Mode mehr gibt, gibt es kein Milieu….. des Questions? Lisez les journaux.

      Okay, liest sich nebulös, man war gut erzogen worden, aber wie manche Köpfe sich benehmen, so darf man zweifeln.

  • Henry sagt:

    You are remarkably modern, Mabel. A little too modern, perhaps. Nothing is so dangerous as being too modern. One is apt to grow old-fashioned quite suddenly….

  • Scout sagt:

    Hier schrieb ich mal: „Konsum ist sittlich neutral.“ Ich berührte unbewusst die Wirtschaftsethik, worüber es an der HSG im 2009 zu Verwerfungen kam. Lassen wir das. Der Kauf von Kleidungsstücken und -accessoires ist Konsum. Niklas Luhmann, der mit der geilen Brille, meinte, dass Wirtschaftsethik und Moral so unversöhnlich seien wie englische Kochkunst. Dazu Gustav Radbruch: „Die Sitte steht zum Rechte und zur Moral nicht in einem systematischen Verhältnis. Sie ist die gemeinsame Vorform, in der Recht und Moral noch unentfaltet und ungeschieden enthalten sind.“. Zur Sitte gehörte auch die Mode. Letzte Woche traf ich zufällig einen jungen Mann, der am Jacket das Wappen der „DDR“ und dazu ein grösseres Zeichen, wahrscheinlich eines Kollektivs der „DDR“, trug. Ja, die Wappen kehren zurück.

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