Sprache und Zukunft

Eine kleine Kauf-Entscheidungshilfe zum neuen Jahr

Gegen Impulskäufe hilft es, dankbar dafür zu sein, was man schon hat. Foto: iStock

Sprache hat Wirkung, meine Damen und Herren, daran glaubt nicht nur der Schriftsteller und Literaturkritiker, sondern auch der Ökonom. In den Wirtschaftswissenschaften sind die Wirkungen der Sprache unter anderem in die sogenannte Linguistic-Savings-Hypothese eingegangen. Die Hypothese besagt, dass Sprachen, die Futur und Präsens grammatisch klar unterscheiden, weniger zukunftsorientiertes Verhalten inspirieren als solche Sprachen, in denen das Präsens anstelle des Futurs gebräuchlich ist. Ein Beispiel für letzteren Fall wäre das Deutsche (aber etwa auch die skandinavischen Sprachen). Im Deutschen lässt sich schliesslich ohne weiteres das Präsens für die Zukunft verwenden, wie im Beispielsatz «Morgen gehe ich an die Bahnhofstrasse, um einzukaufen.»

Das Englische dagegen ist ein Beispiel für eine Sprache, in der man über zukünftige Ereignisse nicht im Präsenz spricht. Damit scheint die Zukunft weiter von der Gegenwart entfernt zu sein. Dies jedenfalls konstatiert die Linguistic-Savings-Hypothese: Wenn die Zukunft durch Verwendung des Futur weiter entfernt scheint, erscheint auch das Eintreten zukünftiger Ereignisse als unsicherer, womit zukunftsorientiertes Verhalten an Attraktivität einbüsst. Also wird weniger vorgesorgt, weniger investiert, weniger gespart. Und anteilsmässig entsprechend mehr konsumiert. Konsum bedient schliesslich die Neigung zur sofortigen Befriedigung irgendeines Bedürfnisses oder Verlangens (anstelle der aufgeschobenen Gratifikation). Ökonomisch spricht man von Gegenwartspräferenz.

Sträflich vernachlässigte Emotionen

Natürlich kann man diese direkte Linie von der sprachlichen Struktur und Abbildung der Wirklichkeit zur ökonomischen Entscheidung des Einzelnen kritisieren, zum Beispiel unter dem Hinweis, dass die Sprache per se immerhin ein Spiegel der jeweiligen Kultur und kulturellen Befindlichkeit sei, zu der auch die intertemporalen Präferenzen einer Gesellschaft gehörten, so dass von einer einfachen Kausalität, wie sie die Linguistic-Savings-Hypothese nahelegt, nicht die Rede sein kann. Vielmehr wäre dann die allgemein vorherrschende Ausprägung der Gegenwartspräferenz ein Zeichen der spezifischen Kultur eines bestimmten Sprachkreises.

Auch solche Kritik allerdings ändert nichts an der Wichtigkeit sogenannter weicher Faktoren gerade auch bei wirtschaftlichen Entscheidungen. Zum Beispiel: Emotionen. Psychologen wissen seit langem, dass negative Emotionen wie Ärger oder Furcht die menschliche Entscheidungsfähigkeit beeinflussen können; doch der Einfluss positiver Emotionen wie etwa Dankbarkeit wurde lange nicht gewürdigt. Sträfliche Vernachlässigung, denn in der Perspektive einer dynamischen Kosten-Nutzen-Analyse ist Dankbarkeit ein Gefühl, das den langfristigen Wert von kurzfristigen Verzichts- und Entsagungsleistungen ins Bewusstsein hebt (so bin ich dankbar für den Gefallen, den mir jemand getan hat, und fühle mich also dieser Person in Zukunft verpflichtet). Konsequenterweise sind Geduld und Selbstkontrolle mit Dankbarkeit positiv korreliert: Menschen, die sich dankbar fühlen, sind geduldiger und brauchen weniger Sofort-Gratifikationen.

Wenn Sie Ihre Impulskäufe also im neuen Jahr unter Kontrolle halten wollen, sollten Sie also besser nicht dagegen ankämpfen, irgendwas zu wollen, sondern lieber dankbar sein für das, was Sie schon haben. Was gibt es Besseres als in dieser Stimmung das neue Jahr zu beginnen! Egal in welcher Sprache.

7 Kommentare zu «Sprache und Zukunft»

  • Scout sagt:

    Der Sprachbezogenheit ist bestimmt, da sie in der Sprachkultur gründet. Wenn Sie nach allem, was ich von Ihnen, geehrtem Herrn Tingler, las, schreiben: „Konsum bedient schliesslich die Neigung zur sofortigen Befriedigung irgendeines Bedürfnisses oder Verlangens“, bin ich enttäuscht, weil Konsum viel mehr umfasst. „Neigung“ hat was – nicht aber nach Kant 🙂 . „Sofortig“, „Befriedigung“, „irgendeines“: weniger. Das lässt an Kultur missen. Sie kritisieren das aufgrund „weicher“ Faktoren. Hier verzweifle ich: Es ist doch nicht denk- und fühlbar, dass Emotionen „in der Perspektive einer dynamischen Kosten-Nutzen-Analyse“ relevant sind? Dankbarkeit ist weder aufwieg- noch verrechenbar; sie verpflichtet nicht. Die Selbstkontrolle ist hier fehl am Platz. Konsum ist sittlich neutral.

  • Moritz Vögeli sagt:

    Philipp Tingler bezieht sich hier auf «The Effect of Language on Economic Behavior: Evidence from Savings Rates, Health Behaviors, and Retirement Assets» von M. Keith Chen. Postulierte Zusammenhänge von Sprache, Denken und Verhalten diskutiert die Linguistik im Rahmen der Sapir-Whorf-Hypothese, die seit 1941 Hypothese geblieben ist. «My hypothesis can be thought of as an instance of the Sapir-Whorf-Hypothesis, and is to my knowledge, the first to connect language structure and decision making»: kein Wunder, wenn Chen’s Kenntnisse dieser Hypothese nicht einmal den Wissensstand des englischsprachigen Wikipedia-Eintrags zu Benjamin Lee Whorf, wo das Gegenteil nachzulesen ist.

  • Moritz Vögeli sagt:

    Arbeiten dieser Art basieren auf einer Negierung der funktionellen Identität von grammatischen Kategorien und periphrastischen Entsprechungen. Zahlreiche Sprachen unterscheiden Wissen aus eigener Anschauung und solchem vom Hörensagen anhand grammatikalischer Kategorien, was aber keinesfalls heisst, dass andere Sprachen dies nicht in anderer Weise ausdrücken können.

  • Anh Toàn sagt:

    Ich denke, dankbar zu sein für was ich habe. Aber noch dankbarer bin ich, für was ich nicht brauche.

  • Walter Büchi sagt:

    Da haben wir es ja gut. Das Schweizerdeutsche – zumindest das Zürichdeutsche – kennt ja überhaupt kein grammatikalisches Futur.

    • Armin Hess sagt:

      „Do weersch denn emol no dis blau Wunder erlebe.“ („Da wirst Du dann einmal noch Dein blaues Wunder erleben.“) „Im Früeherbst weer i a d’ETH go studiere go.“ (Im Frühherbst werde ich an die ETH studieren gehen.) „Morn weer i Öpfel ablese.“ (Morgen werde ich Äpfel lesen.) „Weeret ehr an Geburtstag vom Noa morn cho?“ (Werdet Ihr an den Geburtstag von Noa morgen kommen?) Das Futur gibt es im Schweizerdeutschen, zumindest in unserem Dialekt, und natürlich nebst dem Präsens als Surrogat. Auffällig am zitierten Futur ist, dass es stets mit einem Temporaladverb verbunden ist. Aber ich bin kein Sprachwissenschaftler; vielleicht habe ich einen Sprachfehler. — Eine Bemerkung zum Dialekt der Zürcher: Diese sagen – selbst im Versuch, hochdeutsch zu sprechen – „die Ärbschaft“ statt „die Érbschaft“.

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