Der permanente Ausverkauf

Und was er kostet.
Tingler

Selbstausbeutung statt Selbstbestimmung: Demonstration für die Rechte von Scheinselbstständigen in London. Foto: Simon Dawson (Bloomberg, Getty Images)

Na? Weihnachten gut überstanden? Nach Weihnachten beginnt der Ausverkauf, meine Damen und Herren. Doch irgendwie scheint der inzwischen das ganze Jahr zu herrschen. Insbesondere, was die Vermarktung des Selbst angeht. Dies jedenfalls war der Tenor eines Beitrags unlängst in der «New York Times» unter der Überschrift «We’re All in Sales Now». Es ging darum, dass die sogenannte Gig Economy die andauernde Optimierung und Kuratierung einer möglichst marktgängigen Persona erfordert. Was wiederum Ängste und Phobien züchten kann.

Als Gig Economy wird folgende Marktstruktur bezeichnet: Ein Heer von Pseudoselbstständigen hält sich mit einer losen Folge kleinerer Aufträge mehr oder weniger über Wasser. Die Deals werden vermittelt über Onlineplattformen, deren Betreiber eine Provision kassieren. Die Gig Economy ist geprägt von einem geringeren Grad an Bindung und sozialer Absicherung, begleitet von einer Rhetorik der Flexibilität und Selbstbestimmung.

Plattformen wie Airbnb verbrämen die digitale Tagelöhnerschaft und Selbstvermarktung gerne als Teil einer sogenannten Sharing Economy mit ihrem Wertekanon der «Collaborative Consumption». Bei dieser spezifischen Form des Geltungskonsums wird Wohlstand vor allem darinnen gesehen, sich in vermeintlich engen sozialen Beziehungen zu bewegen und vorhandene Güter, zum Beispiel Wohnungen oder Automobile, ressourcenschonend gemeinsam zu nutzen.

Alles ist Wettbewerb

Dass dieses ganze Sharing-Caring-Geklingel – nebst seiner geizigen und piefigen und ausbeuterischen Komponente – im Ergebnis tendenziell auf die totale Durchkommerzialisierung menschlicher Beziehungen hinausläuft, wurde bisher nur am Rande vermerkt. Dabei lässt sich die Gig Economy durchaus als ein Aspekt der Marktgängigmachung der gesamten menschlichen Existenz betrachten, in der sämtliche Abteilungen des Daseins, auch solche, deren Ergebnisse früher weitgehend als schicksalhaft betrachtet wurden, nun der Interaktionsform des Wettbewerbs unterstehen: Bildung, Gesundheit, Beziehungsstatus, Reproduktion.

Die Gig Economy sorgt ausserdem dafür, dass sehr viele Leute sehr viel Zeit verbringen mit dem, was man als unbezahlte Mikro-Arbeiten der digitalen Spätmoderne bezeichnen könnte: tweeten, liken, kommentieren, bewerten. Sowie natürlich mit der virtuellen Repräsentation der eigenen Existenz als quasi halbfiktionale, attraktivere Version des eigenen Selbst in der vagen Hoffnung, dass die Entwicklung einer «personal brand story» helfe, sich selbst als Marke zu etablieren, dies wiederum in der noch vageren Hoffnung auf zukünftigen Cash Flow IRL (= in real life).

Illusion von Autonomie

Die kategorische Maxime der absoluten Selbstaktualisierung in allem, was man tut, drückt sich abreisskalendermässig gerne in Parolen aus wie «folge deiner Leidenschaft» oder «tu das, was dich glücklich macht» oder «lebe deinen Traum». Egozentrik, Nervosität, Optimierungsfixierung und Transzendenzverlust sind mögliche private Kosten dieser Doktrin. Soziale Kosten können darin bestehen, dass dem Einzelnen eine Handlungsmacht vorgegaukelt wird, die er angesichts struktureller Ungleichheiten womöglich gar nicht besitzt.

Freiheit ist was Wunderbares, und der Markt kann sie fördern. Die blosse Illusion von Autonomie ist was ganz anderes und führt nicht dazu, dass Menschen sich emanzipieren in dem Sinne, dass sie zu Autoren ihrer Lebensumstände werden, wie das die Philosophin Rahel Jaeggi ausdrücken würde.

7 Kommentare zu «Der permanente Ausverkauf»

  • Martin Thalmann sagt:

    Die Monetarisierung aller menschlicher Regungen ist im Gange: Und die meisten geben noch mit Freude ihr letztes Hemd (Daten). Darum digitale Abstinenz wo immer möglich. Echte Freunde und sozialer Austausch – ohne ständig erreichbar sein zu wollen. Oder wie es „Schöffel“ richtig sagt: Ich bin raus.

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