Mode und Manieren

Was neuerdings geht. Und was nicht.

Und wer ist sonst noch eingeladen? Kann man fragen. Foto: Andres Chaparro (Pexels)

Neulich hörte ich einen Sprecher auf Radio BBC 1, meine Damen und Herren, der sich darüber wunderte, dass ihm flüchtigere Bekanntschaften bereits jetzt schon mal frohe Weihnachten wünschen. Falls man sich nicht mehr sieht. Frohe Weihnachten Anfang Oktober. Das gabs früher nicht. Stimmt. Auch Manieren sind Teil des Zeitflusses und Teil des Zustands und der Erkenntnis der Welt in der Zeit. Etwas weniger philosophisch lässt sich das wie folgt ausdrücken: Auch Manieren sind der Mode unterworfen, beweglich.

Zum Beispiel ist es nicht mehr schick bzw. manierlich, überall eine Flasche Wasser mit sich herumzutragen, schon gar nicht eine Plastikflasche. Auch die Meditation, bis vor kurzem noch Zeichen dematerialistischer Weltverbesserung, gerät zusehends in den Ruch der Unmanierlichkeit, je stärker nämlich die Diskussion darüber wird, ob Meditation tatsächlich die Ego-Überwindung befördere – oder nicht vielmehr der Ich-Fokussierung Vorschub leiste. Verwirrend? Keine Sorge. Hier kommt zu Ihrer Orientierung ein Manieren-Update in fünf Punkten: 

  1. Einladungen, die Sie im Rahmen der umgreifenden sozialen Beschleunigung jetzt bereits für gesellschaftliche Anlässe erhalten, die mehr als ein halbes Jahr in der Zukunft liegen, können Sie unter Verweis auf die allgemeine Lebensunsicherheit getrost erst mal unbestätigt lassen. (Vergessen Sie aber nicht, in angemessener Frist zu reagieren.)

  2. Es ist nicht mehr unmanierlich, sich beim Gastgeber zu erkundigen, wer sonst noch eingeladen ist.

  3. Wenn Sie zwei Menschen gesellschaftlich bekannt machen, empfiehlt es sich stets, auf gemeinsame Vorlieben hinzuweisen, um den Small Talk zu erleichtern. Der Hinweis auf geteilte Ernährungsvorlieben ist hier zwar zulässig, sollte aber nur das letzte Mittel sein. Grenzwertig ist hingegen der Hinweis auf geteilte Apps oder gemeinsame Youtube-Vorlieben wie gattungsübergreifende Tierfreundschaften.

  4. Es bleibt, obschon mehr und mehr praktiziert, prinzipiell unhöflich, den privaten Raum in den öffentlichen auszudehnen, also jene Regeln, nach denen man zu Hause lebt, in der Öffentlichkeit einzufordern, was sich regelmässig im Verlangen nach irgendwelchen Totalverboten Ausdruck verschafft.

  5. Es entspricht nicht mehr gängigen Rollenvorstellungen und Umgangsformen, wenn Frauen von Männern automatisch folgende Kenntnisse und Fertigkeiten erwarten:

      a) Grillieren
      b) Fahren mit Gangschaltung
      c) Reifenwechsel
      d) Umgang mit einer Bohrmaschine
      e) Umgang mit einem Rasenmäher