Bitte kräftig drücken

Blogmag_Hug

Vor zwei Tagen, liebes Publikum, haben wir an dieser Stelle vom Phänomen der grassierenden«Cuteness» gesprochen und der dazugehörige Artikel in «Vanity Fair» enthielt unter anderem auch folgende Passage: «Similarly, social hugging among teenagers has become so widespread that, as The New York Times reported earlier this year, some principals have banned it from high-school hallways.» So, so. Social Hugging. Die gesellschaftliche Umarmung. Waren Sie auch schon betroffen? Mir passiert das dauernd. Ich bin irgendwo, sagen wir auf einem Stehempfang zugunsten der Nana-Forrest-Foundation, und dann kommt irgendein Mensch auf mich zu, der eventuell zu meinem entfernteren Bekanntenkreis gehört (dazu wiederum gehört nicht viel). «Was für eine Überraschung!», ruft der Mensch unsinnigerweise, indem er mich heftig umarmt, «wir haben uns solange nicht mehr gesehen, mein Gott, wie geht es Dir?» «Gut», erwidere ich, sofern ich unter der Umarmung zu sprechen vermag, wobei ich das «u» etwa sechs Sekunden in die Länge ziehe, denn solange brauche ich, um mich zu erinnern, wer die Person überhaupt ist.

Love Bombing

Diese Art, flüchtige gesellschaftliche Bekanntschaften in einer Weise zu begrüssen wie den einzigen Sohn, der gerade aus einem Krisengebiet zurückgekehrt ist, stellt eine Unsitte dar, die sich immer mehr ausbreitet in Mitteleuropa, wo Überschwänglichkeit bisher nicht gerade unter den sozialen Tugenden fungierte und man sich (jenseits von Frankreich) eigentlich gerade erst an den sogenannten Air Kiss gewöhnt hat. Eine alarmierende neue Form sozialer Gewalt fegt über uns hinweg, meine Damen und Herren, eine Art von brutalem gesellschaftlichen Enthusiasmus, der seine Opfer geherzt und gedrückt und plattgeschmeichelt zurücklässt. Der gesellschaftlich durchschnittlich aktive Durchschnittsmensch hat sich heutzutage jederzeit und überall gegen solche Attacken zu wappnen: an der Tramstation, in der Pestalozzi-Bibliothek, sogar vor dem Hantelregal oder an der Preisabschlagsecke in der Migros kann es einem passieren, dass irgendjemand mit weit geöffneten Armen auf einen zusegelt und ruft: «Nein, so was! Wie geht es dir?» Es handelt sich hier um das Gegenstück zu der nicht weniger weit verbreiteten Unsitte, Bekanntschaften in Gesellschaft einfach zu ignorieren. Dieses letztere Fehlverhalten wird in der angelsächsischen Welt als «Blanking» bezeichnet, und da die angelsächsische Gesellschaft der unsrigen in der Erkennung und Benennung sozialer Phänomene immer ein Schrittchen voraus ist, hat sie auch einen Namen für Leute, die einem auf gesellschaftlichen Anlässen andauernd um den Hals fallen, bis zur Asphyxie, womöglich noch begleitet von knallenden Küssen: Love Bomber.

Unter Love Bombing fällt auch: «Du siehst fabelhaft aus!» Das hört man neuerdings durchschnittlich ungefähr 128 Mal am Tag (wenn man in der Modebranche arbeitet: 573 Mal, wenn man Automechaniker oder Astrophysiker ist: etwas weniger). Denn «Du siehst fabelhaft aus!» ist die neue Form der Begrüssung. Varianten davon lauten «Du bist schon wieder dünner geworden!» oder «Hübsche Schuhe!» Derartige Feststellungen werden nicht etwa an eine Grussformel angehängt, sondern statt derselben verwendet, d. h. sie selbst sind der Gruss – ggf. personalisiert durch einen angefügten Vornamen («Eddie! Du siehst fabelhaft aus!»). Jene Art der Begrüssung stammt aus dem Amerikanischen. Dort lautet sie: «You look fabulous!» bzw. bei (heterosexuellen) Sprechern unter 45: «You look awesome.» Diese Grussformel ist eine Weiterentwicklung von «How are you?», und während «Wie geht es dir?» formell noch eine Frage darstellt und theoretisch eine Antwort erwartet, ist «Du siehst fabelhaft aus!» eine schlichte Feststellung (nicht etwa ein Wunsch wie «Guten Tag!»), ja, mehr als das, es ist eine Versicherung: Am Anfang des sozialen Austausches versichern sich die Betreffenden, zum Beispiel die Real Housewives of Orange County, gegenseitig, dass all ihre Aufwendungen und Anstrengungen mit Bezug auf die äussere Erscheinung nicht vergebens waren, sondern die gewünschte Anerkennung finden.

Auf «Du siehst fabelhaft aus!» zur Begrüssung mit einem schlichten «Danke!» zu antworten, gilt als unhöflich. Vielmehr wird ein reziprokes Kompliment erwartet, damit in Gesellschaft niemand ungewürdigt bleibt. Die Begrüssung durch wechselseitige Nettigkeiten, deren eigentliche Bedeutung durch den ständigen Gebrauch allmählich verloren geht, ist ein perfektes Beispiel für die allgemeine gesellschaftliche Versüsslichung der Umgangsform. Cuteness also. Schon wieder. Und womit hängt das alles zusammen? Woran liegt das? Natürlich geben verbitterte Kulturpessimisten wieder den Amerikanern und ihrer Leitkultur die Schuld, aber so einfach ist die Sache ja nie. Allerdings ist es richtig, dass unsere amerikanischen Freunde und Verbündeten sämtliche Medaillen gewinnen würden, wenn das Love Bombing eines Tages olympische Disziplin werden sollte. Vor allem die Einwohner Südkaliforniens praktizieren diese Umgangform mit einer Routine, die dazu geführt hat, dass sie selbst inzwischen quasi immun dagegen geworden sind.

Wie konnten wir nur alle so furchtbar oberflächlich werden?

Doch wenn man Love Bombing mit Herz betreibt und es quasi zum lokalen Brauchtum gehört, wie bei den Einwohnern von Beverly Hills, dann ist es ja auch nicht peinlich. Aber was ist in Mitteleuropa passiert? Wieso kommt es in unseren Breitengraden neuerdings dauernd zu Love-Bombing-Attacken, der gesellschaftlichen Variante von Friendly Fire? Das hängt mit der Umwertung des Freundschafts- und Bezogenheitskonzepts überhaupt zusammen. Wir leben in einer Gesellschaft, die Quantität über Qualität setzt und auch im Grunde nur qualitativ messbare Phänomene wie «Bekanntschaft» oder «Freundschaft» quantitativ begreift: so wie offenbar immer mehr Menschen den Hauptwert ihres Lebens in seiner prospektiven Länge sehen, so sehen sie den Hauptwert ihrer Freundschaften in deren vermeintlicher Anzahl. Das Verhältnis selbst wird tendenziell verstanden als Transaktionsverhältnis mit möglichst grossem prospektiven Nutzen. In einer ökonomisierten Welt sind Freunde soziales Kapital. Die Investitionsneigung mancher Leute kennt dabei keine Grenzen. Im Zeitalter der «New Social Rich», also jener Gesellschaftsschicht, die sich, meilenweit weg von irgendwelchen Krisen, durch neuen, immer jüngeren Reichtum und phänomenale Aufsteigerkarrieren auszeichnet, sind sogenannte Social Stalker, d. h. Pseudo-Freunde, die die Reichen und Erfolgreichen in unverhüllter Parasiten-Manier umlagern, längst zum Statussymbol geworden. Die Gesellschaft unserer Tage ist reich an Charakteren, die ihren sozialen Stellenwert vor allem aus ihrem Status als Freund ableiten. Auch die Zunahme an Instant-, Pseudo- und 15-Minuten-Berühmtheiten trägt das Ihre dazu bei, dass der vermeintliche Umgangston des Showgeschäfts in die allgemeinen Manieren diffundiert und wir uns alle nun ständig begrüssen wie auf dem Roten Teppich bei den Golden Globes. Ausserdem gebiert unsere hoch differenzierte Dienstleistungsgesellschaft immer mehr Serviceleistungen im unmittelbaren Umfeld des vermögenden Konsumenten. Berufsbilder wie «Haustiertrainer», «Einkaufsassistent» oder «Autopfleger» sind längst nicht mehr exotisch – aber dies bedeutet auch, dass mehr und mehr Leute nicht zuletzt fürs Liebesbomben bezahlt werden, denn die moderne Kundenpflege impliziert, als Teil des Service, auch eine gewisse Überschwänglichkeit, wie man sie bisher vor allem aus klassischen Love-Bombing-Dienstleistungen kannte: Stylisten, Make-up-Artisten, Verkäufer und Friseure waren in dieser Form des Umgangs schon immer (mehr oder weniger) virtuos. (Wenn sie gut sind.)

Ganz allgemein ist Love Bombing das Symptom eines Verbindlichkeitsverlustes, der auch durch die steigende Frequenz und Möglichkeit virtueller Begegnungen forciert wird. Seit Facebook sind «Freunde» virtuelle Profile, die man editiert, während man bei American Express in der Warteschleife steckt. Die sozialen Kosten der Annahme oder Ablehnung solcher Freundschaften sind gleich null. Man riskiert auch nichts, wenn man einem virtuellen Profil schreibt, dass es grossartig aussehe. Man kann ja nicht mal sicher sein, dass die Person überhaupt existiert. Und es ist auch egal. Verbindlichkeiten gibt’s hier nicht, und so was fördert nicht nur, wie oft beklagt, die Ruppig-, sondern eben auch die Überschwänglichkeit. Hört sich zunächst gar nicht mal schlecht an, aber der Nachteil ist: Wer 2,143 Facebook-Freunde hat, hat eigentlich: gar keine. Yes, I know, das haben Sie alles schon gehört, und ich klinge wieder wie Abe Simpson, wenn er auf seiner alten Schreibmaschine Beschwerdebriefe ans Fernsehen tippt. Und in der Tat ist mir eine gewisse Überschwänglichkeit grundsätzlich lieber als mitteleuropäische Misseligkeit. Und in der Tat finde ich es bedauerlich, dass viele Leute in Mitteleuropa oft nicht mit Komplimenten umgehen können. Und in der Tat umarme ich manchmal ganz gerne Leute. Zum Beispiel René Schudel.

Im Bild oben: Jensen Ackles und Jared Padalecki in der Serie «Supernatural». (Foto: Warner)