Zensur als Gratiswerbung

Reklame wird irrelevant, wenn die Konsumzirkel geschlossen sind. Montage: Laura Kaufmann

Überall war die Rede von «The Death of Stalin», meine Damen und Herren, und ich muss Ihnen sagen: Mir sind andere Schöpfungen des Regisseurs und Autors Armando Iannucci wesentlich lieber als dieser Film. Die BBC-Serie «The Thick of It» zum Beispiel, die Iannucci in der Nachfolge von «Yes, Minister» zum eigentlichen Erfinder des Genre «Politische Sitcom» gemacht hat. Eine Gattung, die er für den amerikanischen Markt perfektionierte mit «Veep», mit der gloriosen Julia Louis-Dreyfus in der Hauptrolle, inzwischen von der Wirklichkeit eingeholt, sagen manche. 

Nun hat sich Armando Iannucci kürzlich in der «New York Times» geäussert zum Verbot seines Stalin-Films in Russland (Begründung des russischen Kulturministers: Der Film sei Teil einer westlichen Verschwörung, um Russland zu destabilisieren). Iannucci schrieb, dass viele Menschen innerhalb und ausserhalb der Filmindustrie ihm nach dem Verbot gratuliert hätten, schliesslich sei das super Reklame, und dann noch gratis.

Und in der Tat handelt es sich ja dem Prinzip nach um einen uralten Effekt, der nichtsdestoweniger auch unsere spätmoderne Konsumkultur und gerade den Medienkonsum auszeichnet: Zwar gibt es kein Verlangen ohne Verführung; oftmals jedoch haben gerade die wirkmächtigsten Verführer, hier der russische Kulturminister, gar nicht das Ziel, zu verführen, im Gegenteil.

«Wundervoll ironisch»

Auf die Gratulationen aber erwiderte Iannucci: Erstens sei der Film verboten, Reklame also unerheblich, und zweitens (und wichtiger für ihn) handle es sich eben um Zensur: «Dass ein Film verboten wird, der Repression zum Gegenstand der Komödie macht, ist wundervoll ironisch, kann mich aber trotzdem nicht begeistern.» Vor dem Hintergrund dieses Akts der Konsumkontrolle bzw. Zensur kritisierte Iannucci den Rückzug in hermetische Rückkopplungsmilieus als Zeichen der Kultur unserer Zeit.

Reklame, gratis oder nicht, wird eben irrelevant, wenn die Konsumzirkel geschlossen sind. Und die Zirkel sind geschlossen, konstatierte Iannucci, wenn Argumente nicht mehr in Debatten getestet werden, sondern stattdessen nach Redeverboten oder «No-platforming» verlangt werde.

Wenn Emotionen wichtiger sind als Argumente

In der Tat: Etliche Leute rufen heute nach Redeverboten, nicht nur der russische Kulturminister. Und: Immer öfter werden Meinungen oder Gefühle statt Argumente geliefert. «Ich fühle mich verletzt», erscheint als der ultimative Beweisgrund für die schiere Unmöglichkeit eines antagonistischen Standpunkts. Durch die Akzeptanz dieses Statements aber wird auch sein Urheber bzw. seine Urheberin infantilisiert und als Diskurspartner nicht ernst genommen. Denn dieser Person wird dann nicht mehr zugetraut, von den eigenen Befindlichkeiten zu abstrahieren, wie das jeder Erwachsene können sollte.

Die Debatte ist tot, sobald zum höchsten Ziel deklariert wird, jedes Risiko auszuschliessen, möglicherweise jemanden vor den Kopf zu stossen. In den Worten von Armando Iannucci: «Wenn unsere Überzeugungen stark sind, sollten sie sowohl einen Scherz wie ein Gegenargument vertragen.»

10 Kommentare zu «Zensur als Gratiswerbung»

  • Fredy sagt:

    Film gesehen und in der Glace-Pause das Kino verlassen. Selten dämlich und im Kontext der stalinistischen Verbrechen kaum erträglich. Also den Film muss man nicht zensurieren, der erledigt sich von selbst.

Kommentar

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